Agathas Weihnachtsmärchen

von KaraFrost
GeschichteFamilie, Fantasy / P12
01.12.2018
25.12.2018
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„Manchmal versucht es einem die ganze Welt auszutreiben. Aber ich glaube an die Musik. So wie andere an Märchen glauben.“
- Der Klang des Herzen



„Als kleines Kind habe ich Märchen gehasst. Geschichten über abgehakte Fersen, vergiftete Prinzessinnen und aufgeschnittene Wölfe? Jedes Mal, wenn jemand eines dieser furchtbaren Bücher aufschlug und begann, mir daraus vorzulesen, hätte ich ihn am liebsten angeschrien, mir die Decke über den Kopf gezogen und mich so lang versteckt, bis der Spuk endlich vorbei war. Letztendlich war es nie dazu gekommen. Brav blieb ich in meinem alten, knarrenden Bett liegen und ertrug die Grausamkeiten dieser sogenannten Gute-Nacht-Geschichten.

‚Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.‘

Wunderbar. Sollte mich das beruhigen? Kinder, die andere in Öfen schubsten, Prinzen, die sich Mädchen, ohne sie zu fragen, zur Frau nahmen und Zauberer, die mit ihrer Magie die ganzen fürchterlichen Ereignisse doch erst in Gang gesetzt hatten durften immer überleben. Die Bösen starben, wenn man sie denn so nennen konnte.

Je älter ich wurde, desto geringer wurde meine Angst den Märchen gegenüber. Was dafür anstieg, war meine Abscheu. In diesen Geschichten machte man es sich leicht. Schwarz und Weiß. Gut und Böse. Der Held verdiente es, dass sich ihm die Welt vor seinen Füßen niederwarf und die Schurken mussten in der Hölle schmoren. Keine zweite Chance, kein Neuanfang.

Ein einziges Mal beging ich den Fehler und sprach mit meinem Vater darüber. Eine durch und durch dumme Idee. ‚Du bist noch ein Kind und verstehst es nicht‘, knurrte er mich an. ‚In unserer Welt ist es genauso! Gut gegen Böse, diesen Kampf müssen die Erwachsenen tagtäglich ausfechten! Nur dass hier die Bösen gewinnen.‘

Mein Vater war ein schlechter Mensch gewesen. Vielleicht hört es sich falsch an, so etwas als seine Tochter zu sagen. Schlüpften mir die Worte in der Gegenwart anderer Menschen über die Lippen, wer weiß, was sie dann dachten. Vermutlich, er würde mich schlagen. Lüge. Dass meine Mutter nicht an einer Krankheit gestorben, sondern von ihm umgebracht worden war. Falsch. Ob jemals irgendjemand erahnte, wodurch er sich diese Bezeichnung wirklich verdient hatte? Weshalb er sich selbst als Schurke in einem riesigen Märchen sah?

Geboren wurde ich im Jahr 1933. Ich erinnere mich nicht an den Krieg. Mein Vater schon. Er hatte ihn aus nächster Nähe erlebt. Er war kein Soldat gewesen, hatte nicht gekämpft. Vermutlich dachte deshalb nie jemand daran, ihn mit den Gräueltaten in Verbindung zu bringen, die der zweite Weltkrieg über uns gebracht hatte. Mein Vater hieß Dr. Albert Grindersen und war Arzt. Diesen Beruf übte er aus, bis zu seinem Todestag am 25. Dezember 1959. Er starb jung, wurde nicht einmal sechzig Jahre alt. In den vierzehn Jahren bevor er starb arbeitete er unermüdlich daran, Menschen das Leben zu retten und sie nach bestem Wissen und Gewissen zu versorgen. Während des Krieges war er für den Tod von mehreren Dutzend Menschen verantwortlich, indem er sie den Nationalsozialisten auslieferte und die Euthanasie unterstützte.

Am Ende war er nur ein kleines von vielen Zahnrädern in einer Maschinerie des Wahnsinns und obwohl er nach dem Sieg der Alliierten nie wieder auch nur einer Fliege etwas zuleide tat, konnten weder er selbst, noch ich ihm seine Taten jemals verzeihen.

Er sprach nur selten mit mir. Den Tag über war er die meiste Zeit entweder in der Praxis oder im Krankenhaus, selbst nach dem Tod meiner Mutter. Ich lernte früh, mich selbst zu versorgen. Die einzigen Momente, in denen wir miteinander Zeit verbrachten, waren die wenigen Minuten vor dem Einschlafen. Dann setzte er sich neben mein Bett, dimmte das Licht, schlug das große, halbzerfledderte Märchenbuch hervor und las mir daraus vor. Meine Erinnerung daran sind weder herzlich, noch verdamme ich ihn dafür. Ich glaube, dass es eigentlich Dr. Albert war, der diese Erzählungen brauchte. Wie, um sich daran zu erinnern, dass er das Monster in der Geschichte der Welt war und daran, dass es für ein solches nur einen Weg gab: ein ‚so leben sie noch heute‘ für die Helden und ewig andauernde Qualen für den Schurken. Er folterte sich selbst, wohl wissend, dass er das, was er getan hatte, dadurch nicht wieder gut machen konnte. Vielleicht lag es daran, dass ich die Märchen so sehr verabscheute.

Am Tag seiner Beerdigung kamen viele, um von ihm Abschied zu nehmen und ihm die letzte Ehre zu erweisen. Sie sprachen mir ihr Beileid aus und trösteten mich damit, dass Dr. Albert nun in Frieden ruhen konnte. Ich selbst vergoss keine Träne. Fühlte mich leer, nutzlos und allein. Ich wusste nichts mit mir anzufangen und wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht noch am selben Abend die Schränke meines Vaters auf der Suche nach einem Testament durchwühlt hätte. Ich sollte es an jenem Abend finden, aber es gab noch etwas anderes, das mir in die Hände fallen sollte: der Schlüssel zum Archiv der Federn.“

Agatha Grindersen lächelt ihre Enkelin verschmitzt an und streckt ihr mit runzligen, faltigen Händen einen Brief und ein kleines Päckchen, eingewickelt in braunes Packpapier entgegen. „Jetzt mein Engel, jetzt bist du an der Reihe.“
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