Als Familie durch den Dezember

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
01.12.2018
11.12.2018
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Tag 6 – Schuhe befüllen


Mitten in der Nacht wurde Betty plötzlich wach. Sie hatte ganz vergessen, dass sie sich noch einen Wecker gestellt hatte, nachdem Amelia sie ins Bett gebracht hatte und gute Nacht gesagt hatte. Betty war danach nämlich nur scheinbar eingeschlafen. Aber in echt hatte sie sich noch einen Wecker gestellt, dass sie früh genug wach war, um sich Amelias Schuh zu besorgen und diesen zu befüllen. Über Wochen hinweg hatte das Mädchen ihr Geld gespart und damit dann Süßigkeiten und Nüsse gekauft, die sie jetzt in Amelias Schuh geben musste, natürlich gut eingepackt. Es war ja nicht gerade wirklich lecker, Nüsse in seinen Schuhen zu finden, die man sonst immer anhatte. Das fand selbst Betty nicht mehr lecker.


„Ach Gott“, murmelte die 15-Jährige zu sich selbst, als sie die Decke von sich warf und sich sofort eine Gänsehaut auf ihrer Haut bildete. Es war wie immer kühl in Bettys Zimmer. Im Vergleich zum Schlafzimmer von Owen und Amelia, war Bettys Zimmer eine Eishöhle. Sie hatte nie die Heizung an und eigentlich fast immer das Fenster offen, egal bei welchen Temperaturen. Amelia hingegen schraubte überall die Heizungen hoch, so, dass es bloß nicht unter 22 grad hatte. Betty hingegen stand so auf Zimmertemperaturen um die 18 Grad. Eisig eben.

Leise öffnete sie die Türe von ihrem Zimmer. Leo hatte die Zimmertüre offen, damit Owen und Amelia ihn besser hören konnten, wenn er wieder wach wurde. Eigentlich ja kein Plus Punkt für Betty. Sie musste doppelt so leise sein, damit sie weder Leo noch Owen und Amelia weckte. Würde einer von ihnen wach werden, hätte die ganze Aktion keinen Sinn mehr. Amelia würde bei Betty vorbei schauen um zu gucken, dass bei ihr alles okay war. Und Owen würde im Wohnzimmer den Weg zu den Schuhen versperren, die Betty ja auch noch befüllen musste. Diese Tradition gab es bei den ganzen Amerikanern eigentlich nicht. Sie hängten immer Socken an den Kamin. Aber Betty war oftmals mit sehr komischen Traditionen aufgewachsen. Ihre Eltern waren beide Amerikaner, aber ihre Mutter hatte Europäische Wurzeln und irgendwie feierten sie Nikolaus immer mit dem Schuhe befüllen der anderen. Naja, bis Betty irgendwann aus dem Alter heraus war. Oder besser gesagt: bis ihre Eltern fanden, dass sie so viel Liebe und Nettigkeit nicht mehr brauchte.

Bettys wirkliches Familienleben hatte eigentlich mit dem Tag angefangen, als Betty in ihre damalige Schulmannschaft aufgenommen wurde. Ab diesem Tag, standen fast täglich Sportstunden an und dadurch gab es weniger Zeit zum Lernen. Für ihre Mutter natürlich der absolute Horror. Neben dem ständigen Konflikt mit ihrer Mutter, lastete auf Betty dauernd der Druck ihres Dads. Immer wieder sagte er ihr, dass sie nicht schlecht sein durfte. Aber im Endeffekt war beides nicht hilfreich gewesen. Und nach dem Unfall und der Operation musste sie aufhören. Und keine zwei Wochen später war sie ein Junkie. Ja und wie es eben kommen musste, wurde sie nur wenige Monate später schwanger und dann auch schon Mutter. Die ganze Geschichte hatte also ziemlich schnell Fahrt aufgenommen. Aber manchmal musste Betty zugeben, dass ihr das Fußballspielen schon fehlte. Aber sie wusste auch nicht wirklich, wie sie es Amelia und Owen beibringen konnte. Beziehungsweise, wie sie ihren Wunsch äußern sollte. Die Mannschaft war für Betty wie eine zweite Familie. Aber für diesen Sport musste sie damals Geld investieren, und das konnte sie von den zwei Ärzten doch nicht verlangen. Sie bekam ja schon mehr als genug. Aber anderseits wollte sie wieder spielen. Dabei war es nicht mal klar, dass sie es mit ihrem Knie schaffen würde. Niemand sagte, dass es möglich war. Aber auch das Gegenteil hatte bis jetzt keiner behauptet.


Leise, ohne dabei ein Geräusch zu machen, schlich sich Betty aus dem Zimmer. Sie musste Amelias Schuhe finden, sie holen und ins Zimmer bringen. Dann irgendwie die Süßigkeiten darin verstecken und dann leise wieder zur Tür gehen und die Schuhe abstellen. Eigentlich stellte man die Schuhe ja ans Bett, aber das wäre zu riskant. Außerdem… Owen und Amelia lagen oft nackt im Bett. Und bei aller Liebe die sie zu den beiden aufbringen konnte… DAS wollte sie nicht sehen. Es reichte dem Mädchen schon, wenn sie es hören musste. Aber sehen war dann doch ein wenig zu übertrieben.

Sie schnappte sich Amelias Schuhe. Im ersten Moment dachte sie, dass sie ihre eigenen Schuhe in der Hand hatte, aber als sie das Futter in Amelias Schuhen fühlen konnte, war ihr klar, dass es die Schuhe ihrer Pflegemutter sein musste. Sie machte sich in der Dunkelheit wieder auf den Weg ins Zimmer, natürlich ohne Leo zu wecken. Zumindest versuchte sie das, als Leo plötzlich im Bett saß und Betty aus großen Augen anschaute. Er war eigentlich ein sehr ruhiges Baby was erst richtig laut wurde, wenn man es ignorierte oder ihm nichts zu Essen gab oder wenn er sich einsam fühlte.

Leo überkam ein Grinsen als er seine Mutter sah. Trotz der komplizierten Situation wusste er ganz genau, dass Betty seine richtige Mutter war und, dass er so ziemlich alles von ihr bekam, was er wollte.

„Etty!“, sagte er freudig und klatschte mit den Händen zusammen. Er konnte das B noch nicht ganz aussprechen, was extrem süß klang. Auch sagte er immer Owenn, zu Owen. Oder manchmal sogar Papa, aber irgendwie war er sich dabei noch nicht ganz sicher. Irgendwo würde sich Betty auch freuen, wenn er Mama sagen würde, aber anderseits war sie sehr froh, dass er es nicht tat. Noch immer war sich die 15-Jährige nicht ganz sicher, ob sie seine Mutter sein konnte. Ob sie es schaffen würde, oder ob sie nicht doch zu schlecht für ihn war.

„Sssssshhhh!“, machte Betty, indem sie einen Finger auf ihren Mund legte und den kurzen Weg zu Leo ins Zimmer überbrückte. Sie hob den kleinen Jungen aus dem Bett und drückte ihn an sich, „Na? Gar nicht müde? Es ist mitten in der Nacht.“ Sie schaukelte Leo hin und her. Es würde keinen Sinn machen ihn jetzt wieder in sein Zimmer zu stecken und zu hoffen, dass er weiterschlafen würde.

Kurzerhand also, nahm Betty ihren Sohn mit ins Zimmer, nur um diesen dort abzusetzen. Sie stellte drei kleine Kissen in die Ecke bei ihrem Bett und legte Leo so halb in die Kissen, dass dieser es weich hatte und keine Chance, irgendwie zu entkommen. Owen und Amelia war das mittlerweile ja schon öfters passiert.

Sie nahm die Hände Leos. Ganz vorsichtig. Immer noch hatte sie Angst ihm wehzutun. Auch, wenn diese schon viel weniger geworden war. Sie begann leicht mit den Händen hin und her zu wackeln, was Leo ein Lachen entlockte und auch Betty grinsen ließ. Er war ordentlich gewachsen.

„Kleiner Nachtmensch“, flüsterte sie. Sie stellte Amelias Schuh auf ihren Schreibtischsessel und setzt sich dann in Leos Nähe. Mit wenigen Handgriffen hatte sie das kleine Säcken mit einer einfachen Schnur zusammen gebunden und vorher die richtigen Sachen hineingetan.

Über Wochen hinweg hatte die 15-Jährige Mom versucht heraus zu finden, was Amelia eigentlich schmeckte. Im Endeffekt hatte sie dann einen Schokoladen Nikolaus, Mandarinen und Nüsse gehabt. Und mit der Hilfe von Meredith besorgte sie dann auch noch die richtigen Kekse und die richtige Schokolade, die jetzt neben den Nüssen ihren Platz hatten.

Ohne Leo aus den Augen zu lassen nahm die Amelias Schuh und stellte das kleine Sackerl in den einen Schuh und in den anderen tat sie den Schokoladennikolaus. Der kleine Junge ließ seine Mom nicht aus den Augen. Seine Augen waren im Vergleich zu Betty riesig. Sie strahlten Freude und auch ein wenig Missgunst aus, als Betty die Schuhe leicht von sich wegschob und Leo nichts gab.

Schokolade war Leos Lieblingsspeise. Auch, wenn der kleine Junge nicht viel bekam, er liebte sie.

Gähnend ließ sich das Mädchen nach hinten auf das Bett fallen. Sie drehte ihren Kopf so, dass sie Leo sehen konnte, wie er Betty weiter anschaute und komisch seinen Kopf verdrehte, wie Betty es gerade tat. Seine Art wie er versuchte alles nachzumachen fand Betty mega süß. Er verdrehte den Kopf, wenn sie es tat. Er versuchte zu Gähnen, wenn Betty es tat. Er griff sich auf die Füße, wenn Owen sich Schuhe an oder auszog. Und er hob die Arme, wenn es andere Tagen.

„Wir sollten weiter schlafen. Sonst bist du morgen ganz schlecht gelaunt. Und dann haben Amelia und Owen keine Freude mit dir“, murmelte Betty. Ihre Augen wanderten auf die Uhr, die anzeigte, dass es kurz nach drei Uhr war. Etwas weniger als drei Stunden schlaf hatte die 15-Jährige noch. Leo also auch. Ob das reichen würde?

Kaum erwähnte sie das Wort schlafen, wechselte Leos Blick von mega glücklich auf Todtraurig. Er war eindeutig ein Nachtmensch. Aber ein ruhiger Nachtmensch.

Betty setzte sich auf. Sie nahm Leo hoch und mit der freien Hand Amelias Schuhe. Die Augen den Babys wurden groß. Man konnte ganz eindeutig sehen, dass er nicht zurück ins Bett wollte. Das hatte Betty aber sowieso nicht vor. Mit einem Lächeln nahm sie die Schuhe und stellte diese vor die Schlafzimmertüre von Amelia und Owen. Natürlich nicht so, dass jemand darüber stolpern konnte, aber so, dass Amelia es sofort sah. Auf dem zweiten Weg packte sie in Owens Schuh auch einen kleinen Nikolaus aus Schokolade. Die Runde hatte Betty also schnell beendet. Leo war über die ganze Zeit still gewesen. Er wollte schon einen Ton machen, als Betty nahe an die Türe seiner Pflegeeltern kam, aber mit einem Kuss auf die Stirn hatte Betty es geschafft den Jungen davon abzuhalten. Sonst wäre alles aufgeflogen.

Wieder überkam Betty ein Gähnen. Sie machte am Weg alle Lichter auf. Leo immer noch fest umschlossen, ließ sie sich ins Bett fallen und legte schützend eine Hand auf Leos Hinterkopf, so, dass dieser nicht mehr herum fliegen konnte. Es war besser für Leos Nacken.

Müde rieb sich der Junge die Augen. Betty kam aus dem Grinsen gar nicht mehr wirklich heraus. Sie macht alle Lichter aus, bis auf eine kleine Lampe in der Nähe von ihrem Bett. Solche Momente wie diese waren ungewöhnlich selten. So selten, dass Betty jedes Mal ein Foto machte, was sie Leo später zeigen konnte. So auch dieses Mal. Sie legte Leo auf sich und deckte den Jungen zu. Noch vor ein paar Monaten hatte sie echt weniger Probleme damit gehabt das Foto zu machen. Mittlerweile hatte er schon eine richtige Größe und da Betty nicht gerade viel auf den Rippen hatte, war das noch extremer.

Immer wieder zog Betty die Decke ein kleines Stück hoch. Sie strich über Leos Kopf. Beruhigend. Ein leises Summen kam aus Bettys Mund. Schlaflieder waren ihre Spezialität. Wenn es Abende gab an denen Leo nicht schlafen wollte, dann summte Betty immer leise ein Schlaflied. Und das hatte sogar die gewünschte Wirkung.

„Du wirst immer größer und schwerer“, murmelte Betty leise. Leo atmete leise und mindestens genauso beruhigend wie Betty, vor sich hin. Seine Augen waren locker geschlossen. Seine Hand lag zu einer kleinen Faust geballt auf Bettys Bauch und er hatte die Beine leicht angezogen. Wie ein kleiner Frosch. Zumindest nannte Betty diese Position so. Wenn er jetzt noch einen passenden Pyjama gehabt hätte, wäre es perfekt gewesen, aber so sah es auch mega süß aus.

Es dauerte keine weitere Minute bis Betty wieder das Licht ausmachte. Leo schlief und immer mehr überkam sie selbst der Schlaf. Wie immer merkte Betty erst wie müde sie war, wenn sie ihren Schlaf nicht ganz ungestört verrichten konnte. Auch, wenn die Störung eigentlich eine ziemlich schöne Sache war. Am liebsten würde das Mädchen immer schlafen. So auch Amelia und Owen, die dank der arbeitsfreien Tage, dies auch meist machen konnten. Zumindest, nachdem das Baby versorgt war.


Als Amelia am nächsten Morgen den Gang ins Wohnzimmer machte, bemerkte sie schnell, was sich in ihren Schuhen befand. Es war eine Sache, die sie noch nie gesehen hatte. Aber wenn sie genau nachdachte, fiel ihr sofort ein, was heute für ein Tag war. Grinsend nahm sie das kleine Sackerl mit den Sachen aus dem Schuh und schnappte sich mit dem nächsten Handgriff den Schokoladen Nikolaus, als sie begann, den kleinen Brief zu öffnen.


Happy Nikolaus, Amelia.

Ich wusste nicht ganz, ob du diese Tradition kennst, bei der man am Nikolaustag die Schuhe befüllt. Jedenfalls hab ich genau das gemacht und das einfach, weil ich dir mal Danke sagen wollte. All die Mühe der letzten Wochen, all die Arbeit die du mit mir hattest bedeuten mir so viel. Du hast mich aus der Scheiße geholt und ich finde, du verdienst mal ein kleines Danke. Außerdem… Das Gehirn braucht Zucker und deswegen befinden sich genug Kekse und Schokolade da drinnen. Aber um den gesunden Faktor nicht zu vergessen, habe ich auch Obst dazu gepackt. Wobei es hier schlau wäre, wenn du die ausräumst und nicht zu einer Heizung stellst, das weicht nämlich die Mandarinen auf und dann stinkt das ganze Haus nach vergammeltem Obst. Also, lass das Hirnfutter dir schmecken.

~ Betty :D
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