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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
30
29.410
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08.12.2018 1.328
 
Wie üblich verbrachte Elinnar Weihnachten im Archiv. Kain, der Blutsauger aus der Buchhaltung, hatte sie mit seiner ungesunden Arbeitsmoral angesteckt, was letztlich bedeutete, dass sie immer dann arbeitete, wenn sie zu Hause nichts Besseres zu tun hatte. Also praktisch immer. Dass sie noch nicht im Archiv übernachtete und sich häuslich eingerichtet hatte, wunderte sie mittlerweile selbst.
Kain, dem sie häufiger spät nachts über den Weg lief, wenn sie beide endlich Feierabend machten, hielt es allerdings nicht mal für nötig, sich mit ihr zu unterhalten.
Elinnar hatte selbst keine Ahnung, wieso sie sich zu diesem staubtrockenen, unterkühlten und überkorrekten Mann hingezogen fühlte, aber ändern konnte sie diese Tatsache zu ihrem Leidwesen auch nicht. Und anstatt zu Hause über ihn nachzudenken, arbeitete sie lieber und lief ihm dabei regelmäßig über den Weg, nur, um mit einem kurzen Nicken abgespeist zu werden.
Es war wirklich frustrierend, vor allem, weil es schon zwei Jahre so ging. Wenn sie das jemandem erzählt hätte, hätte man sie vermutlich für verrückt erklärt und gefragt, wieso sie sich nicht jemand anderen suchte. Aber tatsächlich wollte Elinnar niemand anderen.
Während sie die Akten einsortierte, fiel ihr Blick immer wieder auf die Dose mit den Keksen, die sie eigentlich für Kain gebacken und mitgebracht hatte, doch sie traute sich nicht, zu ihm in sein Büro zu gehen und ihm das Geschenk zu geben. Dabei konnte eigentlich nichts passieren, er konnte ihr nicht einmal versäumte Arbeitszeit anrechnen, da sie ohnehin Überstunden machte.
Das Klingeln des Telefons riss Elinnar aus ihren Gedanken.
Sie nahm ab. „Hallo?“, fragte sie.
„Kommen Sie in mein Büro.“ Aufgelegt.
Was war denn jetzt los? Hatte Kain eine Akte gefunden, die sie falsch einsortiert hatte? Gab es Ungereimtheiten bei irgendetwas?
Sie seufzte. Nun, wenn er sie schon in sein Büro zitierte, dann konnte sie die Kekse auch gleich mitnehmen. Schlimmer konnte es ja eigentlich nicht mehr werden.
Elinnar nahm die Treppen nach oben, dem Fahrstuhl traute sie nur bedingt und an eigentlich freien Tagen noch weniger. Sie wollte nicht riskieren, steckenzubleiben, außerdem konnte sie die Begegnung mit Kain so noch ein wenig hinauszögern.
Doch auch die Treppen waren endlich und schließlich stand sie vor seiner Tür. Elinnars Herz klopfte unangenehm in ihrer Brust. Sie versuchte, es mit tiefem Durchatmen zu beruhigen, doch das half auch nichts. Also klopfte sie einfach an, bevor sie letztlich noch der Mut verließ.
„Herein!“, rief Kain.
Elinnar betrat das Büro, das auf sie immer so entsetzlich steril wirkte, vor allem, wenn sie es mit ihrem Arbeitsplatz im Archiv verglich, wo sie dem ganzen Staub überhaupt nicht Herr werden konnte. Dass sie den ganzen Dreck abends überhaupt noch von ihrem Körper waschen konnte, grenzte schon an ein Wunder.
„Was gibt es?“, fragte sie freundlich und versteckte die Kekse hinter ihrem Rücken, für den Fall, dass sie sich doch nicht traute, sie ihm zu geben.
„Warum sind Sie heute hier?“, fragte Kain und sah sie streng an.
Elinnar schluckte. Himmel, dieser Mann konnte einem Angst einjagen, egal, ob er es darauf anlegte oder nicht.
„Es ist doch nur ein Tag wie jeder andere“, versuchte sie, sich herauszureden. Sie musste ihm ja nicht unter die Nase binden, dass sie erstens niemanden hatte, mit dem sie Weihnachten verbringen konnte und sie zweitens gerne in seiner Nähe war.
„Das mag auf mich zutreffen, aber auf Sie ganz bestimmt nicht“, sagte er. „Sie haben doch bestimmt Freunde oder Familie, mit denen Sie die Feiertage verbringen wollen. Nur, weil ich hier bin, sollten Sie sich nicht verpflichtet fühlen, ebenfalls zu arbeiten. Genießen Sie die freie Zeit, Elinnar. Sie brauchen eine Pause. Und verdient haben Sie sie sich sowieso.“
„Kann es sein, dass Sie mir einfach keine Überstunden bezahlen wollen?“, rutschte es Elinnar heraus. So kannte sie Kain überhaupt nicht, er wirkte fast, als würde er sich Gedanken um sie machen.
Kains Blick wurde hart.
„Dann würde ich Ihnen die Stunden einfach nicht ausbezahlen“, antwortete er und Elinnar schrumpfte ein wenig in sich zusammen.
„Tut mir leid“, murmelte sie. „Ich rede schon so wenig mit den anderen Kollegen, aber irgendwie scheinen sie trotzdem auf mich abgefärbt zu haben.“
Er zog die Augenbrauen nach oben.
„Die Kollegen, die versucht haben, mir ihre verlängerte Mittagspause als Überstunden zu verkaufen? Nun, gut möglich, dass sie jetzt versuchen, mich bei den anderen Angestellten in Verruf zu bringen, es ist ihr gutes Recht. Und meines ist es, finanziellen Schaden von diesem Museum abzuwenden.“
„Tut mir leid“, wiederholte Elinnar, kratzte ihr letztes bisschen Mut zusammen und stellte Kain die Dose mit den Keksen auf den Tisch. „Fröhliche Weihnachten. Ich mache dann mal Feierabend, wie Sie gesagt haben … machen Sie nicht mehr zu lang. Sie haben die Pause noch nötiger als ich.“
Kain betrachtete die Dose neugierig.
„Was ist das?“, fragte er. „Abgesehen von dem Offensichtlichen, natürlich.“
„Ein Weihnachtsgeschenk“, antwortete Elinnar kleinlaut. „Sie haben die letzten Jahre immer an Weihnachten gearbeitet, also dachte ich, Sie bekommen keine Geschenke. Das wollte ich dieses Jahr ändern, also habe ich Ihnen Kekse gebacken. Ich hoffe, Sie schmecken ihnen. Sie krümeln auch nicht so stark und es ist nichts dran, was großartig klebt, also können Sie sie einfach so nebenbei essen, dann nehmen Sie wenigstens etwas zu sich. Ich kann Ihnen ja nicht immer Mittagessen schicken.“
„Sie waren das?“, fragte Kain erstaunt. Hatte er Elinnar doch zu hart angefasst? Natürlich, er war dafür berüchtigt, jeden Antrag auf Überstunden genau zu prüfen und sehr geizig mit dem Budget des Museums umzugehen. Dass die Angestellten da redeten, verstand sich von selbst. Abr im Ggnasatz zu dn meisten von ihnen, war Elinnar stets freundlich zu ihm gewesen. Und jetzt stellte sich heraus, dass sie dafür gesorgt hatte, dass er etwas zu Mittag aß, wenn er selbst mal wieder vergessen hatte, sich etwas mitzunehmen oder schlicht die Pause durcharbeitete.
„Waren der Kaffee und der Tee auch von Ihnen?“, fragte er, stand auf und zog den Stuhl auf der Besucherseite seines Schreibtisches hervor. Dann bedeutete er Elinnar, sich zu setzen.
Sie fühlte sich, als ob ihr letztes Stündlein geschlagen hätte, obwohl Kains Blick weicher geworden war und er nun ein wenig zugänglicher erschien. Dennoch traute sie dem Frieden nicht.
„Ja“, gestand sie fast unhörbar. „Irgendjemand muss sich doch schließlich darum kümmern, dass Sie nicht zusammenbrechen. Und wenn es sonst niemand tut … ich jedenfalls möchte keinen neuen Buchhalter haben. Für gewöhnlich habe ich für ihre Arbeit volles Verständnis und finde es ungerecht, wenn man Sie für die klammen Kassen des Museums verantwortlich macht. Sie machen schließlich nur Ihren Job und geben Ihr Bestes. Und dass Sie es geschafft haben, dass alle Angestellten hier ihre Stellen behalten können, sollte eigentlich für sich sprechen.“
Kain öffnete die Keksdose und nahm sich ein Plätzchen heraus, allerdings nur, um das Schweigen zu überbrücken. Er wusste nicht, was er sagen sollte, normalerweise unterhielt er sich mit anderen Kollegen, schon gar nicht über sich oder seine Arbeit. Die meisten, die zu ihm kamen, wollten nur über das Geld reden, Elinnar war die einzige, die ihn auf Ungereimtheiten aufmerksam machte oder über zweifelhafte Verträge informierte, wenn sie darauf stieß. So hatte sie dem Museum schon mehrfach viel Geld gespart. Und jetzt stellte er fest, dass er das niemals wirklich honoriert hatte, nicht einmal ein Danke war es ihm wert gewesen. Genausowenig wie die Tatsache, dass sie ihm immer Gesellschaft leistete, wenn er länger blieb, zwar an ihrem Arbeitsplatz im Keller, aber es war dennoch ein schönes Gefühl, nicht ganz alleine zu sein.
„Danke“, sagte er schließlich, seufzte innerlich und gab sich dann einen Ruck. „Machen wir Feierabend. Kommen Sie, ich bringe Sie nach Hause.“
Elinnar stand auf und überlegte, ob sie nicht noch einen Schritt weitergehen sollte, wenn er ihr schon anbot, sie zu begleiten. Aber mehr als feuern konnte er sie nicht, also warum es nicht riskieren?
Bevor sie ihre Meinung ändern konnte, hatte sie schon Kains Hand genommen und gefragt: „Wollen Sie nicht den Abend bei mir bleiben? Immerhin ist Weihnachten … und allein können wir auch zusammen sein.“
Zu ihrer Überraschung lächelte Kain sie an.
„Das wäre nett“, antwortete er.
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