Carnival of Souls

GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
02.12.2018
25.02.2019
5
23077
13
Alle Kapitel
12 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
Part II
Der Geruch von nassem Stein stieg in seine Nase. Bennet zog die Augenbrauen zusammen und kämpfte die Lider nach oben. Dunkelheit umfing ihn. Fahles, kaltes Licht schimmerte an der feuchten, glänzenden Mauer vor ihm. Mauer. Er riss die Augen auf und saß binnen weniger Sekunden kerzengerade auf dem harten Untergrund, auf dem er gelegen hatte. Kleine Steinsplitter drückten sich in seine Handflächen, als er über den Boden strich. Sie blieben an seinen Fingern kleben, so nass war seine Umgebung. Bennet atmete tief durch, versuchte sein rasendes Herz zu beruhigen. Etwas, das leichter gesagt als getan war. Er spürte seinen Körper kaum. Steife, kalte Finger und taube Füße. Bennet wackelte mit den Zehen. Er sah die Bewegung, aber er fühlte sie nicht. Er schluckte trocken und leckte sich über die spröden Lippen. Wo zur Hölle bin ich.
Die Luft schmeckte modrig und entfernt wie alter Schimmel. Im ersten Moment fühlte er sich in den Keller zurückversetzt, in dem er mit Max gearbeitet hatte - der Keller des Hauses mit den Rattenleichen in der Küche. Aber er war nicht dort. Dort war es trocken.
Bennet stand auf. Das Klirren von Metall ließ ihn innehalten. Es war laut, als wäre es direkt in seiner Nähe. Er machte einen schnellen Schritt nach vorn und landete mit Wucht auf dem Boden. Steine fraßen sich in seine Knie und Handflächen. Er zischte und fluchte, als er sich zur Seite fallen ließ. Warmes Metall fraß sich in seine Haut und als er nach seinem Hals tastete, bemerkte er das Halsband. Es war ihm nicht aufgefallen, weil es seine Körpertemperatur angenommen hatte. Die Schwere bemerkte er kaum. Jedes Glied an ihm schien Tonnen zu wiegen.
Die Erkenntnis, wo er sich befand, sickerte langsam zu ihm durch. Sein Verstand war verwirrt. Er wollte die Tatsache ausblende, dass er gefangen war. Der Terror kroch durch seine Knochen.
Mit zittrigen Fingern griff er nach der Kette, die in seinem Nacken an dem Metallhalsband befestigt war, und folgte ihr bis zum Ursprung. Sie endete in einem dicken, in den Stein getriebenen Ring. Kalter Schweiß brach auf seiner Haut aus und er riss an der Kette. Bis auf das Klirren ertönte nichts. Sie bewegte sich nicht. Dafür zerrten das Reißen und Kämpfen an seinen Kräften. Müdigkeit gesellte sich zu der Angst. Schwer atmend brach er in die Knie. Das Stechen nahm er kaum wahr, als sich die Steinsplitter in die kaputte Haut gruben.
Verzweiflung mischte sich in den Cocktail. Die Priese Hilflosigkeit, die sich beim fahlen Anblick der dicken Kette in ihm ausbreitete, half nicht. Er fuhr mit den dreckigen, nassen Fingern in sein feuchtes Haar. Ein Schluchzen kam über seine Lippen, als seine Gefühle die Oberhand gewannen. Tränen liefen über sein kaltes Gesicht. Und erst bei dem Kontrast der heißen Tränen auf seinen Wangen, bemerkte er die Kühle um ihn herum. Wer auch immer ihn entführt hatte, hatte wenigstens die Gnade besessen, ihn vorher in Klamotten zu hüllen, deren Zustand er glücklicherweise nicht erkannte. Es war ein raues, unangenehmes Material, aber es hielt die Kälte fern.
Er vergrub sein Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. Was hatte er verbrochen? Wem hatte er ans Bein gepisst? Niemand entführte einfach so jemanden, richtig? Es gab doch meisten einen Grund! Aber dann dachte er an die vielen Kinder, die nie wiederauftauchten. Die hatten in ihrem Leben auch keinen Fehler gemacht und trotzdem wurden sie den Familien weggenommen. Oder die Frauen, die aus ihrem Umfeld gerissen wurde. Oh mein Gott.
Bennets Gedanken begannen unaufhaltsam zu kreisen. Er konnte keinen von ihnen festhalten, während weiterhin Tränen über seine Wangen flossen. Die Situation war hoffnungslos!
Er wischte sich mit den Handrücken über die Augen und sah zu dem schmalen Schlitz an direkt unter der Decke. Der Spalt war keine zwanzig Zentimeter hoch, vielleicht einen Meter lang und dicke Stäbe versperrten den kleinen Zugang zu der Zelle, in der er hockte. Bis auf den fahlen Mond konnte er nichts erkennen.
Dunkles Scheppern ließ ihn zusammenzucken und sich der Tür zuwenden. Oranges Licht flutete seine Zelle. Bennet wich automatisch zurück, bis sein Rücken gegen die Wand krachte und er die Beine an den Oberkörper zog. Eine große, breitschultrige Figur stand im Rahmen und versperrte ihm die Sicht in den Flur, der sich hinter der Tür verbarg. Sie lehnte sich mit der Schulter an die Zarge und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sieh mal einer an. Du bist wach.“ Es war dieselbe Stimme. Er erinnerte sich. Das war der Mann, der in seinem Schlafzimmer gesessen hatte.
„Was willst du von mir? Wo bin ich?“, hakte er nach und wollte jedes Wort zurücknehmen, als er bemerkte, wie lächerlich schwach er klang.
„In meinem Reich.“ Bennet versuchte, sich noch kleiner zu machen. Unsichtbar, am besten. Fackeln fingen Feuer und erhellten seine Zelle, als der Unbekannte näherkam. Die Tür schlug hinter ihm zu, ohne, dass er sie angefasst hätte. „Du bist mein Schlüssel.“
„Wozu?“ Am liebsten wollte er sich selbst eine Ohrfeige verpassen. Wo hatte er seine Eier vergessen? Waren sie ihm während des Duschens abgefallen und im Abfluss verschwunden? Er schluckte gequält. Sein Mund war staubtrocken. Seine Kehle brannte. Kein Wunder, dass er so jämmerlich klang.
Der andere ging vor ihm in die Hocke, antwortete aber nicht auf seine Frage. Er legte den Kopf schräg, musterte Bennets lächerliche Erscheinung mit einem trägen Lächeln.
„Bist du nicht froh, aus deiner miserablen Lage entflohen zu sein?“
„Meine miserable…“ Bennet kratzte den letzten Rest Mut zusammen, den er hatte. Scheiß drauf. Er würde doch ohnehin sterben, richtig? Wenn, dann wollte er nicht so mickerig und armselig abtreten! Es war nicht sein Stil, sich in der Ecke zusammenzukauern. Er wusste um die Existenz dieser Wesen. Es gab verfluchte Dämonen! Er sah sie jedes Mal, wenn er die Kirche oder ein altes Haus betrat, über den Friedhof lief. Er hatte genug gesehen - ob paranormal oder real. Dieses Ding war ein Dämon. Größer, menschlicher und mächtiger als die Kreaturen, die seinen Weg gekreuzt hatten, aber er war definitiv übernatürlich. „Was sagt dir, dass mein Leben scheiße gewesen ist?“
Leuchtende Amethyste sahen ihm entgegen, glühten im fahlen Mondlicht. Er streckte die Hand aus und warme, raue Fingerkuppen fuhren Bennets Kiefer entlang. „Warst du glücklich?“
Bennet drehte den Kopf zur Seite, um der Berührung zu entkommen. Und um gleichzeitig der Frage zu entgehen. War ich es? Er konnte nicht benennen, ob er glücklich gewesen ist. Er fühlte sich in seinem kleinen Teil des Hauses wohl, so lange er keine Zeit mit seiner Familie verbringen musste.
„Das hat damit nichts zu tun“, antwortete er und sofort schlossen sich die Finger, die ihn vorher zögerlich fasziniert berührten, fest um sein Kinn und zwangen ihn, seinen Wärter anzusehen.
„Weich mir nicht aus.“
Bennet griff nach dem Unterarm, als sich Hand des Fremden an seinen Hals verirrte und Druck ausübte. Die Stärke, die allein in den Fingern wohnte, war unbeschreiblich. Kaum vorstellbar, wie es sein musste, wenn sein Gegenüber seine volle, ihm zur Verfügung stehende Kraft einsetzen würde. Er könnte Bennet mit nur einem Handgriff töten. „Warum willst du das wissen?“, krächzte er und unterdrückte das Zischen, als er spürte, dass sich seine Nägel in seinen Hals bohrten, während der Griff enger wurde. Er begann mit den Beinen zu strampeln, versuchte ihn mit den Füßen von sich zu schieben. Die Luftzufuhr wurde enger, der Sauerstoff in seinen Lungen knapper. Das Klirren der Kettenglieder war ohrenbetäubend laut. Bennet japste verloren, krallte sich am Unterarm des anderen fest, während er gleichzeitig versuchte, ihn von sich zu bekommen. Panik stieg in ihm aus. Eine heiße, schnell abkühlende Welle, die kalten Schweiß mit sich brachte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er ihm entgegen, schob und drückte verzweifelt. Der fremde Körper bewegte sich nicht einen Millimeter. „Du…“
Die Hand verschwand und Bennet presste sich enger an die Wand, rieb sich über den Hals. Schweiß und Blut, das aus den kleinen Halbmonden quoll, die die Nägel auf seiner Haut hinterlassen hatten, vermischten sich auf seiner Innenfläche. Er sog die modrig feuchte Luft gierig in die Lungen.
„Was fühlst du?“
Fassungslosigkeit mischte sich in den Pool verschiedener Emotionen, in denen er zu ertrinken drohte. Er wusste nicht, was er fühlte. Überwältigt von der Angst und der schieren Panik, wehrlos zu sterben, musterte er ihn, unfähig, ihm eine Antwort zu liefern.
„Ist es Angst? Oder sogar Panik? Wie fühlt sich das an?“
Kuriosität lag in dem dunklen Violett, als habe die Person vor ihm noch nie ein vergleichbares Gefühl empfunden. Hilflos nickte Bennet und presste die Lippen aufeinander. Er räusperte sich. „Es ist…“, begann er und schluckte ein paar Mal trocken. Seine Zunge klebte an seinem Gaumen und er hatte das Gefühl, dass sein Hals zugeschnürt war. „Kalt. Und … und warm, nein… Heiß“, antwortete er leise, hoffend, dass es ausreichend sein würde.
Als die Hand des Fremden vorschnellte, zog Bennet die Beine eng an den Körper und legte die Stirn auf die Knie, bevor er die Arme über dem Kopf zusammenschlug. Statt ihn am Hals zu fassen, griff sie nach dem Metall und löste den Bolzen aus der Fessel. Klirrend fiel das Ding zu Boden und sein Gegenüber zerrte ihn auf die Beine. „Bin ich … frei?“
„Nein.“
„Warum?“ Er stolperte, als er einen heftigen Stoß gegen den Rücken bekam, der ihn Richtung Tür beförderte.
„Du erfüllst alle Kriterien.“
Bennet fiel über die Schwelle zum Korridor. Ein beißender Schmerz kroch durch seine Knie und Hände, als er den Sturz abfing. Er biss sich hart auf die Unterlippe, um keinen Laut von sich zu geben. Der Knochen in seinem Körper schmerzte. Jetzt, wo er wach war und Adrenalin durch seine Adern schoss, bemerkte er alles. Vor allem das Bluten seiner Knie, das Beißen der kleinen Wunden am Hals.
„Steh auf.“ Finger vergruben sich in dem rauen Material, das Bennet am Körper trug. Grob zerrte er ihn zurück auf die Füße, verpasste ihm einen leichten Stoß gegen die Schulter. „Beweg dich.“ Der kühle, dominante Ton genügte. Bennet sah zu Boden und musterte den dunklen, ungleichmäßigen Stein unter seinen blassen, dreckigen Füßen. Sie waren inzwischen so kalt, dass er glaubte, nichts weiter mit ihnen wahrzunehmen. Außer der glatten Nässe des Materials.
Unsicher folgte er dem Schwarzhaarigen den Korridor hinunter und ließ seinen Blick über die Wände wandern. Die Hoffnung, einen Ausgang zu finden, löste sich in Luft auf. Alle zehn Meter waren zwei Wachen an den Seiten platziert. Bennet sah ihre Gesichter nicht. Die eisernen Helme verdreckten jedes Erkennungsmerkmal und die Uniform machte sie alle gleich.
Er befand sich in einem Schloss. Die Wachen trugen mittelalterliche Rüstungen mit Wappen auf der Brust und Schwertern an den Seiten. Der Mann, dem er folgte, war in ein altertümliches Lederoutfit gehüllt. Ein schwarzes Hemd, unter einem gleichfarbigen Wams, das auf dem Rücken ein Muster zeigte, das er nicht erkennen konnte. Dunkles Leder schützte die Unterarme. Die starken Beine steckten in einer engen Lederhose, eine leere Schwertscheide hing an der linken Seite und schwere, kniehohe, am Schaft umgeschlagene Stiefel, sorgten bei jedem Schritt für einen donnernden Widerhall an den hohen Wänden.
Bennet nestelte mit dem Ärmelsaum des Kleidungsstücks. Es reichte ihm bis zu den Knöcheln, bestand aus etwas Ähnlichem wie Baumwolle und schien braun zu sein. Die Farbe festzumachen war bei den Lichtverhältnissen schwierig.
„Wie ... heißt du?“, stellte er letztlich die Frage, die ihm gegenwärtig am wichtigsten war. Er kannte gern die Namen derjenigen, denen er folgen sollte. Abgesehen davon wollte er die Stille zwischen ihnen vertreiben. Er war ein Gefangener - das war schon Strafe genug für jede Sünde und jedes Vergehen, das er in seinem bisher recht kurzen Leben begangen hatte. Mit Schweigen gestraft zu werden, war hingegen etwas, das er nicht verdiente. Seiner Meinung nach verdiente er rein gar nichts von dem, was ihm widerfuhr.
„Azrael.“
„Wie in ... der Totenengel?“ Er würgte den Kloß in seinem Hals hinunter und blieb abrupt stehen, als Azrael anhielt und sich zu ihm umwandte. Bennet kämpfte damit, Azraels Blick standzuhalten, obwohl er gern weggesehen hätte.
„Du glaubst an Dämonen, richtig?“, folgte die skeptische Frage.
„Ja.“
„Du siehst die Wesen?“
„Ja...“
Azrael drehte sich weg und murmelte etwas auf einer Sprache, die Bennet nie zu vor gehört hatte. „Ich bin kein Totenengel.“
„Was bist du dann?“
Er ging weiter. Bennet zögerte einen Augenblick, folgte ihm dann aber. Ihm war es wichtig, aus diesem Gewölbe herauszukommen. Er glaubte, hoffte und betete, dass sich eine Chance auftun würde, um nach Hause zu kommen. Er vermisste seine Socken, Unterwäsche und Kleidung, die nicht scheuerte. Sein Magen knurrte. Hunger hatte er auch. Irgendwas sagte ihm, dass er nicht so bald etwas Essbares zwischen die Zähne bekommen würde.
Sie stiegen die Weldeltreppe hinauf. Aus dem Keller ins Erdgeschoss, wie er feststellte. Die bodentiefen Fenster wiesen elegante Kunstwerke aus Glas auf, die die Welt dahinter farbig verschwommen gestaltete. Bennet blieb stehen. Vor dem Gebäude erstreckte sich Land, das abrupt abfiel. Der Mond, den er gesehen hatte, schwebte über einem dunklen wellenschlagenden Meer. In der Ferne waren kleine helle Punkte zu erkennen - ein Fischerdorf. Wo zur Hölle war er? In einer anderen Zeit?
„Komm!“, zischte Azrael und er beeilte sich, zu ihm aufzuschließen. Er wollte die Erfahrung, die er im Kerker hat machen müssen, nicht weiter ausweiten. Er wollte sein Glück mit der körperlichen Unversehrtheit nicht herausfordern, indem er seinen Kidnapper verärgerte. Er konnte froh sein, dass er bisher nichts Schlimmeres erfahren hatte.
„Welche … Kriterien erfülle ich?“ Er schlich so leise es ihm möglich war hinter ihm über den weichen, dunkelgrünen Teppich, der in der Mitte des gut drei Meter breiten Korridors lag.
„Seine.“
„Wessen…“ Er sah zu ihm auf. So sehr, wie er den Kopf in den Nacken legen musste, schätzte er Azrael auf zwei Meter. Bennet selbst maß etwas über eins achtzig. „Welchen Nutzen soll ich haben?“
„Weiß ich nicht.“
„Und … zu was bin ich … der Schlüssel?“
Azrael lief unbeirrt weiter und schien die Frage nicht wahrgenommen zu haben. Wortlos blieb er am Ende des Korridors vor einer riesenhaften Flügeltür aus schwerem Eichenholz stehen. Bennet machte neben ihm halt und wagte es, Azraels Profil zu mustern. Die harten, unfreundlichen Gesichtszüge verloren die Gefährlichkeit. Dafür legte sich ein rätselnder Ausdruck darüber. Azrael rang mit sich. Bennet brauchte ihn nicht in und auswendig zu kennen. Es waren die typisch menschlichen Gesten, wie die in Falten gelegte Stirn oder die zu Fäusten geballten Hände, die ihm verrieten, dass das nicht das Ende der Konversation war. Und je länger er ihn ansah, desto weniger unheimlich wurde er. Azrael wirkte wie jemand, den man auf der Straße treffen konnte. Bis auf die Augenfarbe, und der Körpergröße, war nichts außergewöhnlich an ihm. Heutzutage war es nicht unüblich, einen gut trainierten Kerl zu begegnen. Vielleicht versuchte er auch einfach, sich die Situation schön zu reden, in der er sich befand.
„Ich kann dir nichts dazu sagen.“
„Warum?“
Azrael schwieg und stieß die Türen auf. Für einen Augenblick hörte er noch altertümliche Musik, die erstarb, sobald der Größere den Raum betrat. Der Thronsaal, wie sich herausstellte. Ein erdrückend großer Raum, getragen von dicken, beigen Marmorsäulen. Anmutig, königlich. Bennet richtete den Blick gen Decke. Edle Malereien zierten die Gewölbe. Weiß, Gold und Blau. Es war zu kirchlich, wenn er bedachte, dass sein Wächter ein Dämon war. Und, um allem die Krone aufzusetzen, hingen siebenarmige Leuchter von der Decke. Diamanten brachen das Licht in Regenbögen. Aber so dick aufgetragen es wirkte, so sehr faszinierte es ihn auch. Bennet konnte Gott nichts abgewinnen. Kirchenkunst hingegen, und Malerei in Schlössern und Burgen, war auf bizarre Weise genau sein Ding.
Azrael straffte die Schultern, richtete sich zur vollen Größe auf und erschien im selben Moment bedrohlicher, als er ihn in seinem Schlafzimmer vorgefunden hatte. Bennet folgte ich zögerlich. Sein erster Impuls war es, stehenzubleiben und zu warten.
Mit langen Schritten näherte sein Wächter sich dem Thron. Bennet folge mit genug Abstand, um die Situation auf sich wirken zu lassen, anstatt direkt involviert zu werden.  
Frauen in dunklen Roben sammelten sich am Fuße des massiv goldenen Königssitzes. Sie lehnte aneinander, einige Hände fuhren über das Edelmetall, andere küssten einander. Bennet konnte nicht benennen, wie viele Personen es waren. Er zwang sich, den Blick von den Damen zu nehmen und richtete ihn stattdessen auf den blonden, jungen Mann, der in dem purpurfarbenen Polster saß. Dann richtete er seine Aufmerksamkeit auf Azraels Rücken. Es erschien ihm nicht richtig, zu starren. Dabei überraschte ihn die Art, wie die Frauen miteinander umgingen. Bennet lebte in einer Welt, in der gleichgeschlechtliche Liebe nicht länger mit dem Tode bestraft wurde – zumindest nicht in seiner Heimat. Aber das war ein ganz anderes Level an Offenheit. Denn sie wirkten nicht, als würden sie zu den intimen Berührungen gezwungen sein…
„Bruder!“ Der Blonde erhob sich, stieg an den Frauen vorbei, die sich auf den Treppen zu seinem Thron sammelten und ihm schmachtend hinterhersahen, als er sich den Weg hinunter zum roten Teppich bahnte, auf dem Azrael ihm vorauslief.
„Devas.“ Es klang nichts in der Stimme mit. Keine Freude oder Ablehnung, dabei dachte er, an seiner Körperhaltung festzumachen, wie sein Wärter dem Treffen gegenüberstand. Bennet zog die Augenbrauen leicht zusammen, blieb dann aber in unmittelbarer Nähe zu Azrael stehen. Devas war gut einen Kopf kleiner als Azrael und begegnete Bennet auf Augenhöhe. Sein Haar schimmerte in verschiedenen Goldtönen, strahlte und reflektierte das Licht der Kronleuchter. Jede Frau würde für so eine Mähne töten. Das schmale, kantige Gesicht hatte etwas Attraktive an sich. Symmetrisch, hohe Wangenknochen und volle Lippen. Hübscher als Azrael - auf feminine Weise. Aber da war etwas in den blutroten Augen. Etwas Düsteres, er würde sogar so weit gehen und es sadistisch nennen.
Der Mann neben ihm war ein Krieger. Körperbau und Haltung verrieten dies zusätzlich zu der Schwertscheide und der Kleidung. Der Kerl vor ihm war der reiche Sohn eines Herrschers, dessen Status Bennet noch nicht greifen konnte. Azrael und Devas teilten familiäre Bande, standen auf einer Stufe, aber es fühlte sich für ihn als Außenstehenden nicht so an. Da war eine Kluft zwischen den Brüdern. Sie war greifbar. Aber er sah seinem Wärter nichts an, das Unmut oder Ähnliches vermittelte. Azraels Gesichtszüge waren entspannt, der Blick neutral.
„Du hast jemanden gefunden.“
„Ja.“
Devas trat einen Schritt zur Seite und befand sich damit direkt gegenüber von Bennet. Der Geruch von Rosen stieg in seine Nase. Ein süßlich fruchtiger Duft, der im Gegensatz zu Azeal stand. „Deine Wahl gefällt mir, Bruder.“ Azrael verblieb stumm, verschränkte lediglich die Arme vor der Brust und verlagerte das Gewicht auf ein Bein, als er den Blick zur Seite fallen ließ. Bennet schielte zu ihm, suchte nach Unterstützung oder einer Erklärung. Devas begann ihn zu umrunden und er fühlte sich unter den stechenden Augen unwohl. Der Blick glitt an ihm hinunter und hinauf - mehrfach, zu oft. Als würde er die Klamotten mit den Augen von ihm schälen wollen. „Du hättest ihn vorher in ein Bad stecken sollen. Er stinkt.“
„Deine Anweisung war, ihn direkt nach dem Aufwachen herzubringen.“
Bennet schluckte. Er bemerkte seinen eigenen Geruch nicht, wagte es aber auch nicht, an den Klamotten zu schnüffeln, die an ihm hingen.
„Hm.“ Devas blieb vor ihm stehen und seine Hand schloss sich um sein Kinn. „Hübsch anzusehen ist er. Wäre er sauber.“ Bennet starrte in die blutroten Augen. Unbewegte Tiefen, mehr Kristall, denn menschliches Auge. Er ist kein Mensch. Er musste sich daran erinnern. Ihm standen keine Menschen gegenüber.
„Ich bin kein Tier.“
„Nicht?“ Devas grinste, tätschelte ihm die Wange, bevor er sich seinem Bruder zuwandte.
„Nein.“
Bennet sammelte seinen Mut zusammen, richtete sein Ego etwas auf. In Bettlerlumpen gehüllt zu sein, scheinbar wie eine Kloake zu riechen und sich vor einem Feind vorführen zu lassen, war eine Sache. Und er ging davon aus, dass Devas nicht sein Freund würde. Seine Stimme klang melodisch sanft, aber der Ton darin war eiskalt. Bennet wusste, dass seine Anwesenheit einen Zweck erfüllen sollte. Aber das hieß nicht, dass er sich kampflos in den Dreck werfen würde. Als Azrael ihn besuchte, war er überrascht und nackt. Als er ihn in der Zelle angriff, war er gerade aufgewacht und ausgelaugt. Er fühlte sich gegenwärtig nicht besser, aber er hatte sich auch gegen Azrael gewährt – wenig erfolgreich, das musste er zugeben. Nur würde er sich nicht in Devas Hände legen und sich wie die Damen am Fuße des Throns anpflocken lassen. Und da er einen Wert zu besitzen schien, würde man ihn nicht töten.
„Was bist du dann?“
„Ein Mensch. Frei.“
„Oh, frei?“, hakte Devas belustigt nach. „Du siehst nicht aus, als wärst du frei.“
„Alles eine Sache der Einstellung.“
Devas lachte und schüttelte fassungslos den Kopf. „Da hast du dir aber wirklich ein besonderes Exemplar an Dummheit gesucht, hm?“
„Er passt zu deinen Punkten. Zu allen“, betonte Azrael und zuckte die Schultern. „Jetzt erfüllt du deinen Teil der Abmachung.“
„Mein Teil?“ Devas deutete überrascht auf sich. „Wer sagt, dass deiner erfüllt ist?“
„Du sagtest, dass ich...“
Devas hob die Hand und unterband jedes weitere Wort aus Azraels Mund. Bennets Augen schossen zu ihm. Azrael biss die Zähne zusammen. Die Muskeln am Kiefer arbeiteten unter der blassen Haut. „Lerne.“
„Was?“
„Lerne von ihm, was es heißt, Mensch zu sein, Azrael.“
Die Aura Azraels wuchs zu einem schwarzen, pulsierenden Echo im Raum. Alles einnehmend, verschlingend und bedrohlich. Bennet wich einen Schritt zur Seite, glaubte er, dass er in die Schwärze gezogen würde, stünde er zu nah bei ihm. Und Devas überlegendes Grinsen, die arrogante Haltung und der zur Seite gelegte Kopf waren eine Herausforderung, um seinen Bruder auf die Spitze zu treiben. Er war auf seine eigene Weise angsteinflößend. „Das war nicht der Deal!“
„Ich versprach dir, dir deine Seele zurückzugeben, wenn du meine Bedingungen erfüllst. Du stimmtest zu, bevor ich vollends erklärte, worum es ging. Jetzt hast du deinen Menschen. Lerne von ihm.“
„Meine Seele ist mein Geburtsrecht!“
Devas‘ Augen veränderten sich. Das Rot wandelte sich in ein an den Rändern glühendes Schwarz. Das puppenhaft perfekte Gesicht verdunkelte sich, verzog sich zu einer düsteren Maske. „Dein Geburtsrecht war der Tod, Bruder!“
Bennet zuckte aufgrund der Lautstärke und der Finsternis in der Stimme zurück. Azrael griff nach dem Heft seines Schwertes - die Hand stieß ins Leere. Verwirrung spiegelte sich für einen Moment auf dem hübschen Gesicht des Schwarzhaarigen wieder.
„Du könntest mich nicht töten, selbst wenn du bewaffnet oder im Vollbesitz deiner Mächte wärst. Du bist Niemand, Azrael. Und wenn du nicht lernst, wenn er dir nicht nutzt, dann verkauf oder töte ihn.“
„Was soll ich lernen?“
„Menschsein“, spie Devas ihm vor die Füße. Bennet spürte den brennenden Blick des Blonden auf seinem Gesicht und schluckte trocken.
„Warum?“
„Um sie zu verstehen.“
„Ich sehe den Grund dafür nicht.“
„Du wirst. Früher oder später.“
„Und wenn ich es nicht kann?“
„Wirst du Zeit genug haben, um zu einem Ergebnis zu kommen.“
Stille legte sich wie ein schweres Tuch über den Raum. Bennet sah zwischen den Brüdern hin und her, bevor sein Blick zum Thron schoss. In einer alten Laterne - einer sechseckigen, länglichen Form – schwebte etwas Schwarzviolettes im leeren Raum umher, leckte an den Scheiben hinauf und wirbelte herum. War das... „Seine Seele“, murmelte Bennet. Er erkannte das Schimmern auf Devas‘ Brust, als sich dieser in seine Richtung drehte. Ein kleiner Teil der schwarzen Substanz bewegte sich in dem Amulett, das der Blonde um den Hals trug. Er beherrschte seinen Bruder, hielt ihn gefangen – in einem Käfig ohne sichtbare Stäbe. „Was … passiert, wenn es nicht funktioniert? Wenn ich einem seelenlosen Dämon nicht beibringen kann, was Menschsein heißt?“, hakte er nach.
Er war mit dem Glauben aufgewachsen, dass Dämonen dunkle Seelen waren. Kreaturen, nicht menschlicher Natur. Anders als der Geist eines Verstorbenen. Jetzt stand er Wesen gegenüber, die sich von seiner Rasse optisch kaum unterschieden und über etwas wie eine Seele verfügten. Etwas, das man ihnen sogar nehmen konnte.
Ein finsteres, zutiefst zufriedenes Lächeln legte sich auf Devas‘ Lippen. „Da Vater verschieden ist und mir die Herrschaft nunmehr obliegt“, begann er zuckersüß zu flöten und näherte sich Bennet mit langsamen, eleganten Schritten, „befinde ich mich in der Position zu entscheiden, was mit den Angestellten des Hofes meines Vaters geschieht.“ Warm und weich legten sich die Hände an seine Wangen. Bennet schlug sie weg und wich ihm aus. Er wollte nicht von ihm angefasst werden. Von niemanden. Ganz gleich welchen Rangs oder welcher Abstammung.
„Heißt, du willst ihn loswerden?“
„Eigentlich schade, nicht wahr?“ Devas‘ Blick glitt zurück zu seinem Bruder und Bennet folgte ihm. Azrael hatte keinerlei Ähnlichkeit mit dem Mann, der seine Privatsphäre auf penetrante Art durchbrach, ihm folgte, wenn er einen Schritt auswich. „Er ist ein wunderbares Schoßhündchen. Pflichtbewusst, nie abgelenkt, immer zielstrebig. Das ist das schöne an einem seelenlosen Knecht, Junge. Sie haben keinerlei Bedürfnisse, die über die natürlichen hinausgehen. Sie lieben nicht, sie trauern nicht. Keine Empfindungen, kein Schmerz. Sie sind perfekt und doch so fehlbar.“ Am Ende der Erzählung reihte sich ein theatralisches Seufzen ein.
„Warum willst du ihn dann … loswerden? Wenn er dir nützlich ist?“
„Er erinnert mich an etwas, das ich nie wiedersehen möchte.“
Das Gesicht zu einer wütenden Maske verzogen, konnte er die Beherrschung gar fühlen, die Azreal aufbringen musste, um den Blonden nicht an den Kragen zu gehen. „Du wirst auf Knien bitten und betteln, das ich dich nicht für ewig wegsperre.“
„Erbärmlich.“
„Hast du noch Bedingungen, von denen ich wissen sollte?“
„Willst du nicht lieber deinen Menschen fragen, ob er gewillt ist?“
Bennet spürte, dass sein Herz schneller zu schlagen begann. Ich bin der Schlüssel. So wahnsinnig das klang, er verstand, was Azrael bezwecken wollte, als er ihn würgte. Würde er nein sagen, beendete es nicht seinen Aufenthalt in dieser Welt. Er wusste es nicht mit Sicherheit, aber er hatte ein Gefühl, dass er diesen Ort nicht verlassen würde. Und jetzt hing Azraels Seele an ihm. Nein, nicht nur das! Seine Zukunft hing an ihm. Plötzlich tat sich eine Option vor ihm auf.
„Er ist mein Gefangener. Er hat keine andere Wahl.“
„Was sonst?“, hakte Devas nach, „Willst du ihn sonst hierbehalten?“ Er lachte humorlos auf. „Frag ihn.“
„Nein.“
„Frag ihn“, wiederholte Devas und machte auf den Haken kehrt, um zu seinem Thron zurückzukehren.
„Woher weiß ich, dass du dein Wort halten wirst? Du dreckiges Arschloch hast es mir gegenüber noch nie gehalten!“
Der Schatten des Blonden wurde länger, wuchs zu einer Kreatur, die nicht zu dem attraktiven Geschöpf passte, das auf der ersten Stufe zum Thron innehielt. Dunkel Hörner ragten aus dem ovalen Schatten heraus, mächtige Flügel spannten sich von den schattenhaften Schultern über den gesamten Thronsaal und gaben ihm eine Idee dessen, was sich hinter der menschlichen Figur versteckte. Ein geflügeltes, dämonisches Monster, das jemanden wie ihn mit bloßen Händen zerquetschen könnte.
„Ich binde mich selbst an mein Wort, Bruder. Erklärt sich der Mensch willig, dir zu Diensten zu sein, und bist du in der Lage, emotionale Entscheidungen zu imitieren, gehört deine Seele dir.“
„Wo ist der Haken“, kam es lauernd zurück.
Bennet schlick auf Zehenspitzen zurück in Azraels Nähe. Er wollte mit ihm sprechen, wollte verstehen, worum es genau ging. Er wollte einen Deal mit ihm. Eine Hand wäscht die andere. So blöd, nicht zu sehen, dass sich eine Möglichkeit bot, heimzukehren, war er nicht. Devas hielt sie beide fest.
„Du hast dreißig Tage. Ab morgen. Mach das Beste daraus, Bruder. Oder du wirst dir wünschen, dass Vater dir das Leben nicht geschenkt hätte, als er es dir nehmen sollte.“
Review schreiben