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[[Ezio Auditore]] Time

KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Claudia Auditore da Firenze Ezio Auditore da Firenze Maria Auditore da Firenze Mario Auditore OC (Own Character)
01.12.2018
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Leonora stand schon seit Stunden am Fenster ihres Zimmers und sah nach draußen. Sie beobachtete die Männer, wie sie im Steinkreis vor der Villa trainierten. Die Sonne am Horizont über Monteriggioni leuchtete in einem warmen friedlichen Orangeton. Es war ein absolut idyllisches Bild. Nun - endlich - war Frieden eingekehrt. Ein zufriedenes Lächeln stahl sich auf Leonoras Gesicht. Sie hatte mit ihrem Wissen viele vor dem Tode bewahren können, ja gar vor schlimmeren Schicksalen, als nur dem Tod. Nicht alle, aber viele. Doch ihre Zeit im Italien der Renaissance neigte sich dem Ende zu. Und es schmerzte sie so sehr, dass sie den Gedanken daran kaum ertragen konnte.

Der kampfeslustige Bariton Ezios ertönte, als er seinen Onkel Mario mit einem Hieb entwaffnete. Siegesgewiss streckte er die Arme in die Höhe und ließ sich von den Umstehenden bejubeln.
Seit sie und Ezio vor einigen Tagen aus Venedig zurückgekehrt waren, war er so gelöst, wie sie ihn noch nie in den fünfeinhalb Jahren erlebt hatte, in denen sie ihn begleitet hatte. Nun... zumindest war er es, wenn sie nicht in seiner Nähe war.
Nora war mittlerweile so lange hier, dass sie sich gar nicht mehr so recht an ihr altes Leben erinnerte. All das hier war ihr Leben geworden.
Grinsend beobachtete sie Mario, wie er seinen Neffen von den Füßen trat und der der Länge nach auf dem Rücken landete. Die Umstehenden grölten noch lauter und auch Nora konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen.
Ja, eigentlich war Leonora zufrieden. Ihr Herz aber war schwer vor Trauer. Bald würde sie in ihre Zeit zurückkehren müssen. Wann und wie wusste sie nicht. Doch wahrscheinlich würde es genauso plötzlich geschehen, wie ihre damalige Ankunft. Die Aufgabe, die ihr bestimmt war, hatte sie nun erfüllt. Sie erinnerte sich nur zu genau an die Worte der golden glimmenden Frau in ihren Träumen. Sie solle das Schicksal der Assassinen zum Guten wenden und den Fortbestand von Ezios Blutlinie sichern.
Nun hatte Ezio mit Leonoras Hilfe auch Christina Vespucci vor ihrer Ermordung bewahren können. Sie war sein Schicksal. Nora hatte es oft genug in ihren Träumen gesehen. Vermutlich würde er schon bald nach Florenz zurückkehren, um sie zu heiraten. Oder Christina würde ihm nach Monteriggioni folgen, jetzt wo sie nach dem Tod ihres Mannes keine Zweckehe mehr in Florenz hielt. Sicher würden sie viele Kinder haben, Kinder mit seinen Augen, seinem Charme und ihrem exquisiten Geschmack.
Und nun, da Nora den Lauf der Dinge nicht mehr kannte... nun, da Ezio mit ihrer Hilfe alles zum Besseren gewendet, die Verräter enttarnt und die Borgia getötet hatte, bevor ihr perfider Plan überhaupt richtig reifen konnte, war sie ihm von keinem Nutzen mehr. Sie wusste sich gewiss zu verteidigen. Doch konnte sie weder besonders gut kämpfen, klettern, noch war sie eine sonderlich talentierte Diebin und erst recht war sie ungeschickt in der Kunst der Manipulation. Denn eines konnte Leonora überhaupt nicht – lügen. Und mit einer Dame aus gutem Hause und von so makelloser Schönheit wie Christina konnte Leonora als Kind einer fremden Welt ohnehin nicht mithalten.
Tränen sammelten sich in ihren Augen, als sie einmal mehr diese Erkenntnis traf. Und auch wenn sie wusste, dass sie eigentlich nicht hierher gehörte, dass sie eigentlich großes Glück hatte, nicht in dieser fremden, gefährlichen Zeit umgekommen zu sein, fühlte sie sich hier so wohl und vollständig, wie noch niemals zuvor. Und Schuld daran war er.
Die lange Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, hatte ein starkes Band geknüpft. Wahrscheinlich kannten sie einander besser, als irgendjemand anders - auch wenn sie gerade alles dafür taten, einander misszuverstehen. Zahlreiche Male hatte Ezio ihr das Leben gerettet, ja sogar zweimal einen Pfeil für sie eingefangen. Und zahlreiche Male hatte sie ihn gepflegt und anschließend gezügelt, vorschnell wieder auf eine Mission zu gehen. Ihm mangelte es an Vorsicht und ihr an Leichtsinn. Und so hatten sie einander beschützt.
Eine Situation jedoch war ihr ganz besonders lebhaft in Erinnerung geblieben. Erst vor ein paar Wochen hatte Ezio nach einem Sturz aus großer Höhe einen Herzstillstand erlitten. Nora war außerordentlich mutig, doch in diesen Minuten hatte sie die Angst um ihn vollkommen übermannt. Glücklicherweise war es ihr gelungen, ihn zu reanimieren. Ohne das Wissen ihrer Zeit wäre er dem Sturz erlegen. Sogar jetzt kamen ihr beim Gedanken an Ezios leblosen Körper die Tränen, denn die Angst um ihn war noch immer viel zu greifbar.

Leonora schluckte und verbannte die Erinnerung aus ihrem Kopf, als Ezios tiefes Lachen erneut ertönte und er – das Schwert noch in der Hand - die Schultern kreisen ließ. Vermutlich spürte er mal wieder die alte Verletzung, der er nie die Gelegenheit gegeben hatte, ganz zu verheilen. Sie kannte ihn einfach zu gut. Gut genug um zu wissen, dass er niemals offen zugab, wenn er Schmerzen hatte.
Nora setzte gerade zu einem tiefen Seufzer an, da blickte Ezio hinauf zur Villa und zum Fenster und sein Lächeln gefror. Ihr blieb auf der Stelle das Herz stehen. Sie verspürte den Drang, sich zu ducken, doch sie war wie versteinert. Früher hatte er ihr gegenüber mit Emotionen nicht hinterm Berg gehalten. Er hatte ihr sogar von der Hinrichtung seines Vaters und seiner Brüder erzählt und auch von seinem ersten Rachemord. Er hatte ihr von glücklicheren Tagen erzählt, ja sogar von verflossenen Eroberungen. Sie hatten gemeinsam geweint, gelacht, gehofft, gelitten, gebangt... und gemordet. Doch nun war alles, was er ihr entgegenbrachte, Leere und Kälte - als wäre sie eine Fremde, als wäre sie nur eine Mission.
Seit sie wieder in Monteriggioni angekommen waren, war Ezio seltsam distanziert ihr gegenüber. Bereits am Vortag hatte er kein Wort mehr mit ihr gewechselt, was ihre Vermutung nur bestätigte: Er hatte keine Verwendung mehr für sie. Dabei liebte sie ihn so sehr, dass seine plötzliche Kälte ihr Herz mit jeder Minute, die verstrich, in ein immer enger werdendes Korsett zwängte. Anfangs noch hatte sie sich gegen den Gedanken, ja die bloße Idee, sie könne für den Mann aus der Vergangenheit romantische Gefühle hegen, noch vehement gesträubt. Sie hatte es sich gar verboten. Zu unvernünftig war es..., zu unmöglich. Doch spätestens seit Christinas Rettung war ihr klar, dass die Eifersucht unablässig an ihr nagte und nicht von Ungefähr kam. Dabei hätte sie doch von Anfang an wissen müssen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis sich ein charmanter Frauenheld wie er in ihrem Herzen einnisten würde. Doch sie war unvorsichtig geworden und hatte bis vor einigen Wochen keinerlei Gedanken an ihre Abreise verschwendet. Nun aber konnte sie das Unvermeidliche nicht länger ignorieren.
Sie versuchte sich damit zu trösten, dass sie Ezio womöglich ein einsames Schicksal aus jahrzehntelangen Verschwörungen, Intrigen und Morden erspart haben könnte, oder auch die ewige Suche nach Antworten. Sie wusste nicht, was nun vor ihm lag. Doch sie hoffte es möge ein friedlicheres Leben sein, auch wenn sie nicht darin vorkam. Leonora wagte nicht daran zu glauben, er könne ähnliche Gefühle für sie hegen. Ihre Rolle war die einer wissenden Beraterin, nicht die seiner Geliebten. Doch auch dieses Mantra hatte sie nicht davon abhalten können, sich unglücklich zu verlieben.

Ezio wandte den Blick von ihr ab und widmete sich seinem nächsten Kampf. Nora entließ mit einem zittrigen Seufzen die Luft aus ihren Lungen. Als die beiden noch gemeinsam unterwegs gewesen waren, war es einfacher, den Schmerz zu ignorieren. Doch nun traf er sie mit voller Wucht. Beinahe wünschte sie sich doch sofort vom Erdboden verschluckt zu werden. So wie es aussah, würde Ezio sie ohnehin nicht vermissen. Und wenn er Christina bald heiraten würde, wollte sie ohnehin nicht mehr hier sein.
Leonora zuckte ertappt zusammen, als es an der Tür klopfte.
„Komm herein.“
Sie wandte sich um und lehnte sich an den Sims. Ihr war bereits klar, wer ihr da einen Besuch abstattete. Sie hatte ihr schon am Morgen damit gedroht.
„Claudia“, begrüßte sie die breit lächelnde junge Frau und bemühte sich um Haltung. Als die jedoch die rot unterlaufenen Augen und das falsche Lächeln ihrer Freundin bemerkte, fielen auch ihre Mundwinkel.
„Was hast du? Ist alles in Ordnung, amica mia?“
Die junge Italienerin kam zu ihr geeilt und ein humorloses Lachen entfloh Noras Mund. Claudia war hinreißend, mit ihrem perfekt sitzenden dunklen Haar, den Gewändern aus Seide, der schön gebräunten Haut. Leonoras war im Gegensatz dazu trotz ihrer Zeit unter der italienischen Sonne eher blass. Ihr tiefbraunes Haar lag in wirren Locken ungebändigt über ihren Schultern und auch wenn es sich für eine Dame dieser Zeit nicht schickte, so trug sie Hosen und ein Leinenhemd, das ihre zierliche Gestalt vollkommen vor den Blicken geifernder Männer verbarg.
Claudia setzte sich auf das mit Schnitzereien verzierte Bett, das neben dem Fenster stand und legte erwartungsvoll die Stirn in Falten.
„Es ist nichts. Ich... ich bin es nur Leid zu warten.“
„Aber ich dachte du bist gern hier.“
Claudia sah sie verletzt an und Nora tat es auf der Stelle Leid, sich so ungewählt ausgedrückt zu haben.
„Das bin ich auch, Claudia. Wirklich. Du bist mir wie eine Schwester. Aber...“
Leonora suchte gestikulierend nach einer passenden Ausrede für ihr Trübsal.
„Es ist mein Bruder, si?“, Claudia schnaubte düster, „Was hat er angestellt?“
Das Blut wich aus Leonoras Gesicht und als sie Claudias Aussage nicht sofort vehement dementierte, war für diese der Fall sofort klar.
„Es ist... definitiv nicht dein Bruder!“, stotterte Nora blinzelnd und einmal mehr verfluchte sie ihre fehlende Begabung fürs Flunkern.
„Ich habe nur keine große Lust darauf, einfach vom Erdboden zu verschwinden, wenn ich es am wenigsten erwarte und ohne mich richtig verabschieden zu können. Und- und außerdem bin ich einfach wirklich müde.“
Claudia lauschte amüsiert diesen fadenscheinigen Ausreden. Sie hatte Leonoras Blicke für ihren Bruder längst bemerkt.
„Was hast du da eigentlich bei dir?“
Erst jetzt bemerkte Leonora, dass Claudia etwas bei sich trug und war froh über die Ablenkung von diesem unliebsamen Thema.
„Dein Kleid für heute Abend.“, antwortete diese grinsend und hob das Gewand in ihren Händen ein Stück in die Höhe. Bewundernd trat Leonora an sie heran und ließ die Hand über den weichen, bordeauxroten Stoff gleiten. Es war wirklich ein außergewöhnlich schönes Kleid. Das Mieder hatte einen tiefen Herzausschnitt und die Ärmel waren mit goldenen Fäden abgesetzt, während der bodenlange Rock schlicht in fließenden Wellen fiel. Ein traumhaftes Kleid, das ihr entgegen Claudias Meinung sicher überhaupt nicht stehen würde. Sie hatte so lange kein Kleid mehr getragen, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, wie sie darin aussehen würde.
„Ich- ich glaube ich bleibe lieber hier.“
Claudia keuchte empört und wurde gleich ein Stück größer.
„No! Nora. No, no no. Dieses Fest gibt es eures Triumphes zu Ehren. Du würdest die Bewohner der Stadt beleidigen, wenn du nicht kämst. Non, scordatelo! Basta!“, tadelte sie mit erhobenem Zeigefinger in gewohnt exzentrischer Manier.
„Du meinst Ezios Triumph.“, stellte Nora mit einem humorlosen Lachen klar.
„Si Nora, du hast Recht. Ezio war der, der das Schwert geschwungen hat. Aber du hast ihm den Weg gezeigt, no? Ich weiß nicht, was ohne dich und dein Wissen geschehen wäre. Du musst es mir auch nicht sagen. Aber ohne dich hätte er all das nicht tun können.“
Nora ließ resigniert die Schultern fallen. Sie war dankbar für Claudias Zuspruch. Doch vor allem war sie froh, dass sie keine Fragen mehr darüber stellte, wie ihr ursprünglicher Weg wohl ausgesehen hätte.
„Und nun keine Widerrede, Signora.“
Claudia legte das Kleid neben sich auf dem Bett ab und klatschte in die Hände. Leonora wagte es kaum, ihr zu widersprechen, so bestimmt vertrat sie ihre Meinung. Zudem fürchtete sie Claudias Standpauken noch viel mehr, als die Klinge eines Borgiahauptmannes, die sie das eine oder andere Mal bereits zu spüren bekommen hatte. Und dennoch... Sie griff sich an die Stirn und sah an sich hinab.
„Aber... wie sehe ich bloß aus? Meine Haare-“
„Ah... Lass das mal meine Sorge sein. Ich lass dir ein Bad ein. Und beeil dich. Uns bleibt nicht mehr viel Zeit.“
Sie erhob sich und scheuchte Nora in Richtung Badezimmer. Die konnte über Claudias Enthusiasmus nur lachen und für einen Augenblick gelang es ihr tatsächlich, ihren Kummer aus ihrem Kopf zu verbannen.

-

Claudia gönnte Leonora nur einen kurzen Blick in den Spiegel, bevor sie sie aus dem Zimmer zitierte. Und dennoch kam sie nicht umhin zu bemerken, dass sie doch ein wenig knochiger aussah als früher, und auch älter. An ihrem Unterarm leuchtete ihr noch eine halb verheilte Narbe entgegen, so wie auch blaue Flecken und Schürfwunden an Unterleib und Knien. Ihre Abenteuer mit Ezio hatten ihre Tribute gefordert, die sie nun auf ewig wie Stigmata mit sich tragen würde - einige davon für das Auge vollkommen unsichtbar.
Claudia hingegen war stolz auf ihr Werk. Sie hatte Noras Locken gebändigt und halb hochgesteckt. Noch ein wenig Rouge hier und ein wenig Lippenpomade dort und schon sah auch sie aus wie eine Dame aus edlem Hause. Sie hatte beim Schnüren des Mieders keine Gnade walten lassen, doch drückte es Nora nicht ansatzweise so weit die Luft ab, wie sie es erwartet hätte. Ihre Brüste waren entsprechend in Szene gesetzt und bildeten ein sehr ansehnliches Décolleté. Nora war wirklich eine Augenweide, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst war.
Sie konnte sich gar nicht mehr daran erinnern, wann sie zuletzt so viel Haut gezeigt hatte. Früher einmal hatte sie sehr gerne Kleider getragen. Doch das lag gefühlt Jahrzehnte zurück.
„Findest du nicht ich sehe lächerlich aus?“, fragte Nora verunsichert und knetete nervös die Hände ineinander.
„Sehe ich denn lächerlich aus?“, erwiderte Claudia halb lachend, halb beleidigt, da sie immerhin ein Kleid aus ihrem Repertoire trug.
„Nein. Natürlich nicht. Aber dir steht so etwas. Ich sehe damit... irgendwie verkleidet aus.“
„Non ti preoccupare, Nora. Du siehst ganz bezaubernd aus.“, sie beugte sich zu ihr herüber und fügte flüsternd hinzu: „Und ich bin mir sicher Ezio wird meine Meinung teilen.“
Leonoras Augen wurden immer größer und sie hätte beinahe eine Stufe verfehlt, als sie die Steintreppen zur Stadt hinabstiegen. Waren ihre Gefühle denn so offensichtlich? Wusste Claudias Bruder womöglich auch bereits davon? War er deshalb so eisig ihr gegenüber?
Die Gedanken in Noras Kopf rasten in einem schwindelerregenden Tempo und ließen ihren Puls durch die Decke gehen. Sie wollte am liebsten wieder umdrehen und sich in ihrem Bett verkriechen. Doch wusste sie, dass Claudia das niemals erlauben würde. Und so ergab sie sich mit puckerndem Herzen ihrem Schicksal.

Das Fest fand in der ganzen Stadt statt. Die Nacht war eingekehrt und die Straßen waren hell erleuchtet von Fackeln und anderem offenen Feuer. In der Luft lag ein herrlicher Duft aus Rosmarin, verbranntem Zedernholz und süßem Wein. Überall gab es Musik, Tanz und heitere, angeregte Gespräche. Beinahe erinnerte es Nora an den Karneval in Venedig, so ausgelassen und ungehemmt wuselten die Leute durch die Straßen. Das Treiben um sie herum entspannte sie ein wenig. Es waren Momente wie diese, in denen es sie mit Glück erfüllte, was sie für diese Menschen hatte tun können.
„Da vorne ist Ezio.“, ertönte Claudias vom Lärm gedämpfte Stimme und sofort war Noras Herz wieder auf Alarmbereitschaft. Sie folgte Claudias Handbewegung und entdeckte ihn bei einer kleinen Gruppe bestehend aus Onkel Mario, zwei weiteren Männern, die sie vom Training wiedererkannte, und ein paar leicht bekleideten Damen. Nora blieb wie angewurzelt stehen. Plötzlich kam sie sich noch lächerlicher in ihrem Aufzug vor, als ohnehin schon. Claudia aber ließ ihr keine Zeit für Selbstzweifel. Sie hakte sich bei Nora unter und zwinkerte ermutigend.
„Andiamo. Ich muss doch mein Werk präsentieren.“
Claudias Griff war eisern und unnachgiebig und ließ ihr gar keine andere Wahl, als ihr zu folgen. Und so dauerte es nur ein paar Sekunden, bis sie sich um die Tanzenden geschlängelt hatten und sich der heiteren Gruppe näherten. Mario saß auf einer Bank mit einem kichernden leichten Mädchen auf dem Schoß, während die anderen darum herum standen, allesamt mit Bechern voller Wein oder anderer betäubender Substanzen. So wie sie Mario kennengelernt hatte, berichtete er wohl gerade von einem seiner Abenteuer, denn die Umstehenden lachten lautstark. Missmutig stellte Nora fest, dass eine zweite Kurtisane an Ezios Arm hing und - ebenso wie ihre Kollegin bei Mario - säuselnd um seine Aufmerksamkeit buhlte. Und Ezio schien sich dabei sehr zu amüsieren, denn er flüsterte ihr grinsend etwas ins Ohr, was sie erröten und laut kichern ließ. Nora konnte sich unschwer vorstellen, welcher Art seine Worte wohl sein mussten. Seit seiner Rückkehr wurde er als Held gefeiert und war, wenn überhaupt möglich, noch beliebter bei den Damen. Und Noras Herz ziepte bei diesem Anblick fürchterlich.
Als die Herren Claudia und Nora endlich bemerkten, verstummten sie plötzlich. Alle Aufmerksamkeit lag auf den beiden Frauen. Nora richtete nur einen kurzen Blick an Ezio und stellte mit pochendem Herzen fest, dass sein Blick auf Wanderschaft gegangen war. Vielleicht hatte Claudia doch Recht behalten? Nora sah schnell wieder weg, spürte jedoch weiter die dunklen Augen, die sie so sehr liebte, auf ihrem Körper umherwandern.
Die Stille wurde unangenehm und sie betete, dass endlich jemand etwas sagen möge.
„Ah, haben es die Damen auch endlich geschafft.“, donnerte Marios Stimme schließlich. Er nahm einen Schluck aus seinem Becher und fuhr dann schmatzend fort, „Aber wie ich sehe, hat sich das Warten ja gelohnt, nicht wahr Neffe?“
Aus Reflex sah Nora wieder hinüber zum Angesprochenen, der sie noch immer ungeniert anstarrte. Erst jetzt nahm sie errötend zur Kenntnis, dass er statt seiner üblichen Assassinengewänder ein Leinenhemd und einen hüftlangen Wildlederwams trug, der sich eng an seinen Körper schmiegte. Der Kragen des Hemdes stand offen und Nora hatte Mühe bei seinem Anblick nicht dahinzuschmelzen.
Es war ganz und gar ungewohnt für sie, kannte sie ihn doch fast ausschließlich mit Rüstung, Umhang und Kapuze. So nun konnte man deutlich seine maskuline Statur erkennen. Sie stellte sich vor, wie Ezio früher in solch einem Aufzug Damen verführt und Widersacher verprügelt hatte, bevor ihn sein Schicksal als Assassine ereilte. Nur dass er damals vermutlich unter den Ärmeln seines Hemdes keine versteckte Klinge trug.
Für eine Sekunde streiften sich wieder ihre Blicke. Doch als das Mädchen an Ezios Arm kichernd die Hand über seine Brust gleiten ließ, brach er den Blickkontakt.
„Sie sollte ihre weiblichen Reize viel öfter zur Schau tragen, findet ihr nicht? Vielleicht fällt sie so dem einen oder anderen Ehrenmann auf.“, sagte Claudia frech und hob die Brauen beim Anblick der beiden anderen beistehenden Männer, die die errötende Nora schamlos von der Seite begafften. Als ihr Onkel Mario dann auch noch offenkundig sein Gesicht im Ausschnitt des Mädchens auf seinem Schoß versenkte, fügte sie aber noch an: "Nun ja, hier wohl eher nicht.“
Claudia spürte Noras Unbehagen, da sie sich nicht mit ihrer üblichen höflichen Fröhlichkeit am Gespräch beteiligte. Stattdessen knetete sie noch immer die Hände hinter ihrem Rücken und versuchte krampfhaft niemandem direkt in die Augen zu sehen, ganz besonders nicht Ezio. Claudia verfluchte ihren Bruder für seine Blindheit. Sie wusste, dass Nora ihn vergötterte, auch wenn sie sich nach allen Kräften bemühte, es zu verbergen. Ezio jedoch war sehr erfolgreich dabei. Nicht einmal Claudia konnte sagen, weshalb er sich so von Nora distanziert hatte, wieso er ihr plötzlich so emotionslos gegenübertrat. Sie hatte die beiden als ein Herz und eine Seele kennengelernt, als Verbündete, Vertraute, Gefährten; sie als die rationale Strategin, während er schon immer eher temperamentvoller Natur war. Selten hatte sie zwei Menschen erlebt, die ähnlich gut ineinander griffen. Doch nun... war sie ein Häuflein Elend und er ein stoischer Eisklotz.

„Entschuldigt uns. Mutter erwartet uns bereits. Signora Sartori möchte uns ihre Söhne vorstellen. Sie sind vor Kurzem aus Rom zurückgekehrt.“, verabschiedete sich Claudia und prüfte Ezios Reaktion. Wenn er so etwas wie Eifersucht empfand, ließ er sich aber nichts anmerken.
„Ah, das nenn ich Kampfgeist!“, röhrte Onkel Mario lautstark. Er hatte wohl schon sehr viel getrunken, so geleiert kamen seine Worte daher.
„Halt dich ran. Du bist nicht mehr die Jüngste, Claudia. Ein Mann würde dir gut tun! Hier in Monteriggioni feiern wir nichts lieber als Hochzeiten. Oder auch zwei.“
Er grinste Nora an und lachte bei ihrer scheuen Miene ein lautes Lachen, das sie zusammenzucken ließ.
Die Umstehenden grölten amüsiert, nur Ezio blieb stumm und hob halbherzig die Mundwinkel.
„Männer... glauben immer noch, wir bräuchten sie, um unser Leben zu leben.“, erwiderte Claudia empört und wandte sich zum Gehen, „Dabei ist es doch genau andersherum.“
Mit diesen Worten ließ sie die verdutzt dreinblickenden Herren stehen und Nora folgte ihr nur allzu bereitwillig aus dieser unangenehmen Situation. Kopfschüttelnd sah Ezio den beiden Frauen nach und konnte sein Amüsement über seine Schwester nicht verbergen.
Nora warf einen letzten Blick über ihre Schulter und lächelte aus demselben Grund. Ja, wahrlich, sie waren beide blind für die Gefühle des anderen. Und es dauerte nicht lange, da waren die Frauen aus Sicht- und Hörweite verschwunden.
„Ezio, wenn du dich nicht ranhältst, versucht vielleicht ein anderer sein Glück. Wenn ich zehn, sagen wir fünfzehn Jahre jünger wäre-“
„Onkel, wie kommt ihr darauf, ich könnte ein solches Interesse an ihr hegen?“, unterbrach Ezio seinen Onkel sofort, denn er wollte all das nicht hören.
„Mein Junge. Hältst du mich für dumm? Meine Augen sind auf meine alten Tage immer noch die eines Adlers.", raunte er kopfschüttelnd, "Was hält dich?“
Ezio schwieg. Wo sollte er da nur anfangen?

Leonora und Claudia wurden nur ein paar dutzend Fuß weiter von Maria Auditore in Empfang genommen. Nora mochte sie sehr. Sie war herzlich und stolz, wie Claudia, die ohnehin ihr jüngeres Abbild war. Doch jedes Mal, wenn Nora ihr gegenüberstand, keimte in ihr das unbändige Bedauern darüber auf, dass sie ihren Mann und ihre anderen beiden Söhne nicht vor ihrem grausamen Schicksal hatte retten können. Nora wusste, sie konnte im Grunde nichts dafür. Nicht sie hatte entschieden, an welchem Punkt der Geschichte sie landen würde. Doch konnte sie nur vermuten, dass der Zeitpunkt aus blanker Berechnung gewählt worden war. Denn ohne diesen Schicksalsschlag wäre Ezio wohl nie zu dem Assassinen gereift, der er heute war.
„Darf ich Euch meine Tochter Claudia und Signora Leonora vorstellen?“, verkündete Maria stolz. Sie machten einen Knicks, während die ergrauende Dame und ihre beiden Söhne vor ihnen sich ebenfalls höflich verbeugten.
„Und ich bin erfreut Euch meine Söhne Vincenzo und Domenico vorzustellen.“, antwortete die ältere Frau neben Maria, welche wohl Signora Sartori war. Die beiden jungen Männer waren adrett gekleidet und lächelten charmant. Nora hätte sie in ihrer Zeit sicher attraktiv gefunden. Allerdings war sie da auch noch nicht unglücklich verliebt gewesen.
Ihr stand überhaupt nicht der Sinn nach gekünstelter Höflichkeit und gesellschaftlicher Verpflichtung. Während sich die anderen unterhielten, stand sie nur dabei und hoffte sich bald wieder in die Sicherheit ihrer vier Wände flüchten zu können. Himmel, sie hatte dutzende gefährliche Situationen mit Ezio durchgestanden. Warum nur machte ihr das hier solche Angst? Konnte sie ohne ihn denn überhaupt nichts? Oder sollte es tatsächlich daran liegen, dass sie so sehr daran gewöhnt war, Waffen am Körper zu tragen, dass sie sich ohne sie vollkommen nackt fühlte? Immerhin hatte Claudia ihr nicht einmal gestattet, ihren sizilianischen Dolch im Oberschenkelholster zu tragen.
Einer der beiden Männer, Domenico, bemühte sich sichtlich sie zu beeindrucken. Er erzählte ihr, dass sein Vater ein wohlhabender Kaufmann sei und er schon bald seine Geschäfte übernehmen würde. All das interessierte Nora herzlich wenig, doch sie bemühte sich der Höflichkeit und natürlich auch Maria zur Liebe zumindest interessiert zu wirken. Er fragte woher sie kam, woher sie die Auditores kannte. Ja er zeigte offenkundig Interesse. Nora jedoch konnte seinen Fragen nur ausweichen. Niemand außer den Auditores wusste von ihrer außergewöhnlichen Geschichte. Und dabei sollte es auch bleiben. Claudia ihrerseits schien sich ganz ausgezeichnet mit dem zurückhaltenderen Bruder Vincenzo zu verstehen, was die beiden Mütter wohlwollend zur Kenntnis nahmen. Auch wenn Claudia sich so unabhängig hervortat, wollte sie ihr Leben nicht einsam fristen. Und nichts wünschte sich Nora für Claudia sehnlicher, als einen Mann, der sie gut behandelte.
Nora aber hielt es schon bald nicht mehr aus. Nur mit Mühe konnte sie die Situation ertragen, ohne laut zu schreien.
„Bitte entschuldigt mich. Ich werde nun zur Villa zurückkehren. Ich fühle mich nicht besonders gut.“
Nora setzte zu einem Knicks an, doch der gutaussehende Italiener vor ihr machte ihr einen Strich durch die Rechnung.
„Erlaubt Ihr, dass ich Euch begleite? Ihr solltet in diesem Zustand nicht allein den Heimweg beschreiten.“
Gerade noch so konnte sich Nora ein Augenrollen verkneifen. Natürlich hatte ihr die Rolle des hilflosen, zerbrechlichen Mädchens in der Vergangenheit zahlreiche Male zum Vorteil gereicht. Immerhin wurde sie von ihren Gegnern regelmäßig unterschätzt. Doch das hieß nicht, dass es ihr nicht zuwider war. Und wenn Domenico gewusst hätte, wieviele Männer sie in den letzten Jahren getötet hatte, hätte er sicherlich nicht so mit ihr gesprochen.
Nora sah hilfesuchend zu Claudia, die wissend eine Augenbraue hob. Ihr war klar, dass Nora lieber Scherben gekaut hätte, als sich von dem Fremden zur Villa begleiten zu lassen. Als sie jedoch über Noras Schulter blickte, sah sie von Weitem den interessierten Blick ihres Bruders auf Nora ruhen. Ezio stand in einer Gruppe aus jungen Damen, die ihn sichtlich anschmachteten, und er musterte Domenico interessiert aus der Ferne. Und da besann sich Claudia eines Besseren und entschloss sich, Nora nicht zu retten.
„Welch ausgezeichnete Idee. Mir wäre auch viel wohler, wenn du in Begleitung zurückkehren würdest.“
Maria und Signora Sartori nickten zustimmend. Im Gegensatz zu Claudia waren sie vollkommen unwissend darüber, was in Nora wirklich vorging.
Die blickte hinauf in das Gesicht von Domenico, der ihr freundlich lächelnd seinen Arm anbot.
„Dann ist es entschieden. Fantastico. Mille grazie, Domenico!“, kam Claudia Nora zuvor, die gerade zu einer höflichen Ausrede ansetzen wollte. Nora warf einen letzten verzweifelten Blick zu Claudia, die ihr zuzwinkerte und verfluchte sie dafür. Zögerlich beäugte sie den angebotenen Arm, als bestünde er aus Feuer, hakte sich schließlich aber doch ein, um nicht seine Gefühle zu verletzen.
„Eine gute Nacht.“, wünschte Nora den Umstehenden und machte sich gemeinsam mit Domenico auf den Weg durch das bunte Treiben. Und während Domenico sie bereits wieder mit Fragen bombardierte, sah Claudia ihr nach. Auch die Augen ihres Bruders folgten dem Paar und endlich war da die Reaktion, die sie sich erhofft hatte. Während Ezio mit einem Zug seinen Becher leerte, verengten sich seine Augen immer mehr, je weiter sich Nora und ihr Begleiter in Richtung Villa entfernten.
Erst jetzt, als sie ihn so aus der Ferne betrachtete, fiel Claudia auf, wie erwachsen ihr Bruder geworden war. Er war wahrlich zum Mann gereift. Sogar ein Dreitagebart umspielte Mund und Kinn. Ezio erinnerte sie mit seinen nun dreiunddreißig Jahren an ihren Vater, auf dessen breiten Schultern sie als Kind oft die Welt von oben bewundert hatte. Ihr Bruder würde seinen Kindern eines Tages ein genauso liebevoller Vater sein.
Nach einigen Augenblicken drückte Ezio einer der Damen achtlos seinen Becher in die Hand und löste sich ohne Verabschiedung aus der Gruppe. Die jungen Frauen raunten ihm enttäuscht hinterher, als er in der Menge verschwand. Claudia konnte nicht anders als triumphierend zu grinsen. Sie zog unauffällig am Ärmel ihrer Mutter, die ihren Sohn gerade noch so zwischen den Menschen verschwinden sah und beide schenkten sich ein wissendes Lächeln.

„Ihr seid nicht gerade gesprächig.“, bemerkte Domenico flötend und Nora rollte mit den Augen. Sie entschied sich diesen Kommentar, den sie nun bereits zum zweiten Mal von ihm hörte, einfach zu ignorieren, als sie an den lebhaften Gruppen vorrübergingen, die allesamt schon eine beachtliche Menge Alkohol intus haben mussten.
„Aber das ist in Ordnung. Ich mag schöne Frauen, die sparsam mit Worten sind.“
Nora schnaubte leise, erwiderte aber nichts.
Sie gingen gerade an einem Fabro vorüber, als sich mit einem Mal Noras Nackenhärchen aufstellten - ein zuverlässiges Zeichen ihres Körpers, dass sie beobachtet wurde, wie sie über die letzten Jahre gelernt hatte. Sie widerstand dem Drang, stehenzubleiben und sich umzusehen. Immerhin wollte sie den Weg zur Villa möglichst schnell hinter sich bringen. Stattdessen zog sie nur wachsam die Augenbrauen zusammen. Eigentlich wusste sie, dass ihr hier keine Gefahr drohte. Vielleicht hatten die Jahre an Ezios Seite sie paranoid gemacht? Ja... so musste es wohl sein.
„Warum?“, wagte sie dann doch eine Beteiligung an diesem bisher recht einseitigen Gespräch, um sich Ablenkung zu verschaffen und Domenico schien äußerst erfreut.
"Warum was?"
"Warum mögt Ihr Frauen, die sparsam mit Worten sind?", fragte Nora bemüht, nicht ganz so angewidert zu klingen, wie sie wirklich empfand. Er strich sich durchs lockige, dunkle Haar - eitel war er natürlich auch - und lächelte humorvoll.
„Das zeugt von guter Erziehung.“
Nora hätte gern ein für ihre Zeit so übliches Würggeräusch vorgetäuscht. Solch eine Sorte Mann war Domenico also. Nun, Chauvinismus war wohl ein Problem jeder Epoche. Sofort versuchte sie unauffällig ihren Schritt ein wenig zu verschnellern, damit diese Unterhaltung möglichst bald ein Ende fand.
„Und was muss eine Frau Eurer Meinung nach noch für Eigenschaften haben, um dieses Prädikat zu verdienen?“
Stolz nahm Nora zur Kenntnis, dass da etwas von ihrer sonst so spitzbübischen Eloquenz durchblitzte. Domenico jedoch bemerkte ihren ironischen Unterton nicht, war er doch froh, dass sie sich endlich am Gespräch beteiligte.
„Fragt Ihr Euch, ob Ihr all jene Qualitäten besitzt?“
Nora beäugte ihn argwöhnisch von der Seite, wie er da in seinem Seidendoublet neben ihr her gockelte.
„Eigentlich nicht. Ich dachte nur das Frauenbild wäre anders in dieser Zeit... ich meine in dieser Gegend.“
Nora gab sich gedanklich eine Backpfeife für ihren gedankenlosen Kommentar, doch Domenico ging einfach darüber hinweg.
„Nun, schön seid Ihr. Die Kunst der Haushaltsführung sollte Euch bekannt sein und natürlich solltet Ihr Eurem Mann immer gefällig sein.“
Nora wurde übel. Sie konnte sich unschwer vorstellen, welche Art von Gefälligkeiten er im Sinn hatte. Wenn sie daran dachte, dass ein armes Mädchen diesen Trottel mit seinen antiquierten Wertvorstellungen eines Tages zum Mann nehmen würde, bekam sie großes Mitleid.
„Da wo ich herkomme, tragen Frauen Hosen. Wie findet Ihr das?“
„Frauen in Hosen? Nun das ist recht... sonderbar.“
Nora belächelte seine Irritation.
"Nun ja, Frauen in meinem Heimatland arbeiten für gewöhnlich auch. Auch die aus gutem Hause. Ich nehme an, dafür ist es praktischer."
Domenico legte mit einer Mischung aus Spott und Verständnislosigkeit die Stirn in Falten und sah auf sie hinab, als hielte er ihre Worte für einen Scherz.
„Nun, solange es nicht zur Gewohnheit wird. Es kommt gewiss auf die Frau an, die in den Hosen steckt. Ich würde allerdings nicht wollen, dass meine Frau arbeitet. Das wäre doch sehr... unangebracht."
Und schon fiel ihr Lächeln wieder. Sie hatte gehofft sein aggressives Werben so abstellen zu können. Er aber hob erwartungsvoll die Brauen, doch Nora unterbrach den Blickkontakt sofort wieder. Es wurde Zeit, dass sie ihr Ziel erreichten. Sie hatte weder die Lust noch die Kraft für eine solche Diskussion.

Erleichtert atmete sie auf, als sie endlich bei der großen Steintreppe ankamen, die hinauf zur Villa führte.
„Vielen Dank für Eure Begleitung. Den restlichen Weg schaffe ich allein.“
Nora knickste höflich und wollte rasch die ersten Stufen erklimmen, doch Domenico hinderte sie an ihrer Flucht.
„Um diese späte Uhrzeit bestehe ich darauf, Euch bis zur Tür zu begleiten, Signora.“
Nora wandte sich um und sah alarmiert auf seine Hand hinab, die sich fest um ihr Handgelenk geschlungen hatte. Sie war erstaunt, dass jemand wie Domenico so fest zugreifen konnte. So makellos und gepflegt wie seine Finger aussahen, hatte er noch nie im Leben hart arbeiten müssen.
„Ich fürchte, das ist nicht nötig und auch nicht möglich, Signore.“
Sie versuchte mit der freien Hand, die seine von ihrem Handgelenk zu entfernen, doch er weigerte sich beharrlich, sie loszulassen. Erst jetzt bemerkte sie die Mischung aus Wut und verletztem Stolz in seinem Gesicht.
„Erlaubt Ihr, dass ich Euch morgen wiedersehe?“
Nora blickte ihn mit großen Augen an und so langsam schellten in ihr alle Alarmglocken über Domenicos Hartnäckigkeit.
„Verzeiht, aber nein.“
„Verzeiht Ihr, wieso nicht?“
Sein Ton wurde langsam aber sicher aggressiv und Nora sah sich schluckend um.
„Weil...“, ihr Mund war trocken, doch eine gescheite Ausrede wollte ihr ohnehin nicht einfallen. Also entschied sie sich für die Wahrheit.
„Ihr werdet gewiss eine Frau finden, die Eure Werte teilt. Doch ich bin das nicht.“
Ihre Brust hob und senkte sich schwer, als sie Domenicos Reaktion abwartete.
„Ihr weist mich zurück?“, sagte er betont ruhig, doch das leichte Zittern in seiner Stimme verhieß nichts Gutes.
„Es war nicht meine Absicht, Euch zu kränken. Bitte verzeiht.“
Nora senkte demütig den Kopf. Unterwürfigkeit war eigentlich so gar nicht ihre Art. Doch wollte sie an diesem Abend, der vielleicht ihr letzter an diesem wunderschönen Ort war, keine Szene verursachen. Glücklicherweise verschluckten die feiernden Stadtbewohner und auch das Plätschern des Brunnens an der Treppe das Gespräch der beiden.
Ihn scherte es scheinbar nicht im Geringsten, dass sie nur hätte schreien müssen, um die Aufmerksamkeit dutzender Leute auf sich zu ziehen. Es ängstigte sie, mit welch erschreckender Effizienz er gegen ihren Willen vorging, als er auch noch die Stufe emporstieg und ihr gefährlich nahe kam. Sein bedrohliches Gebaren ließ sie erschaudern. Dahin war all seine gespielte Höflichkeit.
„Ihr tut mir weh. Bitte lasst mich los“, sagte Leonora verzweifelt und sie versuchte weiter, die Finger um ihr Handgelenk zu lockern. Doch sie drückten immer nur fester zu. Aus Gewohnheit tastete sie schließlich an ihrem Gürtel nach einem Wurfmesser, nur um festzustellen, dass sie weder das eine, noch das andere am Körper trug. Es wäre sicher ein Leichtes für sie gewesen, ihn mit bloßen Händen außer Gefecht zu setzen. Dafür reichten ihre Fähigkeiten allemal. Doch sie war des Kämpfens müde, so müde. Und sie wollte diesem Abend nicht die Heiterkeit und Erleichterung nehmen, die er verdiente.
„Sartori!"
Nora erschrak, als eine nur allzu bekannte, tiefe Stimme kämpferisch über den Platz donnerte.
"Lasst sie sofort los.“
Auf dem Dach eines nahestehenden Hauses erblickte sie Ezio, der im nächsten Moment leichtfüßig wie eine Katze von den Schindeln sprang und ein paar Fuß vor ihnen landete. Er verlor keine Zeit und als er die letzten, langen Schritte auf sie zu nahm, zuckte sein unteres Augenlid vor unterdrückter Anspannung. Domenico ließ sich nicht dazu herab, sich umzudrehen. Er verdrehte nur die Augen. Scheinbar wusste er ganz genau, wer ihm da gerade in die Parade fuhr.
„Ich werde es nicht noch einmal sagen.“, sagte Ezio bedrohlich ruhig, als er neben ihm zum Stehen kam und Domenico so dazu zwang, Blickkontakt herzustellen.
Der wollte etwas erwidern. Doch dann bemerkte er Ezios malmenden Unterkiefer und die bebenden Fäuste und zögerte. Er sah von Ezio wieder zu Nora, deren Wangen plötzlich ganz rosig wurden. Domenico war scheinbar nicht so dumm, wie sie vermutete, denn im Gegensatz zu ihr und Ezio erfasste er die Situation zwischen den beiden sofort.
Mit einem Ruck entließ er ihr schmerzendes Handgelenk und sie strauchelte ob der Stufen hinter ihr.
„Verstehe...“, sagte Domenico scheinbar zusammenhangslos, schob Nora unsanft aus dem Weg und trat erhobenen Hauptes an Ezio heran. Der aber ließ sich nicht einschüchtern und bewegte sich keinen Millimeter.
„Verstehe...“, wiederholte Domenico noch einmal ein paar Töne tiefer. Eigentlich wäre der Anblick wie sich der schlaksige Domenico vor dem drahtigen, gut trainierten Assassinen aufbäumte, doch sehr amüsant gewesen. Doch dafür hatte Nora keinen Gedanken übrig.
„Dieser Abend muss nicht so enden, Sartori.“
Domenico belächelte diese Warnung mit gespielter Überlegenheit und musterte seinen gegenüber abschätzig. Wenn sie daran dachte, was Ezio ihr über seine Jugend erzählt hatte, so hätte er auf eine solche Provokation damals sicher nicht so besonnen und selbstkontrolliert reagiert. Doch so oder so musste Domenico klar sein, dass er gegen einen Mann wie Ezio keine Chance haben würde. Selbst wenn er nicht wusste, wen er da vor sich hatte, war Ezio noch immer einer der respekteinflößendsten Männer, die sie je getroffen hatte.
"Ich wusste nicht, dass du bereits Anspruch angemeldet hast, Auditore. Nun, wenn das so ist, kannst du sie gern haben. Es gibt Bessere."
Die Wut in Ezio Augen flammte nun unübersehbar auf und Domenico war sichtlich erfreut darüber. Nora schluckte. Als könne sie seine Gedanken lesen, ergriff sie Ezios Unterarm in jenem Moment, bevor er zum Schlag ausholen wollte. Für den Bruchteil einer Sekunde wanderten seine Augen zu Nora, die ihn wortlos anflehte, sich nicht provozieren zu lassen. Beruhigend strich sie seinen Arm hinab zu seiner Hand. Nur unfreiwillig ließ er zu, dass sie mit ihren schmalen Fingern seine Faust öffnete. Und mit einem Mal spürte er wie seine Wut zu schwinden begann. Domenico beobachtete all das amüsiert und hob abschätzig die Mundwinkel.
"Sie hat dich ja ganz schön in der Hand.", sagte er gehässig, "Viel Spaß mit der prüden kleinen Signora." Er warf Ezio noch einen tödlichen Blick zu, und zog dann von Dannen, um wenig später zwischen den Feierlustigen zu verschwinden. Ezio sah ihm noch ein paar Sekunden lang nach, um auch sicherzugehen, dass er wirklich abzog. Dann blickte er hinüber zu der jungen Frau, die endlich den angestauten Atem aus ihren Lungen entließ. Leonoras Herz puckerte wild, als Ezio plötzlich wie selbstverständlich ihr Handgelenk ergriff, um es in Augenschein zu nehmen. Doch im Gegensatz zu Domenico war er dabei vorsichtig und sanft und darauf bedacht, ihr keine weiteren Schmerzen zuzufügen.
„Ist alles in Ordnung?“, hauchte er, während er die gerötete Haut musterte. Und als seine tiefe Stimme über seine Lippen rollte, überzog sie Noras Körper auf der Stelle mit einer prickelnden Gänsehaut. Seine Stimme war viel rauer, viel reifer, als noch bei ihrer ersten Begegnung. Aber Nora hatte sie schon immer geliebt. Und jetzt, da ihnen nicht mehr pausenlos jemand nachjagte und ihren Adrenalinspiegel in die Höhe trieb, da merkte sie auch wie sehr.
„Ja. Ich danke dir.“, antwortete sie zittrig. Leonora hätte sich gern selbst geohrfeigt. Es waren nicht Domenicos Worte, die ihre Scham verursachten. Sie und Ezio hatten zu viel gesehen und zu viel zusammen ertragen, als dass sie derlei Gerede Beachtung geschenkt hätten. Viel mehr war es der Körperkontakt, der sie erzittern ließ. Es war gewiss nicht das erste Mal, dass er ihr so nahe war. Nora erinnerte sich da an einen Tag in Florenz, den sie aneinandergedrängt in einem Heuhaufen verbracht hatten, als zwei Dutzend Wachen hartnäckig die Gegend nach ihnen absuchten. Oder auch diese eine Nacht in Venedig vor zwei Jahren. Nora schluckte bei der Erinnerung daran schwer. Ein Borgiahauptmann hatte sie beinahe getötet, ihr jedoch dank Ezio nur eine tiefe Schnittwunde am Oberschenkel beigebracht, die sich heftig entzündet hatte. Nora hatte davon sehr hohes Fieber bekommen und Ezio hatte sich zu ihr in das schmale Bett in Leonardos Werkstatt gelegt und sie die ganze Nacht in seinem Arm gehalten. Und in dieser Nacht hatten sie beide Schlaf gefunden.
Wieso nur kamen ihr diese damals so selbstverständlichen Situationen gerade jetzt wieder in den Sinn?
„Wir wissen beide du wärst ihn auch ohne mich losgeworden.“, scherzte er und zwinkerte ihr zu, woraufhin sie noch mehr errötete. Er legte eine Hand an ihr Kinn und besah sich ihr Gesicht von allen Seiten, was auch immer er vermutete dort zu entdecken. Sie hatte weiß Gott schon Schlimmeres erlebt. Seine Berührung aber brannte wie Feuer und Nora stockte der Atem unter seinen prüfenden Augen.
Da war er wieder. Charmant wie eh und je, als wäre nie etwas geschehen. Noras Herz ziepte. Sie wusste gar nicht, was schlimmer war - seine so sorgfältig gewahrte Distanz der letzten Tage, oder aber dass er sie nun wieder mit der gewohnten Vertrautheit behandelte. Und doch konnte sie ihm nicht böse sein. Immerhin wusste er nicht, was er ihr damit antat.
Sie sah in seine warmen Augen und wünschte sich, die Bewunderung, die sie glaubte darin zu sehen, wäre nicht nur Einbildung. Einmal mehr widerstand sie dem Drang, die Finger über die dünne Narbe gleiten zu lassen, die seitlich über seine Lippen verlief und ihn für sie noch vollkommener machte. Und wieder einmal widerstand sie dem Wunsch, seine Wangen in ihre Hände zu betten und seine vollen, sinnlichen Lippen zu küssen.
Nora zog langsam Hand und Kinn aus seinem Griff und lächelte zurückhaltend. Seine Nähe war viel zu berauschend.
Irritiert von ihrer Reserviertheit straffte Ezio die breiten Schultern und beobachtete sie dabei, wie sie sich nervös das noch schmerzende Handgelenk rieb. Noch nie hatte sie so zerbrechlich auf ihn gewirkt.
"Es ist merkwürdig, nach so langer Zeit keine Waffen bei sich zu tragen, nicht wahr? Man fühlt sich so... so...", Ezio suchte gestikulierend nach den richtigen Worten, doch Nora wusste sofort ganz genau was er meinte.
"Nackt.", platzte es aus ihr heraus, wofür sie auch prompt ein belustigtes Schnauben erntete. Und auch sie lächelte schwach über ihre plumpe Wortwahl.
"Nun, nicht ganz das Wort, nach dem ich gesucht habe. Aber ich denke das umschreibt es sehr gut."
Auch Nora konnte sich ein breites Grinsen nun nicht mehr verkneifen. „Wie soll ich in Zukunft nur ohne dich überleben?“, antwortete sie scherzend. Doch der Versuch, über ihre Bedrückung hinwegzutäuschen, war mehr als halbherzig.
Ezios verschmitztes Lächeln fiel, als er ihre Worte vernommen hatte. Das plötzliche Spiel seiner Kiefermuskeln war eigentlich unübersehbar, doch Nora gelang es, einzig und allein von der blanken Emotionslosigkeit in seinen Augen Notiz zu nehmen. Sie sah zu Boden und schluckte.
"Ich werde wohl besser-"
„Ich begleite dich nach oben, für den Fall, dass er doch noch zurückkommt.“
Nora presste die Lippen aufeinander und zögerte, folgte dann aber doch seiner einladenden Handbewegung. Sein plötzlicher Stimmungswechsel schmerzte sie. Doch sie konnte sein Angebot nicht abschlagen. Sie war froh, dass er ihr seine wertvolle Zeit überhaupt noch widmete, und wenn es auch nur aus Pflichtbewusstsein war. Jede Minute konnte nun ihre letzte sein.

Schweigend stiegen sie die Stufen empor und kamen dann am Steinkreis vorbei, in dem er am Nachmittag noch trainiert hatte. Ihr erster Gedanke dabei waren nicht ihre eigenen schmerzhaften Trainsingslektionen, die sie hier am eigenen Leib erfahren hatte. Vielmehr erinnerte sie sich an das Spektakel, dass sie noch ein paar Stunden zuvor mit angesehen hatte. Ezio, wie er leichtfüßig einen Söldner nach dem anderen entwaffnet hatte... sein schallendes, befreites Lachen... seinen verschwitzten unbekleideten Oberkörper oder aber das Spiel seiner Muskeln bei jedem geübten Schwerthieb. Ihre primitiven Gedanken ließen sie schlagartig vor Scham erröten. Sie musste langsam aber sicher den Verstand verlieren, so sehr wie er ihre Gedanken mittlerweile vereinnahmte. Wenn man aber bedachte, wie lange Nora ihre Gefühle nun bereits unterdrückte, war es wohl kein Wunder.
Ezio bemerkte, dass ihr womöglich gerade etwas durch den Kopf spukte, das ihr Unbehagen in seiner Gegenwart bereitete. Woran genau sie jedoch dachte, vermochte er nicht zu sagen. Seit einigen Wochen schon war es immer schwieriger geworden, ihre Gedanken zu erahnen, ihr Verhalten zu deuten. Ihre Zurückhaltung schmerzte ihn. Sie war die herzlichste und selbstloseste Person, die er kannte und normalerweise fiel es ihm leicht, sie zu durchschauen. Über die gemeinsame Zeit hatten sie beide sehr gut gelernt, einander ohne Worte zu verstehen. Doch die Signale, die sie nun sendete, waren verwirrend. Vielleicht, so glaubte er, sehnte sie sich herbei ihn verlassen zu können, so wie sie seinen Blicken und Berührungen auswich. Es frustrierte ihn seine engste Vertraute so distanziert zu sehen und noch mehr, dass er den Grund dafür nicht kannte.
„Du siehst heute Abend wirklich wunderschön aus.“, sagte Ezio schließlich frei heraus. Er konnte nicht nur schweigend neben ihr herlaufen. Seine Worte waren vielleicht unüberlegt, doch wollte er sie auch nicht länger für sich behalten. Viel zu hingerissen war er von ihrem Anblick.
Nora lächelte gen Boden, wo sie das Schreiten ihrer Füße beobachtete.
„Danke. Das Kleid gehört deiner Schwester. Ich fühle mich allerdings eher verkleidet.“
Ezio grinste unbemerkt. Ja so war sie, seine Nora.
„Nicht dass dich das Übliche nicht auch kleidet. Es ist nur, seit unserer ersten Begegnung habe ich dich nie wieder in einem Kleid gesehen.“
Nora konnte nicht anders, als bei dieser Erinnerung laut und nervös aufzulachen. Sie erinnerte sich nur zu gut an ihre Ankunft im Florenz des 15. Jahrhunderts. In der einen Sekunde wollte sie in ihrem kleinen Badezimmer noch das letzte Bisschen Zahnpasta aus der Tube quetschen und in der nächsten stand sie plötzlich mitten in Leonardos Werkstatt, wo Ezio und er gerade lautstark über den Inhalt einer Kodexseite philosophierten. Sie trug damals nichts weiter als ein knielanges Spitzennachthemd. Immerhin wusste sie nichts von ihrer Reise und konnte sich dementsprechend auch nicht darauf vorbereiten.
„Ich habe dir doch schon mehrmals gesagt, dass das kein Kleid war. Nicht, dass du noch glaubst, die Frauen aus dem 21. Jahrhundert würden so auf die Straße gehen.“
Ezio grinste breit. Er erinnerte sich zu gern an diesen Tag, ganz besonders an ihren eingeschüchterten Gesichtsausdruck und die rosigen Wangen, als sie ihn zum ersten Mal erblickt hatte.

Als sie die Villa erreichten, hörten sie noch immer das Raunen und Gelächter der feierwütigen Stadtbewohner. Ezio ließ Nora zuerst eintreten und erhaschte so einen ausgezeichneten Blick auf den tiefen Rückenausschnitt ihres Kleides. Es war, als könne sie seinen Blick spüren, da sie auf der Stelle Gänsehaut bekam. Ezio ließ es sich nicht nehmen, sie bis zu ihrem Zimmer zu begleiten und als die beiden dort ankamen, wurde die Stille zwischen ihnen schier unerträglich. Noras Fingernägel gruben sich in ihre Seiten vor Anspannung, als sie vor ihrer Zimmertür zum Stehen kamen. Nach geeigneten Worten ringend, wanderte ihr Blick an ihm herunter und sie schmunzelte, als er an seinem Arm hängen blieb.
"Willst du mir eigentlich wirklich weiß machen, dass du gerade keine Waffen bei dir hast?"
Nora formte ein schiefes Lächeln, das tatsächlich ihre Augen erreichte und wie so oft in der Vergangenheit ließ Ezio sich sofort davon anstecken.
"Si. Keine Waffen."
Er hob beteuernd die Arme und Nora legte den Kopf schief.  Misstrauisch trat sie an ihn heran und zog den Ärmel seines Hemds nach oben. Doch da war nichts, nur sein muskulöser Unterarm.
"Ich sagte doch-"
Doch noch bevor er seinen Satz beenden konnte, schob Nora auch den anderen Ärmel nach oben.
"Aha... Wusst ich's doch."
Triumphierend hielt sie seinen rechten Unterarm in die Höhe, an dem die elegante Waffe aus Leder und Metall, seine versteckte Assassinenklinge, prangte.
"Das zählt wohl nicht?"
Ezio zuckte unschuldig grinsend mit den Schultern, während Nora kopfschüttelnd die Schnallen löste. Vorsichtig streifte sie ihm die Ledermanschette vom Arm und legte sie in seine Handfläche. Noch einen Moment hielt sie seine Hand und sah darauf hinab. So lange hatte sie sich gewünscht ganz genau das tun zu können... ihm diese zweite Haut abnehmen zu können und zwar mit dem Wissen, dass er sie so bald nicht wieder brauchen würde.
"Die brauchst du heute nicht.", flüsterte Nora lächelnd.
"Ja... Dank dir.", war Ezios ebenso sanfte Antwort. Er ließ seine freie Hand in ihre gleiten und leider ließ sie das aus ihrem kurzen Moment der Zufriedenheit erwachen. Sie seufzte zittrig und schenkte ihm ein schwaches Lächeln. Nur kurz drückte sie seine Hand. Wenn er doch nur gewusst hätte, was diese kleinen Gesten mit ihr anstellten, auch wenn sie ganz gewiss vollkommen unschuldig und freundschaftlich gemeint waren.
„Hab Dank für die Begleitung.“, seufzte Nora dann und lachte nervös, um ihre Melancholie zu verbergen. Die Fingernägel ihrer anderen Hand bohrten sich wieder vor Nervosität durch den Stoff in ihre Haut. Ezios Augen wanderten suchend über ihr Gesicht, als wolle er sich etwas von der Seele reden. Dazu hatte er die Brauen in Nachdenklichkeit zusammengezogen.
Nora wiederum hatte das Gefühl, unter seinem erwartungsvollen Blick zu ersticken. Sie wollte ihn berühren, sie wollte, dass sein Herz ihr gehörte, doch vor allem wollte sie bei ihm bleiben.
Sie biss so fest auf ihre Unterlippe, dass es schmerzte. Ganz langsam öffnete sie den Mund, um ihn ein paar Sekunden später wieder zu schließen. Denn als sie den Anflug eines schiefen Lächelns auf Ezios Lippen bemerkte, war ihr Kopf mit einem mal wie leer gefegt.
Genauso kannte sie ihn. Immer ernst. Immer nüchtern. Doch egal wie sehr die Last auch auf seine Schultern drückte, sein Charme blieb, seine Überzeugungen... und seine Lebensfreude. Er war ein durch und durch guter Mensch. Sie bereute es nicht, Jahre ihres Lebens für ihn gelebt zu haben.
Nora streckte die Hand aus und legte sie an seine Wange, als wäre es vollkommen selbstverständlich. Ganz unbewusst schenkte sie ihm einen seligen Blick. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es gleich zerspringen vor Bewunderung für diesen Mann. Zögerlich trat sie den kleinen Schritt an Ezio heran, der sie noch voneinander trennte. Sogleich spannte er die Muskeln an und streifte alarmiert jedwede sichtbare Gefühlsregung ab. Doch das bekam Nora gar nicht mehr mit. Sie versuchte sich sein Gesicht einzuprägen, mit jedem Detail, jeder kleinen Falte, die Nase, die Lippen, die Wangen und schließlich die Augen. Sie versuchte sich einzuprägen, wie die dunklen kürzeren Strähnen seines Haares in sein Gesicht fielen und wie unverschämt gut ihm die Narbe an seinen Lippen stand. Wäre Nora nicht selbst absolut am Ende ihrer geistigen Kräfte gewesen, hätte sie vielleicht Ezios gehetzten Atem bemerkt, wie rasend sein Herz schlug oder wie ungläubig seine Augen zwischen den ihren und ihrem Mund hin und her wanderten.
Sie zögerte noch einen Augenblick, wie in Trance, und wagte es schließlich doch, sich auf die Zehenspitzen zu stellen und sich ihm zu nähern. Und in dem Moment, in dem sich ihre Lippen endlich zögerlich zum ersten Mal berührten, war es, als würden eine Tsunamiwelle und ein Hurrikan gleichzeitig über sie hineinbrechen. Von einer Sekunde zur nächsten stand sie in Flammen. Ein schaurig-schönes intensives Ziepen zog sich durch ihren ganzen Körper und das himmlische Gefühl der Geborgenheit umspannte sie von allen Seiten, wie ein wohlig warmes Zelt.
Woher sie ihre plötzliche Courage nahm, war Nora nicht klar. Was sie aber wusste war, dass sie sich vollkommen befreit fühlte. Sie riss sich nicht mehr zusammen, so wie sie es sonst immer tat. Sie bemühte sich nicht mehr mit aller Macht darum, diese über die Zeit übermächtig gewordene Anziehung zu verbergen.
Sie ließ los.
Und seine Lippen fühlten sich einfach himmlisch an.
Doch wusste sie, es würde sie nicht weiterbringen. Sie wusste sie konnte das Schicksal nicht betrügen. Nicht mehr. Sie war nicht sein Schicksal und würde es niemals sein. Deswegen ließ sie auch nach ein paar Sekunden von ihm ab, als sie nicht mehr darauf hoffen wollte, seine Lippen würden doch noch auf ihre antworten. Zumindest musste sie sich nun nicht den Rest ihres Lebens fragen, wie es sich wohl anfühlte, ihm so nahe zu sein, auch wenn es nur eine klägliche, sehr keusche Kostprobe gewesen war.
Verwirrt öffnete Ezio die Augen. Nun konnte er seine gefühlskalte Maskerade nicht mehr aufrechterhalten.
Er sah ihr vollkommen sprachlos nach, wie sie sich von ihm abwandte, ihre Tür öffnete, noch einmal über die Schulter blickte und ein leises „Verzeih“ wisperte. Dann schloss sie die Tür hinter sich und er war allein auf den Fluren der Villa.

Ezio bewegte sich nicht. Er stand noch immer wie versteinert am selben Fleck und starrte mit offenem Mund auf die Tür, hinter der Nora eben verschwunden war. Von einer Sekunde auf die andere ergriff ihn die blanke Verzweiflung. Wie lange hatte er davon geträumt, ihre weichen Lippen zu küssen und nun, da es endlich geschah, war er zu perplex, um zu reagieren.
Auch Ezio hatte sich Gefühle für Nora eigentlich verboten. Von Anfang an hatte ihn die mysteriöse junge Frau aus einer anderen Zeit verzaubert. Doch als er schließlich dazu bereit war, sich das auch einzugestehen, war es bereits zu spät.
Er hatte sich einige Male des Nachts rausgeschlichen, um besonders riskante Missionen zu erledigen, zu denen sie ihn eigentlich begleiten wollte. Doch er konnte den Gedanken nicht ertragen, ihr könne etwas zustoßen. Und jedes Mal, wenn er am Morgen mit blutiger Montur zurückkehrte, saß sie bereits wartend am geöffneten Fenster, den Blick voller Sorge und sprach danach tagelang nur noch das Nötigste mit ihm.
Vor einiger Zeit schon, als sie beinahe von einem Hauptmann getötet worden wäre, war ihm klar geworden, dass er Nora hoffnungslos verfallen war. Er hatte diesen Mann nicht einfach nur getötet, er hatte ihn abgeschlachtet und er hatte es genossen dabei zuzusehen, wie er gurgelnd an seinem eigenen Blut erstickte. Der Gedanke an Noras mögliche Ermordung war so unerträglich, dass er seine schlimmsten Seiten ans Tageslicht beförderte. Genauso unerträglich wie der Gedanke daran, dass sie ihn verlassen würde.
Ezio stemmte den Arm gegen den Türrahmen und ließ resigniert den Kopf hängen. In der anderen Hand hielt er noch immer die Klinge, die für ihn über die Jahre so selbstverständlich wie das Atmen geworden war und er strich mit dem Daumen über das in Leder eingefasste Assassinenemblem hinweg. Erst jetzt, da Nora sie ihm abgenommen hatte, merkte er wie erleichtert und frei er sich ohne diese Waffe fühlte, an der so viel Blut klebte. Es verblüffte ihn immer wieder, dass sie ihn besser kannte, als er sich selbst.
Gott, wie er sie liebte. Wie er jeden Blick, jedes Lächeln, jedes Wort aus ihrem Mund liebte. Ezio schloss fest die Augen. Er hatte so sehr versucht, sich zu distanzieren, ihren Abschied nicht schwerer zu machen, als er ohnehin sein würde, ja dem Abschied sogar ganz aus dem Weg zu gehen. Er hatte versucht sich mit exzessivem Training abzulenken, wenigstens für einen Moment den Gedanken an sie zu vergessen. Auch andere Frauen reizten ihn nicht mehr, wie sehr er sich auch bemühte. Schon allein als er sie am Nachmittag am Fenster hatte stehen sehen, so schön, so echt, so greifbar, war ihm einmal wieder schmerzlich bewusst geworden, dass sie es eigentlich ganz und gar nicht war. Sie war nicht greifbar. Nicht für ihn. Und überhaupt - was konnte er ihr schon bieten? Einer Frau aus der Zukunft, die dort womöglich alles und noch viel mehr hatte..., die sich dort wahrscheinlich vor Verehrern und Möglichkeiten kaum retten konnte. Und wenn er dann auch noch an die wundersamen Dinge aus ihrer Welt dachte, von denen sie ihm erzählt hatte, wusste er nicht, was sie hier noch halten sollte.
Und doch war sie es gewesen, die ihn gerade geküsst hatte. Sie hatte es getan und ihn damit ganz beiläufig einen Feigling gescholten. Ezio Auditore, Assassino da Firenze, Sohn seines mutigen Vaters, Neffe seines Haudegens von Onkel, hatte Angst, eine Frau zu umwerben. Früher war er ein Frauenheld gewesen. Wenn er eine Frau begehrte, dann hatte er sie. Doch seit er Leonora kannte...
Ezio hob den Kopf und betrachtete die dunkle Holzmusterung der Tür. Nein. Er konnte sie nicht gehen lassen. Nicht so. Nicht heute Nacht. Er hatte schon zu viel Zeit verloren. Und seit sie ihn eben geküsst hatte, bestimmte der Gedanke daran, sie könne dasselbe fühlen, ohnehin gerade seinen ganzen Körper, ja seine ganze Existenz.
Er hob die Faust und ließ sie donnernd auf die Tür niedergehen. Von drinnen war nichts zu hören. Doch bevor ihn der Mut wieder verlassen konnte, stürmte er ungebeten das Zimmer. Er fand sie am anderen Ende des Raumes, wo sie ihn - die Arme schützend um sich geschlungen – wie ein scheues Reh ansah, als er auf sie zugestürmt kam. Binnen einer Sekunde stand er vor ihr und ließ die Klinge achtlos aus seiner Hand zu Boden gleiten. Und genau wie sie es eben noch getan hatte, bettete er ihre Wangen in seine großen, rauen Hände. Ihre Augen waren rot und ihr Gesicht überströmt von den vielen Tränen, die sie in den paar Minuten seines Zögerns vergossen hatte. Ezio fackelte nicht lange, griff in ihr Haar und küsste sie. Diesmal jedoch war es kein keuscher, zurückhaltender Kuss. Er war nicht bestimmt von der Unsicherheit zweier sich selbst geißelnder Liebender. Er war stürmisch und hoffnungslos verzweifelt. Ezio ließ Nora all seine aufgestaute Gier nach ihr spüren und hielt sie fest in seinen Armen, auch wenn sie nicht im Traum daran dachte, zu fliehen. Fordernd ließ er seine Zunge über ihre Unterlippe gleiten und Nora ließ ihn seufzend und nur zu bereitwillig ihren Mund erobern. Ihre Arme schlängelten sich haltsuchend um seinen Hals. Denn ihre Beine drohten nach all den Zweifeln, all der Anstrengung, all dem Kummer nun schließlich doch ihren Dienst zu versagen. Sie begriff noch nicht ganz, was hier gerade passierte. Träumte sie? Würde sie gleich in ihrer Kleinstadtwohnung aufwachen? Nein, es geschah tatsächlich.
All ihre Sinne empfingen seine Signale. Sie schmeckte den schwindenden Geschmack von Wein auf seiner Zunge, roch entfernt Schießpulver, gepaart mit Rosmarin und seinem eigenen männlich-herben Geruch. Sie fühlte die Gänsehaut, die seinen Nacken überzog, unter ihren vorsichtigen Fingern. Sie hörte das Rascheln des Kleids, als er seine Hand über ihren Rücken gleiten ließ und fest in den Stoff über ihrem Po griff. Und Nora wollte mehr von alldem.
Als Ezio von ihr abließ, sah sie ihn durch halbgeschlossene Lider an. Ihre Lippen waren vom Küssen leicht geschwollenen und ihre Haut schimmerte wie Porzellan im dimmen Mondlicht. Er war sich sicher, noch nie etwas so Sinnliches gesehen zu haben. Doch noch bevor er erneut gierig seine Lippen auf ihre senken konnte, füllten sich ihre Augen wieder mit Tränen. Leonora fragte sich, wie man so glücklich und auch so unglücklich zur selben Zeit sein konnte. Sie griff in sein Haar, das er wie immer verwegen mit einem roten Band zusammengebunden trug, und blinzelte. Die Tränen fielen ihre Wangen hinab. Endlich konnte er ihre Berührungen ganz offenkundig genießen. Doch sie so zu sehen, ermutigte ihn umso mehr. Er küsste sie erneut, als gäbe es keinen Morgen und das musste er auch, denn vielleicht würde es genauso sein. Vielleicht würde sie am Morgen schon verschwunden sein, vielleicht auch in der nächsten Minute. Wer wusste das schon?
Nora war vollkommen am Ende ihrer Kräfte. Und als Ezios Arme sich um ihre Taille legten und sie an ihn drückten, da gaben ihre Beine schließlich nach. Er reagierte sofort, griff nach ihren Schenkeln und hob das seufzende Bündel auf. Er half ihr dabei, ihre Beine um seine Lenden zu schlingen, was mit ihrem Kleid gar nicht so einfach war. Ohne von ihren Lippen zu lassen bewegte er sich auf das Bett zu und legte sie darauf nieder. Und als er so über ihr kniete und er seinen Blick über ihren Körper schweifen ließ, da war er absolut davon überzeugt, dass es eine Frau wie Leonora – so sanft und wunderschön – nur im Himmel geben konnte. Er schluckte, als er ihre Brüste betrachtete, die sich ihm einladend entgegenwölbten. Der Anblick, wie sie zittrig atmend unter ihm lag, war einfach zu himmlisch. Er hatte oft davon geträumt, wie sie sich wohl anfühlte- wie sie sich wohl anhörte, wenn er sie-
„Bitte...“, kam es flehentlich über Noras Lippen.
Sie streckte die Hand nach seiner Wange aus und er lehnte sich in diese süße, unschuldige Geste, die so gar nicht zu seinen Gedanken passte. Worum sie ihn allerdings mit diesem einen kleinen Wort bat, verstand er sofort. Und das wiederum passte ganz ausgezeichnet zu dem, was er sich gedanklich ausmalte.
Ezio schluckte, als ihm klar wurde, dass sie ihn ebenso begehrte wie er sie. Er nahm ihre Hand von seiner Wange und küsste ihre Handfläche.
„Und du willst das wirklich?“
„Ja...“
Seine Augen verdunkelten sich auf der Stelle, als sie sich ihm so bereitwillig anbot und Nora erschauderte unter der Intensität seines Blickes. Er beobachtete sie noch ein paar Augenblicke, wie der Jäger seine Beute, als würde er überlegen, was er zuerst mit ihr anstellen sollte.
Nora wusste nicht, was sie dazu veranlasste, Ezio darum zu bitten, mit ihr zu schlafen. Sie wusste es war falsch. Sie wusste, sie durfte es nicht. Er war ein Kind der Renaissance und sie eines der Neuzeit. Doch war sie so berauscht von dem, was sie eben erlebte, dass all die so sorgfältig gehütete Vernunft binnen einer Sekunde zum geschlossenen Fenster hinausflatterte. Seine Berührungen, seine Blicke, seine Küsse - endlich hatten sie diese eine, unsichtbare Grenze, die sie voneinander ferngehalten hatte, gesprengt. Sie wollte das mit ihm erleben, solange sie noch konnte. Und Ezio brannte ebenso darauf, endlich seine unzähligen Träume von dieser Frau in die Tat umzusetzen. Er war zuvor einigen Damen ein guter Liebhaber gewesen, doch noch nie hatte er eine so sehr begehrt, wie Nora.
Ezio schenkte ihr ein dunkles, schiefes Lächeln und öffnete langsam den Gürtel um seinen Wams, bevor er sich aufrichtete und ihn sich abstreifte. Dann begann er damit ihr Mieder zu lösen. Quälend langsam zog er jede Bahn mit dem Zeigefinger locker, als wäre sie ein hübsch verpacktes Präsent. Noras Herz pochte schmerzhaft in ihren Ohren vor Aufregung, als er das Band schließlich vollständig aus den Ösen zog und den nun losen Stoff einfach beiseite schob. Er ließ sich kaum Zeit, die freigelegte Haut zu betrachten, so sehr brannte er darauf, endlich seine Lippen und seine Zunge auf den delikaten Wölbungen umherwandern zu lassen. Nora seufzte auf und vergrub ihre Hände wieder in seinem Haar, als er mit den Zähnen eine der empfindlichen Knospen streifte. Ezio nahm das animalisch knurrend zur Kenntnis. Die genießerischen Laute, die sie von sich gab, brachten ihn schier um den Verstand und es fiel ihm zusehends schwerer, überhaupt noch einen rationalen Gedanken zu fassen. Alles was zählte war sie. Seine Nora.
Ihre Hände wanderten über seinen Rücken und zupften unkoordiniert am Leinenstoff. Schließlich bekam sie ihn zu fassen und zog das Hemd über seinen Kopf. Ezio knurrte erneut, da er von ihr ablassen musste, um sich des Kleidungsstückes vollends zu entledigen, und warf es achtlos auf den Boden.
Nora errötete schlagartig. Sie hatte Ezio natürlich bereits mit unbekleidetem Oberkörper gesehen. Immerhin hatte sie unzählige Male seine Wunden versorgt. Doch nie war er ihr dabei so nahe gekommen und nie hatte sie ihn dabei so selbstverständlich berühren können.
Ezio spürte ihre Unsicherheit. Ihre bewundernden Blicke entgingen ihm nicht und er ließ sich zu einem spitzbübischen Lächeln hinreißen. Als ihre Hand jedoch ganz selbstverständlich auf seiner Brust landete, jagte es ihm einen Schauer über den gesamten Körper. Noras Finger strichen bedauernd über die vielen Narben, die seinen drahtigen Körper zierten. Nicht wenige davon hatte sie selbst ihm eingebracht. Immerhin war er so oft zu ihrer Hilfe geeilt, dass sie es gar nicht mehr zählen konnte. Doch trotz der Narben war er der schönste und makelloseste Mann, den sie je gesehen hatte. Von seiner Brust wand sich ein schmaler Pfad aus dunklem Haar über seine Bauch, der unter seiner Hose verschwand. Gepaart mit den Wölbungen seiner straffen Muskeln und der von der Sonne Italiens leicht gebräunten Haut, bildete er einen perfekten Kontrast zu ihrer eigenen, zierlichen und unschuldigen Gestalt.
Ezio beobachtete, wie sich Melancholie auf ihrem Gesicht breitmachte und ergriff ihre Hand. Er platzierte sie über seinem Herzen und hoffte sie möge den Effekt, den sie auf ihn hatte, dort bemerken. Und tatsächlich spürte sie neben der wohligen Wärme, die er ausstrahlte, auch das wilde Pochen seines Herzens unter ihren vorsichtigen Fingern. Da war wieder dieser ernste Blick, mit dem er sie in den letzten Monaten bereits einige Male taxiert hatte, einer, den sie nicht zu deuten vermochte, auch jetzt nicht.
Nora nahm einen zittrigen Atemzug und brach diesen kurzen intensiven Blickkontakt. Sie schob die Hand wieder in seinen Nacken und Ezio lächelte zufrieden in ihren Kuss. Er sparte nicht damit, sie überall dort zu berühren, wo ihr Körper frei von lästiger Kleidung war, doch das reichte ihm schon bald nicht mehr. Jetzt, da er wahrhaftig die Gelegenheit dazu hatte, würde er sie und ihren Körper voll und ganz in Besitz nehmen, solange er es noch konnte. Er ließ seine Hand über ihren Bauch wandern, hinab in deutlich tiefere Regionen. Als seine Hand unter den Bund des Rockes schlüpfte, zuckte sie zusammen und Ezio grinste in den Kuss, als er feststellte, wie bereit sie schon für ihn war. Oh ja, er wollte sie hören. Und er würde sie hören.
Ohne weiter zu zögern versenkte er zwei Finger in ihrer feuchten Mitte und ließ den Daumen um das empfindliche Nervenbündel darüber kreisen. Nora stöhnte kehlig auf und entriss ihm ihren Mund. Vollkommen gefesselt von ihrem Anblick beobachtete Ezio sie dabei, wie sie mit fest verschlossenen Augen seine Berührungen genoss. Die Ekstase in ihrem Gesicht und der Wohlklang ihrer Laute spornten ihn an. Doch auch Ezio war nur ein Mann und deshalb spürte er seine eigene Erregung schon lange schmerzhaft gegen seine Hose drücken.
Als hätte Nora seine Gedanken gelesen, begann sie an seinem Hosenbund zu nesteln. Sie war nicht besonders geübt darin, Hosen dieser Zeit zu öffnen, doch als sie es geschafft hatte, ließ auch sie ihre Hand in seine Hose gleiten und stieß sofort auf seine harte, pochende Männlichkeit.
Ezio raunte tief, als sie ihre Hand um ihn schloss und sie mit langsamen aber steten Bewegungen wandern ließ. Glücklicherweise, so schoss es Ezio durch den Kopf, brachte sein Handeln Nora genauso sehr zum Verzweifeln, wie ihn das ihre.
„Ezio... bitte.“, brachte sie zwischen zwei gehetzten Atemzügen hervor und in jenem Moment dankte er Gott dafür, dass sie genauso sehnsüchtig danach verlangte, eins mit ihm zu werden, wie er. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie innig, bevor er die Finger unter den Saum des Rockes hakte und ihn samt Unterwäsche von ihren Hüften schob. Er stellte sich auf die Beine und versuchte möglichst schnell, die unliebsame Hose noch loszuwerden. Als er aber auf diese hinreißende junge Frau hinabsah, wie sie da so auf dem Bett lag, vollkommen nackt und wunderschön, da vergaß er beinahe zu atmen. Sie presste so verzweifelt ihre Schenkel zusammen und es erfüllte ihn mit Stolz, dass er der Grund für ihre Erregung war. Er bewunderte sie noch einige Sekunden, so rein, so wunderschön wie eine Göttin. Ihr Haar hatte sich aus dem Knoten gelöst und rahmte ihr Gesicht in züngelnde Wellen.
Als Ezio sich nun endlich besann, streifte er sich zuerst die Stiefel und dann auch die Hose von den Beinen. Nora hatte keine große Gelegenheit, ihn in all seiner Männlichkeit zu betrachten.
„Öffne deine Beine für mich, bella mia.“, raunte er tief und Nora glaubte, schon allein beim Klang seiner Stimme auf der Stelle zu vergehen. Sie tat wie ihr geheißen und öffnete zaghaft ihre Schenkel für ihn. Sie fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, so entblößt vor ihm zu liegen. Ezio jedoch ließ ihr keine Zeit für Selbstzweifel, als er ihre Beine soweit spreizte wie notwendig, um seine Zunge über ihre pochende Mitte gleiten zu lassen. Nora schrie auf und zog reflexartig ihr Becken zurück, doch er hielt sie mit festem Griff in Position. Haltsuchend krallte sie sich an die zerwühlten Laken, so unvorbereitet traf sie sein Tun. Ihre Schreie waren wie Musik in seinen Ohren, der er immer und immer wieder lauschen wollte. Er fragte sich, ob die übrigen Bewohner der Villa bereits vom Fest zurückgekommen waren und Noras Schreie hören würden. Doch fühlte er sich dadurch eher ermutigt. Es sollten ruhig alle hören, dass sie ihm gehörte.
„Ezio... bitte.“, bettelte sie erneut, doch diesmal viel verzweifelter, viel drängender, als die Male zuvor. Er verlor keine Zeit, als er sich wieder über ihr platzierte und sobald seine Lippen in Reichweite waren, küsste sie ihn hungrig. Auch Ezio war nun am Ende seiner Selbstbeherrschung angekommen. Er musste sie haben. Jetzt und auf der Stelle. Er positionierte sich zwischen ihren Beinen und raunte bei der Hitze und der Feuchtigkeit, die ihn dort empfingen. Noch während sie diesen heißen, gierigen Kuss teilten, führte er eines ihrer Beine um seine Lenden und versenkte sich dann mit einer fließenden Bewegung in ihr. Nora entriss ihm ihre Lippen und stöhnte auf. Sie hatte noch nie etwas Schöneres empfunden, als das Gefühl, wie Ezio sie ausfüllte. Der wiederum atmete zittrig aus, denn er empfand es genauso. Er verharrte einige Augenblicke in dieser Position und sah absolut berauscht auf sie hinab. Noch nie hatte sich all das so intensiv, so richtig angefühlt, wie mit Nora.
Sie schlang auch noch das andere Bein um seine Hüften und versuchte ihn dazu zu ermutigen, sich in ihr zu bewegen. Und er verstand sie auch ohne Worte. Er zog sich aus ihr zurück, um sich mit einem tiefen Raunen sogleich noch tiefer in ihr zu versenken. Und so fanden sie schließlich zu einem gemeinsamen, langsamen Rhythmus, in dem sie einander genossen.
Und wie konnten sie auch nicht? Wie sollte etwas so Wunderbares, etwas so lang Herbeigesehntes, falsch sein? Nie waren sie einem anderen Menschen näher gewesen.

Nora verlor jegliches Zeitgefühl. Es konnten Minuten oder ebenso gut Stunden gewesen sein, da sie dort lagen und sich einander hingaben. Ezios Stöße wurden schließlich langsam aber stetig unkontrollierter und diesmal war es Nora, die es schaffte, die Augen offen zu halten und sein Mienenspiel zu beobachten. Er wirkte gleichzeitig so entspannt wie auch angespannt. Nora konnte es nicht beschreiben, doch es war wunderschön zu wissen, dass er diese Erfahrung mit ihr teilte und dass er sie so sehr begehrte.
Langsam aber sicher spürte Ezio, wie er den Höhepunkt ihres Treibens erreichte. Und auch Nora war nicht mehr weit. Das Kribbeln in ihrem Körper steuerte unausweichlich auf seinen Höhepunkt zu. Er beobachtete voller Bewunderung, wie sie sich unter ihm wand und er liebte das Gefühl, wie sie sich an ihn krallte, als würde ihr Leben davon abhängen.
„Bitte.“ keuchte sie wieder mit geschlossenen Augen und Ezio grinste schief. Sie war nah, ganz nah. Und er küsste sie noch einmal innig und erstickte ihre Schreie, während er sie noch fester stieß. Doch dann, ein paar Stöße später, warf sie den Kopf in den Nacken und seufzte laut und kehlig auf, als sie über die Klippe fiel und sich hilflos an seinen Schultern festkrallte, als würde sie tatsächlich fallen. Noras Ekstase zu beobachten, war für Ezio ein unglaublicher Anblick und er wollte, dass er niemals endete. Er stieß sie weiter und weiter und verlängerte ihr Hochgefühl. Und als sein eigener Höhepunkt ihn ungeahnt plötzlich überrollte und er in ihr kam, bildeten ihre beiden Stimmen eine Symphonie angestauter Leidenschaft, die endlich ihre Erlösung fand.

Noras Atem ging schwer und wurde nur von dem ihres Geliebten übertönt, der seine Stirn keuchend an ihre gelehnt hatte. Beide genossen diesen Moment der Glückseligkeit mit geschlossenen Augen. Ihre Körper durchströmte von Kopf bis Fuß das wohlig warme Kribbeln der Nachwirkungen ihres Liebesspiels.
„Das ist irgendwie eskaliert.“, murmelte er grinsend und Nora lachte laut auf. Ezio öffnete die Augen und sah sie an. Er wollte am liebsten keine Zeit verlieren und ihren Körper gleich noch einmal erobern. Es machte ihn glücklich, sie so zu sehen, so unbeschwert. Wie hatte er ihr Lachen vermisst. Wie hatte er sie vermisst. Und wie würde er sie noch vermissen...
Ezios Lachen entschwand langsam seinem Gesicht, während Nora noch immer herzlich giggelte. Er presste einen sanften Kuss auf ihre Lippen und brachte sie zum Schweigen. Als er sich wieder von ihr löste, war er mit einem Mal ganz ernst. Er bedauerte zutiefst, seinen Gefühlen erst in letzter Minute nachgegeben zu haben. Er legte seine Hand an ihre gerötete Wange und strich mit dem Daumen über ihre Unterlippe hinweg.
„Bleib bei mir.“
Diese drei Worte jagten Nora eine Gänsehaut über den gesamten Körper und auch ihr Lächeln erstarb.
Sie schluckte. Sie fand es unendlich ungerecht von ihm, sie um so etwas zu bitten, als stünde es in ihrer Macht, diese Entscheidung zu treffen. Und gleichzeitig konnte sie ihm seine verzweifelte Naivität nicht übel nehmen.
Ezio spürte, dass er die Stimmung gedrückt hatte, stemmte sich seufzend auf und legte sich neben sie. Er zog sie in seine Arme und Nora ließ es nur zu bereitwillig geschehen. Sie klammerte sich an ihn und drückte ihr Gesicht an seine Brust. Er kannte sie viel zu gut.
„Weine nicht, amore mio. Bitte.“
Ezios Stimme brach, denn der dicke Kloß in seinem Hals trieb beinahe auch ihm die Tränen in die Augen. Er hatte Nora noch nie weinen sehen und es brach ihm das Herz.
Sie bemühte sich nach Kräften seinem Wunsch nachzukommen, doch scheiterte kläglich. Wie könnte sie aufhören zu weinen? Gerade jetzt? Sie würde ihn nach dieser Nacht wahrscheinlich nie wieder sehen. Sie schluchzte laut und Ezio drückte sie ganz fest an sich. Er wollte so viel Körperkontakt wie möglich.
„Ich-... liebe dich.“, brachte Leonora schließlich gequält zwischen zwei Schluchzern heraus, als wolle sie ihre Verzweiflung damit rechtfertigen.
Ezio erstarrte. Hatte sie das eben wirklich gesagt? Hatte er sie richtig verstanden?
Er griff in ihr Haar und unter ihr Kinn und zwang ihren Blick nach oben. Selbst tränenüberströmt und gequält war sie das faszinierendste Wesen, dass sein Auge jemals erblickt hatte.
„Könntest du das nochmal sagen?“
Nora gab eine Mischung aus Lachen und Schluchzen von sich. Trotz des Tränenfilms konnte sie erkennen, dass sie ihn damit vollkommen aus der Fassung gebracht hatte - auf eine gute Art.
„Ich liebe dich, Ezio.“, wiederholte sie unter seinen prüfenden Augen und legte die Hand über sein wild pochendes Herz.
Ezio presste stürmisch seine Lippen auf ihre und küsste sie fieberhaft. Er konnte es nicht glauben. Er fasste es nicht. Nie hätte er zu träumen gewagt, sie diese Worte sagen zu hören. Nie hätte er zu träumen gewagt, sie könne seine Gefühle erwidern - diese wunderschöne Frau aus der Zukunft, die so viel weiser war als er. Diese Worte nun aber aus ihrem Mund zu hören... war berauschend. Er ließ von ihr ab und legte ihren Kopf wieder an seine Brust, als wäre sie das Wertvollste auf der ganzen weiten Welt.  
„Mio dio, Nora. Du hast keine Ahnung, was du mit mir machst... was du mir bedeutest.“, sprudelte es aus ihm heraus, wie ein viel zu lang gehütetes Geheimnis.
Doch was auch immer Ezio sagte, es brachte Nora nur noch mehr zum Weinen. Sie fragte sich, warum sie sich nun noch elender fühlte als vorher, als sie noch glaubte, er würde sie nicht mehr brauchen und ihr Gehen sogar herbeisehnen. Es war ein bittersüßer Schmerz, der ihr Herz gleichzeitig zum Glühen brachte, wie auch Zerreißen ließ.
„Ich lasse dich nicht gehen. Jetzt nicht mehr.“, verkündete er kampfeslustig, als ob er gegen den unsichtbaren Feind, der sie von ihm fortnehmen wollte, etwas ausrichten konnte, „Ich lasse mir etwas einfallen. Ich verspreche es.“
Nora lauschte seinem hektischen Herzschlag. Sie wollte ihm so sehr glauben. Sie wünschte sich nichts sehnlicher. Doch seine Worte waren aus Verzweiflung geboren. Selbst Ezio würde nichts ausrichten können, wenn sie seinem Griff entschwand.

Einige Zeit lang sagte keiner von beiden mehr etwas. Sie waren dazu übergegangen, einander zu genießen, solange es währte. Ezio streichelte über ihre Schultern hinweg, während Nora ihr Gesicht in seiner Halsbeuge vergraben hatte. Sie hatte seit Tagen nicht mehr geschlafen, aus Angst, an einem anderen Ort aufzuwachen, und es fiel ihr zunehmend schwerer, bei Bewusstsein zu bleiben. Sie fühlte sich in Ezios starken Armen geborgen und sein steter Herzschlag und seine Körperwärme trugen sie langsam aber sicher in eine Welt aus Watte und Alpträumen.
Ezio versuchte sich mit aller Macht wachzuhalten. Viel zu groß war die Angst, sie könne aus seinen Armen verschwunden sein, wenn er aufwachte. Doch irgendwann übermannte auch ihn das Gefühl der Vollständigkeit, als er sein Gesicht in Noras Locken vergrub, ihren Duft einatmete und schließlich, ganz langsam, die Augen schloss.

-

„Leonora.“

Eine Stimme wie Samt drang an Noras Ohr. Sie bemühte sich nach Kräften ihre Augen zu öffnen, doch es gelang ihr nicht. Nora lag auf etwas Hartem und Eiskaltem. Überhaupt war es eiskalt um sie herum, besonders an Armen und Beinen. Nur ihr Rücken war angenehm warm und auch ihre Taille, um die eindeutig ein menschlicher Arm geschlungen war.
„Erdentochter. Erhebe dich.“
Sofort schlug Nora die Augen auf und erhob sich wie von unsichtbaren Fäden hängend auf ihre Beine. Fragend sah sie sich um, auf der Suche nach der Quelle dieser Stimme. Aber um sie herum war es stockdunkel. Sie zuckte zurück, als sie hinter sich auf dem Boden einen Mann entdeckte. Er schlief und vor ihm, da sah sie jemanden, der aussah wie sie selbst, scheinbar selig schlummernd, im festen Griff seiner Arme. Er trug eine Rüstung aus weiß-rotem Stoff, Leder und Metall sowie eine Kapuze und die Frau in seinen Armen im Gegensatz dazu nur ein seidenes Nachthemd. Nora blinzelte hektisch an sich hinab und bemerkte, dass sie eben jenes Nachthemd ebenfalls am Körper trug. Und da wurde ihr bewusst: Es war niemand, der so aussah, wie sie. Das war sie selbst.
„Was...“
Sie trat an das schlafende Paar heran und betrachtete sich und den Fremden. Seine Gesichtszüge waren vollends entspannt, genau wie ihre. Der Anblick hatte etwas merkwürdig Vertrautes, wie die verblasste Erinnerung an einen wunderschönen Traum. Nora zog nachdenklich die Brauen zusammen, doch da war dieses dumpfe Puckern in ihrem Hinterkopf, das sie keinen klaren Gedanken fassen ließ.
„Wir danken dir für deine Hilfe, Leonora. Dank dir wird die Zukunft ein Ort voller Licht sein.“
Nora erschrak, als sie dicht hinter sich erneut die samtene Frauenstimme vernahm und wandte sich um.
Dort schwebte eine Gestalt, eine Frau aus Licht. Sie blickte Nora emotionslos an, während ihre wallenden goldenen Strähnen um sie waberten. Sie trug einen güldenen Helm und eine Tunika in einer Farbe, die Nora noch nie gesehen hatte. Sie war wunderschön und Nora widerstand dem Drang, die Hand nach ihr auszustrecken, denn bei jedem ihrer Worte begann ihr Herz fürchterlich zu ziepen. Aber... wieso? Was hatte sie überhaupt getan, um ihre dankenden Worte zu verdienen? Sie erinnerte sich nicht, irgendetwas getan zu haben.
Nora wischte sich die Verwirrung aus dem Gesicht und entschied, was auch immer kommen möge, mit Fassung zu tragen. Das hier war immerhin nicht echt. Nur ein Traum. Nicht wahr? Sie würde gleich vom erbarmungslosen Piepen ihres 7 Uhr-Weckers aus dem Schlaf gerissen werden und mal wieder viel zu spät zur Arbeit kommen. All das war nur ein sehr lebendiger Traum. Und es fühlte sich richtig an, sich der Frau zu nähern. Sie hatte das Gefühl, ihr vertrauen zu können. Was konnte schon passieren, wenn man träumte?
„Doch nun ist es an der Zeit zu gehen.“
Sie streckte ihr eine glimmende Hand entgegen und Nora schluckte. Sie sah noch einmal über ihre Schulter zu sich und dem Mann, die noch friedlich schliefen, dann wieder zurück auf die angebotene Hand. Irgendetwas in ihr hielt sie zurück. Es war keine Angst. Eher das Gefühl, woanders hinzugehören. Vor ihrem geistigen Auge blitzte für den Bruchteil einer Sekunde das Bild eines jungen Mannes mit ernstem Blick auf und der Schmerz in ihrem Hinterkopf ziepte heftig. Nora kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Nur ein Traum...
Zögerlich und zittrig hob sie ihre Hand. Sie spürte eine angenehme Wärme von den leuchtenden, schlanken Fingern ausgehen und beinahe konnte sie sie schon berühren, da durchfuhr ihr ganzer Körper plötzlich ein elektrisierender Ruck. Sie keuchte erschrocken auf und spürte den festen Druck einer weiteren Hand, eisern um ihr Handgelenk geschlungen. Und als ihr Blick an der Hand und dem Arm entlangwanderte, blickte sie plötzlich in die alarmierten, großen Augen des fremden Mannes. Sie wagte einen kurzen Seitenblick gen Boden und sah auch ihn noch immer friedlich neben ihr schlafen. Wie konnten sie beide hier und zugleich dort sein?
„Fass sie nicht an.“, befahl er Nora bestimmt, als ginge es um Leben und Tod. Seine Stimme kam ihr sogleich bekannt vor und sie schüttelte benebelt den Kopf. Er schob sie ein paar Schritte in sichere Entfernung. Ohne die Kapuze kam er ihr fürchterlich bekannt vor. Diese Augen... diese warmen, dunklen Augen...
„Tu das nicht. Bitte.“, drängte er sie voller Verzweiflung.
Ängstlich sah Nora über seine Schulter hinweg in das emotionslose Gesicht der Frau, die den Arm wieder sinken ließ.
„Sieh nicht sie an. Sieh mich an.“, bat er schroff und festigte den Griff um ihre Oberarme.
Nora fixierte wieder seine flehenden Augen.
Er war groß, seine Schultern waren breit und sie hätte sich eigentlich bedroht fühlen müssen. Doch sie fühlte nichts dergleichen. Sie fühlte sich merkwürdig hier bei ihm. Ihr war mit einem Mal nicht mehr so kalt. Der Schmerz in ihrem Kopf versiegte und hinterließ eine gähnende Leere. Sie hatte das Bedürfnis, die Hand der Lichtgestalt zu ergreifen, doch wollte sie auch hier bei diesem Fremden sein. Wieso kam er ihr nur so bekannt vor? Wieso klopfte ihr Herz so wild bei seinem Anblick?
„Wer sind Sie?“, fragte sie leise, obwohl ihr ihre Frage vollkommen falsch vorkam.

Ezio riss voller Horror die Augen auf. Wieso erkannte sie ihn nur nicht? Wieso waren ihre Augen so leer und emotionslos?
„Nora, sieh mich an. Ich bin es, Ezio. Dein Ezio.“
Voller Verzweiflung redete er auf sie ein. Hatte er sie bereits verloren? Hatten sie sie ihm schon weggenommen?
"Ich... ich weiß nicht...", erwiderte sie zaghaft. Noch immer regte sich in ihrem Gesicht nichts. Sie sah nur durch ihn hindurch wie eine leere Hülle voller zerbrochener Träume. Wieso erkannte sie ihn nicht? Wieso nicht?
Ezio sah sie noch einige Augenblicke an, als suchte er nach etwas. Doch er fand... nichts. Er war zu spät gekommen. Ganz offensichtlich war er ein Fremder für sie und in ihm entflammte ein Schmerz, den er zuletzt vor Jahren verspüren musste.
Von Trauer ergriffen ließ er zum ersten Mal seit dem Tod seines Vaters und seiner Brüder wirklich eine Träne fallen. Er spürte denselben Verlust in seinem Herzen, dasselbe Gefühl, entzwei gerissen zu werden, dasselbe Gefühl, nichts würde mehr so sein, wie es war.
„Nora.“, wiederholte er flehentlich ein letztes Mal, doch nichts geschah. Er schloss sie in seine Arme und drückte sie an seine Brust. Er konnte sie nicht hergeben, selbst in diesem Zustand nicht.

Er schloss die Augen und erinnerte sich an den Tag, an dem sie sich zum ersten Mal so nah gewesen waren. Die Erinnerung war so lebhaft, als wäre es gestern gewesen. Sie waren umzingelt, auf den Dächern der Santa Maria del Fiore. Sie hatte es zwar nie zugegeben, aber er wusste, dass sie furchtbare Höhenangst hatte, so sehr wie sie beim Blick über die Kante des Gebäudes geschluckt hatte. Er hätte sie gern um Erlaubnis gebeten, sie gefragt, ob sie ihm vertraute. Doch als sie ganz selbstverständlich ihre Hand in seine gleiten ließ und ihm entschlossen zunickte, wurde ihm klar, dass das gar nicht nötig war. Und das, obwohl sie ihn zu diesem Zeitpunkt erst wenige Wochen kannte. Er hatte verdutzt gelächelt, als er sie in seine Arme geschlossen und an sich gedrückt hatte, genau wie er es gerade tat. Und dann hatte er sich mit einer längst vergessenen Leichtigkeit ums Herz rücklings mit ihr vom Dach fallen lassen. Im freien Flug hatte sie die Augen fest zusammengekniffen und sich an ihn gekrallt. Er erinnerte sich daran, wie sehr er das genossen hatte. Das hatte er viel zu sehr, auch wenn ihm der Grund dafür damals noch verborgen lag. Er genoss das Gefühl, sie beschützen zu können, jedes Mal. Doch jetzt hatte er das Gefühl, egal wie weit er auch mit ihr rennen oder wie fest er sie halten würde, dieses Mal konnte er sie nicht beschützen.

Nora hing wie eine leblose Puppe in den warmen Armen des Fremden. Er roch nach Erde, Schießpulver und etwas anderem, was sie ganz sicher sehr mochte, aber nicht benennen konnte. Ihr Gedächtnis war wie ein stotternder Motor. In ihrem Kopf flogen Gedankenfetzen und Bilder kreuz und quer durcheinander, in einem dicken Nebel aus Licht. Immer dann, wenn sie glaubte, einen Namen greifen zu können, war er sofort wieder verschwunden. Sie fühlte seinen Arm um ihre Taille und seine Hand an ihrem Hinterkopf. Es war, als hätte sie ein Déjà-vu und das Ziehen in ihren Schläfen wurde so stark, dass sie die Augen zusammenkniff. Plötzlich hörte sie aus weiter Entfernung Männerstimmen vulgäre Drohungen schreien. Sie spürte warme Nachmittagssonne auf ihrer Haut, dann Wind in ihrem Gesicht und das Gefühl von Schwerelosigkeit. Sie hörte ein undefinierbares Rascheln, roch Stroh, das sie an Armen und Beinen pikste. Und sie fühlte sich... wohl und sicher.
Ihre Arme und Beine kribbelten. Das war so nicht richtig, nicht ganz zumindest. Ganz langsam wanderten ihre Hände nach oben und legten sich an die Brust des Fremden - wo sich ihre Finger, wie von ganz allein, haltsuchend an den rot-weißen Stoff krallten.
Ezio erstarrte, als er den vorsichtigen Druck ihrer Hände spürte. Er lehnte sich etwas zurück und legte die Hände wieder an ihre Wangen, um sie zu mustern. Sie sah noch ein paar Sekunden durch ihn hindurch, doch dann gelang es ihm, ihren Blick mit seinem aufzufangen. Sie sah ihn beinahe kindlich fasziniert an, fixierte die Narbe an seinen Lippen, dann seine Augen. Sie legte den Kopf schief und kniff nachdenklich die Brauen zusammen. Voller Hoffnung beobachtete er Noras Mienenspiel, während sie sich fragte, weshalb da Tränen auf seinen Wangen waren? Warum weinte er denn? Weinte er etwas um sie?
„Bleib bei mir.“, bettelte er sie und startete einen letzten Verzweiflungsakt, indem er seine Lippen auf ihre presste. Sie antworteten nicht. Doch Ezio legte all seine Verzweiflung in diesen Kuss. Er schob die Hand in ihren Nacken und spürte die Gänsehaut, die sie dort bekam.
Nora war paralysiert und elektrisiert zugleich. Ihren Körper durchzog ein heißes Kribbeln. Und dann, nach ein paar Sekunden, begannen auch ihre Lippen sich langsam zu bewegen. Sie gab ein undefinierbares Seufzen von sich.
Ezio ließ von ihr und sah erwartungsvoll auf sie hinab. Nora aber hielt die Augen fest geschlossen, denn ihr Kopf dröhnte mit einem Mal noch heftiger. Nur für den Bruchteil einer Sekunde lichtete sich der dichte Nebel in ihrem Kopf und sie erhaschte einen flüchtigen Blick auf ihre Erinnerungen. Doch dieser winzige Moment genügte vollkommen, um danach zu greifen und sie nicht mehr loszulassen. Und dann, ganz plötzlich, verschwand der unerträgliche Druck in Noras Kopf und das blanke Erstaunen eroberte ihr Gesicht.
„Ezio...“, flüsterte sie tonlos.
Ungläubig suchte er nach dem Leuchten, das er von ihren grünen Augen gewohnt war und fand es schließlich auch. Sie strahlten so wie immer, wenn sie ihn erblickte.
„Nora...“, flüsterte er ungläubig und ließ noch einmal einen prüfenden Blick über ihr Gesicht wandern. Als sich dann aber ein glückliches Lächeln auf ihre Lippen stahl, war es gewiss. Es war sie. Sie erinnerte sich. Ezio entließ vor Erleichterung die Luft aus seinen Lungen und drückte sie dann wieder an seine Brust. Er lachte tonlos auf und schickte ein stilles Dankesgebet gen Himmel. Beinahe hätte er sie verloren. Und wenn es nötig war, würde er sie nun nie mehr aus den Augen lassen.
"Was ist passiert?", hörte er sie kraftlos fragen, doch seine Suche nach einer passenden Antwort wurde jäh unterbrochen.

„Verzeiht mein kleines Experiment.“
Nora zuckte in Ezios Armen zusammen und auch er wich zurück. Denn da war noch immer die seltsame Frau hinter ihnen, die Ezio in seiner Verzweiflung beinahe schon vergessen hatte.
„Aber ich musste sicher sein.“
Sie war näher an sie herangetreten.
„Haltet Euch fern!“, rief Ezio bedrohlich. Er verstand ihre Anspielung nicht und sie war ihm auch vollkommen egal. Er war nicht bewaffnet und zweifelte daran, dieser Frau in irgendeiner Weise schaden zu können. Doch er hielt Nora schützend in seinen Armen und er würde kämpfen bis aufs Blut, wenn es sein musste - mit allem, was er hatte. Sie würde sie ihm nicht nehmen.
„Warum sind wir hier? Was ist das für ein Ort?“, grollte er kämpferisch.
„Nun, warum Leonora hier ist, wisst ihr sicher bereits. Doch dein Erscheinen hier ist eine rechte Überraschung, Ezio Auditore da Firenze.“
Nora wand sich alarmiert aus Ezios Umarmung und stellte sich vor ihn, aus Angst, er würde ihren Groll auf sich ziehen. Immerhin wusste sie nicht, ob sie Freund oder Feind war.
„Bitte lasst ihn gehen. Ich werde tun, was auch immer Ihr verlangt. Ich komme mit Euch, wenn ich muss. Aber bitte tut ihm nichts.“
Ezio entglitt für einen Moment jegliche Fassung, als sie sich vollkommen selbstlos vor ihn stellte, fest entschlossen ihm ein Schutzschild zu sein.
Die Fremde musterte sie nachdenklich, schickte sich jedoch nicht an, etwas zu erwidern. Nora fiel es unheimlich schwer, den Blickkontakt zu halten. Nicht einmal Ezio hatte sie jemals so eingeschüchtert und irgendwie hatte sie das Gefühl, es war ihr anzusehen.
„Ich werde nicht ohne sie gehen.“
Ezio war wieder neben sie getreten. Er legte besitzergreifend einen Arm um ihre Taille und zog sie an sich. Er wusste, dass seine forschen Forderungen wahrscheinlich unklug waren. Doch er konnte nicht anders. Es lag in seiner Natur.
„Ich fürchte das obliegt nicht deiner Entscheidung, Prophet.“, erwiderte die fremde Frau schließlich vollkommen unbeeindruckt.
„Prophet?“, wiederholten Nora und Ezio verwirrt.
„Was meint Ihr damit?“
Die Frau sah ihn durchdringend an, doch blieb erneut still und Ezio wurde wütend. Es frustrierte ihn, dass sie keine Antworten gab, sondern nur weitere Fragen aufwarf.
„Warum antwortet Ihr nicht? Was habt Ihr zu verbergen?“, knurrte er zornig, aber die Fremde blieb vollkommen unbeeindruckt.
„Es gibt Dinge, für die du noch nicht bereit bist. Ihr beide seid es nicht.“, war ihre starre Antwort. Ezio wollte einen Schritt auf sie zu machen, doch Nora legte beschwichtigend ihre Hand auf seinen Unterarm und bat ihn wortlos, sein Glück nicht überzustrapazieren.
Sie schluckte. Diese Frau war göttlicher Natur. Drohungen und Forderungen waren hier vergebens. Sie mussten besonnener vorgehen.
„Bitte sagt uns, wer seid Ihr?“
„Ich bin viele.“, erwiderte sie und Nora war sich fast sicher, ein kleines amüsiertes Lachen herauszuhören.
Bevor Ezio erneut mit Unmut reagieren konnte, ergriff Nora wieder das Wort.
„Ihr sagt, es sei verwunderlich, dass Ezio ebenfalls hier ist. Warum?“
„Nun, es ist unmöglich für einen Menschen, an diesen Ort zu gelangen. Es sei denn er wird... eingeladen.“
Sie schien über ihr letztes Wort nachdenken zu müssen. Andererseits, so vermutete Nora, war es wohl sehr schwierig für ein göttliches Wesen, seine unvorstellbar wundersamen Wahrheiten für einen Menschen verständlich auszudrücken.
„Dies ist das Tor zwischen den Zeiten. Wir nutzten es einst, um den Frieden zu wahren, damals, als wir noch fleischlich waren.“
Sie hob melancholisch die Arme, als ob die endlose Schwärze um sie herum einer Vorstellung bedürfe.
„Aus demselben Grund ließen wir es dich durchschreiten, um zu tun, wozu wir nicht mehr im Stande waren – um das Schicksal eines einzelnen zum Wohle vieler zu wandeln.“
Sie fixierte schließlich Ezio, der zu begreifen begann. Er war der einzelne. Nora hatte ihm immer nur gesagt, sie sei in seine Zeit geschickt worden, um die Bruderschaft zu retten. Dabei hatte sie ihr Leben ganz allein für ihn riskiert.
Er straffte seinen Griff um ihre Taille. Hätte er das doch nur eher gewusst. Er hätte niemals zugelassen, dass sie all das für ihn tut. Und genau deswegen hatte Nora ihm diese Kleinigkeit verheimlicht.
„Doch der Glaube an unsere Überlegenheit blendete uns. Als wir dich durch die Zeit schickten, vergaßen wir, dass auf einen Aspekt der Zukunft niemand Einfluss zu nehmen vermag, nicht einmal wir, da er die Zeiten überdauert.“
„Und was soll das sein?“, fragte Ezio misstrauisch, da er sich noch immer fragte, wohin diese Unterhaltung, die nun endlich eine war, überhaupt führen sollte.
Noras Blick wanderte nachdenklich am Boden umher.
‘Liebe‘‚ schoss es ihr mit einem Mal durch den Kopf und als sie verstehend aufsah, waren ihre Wangen ganz rosig. Die Frau nickte ihr kaum merklich zu.
„Bereits als du den ersten Fuß in diese Zeit gesetzt hast, hast du den von uns bestimmten Weg verlassen. Menschliche Emotionen sind unberechenbar. Wir hatten die Möglichkeit, Ezio könne sich in dich verlieben, nicht bedacht.“
Nora errötete und als sie sich an Ezio wandte, blickte der voller Ernst und Entschlossenheit zurück.
Und wie er sie liebte. Sie hatte ja keine Ahnung.
„Und nun seid ihr es, die die Auditore-Blutlinie fortführen werden.“
Ezio sah mit großen Augen zur Fremden hinüber und Nora öffnete errötend den Mund.
„Soll das heißen, ich kann bleiben?“
Aus Nora sprach die verzweifelte Hoffnung. Sie rechnete mit nichts, doch hoffte auf alles.
„Nein.“, erwiderte die Fremde und schüttelte bedächtig den Kopf.
Ezios Griff um Nora straffte sich erneut unter seiner Anspannung und ihr Herz stach vor Enttäuschung.
„Das heißt du hast gar keine andere Wahl. Eure Schicksale sind nun miteinander verwoben. Ezio wäre nicht hier, wenn es nicht so wäre. Das Band, das ihr geknüpft habt, ist stärker als Raum und Zeit, wenn es sogar bis an diesen Ort reicht.“
Nora starrte die Fremde an und konnte das eben Gesagte noch nicht so recht verarbeiten. Sollte das bedeuten...
Ezio lächelte voller Entschlossenheit auf Nora hinab. Ja er war fest entschlossen der Göttin vor ihnen zu zeigen, dass jedes dieser Worte der Wahrheit entsprach. Nora hatte ihn gerettet, in mehr als einer Hinsicht. Sie hatte sein Herz geheilt. Sie war seine Zukunft. Er würde ihr überallhin folgen.
„Doch auch wenn du nie ins 21. Jahrhundert zurückkehren kannst, wirst du immer ein Kind zweier Welten sein. Genau wie euer Sohn.“
Die Fremde streckte die Hand aus und deutete auf Noras Unterleib.
„Mein... Was?“
Im Gegensatz zu Nora begriff Ezio sofort. Er fixierte perplex ihren Unterleib und dann ihre geschockte Miene. So erfolgreich er bis eben auch Haltung bewahrt hatte, so verlor er nun jegliche Fassung. Sollte Nora wirklich... sollten sie wirklich...
Doch Zeit, weiter darüber nachzudenken, hatten sie nicht.
Die Frau breitete die Arme aus und das Glimmen, das sie umgab, wurde binnen Sekunden zu einem Regenschauer aus kaltem Licht, der auf sie niederging. Ezio schloss Nora fest in seine Arme, aus Angst, sie doch noch hergeben zu müssen. Beide versuchten sie ihre Sicht vor dem grellen Weiß abzuschirmen und kniffen am Ende doch die Augen zusammen.
Und schließlich, einige Augenblicke später, da spürte sie statt der Eiseskälte um sich herum, das weiche Bett unter sich und die einlullende Wärme eines nackten, gestählten Männerkörpers.
Sie öffnete die Augen und sah hinauf, direkt in das vollkommen ernste Gesicht Ezios, der sich noch immer beharrlich weigerte, sie aus seiner Umarmung zu entlassen. Nora legte die Hand auf seine Brust und lächelte sanft.

Ezio konnte noch keinen klaren Gedanken fassen. Nach allem, was er in seinem Leben bereits erlebt hatte, nach allem, was womöglich noch bevorstand – sollte er wirklich diese Frau an seiner Seite wissen? Sollte das kein Traum sein, aus dem er allein in diesem Bett erwachen würde?
„Ezio...“, flüsterte sie noch immer lächelnd. Sie wusste ganz genau, was in seinem Kopf vorging. Seine Augen wanderten rastlos zwischen Noras hin und her.
Die Morgensonne tauchte alles um sie herum in ein warmes Gold, ganz im Gegensatz zu dem Ort, an dem sie eben noch gewesen waren. Ja, es war Morgen in Monteriggioni und Nora lag in Ezios Armen. Sie war noch immer hier, bei ihm. Und zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich wirklich friedlich.
Eine Weile sahen sie sich nur an und Nora wachte über seinen Herzschlag, der sich langsam normalisierte.
„Danke, dass du mir gefolgt bist.“, wisperte sie schließlich, als nach Minuten noch immer keine Regung auf seinem Gesicht zu sehen war. Ezio erwachte schließlich aus seiner Trance und schnaubte über ihre Worte. Er hätte sie beinahe verloren und die Angst steckte ihm noch immer in den Gliedern.
„Wo auch immer du hingehst, werde ich sein, amore mio.“ Er lächelte sein typisches charmantes Lächeln und Nora schmolz dahin. Dann schob er seine Hand in ihren Nacken und küsste sie langsam und so voller Leidenschaft, als wäre es vollkommen selbstverständlich, als hätte sie schon immer ihm gehört. Und Nora genoss seine Besitzergreifung. Sie wollte nur ihm gehören. Und das würde sie auch, welch glückliche oder unglückliche Zukunft auch vor ihnen lag.

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Liebe Leser/innen,

ich überlege eine komplette Geschichte zu Nora und Ezio zu schreiben.
Habt ihr darauf Lust?
Lasst es mich gern wissen.

xoxo,
green
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