Des Rudels Weihnacht - Augenblicke

von Das Rudel
GeschichteAllgemein / P16
01.12.2018
24.12.2018
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Nachdem die liebe Tonja zum Türchen 14 mein Bild super umgesetzt hat kommt mit Tür 15 LumosMist in einem dreistöckigen Bus.

Viel Spaß!

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A/N:
Meine grandioses "Vorlagenbild" hat mir die Möglichkeit gegeben, eine Geschichte aufzuschreiben, die ich schon länger im Kopf hatte. Allerdings passte es auch wie die Faust aufs Auge. Ich hoffe, die Geschichte gefällt euch! Weihnachtliche Grüße, Kaa aka LumosMist!

Der schwarze Ritter

War er hier richtig? Dean Thomas wusste es nicht. Der Fahrende Ritter hatte weder einen offiziellen Fahrplan noch offizielle Haltestellen. Doch wenn man dem Geschwätz von Ambrosius Flume Glauben schenken durfte, hielt der Bus genau an dieser Stelle unregelmäßig regelmäßig, um gestrandete Zauberer und Hexen einzusammeln. Strandgut, hatte Flume sie genannt und dabei verächtlich die Miene verzogen.

Wahrscheinlich war er hier richtig. Der alte zerfallenen Brunnen am Rande von Hogsmeade schien ihm ein geeigneter Ort für eine Haltestelle des sagenumwobenen Fahrenden Ritters zu sein. Dean setzte sich auf einen Rest der Brunnenmauern und bemühte sich, seinen pumpenden Atem zu kontrollieren. Nach seiner Flucht direkt vom Bahnsteig in Hogsmeade durfte er nicht auffallen. Denn er war nicht allein. Eine ältere Dame stand aufrecht und steif am Straßenrand,  ihr außergewöhnlich hässlicher Hauself bewachte misstrauisch zwei große Weidenkörbe, die mit den letzten Einkäufen vom Markt gefüllt waren. Es waren schon jetzt einige weihnachtliche Leckereien dabei – Mince Pies, Plätzchen, Walnüsse, gebrannte Mandeln und zwei Flaschen Single Malt Whiskey.

Griphook, der wichtigtuerische Kobold von der Zaubererbank Gringotts, hatte sich ebenfalls hier eingefunden. Er hatte die Bahnstation aus freien Stücken verlassen, nachdem die Fahrkartenverkäuferin sich geweigert hatte, ihm ein Ticket für die zweite Klasse zu verkaufen. „Dritte Klasse oder Laufen!“, hatte sie geschimpft und den Kobold kurz darauf zum Teufel gewünscht. Nun stand Griphook neben einem kaputten Holzeimer, den irgendjemand hier vor Jahren zurückgelassen hatte und sprach leise fluchend mit sich selbst.

Dean atmete betont langsam ein und aus. Strandgut. Nein! Es war nicht das richtige Wort. Strandgut war viel zu unaufgeregt, fast schon poetisch. Es passte nicht zu seinen zittrigen Händen, zu dem nervösen Zucken seines linken Augenlides. Es passte nicht zu seinen blank liegenden Nerven, nicht zu dem Verlangen jetzt sofort loszurennen. Aber er würde nicht weit kommen. Sie konnten ihn leicht auf ihren Besen einholen, mit ihrer Magie würden sie ihn selbst im tiefsten Loch aufspüren.

Er lauschte. Irgendwo in der Ferne klangen Stimmen. Kamen sie näher? Er konnte es nicht sagen.  Dennoch blieb er sitzen. Der Fahrende Ritter war seine Chance. Er musste sie nutzen. Er musste Ruhe bewahren. Wie Strandgut. Er ballte seine zitternden Finger zu Fäusten.

Als der Fahrende Ritter mit einem lauten Auspuffknallen aus dem Nichts auftauchte, sprang Dean wie von einer Tarantel gestochen auf. Der Hauself schüttelte missbilligend den Kopf, dann trug er eilfertig die zwei Weidenkörbe zum Bus und stieg kurz darauf hinter seiner Herrin ein. Dean starrte den dreistöckigen Bus an. Er war schwarz wie die Nacht lackiert, an seiner Seite prangte ein auffälliger Werbeschriftzug für Geistertouren. War das überhaupt der berühmt berüchtigte Fahrende Ritter?

Dean blieb unschlüssig stehen. Griphook stand abwartend da, scheinbar erwartete der Kobold, dass er als Zauberer zuerst einsteigen würde.

„Take a ride to the dark side!“ Ein Endzwanziger in einer abgetragenen violetten Uniform tauchte in der vorderen Eingangstür des Busses auf und grinste ihn an. Tiefe Aknenarben tanzten dabei in seinem Gesicht, sein fettiges braunes Haar hing ihm strähnig über den Augen. Er blinzelte zwei Mal, dann wischte er sich die Haarsträhnen zur Seite, holte mit seiner Hand weit aus, wies auf die vordere Tür des Busses und wiederholte enthusiastisch: „Take a ride to the dark side!“

„Ist das der Fahrende Ritter?“, fragte Dean vorsichtig.

„Ist das der Fahrende Ritter?“, äffte ihn der Schaffner nach. „Klar, ist das der Fahrende Ritter, Mann. Was sollte es sonst sein? Ein fliegender Holländer?“

„Ich hörte, er wäre violett…“, murmelte Dean.

Der Schaffner rollte mit den Augen. „Bist du von vorgestern oder was? Die Zeiten ändern sich, Mann. Kannst natürlich auch Schwarzer Ritter sagen, wenn du willst.“

„Entschuldigen Sie!“, beeilte sich Dean zu sagen. „Ich denke, das Banner für Geistertouren hat mich etwas irritiert.“

„Das ist Werbung, Mann!“, erklärte der Schaffner besserwisserisch. „Hast du eine Ahnung, wie teuer es ist, so einen dreistöckigen Bus in MITTERNACHTSSCHWARZ zu lackieren? Es ist schweineteuer!“

„Es sieht … richtig gut aus“, sagte Dean, obwohl ihm das Violett viel besser gefallen hätte.

„Eben“, erwiderte der Schaffner. „Ich bin übrigens Stan. Stan Shunpike! Ein enger Vertrauter des Dunklen Lords! Verstehst du? Der DUNKLE Lord. Du-weißt-schon-wer!“

Natürlich wusste Dean, wer mit dem Dunklen Lord gemeint war. Doch ehrlich gesagt, sah Stan Shunpike nicht so aus, als ob er jemals auch nur in die Nähe des Dunklen Lords gekommen war. Dean neigte seinen Kopf und hoffte einfach, dass er mit dieser Geste keine Fragen provozieren würde.

Stan grinste ihn an. „Glaubst du nicht?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, krempelte Stan den Ärmel seiner Uniform hoch und zeigte die Innenseite seines Unterarms. Dort prangte ein wirklich schlecht gestochenes Tattoo. Es war an einigen Stellen entzündet und konnte kaum mehr als ein paar Tage alt sein. Die Schlange sah aus, als ob sie sich gerade häutete, und der Totenkopf war nur mit viel gutem Willen als solcher erkennbar.

„Das Dunkle Mal?“, fragte Dean und bemühte sich um eine ruhige Stimme.

„Nicht schlecht, oder?“, erwiderte Stan. „Bekommt man für eine Galleone in der Nokturngasse in London.“

„Nicht schlecht“, log Dean. Mehr fiel ihm dazu nicht ein.

Stan zog den Ärmel wieder herunter. „Wir crashen das Scheiß System! Haben das Ministerium einfach plattgemacht! Die ganzen alten Säcke sind jetzt in Askaban, wo sie hingehören. Und Stan Shunpike ist auch, wo er hingehört! Nicht in Askaban! Es lebe der Dunkle Lord!“ Stan schlug sich mit der rechten Faust drei Mal gegen die linke Brust. „Und als nächstes kommen die Muggel dran! Die nehmen uns alles weg. Alles, was uns gehört! Auf jeden Fall, Willkommen im Fahrenden Ritter, Mann!“

Dean nickte. Er musste an seine Mutter denken. Dann ergriff er die ausgestreckte Hand des Schaffners und schüttelte sie: „Ich bin … ich bin Seamus Finnigan.“

„Finnigan?“, Stan Shunpike betrachtete ihn interessiert. „Du siehst nicht aus wie ein Finnigan! Ich meine, du bist so SCHWARZ!“

Dean fluchte innerlich. Warum hatte er nicht irgendeinen unverfänglichen Namen gewählt? „Ich bin adoptiert“, sagte er das Erste, was ihm einfiel. „Wieviel kostet die Fahrt?“ Eilig kramte er in seiner Manteltasche nach den paar Münzen, die er vorher in seinen verschiedenen Taschen zusammengesucht hatte. Es waren 16 Sickel und Dean hoffte inständig, dass das Geld für eine Busfahrt reichte, denn es war alles, was er bei sich hatte.“

„Genau 15 Sickel“, sagte Stan. „Aber erst einmal möchte ich deinen Zauberstab sehen! Reine Routinemaßnahme, versteht sich. Man will sich ja keinen Dreck an Bord holen.“

Reine Routinemaßnahme. Das hatte Dean Thomas am heutigen Tage schon einmal gehört. Und zwar in dem Moment, als Dolores Umbridge seinen Zauberstab in einer mittelgroßen grellpink lackierten Holztruhe verstaut hatte, zusammen mit einem Dutzend weiterer Zauberstäbe. Dean erinnerte sich an das klickende Geräusch, als Umbridge mit einem zufriedenen Lächeln den goldenen Schlüssel im Schloss der Truhe herumgedreht hatte. Er hatte in jenem Moment das vage Gefühl gehabt, dass sich soeben sein Schicksal besiegelte. Das Gefühl hatte sich verstärkt, als er vier Unterschriften unter drei verschiedene Formulare gesetzt hatte, um die ordnungsgemäße Übergabe seines Zauberstabes zu dokumentieren. „Reine Routinemaßnahme“, hatte Umbridge gesagt. Noch einmal. Und natürlich würde er seinen Zauberstab umgehend zurückbekommen, sobald er im Zaubereiministerium in der Abteilung „Ungeklärte Herkunftsfragen“ zweifelsfrei seine Abstammung von einem Zauberer oder einer Hexe nachweisen würde. Bis zur Aufklärung sei eine Teilnahme am Unterricht in Hogwarts selbstverständlich nicht möglich. Daher sei die umgehende Reise nach London im Hogwartsexpress doch sehr nachdrücklich anzuraten. Abfahrt, heute am Nachmittag, punktgenau 15:12 Uhr vom Bahnhof Hogsmeade.

„Hey! Zeigst du mir nun deinen Zauberstab, oder was?“

„Natürlich“, wie immer wanderte seine Hand zur rechten Manteltasche, um seinen Zauberstab herauszuziehen. Dorthin, wo sich jetzt kein Zauberstab befand. „Was, bei Merlins Badelatschen?! –“ Dean schaffte es, ein erstauntes Gesicht zu machen. Fahrig griff er in die andere Manteltasche, ohne einen Stab herauszubefördern.  Panisch wandte er sich um, starrte Griphook misstrauisch an, der sich von der Situation reichlich unbeeindruckt zeigte.

„Kann ich jetzt einsteigen?“, fragte der Kobold beiläufig in Richtung Shunpike, der sich offensichtlich nicht so recht entscheiden konnte, was er jetzt tun sollte. „ Und ich gehe davon aus, dass Sie meinen Zauberstab nicht sehen wollen, der Herr?“

„Du bleibst schön dort stehen, bis sich die Sache hier geklärt hatte“, wies Shunpike den Kobold zurecht, der mit einem angedeuteten Diener und einem wissenden Lächeln auf den Lippen zwei Schritte zurücktrat.

„VERFLUCHT!“, entfuhr es Dean in diesem Augenblick, so gewaltig, dass Shunpike vor Schreck zusammenzuckte! „Dieser Muggel, dieser verdammte! Ich hätte es mir denken können!“

„Sind hier Muggel?“ Stan Shunpike schaute sich ängstlich um.

„Ich habe erst heute Morgen in Aberfeldy einen Muggel getroffen“, erklärte Dean weinerlich. „Ich wollte doch nur ein paar KitKat kaufen, meine Mutter liebt diese Muggelsüßigkeiten so sehr! Und der Verkäufer war ein Muggel, wie er im Buche steht. Er schwänzelte die ganze Zeit um mich herum und schaute mich so gierig an!“ Dean lief buckelig um den Schaffner herum, seine langen Finger zu Krallen gebogen, seinen Blick auf die längliche Zauberstabtasche fixiert, in der Shunpike seinen eigenen Stab tragen musste.

Diese kleine Theateraufführung schien Shunpike sehr zu beeindrucken. „Er muss ihn gestohlen haben, ganz klar!“, rief er aus.

Dean richtete sich wieder zu voller Größe auf. „Davon ist leider auszugehen“, stellte er mit fachkundiger Miene fest. Er drückte dem Schaffner 15 Sickel in die Hand und blickte ihn ruhig an.

„Ganz großer Mist!“ Schaffner Stan kratzte sich am Kopf. „Ich würde dich ja mitnehmen, Mann. Aber was ist, wenn eine Kontrolle kommt?“

„Der Zusammenhalt unter Zauberern ist auch nicht mehr, was er mal war.“

Stan sah nun ehrlich verzweifelt aus. Hin und hergerissen trat er von einem Bein aufs andere. „Kannst du nicht irgendeinen Zauber? Ohne Zauberstab, versteht sich.“

„Einen Zauber ohne Zauberstab?“, fragte Dean und zeigte sich erstaunt. Natürlich hatte er bereits von stabloser Magie gehört. Die meisten großen Magier beherrschten ein paar Sprüche ohne Stab. Er selbst hatte bereits mit eigenen Augen gesehen, wie Albus Dumbledore mit einem leichten Wink seiner Hand eine Kerze angezündet hatte. Das Problem war nur, dass er, Dean Thomas, kein großer Magier war.

„Na kannst du irgendetwas herzaubern?!“, erklärte Stan. „Ein Huhn zum Beispiel.“

Dean schob seine Hände in die Manteltaschen und schloss die Augen. An den Fingerspitzen seiner rechten Hand spürte er seinen allerletzten Sickel. Wenn er nur seine Magie kanalisieren könnte – es war nur eine kleine Transfiguration von einem Sickel in ein Huhn. Eine kleine Transfiguration nur!

Er spürte eine wohlige Wärme  in seiner Manteltasche. Etwas flauschiges, etwas kleines. Er griff nach der Flauschkugel, zog seine Hand vorsichtig heraus. Beeindruckt schaute er auf seine Handfläche. Ein gelbes Küken stand mitten auf seinem Handteller und pickte fleißig nach seinem Zeigefinger. Dean starrte das winzige Tierchen an! Er wusste sehr genau, dass er dieses Küken nicht herbeigezaubert hatte.

„Oh, wie niedlich!“, freute sich Stan. „Kann ich es haben?“

Beinahe automatisch streckte Dean dem Schaffner die Hand mit dem Küken entgegen. Der nahm das kleine Ding vorsichtig an sich und stieg damit in den Bus. Dort setzte er es in ein verstaubtes Osternest, das wohl schon seit dem Frühling auf dem Armaturenbrett liegen musste. Dann drehte er sich wieder um und winkte Dean zu. „Steig ein, bei Merlin, steig ein“, rief er und im nächsten Moment zu seinem Fahrer: „Die andere Route, Ernie!“

Der alte Fahrer knurrte, dann kurbelte er an einer Kurbel, bis es krachte.

Dean stieg eilig ein. Dann blieb er staunend im Gang des Busses stehen, um dieses skurrile Gefährt in all seiner Pracht zu bestaunen.

„Hast du einen Joint für mich, Bruder?“ Verwirrt drehte sich Dean in Richtung der Stimme. Ein schwarzer Schrumpfkopf baumelte an einer seiner langen Rastalocken am Rückspiegel des Busses und schaute ihn aus eingetrockneten Augenhöhlen an – irgendwie.

„Sagen Sie einfach nein!“, raunte ihm Griphook zu, nur um dann eilig nach hinten zu gehen und sich in der letzten Reihe niederzulassen.

Dean suchte die Sitzreihen nach einem geeigneten Platz ab.

„Ein Rat vom Experten, Rookie!“, rief Stan ihm zu. „Such dir lieber ganz schnell einen Sitzplatz. Das wird eine raue Fahrt!“

Kaum hatte der Schaffner seine Warnung ausgesprochen, da ging es auch schon los. Völlig überrascht von der willkürlichen Beschleunigung des Busses wurde Dean nach hinten geworfen. Erst in der Mitte des Busses bekam er ein Stuhlbein zu greifen. Fluchend klammerte er sich dann mit beiden Händen an eine Haltestange und kam nach drei Versuchen schließlich wieder auf die Beine.

Bevor er sich auf den freien Sitzplatz zu seiner Linken setzen konnte, hatte die alte Hexe, die auf dem Fensterplatz saß, jedoch in einer eindeutigen Geste ihre große Handtasche auf dem Polster abgestellt. Dean presste die Lippen zusammen. Zwei Reihen weiter, wäre noch ein Platz frei gewesen, doch Dean erntete von dem ganz  in schwarz gekleideten Zauberer einen so abschätzigen Blick, dass er es lieber nicht darauf ankommen ließ. Immer darauf bedacht nicht umgeschleudert zu werden, kämpfte er sich von Haltegriff zu Haltegriff nach hinten.

Beinahe hätte er neben einer jungen rothaarigen Hexe Platz genommen, doch ihre Mutter ließ im letzten Augenblick zischend Luft durch ihre Zähne entweichen und schüttelte energisch mit dem Kopf. Die junge Hexe schaute daraufhin schnell aus dem Fenster. Dean suchte weiter.

Der Bus hatte noch zwei weitere Stockwerke, doch tief im Inneren wusste Dean, dass er auch dort nicht mehr Glück haben würde. Sein Blick fiel auf die letzte Reihe. Dort saßen bereits Griphook, der Kobold, und der hässliche Hauself aus Hogsmeade, der Mühe hatte, die zwei voll bepackten Weidenkörbe seiner Herrin festzuhalten, ohne selbst durch den halben Bus geschleudert zu werden.

Dean setzte sich neben Griphook.

Griphook verzog keine Miene.

Dean atmete aus. Er wagte es nicht, den Haltegriff vor sich auch nur einen Moment loszulassen.

„Willkommen im Club!“

„Im Club?“, fragte Dean. „Welcher Club?“

„Was denkst du?“, erwiderte der Kobold und lachte heiser. „Der Club der Auserwählten etwa?“ Die bittere Ironie in seinen Worten war deutlich spürbar.

Dean sagte nichts.

„Es ist der Club derer, die im Fahrenden Ritter in der letzten Reihe sitzen müssen“, erklärte der Kobold unaufgefordert.

„Du hast mir das Küken in die Tasche gezaubert“, stellte Dean fest.

Griphook sagte eine Weile nichts. Und dann nach einer Weile: „Alles hat seinen Preis!“ Er hielt die Hand auf. „Ditt für Datt!“ Er sah Dean fordernd an. „Das ist die Regel! Die allerbeste Regel!“

Dean schaute verwirrt. „Ich habe nur noch einen Sickel!“ Er fingerte in seiner Tasche herum, um die Münze zu suchen. „Es tut mir leid!“

„Ein Leben für einen Sickel!“ Griphook seufzte, dann schüttelte er mit dem Kopf. „Das will ich“, und zeigte mit seinem knochigen Zeigefinger auf den obersten Knopf von Deans Wintermantel.

Dean konnte sein Glück kaum fassen. Der Kobold hatte es nur auf den Mantelknopf abgesehen –einen einfachen braunen Plastikknopf, wie man ihn für wenig Geld in jedem Woolworth kaufen konnte. Mit einem kräftigen Ruck hatte Dean den Knopf vom Stoff gerissen und gab ihn eilig dem Kobold, bevor der es sich anders überlegen konnte.

Griphook schaffte es, trotz der wilden Fahrt des Busses, der sie mal in die eine und mal in die andere Richtung schleuderte, den Knopf in einem kleinen Ledersäckchen zu verstauen. Dabei sah er äußerst zufrieden aus.

Im nächsten Moment stieß Dean mit dem Kopf gegen seinen Haltegriff, weil der Fahrende Ritter mit quietschenden Reifen zum Stehen kam, um weitere Fahrgäste einzusammeln. Strandgut. Dean versuchte in der aufkommenden Dunkelheit die einsteigenden Fahrgäste zu erkennen.

Strandgut, dachte er. Plötzlich fragte er Griphook: „Warum bist du nicht einfach mit dem Zug gefahren? Dritte Klasse, meine ich. Es macht doch keinen Unterschied, wenn du dann im Fahrenden Ritter eh in der letzten Reihe sitzen musst.“

Der Kobold sah aus, als ob er nachdenken würde, doch dann zeigte sich auf einmal ein Lächeln in seinem Gesicht. „Um ehrlich zu sein, sitze ich im Fahrenden Ritter am allerliebsten in der letzten Reihe.“

Dean blickte Griphook erstaunt an, und der erklärte: „Als ich jung war, so etwa 10 Jahre alt, durfte ich einmal auf einem Jahrmarkt in London mit der Achterbahn fahren. Es war einfach wunderbar. Wunderbar! Etwa ein halbes Jahr später wurde das Achterbahnfahren für Kobolde verboten. Weil ein junges Koboldmädchen, Phiona Srughonk hieß sie, in die Achterbahn gekotzt hatte.“ Griphook zuckte mit den Schultern und bleckte die Zähne, als sich der Bus mit einem spritzigen Schnellstart wieder in Bewegung setzte.

Dean wurde nach hinten in seinen Sitz gedrückt. Ihm war schon leicht übel. Er sah kurz zu Griphook hinüber. Er schien die wilde Fahrt wirklich zu genießen. Ein Kobold in einer Achterbahn! Eine seltsame Vorstellung. Dean hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, warum man nie Kobolde in der Achterbahn sah. Während er noch darüber nachdachte, bemerkte er, wie der Bus ungebremst auf eine niedrige Brücke zuhielt. Bevor er jedoch einen Herzinfarkt bekommen konnte, hatte der Bus auf magische Art und Weise seine drei Stockwerke wie eine Ziehharmonika zusammengefaltet und die Brücke ohne Schaden passiert.

Sachen gab es!

Stoisch sah er ganz nach vorn aus der Windschutzscheibe und versuchte nicht in den Bus zu kotzen.

Bis er den festen Griff des Kobolds um seine Hand spürte. Nur einen Wimpernschlag später hatte Griphook die Halteleine gezogen. Mit einem störrischen Aufbocken kam der Bus abrupt zum Stehen. Der Kobold stand aufrecht im Bus, seine gewaltigen Nasenflügel bebten. „Folge mir!“, sagte er nur.

~~~


Dean hatte sich später nie erklären können, warum er diesem Moment mit Griphook gegangen war. Warum um alles in der Welt hatte er ausgerechnet einem Kobold vertraut?

Aber es war die richtige Entscheidung gewesen. Denn nachdem sie den Bus verlassen hatten, war der Fahrende Ritter nicht weit gekommen. Kaum ein paar hundert Meter entfernt von ihnen war der Bus mit einem lauten Knall abermals zum Stehen gekommen. Das laute Gejohle der Todesser hatte Dean noch immer im Ohr, das farbenfrohe Blitzen ihrer Flüche noch immer vor Augen.  Wortlos hatte Dean nach einem Zierknopf an seinem Mantelärmel gegriffen, ihn abgerissen und dem Kobold in die Hand gedrückt.

So hatte seine Reise mit Griphook begonnen.

Am Ende hatten seine Knöpfe nicht ausgereicht. Und es gab keine Möglichkeit mehr, seine Schuld zu begleichen. Griphook war tot.

Und immer dann, wenn er im Fahrenden Ritter in der letzten Reihe saß, vermisste er seinen Freund sehr.
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