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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
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29.410
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09.12.2018 1.239
 
Mispel brauchte Ruhe. Vor Feder, vor ihren Schwestern, vor allen. Vor allem Ruhe vor den Zentauren, und einem ganz besonders: Zairion.
Ja, sie hatte seine Dienste angenommen, aber geändert hatte das rein gar nichts, er war genauso abweisend und kalt wie vorher.
„Was hast du erwartet?“, hatte Feder gefragt. „Er war schon immer so und wird sich nicht ändern. Seine Dienste hat er dir nur angeboten, weil er einen Vorteil daraus schlagen wollte, aus keinem anderen Grund.“
Langsam glaubte Mispel das sogar.
Die Amazone hatte sich an ihre See zurückgezogen, der an der Grenze zwischen dem Land der Amazonen und der Zentauren verlief, ihre Kleidung abgelegt und sich in das kalte Wasser begeben. Es war genau das, was sie jetzt brauchte, um ihre Gefühle zu beruhigen und ihren Zorn abzukühlen.
Mispel schwamm einige Runden, bis es ihr wirklich zu kalt wurde. Dann ging sie zurück ans Ufer, wickelte sich in ihre Decke und schaute in den Himmel. Zwischen den Ästen der Bäume blitzten ab und zu ein paar Sterne hervor, deren Anblick die Amazone aus irgendeinem Grund milde stimmte. Das änderte sich auch nicht, als sie Hufgetrappel hinter sich vernahm.
„Was willst du?“, fragte Mispel, als Zairion sich neben ihr niederließ.
„Das gleiche wie du, schätze ich“, antwortete er. „Ruhe und Frieden.“
Sie sah ihn nicht an.
„Das hättest du auch so haben können“, erwiderte sie. „Wenn du dich angemessen verhalten hättest.“
Der Zentaur schwieg, ging jedoch nicht fort. Auch Mispel blieb, wo sie war. So schwierig es auch war, sie beide verband etwas. Sie hatten eine Vereinbarung getroffen, die sie aneinander kettete, so lange, bis einer von ihnen starb. Mispel wusste nicht, ob sie das vorher nicht bedacht hatten oder ob es ihnen egal gewesen war. Aber eigentlich war es jetzt auch egal.
Sie zog ihre Decke enger um sich, die Nachtluft war kalt und ohne Bewegung hatten ihre Muskeln keine Möglichkeit, sich zu erwärmen. Vermutlich sollte sie sich anziehen, doch etwas hinderte sie daran, aufzustehen. Vielleicht das Gefühl, dass Zairion noch etwas zu sagen hatte, vielleicht aber auch nur das Schweigen zwischen ihnen, das weder unangenehm noch schwer war.
Irgendwann spürte sie, wie Zairion sich neben ihr bewegte und sich erhob. Sie dachte schon, er wollte gehen, doch er brachte ihr nur ihre Kleidung, drehte sich um und wartete, bis sie sich angezogen hatte.
„Danke“, sagte sie leise, als er sich wieder neben sie legte. Er erwiderte nichts.
Mispel betrachtete ihn und überlegte, was sie tun sollte. Ob sie überhaupt etwas tun sollte oder ob das nur die Stimmung zerstören würde. Andererseits war ihr kalt, sogar ziemlich. Ihre dünne Kleidung half nicht viel und die Wärme, die der Köper neben ihr ausstrahlte, war zu verlockend.
Die Amazone beschloss, das Risiko einzugehen und rückte näher an den Zentauren heran, bis sie sich schließlich anlehnen konnte. Ihre Finger glitten sanft über das seidige Fell auf seinem Pferdekörper und sie spürte, wie eine angenehme Ruhe über sie kam.
Was ein bisschen Wärme und gleichmäßige, ruhige Bewegungen doch ausrichten konnten.
Zairion war kurz davor gewesen, aufzuspringen, doch er hatte sich im letzten Moment beherrscht. Ganz egal, wie ruppig sein Verhalten sonst wirken mochte, er wollte die Amazone nicht vertreiben. Er hatte ihre Gesellschaft schließlich nicht umsonst gesucht.
Als die Bewegungen ihrer Hände schließlich irgendwann verebbten und ihr Atem gleichmäßig und ruhig war, schloss Zairion Mispel vorsichtig in seine Arme, stand auf und brachte sie zu seiner Hütte. Selbst in Begleitung einer Amazone war es ihm verboten, ihr Dorf zu betreten und er wollte nicht riskieren, sie durch das Rufen nach einem Einhorn zu wecken. Es war besser, wenn sie für die Nacht bei ihm blieb und in Frieden schlafen konnte.
Sacht legte er sie auf seine Pritsche und machte es sich selbst auf dem Boden daneben so bequem wie möglich, nachdem er so leise wie er konnte ein Feuer gemacht hatte. Er war zwar nicht müde, aber Mispel sollte nicht aufwachen, nur, weil er nicht schlafen konnte.
„Zai“, murmelte Mispel im Schlaf.
Der Zentaur lächelte und strich der Amazone liebevoll über die Haare. Zai. So hatte ihn noch niemand genannt. Hoffentlich wachte Mispel jetzt nicht auf, es würde schwer werden, zu erklären, wieso er ihr so nah war. Und wie er es sich erlauben konnte, sie einfach so zu berühren.
Aber die Amazone schlief weiter, griff nur nach seiner Hand und hielt sie fest. Zairion wagte es nicht, seine Hand zurückzuziehen, aus Angst, sie zu wecken. Ihm wurde bewusst, wie weh er der kleinen Amazone getan haben musste, als er so abweisend zu ihr gewesen war. Und warum Feder sie behütete wie ihr eigenes Fohlen.
Mispel war anders als alle anderen, er hatte das Gefühl, dass sie nicht wirklich zu den anderen Amazonen passte. Dass sie sanftmütiger war als ihre Schwestern. Nicht so von den Regeln und Ritualen verblendet, von den Idealen, die seit Anbeginn der Zeit vorherrschten. Zairion hatte ihr großes Unrecht getan. Sie hatte nach einem Freund gesucht, und alles, was er ihr gegeben hatte, waren Ablehnung und Kälte, aus Angst, dass er seine jährliche Schande erneut durchleben musste. Aber Mispel hatte nichts dergleichen getan, sondern sich nur traurig zurückgezogen. Und Zairion hatte es nicht über sich gebracht, sich angemessen zu entschuldigen.
Ein Holzscheit knackte und Mispel schlug die Augen auf.
„Zairion?“, fragte sie verschlafen, ließ seine Hand jedoch nicht los. Vielleicht merkte sie nicht mal, dass sie sie noch festhielt. „Ist was passiert?“
Müde setzte sie sich auf und streckte sich. Als ihr bewusst wurde, wo sie sich befand, stand sie hastig auf.
„Ich muss nach Hause“, sagte sie. „Feder macht sich bestimmt Sorgen um mich.“
Der Zentaur trat einige Schritte zurück, um die Amazone nicht zu behindern. Er gab es nicht gerne zu, aber er wünschte sich, dass sie bleiben würde. Wenigstens noch bis zum Morgengrauen. Doch ihm stand es nicht zu, einen Wunsch dieser Art zu äußern. Oder war es genau das, was sie von ihm hören wollte? Einen Versuch war es wert, noch mehr in Ungnade fallen konnte er nicht.
„Sie wäre bestimmt schon längst hier, wenn sie nicht wüsste, wo du bist“, wandte er ein, bevor er sich ein Herz fasste. „Bleib über Nacht hier“, bat er. „Oder lass mich dich zurück bringen. Aber lass mich noch ein wenig in deiner Gesellschaft verweilen. Bitte.“
Mispel starrte erst ihn an, dann ihre Hand, die seine so unbewusst festgehalten hatte. Sie wollte ihn fragen, woher dieser plötzliche Sinneswandel kam, aber die Antwort stand ihm ins Gesicht geschrieben. Zairion war einsam. Und er spürte, dass sie es auch war.
„Gerne“, sagte sie leise und lächelte scheu. „Danke für deine Gastfreundschaft.“
Mispel zögerte, doch dann legte sie sich wieder in das Bett, das er ihr hergerichtet hatte und sah ihn an. „Kommst du?“, fragte sie, und er legte sich folgsam daneben auf den Boden, wie vorher. Es gab bequemere Arten zu schlafen, aber er wollte die Amazone nicht bedrängen. Seine Amazone. Vielleicht. Wenn sie es zuließ.
„Ist das nicht furchtbar ungemütlich da unten?“, fragte Mispel und überlegte kurz, bevor sie sich neben ihn auf die Matte setzte.
„Ich möchte nicht, dass du meinetwegen auf dem Boden liegen musst“, sagte sie. „Wenn, dann schlafen wir beide hier.“
Die Amazone sah ihn prüfend an und kuschelte sich dann an seiner Seite ein. „Gute Nacht, Zairion“, murmelte sie. „Und geh nicht weg, ja?“
Der Zentaur stutzte kurz, lächelte dann aber. „Werde ich nicht“, versprach er und legte vorsichtig einen Arm um Mispel. „Ich bin da, wo ich immer sein sollte.“
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