Carnival of Souls

von saskia693
GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
02.12.2018
06.12.2018
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Anm.: Es gibt bzgl. der "Adventsstorys" eine Änderung. Ich werde jetzt diese Story (CoS) als "Weihnachtsstory" verwenden und (hoffentlich, wenn nichts dazwischen kommt) am Heiligabend fertigstellen :) Daher bekommt ihr heute Part II und dem nächst dann III - ihr wisst ja wie das läuft :) Gibt mir auch etwas mehr Platz für Charakter und Plot - wie gesagt: Da kommt der Romanautor durch ^^

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Azrael stampfte ihm voraus. Bennet folgte ihm zögerlich, hielt den Stoff möglichst vor seinem Körper zusammen, um nicht nackt durch die Korridore zu laufen. Er hatte Fragen. Aber für keine von ihnen fand er die richtigen Worte. Nie war er davon ausgegangen, dass es so schwer war, Gedanken zu formulieren. Es lag nicht in seiner Natur, zu schweigen oder seine Meinung für sich zu behalten. Die Einsicht, dass er diesen Wesen nichts entgegen zu setzen hatte, rückte seine Person in ein anderes Licht. Er konnte sich in seinem Zustand nicht auf einen Faustkampf mit jemanden einlassen. Sein Körper war müde, fühlte sich teilweise sogar so an, als würde er sterben. Drei Tage ohne Nahrung, bewusstlos in einem Kerker zu verbringen, war nicht der Frischekick für das Immunsystem. So hätte er noch nicht einmal eine Chance gegen einen Menschen gehabt, geschweige denn gegen einen Dämon.
Anstatt in den Keller geführt zu werden, folgte er Azrael hinauf in einen anderen Korridor, der zum Westflügel des Schlosses führte. Es musste sein Teil sein. Die farbigen Banner, die im Abstand zu fünf Metern an den dicken, dunklen Balken an der Wand hinunterhingen, wiesen ein dunkles Violett auf und zeigten dasselbe Wappen, das sich auf dem Rücken des Lederwams befand. Jetzt erkannte Bennet, dass es ein dreiköpfiger Hund war. Cerberus. Der Höllenhund. Scheinbar eine Anspielung auf Azraels Posten und Funktion innerhalb dieses Königreichs. Ein Wächter.
„Ist das ... hier die Hölle?“ Seine Zunge klebte an seinem Gaumen. Und, egal wie oft er sich räusperte, seine Stimme verlor den kränklich rauen Ton nicht. Noch ein Grund mehr, warum er nicht sprechen wollte, es aber musste, wenn er sich wenigstens ein bisschen orientieren wollte. Wobei: Was hieß schon orientieren? An einem Ort, den es nicht geben sollte, mit Kreaturen, die nicht existierten – wie konnte er da von Zurechtfinden reden?
„Nenn es, wie du willst“, folgte die nüchterne Antwort.
„Ja oder nein?“
„Nein.“
Bennet blieb stehen und starrte auf seinen Rücken. „Was ist es dann?“
„Ein Spiegel deiner beschissenen Welt. Und jetzt beweg deinen Arsch!“, zischte er gefährlich und Bennet sah zu, dass er zu ihm aufschloss.
Ein Spiegel seiner Welt? Hieß das, dass… „Werde ich meinem Doppelgänger begegnen?“
„Nicht so ein Spiegel.“
Er zog die Augenbrauen zusammen. „Nur … weltlich?“
„Hm.“ Azrael stieß eine beliebige Tür auf und führte ihn in eine kleine Kammer, die wenigstens über ein Bett verfügte. Auf einer kleinen, dunklen Kommode sah er antike Waschutensilien: Einen Krug für Wasser, einen schlichten Lappen und eine Schale, neben der ein Stück Kernseife lag. Es war warm. Das Feuer im Kamin knisterte leise vor sich hin, als wäre der Raum für ihn vorbereitet worden. Trotz der angenehmen Temperatur fror er weiterhin. Auf eine Weise, die er nicht erklären konnte. Es war nicht körperlich, eher seelisch. Er deutete aufs Bett. „Wasch dich, zieh dich an. Ein Kämmerer wird dich später zu meinem Gemach geleiten.“
„Was heißt das für mich?“ Scheiße. Er ahnte, was es für ihn bedeutete. Still sein, die Beine breitmachen und sein Schicksal mit offenen Armen empfangen? Es akzeptieren und mit seinem alten Leben abschließen? Dazu war er nicht bereit!
„Zieh dich an.“ Azrael machte auf den Hacken kehrt und verließ das kleine Zimmer. Bennet blieb allein zurück, zuckte aufgrund des scheppernden Zufallens der Tür zusammen. Verlassen stand er da, sah sich um. Auf dem Bett lagen ein paar Kleidungsstücke. Dunkles Lila und Schwarz hoben sich von der roten, gar königlichen Bettwäsche ab.
Er ließ den Stoff los und das schlampige Gewand rutschte ihm von den Schultern, sammelte sich am Boden um seine Füße. Mit einem Seufzen stieg er drüber hinweg und kippte Wasser in die Schale. Der Krug war unglaublich schwer und er musste beide Hände zur Hilfe nehmen, damit das Gefäß nicht aus seinen Fingern rutschte. Das letzte Mal hatte er sich so schwach und zittrig gefühlt, als er mit einer heftigen Grippe zwei Wochen im Bett gelegen hatte. Mit Fieber, Husten und dem ganzen Paket Sterben. Jetzt damit allein zu sein, ohne Zugang zur modernen Medizin, verpasste ihm gleich einen weiteren Schlag in den Nacken, denn er fürchtete, sich in einem Spiegel der Zeit zu befinden, der man noch an einer kleinen Infektion versterben konnte. Vielleicht brauchte er sich um nichts weiter zu sorgen. Es würde ihn einfach dahinraffen und das Problem war damit von allein gelöst?
Das Wasser war lauwarm, als er seine Hand hineinsteckte, um die Seife zu befeuchten. Sofort färbte sich die Flüssigkeit bräunlich. Mühselig säuberte er seine Haut von dem kalten Schweiß und Dreck der letzten Tage. Zog mit spitzen Fingern kleine Steinchen aus den aufgeschürften Knien und zischte, als er das Blut wegwischte. Er nahm sich seine Zeit und genoss das Gefühl, dass die Sauberkeit auf ihm hinterließ. Jedes Mal, wenn er aus einem ekligen Haushalt kam oder von einem langen Arbeitstag, war es so unglaublich wunderbar, die Dusche aufzudrehen und sich unter den heißen Strahl zu stellen. Das hier war nur ein Hauch dessen, was ihm die Nasszelle gab, aber es reichte für ein besseres Gefühl. Die Kleidung, die er letztlich überstreifte, war angenehm weich auf seiner Haut. Das schwarze Hemd verdreckte seinen Hintern, reichte bis auf die Oberschenkel und fühlte sich eher wie Wolle an. Er streifte die weite, einfache Unterwäsche über und schlüpfte in die dicke Stoffhose, drapierte das Hemd darüber und zog die lederne, violette Weste über. Auf ihr prangte das Wappen des Dämons, dessen Sklave er werden würde. Für einen Moment gab es ihm das Gefühl von Leibeigenschaft. Ein Brandmal, nur nicht auf seiner Haut. Ein Zeichen, wem er ab heute gehörte. Er zögerte und spielte für einen Augenblick mit der Idee, sie wieder auszuziehen, als es an seiner Tür klopfte.
„Ja?“
Das massive Holz wurde nach Innen aufgeschoben und ein junger Mann in einfacher brauner Kleidung kam mit einem Paar schwarzer Lederstiefel zu ihm. Den Blick und Kopf gesenkt, blieb er vor ihm stehen. „Der Herr schickt mich.“ Er streckte die Stiefel zu ihm hin. Bennet runzelte die Stirn, nahm das Schuhwerk aber an sich. „Ich soll Euch zu ihm geleiten.“
„Ich … denke.“ Wie verhielt er sich einem Diener gegenüber? Stand er nicht auf derselben Stufe mit ihm? Bennet steifte die Stiefel über die Füße. Auch, wenn sie nackt waren, fühlte sich das Material wunderbar an. Dabei gehörte er zu der Sorte Mensch, die Schuhe nie ohne Socken tragen konnten. Jetzt hingegen war es ihm gleich. Hauptsache, er musste den kalten Boden nicht mehr spüren.
„Dann folget mir.“
Mit gehobenen Brauen lief er dem jungen Mann hinterher, dessen Gesicht er noch nicht gesehen hatte. Es war schwer jemandem in die Augen zu sehen, der den Kopf so derartig gesenkt hielt, dass das Kinn an der Brust ruhte. Ihr Weg führte sie den Korridor hinunter, hin zu einer eisernen Treppe, die in den nächsten Stock führte. Bennet sah sich um. Niemand war hinter ihnen. Der breite Flur lag verlassen dar. Keine Seele stand Wache. Dieser Abschnitt fühlte sich nicht nur unbewohnt, sondern auch tot an.
Die Stufen zitterten unter ihrem Gewicht, als sie hinaufstiegen. Der junge Kämmerer öffnete die massive Tür und presste sich an das Holz, als er mit einer Geste ins Innere der Räumlichkeiten deutete. „Der Herr erwartet Euch.“
„Danke.“
Der Kopf des Jungen ruckte abrupt nach oben und kristallklare blaue Augen sahen ihn voller Verwunderung an. „Herr?“
„Das… Wurde dir noch nie gedankt?“, hakte er verwirrt nach, doch bevor er eine Antwort bekommen konnte, huschte der Diener die Treppe hinunter und verschwand wortlos. Bennet blieb stehen und sah durch die Streben hindurch zum unter ihm liegenden Korridor. Das war kein neues Stockwerk, in dem er sich befand. Azraels Gemächer lagen in einem außerhalb des Hautgebäudes liegenden Anbau. Einer Art Turm, wie Bennet vermutete. Er betrat den vergleichbar schmalen Flur und schloss die Tür hinter sich.
Es roch nach verbranntem Sandelholz und Kiefer. Das musste der Grund sein, warum Azrael stets von einem Hauch Holzgeruch umgeben war. Langsam trat er tiefer in die Räumlichkeiten ein. Der schwere Duft von Wein stieg in seine Nase, als er sich der offenstehenden Tür am Ende des Flurs näherte, mischte sich mit dem von gebratenen Kaninchen, Karotten und Salbei. Im Rahmen blieb er stehen und sah den anderen am Kamin an einem Tisch sitzen, der Platz für vier bot. Ein Mahl, wie das was seine Mutter zu Weihnachten auffuhr, nahm die ganze Platte ein, zwei Kelche standen hinter den leeren Gedecken.
„Setz dich.“ Azrael sah nicht von dem Schriftstück auf, das er in den Händen hielt, sondern deutete auf den freien Platz am anderen Ende der Tafel.
Er näherte sich, zog den Stuhl hervor und ließ sich auf die ledernen Polster sinken. Auf dem Kamin lagen räuchernde Holzstückchen in einem eisernen Schälchen, verbreiteten den angenehmen Geruch im gesamten Raum. Regale erstreckten sich über die Zimmerwände, gefüllt mit Büchern verschiedener Dicke, eingebunden in braunes oder grünes Leder mit goldenen Akzenten auf dem Rücken. Über seinem Kopf schwebte ein Kronleuchter aus Geweihen. Die Kerzen darauf waren aus.
Das Rascheln von Papier ließ seine Aufmerksamkeit zu Azrael zurückkehren. Er langte über den Tisch, goss Bennet Wein in den Kelch. Er brauchte nicht probieren, um zu wissen, dass es Honigwein war. Das süße Aroma, vermischt mit dem von fruchtigen Kirschen… Herrlich. Wer hätte gedacht, dass die Hölle solche Vorzüge besaß?
„Angesichts der gegenwärtigen Situation, in der wir uns befinden, möchte ich dir ein Angebot machen.“ Azrael trennte die Beine des Hasenbratens und platzierte sie auf Bennets Teller, häufte Kartoffeln daneben, bevor er sich zurückfallen ließ und selbst nach dem Krug griff, der neben seinem leeren Gedeck stand.
„Das da wäre?“, hakte er vorsichtig nach und nippte an dem Wein. Kaum berührte die Flüssigkeit seine Zunge, stürzte er den Inhalt des Kelchs ins einem Zug hinunter. Ganz gleich, wie betrunken er enden könnte.
„Alles, was ich will, ist meine Seele zurück in meinem Körper. Du willst zurück nach Hause – auch, wenn mir schleierhaft ist, warum.“ Er trank einen großen Schluck und Bennet sah ihn abwartend an. „Mir könnte nichts fernerliegen, als mich um jemanden zu kümmern.“
„Lebst du deswegen allein und von allen abgeschieden?“ Bennet pulte etwas Fleisch von den Knochen, schob es sich in den Mund. Alles wahllos und gierig in sich hineinstopfen war vielleicht nicht die beste Idee. Das glückliche Seufzen, das über seine Lippen kam, als er zu kauen begann, konnte er aber nicht zurückhalten. Es hätten ungewürzte und rohe Kartoffeln sein können, und er wär trotzdem dankbar gewesen.
„Ich bin nicht das, was man … sagen wir, angenehme Gesellschaft nennt.“
„Weil dir die Seele fehlt?“
Azrael begann den Krug vor sich zu drehen und legte den Kopf leicht zur Seite. Der orange Schein illuminierte das Profil des anderen auf gespenstisch schöne Weise. Der Kontrast zwischen dem warmen Licht und den von ihm gezeugten dunklen Schatten auf der anderen Seite hatte etwas, das auf bizarre Art zu ihm passte. Irgendwas hatte der Dämon vor ihm an sich, dass ihn zwar einschüchterte, aber auch faszinierte. War es die Tatsache, dass es eine dunkle Kreatur in menschlicher Form war? Oder, dass er langsam vollkommen begriff, wo er sich befand? Bennet konnte es nicht genau in Worte fassen. Den Finger auf ein spezifisches Teil zu legen, wenn die Eindrücke so überwältigend waren, war kompliziert.
„Ich bin keine angenehme Gesellschaft.“ Der kühle Ton in seiner Stimme jagte Bennet einen Schauer über den Rücken. Wieder die Art, von der er nicht sagen konnte, ob es angenehm oder widerwärtig war.
„Warum?“
„Ich bin nicht fähig die Atmosphäre zu lesen. Das macht es besonders in gehobenen Kreisen unserer Gesellschaft schwierig. Dir ist Sarkasmus geläufig, nehme ich an?“ Bennet nickte. Er selbst neigte dazu, zu oft sogar ins Zynische zu verfallen, wenn die Umstände es von ihm verlangten. „Ich verstehe ihn nicht. Oft wird mir hinterher erklärt, dass ich zu ernst auf die eine oder andere Äußerung reagiert hätte. Wichtig ist nur, dass meine Offiziere meinem Wort Folge leisten. Alles andere ist unnötig.“
Bennet leckte sich den Daumen ab und füllte seinen Kelch nach. Irgendetwas sagte ihm, dass Azrael damit nicht zufrieden war. Er litt, anderes als bei einer Krankheit. Es erinnerte ihn merkwürdigerweise an seinen Großvater, der leider seit einigen Jahren verstorben war. Ihm war der Arm wegen Krebs amputiert worden und in seinen Augen lag damals derselbe Ausdruck von Vermissen, den er auch jetzt in Azraels lesen konnte. „Für dich aber nicht?“
„Nein.“
„Warum willst du sie wieder?“
„Weil ich das Loch in meinem Inneren nicht länger ertrage. Ich fühle es nicht, aber ich weiß, dass es da ist. Daran erinnert zu werden, was andere haben und ich nicht, sobald ich den Thronsaal betrete. Diese kriechende Idee macht mich zunehmend wahnsinnig.“
„Warum hast du sie verloren?“
„Mein Vater“, begann er und erhob sich, warf das Schriftstück, das er gerade gelesen hatte, in die Flammen im Kamin. Das Papier ging in einem hellen Schein auf und verfiel binnen Sekunden zur Asche. Zwei Scheite fanden den Weg ins Feuer, dann ging er zum Fenster, riss die metallenen Rahmen auf und ließ die kühle, salzige Brise ins Zimmer. „Ich bin sein jüngster Sohn, er hatte Erwartungen in mich. Die ich alle nicht erfüllte, weil ich zu weich war. Er brauchte einen Krieger, einen Soldaten, kein Waschweib mit Eiern. Es hat Jahrhunderte gedauert, einen Weg voller Leichen und Krüppel, bis ich lernte, von anderen zu kopieren. Inzwischen ist mein moralischer Kompass wieder einigermaßen geeicht. Ohne Seele, hat man keinen Sinn für Gerechtigkeit, Falsch oder Richtig. Es ging ihm in erster Linie darum, jemanden zu haben, der stumpf und zielgerichtet Befehle befolgt. Ich war dahingehend nie der Sohn, den er sich gewünscht hatte.“ Obwohl die Worte Bedauern ausdrückten, war es nicht in der Stimme hörbar. Der Ton blieb kalt, distanziert und gefühllos. Bennet glaubte, zu verstehen, was er meinte. Die Menschlichkeit fehlte. „Ich empfinde nichts. Außer Wut und Neid. Aber ich erinnere mich daran, wie es gewesen sein kann – ich will zurück, was mir gehört.“
„Und dazu brauchst du mich?“
„Devas hatte sich nicht klarausgedrückt, was er von mir verlangt. Wäre es bloß deine Anwesenheit gewesen…“
„Was hast du jetzt vor?“ Er nippte am Wein und Azrael schenkte ihm einen kurzen Blick, bevor er sich auf den Fenstersims setzte und die Arme vor der breiten Brust verschränkte.
„Wie gut ist dein Schauspiel, Bennet?“
„Ha, lässt zu wünschen übrig.“
„Devas kann durch die Lügen von Menschen sehen, als stünde er vor Glas. Ich will dich hier nicht. Ich habe auch keine Verwendung für dich. Aber ich will meine Seele zurück. Du willst zurück in deine Welt.“
„Das klingt nach einem Deal“, meinte er.
„Mein Bruder hat recht, wenn er sagt, dass ich nicht erwarten kann, Liebe in jemanden zu wecken, wenn ich nicht in der Lage bin, es für mich oder eine andere Person zu empfinden. Aber ich kann dir anbieten, dich zurückzubringen, sobald wir ihn überzeugt haben.“
„Wird es nicht auffallen, dass ich von heute auf morgen Hals über Kopf für den Dämonenprinz falle?“, fragte er skeptisch und sah über den Kelchrand zu ihm.
„Wir haben bis zum Heiligenabend. Zwanzig Tage – neunzehn. Innerhalb des Zeitraums sollte es möglich sein, ihm überzeugend zu beweisen, dass ich nicht gänzlich das abstoßende Monster bin, was er gern aus mir machen würde.“
„Und wenn du deine Seele zurückhast?“
„Kehrst du zurück in deine Welt. Ich werde dafür Sorge tragen, dass es nicht auffallen wird.“
„Magie?“
Er zuckte die Schultern. „Ein bisschen.“
„Beinhaltet der Deal, dass ich mit dir schlafe?“
„Ich schätze guten Beischlaf von Zeit zu Zeit.“ Bennet schluckte trocken. Er wusste nicht, ob er das wollte. Das letzte Mal, dass er mit jemanden das Bett geteilt hatte, lag einige Zeit zurück. Es war nicht so leicht, jemanden zu finden und er gehörte nicht zu der Sorte, die sich auf einen Quickie in der Toilette einließen. Die letzte Beziehung war zwar eher eine Affäre gewesen – nicht einmal Freundschaft Plus, aber er kannte die Person und für ihn machte es einen enormen Unterschied, ob er anonymen Sex hatte oder der Person vertraute. Azrael war kein guter Bekannter, niemanden den er über eine längere Zeit kannte. Er war nicht einmal eine Person. Das machte die ganze Angelegenheit nicht sonderlich leichter für ihn. „Ist aber kein Erfordernis für diesen Handel. Es sei denn, du bietest mir deinen Körper da. Was ich nicht annehme.“
Er atmete erleichtert aus. Azrael war weit davon entfernt, abstoßend hässlich zu sein. Viel eher war der Mann in seinen Augen zu attraktiv. „Ich denke, wir haben genug gemeinsam, um uns gegenseitig zu helfen“, meinte er und lehnte sich entspannter zurück. Die Last der letzten Stunden fiel von seinen Schultern. Und bis auf das dumpfe Pochen an seinen Knien und seinen Händen war nur noch der Hauch von Müdigkeit, der sich an ihm festhielt, die letzte Erinnerung an den Kerker. „Unsere Familie sind nicht von uns begeistert, hm?“


Wasserspeier und Gargoyles beschützten das aus dunklem Stein errichtete Schloss auf der Klippe. Er hatte es vor drei Tagen mit Azraels Begleitung von innen und außen erkundet. Ihm waren währenddessen Dämonen verschiedenen Standes begegnet. Und die Gegenwart eines jeden von ihnen fühlte sich … merkwürdig kraftvoll an. Abgesehen von den Schatten, die Hörner und Flügel zeigten, die in der menschlichen Form verborgen blieben, unterschieden sie sich bezüglich ihrer Aura von Azrael. Sein Blick war mehrfach zu dem Schatten des Schwarzhaarigen gewandert. Aber es war einfach nur ein … Schatten gewesen. Ohne irgendwelche unnatürlichen Veränderungen. Alles, bis auf seine Augen und die spitzen Fänge, war Azrael … mehr Mensch als viele, die er kennengelernt hatte.
Er saß auf einem aus dem steinigen Boden ragenden Felsbrocken und starrte hinunter in das im dämmrigen Licht gespenstisch daliegenden Fischerdorf. Ein paar Fackeln und Feuer trugen zu der unheimlichen Atmosphäre bei, die das Städtchen dort unten einhüllte. Bennet hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt. Er war jetzt den vierten Tag hier und redete sich selbst ein, dass er nicht von sich verlangen konnte, sich an die neuen Umstände mit einem Fingerschnippen zu gewöhnen. Das war unmöglich. Aber es fühlte sich trotz allem an wie ein Traum, aus dem er nicht aufwachen konnte.
Sich nähernde Schritte ließen ihn einen Blick über die Schulter werfen. Sein Wärter stand mit ein paar Legionären – Bennet setzte auf höhere Offiziere – zusammen. Die Worte klangen noch immer fremd in seinen Ohren. Es war keine irdische Sprache. Für ihn wirkte es wie eine Mischung aus Altirisch und Schwedisch. Viele Ach-Laute, ein scharfes R in den Wörtern.
Ihre Blicke begegneten sich, als Azrael von den Papieren aufsah, die er in den Händen hielt. Mit den hochgebundenen Haaren sah er besser aus. Es passte eher zu der Persönlichkeit des Dämons. Zudem gab es den Blick auf das hübsche, maskuline Gesicht frei. Bennet fand sich dabei wieder, dass er ihn wirklich attraktiv fand. Er war die Art Mann, die er auch in der Kneipe oder der Disko angesprochen hätte. Minus den Fakt der dämonischen Abstammung. Bennet mochte Männer, die größer waren als er -kräftiger gebaut und stärker. Wobei letzteres schwierig zu finden war. Als Dachdecker und jetzt aktiver Maurer konnte er selbst mit seiner Kraft angeben. Vor allem jetzt, wo er durch die Ruhe, die ihm gewehrt wurde, die Symptome der Grippe abwenden konnte und wieder zur alten Form zurückkehrte. Seine Knochen taten nicht länger weh und das alleinige Anziehen war keine Qual mehr. Aber Azrael ließ ihm Freiraum, gab ihm die Zeit, die er brauchte. Sie beide hatten ein gemeinsames Ziel: Aus dieser Sache rauszukommen. Zwar waren die persönlichen Ziele anders definiert, aber sie wollten aus Devas Krallen entkommen. Auf die eine, oder andere Weise.
Es musste glaubhaft aussehen. Er konnte nicht mit einem Fingerschnippen für den Kerl fallen, der ihn entführte. Inzwischen fiel es ihm schwer, es als solche anzusehen. Er war hier, weil Azrael sich etwas davon erhoffte. Sei es jetzt als Teil des Harems – dann wäre es eine Entführung – oder nur als Beweis dessen, dass er in der Lage war, eine Person nach vorgegeben Punkten auszuwählen. Aber ganz gleich, welche Beweggründe hinter seiner Existenz in dieser Welt gestanden hatten, jetzt waren es andere. Anfangs hatte er behauptet, dass er es nicht einfach so festmachen konnte, ob er sich verlieben konnte oder nicht. Selbst jetzt konnte er nicht schwören, dass es dazu käme, wenn er mehr Zeit mit ihm verbrachte. Er konnte nur so tun als ob. Sie standen unter ständiger Beobachtung, sobald sie außerhalb des turmähnlichen Anbaus waren, den Azrael bewohnte. Verstohlene Blicke, kleine Gesten – all das wurde von Devas gesehen und Azrael hatte sich als sehr bewandert herausgestellt, was das menschliche Liebesleben und die Rituale des Kennenlernens betraf.
Sie waren nicht den ganzen Tag zusammen, aber sobald sie in der Nähe des jeweils anderen waren, begann das Schauspiel.
Azrael wandte den Blick ab und deutete zum Schoss. Er war der Einzige, der Bennet nicht wie einen Aussätzigen behandelte. Ginge es nach seinem Bruder, säße er unten im Kerker und wartete darauf, zu verrecken. Die Offiziere gingen voraus, ihr Kommandeur blieb stehen und deutete ihm mit einer Geste an, zu ihm zu kommen.
Zögerlich erhob Bennet sich, richtete das schwarze Hemd und zog den grob gestrickten Schal eher um den Hals. Die beißende Kälte des Landes war grauenhaft. Es war nicht nur ständig düster, neblig und wirkte wie Silent Hill, es war zudem noch eiskalt. Nicht einmal die Alpen hatten diese Temperaturen während ihres Urlaubs dort aufbringen können.
„Ist dir kalt?“
„Mir ist immer kalt in diesem Kaff“, meinte er, als er bei ihm stehenblieb und ihm in die violetten Augen sah. Gott, daran würde er sich auch nie gewöhnen! „Was gibt’s?“
„Devas wünscht deine Anwesenheit zum Abendmahl.“
„Mich? Warum?“
„Fünfzehn Tage verbleiben, Bennet.“
„Wie stellt er sich das vor“, zischte er leise und zog die Schultern hoch, damit seine Ohren auch unter dem dicken Strick verschwanden. „Kennt der Kerl keine Liebe?“, nuschelte er in den Schal. „Das kann man nicht erzwingen.“
„Devas schert sich nicht um nichtige Gefühle wie diese.“
„Warum sollst du sie dann…?“ Er verstand den ganzen Sinn nicht! Azrael war mit seiner Seele in der Lage gewesen, zu lieben und die ganze Bandbreite an Emotionen zu empfinden. Jetzt waren es von anderen gelernte Handlungen, die ihn schlussfolgern ließen, wie es seinem Gegenüber ging. Azrael war das, was man einen Autisten mit klassischen Asperger nannte. Einige von ihnen waren in der Lage, nach Jahren an gewissen Ausdrücken festzumachen, was andere empfanden, weil sie es auswendig lernten. Aber sie waren nie fähig, es ohne die gelernte Hilfe zu verstehen und nachzuvollziehen. Azrael war da ähnlich. Und warum? Weil er zu weich gewesen ist? Bennet könnte sich noch immer über diese Dummheit amüsieren, die die Dämonen diesbezüglich zeigten. „Ich versteh nicht, warum?“
„Weil es unmöglich ist. Deswegen.“
„Es ist nicht unmöglich, dich zu lieben, Azrael“, meinte er. Es gab bestimmt einige Dinge, die man liebenswert finden konnte, wenn man genug Zeit hatte, um sie zu erkennen und sich mit ihnen anzufreunden. „Werden wir ihm denn…“
„Täuschen können?“ Bennet nickte. „Noch nicht heute.“
„Ich weiß.“
„Ich möchte, dass du in drei Tagen in meinem Gemach nächtigst.“
Er hob die Augenbrauen. „Ich schlaf nicht mit dir!“
„Du sollst dort nächtigen. Nicht Beischlaf leisten.“











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