Keryno - Das Geheimnis der Welt

von Celikreax
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P16
01.12.2018
10.12.2018
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Zögerlich öffne ich erst das eine und dann das andere Auge. Fassungslos starre ich auf den Boden, dann nach oben und zur Seite. Wieso zur Hölle schwebe ich in der Luft? Ein merkwürdiger, leichter Goldschimmer hat sich um meinen Körper gelegt. Was zur Hölle ist das? Ehe ich realisiere, was hier gerade geschieht, schwebe ich von selbst langsam nach unten, strecke mein rechtes Bein aus und berühre mit rechten Fuß den Boden, während mein linkes Bein noch angewinkelt in der Luft hängt. Ein Hauch von Geborgenheit und Sicherheit fährt sachte durch meinen Körper, wie ein Blatt, das vorsichtig von einem Baum auf einen Arm segelt. Verwirrt und auch irritiert schaue ich nach oben und sehe, wie Anastasia und ihre Anhängsel geschockt zu mir herunterschauen. Keine Sekunde später ist der goldene Schimmer genauso schnell wieder verschwunden wie er gekommen ist und Kaja, die in einem mordsmäßigen Tempo die Treppen runter gerannt sein muss, wirft sich in meine Arme. Ich bin völlig betäubt, weiß nicht was ich gerade denken soll. Mein Kopf ist wie leer gefegt.

„Ich hab gedacht du stirbst!“, schluchzt sie. Ich tätschle ihr kurz den Kopf, unwissend, was ich sagen soll. Was sollte das? Hat mich vielleicht irgendjemand aus der Ferne gerettet? Was es wieder Levi, der mich vor dem Tod bewahrt hat?

***


Seit dem Vorfall sind vier Tage vergangen und noch immer weiß ich nichts Genaueres über das, was passiert ist. Nur, dass es nicht Levi war, denn als ich ihn darauf angesprochen habe, hatte er keine Ahnung wovon ich rede. Anastasia scheint den Vorfall geheim zu halten, denn sonst würde sie sicher in ein schlechtes Licht gestellt werden. Naja, da ich für das Geschehene sowieso keine Erklärung finden kann, habe ich beschlossen, das Ganze vorerst auf sich beruhen zu lassen. Es bringt mir auch nichts, wenn ich mich deswegen jetzt verrückt mache.

Heute steht ein besonderer Tag an, denn die Klassen wurden in zwei Hälften geteilt. Zu meinem Leidwesen ist Anastasia ebenfalls in meiner Gruppe, hat mir jedoch bisher keine Probleme gemacht und scheint mich eher zu ignorieren.

Die Bäume biegen sich protestierend abermals gegen den Wind, der den Anschein macht, als wolle er sie zu Fall bringen. Der Himmel ist vollständig von grauen Wolken verdeckt und nur in der Ferne kann man einzelne Sonnenstrahlen sehen, die sich einen Weg zwischen den flauschig aussehenden Auftürmungen gebahnt haben.

Die Gruppe in der Kaja ist, hat sich heute zur Mauer, die offenbar stark bewacht wird, begeben und soll dort bei verschiedenen Dingen helfen, während meine Gruppe bei langweiligen Büroarbeiten und beim Aufräumen in der Bibliothek helfen soll. Diese erstreckt sich über mehrere Etagen und die kunstvoll verzierte, hohe Decke wird von majestätischen, gräulichen Säulen gestützt, die sich wie Wächter seitlich aufgereiht aus dem Boden erheben und der Bibliothek ein gewisses antikisches Flair verleihen. Aufgrund der Größe kann man nicht einmal annäherungsweise schätzen, wie viele Bücher diese Bibliothek beherbergt.

Eigentlich sollen wir hier einen riesigen Haufen Bücher und auch Dokumente einordnen, aber beim Einsortieren ist mir ein Buch förmlich ins Auge gesprungen, in dem offenbar eine Menge über Vampire zu stehen scheint. Bisher hat mich niemand weiter über diese Monster aufgeklärt und wer weiß wie lange das noch dauert? Also habe ich mir das Buch einfach geschnappt und einen Sessel gesucht, der ziemlich abseits liegt, sodass mich keiner so schnell finden sollte. Als ich mich in dem Sessel niederlasse, versinke ich ein paar Zentimeter in dem weichen Stoff, so als würde er wollen, dass ich eins mit ihm werde. Nachdem ich eine bequeme Haltung eingenommen habe, schlage ich die ersten Seiten des Buches auf, um endlich mehr über meine Feinde, die Mörder meiner Freunde, herauszufinden. Es sollte nicht schaden, wenn ich für ein paar Minuten Pause mache.

In einem der Kapitel steht, dass Vampire nicht im Sonnenlicht verbrennen, sondern nur leicht geschwächt werden und Knoblauch ihnen nichts ausmachen würde, ebenso wenig wie ein Holzpfahl. Sie weisen eine extrem hohe und schnelle Heilfähigkeit auf, die jedoch bei schnell zugefügten und großen Wunden immer schwächer wird, sodass das Heilen immer mehr Zeit in Anspruch nimmt. Vor allem Angriffe durch Magie erschweren den Heilungsprozess umso mehr und fügen ihnen großen Schmerz zu. Vampire können nur negative Gefühle wie Wut, Misstrauen, Durst oder Hass zum Ausdruck bringen und sind nicht dazu in der Lage, so etwas wie Liebe zu fühlen, da sie nur auf ihre Vorteile bedacht sind.

Die Wesen der Nacht leben in Rängen, die durch die Blutslinien und ihre Fähigkeiten gebildet werden. Die Vampirgesellschaft hat also die Form einer Pyramide, mit dem Vampirkönig an der Spitze. Der ‚Herrscher des Blutes' weist eine viel höhere Geschwindigkeit und Stärke als die anderen Vampire auf, zu seinen Fähigkeiten fehlen jedoch jegliche Angaben. Zur Königsfamilie gehören außerdem noch drei Fürsten, von denen es früher mal sechs gab, aber warum es heutzutage nur noch die Hälfte ist, ist unbekannt. Die Königsfamilie besitzt reines, vampirisches und königliches Blut, denn ihre Blutlinie entstammt der des allerersten Vampirs. Ohne eine Zustimmung der drei Fürsten kann der Vampirkönig offenbar keine Gesetze oder anderes bestimmen.

Direkt danach folgen die A-Vampire, die ebenfalls reiner vampirischer Abstammung wie die Königsfamilie sind, also enthält auch ihr Blut kein menschliches, sondern nur vampirisches Blut. Sie sind die mächtigsten aller Vampire nach der Königsfamilie und sind auch als die ‚Adligen‘ bekannt. Sie sind stärker, schneller, haben einen besseren Geruchssinn und außerdem manchmal sogar zwei magische Fähigkeiten – was zwar sehr selten ist, aber trotzdem vorkommen soll. Zudem können sie niedrigere Vampire physisch kontrollieren und strahlen eine ungeheure Macht aus. Die A-Vampire selbst hingegen sind jedoch der Königsfamilie und dem Vampirkönig unterwürfig, unterlegen. Die Oberhäupter der A-Vampirfamilien bilden mit dem Vampirkönig einen Rat, um dem Herrscher bei Entscheidungen zu helfen, zu unterstützen und zu beschützen. Übrigens werden die Königsfamilie sowie die A-Vampire als Reinblüter bezeichnet und  können die volle Kontrolle und absoluten Gehorsam über einen von ihnen verwandelten Menschen erhalten, indem sie ihr Meister werden und den Vampir unfähig machen sie zu töten. 

Anschließend folgen die B-Vampire, die meist A-Vampiren dienen und Reinblütern unterwürfig sind. Sie scheinen die obersten Soldaten der Vampirarmee zu sein und eine magische Fähigkeit zu besitzen. Da sich in ihren Blutlinien irgendwann einmal Menschenblut befunden hat, sind sie nicht reinblütig.

Als Vorletztes kommen die C-Vampire, die keinerlei besondere Fähigkeiten haben, lediglich eine höhere Geschwindigkeit, Stärke und einen stärkeren Geruchssinn wie Menschen. Oft handelt sich es sich hierbei um verwandelte Menschen. C-Vampire dienen oft A- oder B-Vampiren, haben somit einen Meister und bekommen bei einem gut erfüllten Auftrag ein wenig Blut des Meisters, das sie stärkt. Sie bilden den größten Teil der Vampirarmee und arbeiten innerhalb dieser auch mit B-Vampiren zusammen. C-Vampire sind mit den D-Vampiren die einzigen Vampire, die keine Fähigkeiten besitzen.

D-Vampire sind die unterste Schicht der Vampirgesellschaft, denn bei ihnen handelt es sich um verwandelte Menschen, die mit dem Vampirdasein nicht zurechtkommen, dem Wahnsinn verfallen und wahllos töten. Deswegen soll der Vampirkönig vor einigen Jahren ein Gesetz verordnet haben, das die Verwandlung von Menschen verbietet, da sie D-Vampire als puren Abschaum ihrer Gesellschaft betrachten. Nur Reinblüter dürfen Menschen weiterhin verwandeln, da von Reinblütern verwandelte Menschen niemals zu D-Vampiren werden.

Was? Menschen, die verwandelt wurden und dann wahllos andere umbringen, weil sie mit ihrem Vampirdasein nicht klar kommen? Das klingt viel zu grausam... Aber Moment mal. Diese Menschen können doch dann gar nichts dafür, dass sie zu einem blutrünstigen Monster geworden sind. Was würde ich wohl tun, wenn ich einem Vampir, der früher mal ein Mensch war, gegenüberstehe? Verschonen oder trotzdem töten? Ich weiß es nicht, aber darüber möchte ich jetzt lieber nicht nachdenken. Ich hoffe einfach, dass ich niemals in so eine Situation kommen werde.  

Vampire können sich nicht den Befehlen des Meisters oder einem Vampir, der einen höheren Rang besitzt, widersetzen. Niedrigere Vampire können sich beispielsweise nicht einem A-Vampir widersetzen, da das mächtige Blut und die Fähigkeiten des A-Vampirs den (zum Beispiel) B-Vampir unterwürfig machen. Die Vampire spüren jeweils die Kraft des Blutes eines anderen Vampirs. In der Regel bewundern und verehren die niederen  Vampire die Reinblütigen jedoch, da sie auch großen Respekt vor ihnen besitzen und sich somit eigentlich kaum ein Vampir den Stärkeren widersetzt.
In einem anderen Kapitel geht man näher auf den Heilungsprozess ein, der durch Artefakte oder generell Magie um einiges erschwert wird. Abgetrennte Gliedmaßen können sie jedoch einfach wieder anfügen. Vampire mit normalem Feuer zu verbrennen nützt nichts, nur Feuermagie zeigt eine Wirkung. Kann der Heilungsprozess eines Vampirs nicht starten, kann selbst er an seinen Wunden versterben, sollten diese groß genug sein und er kein Blutopfer finden, aber selbst ein Stich mit einem Artefakt mitten ins Herz sollte genügen.
Damit jedoch die Menschen keine Überreste der Vampire finden, muss eine Flüssigkeit auf die Vampirleiche gegeben werden, die daraufhin rasend schnell zersetzt und zu Asche wird.

„Erschreck mich nicht so!“, rufe ich erschrocken aus, als auf einmal Levi vor mir steht.
Dieser lacht bloß herzhaft und löst somit irgendwas in mir aus.
Lachen… Wann habe ich das letzte Mal gelacht? Ich werde es womöglich nie wieder tun.

„Lach nicht so doof.“„Geschieht dir Recht, wenn du hier so rumfaulenzt, obwohl du Bücher einsortieren solltest.“„Huh? Wie war das? Du bist selbst nicht besser, du drückst dich nämlich schon den ganzen Tag vor der Arbeit und liegst irgendwo und pennst!“

Er zuckt bloß mit den Schultern. „Ich darf das.“

„Aha? Und warum ich nicht?“

In dem Moment, als er mir antworten will, ertönt ein Gong und unterbricht Levi, ehe er anfangen konnte zu sprechen.

„Achtung, Achtung! Alle Keryno der Kampfeinheit, die in diesem Moment Zeit haben, machen sich sofort auf den Weg zur Grenze, Teil 2 Abschnitt 1! Die Grenzen werden von Vampiren angegriffen! Ich wiederhole...“

Vampire? Kaja ist doch... Mit einem „Tch“ rennt Levi los und ich folge ihm.

„Schon wieder? Meine Fresse diese Drecks Vampire nerven. Ich wollte mich gerade noch mal auf’s Ohr hauen“, murmelt er vor sich hin. Erst als wir aus dem Schulgebäude heraus sind bemerkt er, dass ich hinter ihm bin. „Was machst du da? Bleib gefälligst im Schulgebäude!“ Ich ignoriere ihn und folge ihm weiterhin.

Wir beschleunigen unser Tempo, als noch andere Schüler zu uns stoßen, die alle ein schwarz-gelbes Band um ihren Arm tragen, auch Anastasia und ihre Anhängsel sind dabei.

„Sollte so jemand wie du nicht im sicheren bleiben? Du willst wohl unbedingt sterben, was? Du hast auch gar nicht die Befugnis dazu, zu kämpfen, denn du gehörst der Kampfeinheit nicht an!“, spuckt sie förmlich.„Ich werde nicht sterben und es ist mir egal, dass ich nicht zur Kampfeinheit gehöre. Außerdem kann dir das sowieso am Arsch vorbeigehen“, entgegne ich ihr sichtlich genervt.

Wenn ich mir das richtig gemerkt habe, dann bildet die Mauer einen Kreis und es gibt vier Teile und zwischen diesen wiederum kleine Abschnitte. Die vier Hauptteile haben anscheinend ein großes Tor und die Abschnitte sind für die Überwachung der Mauer. „Hey, du darfst nicht nach draußen!“, rufen die Anderen, als ich einfach an den Wächtern vorbei und durch das Tor stürme.

Ich schaue nach rechts und links, höre auf mein Bauchgefühl, das förmlich ‚rechts‘ zu schreien scheint. Hinter mir höre ich noch andere Schritte. Verdammt, wie weit ist es denn noch? Irgendwann, nach einigen Minuten komme ich an ein Tor vorbei. Hier ist bereits ein Kampf ausgebrochen, in denen sich ein paar Keryno gegen Blutsauger beweisen und ich lege einen Zahn zu.
Hinter mir höre ich nur noch: „Levi, ihr müsst zu Abschnitt 3, da ist es am schlimmsten! Ausgerechnet heute sind an diesem Abschnitt nur wenige von der Kampfeinheit.“
Ein weiteres Mal beschleunige ich mein Tempo und komme irgendwann an Abschnitt 3 an, wo ich geschockt stehen bleibe. Eine nicht überschaubare Anzahl an Vampiren erstreckt sich vor mir, gegen die nur wirklich wenige Keryno – höchstwahrscheinlich die Wächter dieses Abschnitt – kämpfen, während die Schüler, darunter auch Kaja, an der Mauer lehnen. Die Kämpfenden haben eine Art Schutzwall vor ihnen gebildet und verhindern somit, dass die Vampire den schutzlosen Schülern, die ja noch keine Kampferlaubnis haben, auch nur ein Haar krümmen. Levi und die Anderen rennen an mir vorbei und stürzen sich mit ihren Artefakten in den Kampf, die wie aus dem Nichts erscheinen. Die Wächter halten sich nun eher im Hintergrund, denn sie scheinen schon ziemlich fertig zu sein und mussten etliche Verletzungen davontragen.

„Warum seid ihr noch hier?“
„Wir können hier nicht weg! Wir müssten zu Tor 4 oder Tor 2 aber es ist zu gefährlich!“, antwortet Kaja.
Voller Abschaum mustere ich die Vampire. Fallen über die Menschheit her, als würden wir nur dafür leben. Töten einfach so Menschen, ohne an deren Gefühle zu denken. Aber nicht nur Wut, nein, auch Schmerz und Angst macht sich bei dem Anblick der Vampire in mir breit.

Dominik… Justin… Sam…

Das Szenario, wie meine besten Freunde umgebracht werden, spielt sich wieder vor meinem inneren Auge ab, doch ich schüttle energisch den Kopf, um es aus meinem Kopf zu vertreiben und einen emotionalen Ausbruch zu verhindern.Die Vampire denken, sie könnten mit uns wie mit Puppen spielen. Wütend balle ich meine Hände zu Fäusten und gehe langsam auf die Kämpfenden zu. Ich lasse nicht zu, dass Vampire mit uns länger machen was sie wollen.

„Was machst du da, du Idiotin?! Hau ab!“, brüllt Levi,Meine Beine tragen mich weiter, bis Vampire mich bemerken. Den Blick auf den Boden gerichtet, die langen, braunen Haare fallen mir vors Gesicht, sodass es für andere wahrscheinlich nicht zu sehen ist.

„Ich lasse nicht zu, dass ihr Menschen in meiner Umgebung tötet...“„Was labert die Kleine da?“, lacht einer der Vampire.

„Ihr Blut riecht anders als das der anderen. Ganz anders“, bemerkt ein weiterer.

„Schnauze“, knurre ich. Irgendjemand lacht und andere stimmen mit ein. „Ich werde alle hier beschützen! Jeden Menschen, jeden einzelnen!“, rufe ich aus und schaue nach oben, einen mordlustigen Ausdruck in den Augen. Das ist der Moment, in dem ich fest dazu entschlossen bin, Vampir zu töten.
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