Advents-Chi-lender 2018 - Neuschnee

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
01.12.2018
24.12.2018
24
34660
6
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Dieses Kapitel
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Tja. Ich wollte eigentlich nur den Nano nutzen, um einen Beitrag für den Adventskalender zu schreiben, aber die Geschichte hat sich völlig ohne mein Zutun (ich schwör!!) zu einem wahren Monster entwickelt, das leider nicht mehr in den Kalender gepasst hat. Sowas aber auch. Achtung: Komplett ungebetat, für Logikfehler übernehme ich keine Haftung :D Da ich die Geschichte am Stück runtergeschrieben und anschließend in 24 Stückchen zerteilt habe, kann es sein, dass die Kapitelenden etwas merkwürdige Cuts aufweisen. Ich bitte um Nachsicht ^^"

*stellt einen Teller Weihnachtskekse auf* Viel Spaß :)
glg chi


Türchen 1



Das war es also, sein neues Leben. Björn hätte beinahe verächtlich aufgelacht, aber so mitten auf der Straße, wo haufenweise Menschen unterwegs waren, hätte man ihn wohl für verrückt gehalten, also beließ er es bei einem leisen Schnauben mit Blick auf den großen Briefumschlag in seiner Hand. Darin befanden sich seine Dokumente, allen voran: Die Kündigung, die ihm sein bisheriger Arbeitgeber ausgestellt hatte. Das Arschloch.

Schon seit fünfzehn Minuten drückte sich Björn hier herum, auf der Straßenseite gegenüber des Arbeitsamts. Mittlerweile waren es nur noch fünf Minuten bis zu seinem Termin. Das Arbeitsamt! Noch nie in seinen dreißig Jahren hatte er hierhin gemusst und es war ihm unangenehm bis auf die Knochen. Beim Arbeitsamt trieb sich doch nur asoziales, arbeitsscheues Gesindel herum, oder? Und eben jetzt er, seinem Chef sei Dank. Warum musste dieses Arbeitsamt seine Filiale eigentlich mitten in der Fußgängerzone haben, wo sich haufenweise Menschen herumtrieben und ihn sehen konnten, wenn er durch die Tür ging?

Seine Freunde, Peter und Solveigh, hatten angeboten, ihn zu begleiten. Björn hatte abgelehnt und bereute diese Entscheidung jetzt ein wenig. So ein Tritt in den Hintern hätte das Ganze vielleicht einfacher gemacht, aber hey, immerhin war er hier und das pünktlich.

Apropos – mittlerweile waren es nur noch zwei Minuten bis zu seinem Termin und Björn war niemand, der gern zu spät kam. Er atmete einmal tief ein, überquerte die Straße und drückte die schwere Glastür auf.

Überheizte Luft schlug ihm entgegen. Ein Aufsteller wies ihm den Weg zu Zimmer 4, Sachbearbeiterin Frau Hammer, Termin um 10:30 Uhr, bitte bringen Sie einen Lebenslauf und Ihre Lohnabrechnungen mit.

Björn klopfte an der Tür zu Zimmer 4. „Ich hole Sie gleich. Nehmen Sie Platz!“, wurde herausgerufen. Dabei war er pünktlich. Björn rollte die Augen, nahm aber gegenüber auf einem stoffbezogenen, abgewetzten Stuhl Platz und schaute sich um, weil er nichts Besseres zu tun hatte. Es war trostlos. Die Wände waren kahl und das Neonlicht tat ihnen nichts Gutes. Die Türrahmen waren dunkelrot und wirkten irgendwie abweisend. Weiter vorne, in einem Wartebereich mit Tisch, standen ein paar Aufsteller mit Broschüren für Jobsuchende und Studenten oder Schulabgänger. Er fühlte sich deplatziert.

Zehn lange Minuten später hatte die Sachbearbeiterin Zeit für ihn. Frau Hammer war eine desillusionierte Mittfünfzigerin, die ihren Job nach Schema F abwickelte, Björns Daten in ihren PC hackte, tausend Infobroschüren auf den Tisch knallte, die er nicht lesen würde, und ihm sechs dreiseitige Vermittlungsvorschläge ausdruckte mit dem Hinweis, dass er sich zu bewerben hatte, ob er wollte oder nicht. Nach einer Dreiviertelstunde war er entlassen und sein Umschlag, in dem er seine Papiere mitgebracht hatte, war komplett vollgestopft mit den Sachen, die ihm Frau Hammer mitgegeben hatte.

Draußen atmete er erst einmal tief die kalte, erfrischende Luft ein und zog sein Handy aus der Hosentasche, um Peter und Solveigh auf WhatsApp zu schreiben, wie er es versprochen hatte. Manchmal nervte es ihn, wie überbesorgt ihn die beiden derzeit bemutterten. Andererseits waren sie ihm momentan wirklich eine wichtige Stütze und er wusste nicht, was er ohne sie tun würde.

Die Antworten kamen noch während er die Fußgängerzone entlang Richtung Bus schlenderte. Die beiden hatten gewusst, dass er heute den Termin beim Arbeitsamt hatte, und auf seinen Bericht gewartet. Obwohl sie beide auf der Arbeit waren. Björn rechnete es ihnen hoch an.

Den vorherigen Bus hatte er um zehn Minuten verpasst und musste an der Haltestelle noch weitere zehn Minuten warten. Die Stadt war zu klein um eine kürzere Taktung der Buslinien zu besitzen. Björn hatte wenig Lust, sich auf die eiskalten Metallstühle zu setzen und lehnte sich an den Eckpfosten des Bushäuschens, während kalter Nieselregen aufzog. Und da sollte sich einer weihnachtlich fühlen – dabei half auch das riesige Werbebanner nicht, das die Seitenwand des Bushäuschens ausfüllte und einen Weihnachtsmann zeigte. Nicht, dass es Björn sonderlich weihnachtlich zumute gewesen wäre, nach alldem, was hinter ihm lag. Wie immer, wenn er daran dachte, ziepten die langen, schmalen Narben an seinen Armen.

Es kam Björn völlig unwirklich vor, dass das alles nur acht Wochen zurücklag. Dieser Vorfall, der sein Leben fast beendet, aber dann nur völlig verändert hatte. Peter hatte ihn gefunden. Weil er zufällig vorbeigekommen war und Björn seine Wohnungstür hatte offen stehen lassen. Irgendein Teil von ihm hatte wohl gewollt, dass er nicht erst nach Tagen oder Wochen gefunden werden würde. Dass aber Peter auf einmal in seinem Badezimmer stehen und mit leichenblassem Gesicht den Notarzt rufen würde – damit hatte er nicht gerechnet. Und es auch nicht so richtig mitbekommen, wenn er ehrlich war. Jetzt, im Nachhinein, hatte er nur noch verschwommene Erinnerungen. Sein Gedächtnis setzte erst am nächsten Tag wieder ein, als er sich in einem weißen Krankenhauslaken wieder fand und sich fragte, wie er hierher gekommen war.

Die folgende Zeit hatte er erst im Krankenhaus und dann in einer Reha-Einrichtung verbracht. Die geballte Power an Psychotherapie war anstrengend gewesen und doch irgendwie hilfreich.

Und nun war er wieder auf die Welt losgelassen worden und musste sich mit sich selbst und seinem alten Leben irgendwie arrangieren, das doch nicht mehr sein altes Leben war, weil er direkt nach der Rückkehr aus dem Krankenstand eine Kündigung erhalten hatte und für die restlichen vier Wochen der Kündigungsfrist freigestellt worden war. Sein Chef hatte den Rausschmiss noch mit den Worten „solche brauchen wir hier nicht“ gewürzt. Zum Glück war Solveigh an dem Tag sofort zur Stelle gewesen. Björn hätte nicht garantieren können, dass er es sonst nicht noch einmal versucht hätte – und diesmal die Wohnungstür auch abgeschlossen hätte.

Okay, seine Arbeit hatte ihm schon lang nicht mehr gefallen. Trotzdem hatte ihm die unvermutete und vor allem unverschämte Kündigung den Boden unter den Füßen weggezogen. Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung und kein Essen… Solveigh hatte ihn zum Arbeitsamt geschleppt, damit er sich arbeitslos meldete, danach mit der Psychotherapeutin einen Notfalltermin ausgemacht und ihn dorthin gefahren. Solveigh war Gold wert. Sie hatte die gesamten 50 Minuten der Therapiestunde draußen im Auto auf ihn gewartet und ihn danach nach Hause gefahren, ihm heiße Schokolade gekocht und ihn auf dem Sofa in eine Decke eingepackt. Er hatte ihr und Peter versprechen müssen, ständig per Handy mit ihnen in Kontakt zu sein. Sie hatten Angst um ihn, das wusste er und er konnte es absolut verstehen.

Für die beiden war sein Suizidversuch wohl aus heiterem Himmel gekommen. Sie hatten nicht gewusst, wie schlecht es ihm schon seit Langem gegangen war, wie wenig Energie er hatte und wie ihm jeder Tag wie ein unüberwindbarer Berg vorgekommen war, den es zu besteigen galt. Verrückt, wie so ein paar kleine Tabletten, regelmäßig eingenommen, diesen Zustand der ewigen Kraftlosigkeit unterbrechen konnten. Nach vier Wochen hatte die Wirkung eingesetzt und Björn hatte gespürt, wie seine Kräfte mit jedem Tag zurückkehrten. Er konnte nachts besser schlafen und wachte erholter auf. Von den Nebenwirkungen, die Psychopharmaka allgemein nachgesagt wurden, hatte er noch nichts bemerkt. Trotzdem hatte er die Tabletten anfangs nur widerwillig geschluckt. Aber er hatte sie geschluckt, vor allem deswegen, weil eine Schwester der Therapieeinrichtung ihn mit Argusaugen beobachtet hatte, bis er den kleinen Plastikbecher mit der Tablette darin an die Lippen führte und schluckte. Sie hatte sogar kontrolliert, ob er die Tablette nicht tatsächlich unter der Zunge versteckte. Eine Situation, die Björn erst völlig grotesk vorgekommen war, an die er sich aber mit der Zeit gewöhnt hatte.
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