Hinter den Fassaden 2.0

von Izzybuddy
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16 Slash
01.12.2018
11.02.2019
8
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Nadine wirbelte herum. Das schmerzerfüllte Aufstöhnen und das leise Knurren Chloes hallten in ihren Ohren wider, als wäre es durch zehn Megaphone verstärkt worden. Sofort lies sie von ihrem Vorhaben ab, sich zu erheben und die nächste Kugel abzufeuern und erfasste die Situation binnen dem Bruchteil einer Sekunde. „Chloe...“ Schrecken lag in ihrer Stimme und sie war kaum mehr als ein ängstlicher Hauch. Mit geweitete Augen kniete sie sich zu ihr hinab und in ihrem Gesicht stand das pure Entsetzen. Die schmalen Schultern umfassend, drückte sie Chloe hinter die Holzkiste in Deckung. Hektisch suchte sie den Körper ihrer Freundin ab. Nur einen Augenblick später wurde ihr der Ernst der Lage bewusst. Die Kugel hatte Chloes Oberkörper getroffen und sie verlor Blut. Verdammt viel Blut. Schneidende Angst durchfuhr Nadine und nahm ihr für einen langen Moment die Fähigkeit zu Atmen. Energisch presste sie ihre Hand, in dem verzweifelten Versuch die Blutung zu stoppen, auf die Wunde. Chloe wimmerte leise, bäumte sich auf und biss sichtbar die Zähne zusammen. Nadines Blick suchte ihren und alles was sie in den weit aufgerissenen Augen sah, war Schmerz. Nach einem Ausweg suchend, sah sie sich um. Sie musste ihre Freundin in Sicherheit bringen. Sie musste sie irgendwie hier weg bringen.
„Wird schon wieder.“ Die Stimme der Größeren klang gepresst und auch wenn sie es versuchte, so konnte sie den Schmerz nicht daraus verbannen.
Nadine schüttelte traurig den Kopf. Ihre Freundin war unverbesserlich. Sie war diejenige, die schwerverletzt und blutend vor ihr lag und dennoch war sie diejenige, die versuchte ihr die Angst zu nehmen. Alles wozu sie selbst gerade fähig war, war ein Nicken. „Bleib...“ Ein unheimlich vertrautes Klicken einer Waffe unterbrach sie. Ihre Augen weiteten sich binnen dem Bruchteil einer Sekunde, als sie realisierte, dass sie ihre Angreifer vor lauter Sorge um Chloe vollkommen außen vor gelassen hatte. Blitzschnell erhob sie sich, stellte sich schützend vor ihre Freundin und drehte sich zu dem Geräusch um. Mit vor Wut funkelnden Augen sah sie in den Lauf der Waffe, der in tödlicher Absicht auf sie gerichtet war. Ihre eigene Pistole hielt sie fest in der Hand, doch sie war auf den Boden gerichtet und Nadine wagte es nicht, sie gegen den Mann vor ihr zu erheben. Sie würde zu viel Zeit benötigen um ihre Bewegung auszuführen und ihm obendrein auch noch die Legitimität geben, den Abzug zu betätigen und sie auf der Stelle zu erschießen. Also blieb ihr nichts anderes übrig als ihn regungslos zu fixieren und zu versuchen Chloe gegen die zwei heranstürmenden Männer abzuschirmen.
Hinter dem Mann, der die Waffe führte, betrat nun auch Attah mit selbstsicheren Schritten die Szenerie. „Nadine, wie lang ist das jetzt her? Knapp zwei Jahre?“ Ein hässliches Grinsen zog sich über sein selbstgefälliges Gesicht. „Waffe runter.“, verlangte er mit siegessicherem Lächeln, während er auf sie zuging. Sie krümmte ihre zitternden Finger der linken Hand zur Faust, während er lässig auf sie zukam. Hass. Grenzenloser Hass nahm von ihr Besitz, als sie in das Gesicht des Mannes sah, der so viel Leid über so viele Menschen gebracht hatte und zu guter Letzt nun auch über Chloe. „Lasst sie gehen.“, verlangte sie mit fester, dunkler Stimme, auch wenn sie wusste, dass es vergebene Mühe war. Gehässig lachte er auf. „Du hast mir schon lange nichts mehr zu befehlen und ganz sicher auch keine Forderungen zu stellen.“ Nadines Gedanken überschlugen sich: Drei seiner Männer waren noch übrig und bewaffnet. Attah selbst hingegen stand unbewaffnet vor ihr, lediglich ein selbstzufriedenes Grinsen im Gesicht. Wenn sie ihre Waffe aufgab, würden diese Leute sie töten oder mit sich nehmen, doch mit Sicherheit würden sie sich nicht mit der verletzten Chloe belasten. Das würde ihr Todesurteil bedeuten. Sollte sie sich weigern, würden sie sie erschießen und Chloe gleich dazu. Sie musste die Situation ändern. Sie musste einen Weg finden und dafür musste sie hoch pokern. Chloes erneutes, gequältes Stöhnen drang leise an ihre Ohren und hallte laut in ihrem Kopf wider. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Plan funktionierte und Chloe durchhalten würde.
Ihre Wut half ihr den Mut für die Entscheidung aufzubringen. Sie spuckte ihm die Worte regelrecht entgegen: „Ich hab´ keine Zeit für diesen Kindergarten.“ In der Dauer eines Lidschlages hob sie ihre Waffe, drückte sie direkt an Attahs Stirn und sah ihm unverhohlen in die Augen. Mit erheblicher Verzögerung ging ein Ruck durch die umstehenden Männer, die mit dieser Reaktion nicht gerechnet hatten. „Wartet.“ Der Befehl des Anführers, der die Situation schneller erfasst hatte, war schneidend und sofort hielten die Drei inne. Nadine wagte es kaum Luft zu holen, so angespannt war sie. Doch der erste Teil hatte zu ihrem Erstaunen geklappt. „Nutzloses Pack.“, murmelte Attah, dann fokussierte er Nadine. „Ich sagte: lasst sie gehen.“ Sie wiederholte ihre Forderung langsam mit fester Stimme, in dem völligen Bewusstsein, dass drei entsicherte Waffen auf sie gerichtet waren. Sollte Attah nicht erwartungsgemäß handeln, so waren dies wohl ihre letzten Worte gewesen.
Als ob er ihre Gedanken gehört hatte, schnaubte Attah gehässig. „Und du bist wirklich bereit für sie zu sterben?“ Nadine biss die Zähne zusammen. Es kostete sie unglaublich viel Kraft, ruhig zu bleiben. Fest erwiderte sie seinen Blick. „Ja.“
Chloes schneller werdender, unregelmäßiger Atem drang in der aufkommenden Stille an ihr Ohr. „Also?!“, fragte Nadine herausfordernd, bevor ein Beben durch ihren Körper ging, doch ihre Hand hielt die Waffe gespenstig ruhig in eben jener Position. Einen Moment lang starrte Attah sie abschätzig an, versuchte einen Anflug von Schwäche in ihrem Blick zu erkennen, einen Hauch von Zweifel, doch Nadine wusste, dass dort keiner zu erkennen war. Sie verspürte keinen. Sie verspürte Hass, Wut, Angst und Ungeduld, doch am wenigsten Zweifel.
Ihre oberste Priorität war Chloe, deren Körper gerade durch ein krampfartiges Husten erschüttert wurde. Der Drang zu ihr zu stürzen, war beinahe unbändig, doch sie durfte nicht weichen. Alles in ihr war zum zerreißen gespannt. „Ich sage es nicht noch einmal.“, knurrte sie, während sie den Hahn ihrer Waffe zurückzog.
Ein letzter Blick von Attah und er nickte mit bebenden Nasenflügeln, während er seine Augen zu einem seiner Leute lenkte. „Waffen runter.“ Stille. Eine quälend lange Sekunde Stille, bevor sie das metallische Klicken hörte, dass bekannt gab, dass seine Männer dem Befehl folgegeleistet hatten.
„Und jetzt geht.“, sprach Nadine ruhig aus, die Waffe weiterhin auf den Mann vor ihr gerichtet. „Für jetzt...Doch wir sehen uns wieder.“, drohte Attah, bevor er einige Schritte rückwärts ging und schließlich mit seinem Gefolge in die Trucks stieg, die noch immer mitten auf dem Vorplatz der Höhle standen. Die Motoren heulten auf und wenig später waren die Wagen den Abhang hinunter gefahren und nicht mehr zu sehen. Nadine stand noch eine Sekunde länger da, hielt den Blick auf die Stelle gerichtet, an welcher die Männer verschwunden waren, dann ging ein Ruck durch ihren Köper und sie ließ sich neben Chloe sinken, deren Augen mittlerweile halb geschlossen waren. Die Anstrengung wach zu bleiben, verlangte ihr scheinbar unglaublich viel ab. „Chloe.“ „Der Auftritt war nicht schlecht.“ Ihre Stimme brach beinahe. Sie versuchte sich an einem Lächeln, doch sie scheiterte kläglich. „Shhh...nicht reden. Ich bringe dich hier weg.“ Nadine sprach leise, als hätte sie Angst, dass zu laute Geräusche die Verletzte nur noch mehr schwächen könnten. Chloe sah sie zweifelnd an, verzog jedoch gleich das Gesicht, als die nächste Schmerzwelle durch ihren Körper fuhr. „Ich bring´ dich hier weg.“, wiederholte Nadine nochmals, um sich selbst davon zu überzeugen, dann drückte sie Chloe die Waffe in die Hand, die kurz zuvor aus eben dieser geglitten war. Auf keinen Fall wollte sie die Frau vor ihr unbewaffnet zurücklassen. Sie drückte ihre Lippen kurz auf die Stirn ihrer Freundin, bevor sie sich von ihr losriss und selbst mit vorgehaltener Waffe in Richtung der Brücke lief, die sie erst  am Morgen überquert hatten.
 
Ihr Wagen stand noch genau so da, wie sie ihn zurückgelassen hatten, versteckt im Blätterwerk. In wenigen Sekunden hatte sie den Wagen bestiegen und war hinauf zu der Höhle gefahren.
Chloe lag noch unverändert an derselben Stelle, an der Nadine sie zurück gelassen hatte. Sie stürzte aus dem Wagen und stolperte regelrecht auf die am Boden Liegende zu. „Chloe.“ Keine Reaktion.
Ein Schauer nach dem nächsten lief ihren Rücken hinab, während ihre Schritte den wenigen Abstand zu ihr eilig überbrückten. Heiß und kalt durchlief sie eine unsagbare Panik. Chloe reagierte nicht. Fassungslos starrte Nadine zu ihr hinab. Unter ihr wurde ihr nicht nur der Boden, sondern der gesamte Planet fortgezogen. Ihr Herz schlug unregelmäßig. Sie wünschte sich nichts mehr als eine Reaktion von der Person, die sie liebte. Schwer ließ sie sich neben sie sinken, rüttelte mit Nachdruck an ihrer Schulter. „Chloe!“, angsterfüllt hallte ihre Stimme von den Felsen wider. Gerade als sie fieberhaft den Brustkorb ihrer Freundin beobachtete, um zu sehen, ob er sich hob und senkte, erhielt sie endlich die verzweifelt ersehnte Reaktion. „Mhm...“ Flatternd öffnete sie die Augen, doch ihr Blau glich nicht länger dem glitzernden, unbändigen Meer. Es war stumpf und kraftlos geworden und dennoch durchfuhr sie Erleichterung. Pure Erleichterung, die Nadine brennende Flüssigkeit in die Augen steigen ließ. Doch sie blinzelte sie entschieden fort. Sie durfte nicht brechen. Nicht jetzt. Noch nicht.

„Kannst du stehen?“, fragte sie Chloe und legte eine Hand an ihre Wange um ihr Gesicht etwas anzuheben. Chloe schien sogar dafür nun die Kraft zu fehlen. „Ja.“ Ihre Stimme klang kratzig und ohne jede Spannung. „Okay, dann komm.“ Sie half ihr aufzustehen, spürte, wie sich Chloes Körper vor Schmerzen wand, spürte, wie er sich unkontrolliert in Krämpfen verlor. Kaum stand die Verletzte auf ihren Beinen, knickten diese unter ihr weg und sie fiel regelrecht in Nadines Arme, die sie geschickt auffing. Schmerzerfüllt stöhnte Chloe auf. „Vielleicht auch nicht.“, korrigierte sie ihre vorherige Angabe und ließ sich von Nadine auf die Rückbank des Wagens legen. Augenblicklich schloss sie erneut zitternd die Augen und Nadine sah, wie ihr Unterkiefer fest auf den Oberkiefer biss. „Halt durch.“ Nadines Aussage sollte eigentlich einen Befehlscharakter haben, doch ausgesprochen klang es mehr wie ein verzweifeltes Flehen. Chloe nickte nur und legte ihre Hand erneut auf die Wunde, aus welcher noch immer Blut sickerte. Mittlerweile war ihr T-Shirt beinahe vollständig mit der roten, warmen Flüssigkeit durchtränkt.

„Bitte halt´ durch.“, murmelte Nadine verzweifelt nach einem Blick in den Rückspiegel und beschleunigte ihre Fahrt noch einmal. Bis ins Dorf zu Christopher und Akono würden sie noch knapp fünf Minuten benötigen. Das dauerte alles viel zu lange. Chloe brauchte medizinische Hilfe. Sofort. Sie konnte nur hoffen, dass Christopher im Dorf und nicht im Einsatz bei Familien war, die weit außerhalb lebten.
Chloe hatte bereits vor einiger Zeit, so kam es ihr zumindest vor, aufgehört auf ihre Fragen zu antworten. Offenbar hatte sie das Bewusstsein verloren.
Nadine mochte es sich gar nicht vorstellen, was passieren würde, wenn Chloe ihren Verletzungen erliegen würde, doch ihre Gedanken hatten ganz eigene Pläne und malten sich genau dieses Szenario gerade lebhaft aus: Sollte Chloe sterben, sollte sie sie verlieren, so würde sie vergehen. Sie wäre nichts weiter als eine leere Hülle, die mechanisch durch die Straßen läuft. Eine leere, unbesetzte Maschine, die nur noch funktionierte um des Funktionierens willen. Die Welt würde jede Farbe, das Essen jeden Geschmack, die Lieder jede Fröhlichkeit verlieren. Sie würde durch das Leben gehen und überleben. Doch mit Leben hätte dies nicht mehr viel zu tun. Es wäre alles gleichgültig, alles unwichtig.

Nadine trat das Gaspedal noch fester durch, auch wenn es bereits bis zum Anschlag auf den Boden der Karosserie gedrückt war. Verbissen starrte sie nach vorne und wandte ihren Blick erst ab, als sie vor dem ersten Steinhaus zum Halten kam. Sie schlug regelrecht auf die Hupe ein, stieg aus und sah sich suchend um. „Akono!!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Christopher!!“ Das Adrenalin rauschte durch ihren Körper und ließ das Blut in ihren Ohren unnatürlich laut pochen. Hektisch riss sie die hintere linke Tür auf. Chloe lag dort, schlaff, kraftlos, blutüberströmt. Noch nie hatte sie ein Anblick derart in Schrecken versetzt. „Nadine!?“, der Ruf hallte durch die Stille. Die Schritte zweier Männer bewegten sich schnell geradewegs auf sie zu. „Nadine, was ist passiert?“ Die Angesprochene riss ihren Blick von ihrer Freundin los und drehte sich zu den beiden Männern um. „Chloe... sie wurde angeschossen. Sie hat viel zu viel Blut verloren!“ Die Stimme der Frau hatte ihre sonst so gewohnte Ruhe und Besonnenheit nun vollkommen verloren. Sie bestand aus reiner Panik.
„Lass uns zu ihr.“, bat Akono und legte Nadine beruhigend eine Hand auf die Schulter. Nadine hatte gar nicht bemerkt, dass sie den Helfern im Weg stand. Nun sprang sie regelrecht zur Seite und beobachte, wie Chloe aus dem Auto gehoben und in das Dorf getragen wurde. Nur wenige Meter führte ihr Weg durch die Bauten, dann betraten sie mit Chloe eines der Häuser. Schwankend folgte sie ihnen, stürzte dabei mehr vorwärts, als dass sie lief.

Als Nadine einige Sekunden später ebenfalls über die Schwelle trat, sah sie, wie ihre Freundin bewegungslos auf einem der Untersuchungstische lag. Akono und Christopher liefen geschäftig durch den Raum, suchten diverse Utensilien heraus und legten sie um Chloe herum ab. Gebannt lag Nadines Blick auf der Szenerie. Alles wirkte so unwirklich und auch wenn sie ihrem Körper den Befehl zum Laufen erteilte, so verweigerte er den Gehorsam. Regungslos verharrte sie in der Tür.
„Ihr müsst ihr helfen.“ Immer und immer wieder wiederholte sie die Worte. Als ob diese sie selbst nach und nach zurück in das Hier und Jetzt geholt hätten, lief sie plötzlich los und trat an den Untersuchungstisch. Der Anblick des blassen Gesichts ihrer Freundin, zog ihr auch das letzte kleine Fleckchen Erde erbarmungslos unter den Füßen fort und ihre Knie gaben nach. Haltlos sank sie auf den Boden, kniete vor dem Tisch und erlaubte es sich nun endlich auch ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Sie konnte nichts mehr dagegen tun, hatte keine Kraft mehr übrig um dagegen anzukämpfen. Wie als hätten sie nur darauf gewartete, traten Sturzbäche aus Tränen aus ihren Augen, rannen über ihre Wangen und ihr Körper begann unkontrolliert zu beben. Sie brach und es gab nichts, das sie hätte auffangen können. Nichts, dass sie zusammensetzen konnte, nun da Chloe leblos vor ihr lag. Nun, da Chloe um ihr Leben rang.
Zitternd hob Nadine ihre Hand zu Chloes Gesicht und strich ihr die Haarsträhnen aus dem Gesicht. Die Tränen verschleierten Nadines Augen und nahmen ihr die Sicht. Hemmungslos schluchzte sie auf. Es war einfach zu viel. Noch nie hatte sie eine solche Angst verspürt. Noch nie eine so große Hilflosigkeit. Sie durfte sie nicht verlieren. Chloe durfte nicht sterben.

Aus dem Augenwinkel nahm sie wahr wie Christopher Chloes T-Shirt aufschnitt und sich ihre Verletzung besah. Er rief Akono etwas zu und machte sich konzentriert an die Arbeit. „Nadine, du musst gehen.“, versuchte Akono nur Sekunden später sie zum Gehen zu bewegen, doch  widerspenstig schüttelte sie den Kopf. „Bitte Nadine. Lass uns ihr helfen.“ Akonos Stimme war bestimmt, doch einfühlsam. „Ich lasse sie nicht alleine.“, beharrte Nadine weiter, den Blick starr auf Chloe geheftet. „Wenn wir ihr helfen sollen, musst du jetzt gehen.“, rief Christopher ihr mit fester Stimme zu und als sie ihn wütend ansah, traf sie erstaunlicher Weise auf verständnisvolle Augen. „Nadine, es sieht schlimmer aus, als es ist. Aber wir müssen die Kugel rausholen und die Blutung stillen.“ Aufmunternd nickte er ihr zu. Einen letzten Blick auf Chloe lies Akono ihr noch, dann zog er sie mit sanfter Gewalt aus dem Haus hinaus vor die Tür und ließ sie dort in der sengenden Sonne stehen.
Einsam, ängstlich, hoffnungslos.
Sie fühlte nichts und gleichzeitig alles. Den Dreck auf ihrer Haut, die brennende Sonne auf ihrem Kopf, ihre trockene Kehle, den Schmerz der Ungewissheit, die Panik um Chloe.
Schwer sank sie auf den Boden. Sie war nicht gläubig, doch nun schickte sie ein Stoßgebet nach dem nächsten zum Himmel. Wäre die Situation nicht so unfassbar ernst gewesen, so hätte sie vermutlich aufgrund dieser Tatsache gelacht. In wirklich hoffnungslosen Momenten schienen alle Menschen plötzlich an Gott zu glauben.
Traurig, dass sie erst dann zu Glauben begannen. Doch auch wenn sie zu eben diesen Menschen gehörte, so flehte sie ihn nun um Hilfe an.  
Erst heute Morgen noch war sie so unsagbar glücklich gewesen, und nun, nur sechs Stunden später, lag ihr Glück in Schutt und Asche vor ihr auf dem Boden. Sie fand nicht die Kraft aufzustehen. Ergeben kniete sie im staubigen Grund und starrte auf die Tür, die sich hinter Akono geschlossen hatte.
Einige Dorfbewohner kamen, um zu sehen was sich zugetragen hatte, doch als sie Nadine vor der Tür knien sahen, wandten sich die meisten ab. Sie wollten ihr den Raum geben, den sie brauchte, wollten ihr die Möglichkeit geben die Situation zu begreifen. Erst später kamen zwei von ihnen zurück und halfen Nadine aufzustehen. Sie führten sie in den Schatten des Hauses und ließen sie an der Hauswand hinabgleiten. Eine der Frauen reichte ihr einen Krug mit Wasser, doch Nadine verspürte keinen Durst. Sie verspürte gar nichts mehr. Die Angst hatte sie ausgesaugt, hatte alle Bedürfnisse und Wünsche aus ihr entfernt und sie gelähmt. Alles was übrig war, war das drängende Verlangen Chloe noch einmal in die Augen zu sehen. Doch sie wusste nicht, ob sie die meerblauen Augen, die sie so sehr liebte jemals wieder sehen würde.

Eine gefühlte Ewigkeit später hörte sie Christophers ruhige Stimme wie aus weiter Ferne und fühlte eine warme Hand auf ihrer Schulter. Als sie nicht reagierte, versuchte er es erneut und nun verstand sie seine Worte: „Sie wird wieder, Nadine. Es wird alles wieder gut.“ Nadine sah mit geröteten Augen auf, fragend, zweifelnd. „Es geht ihr gut. Sie schläft noch, aber wenn du möchtest, kannst du nun zu ihr.“ Unbeholfen versuchte sie aufzustehen, doch ihre Beine gaben sofort nach. Kraftlos versuchte sie es erneut, doch sie schaffte es nur mit der Hilfe des älteren Mannes die kurze Strecke an das Krankenbett zurückzulegen. „Du bist eiskalt.“, stellte Christopher erschrocken fest. Nadine nickte mechanisch. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass die Sonne schon vor einiger Zeit untergegangen war. Christopher zog einen Stuhl an das Bett heran und ließ Nadine darauf nieder. „Ich hole dir eine Decke.“ Nur wenig später legte sich der weiche Gegenstand um ihre Schultern und bedeckte ihren Rücken. „Danke.“ Es war mehr ein Hauch, als ein ausgesprochenes Wort, doch Christopher verstand es.
Chloe lag auf dem Rücken, den Kopf auf ein Kissen gebettet, die Augen geschlossen und eine Decke bis unter ihre Arme gezogen. „Sie wird noch etwas schlafen. Sie hat viel Blut verloren und wird sehr erschöpft sein, wenn sie aufwacht. Sie muss sich noch einige Zeit ausruhen.“ Wieder nickte Nadine mechanisch. Wie gebannt beobachtete sie das Auf und Ab des Brustkorbes ihrer Freundin. Chloe lebte. Sie lebte.
„Das hier...“, der ältere Mann zeigte in einer umfassenden Geste auf die Verletzte, „...ist nicht deine Schuld. Du hättest nichts tun können.“ Ein absolut verständnisvoller Blick legte sich wie eine Umarmung auf sie. Nadine schluckte hart, dann nickte sie und versuchte anzunehmen, was Christopher gerade gesagt hatte. Es fiel ihr außerordentlich schwer. Vor wenigen Wochen erst war Chloe bereits einmal verletzt worden. Nun lag sie erneut verwundet vor ihr, doch dieses Mal waren ihre Verletzungen sehr viel schwerwiegender und beide Male war sie dabei gewesen. Hatte die Gefahr kommen sehen, hat sie beobachten können und war doch unfähig gewesen etwas gegen sie zu unternehmen. „Es ist nicht deine Schuld.“ Die tiefe, männliche Stimme ließ keinen Platz für Diskussionen. Nein. Sie war nicht Schuld. Weder hatte sie die Faust auf ihren Körper krachen lassen, noch hatte sie den Abzug der Waffe gezogen. Sie wusste, dass ihr Beruf gefährlich war, dass er tödlich enden konnte, egal ob durch einen misslungenen Sprung oder einen Kampf und Chloe wusste dies ebenso. Der Gedanke beruhigte sie und nahm ihr zumindest einen Teil ihres schlechten Gewissens, auch wenn sie den Vorwurf, sie nicht hatte schützen können, nicht aus ihren Gedanken eliminieren konnte.
Langsam griff sie nach ihrer Hand, umfasste sie und strich mit dem Daumen über die weiche Haut. Erneut füllten sich ihre Augen mit Tränen. Nie hätte sie gedacht, dass sie noch Flüssigkeit für Tränen in ihrem Köper übrig hatte.
Jetzt, da sie sah, dass Chloe noch lebte, verlies das taube Gefühl langsam ihren Körper. Zuerst verspürte sie einen unbändigen Durst und als habe Christopher ihr den Wunsch vom Gesicht abgelesen, reichte er ihr einen Krug mit frischem Wasser. „Ich lasse euch mal alleine.“ Damit wandte er sich ab und verließ das Haus.
Gierig trank Nadine das Wasser, stellte den Krug dann zur Seite und griff erneut nach Chloes Hand. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, denn kein Wort der Welt konnte das Gefühl beschreiben, das sie gerade fühlte und so zog ihr linker Daumen stetig Kreise über ihren Handrücken. Mit der rechten Hand fuhr sie sich über ihr eigenes Gesicht und strich sich die Haare aus den Augen. Schluchzend atmete sie ein. „Lass mich ja nicht alleine.“, flehte sie in das halbdunkle Zimmer und strich Chloe vorsichtig über die Stirn. „Hörst du? Ich brauche dich.“ Ihr Blick blieb an dem Gesicht vor ihr hängen, verweilte dort minutenlang, bevor sie sich schließlich zu ihr hinab beugte und die weichen Lippen sanft mit den ihren berührte. Der Wunsch ihr nahe zu sein, war beinahe überwältigend. Sie wollte sich neben sie legen, sie in ihre Arme schließen, wie sie es schon so viele Nächte zuvor getan hatte, doch sie wagte es nicht sich zu ihr in das schmale Bett zu legen. Zu groß war die Befürchtung sie dabei zu verletzen. Daher legte sie lediglich ihren Kopf neben Chloes auf die Matratze und umschlang mit ihrem linken Arm ihren rechten, sodass sie ihre Hand auf ihre Schulter legen konnte.
Ihr Rücken würde sich schon bald bemerkbar machen, denn die Position war alles andere als bequem, doch das war ihr im Moment absolut egal. Alles was sie jetzt wollte, war Chloe so nah wie möglich bei sich zu haben und so drückte sie immer wieder Küsse auf die Schulter, die sie fest umklammert hielt.
Eigentlich wollte sie über Chloe wachen, aufpassen, dass es ihr gut ging, doch nur kurze Zeit später fielen ihre Augen zu. Die Lider wurden innerhalb von Sekunden betonschwer und schließlich wehrte sie sich nicht mehr gegen die aufkommende Müdigkeit.

Lange konnte sie nicht schlafen. Wie befürchtet durchzog dumpfer Schmerz ihren Körper und zwang sie dazu sich aufzurichten. Chloe hatte sich keinen Zentimeter bewegt. Seufzend stand sie auf, streckte ihre Arme aus, versuchte bewusst die Muskulatur ihrer Schultern zu entspannen und dehnte ihren Nacken. Sie lief einige Schritte auf und ab und blieb schließlich vor der halb offenen Tür stehen. Christopher hatte sie absichtlich nicht geschlossen um jedes Geschehen und jeden Ruf mitzubekommen und schnell zu Hilfe eilen zu können.
Das Dorf war stockdunkel, in keinem der Häuser brannte ein Licht, doch Nadine wusste, dass die Fackeln, die um das Dorf herum aufgestellt waren, die ganze Nacht über brennen würden. Die absolute Dunkelheit um sie herum ermöglichte es ihr einen Blick auf das hell erleuchtete Himmelszelt zu werfen. Milliarden kleiner Lichter flimmerten dort oben. Sie konnte sich nicht erinnern jemals zuvor so viele Sterne gesehen zu haben. Es war überwältigend. Gebannt sah sie hinauf und konnte ihren Blick nicht abwenden. Könnte Chloe dies nun sehen, ihre Augen würden mindestens genau so leuchten, wie die magischen Lichter über ihr. Doch es war nicht einmal sicher, ob Chloe je wieder die Augen aufmachen würde. Christopher hatte zwar gesagt, sie würde wieder gesund werden, doch sie waren hier fern ab jeder größeren medizinischen Versorgungsmöglichkeit und sollte es nun zu Komplikationen kommen, würde selbst Christopher machtlos sein. Die Erkenntnis traf sie wie ein Faustschlag und ihr Magen zog sich krampfartig zusammen. Kälte durchfuhr sie und lies ihren Körper erzittern. Eine innere Kälte, gegen die keine Decke der Welt etwas auszurichten vermochte. Sie schloss die Augen, spürte das Leid, dass der Gedanke mit sich brachte und als sie die Augen wieder öffnete und zum Himmelszelt hinaufsah, sah sie nur noch brennende Steine, die unendlich weit weg im schwarzen Nichts verglühten. Es hatte absolut nichts Magisches mehr an sich.
Und sie wusste, an diesen Gedanken würde sich einige Zeit nichts ändern, vielleicht würde sich sogar nie wieder etwas an ihnen ändern. Denn, auch wenn die Sonne trotz ihres Schmerzes am nächsten Morgen wieder golden in Begleitung wunderschöner Farben über den Horizont streifen würde, so wäre sie für sie nur ein zu groß geratener, brennender Stein, der früher oder später vollends verglühen würde.

„Hey...“, eine schwache, müde Stimme glitt durch die Stille. Schlagartig drehte sich Nadine um und sah mit glasigem Blick auf das Bett. Chloe lag noch immer unverändert dort, doch sie hatte ihre Augen geöffnet. „Hey.“ Freude, absolute Freude durchzog Nadine und vertrieb die bittere Kälte, wärmte sie. Ein Lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht und die soeben gehörte Stimme verlieh ihr die Kraft zügig zu Chloe zu gehen. „Geht´s dir gut?“, fragte die Liegende und blickte sie aus halb geschlossenen Augen an. Nadine, die ihre Hand ergriffen hatte, blinzelte. „Mir? Gott, Chloe, du wurdest angeschossen und bist beinahe in meinen Armen verblutet.“, stellte Nadine klar, doch sie kam nicht umhin die Sorge Chloes mit einem Lächeln zu belohnen, auch wenn es eher ein gequältes war. Chloe hob einen Mundwinkel leicht an und drückte die Hand, die ihre umklammerte, bevor sie ihre Augen schloss. „Mhm...“
Nadine sah auf sie herab, unendlich erleichtert, dass sie zu Bewusstsein gekommen war. Es hatte einen Moment gedauert, bis sie diesen Fakt tatsächlich begriffen hatte, doch nun wollte das Grinsen nicht mehr aus ihrem Gesicht weichen. Chloe würde es schaffen.
„Schlaf´ Chloe. Ich passe auf.“, sie strich federleicht über ihre Stirn. „Ich weiß.“, murmelte die Verletzte noch leise, bevor ihre Atemzüge tiefer wurden. Kaum hatte Nadine die Worte vernommen, fiel eine Last von ihren Schultern, die zementschwer auf ihr gelastet hatte. Chloe wusste, dass sie auf sie Acht geben würde und auch wenn Nadine es in der Vergangenheit nicht geschafft hatte, so hatte sie dennoch weiterhin den Glauben an sie. Sie war scheinbar nicht enttäuscht von ihr – empfand keine Wut, keine Missachtung.  

Es wurde Mittag des nächsten Tages, bis Chloe erneut die Augen öffnete. Christopher besah sich gerade ihre Wunde und auch wenn sie sich einen besseren Zeitpunkt gewünscht hätte, wach zu werden, so war sie froh ihn zu sehen. „Hallo.“, begrüßte er sie, als er bemerkte, dass sie aufgewacht war und reichte ihr einen Krug Wasser. Vorsichtig nahm sie etwas von der Flüssigkeit zu sich und spürte sogleich einen heißen Schmerz durch ihren Brustkorb schießen, als sie das Wasser hinunterschluckte.
„Hey.“ „Na, wie fühlst du dich.“ „Erschossen.“, sagte sie trocken und sah an sich herab. Ein großer, weißer Verband zog sich ihren Oberkörper entlang und verdeckte beinahe vollständig ihre Brust. Christopher überging ihre Bemerkung: „Du wirst wieder. Die Kugel ist in deinem Brustbein stecken geblieben und hat keinen weiteren Schaden angerichtet. Du hast nur viel Blut verloren und musst noch ein paar Tage im Bett bleiben. „Ach komm schon, ein paar Tage? Ich fühle mich super.“, wehrte Chloe sofort ab und versuchte sich aufzusetzen. Der Gedanke tagelang an ein Bett gefesselt zu sein, war nicht gerade ein schöner. Doch noch ehe sie ihr gesamtes Gewicht auf ihren rechten Arm gestützt hatte, sank sie stöhnend in die Kissen zurück. „Ja klar.“ Christophers Stimme troff vor Sarkasmus. Chloe, du bist schwer verletzt worden. Wenn du dich wirklich so gut fühlst, dann nur, weil wir dich mit starken Schmerzmitteln versorgt haben.“ Streng sah er auf sie hinab. „Schonen ist jetzt deine oberste Aufgabe.“ „Ist ja gut.“, gab sie nach und löste ihren Blick von ihm. Während er ihr die dünne Decke wieder schützend um den Oberkörper schlang, sah sie sich suchend um. „Nadine wird gleich wieder hier sein. Ich habe sie zu Akono geschickt, damit sie etwas isst. Sie ist nicht eine Sekunde von deiner Seite gewichen. Auch sie braucht nun Ruhe.“ Chloe wurde hellhörig. Das letzte, an das sie sich erinnern konnte, war wie Nadine den Motor aufheulen lies und in einem unglaublichen Tempo davon raste. „Wie geht es ihr?“ „Sie ist sehr erschöpft. Du hast ihr einen gehörigen Schrecken eingejagt.“ „Als wäre das meine Absicht gewesen...“, knurrte Chloe. Sie konnte sich gut an Nadines Gesichtsausdruck erinnern, als sie zu ihr gestürzt war. Alleine die Erinnerung daran schickte einen unangenehmen Schauer über ihren Rücken. „...hätten diese Idioten uns nicht überrascht...“ Sie brach ab. Es hatte keinen Sinn sich nun darüber aufzuregen. Zumal sie nun spürte, wie kraftlos sie im Grunde war. Christopher hatte bemerkt, wie sie nach der kurzen Aufregung förmlich in sich zusammengesunken war und sah sie mitfühlend an. „Ruh´ dich aus. Wenn du etwas brauchst, ruf einfach. Ich bin gleich nebenan.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ gerade das Gebäude, als Nadine eintrat. Auf der Türschwelle trafen sie sich und er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Sie ist aufgewacht, doch sehr schwach.“ „Bin ich nicht.“, protestierte Chloe sofort, bereute es aber gleich darauf, als sich ein erneuter Schmerz von ihrem Brustkorb aus durch ihren Körper zog. Scharf zog sie die Luft ein und ballte die Hand zur Faust. Sie stellte an sich selbst das Memo, leise zu sprechen und bloß nicht allzu tief einzuatmen.
Kopfschüttelnd trat Nadine auf sie zu und lächelte sie an. „Hallo Schlafmütze.“ „Hey.“ Als Chloe Nadines Lächeln sah, konnte sie nicht anders als es zu erwidern. „Wie fühlst du dich?“ „Ganz gut, denke ich.“, gab Chloe leise zurück und schloss für einen Moment die Augen als sie spürte, wie weiche Lippen ihre Stirn berührten. „Was ist passiert?“, fragte sie, nachdem Nadine ihren Platz auf dem Stuhl vor ihrem Bett eingenommen hatte. „Woran kannst du dich erinnern?“ „Daran, dass du mit durchdrehenden Reifen losgefahren bist...danach ist alles schwarz.“ Sie sah, dass Nadine schwer schluckte, als sie sich an den vorherigen Tag erinnerte. „Du...du hast das Bewusstsein verloren, kurz nachdem wir losgefahren sind...“, bestätigte sie mit schwerer Stimme. „...ich bin gefahren so schnell ich konnte, doch als wir hier ankamen, hattest du schon viel Blut verloren...“, sie stockte und Chloe sah wie sich die Augen der Frau, die vor ihrem Bett saß, mit Tränen füllten. Nadine senkte ihren Kopf.
Noch nie zuvor hatte sie Nadine weinen sehen. Der Anblick ließ sie erschaudern und zerriss sie beinahe. Sie wollte ihre Hand ausstrecken, wollte sie trösten, ihr versichern, dass alles in Ordnung war, doch Nadine schüttelte ihren gesenkten Kopf, was Chloe in ihrem Vorhaben inne halten ließ. „...da war so viel Blut Chloe. Für einen Moment dachte ich... für einen Moment dachte ich du wärst tot.“ Chloe konnte nicht anders. Sie streckte ihre Hand aus, legte ihre Finger unter Nadines Kinn und hob es an. Im nächsten Moment sahen sie glasige Augen an. Ihre Wangen waren von Tränen benetzt, die in einem schier endlosen Strom ihr Gesicht hinabliefen. Chloe spürte, wie bei diesem Anblick auch in ihr Tränen aufstiegen. „Hey...“, murmelte sie. „Es ist alles okay. Es geht mir gut. Du hast mich in Sicherheit gebracht, wie du es gesagt hast. Du hast es geschafft.“ Behutsam strich sie Nadine die Tränen von der linken Wange. „Es ist alles gut.“, beschwor sie und blickte fest in die geröteten Augen vor ihr. Nach Sekunden, in denen Nadine die Worte in sich aufsog, nickte sie leicht. „Komm her.“, forderte Chloe sie sanft auf und deutete auf das Bett. Ungläubig sah Nadine sie an und für einen Moment versiegten ihre Tränen. „Chloe, ich werde dir wehtun.“, sprach sie ihre Zweifel aus. „Wirst du nicht. Komm her.“ Noch einmal sah Nadine sie versichernd an, dann zog sie ihre Schuhe aus, ging an das Fußende des Bettes und kletterte dann dicht an der Wand entlang an Chloes Seite. Sie presste ihren Rücken an die Wand und blieb seitlich neben Chloe liegen. Dabei berührte sie sie nicht, aus Angst, ihr Schmerzen zuzufügen. „Nadine, du wirst mir nicht weh tun.“, wiederholte Chloe noch einmal und streckte ihre Hand so gut es ging nach der ihren aus. Nadine kam ihr entgegen und Chloe zog sie am Handgelenk so über sich, dass sie ihren Kopf auf ihre Schulter bettete und ihren Arm vorsichtig über ihrer Hüfte ablegte. Ihre Finger der rechten Hand verwoben sich mit denen Nadines und sie genoss schlicht die Wärme, die nun durch sie hindurch strömte. Sie hoffte, dass sich ihre Freundin beruhigen konnte, wenn sie Chloe so nah spürte, ihre Hand in ihrer fühlte, ihren Herzschlag hörte, ihren Atem wahrnahm, der über ihren Kopf strich.
Behutsam legte sie ihr Kinn auf Nadines Haaren ab und wartete. Sie wollte sie nicht drängen weiter zu sprechen. Sie hatte nicht vermutet, dass ihre Verletzung Nadine so sehr mitgenommen hatte. Nadine war immer diejenige, die einen kleinen Rest an Abstand wahrte. Sie war immer die Starke. Diejenige, die in Ausnahmesituationen die Ruhe bewahrte. Doch offensichtlich war dies dieses Mal anders.
Nach einer Weile fand Nadine die Worte wieder und sprach mit deutlich ruhigerer Stimme. „Christopher und Akono kamen und zogen dich aus dem Wagen. Ich stand wie ein Idiot daneben und konnte mich kaum bewegen...“ Chloe spürte, wie sie sich tiefer in ihre Schulter kuschelte und auch wenn ihre Wunde dabei schmerzte, ließ sie Nadine gewähren. „...sie haben dich hier reingetragen und mich hinausgeschickt. Die halbe Nacht war ich vor der Tür und habe gebetet. Dass du es schafft. Dass du gesund wirst...“ Chloe atmete tief ein und eine heiße Träne verließ ihren Augenwinkel. Nadines Stimme war so voller Schmerz und Pein, dass es ihr die Sprache verschlug. Ihre Nadine, die sonst so stark, ja fast unnahbar erschien, nun so verletzlich zu sehen, brach ihr beinahe das Herz. Und gleichzeitig war sie froh, dass Nadine ihr derart, ganz ohne Vorbehalte, zeigte was sie fühlte.
„...Irgendwann durfte ich dann wieder zu dir, doch es hat ewig gedauert, bis du endlich aufgewacht bist.“ Chloe drehte ihren Kopf leicht. „Ich war wach?“ Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. „Ja... und das Erste, das du gesagt hast war `Geht es dir gut?´“ Nadine schnaubte belustigt und auch wenn Chloe ihr Gesicht nicht sehen konnte, wusste sie doch, dass es ein leichtes Lächeln zierte. „Darf ich mich nicht mehr nach dem Wohlbefinden meiner Freundin erkunden?“, nahm Chloe die plötzliche lockere Atmosphäre auf. „Doch...“, antwortete Nadine und nun konnte Chloe das Lächeln deutlich in ihrer Stimme hören. Froh darüber, Nadine die Angst ein stückweit genommen zu haben, küsste sie den Scheitel der Kleineren. „...gleich darauf bist du wieder eingeschlafen und hast bis vorhin durchgeschlafen.“, beendete sie ihre Zusammenfassung der letzten Stunden. Einige Momente lang sagte keiner mehr ein Wort.
Sie hingen beide ihren Gedanken nach, bis Chloe das Schweigen durchbrach. „Danke...“ Nadine drückte sich kurz in ihre Schulter, dann löste sie ihre linke Hand aus Chloes und stemmte sich nach oben. Seitlich stütze sie sich auf ihrem linken Ellenbogen ab und sah Chloe aus warmen, brauen Augen an. „...Danke, dass du mich da rausgeholt hast...“ Chloe wand ihren Kopf, sodass sie Nadine besser ansehen konnte. „...ich habe jedes Wort gehört, dass du zu Attah gesagt hast.“ Chloe konnte sich noch sehr gut an das Gefühl erinnern, als sie Nadines Stimme hörte, die klar und deutlich ein „Ja“ auf die Frage verlauten ließ, ob sie wirklich bereit wäre für sie zu sterben. „Und ich würde es immer wieder tun...“, bestätigte Nadine ihre Aussage mit leiser, jedoch fester Stimme, die, wie vor einem Tag keinen Zweifel bestehen ließ. „...Ich liebe dich.“ Damit senkte sie ihren Körper zu Chloe hinab, ließ ihn wenige Zentimeter über ihr schweben und überbrückte nur mit dem Kopf den letzten Abstand zu ihr. Sanft, schüchtern gar, lies sie ihre Lippen über Chloes tanzen.
Chloe durchfuhren Blitze und schickten eine Gänsehaut nach der nächsten über ihren Körper. Sie lag regungslos unter ihr, konnte weder ihre Arme, doch ihre Hände anheben um sie zu berühren, doch sie erwiderte den Kuss ebenso gefühlvoll, wie Nadine ihn begonnen hatte.
Schließlich lehnte sie ihre Stirn an Nadines. „Wenn ich dich verloren hätte...“ Chloe unterbrach sie sofort. „Shhh...das hast du nicht...“ Sie wollte nicht, dass Nadine erneut fühlen musste, was sie kurz zuvor gefühlt hatte. Sie wollte nicht, dass sie erneut darüber nachdachte. „...Ich bin hier.“, bekräftigte sie ihre Aussage und hob ihren Kopf ein wenig an um einen weiteren Kuss zu erbitten. Nadine legte ihre rechte Hand an ihr Kinn und fuhr mit einem Finger über ihre Lippen und ihren Kiefer, bevor sie der stummen Bitte nachkam.

Als Christopher wenig später den Raum betrat um nach seinem Schützling zu sehen, fand er die beiden Frauen eng aneinander geschmiegt im Bett liegend vor. Nadines Kopf lag auf Chloes Schlüsselbein, während diese den ihren an Nadines lehnte. Beide hatten die Augen geschlossen und waren bereits tief in ihr jeweiliges Traumland vorgedrungen.
Schmunzelnd betrachtete er sie noch einen kurzen Moment. Er kannte Chloe nun schon seit geraumer Zeit, doch nie hatte er vermutet, dass sie einmal eine solch ehrliche, emotionale Nähe zu einer anderen Person zulassen würde. Chloe war nach dem Verschwinden und Tod ihres Vaters distanziert und kalt geworden. Doch scheinbar hatte sie sich sehr verändert und daran war die Frau an ihrer Seite sicher nicht ganz unschuldig.
Er beschloss, seine Untersuchung auf den nächsten Tag zu verschieben und  griff nach einer Decke, die in einem der Regale lag. Sorgfältig faltete er sie auseinander, sodass er sie über die beiden Schlafenden legen konnte.
Bald würde die Sonne untergehen und mit der Nacht würde auch die Kälte wieder Einzug halten, doch dies sollte die Frauen, die hier so eng beieinander lagen, nicht sorgen. Nach einem letzten Blick verließ er das Haus und schloss die Tür hinter sich.
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