Wenn die Häuser im Glanz der Lichter stehen, und die Herzen nach Liebe atmen; dann beginnt der Zauber der Vorweihnachtszeit  x  a d v e n t s k a l e n d e r

GeschichteAllgemein / P18 Slash
01.12.2018
09.12.2018
10
10303
 
Alle
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
Langsam atmete ich aus und blieb vor dem Gebäude stehen, als ich endlich angekommen war. Durch meinen Schal stieg meine warme Atemluft auf und meinen Kopf legte ich in den Nacken um das komplette Haus überhaupt zu sehen. Es war so riesig und wirkte auf diesem Grundstück irgendwie verloren. Genau wie ich gerade.
Keine Ahnung, was mich wirklich geritten hatte zu dieser Weihnachtsfeier zu kommen. Ich war weder der Typ für wirkliche Partys, noch war ich ein Fan meiner Arbeitskollegen. Sie passten nicht zu mir. Es waren nicht die Arten von Menschen mit denen ich Freundschaften schließen würde. Vielleicht passte ich aber auch nicht zu ihnen. Wer weiß.
Aber trotzdem war ich nun hier. Hatte mich sogar in Schale geworfen für meine Verhältnisse. Es wäre noch genug Zeit gewesen, einfach zu verschwinden. Niemand würde bemerken, dass ich hier überhaupt stand. Von außen blinkten mir bunte Lichter entgegen und man hörte leise Weihnachtslieder und gelegentliches Gelächter.
„Ach komm...zwei Stunden...höchstens...Mach dich nicht zum kompletten Außenseiter“, hauchte ich leise und rieb meine Hände aneinander, ehe ich an die Tür trat und zwei Mal klingelte. Einige Momente dauerte es, ehe die Tür geöffnet wurde. Dann wurde ich aber sofort und voller Begeisterung in das warme Haus gezogen. Ein Sekretär unserer Firma begrüßte mich freundlich und ich erwiderte diese Begrüßung nicht einmal halb so euphorisch. Nur ich hatte ja auch nicht so viel intus, wie er.
Während einer kurzen Unterhaltung hängte ich Schal und Jacke auf, dann schaffte ich es mich professionell davon zu schleichen und stockte als ich das Wohnzimmer sah. Viele aus unserer Abteilung waren hier. Allerdings auch ein paar von anderen Stellen und sogar aus der Elektronik. Sogar Reinigungskräfte, was mich leicht freute. Nicht diese verdammte Oberflächlichkeit, die sonst überall zu sehen war. Ich begrüßte ein paar und ging weiter umher. In den Händen hielt ich ein kleinen Päckchen, welches ich noch aus meiner Tasche gefischt hatte. Dies war für den Leiter unserer Firma, meinem Chef und gleichzeitig auch dem Gastgeber. Ich war wohl nicht der einzige, der auf die Idee gekommen war ein Geschenk zu besorgen, denn unter dem prächtig schimmernden Baum lagen allerlei Pakete, Kisten und Geschenke in den verschiedensten Größen und Farben. Leicht kaute ich auf meiner Lippe herum und sah auf mein winziges Geschenk. Es hatte die Größe einer Zigarettenpackung und war schlicht mit Packpapier verpackt worden. Eine kleine Schleife aus Backgarn klebte noch an der Ecke, dass war es aber auch schon.
Kurz überkam mich ein schlechtes Gewissen, aber spätestens jetzt war es zu spät, denn genau die Person trat vor mich, für die das Geschenk war und nahm es mir aus der Hand um es kurz kritisch zu mustern und es beinahe zu den anderen zu “werfen“. Mein Blick schellte hoch und blaue Augen sahen mich mit einer hochgezogenen Augenbraue an.
„Herr Büttinger. Was...eine Überraschung“, sprach er langsam und ließ seinen Blick über mich gleiten. Fest biss ich mir auf die Zunge um keine schnippische Bemerkung zu äußern und nickte nur.
„Ich dachte, dass ich ja mal vorbeischauen kann...“, erwiderte ich und lächelte so gut ich konnte.
„Sehr...bunt, die Dekoration, Herr Tjarks.“
„Das hat jemand für mich gemacht.“
„Verständlich. Sie sind ja ein sehr beschäftigter Mann“, sprach ich sofort als Antwort und sein Auge zuckte kurz. Hehe...Ich lächelte weiterhin scheinheilig und nahm mir ein Glas Bowle.
„Ich hätte sie nicht für einen Mensch gehalten, der gern feiert. Wenn er schon nicht gerne zu Meetings auftaucht.“
Sein schnippischer Ton ließ mich die Zähne knirschen, was ich ihm nur nicht so zeigen wollte.
„Dinge gratis zu bekommen ist immer ein Grund zum kommen. Außerdem habe ich hier nicht die Möglichkeit einzuschlafen.“
Ich trank das halbe Glas mit einem Schluck und sah zu ihm auf. Wir beide schwiegen. Ich, da ich meinen Ruhm noch etwas genießen wollte und er, weil er wohl einen weiteren Makel an mir heraus posaunen wollte. Tja, Tjarks. War wohl nichts.
Deshalb sahen wir beide einander an, bis wir unterbrochen wurden. Ein Kollege seinerseits sprach ihn an und schon war seine Aufmerksamkeit mir gegenüber verflogen. Kopf schüttelnd nahm ich mir ein weiteres Glas und verließ das Wohnzimmer um mich weiter umzusehen.

Tatsächlich waren es keine zwei Stunden geblieben. Immer wieder in ein Gespräch verwickelt zu werden und heißen Wein zu trinken ließ einen ganz schön die Zeit vergessen. Denn als ich das letzte Mal auf eine Uhr sah zeigte sie mir an, dass ich schon geschlagene vier Stunden hier meine Zeit verbrannte. Außerdem begann mein Magen zu knurren, was mich glücklicherweise aus einem Gespräch brachte, das langsam unangenehm wurde. Schnell flüchtete ich in die Küche um mir einen der weihnachtlichen Pappteller zu schnappen, mit dem ich es mir auf einem bequemen Sessel gemütlich machte. Meine Ärmel waren hochgekrempelt und die Krawatte hatte sich im Laufe des Abends verflüchtigt. Mir war es gleich, denn das köstliche Hähnchen und die Pasta machten mich noch hungriger, weshalb die Krawatte meines großen Bruders mir gleichgültig erschien.
Gierig schlang ich die Portion herunter und seufzte zufrieden. Gutes Essen war doch immer wieder befriedigend.
„Es scheint wohl zu schmecken“, hauchte eine Stimme neben mir, die mich zusammenzucken ließ. Innerlich aufstöhnend nickte ich und aß die letzten Rest, ehe ich den Teller neben mir landete und mein Blick ein weiteres Mal zu Herr Tjarks hoch schellte. Dieser Typ steht wohl auf die Position.
„Und ist mein Sessel bequem?“
„Ziemlich. Ich wusste nur nicht, dass wir noch im Kindergarten sind. Dann hätte ich natürlich nach einem Namensschild gesehen.“
„Höre ich da etwa Sarkasmus, Herr Büttinger?“
„Keineswegs, Herr Tjarks.“, sprach ich und lehnte mich zurück. Er drehte seine Tasse in den Händen. Seine Wange waren gerötet, wie meine, was hieß...er hatte wohl genauso so viel intus wie ich. Nur er schien nicht so ein loses Mundwerk zu bekommen wie ich.
„Wissen Sie...Ich habe mich gefragt...Was haben Sie gegen mich? Ich meine...Ich arbeite schon lange in dieser Firma. Länger, als Sie Chef sind. Und nie habe ich etwas getan. Wie jeder andere besitze ich Fehler, doch das macht meine Arbeit nicht schlechter. Es macht mich menschlich. Doch ich habe das Gefühl, dass alles an mir Sie stört. Und das stört mich. Denn genau DAS macht meine Arbeit schlechter.“
Sein zuvor noch abwertender Blick ließ nach und er begann auf seiner Lippe zu kauen, dann sah er weg und exte den Rest aus seiner Tasse. Ich hielt den Blickkontakt aber aufrecht.
Bis ich jedoch noch weiter etwas sagen konnte rief jemand in die Menge, dass die Geschenke langsam geöffnet werden sollten. Die sah er sofort als Gelegenheit um zu verschwinden. Jeder bekam ein Geschenk auf dem sein Name stand. Nur ein paar Pakete bleiben übrig, nämlich die der Mitarbeiter, welche nicht anwesend waren. Selbst ich bekam eins, was mich deutlich verwunderte.
Viele rissen sofort ihre Geschenke auf, freuten sich, lachten und machten auch ein paar Witze auf die Kosten der Geschenke von anderen. Ich hielt das sorgfältig verpackte Geschenk weiter in meinen Händen und traute mich gar nicht das dunkelblaue Papier zu zerreißen.
Ich versuchte nach der Person Ausschau zu halten, die es mir geschenkt haben könnte, doch niemand blickte zu mir und wartete, dass ich es endlich auspacken würde. Niemand bis auf einen.
Herr Tjarks schaute mich aber wohl nicht wegen meinem Geschenk an, sondern eher wegen dem, welches er in der Hand hielt. Mein kleines Päckchen.
Er riss es schnell, aber vorsichtig auf und öffnete dann zaghaft den Deckel der kleinen Schachtel. Ich stand aus meinem Sessel auf um an ihn heran zu treten. Seine Augen weiteten sich und man sah, wie er leicht schluckte. Dann nahm er es vorsichtig heraus.
Eine Taschenuhr.
Eine tatsächlich sehr besondere. Nicht jeder wusste, dass Herr Tjarks Taschenuhren liebte und diese auch sammelte. Jeden Tag hatte er eine andere bei sich und hütete sie wie einen Schatz. Jedoch eine hatte es ihm wirklich angetan. Diese.
Welche aber vor ungefähr einem Jahr gestohlen wurde, als ein ehemaliger Mitarbeiter sich an ihm rächen wollte, da er gefeuerte wurde.
Diese hatte ich vor einem Monat bei einem Pfandleihgeschäft erkauft, was mich meine halbe Miete gekostet hatte, doch dies war es mir Wert.
„Das..ist doch...“, stammelte er leise, fast flüsternd. Sein Blick hing an mir. Unfähig etwas weiteres zu sagen, redete ich weiter.
„Ich habe die Initialen gesehen und sie sofort gekauft.“ Ich zuckte mit den Schultern und drückte mein Geschenk fest an meine Brust.
„Ich dachte, dass es Sie freuen würde.“
„Manuel...“, hauchte er. Eine Gänsehaut bildete sich an meinen Armen. Noch nie hatte er meinen Namen ausgesprochen.
„Das...vielen Dank...Es ist wirklich...das beste Geschenk, dass man mir machen hätte können...“
Vorsichtig legte er sie zurück und legte die Box auf den Tisch. Dann drehte er sich zu mir.
„Willst du...dein Geschenk nicht öffnen?“
„Irgendwie...es ist so schön verpackt...Ich will's nicht kaputt machen“, gab ich zu und lachte leicht. Verwirrt sah ich auf meine Hand, als er diese nahm und mich mitzog, etwas abseits von der Gruppe, hinter dem Baum.
„Mach es auf.“
„Haben Sie mich...?“
„Bitte.“
Ich seufzte leicht und öffnete vorsichtig das Klebeband hinten um das Papier zurückzuschlagen. Mit jedem weiteren entpacken erkannte ich mehr, was es war und meine Freude stieg weiter.
Ein leichtes Quieken konnte ich mir nicht verkneifen, denn das, was ich in den Händen hielt war die Orginalausgabe von Titanic mit Unterschrift des Autors. Mit großen Augen blickte ich Herr Tjarks an und umklammerte das Buch.
„H-Herr Tjarks...ich...D-Das...“
„Du bist die beste Arbeitskraft. Ausnahmslos. Ich kann mein Verhalten nicht erklären, aber es tut mir wirklich leid. Du leistest großartige Arbeit und bist mit niemandem zu vergleichen, Manuel. Du bist außergewöhnlich, kreativ, klug und einer der individuellsten Menschen, die ich je kennenlernen durfte. Ich werde mich nie wieder so verhalten wie vorher. Das verspreche ich.“
Sein Blick wirkte wahrlich entschuldigend, was mir ein Schmunzeln entlockte. Dann nickte ich.
„Okay...Danke...“, sagte ich, da ich nicht wirklich in der Lage war etwas anderes von mir zu geben.
Wir lächelten einander an. Irgendwann merkte ich jedoch, dass sein Blick nach oben ging und er stockte. Irritiert folgte ich diesem und sah mit leicht geöffnetem Mund zu dem grünen Gehängsel, welches über unseren Köpfen schwebte.
„Ein Mistelzweig“, flüsterte ich und konnte meine Nervosität nicht wirklich verhindern. Wir beide wussten, was dies hieß nur...wer würde es durchziehen. Doch nicht wir beide, ich meine wir sind Kollegen, außerdem ist e-Thaddeus ließ mich jedoch nicht weiter darüber nachdenken, denn seine warmen Lippen legten sich auf meine, während eine seiner Hände in meine Haare fuhr und mein Körper näher an seinen gezogen wurde.
Ich tat nichts anderes, als zu erwidern.
Review schreiben