Das Mädchen mit den Zündhölzern

KurzgeschichteMystery, Sci-Fi / P16
01.12.2018
01.12.2018
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Ein Nebel wogte über die Welt. Mal war er durchscheinend wie Glas, und nur die verschwommenen  Konturen entfernter Objekte verrieten seine Anwesenheit. Mal war er von festerer Konsistenz, bildete fluffige Schnörkel wie die stilisierten Wolken auf vorzeitlichen Gemälden, waberte und kroch über das Land. Nur da, wo günstige Winde den Nebel in Schach hielten, wagten Menschen zu siedeln.
An einer Stelle über dem Meer trieben Luftströmungen die Substanz in die Höhe, wo sie auf Abgase aus Fabriken traf, die längst nicht mehr existierten. Die Stoffe vermengten sich und reagierten miteinander, darin ein Aerosol, das mit dem Nebel nach oben getragen wurde, der Rauch niedergebrannter Städte und die Moleküle ihrer Bewohner.

Einige Kilometer entfernt trieb die Fliegende Bibliothek durch die Nacht. Der Schriftzug auf der Seite „Abcdefghijklmnopqrstuvwxyz – in Anordnungen, die dich zum lachen, weinen, und verstehen bringen“ glänzte schwach im Licht aus der Führergondel, in der sich Stille ausgebreitet hatte.
Der Kapitän dachte schläfrig an seine Frau, die er in Terranova zurückgelassen hatte.
Der Kopilot blickte aus dem Fenster in die sternenklare Nacht. Weit vor ihnen bemerkte er einen schwarzen, sternenlosen Fleck. Sturmwolken? Sollte er den Kapitän darauf hinweisen? Aber dann würde er implizieren, dass der Kapitän nichts bemerkt hätte, was ihm nicht gefallen würde. Und wenn etwas wäre, würde die Bordingenieurin das ja auch mitkriegen.
Die Bordingenieurin bemerkte, dass ihre Instrumente ungewöhnliche Werte anzeigten, wollte aber weder Kapitän noch Kopilot etwas sagen, da sie beide für arrogantes Pack hielt.
Der Bibliothekar im Lesesaal bekam eine Gänsehaut, als er etwas wie eine böse Absicht spürte, doch er führte das auf den viktorianischen Schauerroman zurück, den er gerade las.
Die Ratten, die sich an den Büchern gütlich taten, hielten inne und reckten ihre zitternden Barthaare in die Luft, dann zogen sie sich quiekend in ihre Löcher zurück.
Schließlich rang sich der Kopilot zu einer Bemerkung durch. „Diese Wolke sieht nicht gerade gut aus.“
„Mmm“, brummte der Kapitän.
Einige Minuten vergingen. Die Bordingenieurin beobachtete die Zeiger der Instrumente, die sich allesamt am rechten Rand der Skalen befanden. „Irgendetwas stimmt hier nicht“, sagte sie schließlich.
Der Kopilot fasste Mut. „Vielleicht wäre es besser, ein wenig von der Wolke weg zu lenken.“
„Ja, ja“, sagte der Kapitän, machte aber keine Anstalten, den Kurs zu ändern.
Inzwischen waren die Sturmwolken deutlich zu erkennen. Es war eine ganze Menge von Wolken, auf und über einander gestapelt, die sich verformten, sich an den Rändern lösten und wieder verschmolzen, und in der Mitte eine kompakte Masse bildeten, schwärzer als die Nacht. Die ersten Vorboten begannen, am Schiff zu rütteln.
„Das sieht gar nicht gut aus. Es wäre wirklich besser, gleich abzudrehen. Oder jetzt. Was meinen Sie?“
Der Kapitän richtete seine müden Augen auf den Kopiloten. „Was haben Sie gesagt?“
In dem Moment hörten sie die Stimmen.

Während des Krieges – während der Serie von Kriegen mit wechselnden Teilnehmern, die so verworren war, dass schließlich nur noch von „dem Krieg“ gesprochen wurde als abstrakter Begriff, wie in „der Krieg ist der Vater aller Dinge“ - wurden Unmengen Menschen zu Flüchtlingen. Sie flohen vor den Kämpfen, und dann vor dem Nebel. Als es Paranea traf, in den letzten Tagen der alten Ordnung, verließ ein Großteil der Bewohner die Stadt in einem einzigen riesigen Luftschiff. Inzwischen waren Kinder geboren worden, die kein anderes Leben kannten, weitere Heimatlose waren an Bord gekommen, und Paranea on Air - ein Name, der in einer Abstimmung gegen Paranea 2.0 gewonnen hatte -  wuchs und wuchs, bis es zu einer eigenen Stadt im Himmel wurde. In dieser Stadt lebte Naskaja seit einigen Jahren und tat sinnvolle Arbeit. Sie fing in einer der Küchen als Mädchen für alles an, wusch das Geschirr ab und schälte Kartoffeln. Dann heiratete einer der Köche eine Frau am Boden und sie nahm seinen Platz ein. Sie flocht ihre Haare zurück und band ein Tuch darüber, damit sie nicht ins Essen fielen, und zog die weiße Jacke ihres Vorgängers an, die ihr zu groß war. Aber sie krempelte niemals die Ärmel hoch. Nicht einmal, wenn es in der Küche heiß wie in einem Ofen wurde und das Wasser auf sämtlichen Armaturen kondensierte und an der Fensterscheibe herunterlief.
Sie stellte fest, dass sie sich an einige Rezepte erinnerte, die ihre Mutter ihr beigebracht hatte. Und sie lernte, auch dann eine Zwiebel zu schneiden, wenn das Luftschiff von einem Sturm hin und her geworfen wurde.
Dieses Wissen erfüllte sie mit Freude. Sie stellte sich vor, dass es ewig so bleiben konnte, genau wie Paranea on Air ewig über die Welt schwebte. Aber sie wusste, dass das nicht stimmte.

Eines Abends, als sie Spaghetti mit Fleisch aus Terranova zubereiteten, seufzte Miri, das Mädchen, das die Teller abwusch, laut. „Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll.“
„Weniger Wasser verbrauchen.“
„Nein, ich meine, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich kann schließlich nicht ewig Teller waschen. Soll ich hier auf Paranea bleiben oder mein Glück woanders versuchen?“
„Gibt es denn einen Ort, wo du lieber wärst?“
„Keine Ahnung... Einer der nebelfreien Orte auf der Erde... Terranova vielleicht... Oder ein anderes Luftschiff... Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten.“
„Es war einmal ein Esel, der hatte Hunger“, sagte Naskaja. „Da fand er sich inmitten von fünf leckeren Heuballen wieder. Doch die Heuballen befanden sich alle im gleichen Abstand zu ihm, sahen gleich appetitlich aus, und er wusste nicht, welchen er fressen sollte.“
„Und was passierte dann?“
„Dann ist der Esel verhungert.“
„Danke für diese echt hilfreiche Metapher!“
Naskaja warf die Zwiebeln in die Pfanne. Sie wählte ihre Worte sorgfältig, um nicht lehrerinnenhaft zu klingen. „Es ist doch großartig, dass du diese Wahl hast. Im Krieg konnten die jungen Leute sich nicht entscheiden, ob sie Flüchtlinge oder Soldaten werden wollten.“ Sie merkte, dass sie von „den jungen Leuten“ sprach, ein sicheres Zeichen, dass sie zu den alten Leuten gehörte.
„Doch“, sagte Miri. „Sie hätten sich weigern können, Soldaten zu werden.“
Einen Moment lang war das Zischen des Bratfetts zu hören, das Plätschern des Spülwassers, die Rufe auf den Gängen, das Ächzen der Eingeweide des Schiffs.    
Miri verzog das Gesicht. „Wie auch immer, das hilft mir nicht weiter.“
„Du kannst natürlich auch einfach keine Entscheidung treffen“, mischte sich Tobias, der Küchenchef, ein. „Bis die Entscheidung dich trifft.“
„Und woran merke ich das?“
„Wenn du aufwachst, mit einem Ring am Finger, und fünf schreienden Kindern.“
Sie beugten sich wieder über ihre Arbeit, bis Tobias den Kopf hob und ihn hin und her drehte.
„Hört ihr das auch?“
„Was denn?“
„Irgendetwas stimmt nicht. Paranea klingt anders als sonst.“
„Aber Paranea ist doch kein Musikinstrument!“
Naskaja legte den Kochlöffel beiseite und ging auf den Gang. Von dort betrat sie einen kleinen Balkon. Sofort versuchte ein Windstoß ihr das Tuch vom Kopf zu reißen. Gegen den Wind gestemmt, stapfte sie über den Gitterboden, durch den sie viele Hundert Meter unter sich das aufgewühlte, von winzigen Schaumkronen marmorierte Meer sehen konnte. Die ganze an die Streben des Luftschiffs geschweißte Konstruktion zitterte und quietschte laut. Sie beugte sich über das Geländer und sah an der Flanke der Paranea, aus der diverse Anbauten ragten, vorbei zum Horizont. Der Himmel war dunkel. Einige Kilometer entfernt schwebte ein Berg aus schwarzen Wolken. Und sie flogen direkt darauf zu.
„Hast du etwas gesehen?“, fragte Miri, als Naskaja zurück in die Küche kam.
„Es gibt einen Sturm, aber ich bin mir nicht sicher. Ich werde einmal eine Stärkung in die Führergondel bringen. Vielleicht kann ich herausfinden, was los ist.“ Sie stellte eine Kaffeekanne mit Tassen und eine Schale mit Keksen auf ein Tablett und machte sich auf den Weg.

Niemand beachtete sie, als sie die Führergondel betrat. Behutsam setzte Naskaja das Tablett ab und begann, Kaffee in die Tassen zu schenken, wobei sie sorgfältig das Schwanken  des Schiffs ausbalancierte. Dabei sah sie sich um. Alle Aufmerksamkeit im Raum war auf den Funker gerichtet, der konzentriert in seinen Hörer lauschte und sich Notizen machte.
„Wer ist da? Sprechen Sie deutlicher! Kommen.“
Die Kapitänin wandte sich an den Navigator. „Haben Sie die Quelle des Signals orten können?“
„Die Funkpeilung ergibt, dass das Signal mitten aus dem Sturm kommt.“
„Ihr Name ist die Fliegende Bibliothek? Fliegende Bibliothek, kommen.“
„Die Fliegende Bibliothek?“, fragte der Navigator. „Ist die nicht seit ein paar Tagen verschollen?“
Fliegende Bibliothek, sprechen Sie deutlicher. Was wollen Sie? Kommen.“
Der Funker sah auf. „Sie sind offenbar beschädigt und bitten um Hilfe. Aber ihre Ausdrucksweise ist seltsam. Sie benutzen keines der offiziellen Code-Wörter. Und... das Signal kommt auf allen Frequenzen gleichzeitig.“
Die Kapitänin runzelte die Stirn. „Sagen Sie ihnen, dass wir leider nichts tun können. Es wäre Selbstmord, in diesen Sturm rein zu fliegen.“
„Sie wollen nichts hören... Sie wiederholen immer wieder ihren Hilferuf.“ Auf der Stirn des Funkers glitzerten Schweißperlen.
Naskaja näherte sich ihm mit einer Kaffeetasse. Der Funker fuhr zusammen und klammerte sich an seinen Tisch.
„Was ist los?“
„Sie schreien... Männer, Frauen, Kinder... Sie schreien... Es ist entsetzlich!“
„Was schreien sie?“
„Sie ist es... Sie hat uns getötet... Sie ist es...“ Mit fahrigen Fingern löste er den Hörer vom Kopf und warf ihn neben das Funkgerät. „Das ist nicht normal!“
Sein Blick fiel auf Naskaja, die die Kaffeetasse vorsichtig neben ihn stellte. „Sie... die haben damit angefangen, als sie nähergekommen ist!“
„Das wird ja wohl ein Zufall sein“, sagte die Kapitänin. „Wie auch immer, wir wenden.“

Mit dem leeren Tablett kehrte Naskaja in die Küche zurück.
„Und, was ist los?“, fragte Tobias.
„Nichts. Wir werden wenden, um dem Sturm auszuweichen.“
Während sie das Fleisch anbriet, spürte Naskaja in ihrem Körper die Bewegungen des Schiffs. Sie fühlte einen Zug zur Seite, als das mächtige Schiff sich langsam nach Steuerbord drehte. Ein Radieschen auf dem Schneidebrett rollte nach rechts. Dann jedoch kam die Bewegung zum Stillstand, und träge, aber stetig drehte das Schiff sich wieder zurück, während die Schwankungen sich intensivierten. Das Radieschen torkelte unschlüssig hin und her, bis Miri es schnappte und sich in den Mund steckte. Gleichzeitig fühlte sie einen Zug nach hinten. Sie flogen nicht nur auf den Sturm zu, sie beschleunigten sogar.
Dann klapperten hastige Schritte auf dem Gang. Die Tür flog auf und drei kräftige Personen in den blauen Jacken der Schiffssicherheit kamen herein.
„Naskaja“, sagte ihr Anführer, Luca war sein Name.
„Ja?“
„Bist du eine von den Homo Sacer?“
Naskaja stellte den Herd unter dem Topf mit Wasser für die Nudeln an. „Ich glaube, der Plural heißt Homines Sacri.“
„Wie auch immer. Bist du eine von diesen Mördern?“
„Luca. Sehe ich etwa wie eine Mörderin aus? Wie kommst du überhaupt darauf?“
„Die Kapitänin hat das gesagt.“
„Die Kapitänin? Bist du sicher? Vielleicht meinte sie nur, dass mein Kaffee mörderisch ist?“
Luca seufzte. „Ich wundere mich auch, aber das hat sie gesagt. Zeig uns bitte deine Arme.“
Langsam zog Naskaja ihre Jacke aus, faltete sie unter den besorgten Blicken von Miri und Tobias sorgfältig zusammen und legte sie beiseite. Darunter trug sie ein altes kariertes Männerhemd. Sie knöpfte den rechten Ärmel auf, rollte ihn ordentlich nach oben, und zeigte den Sicherheitsleuten ihren nackten Arm.
„Zufrieden?“
„Den anderen Arm auch noch. Bitte.“
Sie tat das selbe mit dem linken. Auf der hellen Haut der Innenseite ihres Unterarms prangte das blutrote Zeichen der Homines Sacri. Entsetzt keuchten die Anwesenden auf. In diesem Moment ging das laute Zischen des siedenden Wassers in ein leiseres Blubbern über. Naskaja nahm den Topf und kippte seinen Inhalt den Sicherheitsleuten ins Gesicht. Dann rannte sie zum Ausgang, stieß Töpfe und Pfannen herunter und ignorierte die Schmerzensschreie hinter sich.

Sie erreichte den Hangar und machte sich daran, die Sicherungsgurte eines der Gleiter zu lösen. Dann rannte sie zu dem Rad, mit dem das Tor geöffnet wurde. Es gelang ihr, die Startluke einen Spalt weit zu öffnen. Im nächsten Moment wurde sie von den Nadelelektroden mehrerer Taser getroffen. Der Wind aus dem Spalt sauste in ihren Ohren, als sie zu Boden sackte. Von da an war ihre obligatorische Gegenwehr nur noch peinlich.

Naskaja wurde zu dem Lagerbereich tief in den Eingeweiden des Schiffs gezerrt. Sie schenkte den Leuten, die ihre Köpfe aus den Türen ihrer Kabinen in den Gang steckten, ein gequältes Lächeln, während ihre Füße über den Metallboden schleiften. In dem kleinen Lagerraum kettete Luca ihre Hände an einem Rohr fest. Krachend fiel die Tür hinter ihnen zu und wurde verriegelt. Naskaja streckte ihre Beine aus und schloss die Augen.
Einige Zeit verging. Die Schmerzen der getroffenen Stellen nahmen ab, während ihre Arme langsam taub wurden. Sie versuchte zu hören, was Tobias gesagt hatte - wie die tausenden kleinen Geräusche, die anzeigten, dass Paranea on Air lebte wie ein einziger riesiger Organismus, ihre Qualität veränderten. War es das lautere Jaulen und Brummen der Motoren, das den Boden und die Wände vibrieren ließ, der seltsame Rhythmus des Generators, der Ton der entfernten Stimmen, oder dieses Sausen und Heulen, das aus dem Himmel herein zu dringen schien? Wenn Paranea ein Mensch wäre, würde Naskaja denken, dass sie Fieber bekam.
Da wurden diese Geräusche von Schritten übertönt und die Tür wurde aufgeschlossen.

Ein ältere Mann und Frau kamen herein. Naskaja erkannte sie als Mitglieder des Rates, der über die Paranea on Air regierte. Hinter ihnen standen Sicherheitsleute und dahinter drängten sich Schaulustige, die Naskaja teils neugierige, teils Abscheu erfüllte Blicke zuwarfen. Sie sahen schnell weg, als Naskaja ihren Blick erwiderte.  
„Naskaja“, sagte die Frau, „Du bist hier nicht mehr willkommen. Du hast uns über deine wahre Identität getäuscht.“
„Das stimmt nicht. Alles, was ich bei meiner Einbürgerung angegeben habe, ist wahr.“
„Du hast vergessen zu sagen, dass du der mörderischsten Einheit des Regimes angehört hast.“
„Danach wurde in dem Formular nicht gefragt. Oder habe ich eine der Fragen zum Ankreuzen übersehen?“
„Ist ja jetzt egal“, sagte der Mann. „Jedenfalls sagen die Stimmen aus dem Sturm, dass sie dich haben wollen. Sonst lassen sie Paranea on Air nicht los.“
„Die 'Stimmen aus dem Sturm'? Ist die Funktechnik jetzt so weit fortgeschritten?“
„Wir diskutieren jetzt nicht darüber, der Rat hat seinen Entschluss gefällt. Du wirst einen Gleiter nehmen und zur Fliegenden Bibliothek fliegen. Wenn du versuchst, woanders hin zu fliegen, schießen wir dich ab.“
„Sie fliegt zur Fliegenden Bibliothek ?“
Alle drehten sich zu einem jungen Mann unter den Schaulustigen. Er wurde rot, sagte aber: „Ich möchte mitkommen.“  
Der Junge war vom Typus Literaturstudent, wenn es noch Literaturstudenten gegeben hätte. Er hatte die schmale Statur eines Menschen, der nie körperlich arbeitete, trug einen selbstgestrickt wirkenden Wollpulli und eine Hornbrille auf der Nase, die mit einem Stück Klebeband geflickt war.
Naskaja lachte. „Willst du mir beim Sterben Gesellschaft leisten?“
„Nein. Dort gibt es ein Buch, das ich für meine Forschung brauche.“

Nach einer kurzen Diskussion mit dem Rat saßen Naskaja und der Junge in einem Gleiter. Der Junge hatte sogar eine Tasche mit Proviant und Taschenlampen holen dürfen. „Ich bin übrigens Daniel“, sagte er.  
Dann wurden sie aus den offenen Toren des Hangars katapultiert. Sofort umheulten Winde den kleinen Gleiter wie kläffende Hunde, die nach seinen Flanken schnappten, und zogen ihn in Richtung des pechschwarzen Wolkengebirges, das sich wenige hundert Meter vor ihnen auftürmte. Naskaja riss das Steuer herum. Mit einem unglücklichen Quietschen drehte sich der Gleiter.
„Was tust du da?“, fragte Daniel.
„Ich rette unsere beider Leben“, knurrte Naskaja, während sie das Steuer so fest umklammerte, dass sich das Muster der Gummigriffe in ihre Handflächen grub, und versuchte, in dem Inferno hinter der Frontscheibe irgendetwas zu erkennen.  
„Dreh sofort wieder um!“
Sie ignorierte ihn. Der Kampf gegen den Sturm verlangte ihre volle Aufmerksamkeit. Der Gleiter wurde wie wild durchgeschüttelt, bis es ihr gelang, ihn auf einen Kurs weg von dem Sturm zu stabilisieren. Immerhin schoss die Paranea nicht auf sie wie angedroht, vielleicht, weil der Junge an Bord war. Da griffen auf einmal Daniels Hände ins Steuer und rissen es herum.
„Hast du sie nicht mehr alle?“
„Wir hatten eine Abmachung!“
Naskaja stieß Daniel zur Seite, er wehrte sich, sie drehte seinen Arm auf den Rücken und presste ihn gegen das Fenster, während sie mit der anderen Hand versuchte, die Kontrolle über das wie wild rotierende Steuer zurückzugewinnen.
Daniel stöhnte laut. „Du tust mir weh!“
„Selber schuld!“
„Naskaja! Willst du wirklich die Bewohner von Paranea im Stich lassen?“
Für einen Sekundenbruchteil löste sich ihr Griff um das Steuer. Die Tentakel des Sturms nutzten die Gelegenheit und zogen den Gleiter unaufhaltsam auf die schwarze Wand zu, die jetzt den ganzen Himmel vor ihnen ausfüllte. Dann durchstießen sie die Wolken. Kurz war der Gleiter von Nacht umgeben, nur durchbrochen von zuckenden Blitzen, die über die Tragflächen und die Fenster des Cockpits glitten. Zwischen dem Knistern und Knacken glaubte Naskaja ein halb menschliches Heulen zu hören. Dann schälten die Lampen des Gleiters die Fliegende Bibliothek aus der Dunkelheit.  Sie stand seitlich zu ihnen, die Hangartüren geöffnet wie ein Maul, das eine leckere Mahlzeit erwartet. Und ohne ihr Zutun warfen die Winde sie hinein.  

Die Stille auf dem Gang hinter dem Hangar war irritierend. Naskaja glaubte noch das Brausen des Sturms in den Ohren zu hören. Die Luft roch muffig und schien mit ungewöhnlichem Gewicht auf ihnen zu lasten. Sie nahm eine der Taschenlampen und drehte an der Kurbel. Das Schnarren des Mechanismus hallte von den Wänden wieder und pflanzte sich, von Echos überlagert, durch die Gänge fort. Schließlich flackerte das blasse Licht auf. Daniel tat es ihr gleich. Die Lichtkegel huschten über die mit einer beigen Tapete verkleideten Wände. Daniel räusperte sich. „Zur Bibliothek müsste es hier lang gehen.“
Dumpf hallten ihre Schritte auf dem Metallboden. Ansonsten war nichts zu hören, außer ihrem eigenen Atem. Sie erreichten den Lesesaal. Die Lichtkegel wanderten über lange Reihen von Regalen und verloren sich im Dunkel.
„Das ist ja verdammt riesig. Wie willst du denn hier ein Buch finden?“
„Die Bücher sind nach einem komplexen System geordnet, wie man an den Markierungen an den Regalen sieht. Zu Das Mädchen mit den Zündhölzern  von Luna Khan müssen wir dort lang.“
Sie wanderten schweigend durch die Regalreihen. Die Stille schien gegen ihr Trommelfell zu drücken.
„Was ist überhaupt so toll an dem Buch?“
„Es ist das tragische Portrait einer jungen Frau, in der dunkle Mächte erwachen, das zugleich einen bezeichnenden Einblick in die Gesellschaft der vierten Republik liefert. Es thematisiert den alten Konflikt zwischen dem Individuum und den Anforderungen des Kollektivs.“
„Wir hatten damals auch ein Buch. Von so einem Philosophen. Unsere Vorgesetzten hielten das für eine moralische Unterstützung.“
„Was waren eigentlich die Homines Sacri   genau?“, fragte Daniel.
„Das war eine Eliteeinheit, die von der Zentralregierung gegründet wurde. Sie hatten das Recht, alles zu tun, was dem allgemeinen Wohl dienen sollte.“
„Das allgemeine Wohl“, murmelte Daniel. „Und wo liegt das Problem?“
„Sie konnten alles tun. Sie standen außerhalb des Gesetzes. Wenn es dem Wohl aller dienen würde, würden sie auch eine schwangere Frau oder ein Kind töten. Und niemand würde sie dafür belangen.“
Sie gingen weiter. Farbige Buchrücken blitzten auf und verschwanden hinter ihnen in der Dunkelheit.
„Die Homines Sacri   haben den Nebel freigesetzt, oder?“
„Ja.“
„Warum haben sie das getan?“
Naskaja überlegte, ob sie Daniel das komplizierte Gewirr von Umständen, Fraktionen und Drohungen erklären sollte, in dessen Kontext dieser Befehl gegeben worden war, und stellte fest, dass sie es selbst nicht mehr aufdröseln konnte.
„Manchmal entwickeln Entscheidungen ihren eigenen Antrieb.“
„Was meinst du?“
„Wenn man A getan hat, scheint es folgerichtig, B zu tun. Und wenn man B nicht tun würde, wäre es ein Eingeständnis, dass A falsch war.“
„Das ist keine Erklärung.“
Sie zuckte die Schultern, ungeachtet, dass Daniel es nicht sehen konnte.
„Und wieso hast du da mit gemacht?“
„Ich war jung und brauchte das Geld.“
„Das ist keine Antwort.“
„Was für eine Antwort willst du denn hören?“
Ein Luftzug streifte Naskajas Wange. Sie hörte etwas wie ein leises Knarren. Wie angewurzelt blieb sie stehen und knipste ihre Lampe aus.
„Mach deine Lampe aus!“ zischte sie.
„Was ist?“
„Da ist irgendwas. Bleib hinter mir!“
Einen Moment lang verharrten sie bewegungslos. Das Knarren blieb gleichmäßig, kam aber nicht näher. An die Regale gedrückt, schlich Naskaja vorwärts.
In der Dunkelheit vor ihnen schien sich etwas noch dunkleres zu bewegen. Sie hielt inne. Dann riss sie die Lampe hoch und schaltete sie ein. Das Licht fiel auf die Beine eines Mannes, die sachte in der Luft hin und her schwangen. Das Licht wanderte an ihm hoch auf ein zerknittertes Hemd, feingliedrige Hände, und einen Hals, um den ein Strick lag, der zur Decke wies. Unter dem Mann befand sich ein umgefallener Stapel Bücher.
„Selbstmord“, stieß Daniel hervor. „Er hat sich das Leben genommen! Wieso?“
„Gut, solange er es selbst getan hat, und wir uns nicht um den Mörder sorgen müssen“, sagte Naskaja. „Wo ist jetzt dein Buch?“
„Hier müsste das richtige Regal sein.“ Seine Stimme zitterte.
„Kahlert, Kant, Kelera... Es ist nicht da.“
„Vielleicht ist es falsch eingeordnet?“
„Es ist nirgendwo in dem Regal.“
„Dann werden wir es nicht finden. Gehen wir zurück zum Gleiter.“
„Und die Stimmen, die dich haben wollten?“
„Die haben wohl ihre Meinung geändert. Komm jetzt.“
„Warte, vielleicht ist das Buch woanders.“
Daniel eilte zur Tür am anderen Ende des Saals. Innerlich fluchend lief Naskaja ihm hinterher. Als sie nach ihm durch die Tür trat, fand sie sich unter freiem Himmel wieder.

Sie stand inmitten der Trümmer eines zerstörten Dorfs. Einige Häuser brannten noch; Rauch schwebte in den wolkenverhangenen Himmel. Sie wurde sich bewusst, dass sie eine mit Matsch und anderem Zeug verdreckte Uniform trug. In der Hand hielt sie eine Maschinenpistole.
„Das ist bloß eine Illusion“, sagte sie laut.
Ein klagendes Geräusch zerriss die Stille, wie das Wimmern eines Tiers. Sie fuhr herum. In den Trümmern zu ihrer Rechten hockte ein blutendes Kind.
„Soll mich das jetzt beeindrucken?“, rief sie in Richtung Himmel.
Die Umgebung löste sich auf und verschwand. Kurz herrschte Dunkelheit. Dann wich sie einem so hellen Licht, dass Naskaja die Augen zukniff. Als sie sie wieder öffnete, stand sie in einem Zimmer. Ihr Blick fiel auf eine Tapete mit einem Blumenmuster, das durch dunkle Flecken verunstaltet war. Ein Fenster mit einer Spitzengardine, zur Hälfte von der Stange gerissen. Die Gardine bewegte sich im Luftstrom, der durch ein großes Loch im Fenster hereinzog. Sonnenlicht fiel herein, in dem Staubteilchen tanzten. Das Licht fiel auf das Doppelbett, neben dem Naskaja stand. Ihre Seite war leer, doch das Laken trug noch den Abdruck ihres Körpers. Auf der anderen Seite lag, mit dem Rücken zu ihr, Lena. Ihr braunes Haar war über das Kissen ausgebreitet. Auf ihrem Rücken zeichneten sich die Wirbel ab wie Perlen an einer Schnur. Im Rhythmus ihres Atems hob und senkte sich ihr Körper. Naskaja betrachtete sie eine Weile. Dann zog sie die Decke über Lena, denn der Luftzug war kalt. Sie wandte sich ab. Auf einem Stuhl lagen ihre und Lenas Uniform und Ausrüstung, und das in Leder gebundene Buch des Philosophen, dessen Botschaft wie ein Gebet in ihrem Kopf widerhallte: Befreie dich von deinen Gefühlen. Handle mit innerer Distanz.
Ein Brummen durchschnitt die Stille. Es war ihr Funkgerät unter dem Kleiderhaufen. Naskaja rührte sich nicht. Hinter ihr stöhnte Lena im Schlaf. Sie nahm das Funkgerät und stieg über Trümmer ins Nebenzimmer, dessen Außenwand fehlte. Ein Sofa und ein Fernseher standen noch da, von zerbröckeltem Schutt bestäubt wie mit Puderzucker.
Die Stimme ihres Befehlshabers klang verzerrt aus dem Handy. „Naskaja, bist du da?“
„Ja.“
„Du bist doch bei Lena, oder?“
„Ja.“
„Es ist jetzt erwiesen, dass sie eine Verräterin ist. Sie muss eliminiert werden.“
Naskaja blickte durch die offene Seite des Zimmers über einen Garten mit grünem Gras und einen blauen Himmel.
„Hast du verstanden?“
„Ja.“
„Du kommst zurecht, oder?“
„Ja.“
Jetzt, nachträglich, begriff sie das eigentliche Wesen der Homines Sacri . Dieses bestand nicht nur darin, dass sie durch kein Gesetz eingeschränkt waren. Sie waren auch durch kein Gesetz geschützt. Sie waren entbehrlich.
Sie ging zurück ins Schlafzimmer und nahm ihre Waffe vom Nachttisch neben dem Bett. Sie entsicherte sie. Dann schob sie sich den Lauf in den Mund und drückte ab.
 
Naskaja fand sich im Dunkeln wieder, zusammengekrümmt auf dem Metallboden, schweißgebadet und von einem Krampf geschüttelt. Sie bekam sich unter Kontrolle. Diese Illusionen mussten vom Nebel verursacht sein, wie auch immer er in diese Höhe gelangt war. Um sich zu schützen, band sie sich ihr Kopftuch vor Nase und Mund. Natürlich dürfte diese Maßnahme höchstens einen Placebo-Effekt haben. Dann suchte sie den Boden nach der Taschenlampe ab. Ihre Finger glitten über den glatten Metallboden, der bereits von einer dünnen Schicht Staub bedeckt war, ohne etwas zu finden.  
„Daniel?“ Stille.
Als sie sich damit abfand, im Dunkeln weiterzugehen, erwachten plötzlich die Lampen an der Decke flackernd zum Leben. Wie eine Welle pflanzte sich der Impuls von Lampe zu Lampe fort, bis der ganze Gang in ihrem kalten Licht erstrahlte. Allerdings war er nur in Bugrichtung erleuchtet, die Richtung zum Hangar mit dem Gleiter versank weiterhin in Dunkelheit.
„Ein Wink mit dem Zaunpfahl, was?“
Die einzige Antwort war das Summen der Lampen wie ein Insektenschwarm. Dann drang aus der Ferne des Gangs ein Wimmern.
„Daniel?“
Naskaja stand auf und folgte dem Geräusch in Richtung Bug. In einem Nebengang sah sie Daniel am Boden kauern, den Kopf zwischen den Knien begraben. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er sah auf. Seine Brille war verrutscht.
„Hey. Was auch immer du gesehen hast, ist nicht real. Das ist bloß eine Halluzination.“
Mit leerem Blick sah Daniel sie an. Dann breitete sich vom Mund beginnend ein Lächeln auf seinem Gesicht aus, wie die Ringe um einen ins Wasser geworfenen Stein. Sein Augen erreichte es nicht. Er stand auf. „Wir müssen das Schiff retten.“
„Wir müssen was?“
„All das Wissen der Menschheit, das sonst verloren ist. Wir müssen das Schiff aus dem Sturm zur Erde steuern, zu einem der nebelfreien Orte.“
„Und den Ort kontaminieren? Hier ist es voller Nebel oder anderem komischen Zeug. Das sollte nicht zur Erde gelangen!“
Doch Daniel hörte ihr nicht zu. Zielstrebig ging ihr in Richtung Führergondel, dahin, wo die so zuvorkommend leuchtenden Lampen wiesen.
„Du weißt nicht mal, wie man ein Luftschiff steuert! Bleib stehen!“
Sie packte ihn am Arm. Er wehrte sich mit unnatürlicher Kraft. Plötzlich sah sie Lena vor sich, das was von ihr übrig war, nachdem sie den Befehl ausgeführt hatte. Eine Sekunde lang lockerte sich ihr Griff. Daniel wand sich heraus, schleuderte sie gegen die Wand und rannte weg.
Durch einen Nebel aus Kopfschmerzen und Halluzinationen kam Naskaja zu sich. Daniel war fort, das Licht war erloschen. Die Hände an der Wand, begann sie sich vorwärts zu schleppen. Wieder sah sie das zerstörte Dorf vor sich, das Haus mit der fehlenden Wand, die Bilder legten sich über die Dunkelheit wie auf eine Leinwand. Da ertasteten ihre Finger einen Türrahmen. Sie klammerte sich daran, an ein Stück der realen Welt, wie ein Bollwerk, das die Flut der Erinnerungen zurückdrängen sollte. Quietschend – und sie war dankbar für das Quietschen, dass die Geräusche in ihrem Kopf übertönte -  schwang die Tür auf. Sie ertastete einen Tisch, und darauf ein Holzbrett, ein Messer. Sie lachte. Sie war in der Kombüse! Hier hielt leichter Überdruck, der wegen der Brandgefahr ein Eindringen von Wasserstoff verhindern sollte, den Nebel fern. Sofort merkte sie, wie sie freier atmete und die Halluzinationen nachließen. Ganz verschwanden die Bilder nicht. Das würden sie nie.
Dann musste es hier auch... Blind durchwühlte sie die Schubladen, bis sie ein Päckchen Streichhölzer fand. Das erste Holz fiel ihr durch die zitternden Finger. Sie ermahnte sich selbst, sich zusammen zu reißen. Das zweite Holz flammte auf. Die winzige Flamme war ihr so willkommen wie das Lächeln eines Freundes. Das flackernde Licht spiegelte sich auf Töpfen und Pfannen und blinkte auf an der Wand hängenden Suppenkellen, Schneebesen und Pfannenwendern. Eine zärtliche Traurigkeit überkam sie beim Anblick dieser Utensilien. Dinge, die dazu gemacht waren, Menschen zu ernähren und zu erfreuen. Kurz gab sie sich dem Gedanken hin, sie hätte sich von Anfang an dem Kochen gewidmet, in einer Welt ohne Krieg und Terror. Doch dieser Luxus dauerte nicht lange. Auf einmal hoben sich ihre Füße kurz vom Boden und ihr Gewicht schien sich zu halbieren. Sie sanken, und das schnell. Daniel musste eine beträchtliche Menge Wasserstoff aus den Gaszellen abgelassen haben.
Naskaja wusste, was sie zu tun hatte. Sie hatte das vertraute Gefühl, dass ihr nur eine Option blieb, dass alle Pfade vor ihr bis auf einen versperrt waren. Dann sollte es so sein. Sie nahm ein Messer und Streichhölzer und verließ die Küche.

„Nur, um eines klar zu stellen“, sagte Miri. „Was auch immer Naskaja war, und was ihr von ihr haltet, sie war eine großartige Köchin. Und ich bin stolz, in ihre Fußstapfen zu treten. So.“ Sie starrte Tobias, den neuen Tellerwäscher und die anderen Köche herausfordernd an. Doch niemand entgegnete etwas. Dann zog sie die weiße Jacke an, die vor ihr Naskaja und eine ganze Dynastie von Köchen auf der Paranea getragen hatten und davor vielleicht noch Köche auf der Erde, vor dem Krieg, in einem edlen Restaurant, wo die Leute hin gingen, um das Leben zu genießen. Sie stellte sich vor, dass das erhabene Wissen all dieser Küchenmeister nun auf sie übergehen würde. Sie knöpfte die kleinen schwarzen Kugelknöpfe zu, krempelte die Ärmel hoch und stellte den Herd an.
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