Das Geheimnis des schwarzen Reiters

GeschichteKrimi / P12
01.12.2018
15.03.2019
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Kapitel 10 Im Chaos der Gefühle
Allmählich löste die rotglühende Morgenröte, den immer mehr zurückweichenden schwarzen Nachthimmel ab, während die aufgehende und flammende Sonne den Wald langsam mit ihren ersten, aber doch schon recht grellen Strahlen in ein einzigartiges helles Spiel aus Licht und gemäßigten grauen Schatten verwandelte. Indessen erwachten auch die ersten Amseln aus ihrem Schlaf und begannen leise ihr Lied zuträllern, in dem sich im Laufe der Zeit auch die Käuze mit einreihten. Unruhig und noch völlig übermüdet, erwachte auch Käthe inmitten dieser friedfertigen Umgebung im Baumhaus auf und rieb sich langsam mit dem rechten Zeigefinger die Kläterchen aus den Augen. In dieser kurzen Nacht hatte sie nur noch an Paul denken können und an die womöglich quälende Tatsache, dass sich Isabelle immer mehr zwischen sie und ihrem besten Freund drängte. Bei diesem aufkommenden Gedanken, begann sie leise vor sich hin zu seufzen und sah das Mädchen mit den blonden, lockigen Haaren, das sogar jetzt noch im Schlaf vor sich hinlächelte, besorgt an. Käthe wusste zwar nicht genau was wahre Liebe bedeutete und wie sie sich vielleicht anfühlen musste, dafür aber wusste sie ganz genau was wahre Freundschaft bedeutete. Nämlich immer für den anderen da sein, den anderen in den Arm nehmen und ihn zu trösten wenn er Probleme hatte, was am liebsten ihre Mutter nach einem Streit mit ihrem Vater tat, manchmal aber reichte es auch schon aus mit dem anderen über das belastende Problem zu reden, so wie es oft Paul tat, um den anderen ganz einfach eine schwere Last von den Schultern zu nehmen, während in manch anderen Fällen bloß eine simple und kleine alltägliche Geste ausreichte, um die Freundschaft zu erhalten, so wie es bei dem aufrichtigen Richard der Fall war. Über Käthes Gesicht huschte ein zartes Schmunzeln. In ihren Augen war es leicht zu sagen, du bist mein Freund, doch was bedeuteten diese vier Wörter wenn dieses starke Band zu zerreißen drohte ? Was wenn Paul nach diesen überstandenen Erlebnissen mehr mit Isabelle unternehmen wollte als mit ihr ? Immerhin war sie nicht blind und hatte mehr als einmal gesehen, das sich ihr Freund sehr um sie kümmerte. Ein Zustand, der bei Käthe noch immer einen leicht bitteren Beigeschmack auf ihrer Zunge hinterließ und womöglich wäre in ihrem Innern eine erneute Eifersuchtswelle hochgekocht, wenn in diesem Moment nicht Paul selbst mit einem lauten Gähnen aufgewacht wäre und sie leicht schmatzend angesehen hätte.
,,Morgen Käthe. Und ? Hast du  Isabelle doch noch die Sage von der Roßtrappe erzählt ? Immerhin wart ihr doch noch länger wach als ich.”
Käthe bekam daraufhin große Augen.
,,Hast du...Hast du etwa unser Gespräch mitbekommen ?”
Verdutzt begann Paul nun eine Augenbraue zu heben.
,,Gespräch ? Was denn für ein Gespräch ?”
In diesem Moment verengten sich ihre Augen zu Schlitzen, bevor sie betrübt ihren Blick von ihrem Freund abwandte. Einerseits war sie mehr als nur froh, dass Paul nichts von Isabelles Schwärmerei und ihre kühle Aussage über ihn mitbekommen hatte, aber andererseits stimmte es sie auch unendlich traurig, das sie selbst nicht bereit war, über ihren eigenen Schatten zu springen. Nur ein einziges Mal wünschte sich das Mädchen mit den Zöpfen, das sie genauso offen über anstehende Probleme sprechen konnte wie Paul. Ihn fragen ob die Freundschaft zu Isabelle ihm vielleicht wichtiger war, als zu sie. Doch das konnte Käthe einfach nicht ! Viel zu groß war die Angst davor, das es die Wahrheit war. Und was wäre dann ? Sie würde wie ein zerknittertes Erinnerungsfoto in eine Truhe gelegt und vergessen werden. So wie sich einst salzige Tränen im strömenden Regen vermischten und man hinterher nicht mehr die beiden Flüssigkeiten auseinander halten konnte.
,,Käthe ?”
Auf Pauls vorsichtige Frage, erwachte Käthe aus ihrer ängstlichen Starre und fuhr sogar schlagartig zusammen, ehe sie antwortete.
,,Es....es ist nichts Paul.”
Der Junge mit den kurzen und dunkelbraunen Haaren seufzte, auf Käthes flüsternde Worte, auf. In diesem Moment erinnerte er sich an den Tag, als das Hotel Zehenpfund eröffnet wurde zurück, als er mit ihr nach dem wundervollen Besuch vor dem Eingang gestanden und sie ihren Tränen freien Lauf gelassen hatte. Es waren original dieselben Wörter und zweifellos dieselbe Betonung wie damals gewesen. Und dennoch, so war sich  Paul sicher, handelte es sich hierbei nicht nur um den Traum wie eine Prinzessin in einem Hotel zu wohnen. Da musste einfach mehr dahinter stecken und er war fest entschlossen, es herauszufinden.
,,Das letzte Mal, als du das gesagt hast, bist du einfach vor dem Eingang des Hotels aufgesprungen und bist gegangen. Neuerdings scheinst du immer gerne das Gesprächsthema abzubrechen, wenn es dir zu Herzen geht, oder Käthe ?”
Das Mädchen mit den Zöpfen biss sich verkrampft auf die Unterlippe. Paul hatte sie durchschaut. Wie so oft in letzter Zeit und dennoch. Sie wollte mit ihm nicht über ihre Vermutung reden und schlagartig fiel ihr auch wieder Richard ein, wobei sich ihre Augen auf der Stelle vor Angst weiteten. Auch ihr Freund bemerkte diese plötzliche Veränderung in ihrem Gesicht und schaute sie besorgt an.
,,Käthe ?”, versuchte er zaghaft sie zum Reden zu bewegen, während Käthe ihn nun gefasst anschaute.
,,Richard ist noch immer nicht zurück.”
In binnen weniger Sekunden wich aus Pauls Gesicht sämtliche Hautfarbe, während das Mädchen noch einmal kurz aufschluckte. In ihrem Gedanken tauchte nur noch eine Frage auf, die sie schließlich leicht zögernd an Paul stellte.
,,Meinst du er ist nach Thale zurück gelaufen, um seinen Vater zu helfen ?”
Paul schien in diesem Augenblick die Luft anzuhalten, ehe er schlussendlich langsam zu nicken begann. In diesem Moment wurde nun auch Käthe leicht blass um die Nase, doch bevor sie auch nur ansatzweise noch etwas hinzufügen konnte, sprach Paul weiter.
,,Du bleibst bei Isabelle, während ich mich auf dem Heimweg mache, okay ?”
Doch noch ehe Paul sich flink wie ein Wiesel zur Leiter umdrehen konnte, packte Käthe ihn auch schon reflexartig am Handgelenk. In dieser Sekunde war es ihr egal, ob ihr Freund in Zukunft mehr mit Isabelle unternehmen würde oder nicht. Für sie zählte nur, das er lebte und vor allem Dingen überlebte !
,,Tue es nicht Paul !”
Doch der Junge hielt an seinem Vorhaben fest. In seinen Gedanken tauchte nur noch eine ernste Sorge auf, die er klar und deutlich aussprach.
,,Ich werde Richard nicht im Stich lassen ! Wer weiß was diese Typen mit ihm machen werden. Ich lasse nicht zu, das sie ihm irgendetwas antun !”
Abrupt ließ das Mädchen ihn los und fuhr ihn wütend an.
,,Du tust so als wärst du sein großer Bruder und nicht sein Freund ! Bist du nur besorgt um ihn oder um uns alle ?!”
Langsam schaute Paul sie mit entsetzten Augen an. Noch nie hatte er Käthe so selbstsüchtig reden gehört und es kam ihm so vor, als hätte er in dieser Minute eine völlig andere Person vor sich stehen. Käthes Blick hingegen richtete sich nur noch auf den Bretterboden zu ihrem Füßen. Am liebsten hätte sie sich selbst gerne dafür eine Ohrfeige verpasst. Wieso redete sie auf einmal so abwertend mit Paul ? Er hatte ihr doch gar nichts getan ! Ein flaues Gefühl  breitete sich allmählich in ihrem Magen aus und ein schlechtes Gewissen schlich sich langsam in ihrem Verstand. Sie fand es selbst widerwärtig und schockierend zugleich wie sie mit ihm gesprochen hatte und sie bereute es aus dem Tiefsten ihres Herzens heraus. Käthe wollte sich noch entschuldigen, als auf einmal Isabelles leicht zitterndernde Stimme neben ihr erklang.
,,Ich habe Angst.”
Paul und Käthe ließen nun gleichzeitig mitleidige Blicke auf das blondgelockte Mädchen schweifen, das ihre neugewonnenen Freunde im Gegenzug ängstlich musterte. Beide wussten ganz genau, dass die Wahrheit für Isabelle noch viel schwerer zu ertragen war. Sie wusste von all dem was hier vor sich ging doch überhaupt nichts.
,,Du brauchst keine Angst zu haben. Es wird alles gut, glaube mir.”, entgegnete Paul, der für einen Wimpernschlag Käthes aufbrausende Wörter vergaß und sogar leicht Isabelles Hand drückte, während Isabelle nun ebenso zart zu lächeln begann. Auch wenn Käthes Eifersucht dadurch eigentlich noch einmal mehr hätte Feuer fangen müssen, tat sie es nicht. Ihr schlechtes Gewissen gegenüber Paul und  ihrem noch verschollenen Freund Richard überwog und schließlich gab sie nach, auch wenn es ihr innerlich beinahe das Herz zerbrach. Vielleicht ihren Freund nie wieder zu sehen.
,,Na schön Paul. Ich kann dich nicht zwingen hier zu bleiben. Aber bitte pass auf dich auf ! Und was ich über dich gesagt habe…”
Doch ihr Freund hob nur beschwichtigend seine andere Hand und wunk ab.
,,Vergiss es Käthe. Wir alle können einmal einen Fehler machen. Die Hauptsache ist doch, das wir Richard so schnell wie möglich finden, ehe es zu Spät ist.”
Das Mädchen mit den Zöpfen seufzte noch einmal tief auf und nickte. Es war klar das er recht hatte. Pauls letzter Blick galt Isabelle, wobei er ganz langsam seine Hand von ihrer löste.
,,Ich weiß das du noch immer Angst hast, aber du bist nicht allein. Käthe bleibt hier und passt auf dich auf.”
,,Okay.”, hauchte Isabelle, während Paul nur noch entschlossen nickte, zügig nach unten kletterte und den Weg mit den vielen Erlen einschlug, der ihn geradewegs nach Thale führen sollte, während die Mädchen ihn mit gemischten Gefühlen hinterher sahen. Isabelle, die sich nichts sehnlicher wünschte, als einen starken Beschützer an ihrer Seite zu haben und Käthe, die verzweifelt um ihre starke Freundschaft kämpfte und aufrecht erhalten wollte. Zwei Herzen, die unterschiedlicher nicht sein konnten und dennoch beinahe dasselbe im Angesicht des aufkommenden frühmorgendlichen Nebels fühlten, der sich allmählich wie ein aufkommender Schleier über die Wiesen und Äcker des Harzes erstreckte.
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