Transmutation

KurzgeschichteTragödie / P12
01.12.2018
01.12.2018
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Nachdem meine letzten Versuche zu einer stark exothermen Reaktion geführt haben, bei der mein Labor zerstört wurde, werde ich die Sache jetzt ordentlich angehen. Das bedeutet: Ein Keller mit meterdicken Wänden, neue Kolben und Phiolen aus venezianischem Glas und dieses in Leder gebundene Laborbuch, in dem ich eine chronologische Darstellung der wissenschaftlichen Arbeit notieren will.

02.10.1709
Ich versuche es mit Pisse (Harn, lateinisch Urina) als Ausgangsstoff. Die Farbe stimmt, der Geruch weniger. Beim Eintrocknen entsteht ein schwarzer Rückstand, den ich erst langsam, dann bei hoher Temperatur erhitze. Anschließend Destillation. Im Gefäß schlägt sich eine weiße wachsartige Substanz nieder. Wie ich zufällig entdecke, als mal wieder die unzuverlässigen Öllampen verlöschen, leuchtet sie im Dunkeln. Zweifellos interessant, aber nicht, was ich suche.

28.10.1709
Versuche mit Honig, Quecksilber, Schwefel und Arsenik.
Keine nennenswerten Erfolge.

13.11.1709
Ich habe beschlossen, einen Assistenten einzustellen, der mir bei der Arbeit helfen kann. Leider sind die Ehrlichen dumm, während ich den Intelligenten nicht trauen kann.

25.11.1709
Habe endlich eine Assistentin gefunden. Majvor wirkt intelligent und tatkräftig, und zumindest ist mir noch keine offensichtliche Falschheit an ihr aufgefallen. Ihre Haare, hell wie ein Weizenfeld in der Mittagssonne, betrachte ich als gutes Omen.
Ich lasse sie Stoffe im Mörser pulverisieren, Salze umkristallisieren und die Gefäße reinigen. Ihre Finger sind geschickt und kräftig, und sie hat eine ruhige Hand. Eine wichtige Vorraussetzung für einen Alchemisten, da bereits ein paar verschüttete Tropfen der falschen Substanz verheerende Wirkung haben können!

20.12.1709
In Rauch, Qualm und Hitze arbeiten wir vor uns hin. Majvor heizt den Athanor an und betätigt die Blasebalge. Ich sehe, wie der Schweiß über ihre Stirn rinnt. Für eine Frau muss das eine anstrengende Arbeit sein, aber sie beklagt sich nie. Überhaupt spricht sie kaum. Ihrem Namen nach stammt sie aus dem Norden. Ich frage mich, was sie in die Stadt verschlagen hat und warum sie gezwungen ist, so eine Arbeit anzunehmen.

07.01.1710
Majvor lernt schnell. Sie führt die Reinheitsprüfungen der Metalle bereits fast so gut durch wie ich – oder sogar besser. Heute hat sie einen hervorragenden Vorschlag zur Verbesserung der Vitriolherstellung gemacht. Fast erinnert sie mich an mich selbst, wie ich auf der Universität war.

01.02.1710
Ein schlimmer Tag.
Noch vor Sonnenaufgang riss mich dieser elende Geldeintreiber mit seinen Kettenhunden aus dem Schlaf und verlangte das Kapital zurück, das ich mir für die Laborausstattung geliehen hatte. Inklusive unverschämt hohem Zins und Zinseszins. Mit Betteln und Flehen konnte ich den Wucherer noch einmal beschwichtigen, aber wenn ich in einem Monat nicht zahle, wird er mich in den Schuldturm werfen lassen. Was für eine Erniedrigung! Und was wird aus meiner wissenschaftlichen Arbeit? Ich muss einen Weg finden. Innerhalb eines Monats muss die Transmutation gelingen!

11.02.1710
Das Schreckgespenst der Schuldknechtschaft beeinträchtigt meine Arbeit. Meine Bewegungen sind fahrig, meine Hände zittern. Und dann auch noch dieser verfluchte Rauch, der die Augen tränen lässt und das Atmen zur Qual macht. Heute habe ich eine Reagenz mit Schwarzpulver fallen gelassen, was beinahe zur Katastrophe geführt hätte, hätte Majvor sie nicht aufgefangen. Das Mädchen sieht mich auch schon besorgt an, oder gar verächtlich? Sie hat vorgeschlagen, ihr das Experimentieren zu überlassen, falls ich mich nicht wohlfühle! Bin ich schon so alt geworden? Was würden wohl die Kollegen von der Universität denken, wenn sie mich so sehen könnten?

14.02.1710
Alle reden von einem Emporkömmling namens Böttger, dem die Herstellung von Porzellan gelungen ist. Und ich plackere mich hier unten ab, namenlos und vergessen, in diesem Keller eingesperrt wie eine Ratte! Und dann ständig, wie zum Hohn, dieses junge Mädchen vor Augen. Ihr abschätziger Blick. Ihre helle, schweißglänzende Haut. Und ihre Haare, die im Feuerschein leuchten, edler als alles, was ich in der Retorte oder der Serpentine herzustellen vermag. Wieso kann die Natur, zufällig und unbewusst, in der Begegnung irgendeiner Dirne und eines Seemanns etwas erschaffen, woran die Anstrengungen so vieler brillanter Wissenschaftler scheitern?  

17.02.1710
Polizeileute haben auf dem Markt nach einer jungen Dirne gefragt, die ihr in Schande geborenes Kind umgebracht haben und in die Stadt geflohen sein soll. Könnte es sein, dass ... Die heilige Barbara stehe mir bei! Wer so etwas tut, muss eine zutiefst dunkle, schmutzige Seele besitzen. Wie kann denn ein solch unreiner Mensch etwas Reines erschaffen? Im Gegenteil, er wird alles beflecken und mit sich ins Verderben reißen, was er nur anfasst! Ist das der Grund für unseren Misserfolg?

18.02.1710
Ich habe nachgedacht. Was ist das Wesen der Alchemie? Das Unreine zu reinigen, durch Zerstückelung und Verbrennung, jede Verderbtheit und Fäulnis auszumerzen, bis aus den niedersten Stoffen das edelste Metall entsteht. Genau wie auch der Mensch gereinigt werden muss, um Erlösung zu finden.

Ich weiß jetzt, was ich tun muss. Entschlossen ergreife ich ein Messer. Endlich zittern meine Hände nicht mehr. Langsam nähere ich mich der Magd, die nichts ahnend mit dem Rücken zu mir am Labortisch steht. Das Unreine ausmerzen und daraus das Reine erschaffen.
Glasscherben knirschen unter meinen Füßen.
Sie dreht sich um. Sieht das Messer in meinen Händen. Ihre Augen weiten sich. Ich stürze vor, das Messer schwingend -  doch eine Sekunde zu spät. Sie weicht aus und schlägt mit dem Stößel zu. Im Rauch kämpfen wir, schweigend, keuchend. Wieder stoße ich mit dem Messer zu. Sie springt zurück, fegt mit der Hand die Destillations-, Extraktions- und Sublimationsapparaturen vom Tisch, wirft mir einen Kolben mit Königswasser entgegen. Ich ducke mich, der Kolben zerschellt an der Wand, die Säure spritzt schäumend und blubbernd umher. Brennender Schmerz im Rücken, wo mich einige Tropfen treffen. Sie stürzt, den Stößel erhoben, auf mich zu. Wo ist das Messer? Ich muss es fallen gelassen haben. Verfluchte Hand, die mich im Stich lässt! Feuerschein spiegelt sich in ihren Augen. Was ist das für ein Ausdruck auf ihrem Gesicht? Verletzt sieht sie mich an. Dann fällt der Stößel auf mich nieder. Wieder und wieder. Ich liege auf dem Boden. Majvor über mir. Sie weint. Eine warme, leicht viskose Flüssigkeit rinnt mir in die Augen. Rot. Die Rote Tinktur - Die Vereinigung des Begrenzten mit dem Unbegrenzten. Jetzt ist das Große Werk vollbracht.
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