Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Mystery / Die Eine

Die Eine

KurzgeschichteDrama, Mystery / P16
01.12.2018
01.12.2018
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Die Idee zu dieser Geschichte kam mir durch folgendes Gedankenspiel:
"What if everyone actually had only one soul mate, a random person somewhere in the world?"
—Benjamin Staffin

https://what-if.xkcd.com/9/

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Ich hatte den Test lange hinausgezögert. All meine Bekannten machten Ernst, sprachen nur noch in der „Wir“-Form über sich und ihre Einen und huldigten der fröhlichen Selbstaufgabe, während ich immer noch im Alkoholnebel Sex mit Fremden hatte, der mich nicht befriedigte. Einmal bezahlte ich eine professionelle Kuschlerin für ihre Zuwendungen. Als ich mich hinterher noch einsamer fühlte, beschloss ich, es endlich hinter mich zu bringen und begab mich zum nächsten Testzentrum. Der Warteraum war mit gerade Volljährigen gefüllt, die es kaum erwarten konnten, mit vor romantischen Träumen leuchtenden Augen. Einige ältere Leute waren auch da, die peinlich berührt den Blicken auswichen. Wenn man die erste Gelegenheit aus irgendwelchen Gründen verpasst, fällt die Entscheidung zum Test mit zunehmender Zeit immer schwerer, bis es irgendwann wie ein Prinzip aussieht. Und um das Gesicht nicht zu verlieren, behauptet man, dass man den Test tatsächlich aus Prinzip nicht macht. Was es inkonsequent wirken lässt, ihn dann doch zu machen. Während ich in den Zeitschriften blätterte und den Fischen im Aquarium zusah, gingen mir die üblichen Fragen durch den Kopf. Wie mochte die Eine wohl sein? Warum war sie noch nicht zu mir gekommen? Hatte sie den Test auch noch nicht gemacht, und wenn ja, warum? Oder hatte sie ihn gemacht, rührte aber keinen Finger, um Kontakt aufzunehmen? War ich ihr gleichgültig? Lehnte sie das ganze Konzept ab? War sie schlicht faul? War sie krank oder gar tot?
Schließlich wurde ich aufgerufen. Mit einem professionellen Lächeln gab mir die Schwester meine Gesundheitskarte wieder. Immerhin bezahlte die Krankenkasse den Spaß. Im Untersuchungsraum legte ich mich in die Röhre. Ich schloss die Augen, während der Magnet sich mit leisem Surren um mich drehte. Mit einem Kribbeln stellten sich die Härchen auf meinen Armen auf und meine Brust wurde warm, während das Messgerät in meinem Körper nach dem Nachhall jenes Teilchens horchte, das mich im Bauch meiner Mutter gefunden hatte. Jenes Teilchen, dessen Zwilling die Eine berührt hatte, die durch diese Berührung wie durch ein unsichtbares Band mit mir verbunden war.
Eine undefinierbare Zeit verging. Manche Leute berichteten von Verbrennungen, die sie bei der Untersuchung erlitten, andere von seltsamen Halluzinationen. Manche meinten, die Eine selbst dabei gesehen oder ihre Stimme gehört zu haben. Das einzige, was ich nach einiger Zeit spürte, war zunehmender Harndrang. Erleichtert kroch ich wieder aus der Röhre, nachdem der Magnet zur Ausgangsposition zurückgefahren war. Auf der Liege blieb ich sitzen, während die Ärztin mit den Fingern über den Computerbildschirm wischte. „Sie können sich jetzt noch dagegen entscheiden, wenn Sie Ihre Partnerin doch nicht erfahren möchten“, sagte sie. „Dann werden die Daten wieder gelöscht. Also, möchten Sie sie wissen?“
„Wäre ich denn sonst hierher gekommen?“
Sie lächelte. „Das ist eine rein formale Frage, die ich stellen muss. Wenn Sie sie also erfahren wollen, unterschreiben Sie bitte hier.“
Ich unterschrieb.
„Da haben wir sie ja“, sagte sie. „Der Name Ihrer Partnerin ist Daria Kadina.“
Der Kugelschreiber rutschte ab und hinterließ einen Fleck auf dem Papier. Betont ruhig legte ich ihn zur Seite.
„Sie wohnt in... oh.“
Das Lächeln der Ärztin flackerte.
„Ihr Wohnort ist angegeben als Steinberg-Justizvollzugsanstalt. Tja, also so was...“
Sie schaffte es, eine tröstende Miene aufzusetzen.
„Immerhin, wenn ich das sagen darf, sie sieht sehr hübsch aus. Hier ist ein Foto.“ Sie drehte den Bildschirm zu mir. Die Person darauf hatte ich zuletzt im Gerichtssaal gesehen. Und ich hatte eigentlich nicht vorgehabt, ihr noch einmal zu begegnen.

Einige Wochen später flog ich nach Steinberg. Die Entscheidung hatte mich einige Überwindung gekostet, aber letztlich bin ich keine, die vor der Wahrheit davon läuft. Zumindest ziehe ich es vor, mich so zu sehen. Außerdem wurden die Fahrt- und Hotelkosten von der Krankenkasse übernommen, also versuchte ich das ganze als einen Gratis-Urlaub zu betrachten, und Steinberg ist ja auch landschaftlich schön in den Bergen gelegen.
Im Gefängnis wurde ich nach Vorlage der Dokumente, die mir die Ärztin ausgedruckt hatte, in einen kargen Besucherraum geführt. Einige Zeit wartete ich, dann kamen eine Wächterin und Daria herein. Daria sah älter aus, als ich sie in Erinnerung hatte, und wesentlich dünner. Sie trug ein graues T-Shirt, eine ebensolche Hose und Latschen. Ihre Haare waren kurz geschnitten, was sie wie einen gerupften Vogel aussehen ließ. Dennoch war nicht zu übersehen, genauso wie Wolken die Existenz der Sonne nicht verleugnen können, dass sie in der Tat, wie die Ärztin gesagt hatte, hübsch war. Bei ihrem Anblick fühlte ich diesen „Stich“, von dem immer die Rede ist. Hatte ich das schon gespürt, als ich sie zum ersten Mal sah? Doch damals hatte ich nicht auf meine Empfindungen geachtet, und jetzt hinterfragte ich sie bewusst. Eben das machte mich misstrauisch: Fühlte ich dies nur, weil ich erwartete, es zu fühlen?
Als sie mich sah, liefen Emotionen über ihr Gesicht, so schnell, dass sie zu einem Zucken verschmolzen. Dann war sie wieder völlig ausdruckslos. Sie setzte sich auf den Klappstuhl mir gegenüber und legte die mit Handschellen gefesselten Hände in den Schoß.
Ich wartete, ob sie etwas sagen würde, aber sie ließ mir den Vortritt.
„Hallo, Daria.“
„Hallo, Mika“, antwortete sie mit rauer Stimme. Aus der Nähe sah ich feine Linien auf ihrer Stirn und Ringe unter den Augen. Ihre Lippen waren rissig.
„Ich hatte mich schon gefragt, wann du herkommst.“
„Ach, echt? Wieso das denn?“
Hatte sie den Test gemacht? Wusste sie, dass ich ihre Eine war? Und, am wichtigsten: Hatte sie das bereits bei unserer ersten Begegnung gewusst?  
„Damit du mich fertig machen kannst. Du wirst dich um Originalität bemühen müssen, denn das meiste habe ich schon gehört.“
„Machst du Witze? Ich habe besseres zu tun als so was.“
Ich beschloss, sie offen zu fragen. „Hast du schon den Test gemacht?“
Sie zog eine Augenbraue hoch, eine Geste, von der ich vermutete, dass sie sie in langer Übung perfektioniert hatte. „Nein, irgendwie war ich immer zu beschäftigt mit Überleben.“
„Ich habe ihn jetzt gemacht“, sagte ich.
„Herzlichen Glückwunsch.“
Ich hielt inne.
„Und, lass mich raten. Deine Eine ist tot, und irgendwie bin ich schuld daran.“
Ich seufzte. „Also, ich dachte, es könnte dich interessieren, dass der Test dich ergeben hat.“
Sie starrte mich an, für einen Augenblick, soweit ich es einschätzen konnte, ehrlich überrascht. „Ich... ich bin die Eine für dich?“
„Und ich für dich.“
Sie blickte mit einer Emotion, die ich nicht erkennen konnte, auf den Tisch. „Vielleicht hat der Test versagt.“
„Hast du jemals davon gehört, dass er das hat?“
„Wie würde man das mitkriegen?“ Sie klang ehrlich interessiert, wie an einem wissenschaftlichen Problem. „Die Leute würden es bestimmt nicht zugeben, wenn sie nicht das fühlen, was sie sollen. Schließlich könnte es an ihnen liegen. Außerdem werden sie genau das fühlen, was sie erwarten. Placebo-Effekt eben.“
Wie bereits erwähnt, hatte mich die Vorstellung, dass sie die Eine war, nicht gerade mit Begeisterung erfüllt. Aber meine eigenen Gedanken so vorgetragen zu bekommen, gefiel mir auch nicht.
„Du musst es ja wissen, darauf basiert schließlich dein Geschäft“, schnappte ich.
„Janet hat es jedenfalls gefallen. Vielleicht hätte ich es bei dir versuchen sollen, dann wärst du jetzt glücklicher.“
Ich stand auf. „Ich kann auch wieder gehen.“
„Warte.“ Sie klang auf einmal müde. „So war das nicht gemeint.“
„Ich hab mich auch gefragt, ob das ein Irrtum ist. Tja, es gibt einen Weg, das zu testen.“
Ich ging um den Tisch herum zu ihr. Sie sah zu mir hoch.
„Darf ich... dich berühren?“ Zu meinem Ärger spürte ich, wie mir das Blut ins Gesicht schoss.
Sie zog einen Mundwinkel hoch. „Wie süß von dir, zu fragen. Das hat lange keiner mehr gemacht.“
Ich streckte meine Hand aus und strich mit meinen Fingern über ihren nackten Unterarm. Ein Schauer überlief mich. Sämtliche Härchen an meinem Körper stellten sich auf und ich konnte sehen, wie bei ihr dasselbe geschah. Das konnte aber natürlich auch an der Klimaanlage liegen oder an besagtem Placebo-Effekt, sagte ein Teil meines Verstandes, während dem anderen die Worte ausgingen, als ich ihr in die Augen blickte. Langsam, im Widerstreit zweier – vieler – Empfindungen, beugte ich mich zu ihr hinunter, während sie sich mir entgegenstreckte. Ihre Augen huschten über mein Gesicht, schienen zu schwimmen, wie das Spiegelbild des Mondes im Wasser. Dann trafen sich unsere Lippen.
Alles, was über den Kuss der Einen behauptet wird, hatte ich für Geschwätz gehalten, mit dem Autoren Liebesgeschichten füllen, weil ihnen keine Story einfällt. Was soll ich sagen? Alles davon ist wahr. Dieser Kuss, meine Zunge in ihrem Mund, ihre Zunge in meinem, unsere Zähne, die gegeneinander schlugen... Mein Gehirn sprang in einen anderen Modus, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Ich zog sie an mich, fuhr mit den Händen durch ihr kurzes Haar, über die weiche Haut ihrer Wangen, ihres Nackens, ihren Rücken... Ihre gefesselten Hände presste sie gegen meinen Bauch und glitt mit den Fingern unter mein Hemd, sie stöhnte leise.
Da gelang es dem Rest meines Verstandes, wieder die Oberhand zu gewinnen. Ich riss mich los. „Wie kann das sein?“, schrie ich. „Scheiße! Scheiße!“
Schwer atmend blieb ich vor dem Fenster stehen.
„Küsse ich so schlecht?“ Der spöttische Ton setzte sich in ihrer Stimme mit Mühe gegen etwas anderes durch, das ich gar nicht wissen wollte. „Ich bin leider ziemlich außer Übung.“
„Wie kannst du es sein? Ich pack' das nicht.“
„Mika“, sagte sie beruhigend. „Du musst mich deshalb ja nicht heiraten oder so. Du bist zu nichts verpflichtet.“
„Aber du bist die Einzige, die ich jemals lieben kann! Soll ich jetzt den Rest meines Lebens alleine bleiben?“
„Lieben...“ Sie schnaubte. „Wenn man das lieben nennt, was man sich nicht ausgesucht hat. Zur Not legst du dir eine Katze zu.“
Ich sah sie argwöhnisch an. Machte sie sich lustig über mich? Sie lächelte müde.
„Okay. Ich lege mir eine Katze zu“, wiederholte ich sarkastisch. Ich nahm meine Tasche und ging zur Tür. Falls sie noch etwas sagen wollte, nutzte sie die Gelegenheit nicht, und ich widerstand der Versuchung, mich noch einmal umzudrehen.    

Ich suchte Ablenkung bei einem Spaziergang in den Bergen. Eine Seilbahn brachte mich und einige andere Ausflüglerinnen nach oben. Während der Fahrt hielt eine Person die Augen fest geschlossen und umklammerte mit Händen, deren Knöchel weiß anliefen, den Haltegriff. Ihre Partnerin legte ihre Hand, an der der Ehering glänzte, auf ihren Arm, und redete leise auf sie ein.
Endlich erreichten wir die Bergstation und ich begann zu gehen. Schnee knirschte unter meinen Stiefeln. Meine Gedanken kehrten wieder zu Daria zurück. Ihr Anblick in dem Gefängniskittel legte sich über die weiße Einöde. Ungewollt fragte ich mich, unter was für Bedingungen sie im Gefängnis lebte. Diese Frage verwirrte mich in mehr als einer Weise. Ich stellte fest, dass ich gleichzeitig in einem Aufwallen von Zorn wünschte, sie würde misshandelt werden, als auch Mitleid mit ihr empfand. Dann war da noch ein seltsames Gefühl, als würde ein Teil von mir angegriffen. Ich wusste nicht, was von alledem mich mehr verstörte.  
Die Dämmerung brach an und ich machte mich auf den Rückweg. Die untergehende Sonne tauchte die Stadt unter mir in orangenes Licht und blitzte auf den Autos und metallenen Schornsteinen.
Eines musste ich ihr zugute halten: Obwohl eine Verbindung mit mir ihre Situation möglicherweise verbessern würde, hatte sie keinen Versuch gemacht, mich dazu zu überreden. Im Gegenteil, sie hatte mir sogar davon abgeraten. Oder war das bloß ein besonders raffinierter Trick?

Auf dem Rückweg zum Hotel stieg eine abgewrackte Person in die U-Bahn, die eine Taube in der Hand hielt. Die Taube war schwarz und struppig, und die Person kraulte mit dem Zeigefinger das Gefieder unter dem Schnabel und sagte: „Jetzt fahren wir nach Hause.“ Die anderen Passagiere taten so, als würden sie sie nicht sehen. Was war wohl mit dieser Person passiert? War ihre Eine tot? Oder hatte sie es aus irgendeinem Grund verpasst, den Test zu machen, bis die Einsamkeit sie in den Wahnsinn getrieben hatte?
Ich erinnerte mich, wie Janet und ich Witze darüber machten, wie wir einmal enden würden. Wir saßen vor dem Fernseher, aßen Pizza und tranken Bier und sagten: „Ich werde mal eine Katzenlady mit 40 Katzen.“ „Ich fahre um die Welt, mein einziger Gefährte mein Auto.“ Halb war es Spaß, halb Ernst. Schließlich hatten wir alle schon mal Leute gesehen wie die Person mit der Taube, oder die Alte, in deren Kinderwagen eine Porzellanpuppe lag. Janet war eine Romantikerin, die Gedichte aus dem 18. Jahrhundert las und fürchtete, die Realität, die der Test offenbaren würde, würde ihren Träumen nicht standhalten. Ich war eine Individualistin, die sich nicht dem gesellschaftlichen Ideal der monogamen Beziehung unterwerfen wollte. Ich war eine Freiheitsliebende, die sich nicht durch Elementarteilchen an eine Person fesseln lassen wollte. Ich war eine Zynikerin, die nicht an die Liebe glaubte. Je nach dem, wie viel Bier ich gerade intus hatte.
Wir hakten unsere Finger zusammen und schworen uns, dass wir den Test zusammen machen würden, wenn überhaupt.
Umso überraschter war ich, als Janet mir eines Tages beim Spaziergang im Park verkündete, dass sie die Eine gefunden hatte. Sie hatte sich ordentlich frisiert und geschminkt, was sie sonst nie tat, und ihre Augen leuchteten.
„Im Ernst? Und was ist mit unserem Pakt?“
„Keine Sorge, Mika! Ich habe den Test nicht gemacht. Sie ist zu mir gekommen!“ Sie tänzelte ein paar Schritte.
Wenn Janet anfing, vor Freude herumzuhüpfen, musste es etwas Ernstes sein. Darüber sollte ich mich freuen, das wusste ich.
„Wie schön! Wie heißt sie denn?“
„Daria. Ist das nicht ein süßer Name?“
„Komischer Name... Kommt sie nicht von hier?“
„Nein, sie ist aus dem Yantai-Distrikt. Sie ist extra hergeflogen, um mich zu finden!“
Ich blieb stehen. „Janet, ich will ja nichts sagen, aber... Du weißt schon, dass aus Yantai auch Heiratsschwindlerinnen kommen?“
Tatsächlich war das Thema gerade wieder einmal in den Medien, weil eine Politikerin einer rechten Partei über die 'Schnorrerinnen und Betrügerinnen aus dem Dreckslochland' hergezogen und eine Welle der Empörung ausgelöst hatte.
„Was? Daria ist garantiert keine Betrügerin. Sie hat mir die Dokumente vom Test gezeigt!“
„So was kann man doch fälschen.“
„Was soll das jetzt, bist du etwa neidisch?“
„Nein, ich meine nur...“
„Komm doch einfach am Samstag vorbei, dann kannst du Daria persönlich kennenlernen. Sie ist so süß!“
Ich kreuzte also am Samstag bei Janet zu Hause auf. Daria öffnete mir die Tür. Sie trug ein gelbes Sommerkleid und zierliche Sandalen. Ihre Haare waren zu kleinen Zöpfen geflochten. Widerwillig erkannte ich an, dass sie gut aussah. Was ja auch das Kapital einer Heiratsschwindlerin war.
„Hallo Mika“, sagte sie und schenkte mir ein strahlendes Lächeln. „Ich bin Daria.“ Sie streckte mir ihre Hand hin. Es war eine feingliedrige Hand mit schmalen Fingern, deren Nägel türkis lackiert waren. Am Handgelenk baumelte ein Armband mit kleinen silbernen Vögeln. Ob da tatsächlich etwas war, als unsere Hände sich berührten? Wenn ich jetzt darüber nachdenke, meine ich, dass ein Zucken über ihr Gesicht lief, aber ich weiß nur noch, dass ich über ihren kräftigen Händedruck überrascht war, den ich dieser zierlichen Hand nicht zugetraut hatte.
„Freut mich, dich kennenzulernen. Janet hat mir schon viel von dir erzählt.“
„Ich hoffe, nur Gutes.“
Wir gingen auf den kleinen Balkon und setzten uns auf Campingstühle. Auf dem Klapptisch lag eine weiße Decke mit roten Karos, ebenfalls eine Neuerung, die ich von Janet nicht kannte. Ein brauner Kuchen stand darauf. „Den hat Daria nach einem yantaianischen Rezept gebacken“, verkündete Janet mit einem Stolz, als hätte sie selbst das Getreide dafür geerntet. Der Kuchen schmeckte nach einem merkwürdigen Gewürz, vielleicht Kardamom. Ich beschloss, es nicht zu mögen.
Während des Geplauders blieb es mir nicht erspart, den beiden beim Turteln zuzusehen. Und obwohl sie sich verliebt in die Augen sahen und die Sätze der anderen ergänzten, hatte ich den Eindruck, dass etwas fehlte. Es war diese körperliche Vertrautheit, die ich sonst von Paaren kannte. Diese lästige Angewohnheit, der anderen in der Öffentlichkeit mit der Zunge eine professionelle Zahnreinigung zu verpassen oder den Hintern zu massieren, als wollte man demonstrieren, dass man das – exklusive - Recht hatte, diese Person überall anzufassen. Janet und Daria berührten sich nicht. Nur einmal strich Daria Janet wie beiläufig über den Arm, und Janet errötete.
Hinterher fragte ich Janet. „Kann es sein, dass ihr noch nicht miteinander geschlafen habt?“
„Woher... Nein, haben wir nicht. Warum?“
„Es wundert mich bloß.“
„Daria ist religiös, weißt du. Es ist ihr wichtig, bis zur Ehe abzuwarten. Und... irgendwie finde ich das gut.“
„Gut?“
„Ja, ich denke, es zeigt, dass das hier etwas besonderes für sie ist.“ Janet lächelte versonnen. Offenbar war die Gehirnamputation bei ihr erfolgreich gewesen.
„Aber, Janet... Beim Sex würdest du merken, ob sie wirklich die Eine ist!“
Das Lächeln verschwand. „Das schon wieder! Hast du gesehen, was für ein Monster sie ist? War ihr Kuchen etwa vergiftet?“
„Habt ihr euch wenigstens geküsst?“
„Du bist wohl eifersüchtig, weil es bei dir noch nicht geklappt hat! Und weißt du was? So wie du bist, ist das auch kein Wunder!“
„Was soll das heißen?“
„Wenn deine Traumperson morgen vorbei käme, würdest du ihr wohl die Tür vor der Nase zuschlagen. Schließlich könnte sie deine Aura der einsamen Intellektuellen zerstören, die du so mühsam aufgebaut hast!“
Danach verlief unser Gespräch wenig konstruktiv.
Hätte ich mich empathischer verhalten, mich behutsamer ausgedrückt... Vielleicht wäre dann alles anders verlaufen. Vielleicht wäre Janet dann noch am Leben.

Am nächsten Morgen blieb ich lange im Hotelbett liegen. Die einfachen Möbel, die vom vielen Waschen fadenscheinigen Laken, das Bett, in dem schon so viele Menschen geschlafen hatten, allein wie ich, trugen eine Einsamkeit in sich, die mich dazu trieb, den Fernseher anzuschalten.  
Die niedliche Nachrichtensprecherin erzählte etwas über Umweltprobleme, die schon seit den Siebzigern bekannt waren. „Die Wissenschaftlerinnen des Klimainstituts haben in diesem Jahr einen  Rückgang der Kristalle in der Atmosphäre, die verschränkte Teilchen erzeugen, um 5 % beobachtet. Dies ist direkt korreliert mit der um 3,5% erhöhten Rate von Unbewussten.“
Das konnte es gar nicht sein, das war ein populäres Missverständnis. Menschen, die keine verschränkten Teilchen abbekommen, entwickeln ein ganz normales Bewusstsein. Zumindest bis ihnen klar wird, dass es für sie keine Liebe geben wird. Die Folgen kann man erst bei den Kindern sehen, die diese eventuell mit anderen zeugen. Genau wie alle Kinder, die von Personen gezeugt werden, die nicht die Eine für einander sind. Was aber erst eine Generation später auftritt, und daher weniger Nachrichtenwert hat.
„Die Umweltministerin hat ihre Forderung nach verringerten Grenzwerten für die Emission von Treibhausgasen, welche im Verdacht stehen, die Kristalle zu zerstören, bekräftigt. Die Wirtschaftsministerin entgegnete, dadurch würden 100000 Arbeitsplätze gefährdet.“
Ich schaltete den Fernseher wieder aus und drehte mich zur Seite. Lustlos begann ich mit der Nachrichtensprecherin vor Augen zu masturbieren. Dann starrte ich nur noch die Wand an.
Schließlich ging ich nach draußen. Es war ein strahlender Wintertag. Flugzeuge hatten den blauen Himmel mit weißen Kondensstreifen überzogen. In diesen zarten Pinselstrichen vergingen wahrscheinlich gerade hunderte der kostbaren Kristalle, aber was interessierte es mich.
Im Gefängnis wurde ich direkt in Darias Zelle gebracht.
Daria saß auf dem Bett. Als ich hereinkam, zog sie die Augenbrauen hoch. „Doch keine Katze gefunden?“
Ich hielt die Arme vor der Brust verschränkt. „Da es nun mal so ist, habe ich einen Vorschlag. Wir könnten einfach nur körperlich zusammen sein. Aber ohne Gefühle. Sobald du mir was von Liebe erzählst, bin ich weg.“
Sie starrte mich an. „Das nenne ich direkt.“
„Ja oder nein?“
„Ich kann hier nicht gerade über zu viel Abwechslung klagen, also... ok.“ Sie stand auf und zog sich als nächstes ihr T-Shirt über den Kopf. Dann machte sie sich am Verschluss des einfachen grauen BHs zu schaffen.
„Willst du nur so dastehen? Hilf mir mal.“
Was hatte ich erwartet? Ich ging hinter sie und begann an dem Verschluss herumzufummeln. Unter meinen Händen hob und senkte sich ihr Brustkorb, die Rippen zeichneten sich deutlich unter der Haut ab. Der BH fiel zu Boden. Von plötzlicher Scheu ergriffen, blieb ich hinter ihr stehen. Vorsichtig begann ich mit zwei Fingern, über ihren Rücken zu streichen. Daria erstarrte. Dann drehte sie sich abrupt um, wobei sie meine Hände beiseite stieß. Sie begann, die Knöpfe meiner Bluse zu öffnen, wobei sie mir in die Augen starrte, bis ich weg sah, und stattdessen die Bewegungen ihrer dünnen Finger beobachtete, die eine kaum unterdrückte Wut atmeten. Ich zog meinen BH selbst aus. Dann riss sie mich an sich und stieß ihre Zunge in meinen Mund. Es war weniger ein Kuss als eine Kriegserklärung. Ich spürte, wie in mir ebenfalls Wut aufstieg, die dort schon länger brodelte, wie unterirdisches Magma. Ich zog ihre Jogginghose herunter. Was dann geschah, war so primitiv und von Zorn erfüllt wie ein Vulkanausbruch, und ließ uns beide völlig ausgelaugt zurück. Schwer atmend lagen wir auf dem zerknüllten Laken. Ich betrachtete Darias schweißbenetztes Gesicht, ihre leicht geöffneten Lippen, ihre wie die Flügel eines erschöpften Vogels flatternden Lider, durch die die Neonlampe zitternde Schatten auf ihre geröteten Wangen warf. Ein ungewohnter Impuls führte meine Hand dazu, ihre Wange zu streicheln. Daria erstarrte und presste die Lippen zusammen. Dann drehte sie sich zur Wand. „Du kannst gehen.“
Ich blinzelte. Hatte sie mich gerade weggeschickt wie ein Dienstmädchen?
Ohne noch etwas zu sagen, zog ich mich wieder an und ging.  
Als ich Daria am nächsten Tag wider besseres Wissen noch einmal besuchen wollte – schließlich musste ich den bezahlten Aufenthalt nutzen – wollte sie mich nicht sehen.
Die Wächterin machte eine entschuldigende Mine. „Soll ich sie trotzdem holen?“
„Nein, das muss nicht sein.“

Als sich das Flugzeug beim Rückflug in die Kurve legte, erhaschte ich einen Blick auf das Gefängnis, das aus dieser Höhe wie ein kompakter grauer Kasten aussah, von Mauern mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Dahinter zog sich die Gebirgskette, die uns von Yantai-Distrikt trennte. Wie es für sie wohl war, so von ihrer Heimat getrennt zu sein?
Nein. Ich wollte nicht mehr an sie denken.
Die nächste Woche verbrachte ich damit, die liegen gebliebene Arbeit aufzuholen. Mehrmals schweiften meine Gedanken zurück, wie ein Hund, der an der Leine zerrt, um einem interessanten Geruch zu folgen. Meine Haut erinnerte sich noch zu gut an ihre Berührungen.
Am Wochenende wählte ich die Nummer des Gefängnisses für Angehörige. Ich kam mir vor wie eine Drogensüchtige, die im vollen Bewusstsein nach dem Stoff greift.
Nachdem ich verbunden wurde, herrschte zunächst eine lange, nur vom Rauschen in der Leitung untermalte Stille. Dann erschien wie ein Phantom ihre raue Stimme. „Ja?“
„Was zur Hölle ist dein Problem?“
„Du denkst, ich sei ein Objekt, das du benutzen kannst. Du solltest besser eine Unbewusste nehmen!“
„Was wäre dir denn lieber?“
Rauschen.
„Was kannst du überhaupt erwarten, nach allem, was du getan hast?“
„Was ich getan habe? Richtig, darüber weißt du ja soo gut Bescheid.“ Ihre Stimme ätzte wie Säure.
„Ja, allerdings. Du hast Janet betrogen, zu einer Hochzeit verführt und dann umgebracht, um ans Erbe zu kommen.“
Mit einem Klacken legte sie auf.

Einige Zeit später besuchte ich Janets Eltern, die ich noch aus den Zeiten unserer Freundschaft kannte. Wir saßen im Wohnzimmer, tranken Kaffee und aßen Pflaumenkuchen mit Sahne, den Janets erste Mutter gebacken hatte. Das war ein guter Kuchen ohne Gewürze, die nicht hineingehörten.
„Was habt ihr eigentlich von Janets Hochzeit gehalten?“, fragte ich.
„Wir hätten uns etwas anderes für sie gewünscht. Aber sie war glücklich. Das ist das wichtigste.“
„Glücklich? Nur, weil diese Betrügerin sie reingelegt hat. Wie schafft ihr es, diesen Gedanken auszuhalten?“
Janets zweite Mutter seufzte. „Es fällt mir auch schwer. Aber dieses Mädchen stammte aus einem armen Land. Wahrscheinlich hoffte sie, ihre Familie unterstützen zu können.“
„Sie hat Janet eiskalt hinters Licht geführt, dafür gibt es keine Entschuldigung.“
„Aber Janet wusste es. Sie hat den Test gemacht.“
„Was?“
„Wir haben die Dokumente in ihren Unterlagen gefunden. Einige Wochen vor der Hochzeit hat sie den Test gemacht. Sie wusste, dass Daria nicht die Eine ist.“
„Das kann nicht sein!“
„Warte, ich hole das Papier.“
Das Datum war eindeutig vier Wochen vor der Hochzeit. Daraus ging hervor, dass Janets Eine eine Person namens Lilli Elsen war. Ich fotografierte Adresse und Telefonnummer.

Lilli Elsen besaß mindestens fünf Katzen, die um uns herum durch das Zimmer turnten. Sie hatte lockige Haare und eine Menge Sommersprossen – die Art von Mädchen, die Janet süß fand. Janets Eltern hatten sie bereits über Janets Tod unterrichtet. Traurig, aber gefasst sah sie mich an.
„Wie war es, als ihr euch kennengelernt habt?“, fragte ich.
„Janet war sehr nett. Sie hat sofort meine Katzen gestreichelt. Und sie mochte auch Gedichte, wie ich!“
„Und trotzdem wollte sie nicht mit dir zusammen sein?“
„Sie hat gesagt, dass sie eine andere liebt. Sie wäre aber bereit, sich auch mit mir zu treffen, damit ich nicht einsam bin. Aber ich habe gesagt, dass mir das nicht reicht. Ganz oder gar nicht. Dann haben wir uns einvernehmlich getrennt.“
„Aber wie kann sie eine lieben, die nicht die Eine ist?“
„'Es ist, was es ist, sagt die Liebe'“, meinte Lilli und blickte in die Ferne. „Ich wünschte, ich würde auch so eine Liebe erleben.“
Romantiker und ihre Träume.

Zu Hause sah ich eine Nachricht auf dem AB, es war die Nummer des Gefängnisses.
„Hallo, hier ist Daria.“ Ihre Stimme klang ungewohnt freundlich. „Tut mir Leid, dass ich so abweisend war. Möchtest du mich vielleicht noch mal besuchen?“
Ich hielt genau zwei Tage durch, mir einzureden, dass ich sie nicht besuchen würde. Dann reichte ich Urlaub ein und buchte den Flug.
Die Person, die mich in ihrer Zelle erwartete, erinnerte an die Daria, die ich bei Janet kennengelernt hatte. Sie lächelte mich an. „Ich bin froh, dass du gekommen bist. Ich hätte verstanden, wenn du es nicht getan hättest.“
„Was willst du? Du bist nur nett, wenn du etwas von einem willst.“
Schmerz huschte über ihr Gesicht. „Ich habe nachgedacht. Es muss wirklich schwer für dich sein, alles, was passiert ist. Aber ich schwöre dir, dass ich Janet nicht schaden wollte. Nie.“
„Ist das alles, was du sagen wolltest?“
„Nein...“ Sie ging einen Schritt auf mich zu. „Ich bin so allein hier.“ Sie berührte einen meiner verschränkten Arme. Ich sah in ihre Augen, und das war ein Fehler. Mit aller Klarheit fiel mir auf, was für schöne Augen sie hatte, mandelförmig, die Iris von einem warmen Braun. Bernsteinfarben. Und wie sie ihren Blick modulieren konnte. Wie sie fragend, herausfordernd, zärtlich, traurig, lüstern und entschuldigend zugleich blicken konnte. Ich wusste, was geschah, und doch löste ich meine Arme. Sie nahm mich bei der Hand und führte mich zum Bett, auf das wir uns setzten. Sie streichelte meine Hände ausgiebig, verflocht ihre Finger mit meinen, fasste meine Hand mal leicht, mal packte sie sie fest, wanderte meinen Arm bis hinauf zu der Stelle in der Ellbeuge, an der einem Blut abgenommen wird, und wieder hinunter, führte meine Hand zu ihrem Mund und küsste sie. Auch ich erkundete ihre Hände. Die Ballen an den Fingeransätzen, die Furchen im Handteller, die Knochen darunter, die zarten Häutchen zwischen den Fingern. Noch nie hatte ich die Struktur und Anatomie einer Hand so genau gefühlt.
Dann schloss sie die Augen und beugte sich vor, um mich zu küssen.
Ich habe mich schon öfter gefragt, warum die Leute beim Kuss die Augen schließen. Ob sie den Anblick dessen, was das Schicksal ihnen beschert hat, nicht ertragen können, nach dem Motto „Augen zu und durch“? Oder ob sie den Anblick der schlafenden Schönheit heraufbeschwören wollen, wie er auf klassischen Gemälden zu sehen ist, unschuldig, in ihrer Traumwelt versunken? Wollen sie dadurch der anderen die Verantwortung zuschieben?
Im Moment, bevor unsere Lippen sich trafen, öffnete sie die Augen wieder und sah mich an. Meine Augen konnten auf diese Nähe nicht fokussieren und so sah ich zwei verschwommene, überlagerte Bilder von ihr, deren Ausdruck ich nicht genau feststellen konnte. Ich bildete mir ein, dass beide einen leicht unterschiedlichen Ausdruck zeigten. Dann küssten wir uns, und ich war nur noch eine Holzplanke im Mahlstrom, ein Tropfen im Ozean, ein Zuckerwürfel im Kaffee.
Später, als wir uns ausruhten, schmiegte sie sich an mich, den Kopf auf meine Brust gelegt, und streichelte meinen Bauch. Ich fuhr sanft durch ihre Haare, die ein wenig gewachsen waren und begannen, sich zu kräuseln. Wahrscheinlich würden sie aufgrund irgendwelcher Vorschriften wieder abgeschnitten, bevor die Locken voll zum Vorschein kämen. Der Gedanke bewirkte ein Gefühl von Traurigkeit. Ich betrachtete die leise flackernde Neonlampe an der Decke, die Risse, die sich durch den Verputz zogen, die übermalten Schimmelflecken in der Zimmerecke. Ich kämpfte gegen den Gedanken an, dass ich einen Teil von mir an diesem Ort zurücklassen würde.

In der folgenden Zeit besuchte ich sie öfter. Die Gassen von Steinberg und die Gänge des Gefängnisses wurden wie alte Bekannte, und ich kannte die Wächterinnen beim Namen und plauderte mit ihnen. Unsere Treffen waren eine fragile, auf Schweigen gebaute Existenz. Ich beschloss nicht zu fragen, was damals mit Janet vorgefallen war, und nicht zu denken, dass ich Janet verraten würde. Ich stellte mir vor, dass beide in separaten Teilen meines Gedächtnisses existieren könnten.
Es wurde Sommer und alles blühte. Ich ging im Park spazieren und stellte mir vor, sie wäre bei mir. In Gedanken wies ich sie auf die Enten im Teich und die Eichhörnchen in den Bäumen hin, und mit glänzenden Augen würde sie sich heranschleichen, vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken. Eine Person fiel mir auf, die auf einem halb zugewachsenen Weg stand, eine Hand ausgestreckt, als würde sie eine Gabe des Himmels erwarten, still wie eine Statue. Im Näherkommen erkannte ich, dass Nüsse und Kerne auf ihrer Hand lagen. Und dann kam tatsächlich ein Vogel, eine Blaumeise, angeflogen und setzte sich auf ihre Hand, pickte ein, zwei mal, und flatterte wieder davon zum nächsten Gebüsch. Wie sich die Berührung ihrer Krallen wohl angefühlt hatte? Die Person bemerkte mein Interesse und nickte mir zu. „Das funktioniert nur in der Nähe eines Gebüschs“, sagte sie. „Dann wissen die Vögel, dass sie fliehen können.“

Wieder einmal lagen wir zusammen im Bett. Wie ein kleiner Vogel flatterte ihre Stimme in die stickige, feuchte Luft. „Was ist dein Traum für die Zukunft?“
„Ich weiß nicht... Soweit kann ich nicht denken.“
Sie drehte den Kopf und lächelte mich an, als würde sie mir die Antwort nicht abnehmen.
Ich wusste, dass eine Gegenfrage angemessen wäre. Aber sie zu fragen, was ihr Traum war, wäre ziemlich zynisch gewesen. Ich schwieg also. Sie strich über meinen Bauch.
„Möchtest du... möchtest du einmal Kinder haben?“
„Ich weiß nicht. Das kann ich mir schwer vorstellen. Es wäre ohnehin utopisch.“
„Ja... ich habe mir immer Kinder gewünscht. Aber so geht das natürlich nicht.“ Die Traurigkeit in ihren Augen schnürte mir den Hals zusammen. Ich schwieg.
„Vielleicht... wenn du ein gutes Wort für mich einlegen könntest...“
In diesem Moment kamen mir die Vögel in den Sinn, die durch die stille Beharrlichkeit der Person mit dem Futter aus dem Gebüsch gelockt wurden.
„Aha. Darum geht es also.“
Ich setzte mich auf, was sie zwang, beiseite zu rutschen.
„Deshalb bist du nett zu mir gewesen.“
Sie starrte mich an. „Was meinst du?“
„Und ich bin darauf reingefallen.“ Ich schüttelte den Kopf. „Dabei hätte es mir von Anfang an klar sein sollen.“
„Wovon redest du, Mika?“
„Du hast mich manipuliert, damit ich mich für dich einsetze. So ist das.“
Sie packte meine Hand und holte bestürzt Luft. „So ist das nicht! Mika, du musst wissen...“
Ich riss mich los. „Fass mich nicht an!“ Ich sprang auf, zog meine Kleidung an.
Dann ging ich.

Einige Zeit lief ich herum wie ein Sturm. Am meisten ärgerte ich mich über mich selbst, über meine Dummheit. Die Pflanzen, die Vögel, die Händchen haltenden Pärchen, alles war mir zuwider. Sie waren nichts gegen die blühenden Landschaften des Zynismus in mir, in die ich zurückkehrte, um sie zu kultivieren.
Dann erhielt ich einen Anruf. Am Telefon war eine Ärztin aus dem Gefängniskrankenhaus. „Daria Kadina... ihre Partnerin... sie ist schwanger.“
„Wie kann das sein? Wir haben doch verhütet?“
„Das kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie ist im 9. Monat, die Geburt steht kurz bevor.“
Im 9. Monat – das war unser erstes Mal, das mehr aus Wut bestanden hatte als aus allem anderen.
„Also, sie ist jetzt im Krankenhaus, falls Sie sie besuchen wollen.“
Zwei Tage später – ich hatte mich gerade zu dem Besuch durchgerungen - wurde mir von einer höhergestellten Beamten mitgeteilt, dass Daria mit ihrem Baby aus dem Krankenhaus ausgebrochen war.

Ich trug eine wasserfeste Jacke, einen Rucksack und Wanderschuhe und sah aus dem Fenster der Seilbahn. Unter mir zogen dunkle Tannen vorbei und gaben schließlich den grauen Fels preis.
„Und Sie sind sicher, dass sie mit Ihnen gefahren ist?“
„Hundertpro. So ein hübsches Gesicht fällt mir auf“, sagte die Person, die die Seilbahn bediente, und zwinkerte mir zu.
„Und sie hatte ein Baby dabei?“
„Ja, in einem Tragetuch vor der Brust. Aber es war sehr still.“
„Und wohin ist sie dann gegangen?“
Wir hatten angehalten und die anderen Passagiere drängten sich an uns vorbei. Die Seilbahnfahrerin kratzte den Kopf und sah sich um. „Sie hat wohl den diesen Pfad genommen.“ Sie wies mit der Hand zum Wegweiser.
„Danke.“
In welchem Zustand der Geistesverwirrung kam man auf die Idee, auf eigene Faust, noch dazu mit einem neugeborenen Baby, die Berge zu durchqueren? Gewiss, sie waren das einzige Hindernis zwischen uns und Darias Heimat – aber fünfzig Kilometer Gestein können ein sehr effektives Hindernis sein.
Nach einigen Stunden hatte ich die anderen Wanderinnen hinter mir gelassen. Der Schotterweg wurde zu einem Trampelpfad, zu schmal, um mit beiden Füßen darauf zu stehen. Er schlängelte sich durch dürres Gras und verstreutes Geröll. Die rauen Formen der Berggipfel, die sich am Horizont erhoben, das wogende Meer aus Wolken darüber und die Stille, die nur vom Wind untermalt wurde – nichts davon würde einer Flüchtenden ein Refugium bieten. Wo war sie? Ich kam mir vor wie das einzige lebende Wesen überhaupt, mein Herz in meiner Brust das einzige, was sich bewegte.
An einer Wegkreuzung ließ ich mich auf einen Stein nieder und holte Brot aus dem Rucksack. Hatte sie jetzt auch etwas zu essen? Ich hatte erfahren, dass Daria Essen und Dinge für das Baby in der Stadt gestohlen hatte, mit dem sie wohl einige Tage auskommen konnte.
Ich ließ den Blick über die Schlangenlinie des Pfads schweifen, der sich zwischen Felsen verlor. Natürlich war er nicht der einzige Pfad hier. In den letzten Stunden war ich an einigen Abzweigungen vorbeigekommen und hatte auf gut Glück entschieden. Was bedeutete, dass sie überall sein konnte. Mein Blick schweifte weiter zu den zerklüfteten Bergketten. Der Wind blies mir die Haare ins Gesicht, die ich genervt beiseite wischte, und langsam wurde mir kalt. Ich sollte zurückkehren und die Suche der Polizei überlassen, die allerdings wenig Enthusiasmus an den Tag gelegt hatte.
Wenn doch an den alten Legenden etwas dran wäre... Vor hundert Jahren wurde der Test eingeführt, davor gab es mehr oder weniger primitive Vorläufer: Im 19. Jahrhundert verglich man Blutwerte und Sternzeichen, im 18. Jahrhundert waren Sitzungen mit Medien oder Wahrsagern beliebt, dazu gab es Veranstaltungen, auf denen die Heiratswilligen sich reihum küssten, um die Eine zu finden, und davor... Irgendwann, in den Tagen vor Wissenschaft, Zivilisation oder Quacksalberei, war es angeblich möglich gewesen, die Eine zu spüren. Wie der Magnetsinn bei den Vögeln hatten auch wir Menschen angeblich einen Sinn dafür gehabt, der aber längst verkümmert war.
Ich kam mir albern vor, als ich jetzt die Augen schloss, und versuchte, was auch immer zu spüren. Schließlich war ich nie besonders sensibel gewesen. Die Gänsehaut, die ich bekam, stammte wohl eher von der Kälte, die durch meine Jacke kroch, und das Sausen in meinen Ohren vom Wind. Dennoch stellte ich mir eine Kompassnadel in meinem Inneren vor, die zitternd um ihre Aufhängung torkelte. Ich imaginierte die unsichtbaren Feldlinien, die die Nadel leiten sollten, und beschwor sie, sich auszurichten.  
Dann öffnete ich die Augen und betrachtete die Kreuzung. Ein Gefühl – ein zitterndes, federzart in der Luft schwebendes Ding – schien den einen Pfad vorzuziehen. Es war Einbildung par excellence, aber besser als nichts.
Von dieser Heuristik ließ ich mich leiten, über harte Steine und weiches Moos, bröckelnde Erde und rutschendes Geröll, an einem winzigen Teich vorbei, in dem ich mir die Füße kühlte, entlang eines Abgrunds, der mich zwang, die Hände zu benutzen, und weiter.
Es wurde Abend und ich sollte umkehren, um nicht im Dunkeln zurück zu müssen. Dennoch ging ich weiter. Ich hatte den Zustand erreicht, in dem meine Beine sich wie ein Uhrwerk bewegten und stehen zu bleiben schwieriger schien als zu gehen.
Dann erreichte ich die Höhle.
Ich bog um eine Erhebung und auf einmal war da diese Öffnung im Fels, mehrere Meter breit und hoch, und erschien dieser imaginären Kompassnadel einladend wie der Nordpol selbst. Es war ja auch der einzige Ort weit und breit, in dem man Schutz finden konnte. Ich betrat sie. Glücklicherweise hatte ich eine Taschenlampe eingesteckt, zwar klein, aber besser als nichts. Ihr blasses Licht fiel auf den Geröll bedeckten Boden, huschte über die gefurchten Wände und verlor sich in den Schatten. Die Decke besaß keine schönen Stalaktiten, sondern wirre, mäandernde, zerfaserte Strukturen in verschiedenen Brauntönen, halb erstarrte, zähflüssige Tropfen und Schlieren. Es sah aus wie auf Fotos aus dem Inneren menschlicher Organe. Die Luft war kühl und feucht. Meine Stiefel knirschten auf Kieseln und machten ein schmatzendes Geräusch, wenn sie in nassen Matsch traten und sich wieder lösten. Irgendwo tropfte Wasser.
Nach einigen Metern drehte ich mich um und blickte zum Eingang. Der Boden fiel stetig ab, sodass der Eingang leicht erhöht lag und von dem Gewölbe halb verdeckt wurde. Der Anblick prägte sich mir ein. Dann ging ich weiter in die Tiefe. Es wurde stetig dunkler. Ich konnte nur noch sehen, was der Kegel meiner Taschenlampe aus der Dunkelheit riss.
Der Boden stieg jetzt wieder an, feucht und glitschig, Steine rutschten unter meinen Füßen weg. Ich sah mich selbst vor mir, wie ich hinfallen, mir ein Bein brechen und in diesem Loch liegen bleiben würde, während sich die Batterien der Lampe unaufhaltsam entleerten. Was war es, das mich trotzdem weiter trieb? Weiter in die Finsternis hinein, die sich bis ins Erdinnere ziehen mochte? In diesen Momenten, während mein eigenes Keuchen von den Wänden widerhallte und das Gewicht ungezählter Tonnen Gestein über mir lastete, versuchte ich, die Wut herauf zu beschwören, die seit damals in mir geschwelt hatte.
Ich erinnerte mich an die Beerdigung. Die Gerüchteküche war bereits am Brodeln, Janets Verwandte warfen einander Blicke zu und tuschelten miteinander, während wie ein Fremdkörper die Ausländerin zwischen ihnen saß, die sich Zugang in ihre Familie verschafft hatte. Zusammengesunken hockte sie in der Kirchenbank, in einem schwarzen Mantel begraben, wie ein Kind in der Kleidung seiner Mutter, und starrte auf ihre Hände, die zusammengepresst in ihrem Schoß lagen. Alles nur Show, dachte ich damals, sicher plante sie bereits in dem Moment, was sie mit dem Geld anfangen würde. Dann gingen wir über den Friedhof, der Herbstwind zerrte an ihrem Mantel, sie bewegte sich aufrecht und steif wie eine Puppe, eine Lücke zwischen ihr und den anderen. Es begann zu regnen. Als sie Erde ins Grab warf, konnte ich einen Blick auf ihr Gesicht werfen. Die Lippen waren zusammengepresst, der Blick starr, auf den blassen Wangen glänzte etwas, das ich für Regentropfen hielt. Ich verbot mir jeden Gedanken daran, dass es etwas anderes sein könnte. Einen Tag später formulierte ich die Anzeige.
Als ich mir ihr Gesicht jetzt wieder vor Augen rief, bemerkte ich, dass die Wut verschwunden war.

Dann öffnete sich der Tunnel in einen größeren Raum, und der über den Boden zitternde Lichtkreis fiel auf ein Paar schlammverkrustete Schuhe. Sie saß auf einem Stein, das Baby im Arm, und sah mich an. Ihre Augen blinzelten ins Licht, und mit einer Bewegung, die mir einen Stich versetzte, presste sie das Baby enger an sich. Es war in eine Decke gehüllt, aus der nur der von dunklem Flaum bedeckte Hinterkopf und ein pummliges Händchen hervorragten, dass auf ihrer Brust lag.  
Ich schluckte.
„Ist das mein Kind?“, fragte ich schließlich.
Sie schwieg.
„Du hast es gewusst, oder? Das war, als du mich noch mal angerufen hast. Ich dachte, du wolltest mich manipulieren, damit ich dir helfe. Aber in Wirklichkeit wolltest du dem Kind helfen, oder?“ Ich kam mir dumm und gleichzeitig froh vor, als ich das jetzt verstand.
„Unserem Kind.“ Ich ging einen Schritt auf sie zu. Aber Daria rutschte auf ihrem Stein von mir weg. Ich blieb stehen und breitete die Arme aus. „Hey, Es... es tut mir Leid. Was ich zu dir gesagt habe. Vielleicht... können wir noch mal von vorne anfangen?“
Ich versuchte, zu lächeln. Ich sah, wie auch ihre Lippen sich zu einem zögerlichen Lächeln verzogen, doch in ihren Augen blieb etwas anderes. Da rührte sich das Baby und drehte mir den Kopf zu. Seine Augen waren so flach und leer wie im Wasser glatt geschliffene Kiesel. Es war Unbewusst.
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