Sinner's soul

GeschichteRomanze, Thriller / P18 Slash
Celty Sturluson Izaya Orihara Shinra Kishitani Shizuo Heiwajima
01.12.2018
01.12.2018
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1.

♣ Delirium ♣



Nackte Haut auf kaltem Beton. Das leise Klirren von eisernen Ketten in der Dunkelheit, als Izaya sich regte. Die stumpfen Schmerzen, als er versuchte seine gebrochenen Beine in eine bequemere Position zu bekommen. Getrocknetes Blut, das seine dunkeln Haare verklebte und grausame Kälte, die sich durch den drahtigen Körper fraß. Das alles war nur Nebensache.
Montag eben, dachte Izaya und grinste verzerrt.
Wirklich schlimm war nur das leise, regelmäßige Atmen auf der anderen Seite des Zimmers. Er hasste es. Oh, was hätte Izaya dafür gegeben, es zu ersticken? Was würde es Spaß machen, dem scheiß Monster die Kehle aufzuschlitzen und ihn bluten zu lassen, für das was er ihm angetan hatte? Izayas Gedanken waren seltsam verschwommen. Immer wieder drifteten sie ab, versanken in einem Chaos aus Hass und Rachegelüsten. Die Gier nach dem Blut des Engels hatte ihm abartige Grausamkeiten in den Kopf gepflanzt, nach denen es ihm dürstete. Das lag an den Drogen. Sie machten verdammt kreativ.
Der Engel, hatte Izaya seinen abgenutzten Mantel über die Schultern geworfen, wie man einem dreckigen Straßenköter ein Stück Fleisch zuwarf. Der raue Stoff schabte unangenehm über Izayas Haut, doch das war besser als die beißende Kälte, die durch den unbeheizten Raum kroch.
Vor allem wenn man halb nackt, gefesselt und blutend in einem düsteren Hotelzimmer lag und sich fragte wann genau der Tag denn aus dem Ruder gelaufen war. An welchem Punkt hatte er die Kontrolle verloren? Was Izaya wohl getan hätte, wenn seine Hände nicht hinter dem Rücken verkettet währen? Er hatte versucht das Schloss zu knacken, bis die Schellen rote Striemen auf ihrer Haut hinterlassen hatten. Doch selbst wenn er die Fesseln abschütteln könnte, hätte er kaum mehr Hoffnung gehabt.
Der Engel hatte ihr das rechte Schienbein und die linke Kniescheibe gebrochen, als währen es Zahnstocher. Es würde sicher einen ganzen Tag dauern, bis sich sein Gewebe regeneriert, und die Knochen wieder zusammen gewachsen wären. Lange genug, um Izaya an der Flucht zu hindern und schnell genug, um ihn nicht tragen zu müssen.

Durch die dämmrige Schwärze konnte Izaya die Umrisse des Mannes erkennen. Oder zumindest den durchtrainierten Rücken der ihm zugewandt wurde. Helle Narben zierten die sommerbraune Haut und er sah die metallenen Ansätze der Flügel, welche jeder Engel nach Lust und Laune materialisieren konnte.
'Jäger im Himmel', so nannte man sie. 'Wölfe des Windes',  waren ihre Namen.
Doch nach Izayas Meinung, waren sie nicht mehr als dumme Einzeller, die glaubten mit ihren metallischen Flügeln die Slums regieren zu können. Jetzt wo Izaya darüber nachdachte, hatte er Engel – im Gegensatz zu den Menschen - schon immer gehasst. Doch dieses Exemplar zeigte ihm, dass es von allem eine Steigerung gab.

Ein heftiger Schwindelanfall verdrängte die nagende Abscheu, welche sich in ihm breitzumachen drohte.
Das schäbige Hotelzimmer verwischte vor Izayas Augen und gleich darauf schmeckte er Magensäure in seinem Rachen. Sein Körper bebte, als er versuchte den Brechreitz zu verhindern und die Hände, welche er reflexweise vor den Mund hatte ziehen wollen, zitterten heftig hinter seinem Rücken.
Ganz Ruhig, sprach er zu sich selbst und musste ein hysterisches lachen unterdrücken. Es sind nur Drogen. Damit kommst du klar. Er grinste verzerrt.
Es muss eine Mischung aus Chloroform und Etiam sein, redete er sich ein.
Chloroform, die Droge für naive Frauen und Etiam, die Droge für Problemkinder im Knast.
Nun, Izaya war keines von beiden. Doch er hatte die Symptome schon einige Male zugesicht bekommen. Atmung und Herzschlag verlangsamte sich, das Schmerzempfinden wurde stark gehemmt, genauso wie die Fähigkeit klar denken oder sprechen zu können. Sein Körper war nicht mehr in der Lage Adrenalin auszuschütten und konnte kaum mehr stehen. Häufige Nebenwirkungen waren Schwindel und Übelkeit, bis hin zu Halluzinationen und Unterkühlung.

Diese Drogen waren im Grunde nur ein Mittel, um den Körper zwanghaft zu beruhigen. - So zumindest, hatte Izaya es seinen Kunden immer erklärt.
Ob es nun Informationen waren, Drogen oder Waffen – Izaya hatte mit allem gedealt um auf der Straße zu überleben.

Der Engel hatte ihm die Mischung eingeflößt, kurz nachdem er Izaya die Beine gebrochen hatte. Vermutlich, damit er aufhörte zu lachen. Die zufälligen Passanten der Glasgow-street hatten ihrem Lärm in der Seitengasse sicherlich gehört. Und dennoch waren sie einfach weitergegangen.

Es kam oft vor, das späte Passanten auf vermeintlichen Abkürzungen ausgeraubt und ermordet wurden; dass übermütige Kinder über Maschendrahtzäune kletterten und daraufhin nichtmehr gesehen wurden, oder das Lustmädchen an falsche Kunden gerieten und dafür teuer bezahlen mussten.
Niemand stellte Fragen. Niemand mischte sich ein. Das war nun mal der Alltag in den Slums von Sektor Drei. Aber verdammt- Izaya war keine kleine, hilflose Hure!
Natürlich hatte er schon einmal seinen Körper verkauft.
Aber das war nichts besonderes, damals, als er schwach und dumm gewesen war. Es war nötig, alltäglich und geläufig um in dieser Welt zu überleben. Doch im Spiel von Jäger und Beute hatte er immer gewonnen. Auf den Straßen, hatte er sich mit Leichtigkeit zu verteidigen gewusst.
Wie also?
Wie hatte der Engel ihn überwältigen können?
Er musste ein Monster sein.

Was war passiert, nach dem Izaya den Club verlassen hatte? Er versuchte seine Erinnerungen zu sortieren. Doch alles was sein Kopf zustande brachte, war ein dichter Nebelschleier, in dem seine Gedanken versanken.
Izayas Bewusstsein verlief sich im Nichts.

*


Neun Stunden zuvor

Slums von Sektor 3 | Glasgow-street

Die Nacht war heller als der Tag und der Tag war schon lange vorbei.
Hier unten sah man die Sonne nicht. Hohe Gebäude aus Stahl und Stein verdeckten den schwarzen Himmel und saurer Regen wusch halbherzig den Dreck aus den engen Straßen. Das grelle Licht der schmutzigen Reklametafeln ersetzte die Sterne. Ihre flackernde Aufschrift erzählte von den Läden, welche um diese Uhrzeit noch offen hatten. Auf einer von ihnen prangte der Name: SHOOTING STAR
Der Nachtclub war lebendig. Die Gäste waren laut, doch die Musik war lauter. Izaya hörte sie nur gedämpft, durch die samtenen Vorhänge der abgesperrten Lounge. Dieser Clubraum war einzig den höchsten und teuersten Gästen des Shooting Stars vorbehalten. Hätte der Nachtclub ein Herz besessen, so würde es hier schlagen.

Hier saß man auf schwarzen Ledersesseln, trank verbotene Substanzen und redete über Dinge, die einen Normalsterblichen nicht zu interessieren hatten. Die gedimmten Lampen warfen den Cocktail in ein sündiges, rotes Licht. Maxence R. Lancaster führte sich das alkoholreiche Getränk an seine Lippen, nahm einen letzten Schluck und übergab Izaya das leere Gals. Er lächelte und stellte es beiseite.
„Das hast du gut gemacht, Kätzchen“, raunte Maxence und sein Bart kratzte über Izayas Wange.
Er hatte es ihn schon einmal sagen hören. Niemand mixte dieses Getränk besser als Izaya, nachdem er ihn Monate lang geübt hatte. Doch seine Lippen schwiegen nur und lächelten schüchtern, denn so erwartete man es von ihm. Er saß falschherum auf Maxences Schoß und konnte ihm somit in die grauen Augen schauen.
Maxence legte eine große, raue Hand an sein Gesäß und zog Izaya näher.  „Mr. Lancaster. Bei allem Respekt, ich rate euch, den Territoriums Abschnitt im Westbezirk zu verkaufen, bevor die Verluste zu groß werden!“. Die Worte des kahlköpfigen Finanzberaters klangen fast schon verzweifelt.
Izaya konnte ihn nicht sehen, doch  die Stimme verriet, dass er seine hagere, blasse Gestalt in einen der Ledersessel gezwängt hatte.

Der Finanzberater war eine Knochenhaut, eine Unterspezies der Dämonen, mit milchig weißen Augen.
Fast hörte Izaya, wie die knochigen Finger sich in die schwarzen Lehnen krallten, um nicht zu zittern. Maxence war zweifellos einer der gefährlichsten Männer in dieser Welt und seine Zeit zu verschwenden kam einem Todesurteil gleich. Doch Risiko hatte Izaya noch nie aufgehalten. Er bewegte sich spielerisch über Maxences Schoß und spürte, wie der Griff des Mafioso fester wurde.
Izaya lenkte ihn ab, von den unschönen Worten seines Beraters – Die, nach Izayas Urteil wichte Informationen enthielten. Er würde sie später an eine gegnerische Gang verkaufen. Izaya musste ein grinsen unterdrücken, doch seine Maske bröckelte nicht.

„Die Konflikte nehmen zu. Gestern Nacht wurde noch eine Waffenladung in Höhe von neuneinhalb Tausend Credits gestohlen! Durch die  neue Führerin Cy könnter Ihr das Gebiet vielleicht verlieren!“.Maxence lachte abwesend.
„Führerin?!", fragte er rau und sein Griff um Izayas Gesäß wurde fester. „Willst du scherzen?"
Der Berater zögerte unschlüssig. „Wenn wir den Gerüchten glauben können, könnte sie eine Rebbelion gegen euch gewinn-". Maxence schnalzte ungehalten mit der Zunge und die Stimme des Knochenhaut-Mannes verendete schlagartig.

Zum ersten Mal, seit dem der Mafioso den Raum betreten hatte, wandte er den Blick von Izayas Körper ab.
Seine grauen Augen blickten an seiner blassen Haut vorbei, fixierten den Mann im Sessel.
Izaya konnte die Angst des Beraters förmlich schmecken, doch er drehte sich nicht um.
Die Leibwächter, die zuvor noch unbeteiligt an den Wänden gestanden hatten, regten sich nun, lautlos, wie Wölfe die ein verletztes Schaf witterten. Die Spannung in der Luft war greifbar.
„Was denn?“, fragte Maxence schließlich belustigt. „Hast du etwa Angst, mein lieber Prudenzio? Glaubt dein kleines Gehirn, das ich dich jetzt töte?“. Der Finanzberater antwortete nicht und eine quälende Stille machte sich im Raum breit. Maxence lächelte. „Mein lieber Prudenzio. Ich habe gerade zu gute Laune, um dich sterben zu sehen. Außerdem bist du einer meiner besten Berater und ich erwarte von dir nichts anderes, als die unschöne Wahrheit über meine Geschäfte im Westen!“. Die Stimme des Mafioso war sanftmütig. Ohne Eile hob er die Hand und gab einem der Leibwächter ein schlichtes Zeichen.
„Narvik, du warst doch mit ihm befreundet. Schneid ihm eine Hand ab! Und weil ich gute Laune habe, darfst du dir auch aussuchen, welche“, befahl er gelassen. „Draußen!“, fügte er noch hinzu, bevor er sich wieder Izaya zuwandte.

Izaya drehte sich nicht um, als zwei der Leibwächter die Knochenhaut fortschafften und er ließ sich nichts anmerken, als die Protestschreie von dicken, samtenen Vorhängen verschluckt wurden.
Doch kaum waren sie aus der Lounge verschwunden, huschte Izayas Blick zu den zwei verbliebenen Leibwächtern. Bevor er diese genauer mustern konnte, griffen raue Finger nach seinem Kinn und drehten Izayas Kopf zurück zum Gesicht des Mafioso. Maxence war nicht hässlich, nein.

Im Gegenteil, seine Ausstrahlung war elektrisch. Er war ein Mann mittedreißig und seine dunklen, gepflegten Haare erinnerten an die Mähne eines Löwen. Die vernarbte Haut zeigte, wie viele Schlachten sein Körper bereits gewonnen hatte und der Blick in den eisgrauen Augen zeigte, wie viele er noch gewinnen würde.  
Maxence R. Lancaster war einer der Herrscher in der Unterwelt. Es gab Gerüchte, dass das Blut eines Eisgottes durch seine Venen floss.
Doch Izaya wusste, wie er ihn zum Schmelzen bringen konnte. Izaya kannte die Spielregeln und niemand war besser als er, im Spiel des Betrugs.
Er legte seine Arme um Maxences Nacken und ließ seine Zunge über rauen Lippen wandern. Der Mafioso griff nach Izayas Hinterkopf, drückte ihn näher. Die andere Hand tastete über seinen Bauch, über die schlanken Muskeln, die sich unter der hellen Haut andeuteten und weiter hinab zur Innenseite seines Oberschenkels. Izaya hatte das Feuer in ihm entfacht und es würde die ganze Nacht lang brennen.
Maxences Lippen trafen auf seine. Izaya schmeckte seine Gier, das Verlangen nach seinem Körper, wie nach einem Stück Fleisch. Doch Maxence würde sie nicht bekommen. Izaya keuchte in den Kuss, weil er wusste, dass es dem anderen Mann gefallen würde.
Der Mafioso stockte kurz.
Er warf seinen verbliebenen zwei Leibwächtern einen vielsagenden Blick zu und nickte dann in Richtung Tür. Die beiden verstanden sofort, machten Anstalten die Beiden alleine zu lassen und vor der Tür wache zu halten.
Izaya lächelte.
Idioten.  
Kaum waren seine Leibwächter außer Sichtweite, veränderte sich Maxences Blick. Wilde Lust brannte in seinen Augen, schien ihn zu beherrschen. Grob griff er unter Izayas Oberschenkel. Der Dämon verstärkte den Griff um Maxences Nacken, als dieser aufstand und ihn hinüber zu dem breiten Ledersofa trug, als würde er nichts wiegen.
Dort angekommen ließ er Izaya auf die schwarzen Polster fallen und beäugte sich über ihn. Seine Hand stütze sich neben seinem Kopf ab. „Ich weiß was du denkst, Kätzchen“, knurrte er leise.
„So?“, fragte Izaya und lächelte fröhlich.
„Du denkst, mich zu verführen würde reichen. Du denkst, du könntest mir gefährlich werden, nur weil meine Leibwächter nicht mehr im selben Raum sind. Glaub mir, du bist nicht der Erste, der so naiv ist. Ich kenne das Spiel von Huren. Hübsches, schwaches Spielzeug, das weint, wenn man es ein bisschen zu hart anfässt...“. Seine Stimme war dunkel und ruhig. "Was immer du vorhattest, heute Nacht bekomme ich deinen Körper und danach werfe ich dich weg, zu den anderen Huren".

Izaya schloss ergiebig die Augen und ließ seinen Kopf tiefer in die ledernen Kissen sinken. „Oh, du hast mich durchschaut, ne? Ich wollte dich ermorden und deine Brieftasche stehlen“, erklärte er und jedes Wort entsprach der Wahrheit.

Der Mafioso musterte Izaya von oben herab, erkannte, dass er es ernst meinte und brach schließlich in ein raues Gelächter aus.
Izaya drehte seinen Kopf zur Seite und spuckte auf den teuren, roten Teppich.
Dann grinste er  und wartete, dass der Mafioso sich beruhigen würde. Doch das tat er nicht. Sein Gelächter bekam etwas Krankhaftes, Hustendes und wollte gar nicht mehr verstummen.  Maxence griff sich an den Hals, als hätte er Angst zu ersticken.

Izaya legte seine Hände auf die Wangen des Mafiosos und blickte zu ihm hoch. „Keine Sorge, ne? Es tötet dich nicht - Nicht sofort, jedenfalls. Du wirst mir eine kleine Summe von Neununddreißigtausend Credits auf ein bestimmtes Konto überweißen“, meinte Izaya. Mit diesen Worten zog er ein Handy aus der hinteren Hosentasche, tippte geübt auf dem Display herum und hielt es dem Mafioso vor.
Dieser machte keine Anstalten, es zu nehmen. Immer noch kämpfte er mit seinem Hals. „Wie..!?“, presste er hervor und in seinen Augen wuchs Benommenheit.
„Der Cocktail“, sagte Izaya nur und Maxence stieß ein gequältes Knurren hervor. „Aber mein Leibwächter hat vorgekostet und ich hab dich genau beobachtet, als du…hgn… ihn gemixt hast! Du hattest genau vorgegebene Zutat...en“. Seine Stimme war so gepresst, dass er ihn kaum verstand.

„Oh, das weiß ich“, sagte Izaya. „Ich hab mir vor unserem Treffen haufenweise Exeys auf der Zunge zerschmolzen. Exeys… bevor du fragst; Das ist ein Nervengift. Es entfaltet nur in Verbindung mit Alkohol seine Wirkung. Du hast den - sehr alkoholreichen - Cocktail getrunken und wir haben uns viermal geküsst. Deswegen  hab ich auch auf den Boden gespuckt, ne~ Das mache ich eigentlich nicht, weißt du?“, redete Izaya weiter.

Maxences Hand, die sich neben seinem Kopf abstützte, zitterte heftig und Izaya befürchtete, der massige Körper könnte auf ihn stürzen. Er rutschte nach hinten weg. „Was auch immer~ Du kannst deine Muskeln nicht richtig bewegen, ne? Du kannst nicht um Hilfe schreien, ne? Dann schlag ich vor, du überweißt meinem Boss  Bonzarnes, das Geld und ich verrate dir, wie du diese unschöne Situation überlebst“, sagte Izaya und winkte mit dem Handy.
Maxence keuchte. - Vermutlich wollte er etwas sagen, doch seine Lunge brauchte die kostbare Luft zum atmen.

Bonzarnes war ein Maffiaoberhaupt, das Izaya Geld schuldete - und nicht sein Boss. Aber Maxence würde es denken und das würde zu einem Untergrundkrieg zwischen den Gangs führen. Izaya würde von Bonzarnes ausgezahlt werden und der ausbrechende Krieg würde Waffen fordern. – Die Izaya verkaufen würde.

Izaya half Maxence, sich in eine sicherere Position zu begeben. „Du hast fast 70 Milliliter Alkohol- Gift in deinem Magen und mit etwas Glück noch sieben Minuten zu leben. Deine Uhr tickt, hm?“, erklärte Izaya ihm und lächelte. Tatsächlich sah er so etwas wie Angst in den vergifteten, trüben Augen aufblitzen. Doch mehr als Angst, sah Izaya dort seinen Hass auf ihn.

Die Hände des Mafioso zitterten vor Anstrengung und er vertippte sich mehr als einmal, doch er überwies das Geld auf Bonzarnes Konto. Neununddreißigtausend Credits wechselten den Besitzer.
Als  Izaya sich vergewissert hatte, dass Maxence seine Anforderung erfüllt hatte, erhob er sich vom Sofa. „Das Handy kannst du Behalten, wenn du willst. Kleines Geschenk unter Freunden, ne? Ich nehm mir dafür deine Brieftasche. Wenn’s dir nicht passt, einfach den Kopf schütteln“, meinte er.

Maximes Kopf zitterte und Izaya tastete in den Innentaschen seines Sakkos - nach dem Ziel eines jeden anständigen Diebes. „Nur eine dumme Angewohnheit, ne? Also dann~". Sie lächelte dem sterbenden Mafioso zu. "Übrigens, das ist nichts persönliches. Nur kontrollierter Wahnsinn. - Kannst du sicher nachvollziehen".

Außer der kurzen grauen Hose und einem einfachem Hemd trug Izaya nichts. Das wäre überflüssig gewesen. Er wuschelte sich durch die Haare, setzte ein möglichst erschöpftes Gesicht auf und verließ die Lounge.
Laute Musik und Stimmengewirr begrüßte ihn. Anscheinend wurde in den öffentlichen Vergnügungsräumen noch gefeiert. Die Leibwächter, welche vor der Tür gewartet hatten, warfen ihr nichtssagende Blicke zu, als sie Izaya sahen. „Er war ziemlich klein und hat nicht lange durchgehalten. Dafür könnte ich glatt einen Aufpreis machen. Wer von euch bezahlt den?“, fragte Izaya.
Die Leibwächter tauschten einen Blick aus.
Der Dämon konnte praktisch hören, wie die Zahnräder in ihren Gehirnen arbeiteten. Wie hoch war der Aufpreis, den er verlangen würde? Wie viel würde sie dieser kleine Gefallen ihrem Arbeitsgeber näher bringen? Hinzukamen Faktoren, wie die schlechte Laune ihres Herren, wenn dieser extra zahlen müssen würde  und das unangenehme Gefühl, das jeden automatisch überkam, wenn man einen benutzten Lustjungen sah.
Izaya konnte praktisch spüren, wie die Männer ihn fortwünschten. Er grinste.
Schließlich zog einer der Leibwächter mehrere graue Scheine aus der Brusttasche und reichte sie Izaya. „Hier sind Neunhundert. Mehr an Aufpreis bekommst du nicht und jetzt verschwinde, Schlampe“

Izaya grinste und steckte das Geld ein. Doch bevor er das Blickfeld der Leibwächter verließ, wandte er sich noch einmal um. „Ach ja…“  meinte er fröhlich, griff in seine Hosentasche und fischte eine kleine, braune Flasche hervor: „Gebt ihm das hier, wenn er irgendwie… krank aussieht“. Izaya drückte es dem Leibwächter in die Hand, ließ es allerdings noch nicht los, sondern beugte sich ein Stück zu ihm vor und starrte ihm in die Augen. „Und ich bin keine Schlampe“, sagte er leise, bevor er grinste und sich abwandte. "Danke für euer Geld~", rief er über die Schulter. "Wir sehen uns sicher wieder, ne?".

Dann verließ er den abgesperrten Bereich, um zwischen den Gästen untertauchen zu können.
Er machte keinen Stopp bei den Umkleidekabinen der Clubangestellten. Seine eigenen Klamotten widerten ihn an, nachdem sie hier gehangen hatten. Doch er konnte nicht einfach ohne anständige Kleidung auf die Straße gehen.
Izaya blickte sich um. Tanzende Körper im flackernden, bunten Licht  und der Geruch nach Schweiß, Alkohol und Zucker lag in der Luft. Auf der Bar tanzte eine grünhaarige Schlangentochter.
Ihr Schleier verdeckte nichts und ihre goldgeschuppte Haut glänzte sündhaft im Neonlicht. Ihr Tanz zog viele der Gäste in ihren Bann und niemand achtete auf Izaya.
Er arbeitete seit fast zwei Nächten im Shooting Star und kannte die Muster und Regeln des Clubs dennoch auswendig. Die meisten Gäste hatten keine Lust bei der Garderobe anzustehen und nahmen ihre Jacken mit. Izaya erblickte einen abgewetzten, braunen Ledermantel  über einer der Stuhllehnen hängen. Ohne weiter zu zögern schnappte er sich das Kleidungsstück, schlüpfte hinein und bemerkte, das es viel zu groß war. Dennoch besser als nichts. Izaya nickte dem Türsteher grüßend zu, als sie den Club verließ und hinaus in die schmale Glaßgow-street trat.

Der saure Regen färbte sich im Licht der schmutzigen Reklametafeln Neonfarben. Der giftige Nieselregen hatte schon lange alles Unkraut in den Straßen abgetötet, doch Izayas Geruchsknospen waren zu abgestumpft, als das sie der Schwefelgestank stören könnte. Verwischte Gestalten waren auf den dreckigen Straßen unterwegs. Mit tiefgezogenen Mützen und hochgeklappten Kragen, wanderten sie durch den nächtlichen Nieselregen.
Izaya senkte den Kopf, ließ ihre Hände in den Manteltaschen verschwinden und wurde zu einem von ihnen. Erst jetzt bemerkte er, dass die linke Tasche seines gestohlenen Mantels ungewöhnlich schwer war.
Doch er kümmerte sich nicht darum.
Die Nacht war heller als der Tag. Ja, die Nacht war Izayas Tag! Und sein Tag hatte gerade erst begonnen~-
Doch zuerst musste er verschwinden! Das Adrenalin trieb ihm ein Grinsen ins Gesicht. Wieder einmal hatte er es übertrieben, hatte sich nicht zurück halten können und sich einen mächtigen Feind gemacht. Die Liste wurde länger und langsam verlor er den Überblick.
Auf einmal nahm er Schritte hinter sich wahr. Trotz des unbehaglichen Gefühls, drehte sich Izaya nicht um. Verfolgte ihn jemand? Nein. Vermutlich waren die Schritte nur eine seiner vielen paranoiden Einbildungen, die sie Nachts nicht schlafen ließen.
Er tastete nach seinem Taschenmesser, doch natürlich war es bei seiner alten Kleidung. Wer hätte auch Ahnen sollen, dass er es auf dem kurzen, nächtlichen Weg brauchen würde?
Izaya lächelte nervös, zwang seinen Körper in eine entspannte Haltung und verlangsamte seine Schritte, damit die Person ihn überholen konnte. Unvorsichtig von ihm. Eine Hand packte Izayas Nacken und riss ihn von den Füßen.

Er wurde in eine der schmalen Seitengassen befördert. Hier brannten keine Lichter, hier waren keine zufälligen Passanten. Nur der kalte Regen fiel noch auf ihn herab, als wäre nichts geschehen. Izayas Angreifer ließ ihn gegen die Metallverkleidung eines Gebäudes krachen, verstärkte den Griff und drückte sein Gesicht an die eiskalte Wand. Izaya konnte ihn nicht sehen.
„Dieb“, knurrte ihm eine Stimme ins Ohr. Eine Stimme so dunkel, rau und knisternd vor Wut, dass es ihm den Atem gefrieren ließ. „Du dachtest, du könntest mich bestehlen? Als ob du mit ihrer Macht umgehn‘ könntest!“, knurrte die Stimme nun.
„Eh? Welche Macht?“, fragte Izaya, ehrlich verwirrt.

Der Mann antwortete nicht. Stattdessen packte er Izayas Handgelenke und wirbelte ihn herum. Mit einem Krachen wurde er erneut gegen die Wand geschlagen, diesmal mit dem Rücken. Doch erst als Izaya in die rotglühenden Augen sah, verspürte er wahre Angst. Engel! Oh, eines der waren Monster! Izayas Gedanken rasten, er musste auflachen. Engel… Die Spitze der Nahrungskette in den Slums und die grausamsten Richter über Leben und Tod. Das würde interessant werden.
Die dunklen Augen schauten ihn an, erfassten seine Gestalt.
Plötzlich ließ der Engel ihn los. Doch anstatt ihn gehen zu lassen, packte er Izayas Oberarm und zerrte ihm den Mantel von den Schultern. Izaya wurde eiskalt.
„H-Warte! Stop, du weiß nicht wen du dir hier zum Feind machst, ne?“. Izaya hob das Knie und verpasste dem Engel einen heftigen Tritt in die Magengrube. Der Engel zog scharf die Luft ein, schien es sonst allerdings nicht Mal zu bemerken und machte keine Anstalten aufzuhören. Izaya spürte die Angst. Das konnte nicht wahr sein! Nicht jetzt, nicht in einer dunklen Seitengasse!
Ein hysterisches Lachen stieg in Izayas Kehle auf.
Doch der Engel riss nur den Mantel von ihm und durchtastete die linke Tasche des Kleidungstückes.
Offenbar war etwas im Saum versteckt gewesen, das Izaya verborgen geblieben war. Der Engel zog ein kleines, glühendes Objekt aus dem Stoff und hielt es fest, wie einen Schatz.
Es warf goldene Lichtpunkte auf das Gesicht des Engels. Izaya wusste nicht, was es war, doch es schlug ihn in seinen Bann. Dem Engel schien es ähnlich zu gehen.
Doch schließlich schaffte er es, seine dunklen Augen von dem Licht abzuwenden und Izaya anzublicken.
Das Gesicht des Angreifers lag halb im Schatten und Izaya konnte seinen Ausdruck nicht erkennen, als der Engel fragte: „Bist du ein Dämon?“
„Bist du blind?", fragte Izaya zurück.

Der Engel lächelte dunkel und sein Lächeln hatte etwas, von einem Raubtier, welches die Zähne fletschte.
Izaya wollte zurückweichen, doch der Engel reagierte schnell. In seinem rechten Schienbein explodierte Schmerz. Er hörte wie seine Knochen barsten und fing an hysterisch zu lachen.

*


Gegenwart

Slums von Sektor 3 | Hotelzimmer

„…aufwachen, Dornröschen“.
Izayas Kopf dröhnte. Benommen öffnete er die Augen und musste sogleich blinzeln, um sein Blickfeld nicht wieder verschwimmen zu lassen. Ein paar abgenutzte Lederstiefel hatten sich vor sein Gesicht gestellt.
„Geht’s dir gut?“, fragte jemand. Die Stimme klang rau, aber seltsam angenehm.
„Klar“, krächzte Izaya heiser, ohne wirklich zu wissen, mit wem er sprach.
„Schade“, sagte die Person und verpasste ihm einen harten Tritt gegen die Schläfe.

In Izayas Kopf explodierte eine Welle des Schmerzes und erst jetzt dämmerte ihm, dass es der Engel war. Der Engel, der jetzt über ihm stand; der ihm das angetan hatte. Izaya hob den Kopf vom eiskalten Boden und spuckte Blut auf die Schuhe des anderen Mannes.  Viel mehr konnte er nicht wirklich tun.
Die Stahlschellen schnitten sich in seine Haut und hielten Izayas Hände auf dem Rücken fest. In der Nacht war er aus seinem Schneidersitz zur Seite gekippt. Der ramponierte Mantel des Engels war ihm von den Schultern gefallen.
Izaya fror erbärmlich; doch er würde den Teufel tun, es dem Engel zu zeigen. „Was glaubst du, wer ich bin, Einzeller? Wenn du meinen Körper willst, dann versuch‘s, wenn du dich traust~ Aber ich würd dich nicht mal rannehmen wenn du mir ne Waffe an den Kopf hältst! Maden müssen dein Gehirn gefressen haben, wenn du so dumm s-“. Izayas Stimme verendete in einem Husten.
Ein heftiger Schwindelanfall überkam ihn und das Zimmer kippte zur Seite.
Doch bevor er auf dem Boden aufschlagen konnte, packte eine Hand seinen Haarschopf und riss seinen Kopf in den Nacken. Izaya verkniff sich ein schmerzerfülltes Keuchen und grinste verzerrt.
Zusätzlich packte der Engel seinen Oberarm und riss ihn nach oben, bis Izaya auf den Zehenspitzen balancierte.
Seine Füße zitterten; schienen unfähig das Gewicht zu halten, sollte der Engel ihn loslassen.
Der Engel zog Izayas Kopf noch etwas weiter zurück, bis dieser gezwungen war ihm die lodernden, dunklen Augen zu sehen.  Er schaute Izaya an, und sein Blick glich dem eines wilden Wolfes; doch Izaya gönnte ihm nicht die Genugtuung seine Augen abzuwenden.
Er grinste spöttisch. „Na, du wirst ja richtig zärtlich, ne?“

„Hör zu, abstoßender Dämon“, begann der Engel und jedes seiner Worte klang, wie eine Drohung für sich. „Denn genau das bist du für mich! Abstoßend. Dein Körper ist mir völlig egal und wenn du kooperierst, lasse ich dich vielleicht sogar unversehrt.  Aber wenn du deine Zunge nicht im Zaun hältst, reiße ich sie dir aus und verkauf sie auf dem nächten Schwarzmarkt“. Izaya musste lachen.
Es war ein unschönes, freudloses Lachen, aus einem heiseren Hals. Doch es war absolut ehrlich.
Für den Bruchteil einer Sekunde schien der Engel überrumpelt, bevor er sich wieder fing.
„Was willst du von mir?“, fragte Izaya, kaum dass er sich wieder gefangen hatte.

Der Engel schaute ihn ausdruckslos an. Ohne Vorwarnung ließ er ihn fallen. Izayas Füße gaben nach und es knackste unschön als er auf die Knie fiel.
Der Engel achtete nicht darauf und trat einige Schritte zurück. Erst im dämmrigen Licht des Morgens, welches durch die Rollos fiel, konnte Izaya ihn genau mustern.
Der Engel trug eine abgenutzte Barkeeper-uniform, vielleicht aus einer der Untergrund-Tavernen. Das einfallende Licht zeichnete seine hochgewachsene, schlanke und dennoch muskulöse Gestalt nach und lies das blonde Haar flimmern.

„Kannst du laufen?“, fragte der Engel plötzlich und lenkte Izayas Aufmerksamkeit wieder auf dessen Gesicht.
Er legte den Kopf schief und schaute ungläubig zu seinem Entführer hoch. „Du hast mir beide Beine gebrochen. Ich bin mir nicht sicher, was du über Anatomie weißt, aber für gewöhnlich benutzen wir die zum Laufen, ne~“.

Der Engel hob eine Augenbraue. Zwischen ihnen lagen gerademal zwei Meter.  Ohne seinen dunklen Blick von Izaya abzuwenden, hob der Engel eine Hand und griff nach der Schusswaffe an seinem Gürtel. Erst, als er die Pistole mit einem leisen Klicken entsicherte und auf sie richtete, verstand Izaya was er vorhatte.  
„Warte! Meine Knochen haben sich wirklich noch nicht regeneriert!“, meinte er panisch.
„Das werden wir sehen“, schnaubte der Engel und drückte ab. Der Schuss war laut. Vermutlich hatte jede Person im Hotel ihn gehört und vermutlich würde sich keine Person im Hotel daran erinnern - wenn man fragte.
Doch dort wo Izaya eben noch gekniet war, hatte die Kugel eine Kerbe in den Boden geschlagen. Der Engel wandte seinen Kopf und blickte ihn an.
Izaya stand einige Meter von ihm entfernt, im dämmrigen Hotelzimmer und musterte ihn finster. Seine Füße funktionierten perfekt, hatten sich über Nacht regeneriert. Einzig die Nachwirkungen der Droge und Izayas verketteten Hände hinderten sie daran, normal laufen zu können.

Der Engel grinste dreckig. „Das mit den Lügen, werde ich dir noch abgewöhnen müssen“, knurrte er. „Ich kann nicht jedes Mal meine Munition verschwenden“, fügte er hinzu, hob seinen Mantel auf und warf ihn Izaya über die Schultern. Izayas Blick folgte ihm, als der Engel auf die Zimmertür zuging und diese öffnete.

„Wohin gehen wir?“, wollte Izaya wissen, doch eine Antwort bekam er nicht.
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