Counting on you

GeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
01.12.2018
09.12.2018
9
23264
1
Alle
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
Mir war nie bewusst wie sehr ein einzelner Mensch einen beeinflussen kann, bevor ich ihn kennenlernte. Diesen Mann, der meine Welt einnahm, mich im tiefsten Inneren erschütterte und doch das fehlende Puzzleteil zu meinem Ganzen war. Ezekiel Fries war nie ein kommunikativer Mensch gewesen, vielleicht hatte ich ihn deshalb nicht wahrgenommen. Vielleicht wollte ich aber bloß nicht wahrhaben, dass dieser junge Mann mich magisch anzog, obwohl er mich mit jedem Wort – wenn denn mal eins über seine Lippen kam – abwies, beleidigte und verletzte. Bis zu diesem Tag.

Unsere Klasse hatte einen Ausflug zum nahegelegenen See geplant, alle waren erhitzt und aufgeregt, weil es seit ein paar Tagen wirklich kalt war und die Hoffnung bestand, dass der See zugefroren wäre. War er auch. Als wir ankamen, leuchteten die Augen, Begeisterung sprühte Funken, doch einer blieb mit grimmiger Miene am Ufer stehen, beäugte die anderen Jugendlichen, die unbeschwert über das dünne Eis schlitterten, skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust. Zeke, wer sonst. Sonst hatte ich mich nie wirklich mit ihm auseinander gesetzt. Er existierte eben, machte seine bissigen Sprüche und warf mir von Zeit zu Zeit ein spöttisches Grinsen zu. Nicht mehr und nicht weniger. Aber in dem Moment, da ich das Eis betrat und mich noch einmal über die Schulter nach ihm umsah, hob er den Blick und unsere Augen trafen sich. Nicht, dass ich vom Blitz getroffen worden wäre oder plötzlich die Welt farbenfroher gewesen wäre oder so, nein, aber der Ausdruck in seinen Augen, der Blick, dem ich nicht standhalten konnte. Er erinnerte mich an mich selbst, irgendwie. Für Sekunden hatte ich Schmerz, Einsamkeit und einen Hauch von Angst erblicken können, der mich dazu veranlasste auf Zeke zuzugehen, ihm meine Hand zu reichen.

„Na komm, du musst auch mit aufs Eis!“

Er wandte den Blick ab, sein ganzer Körper wirkte steif. Ich rang mir ein Lächeln ab.

„Oder hast du etwa Angst?“

Es war, als würde das Leben in ihn zurückkehren. Wenn Zeke eines nicht leiden konnte, dann Niederlagen. Schwäche zuzugeben lag ihm einfach nicht im Blut. Also sah er mich finster an, presste die Lippen aufeinander und schüttelte in einer minimalen Geste den Kopf. Das Grün seiner Augen verpasste mir eine Gänsehaut. Sie funkelten vor Zorn und doch waren sie wunderschön. Im Anflug des Wahnsinns griff ich also einfach nach seinen verschränkten Armen und bewegte mich langsam rückwärts, das Lächeln wackelig, weil ich hier so überhaupt nicht wusste, was ich tat. Doch er ließ es zu und ein paar Minuten später standen wir einander auf dem zugefrorenen See gegenüber.

Mein Grinsen wurde breiter, sicherer und ich drückte leicht seinen Unterarm.

„Na siehst du, Miesepeter. Geht doch!“

Er schnaubte abfällig, rutschte dann aber unsicher mit den Füßen über das Eis, betrachtete die Schicht unter sich abschätzend. Als würde er erwarten, dass es bräche.

Ich duckte mich leicht, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Dabei kam ich ihm recht nahe und spürte augenblicklich wie er zurückzuckte, Abstand zwischen uns brachte und hektisch über das dünne Eis schlitterte. Beinahe wäre er über seine eigenen Füße gestolpert, Panik in den Augen, doch ich griff nach ihm, bekam seine Hände zu fassen und zog ihn wieder auf die Füße, nah an mich. Bildete ich mir das ein, oder schlug sein Herz viel zu schnell für das bisschen Aufregung, was er eben gehabt hatte?

Ich hielt ihn nicht auf, als er sich langsam wieder zurückzog und ein Räuspern meine Aufmerksamkeit auf sich zog.

„…Danke.“

Ich lächelte leicht und legte den Kopf schief. In diesem Augenblick war es mir plötzlich egal, wie viele Menschen um uns herum standen, wer auf dieser großen weiten Welt existierte und wer nicht. Es machte einfach keinen Unterschied, alles, was ich wahrnahm, war er. Seine Präsenz, die Emotionslosigkeit, die er so mühsam aufrecht erhielt, der Anflug von Angst in seiner angespannten Haltung.

Sollte ich ihn darauf ansprechen? Ich tat es.

„Warum wolltest du nicht aufs Eis?“

Er schüttelte sanft den Kopf, zog die Arme an den Körper, verflocht sie ineinander, doch diesmal glich es weniger einer abwehrenden Geste als dem Versuch sich selbst zusammenzuhalten.

Ich nickte.

„Okay, du musst nicht reden. Aber bleib hier, bei mir, ja?“

Grüne Augen durchbohrten mich, suchten in meinem Blick nach irgendetwas, gaben mich nicht frei. Mit einem langgezogenen Seufzen ließ er die Arme sinken und senkte den Kopf. Bevor ich zu weiteren Ermunterungen ansetzen konnte, hörte ich ihn zittrig einatmen und klappte den Mund wieder zu. Egal, was ich nun sagte, es wäre alles falsch, das war mir auf einmal bewusst. Ich musste warten, einfach abwarten und ihm zuhören. Was auch immer er sagen wollte, wann auch immer er dazu bereit wäre.

Es vergingen lange Minuten bevor Zeke begann zu sprechen. Minuten, in denen ich mich mehr als einmal fragte, warum ich mir diesen Ausflug so vermieste, indem ich hier abseits stand, mit einem Typen, der mir bisher nur Aufmerksamkeit hatte zukommen lassen, wenn er jemanden beleidigen und niedermachen wollte. Ich verstand mich selbst nicht, aber beim Klang seiner tiefen und leisen Stimme, waren die Zweifel vergessen.

„Das Eis ist zu dünn. Es wird nicht halten, wir werden einbrechen. Ich werde einbrechen.“

Er schüttelte den Kopf, kniff die Augen zusammen, als müsse er Tränen zurückhalten. Ich widerstand dem Drang meine Hände nach ihm auszustrecken, keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte.

„Welchen Sinn hat es sich auf etwas zu stellen, was einen sowieso nicht halten wird? Es ist eine Frage der Zeit bis das Eis bricht“, er hob den Kopf und fixierte mich, hielt meinen Blick gefangen: „Es zerbricht, weil es nicht standhalten kann. Ich breche ein. Und…“

Plötzlich verstummte er, schloss für einen Moment die Augen und atmete durch. Als er mich wieder ansah, war alle Emotion, die ich zuvor noch erkannt hatte, endgültig aus seinem Blick verschwunden.

„Entschuldige.“

Ein Wort. Ein einziges Wort, so leise, dass ich es beinahe überhört hätte. Und doch war es der Grund, weshalb ich von diesem Tag an versuchte Ezekiel Fries zu verstehen.


xXx


„Scheiße noch eins, wusst‘ ich’s doch!“

Die schrille Stimme zerriss den Anflug von Harmonie, der sich im Laufe der letzten Stunden für ihn gebildet hatte. Das unbeschwerte Herumalbern mit den zwei Kindern – Fiona und Mattis wie er inzwischen wusste – hatte ihn auf eine Art und Weise beflügelt, dass er nun das Gefühl hatte zu schweben. Sein Kater war wie weggeblasen, all die Erinnerungen und bedrückenden Spekulationen, die Zeke betrafen, traten in den Hintergrund. Und doch hatten ebendiese ihn etwas erkennen lassen. Damals hatte Zeke keine Angst gehabt auf dem Eis zu stehen, nein, er hatte von etwas ganz Anderem gesprochen. Er hatte es nicht erkannt, aber Zekes Angst bezog sich auf… Die Erkenntnis warf ihn ein paar Schritte zurück. Er riss die Augen auf. Zeke..

Fionas Lachen holte ihn aus dem sich ewig drehenden Karussell seiner Gedanken und ließ ihn erneut Kind sein, sich frei und unbekümmert fühlen, das Leben genießen. Irgendwie klar, dass dieser Zustand nicht ewig hätte weilen können, selbst wenn er es gewollt hätte.

„Was zum Teufel machst du hier? Du wolltest nach Hause kommen, schon vergessen? Nach Hause!“

Ihr Ärger würde nicht verfliegen, wenn er einfach so tat, als hätte er nichts gehört, richtig? Sein Seufzen erfüllte die Luft mit dampfenden Atemwolken. Kara war noch nie sonderlich nachtragend gewesen, dafür aber umso hartnäckiger, wenn sie in einem bestimmten Moment etwas Bestimmtes wollte – so wie jetzt. Und mit seiner kleinen Schwester zu diskutieren hatte bereits in Kindertagen wenig Sinn ergeben. Sie argumentierte ihn in Grund und Boden, jedes Mal. Wäre ihr erstes Wort ‚aber‘ gewesen, es hätte ihn nicht gewundert. Stattdessen hatte sie mit Begeisterung ‚Haa‘ ausgerufen, ‚Haar‘ gemeint und diese in Beschlag genommen. Seitdem ruhten ihre Finger mit Vorliebe auf seinem Kopf, vergraben in seinen Haaren. Die Faszination schien nicht abgeklungen zu sein.

„Mann, My!“

Ihre Stimme nahm einen deutlich genervten Ausdruck an. Vermutlich sollte er so langsam reagieren und so hob er den Blick, nur um festzustellen, dass Kara am Ufer des Sees stand, die Hände in die Hüften gestemmt und ihn auffordernd betrachtete. Er hätte gern ein anderes Leben, eins ohne kleine Schwester. Bitte.

Er ließ die Schultern hängen und rutschte über das Eis zu ihr, warf Fiona noch einen entschuldigenden Blick zu und war dann bereits am Ufer
angekommen.

„Kara…“, begann er, doch sie hob augenblicklich beide Hände abwehrend in die Luft.

„Ich will nichts hören.“

Sein Mund blieb geöffnet stehen, er fror quasi in der Bewegung ein. Diese Ernsthaftigkeit, diese Ruhe – irgendetwas stimmte nicht mit ihr. Sie war eben doch noch wütend gewesen, hatte ihn angeschrien, ihm die Hölle heiß machen wollen dafür, dass er ihr geschrieben hatte und dann nicht zu Hause erschienen war. Was ging in ihr vor, dass sie nun auf einmal nach seiner Hand griff, sie sachte drückte und ihn dann mit einem ermutigenden Kopfnicken in Richtung seiner Wohnung lotste. Hier war etwas so gehörig faul, dass er automatisch zurückzucken wollte, aber er konnte nicht benennen, was genau es war, dass ihn erwartete, nur, dass er befürchtete, dem nicht gewachsen zu sein.

Mit einem Mal fiel ihm das Schlucken schwer, sein Hals fühlte sich rau und trocken an, ausgedörrt. Gleichzeitig schien eine Kröte darin zu hausen, die einerseits seine Atmung einschränkte und ihn mehr keuchen ließ, als die Geschwindigkeit, mit der Kara ihn durch die Stadt zog, es vermuten lassen würde. Andererseits sorgte dieses Mistviech dafür, dass sein Herz ihm nicht aus der Brust springen konnte. Mit jedem gehetzten Atemzug, spürte er den Muskel stärker und schneller schlagen. Vielleicht war es genau das, was ihm die Sicherheit gab, dass ihn etwas erwartete, was er nicht sehen oder hören wollte? Vielleicht reagierte sein Körper auf Zeichen, die ihm nicht bewusst waren, ihn aber doch vorwarnten? Aber warum – wovor – weshalb?

Er schloss für einen Moment die Augen, schluckte heftig und hielt den Atem für Sekunden an. Beruhigen. Jetzt bloß nicht überreagieren, ausrasten oder gar in Panik verfallen. Als er die Augen wieder öffnete, waren sie lediglich drei Minuten von der Wohnung entfernt, in der er lebte. Abrupt blieb er stehen, riss dadurch an Karas Hand, die ihn immer noch festhielt und dirigierte. Sie stoppte ebenfalls und drehte sich zu ihm um, eine Augenbraue fragend erhoben, in den Augen einen Ausdruck, den er mit ein bisschen Phantasie als Angst erkannt hätte, wäre er nicht so schnell wieder verschwunden gewesen. Stattdessen spürte er die Entschlossenheit beinahe durch seine Winterkleidung brennen.

„Was los, My? Kommst du?“

Ihre Stimme klang bemüht ruhig, als unterdrückte sie nur mit Mühe ein Zittern.

Er schüttelte den Kopf, durchbohrte sie mit seinem Blick. Den Grund. Es musste einen Grund für ihr Verhalten geben und den würde er jetzt erfahren, bevor er in sein Verderben rannte. Sie seufzte schwer, kam dann aber zwei Schritte auf ihn zu und legte ihre Hände auf seine Oberarme, als müsste sie ihn belehren – zumindest hatte seine Mutter ihm immer so gegenüber gestanden kurz bevor er eine Standpauke erhielt.

„My, wirklich. Lass uns einfach heimgehen. Alles wird gut, okay? Ich versprech’s.“

Was zum…?

Wieso sollte alles gut werden? Was meinte sie? Wovon sprach sie? Er verstand nichts mehr, alles verschwamm ineinander. Gestern Abend hatte er gesoffen, Lys hatte mit Zeke telefoniert, dem es offensichtlich auch nicht gut ging – aber hey, das hatte der Bastard sowas von verdient – und heute Morgen hatte sie sich zuerst rührend um Timothy und seinen Kater gekümmert, bevor sie mit einer Laune abrauschte, die ihresgleichen suchte. Und nun stand er hier mit seiner Schwester, seiner kleinen Schwester, die ihn aufgebracht am See gefunden und ihn nach Hause geführt hatte und nun auf einmal die Verständnisvolle mimte. Bei ihm setzte alles aus, er verstand nur Bahnhof. Aber er wollte sich auch nicht mehr herumschubsen lassen.

Kara war langsam rückwärtsgegangen und er war ihr wie in Trance gefolgt. Das merkte er nun als er diesen Dämmerzustand seiner Gedankenwelt verließ und sich augenblicklich von ihr losriss. Sie standen nun beinahe direkt vor dem Wohnhaus, in dem seine Wohnung lag, irgendwie fast direkt unter seinem Küchenfenster.

„Kara!“

Es war mehr ein Knurren denn eines Ausrufs.

„Erklär mir die Scheiße! Ich raff nicht, was ihr alle von mir wollt! Lys faucht mich an, nachdem sie meinen Absturz abgefedert hat, du bist sauer und doch wieder nicht, Zeke…“, er stoppte, versuchte seine Gedanken zu ordnen, schüttelte den Kopf: „Ich weiß echt nicht mehr, was ich noch denken soll.“

Kraftlos raunte er den letzten Satz, fühlte kurz darauf eine Hand an seinem Kinn und hob reflexartig den Blick. Kara lächelte. Sie lächelte ihn so sanft und liebevoll an, dass es ihn zurückstolpern ließ. Er öffnete den Mund um erneut zu fluchen und sich des Drucks zu entledigen, der ihm sagte, dass er gelockt wurde, in eine Falle vermutlich, dass er hier schnell verschwinden sollte, dass-

‚I wanna laaay you dooown‘

“Nein.”

Seine Augen weiteten sich augenblicklich. Das konnte doch nicht wahr sein?! Dieses Lied! Suchend sah er sich um, folgte den Klängen, die noch immer an seine Ohren drangen. Bis er verstand, dass die Töne von oben kamen – aus seiner Wohnung, vermutlich zumindest – dauerte es viel zu lang. Bis er den Blick seiner Schwester wieder eingefangen hatte – nur halb so lang.

„Nein“, flüsterte er erneut. Ungläubig schlug er sich eine Hand vor den Mund, beobachtete das strahlende Grinsen seiner Schwester.

„Nein, nein, nein.“

Er legte den Kopf in den Nacken, sah die grauen Wolken einem strahlend blauen Winterhimmel weichen und kniff die Augen zusammen, um das Brennen einzudämmen. Dieser ganze Mist mit dem Schicksal, an den er vorhin gedachte hatte. Jetzt fühlte er sich, als hätte er es heraufbeschworen. Dabei gab es doch so etwas wie Schicksal oder Bestimmung überhaupt nicht. Menschen entschieden selbst über ihr Leben – es gab keine endgültig füreinander bestimmten Personen, das war Blödsinn. Und doch. Verdammt! Kaum hatte die Melodie geendet, begann sie erneut von vorn. Endlosschleife, super Sache. War ja nicht so, als müsste er sich nicht sowieso schon zusammenreißen. Er würde jetzt nicht weinen, nein, ganz bestimmt nicht.

„Doch.“

Sein Kopf fiel wieder nach vorn. Huh? Wovon sprach sie – sollte er weinen? Sein Stirnrunzeln schien ihr all seine Gedanken zu verraten. Ihr Lächeln war so unendlich wissend, dass er sich fragte, wer hier älter war, ihre Hände gestikulierten zum Hauseingang, dann nach oben zur Wohnung.

„Bed of Roses“, erklärte sie. Ah, sie sprach vom Lied. Natürlich wusste er, um welches es sich handelte, immerhin war es…das war…

„Geh zu ihm.“

Ihre Stimme war so leise, dass er sie beinahe überhört hätte. Also doch, er war da oben. Zeke. Weswegen entzog sich noch immer seiner Kenntnis, aber er wehrte sich nicht als Kara eine Hand auf seinen Rücken legte und ihn bestimmt in Richtung Hauseingang manövrierte. Ein letztes aufmunterndes Nicken, dann biss er die Zähne knirschend zusammen, ballte die Hände zu Fäusten und trat durch die Tür, welche ihm Kara aufhielt. Sein Magen rebellierte zwar, doch er erklomm die Stufen nach oben. In seinem Kopf herrschte gähnende Leere, aber er musste es mit eigenen Augen sehen.

Und das tat er. Kaum hatte er die Wohnungstür geöffnet und drei Schritte in den Flur getan, sah er ihn. Zeke sah furchtbar aus. Nicht, dass man ihm Emotionen hätte ansehen können, aber die minimal abgesackten Schultern, die vor der Brust verschränkten Arme, das Zögern in seiner Bewegung als er Timothy erblickte, machten ihn sicher. Zeke ging es ebenso bescheiden mit der Situation wie ihm. Seufzend schloss er die Tür hinter sich und ging auf seinen Freund zu.

„Bed of Roses, hm?“, grinste er schief. Zeke zuckte nur mit den Schultern.

Timothys Grinsen erstarb sofort. Das hier würde unangenehm werden. Hilflos kratzte er sich im Nacken.

„Also…reden?“, fragte er unschlüssig. Ein Nicken, dann drehte Zeke um und verschwand in der Küche. Irgendwie befürchtete Timothy, dass die Angelegenheit deutlich komplizierter werden würde, als erwartet. Gespräche mit Zeke konnten zuweilen doch recht – einseitig – sein.

Trotzdem folgte er ihm. Wenn sein persönlicher Eisenherz schon zum Prinz mutierte und Bon Jovi für ihn abspielte – und ja, das war ein unglaubliches Zugeständnis von einem verbohrten Querkopf wie Zeke, der sonst grauenvoll fand, was Timothy an Musik hörte und nie im Leben freiwillig Bed of Roses gehört hätte – sollte er den bitteren Geschmack des letzten Tages vergessen und die Gelegenheit ergreifen. Zeke gehörte zu ihm, Schicksal oder nicht, und das würde er dem sturen Trottel jetzt auch beweisen-

Er betrat die Küche.

-oder so.

Ein Fluch lag ihm auf der Zunge, doch er kämpfte ihn gewaltsam zurück.

„Zeke…“

Seine Augen huschten unablässig vom Küchentisch zu seinem Freund und wieder zurück. Woher, zum Teufel, kam DAS denn?!


xXx


„Sag das nochmal!“

Sie saßen sich gegenüber, Zeke mit im Schoß gefalteten Händen und einem durchdringenden Blick, Timothy auf seinem rechten Unterschenkel sitzend, vollkommen irritiert von dieser Situation.

„Also…nicht, dass ich dir nicht zugehört hätte oder so, aber…ich muss das nochmal hören. Sag das nochmal.“

Seine Stimme hörte sich falsch an, zu hoch, überschlug sich beinahe. Zeke krallte die Finger in seine eigenen Handflächen.

„Ich will mit dir zusammen sein.“

Schweigen. Timothy forschte in Zekes Blick nach einer Andeutung der Lüge, doch fand nichts als Aufrichtigkeit. Angst ja, aber kein einziger Schimmer Unehrlichkeit. Er atmete hörbar aus, merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte.

„Okay.“

Eine Pause. Er schloss die Augen, sammelte seine Gedanken.

„Okay.“

Seine Stimme klang nun wieder fester, entschlossener, der erste Schock hatte sich gelegt.

„Gut, dann von vorn, weil ich immer noch nur Bahnhof versteh.“

Zeke nickte und legte seine Hände auf den Tisch, Handflächen nach oben, eine Einladung.

„Kara hat dich reingelassen, sie wusste von allem und sollte mich ablenken.“

Zeke nickte. Gott, dieses Gespräch lief wundervoll. Bisher hatte sein Freund kaum ein Wort gesagt und so langsam machte die Nervosität Timothy wahnsinnig.

„Man, antworte doch mal richtig, Zeke!“, platzte es aus ihm raus: „Ich komm nicht mehr mit. Was wusste Kara? Warum, zum Henker, bist du hergekommen, nur um dann direkt wieder zu verschwinden und mich mit dem Gefühl zurückzulassen, dass du mich nicht mehr willst?
Welche Rolle spielt Lys bei dem ganzen Theater und was am allerwichtigsten ist: Was. Ist. Das?“

Bei den letzten Worten gestikulierte er unwirsch in Richtung Küchentisch, auf dem sich sowohl eine elektrische Kerze befand als auch eine kleine schwarze Schachtel, die nicht nur verdächtig nach Ringen aussah, sondern auch welche enthielt. Soviel war ihm bereits klar, denn die Schachtel war geöffnet, das rote Samt darin ebenso sichtbar wie die zwei weißgoldenen Ringe. Er hatte sich bisher nicht gewagt einen davon in die Hand zu nehmen, doch auch von seiner jetzigen Position aus konnte er die feinen Muster erkennen, die in mühevoller Kleinstarbeit auf den Schmuckstücken angebracht worden waren. Filigrane Linien, nicht zu verschnörkelt, aber doch ein wenig verspielt. Winzig kleine farblose Steine, die punktuell ebendiese Linien unterbrachen und zusammenführten. Kunstwerke.

„…My?“

„Huh?“ Er schrak auf als Zeke tatsächlich sprach, ihre Blicke verfingen sich innerhalb von Sekunden.

„Ich…“, begann Zeke, brach dann jedoch mit einem Kopfschütteln ab und streckte die Hände, die noch immer auf dem Tisch lagen, etwas näher zu ihm: „Bitte.“

Timothy verstand. Die Wärme seiner Finger brannte auf Zekes kühler Haut, doch sein Griff war eisern. Er holte hörbar angestrengt Luft.

„Okay, pass auf. Ich werde das nur einmal erklären.“ Ein aufforderndes Nicken.

„Gut. Ich hatte mit Kara geplant, dass sie dich dieses Wochenende etwas ablenken wird, weil ich wusste, dass ich zwischenzeitlich etwas erledigen muss. Dass sie noch nicht da war, als ich die Nachricht erhielt, war schlechtes Timing.“

Er seufzte und schloss die Augen, die Augenbrauen zusammengezogen. Alles war schiefgelaufen und nun saß er hier, bloß, weil er nicht in der Lage gewesen war, einmal wie ein normaler Mensch zu kommunizieren.

„Ich habe mich verhalten wie ein Idiot und dir nicht direkt gesagt, dass ich etwas erledige und wiederkomme, ich…“

Timothys Schnauben unterbrach seinen Monolog.

„Stimmt. ‚Ich bin weg.‘ ist irgendwie alles andere als aufschlussreich gewesen.“

Zeke nickte, schuldbewusst wich er dem Blick seines Freundes aus, doch der alte mit dem Daumen beruhigende Kreise auf Zekes Handflächen.

„Sprich weiter“, forderte er ihn auf und Zeke zuckte leicht zusammen aufgrund der Sanftheit in seiner Stimme.

Er brauchte ein paar Sekunden, um seine Gedanken wieder zu sammeln, dann fuhr er fort: „Jedenfalls rief Kara mich an, nachdem du weg warst. Sie hatte gehofft, dass du bis Mitternacht zurück bist, warst du aber nicht. Also rief ich dich an – was nicht sonderlich gut für mich lief. Ich bin, glaube ich, noch nie von einer fremden Person so angebrüllt worden.“

Ein belustigtes Schnauben entkam ihm, während er den Kopf schüttelte und Timothys Hände fester griff. Es ging sogar so weit, dass er dieses grauenhafte Lied abgespielt hatte, laut genug, dass es auch noch unten auf der Straße zu hören war. Und das nur, weil My mal erwähnt hatte, dass es ihn an Zeke erinnerte. Kitschig, so schrecklich kitschig.

„Es tut mir wirklich leid“, schloss er seine Erklärung. Mit leicht schief gelegtem Kopf beobachtete sein Freund Zekes Gesicht. Die Zähne hatte er leicht in seine Unterlippe gebohrt, die Nasenspitze zuckte in unregelmäßigen Abständen und in den Augen spiegelte sich eine unbekannte Unruhe, die ihn beinahe dazu veranlasst hätte, Zeke direkt in die Arme zu fallen. Aber nur fast.

Stattdessen entzog er seinem Freund seine Hände und zeigte auf die Ringe. Er konnte nur hoffen, dass sein Gegenüber das Zittern nicht gesehen hatte.

„Und…was hat es damit auf sich?“

Timothy warf beinahe den Stuhl rücklings um, als sich ein breites Lächeln auf Zekes Zügen ausbreitete. Was zur Hölle?! Zeke lächelte so selten, dass es ihn nun völlig aus der Bahn warf. Fassungslos starrte er seinen Freund an, versuchte seinen Herzschlag zu beruhigen als dieser nach der schwarzen Schachtel griff und andächtig über das rote Samt strich.

„Erinnerst du dich an den Tag am See?“

Das war zwar keine Antwort auf seine Frage, aber dass Zeke gern in Rätseln sprach, war ihm ja bereits bekannt, also wartete er geduldig und nickte lediglich. Immerhin wollte er auch nicht direkt zugeben, dass er heute erst wieder an diesen Tag gedacht hatte.

„Mein Lehrmeister hat diese Ringe für mich unter die Lupe genommen, nachdem ich sie fertiggestellt hatte. Ich wollte, dass sie perfekt werden.“

Hä? Sein Gehirn kam nicht mit. Irgendwie lief dieser Tag so an ihm vorbei, als wäre er gar nicht anwesend. Er wurde von einer Situation in die nächste geworfen, niemand erklärte ihm Dinge wirklich, alle deuteten ihre Absichten nur an. Was war das hier? Ein bescheuertes Wimmelbildspiel? Er runzelte die Stirn, Zeke schmunzelte bloß amüsiert.

„Ich habe dir damals gesagt, dass es sich nicht lohnt auf Eis zu gehen, was einen nicht auf Dauer halten wird. Ich habe…“, er holte zittrig Luft: „Ich habe davon gesprochen, dass es sich nicht lohn zu vertrauen, wenn dieses Vertrauen eh betrogen würde.“

Da war es. Dieser Moment, in dem Zeke erneut nach seiner Hand griff, einen der weißgoldenen Ringe aus der Schachtel nahm und dann seine Hand hob um einen Kuss auf jeden einzelnen Knöchel zu hauchen. Und Timothys Herz drohte zu zerspringen. Was passierte hier gerade? Das fühlte sich verdammt nach einem Antrag an? Wie konnte man innerhalb von vierundzwanzig Stunden vom Beziehungsende zur Verlobung springen? Was lief falsch mit ihm?

Seine Hand wurde angehoben, Zeke suchte und fand seinen Blick und als er ihm den Ring an den entsprechenden Finger der linken Hand steckte, fühlte Timothy all diese Wärme in sich, all die Liebe und das Vertrauen, was ihm sein Freund entgegenbrachte.

„Ich will nicht mehr am Ufer stehen, My. Ich will mit dir auf dem Eis stehen, egal wie dünn es ist. Ich will dir vertrauen, mit allem, was ich habe. Und ich weiß, es wird nicht einfach, aber“, er nahm den zweiten Ring, legte ihn auf seine Handfläche und reichte ihn an Timothy weiter, sodass dieser nicht umhin kam die eingravierte Inschrift zu lesen.

„Ich habe nicht vor zu zerbrechen“, flüsterten beide gleichzeitig, sahen sich noch lange an ohne ein weiteres Wort über die Lippen zu bringen. Timothy schluckte schwer und, obwohl er seiner Stimme nicht ganz traute, griff auch er nach Zekes linker Hand, um ihm den Ring an den Finger zu stecken.

„Egal, was kommt. Ich werde nicht zulassen, dass du einbrichst.“

„Darf ich die Braut nun küssen?“

Eine Pause entstand, dann brachen beide Männer in schallendes Gelächter aus. Es war so befreiend, so nötig, so – richtig. Sie gehörten hierher, zueinander.

Stunden später saßen sie aneinander gelehnt auf dem Sofa, verfolgten mit halbem Ohr irgendeinen abendfüllenden Film, während Timothy lächelnd ihre Finger miteinander verflocht. Nebenan, im Arbeitszimmer, in dem auch seine extra Couch stand, schlief Kara bereits seit einiger Zeit seelenruhig. Auch mit ihr müsste er sich morgen noch auseinandersetzen. Er rief sich die Gravur ins Gedächtnis, die Worte, die Zeke in das Metall eingemeißelt hatte.

Es war alles so unwirklich. Sie hatten aneinander vorbeigeredet und sein Suff war vollkommen sinnlos gewesen. Und auch wenn noch lange nicht all seine Fragen geklärt waren, jetzt, hier, in diesem Moment, war es perfekt.

‚Ich hab nicht vor zu zerbrechen.‘

Irgendwie fühlte sich das an wie ein Versprechen – auf ewig.


_______


Oh Gott. Die beiden haben mich wirklich gequält. Aber da sind sie nun.
Und leider ist damit auch alles, was ich vorschreiben konnte, aufgebraucht. Ich hoffe, jetzt im 24 Stunden-Takt immer etwas zaubern zu können, aber ich kann nichts versprechen - notfalls poste ich nach, auch wenn das mir eigentlich nicht passt *grummel*
Egal.

Das hier waren die Vorgaben:

1. Musik
2. heller Streifen am Horizont
3. filigran
4. »Ich hab nicht vor zu zerbrechen.«
5. eine verrauchte Bar
6. ein/e ungewöhnliche/r Verwandte/r
7. ein zugefrorener See
8. einbrechen
9. »Ist das dein Ernst?«
10. Bed of Roses
Review schreiben
'