Advent, Advent

von Etari
GeschichteAllgemein / P12 Slash
01.12.2018
16.12.2018
16
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6.
Vorsichtig, ganz vorsichtig öffnete sie das Fenster und setzte einen Fuß auf die Fensterbank.
Ein Blick zurück in ihr Zimmer zeigte ihr, dass die Tür noch genauso verrammelt und verriegelt war, wie sie sein sollte. Es würde eine Weile dauern, bis ihre Familie dadurch war.
Mit einem Grinsen setzte sie den zweiten Fuß auf die Fensterbank und atmete einmal tief durch, bevor sie den Mut fasste und mit einem beherzten Sprung aus dem Fenster sprang. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich auf den Wind um sich herum und tatsächlich, er verdichtete sich und bremste ihren Fall, bis sie mit einem dumpfen Schlag auf dem Boden aufkam.
Es tat weh, doch ein Blick zurück zu ihrem Fenster zeigte ihr, wie hoch es eigentlich wirklich war. Es war ein Risiko gewesen, doch sie hatte einfach gewusst, dass sie mittlerweile gut genug war, um sich abzufangen. Sie hatte lange genug heimlich geübt um zumindest so viel Kontrolle über ihre Magie zu haben.
"Meimei!"
Erschrocken sah sie hoch zum Flurfenster vor ihrem Zimmer, aus dem ihr Vater den Kopf steckte. Er sah ziemlich bleich aus. Wütend und Erschrocken zugleich.
Hastig sprang Meimei aus der Hocke auf und rannte los auf die Mauer zu, die ihr Grundstück umgab und sie schützen und gleichermaßen einsperren sollte. Mit Anlauf sprang sie hoch und bekam gerade so die obere Kante der Mauer zu packen. Sie sammelte die Magie unter ihrem Fuß und konnte die Luft gerade weit genug verdichten, dass sie sich abstoßen und über die Mauer klettern konnte. Mehr schlecht als recht, doch es gelang ihr.
Auf der anderen Seite fiel sie unsanft auf die Straße, zu begeistert über ihren gelungenen Fluchtversuch, als dass sie sich auf ihre Magie konzentrieren konnte.
Nicht, dass es schon vorbei wäre.
Meimei rappelte sich auf und rannte die Straße entlang.
Es war ein seltsames Gefühl, die Straße entlang zu rennen. Rennen gehört sich für eine Lady nicht. Genauso wenig wie die Kleidung die sie sich wohlweißlich heimlich besorgt hatte. Sie liebte ihre Kleider, doch in der Stadt würde sie darin nur auffallen. Die Hose und die Tunika, die sie jetzt trug, waren deutlich unauffälliger und auch sehr viel praktischer und Meimei genoß jeden Moment, in dem kein kiloschwerer Stoff jede ihrer Bewegungen verlangsamte und Rennen praktisch unmöglich machte.
Lachend warf sie den Kopf zurück und wäre um ein Haar gegen einen Karren gelaufen.
Stolpernd kam sie zum Stehen und sah sich auf der Kreuzung um, auf der sie gelandet war. Bisher war sie noch nie in diesem Teil der Stadt gewesen. Höchstens im Theater oder in Begleitung auf dem Markt. Dashier war jedoch weder das eine, noch das andere.
Es war eine einfache Kreuzung von der mehrere Straßen abgingen. Leute liefen geschäftig hin und her und hier und da konnte sie Händler oder Arbeiter sehen, die ihre Magie für ihre Arbeit nutzten. Ein paar Meter in eine Straße hinein war ein Schmied, der seine Eisen nur mit Magie zu erhitzen schien und ein Händler baute seinen Stand mit ein paar einfachen Zaubern auf.
Begeistert ging Meimei weiter. Sie musste nicht mehr rennen. So schnell würden sie sie hier nicht finden. Sie sah aus wie jeder andere. Zumindest fast.
Mit einem Seufzen zog sie die Mütze aus der Tasche, die sie mitgenommen hatte und schob ihre ohnehin schon geflochtenten Haare nach oben, um sie mit ein paar Haarnadeln zu befestigen und dann unter der Mütze zu verstecken. Sie mochte ihre Haare, doch die meisten Arbeiter trugen die Haare kurz und die Frauen hatten andere Kleidung an, also sie sie trug. Und sie wollte so wenig wie möglich auffallen und ihren Ausgang so lange wie möglich genießen. Denn wenn sie erstmal wieder Zuhause war, würde sie so schnell nicht wieder weg kommen. Dafür würden sie schon sorgen und dann würde der langweilige Unterricht weiter gehen.
Wie man sich zu benehmen hatte.
Tischregeln.
Und vor allem, eine Dame hat ihre Magie zu zügeln, denn niemand will eine Frau heiraten, die eine stärkere Magierin ist, als er selbst. Schon gar nicht, wenn es sich um Magie der zweiten Stufe handelte.
Manchmal hatte Meimei das Gefühl, dass irgendein Fehler passiert war. Frauen hatten meistens Magie der vierten oder fünften Stufe. Küchenmagie, irgendwas mit Pflanzen oder Tieren. Ihre Mutter konnte Stoffe mit Magie bearbeiten. Ihr Bruder Yao hatte immerhin Magie der dritten Stufe. Er konnte Sachen bewegen. Genau wie ihr Vater.
Und sie hatte Elementarmagie. Niemand wusste wieso.
In Gedanken versunken ging sie durch die Straßen und sah sich alles an. Die Menschen, die Geschäfte, das Treiben auf dem Marktplatz.
Besonders die Menschen hatten es ihr angetan. Jeder verhielt sich anders. Auf seine ganz spezielle Weise. Es war faszinierend zu sehen, wie sie alle so gleich und doch so unterschiedlich waren und Meimei machte sich einen Spaß daraus, den Charakter und die Magie der Leute anhand ihres Auftretens zu erraten. Manchmal war es leicht. Manchmal lag sie völlig daneben. Doch beides war ihr gleichermaßen recht.
Das ganze ging so lange gut, bis sich plötzlich eine Hand auf ihre Schulter legte.
Sie zuckte zusammen und fuhr erschrocken herum und starrte ihren Bruder an, der sie ernst ansah.
"Meimei, weißt du, was für Sorgen sich unsere Eltern machen?"
Schuldbewusst sah sie zur Seite. Natürlich machten sie sich Sorgen. Immerhin sollte sie gar nicht in der Lage sein, sich alleine zurecht zu finden. Das hatte sie sich alles selbst beigebracht, indem sie die Bediensteten belauscht hatte.
"Wie wärs? Du kommst mit und ich leg ein gutes Wort für dich ein und sorge dafür, dass du nicht zu lange Hausarrest hast?" Yao lächelte sie freundlich an. Er versuchte wirklich ihr zu helfen. Von ihren Geschwistern mochte sie ihren ältesten Bruder am liebsten, aber gleichzeitig machte sie das ganze auch wütend.
"Es ist egal, ob ich Hausarrest habe oder nicht. Selbst wenn ich keinen Hausarrest habe, bin ich nur eingesperrt!" fuhr sie ihn an und riss sich los. Hastig rannte sie wieder davon in dem Versuch, ihrem Bruder zu entkommen, was nicht so einfach war. Nicht, wenn er ihr mit seiner Magie Kisten in den Weg warf und sowieso viel sportlicher war als sie. Im verfolgen war er gut, immerhin war er Offizier.
Auf einer geraden Strecke konnte sie ihn nicht abhängen, also bog sie in eine Gasse ab in der Hoffnung ihm so entkommen zu können, doch sie war keine fünf Schritte gelaufen, als sie die Mauer sah, die sich quer durch die Gasse zog. Mindestens so hoch wie die Mauer zuhause. Vermutlich noch höher. Doch es half nichts. Sie musste es probieren oder sie würde für die nächsten fünf Jahre vermutlich keinen Schritt mehr vor die Tür setzen.
Meimei nahm all ihre Magie zusammen und versuchte einen Absprung zu schaffen, von dem aus sie einen weiteren Schritt in der Luft tun und auf die Mauer kommen würde. Doch die Magie war nicht dicht genug und nach anfänglicher Stabilität stürzte ihr Fuß mitten im Sprung ins Leere und sie viel nach vorne, direkt auf die Wand zu.
Mit einem Schrei streckte sie die Arme aus, um ihr Gesicht zu schützen, als sie plötzlich aufgefangen wurde. Von der Luft.
Verwirrt sah sie zu Yao, der ein paar Meter hinter ihr stand und sie anstarrte, doch er konnte es eigentlich nicht sein. Er konnte nur tote Gegenstände bewegen, keine lebenden.
"Nimm schon, bevor der uns noch kriegt."
Überrascht sah sie nach oben. Auf der Mauer hockte ein Junge und hielt ihr die Hand hin. Immer noch verwirrt ergriff Meimei sie und wurde in einem einzigen Windstoß nach oben zu ihm auf die Mauer gezogen, nur damit der Junge sie gleich darauf auf der Mauer entlang hinter sich her zog.
Meimei stolperte ihm hinterher und ließ sich halb ziehen, bis sie an eine Ecke kamen, doch statt die Richtung zu wechseln und auf der Mauer oder einem der Dächer weiter zu laufen, rannte der Junge gerade wegs ins Leere gerade aus und zog Meimei hinter sich her, die einen spitzen Schrei ausstieß.
Doch statt zu fallen - und der Fall war deutlich tiefer als der dritte Stock in dem ihr Fenster lag - liefen sie einfach weiter.
Oder vielmehr, sie wurden weiter getragen, bis sie weiter hinten auf einem Dach ankamen und der Wind sie absetzte.
Atemlos und etwas zittrig starrte Meimei zurück zur Mauer, die mindestens hundert Meter entfernt lag. Die ganze Distanz waren sie geflogen.
"Alles gut bei dir?"
Meimeis Kopf fuhr so schnell zu dem Jungen herum, dass sie ihr eigenes Genick knacken hören konnte.
Er hatte dunkles Haar und dunkle Augen und ein freches Grinsen im Gesicht.
"Das war echt knapp. Was hast du ausgefressen, dass die Stadtwache hinter die her ist?" Er klang amüsiert. Überhaupt nicht so, als würde er mit einem potentiellen Verbrecher sprechen und Meimei beschloss ihre Chance zu nutzen. Das freche Funkeln in seinen Augen war ansteckend.
"Der Fluch der Schönheit." Und sie warf sie das Haar über die Schulter, das bei der Flucht aufgegangen und unter ihrem Hut hervorgequollen war.
Der Junge lachte.
"Ich hab dich hier noch nie gesehen. Wie heißt du?"
Sein Lachen klang ein wenig wie der Wind. Frei und unbekümmert.
"Meimei..."
Erst, als sie ihren Namen sprach fiel ihr auf, dass sie ihren Nachnamen nicht nennen konnte, ohne das der Junge sofort wissen würde wer sie war.
"Freut mich. Ich bin Leon."
Scheinbar waren unter normalen Menschen Nachnamen nicht so wichtig.
"Freut mich auch, Leon."
Und er reichte ihr die linke Hand, da sie seine rechte immer noch festhielt und mit einem Lachen schüttelte Meimei die Hand, einen Knoten in den Armen.
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