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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
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08.12.2019 1.500
 
„Es war so klar, dass das ausgerechnet heute passieren muss“, knurrte Leo und sah nach draußen.
Mitten in dem vor kurzem hereingebrochenen Schneesturm waren die Umrisse einiger der Wesen zu sehen und innerhalb kurzer Zeit kamen weitere hinzu. „Dabei wollten wir doch nur die restlichen Geschenke holen ...“
Wenigstens hatten sie die Pferde nicht dabei, sie bei dieser Witterung draußen zu lassen, hätte sie nicht übers Herz gebracht.
„Meinst du, die anderen feiern ohne uns?“, fragte Kilian, während er die Fenster verhängte.
Leo starrte ihn an.
„Klar“, sagte sie dann. „Sie werden sich überhaupt keine Sorgen machen und sich die schlimmsten Dinge ausmalen, was mit uns passiert sein könnte. Ganz bestimmt feiern sie ganz entspannt Weihnachten.“
Hatte er wirklich noch den Finger in die Wunde legen müssen? Leo hatte ohnehin schon riesige Gewissensbisse, weil sie den anderen das Fest verdarb. Ganz davon abgesehen, dass sie selbst jetzt kein Weihnachten feiern konnte. Keine Lieder, kein Baum, kein nettes Beisammensein. Nur sie und Kilian, gemeinsam in diesem geplünderten Supermarkt, in dem sie ihre Geschenke versteckt hatten.
Lilli hatte sich die ganze Mühe mit dem Abendessen umsonst gemacht, weil keiner es würde genießen können. Und sie beide saßen hier mit Wasser, Äpfeln und Zwieback.
„Verdammt!“, fluchte Leo und schlug wütend gegen eins der Regale, dass es nur so schepperte.
Kilian sah sie nur unbeeindruckt an.
„Sag mir bescheid, bevor du uns umbringen willst“, sagte er. „Nur, damit ich mich drauf einstellen kann.“
„Ach, lass mich doch in Ruhe!“
Leo wischte sich über die Augen und versuchte, die kommenden Tränen zurückzuhalten. Schon, als die Welt noch in Ordnung gewesen war, war Weihnachten immer ein sensibles Thema gewesen. Und jetzt, wo sie trotz aller Schwierigkeiten etwas auf die Beine gestellt hatten, etwas, das wirklich den Geist von Weihnachten in sich trug, saßen sie hier draußen fest, in einem immer kälter werdenden Supermarkt und nicht sicher, ob sie die Nacht überhaupt überleben würden.
Kilian lag schon eine bissige Bemerkung auf der Zunge, doch er versuchte, sich zu beruhigen.
Leo und er hatten in letzter Zeit ihre Probleme gehabt, aber das war kein Grund, die Situation noch schlimmer zu machen oder sie zu verletzen.
„Tut mir leid“, sagte er deswegen. „Ich wusste nicht, dass dir Weihnachten so wichtig ist.“
Leo nickte knapp und setzte sich auf den Boden.
„Haben wir hier irgendwo Decken oder sowas?“, fragte sie. „Es ist verdammt kalt.“
„Ich gehe nachschauen“, meinte Kilian. Er hoffte, dass die Überlebenden aus der Gegend bei ihren Streifzügen vielleicht nicht daran gedacht hatten, dass es in jedem Jahr auch einen Winter gab und deswegen Decken und ähnliches vernachlässigt hatten. Er selbst hatte auch nur wegen Leo im Sommer daran gedacht.
Er fand drei noch original verpackte Kuscheldecken und hoffte, dass das reichen würde. Idealerweise hätten sie im Auto übernachtet, aber der Weg dorthin war bei den momentanen Sichtverhältnissen zu gefährlich.
„Hier“, sagte er und reichte sie ihr. „Wenn das nicht genug ist, kannst du meine Jacke haben.“
„Damit du erfrierst?“, fragte sie. „Danke.“
„Ich erfriere schon nicht“, erwiderte Kilian und setzte sich neben sie.
Im Supermarkt herrschte jetzt fast schon völlige Dunkelheit. Leo hatte sich in eine Decke gewickelt und schaute einfach nur geradeaus.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Kilian in die Stille hinein.
„Keine Ahnung“, seufzte Leo. „Das Festessen genießen?“
„Sehr witzig“, sagte Kilian. „Hey, ich weiß, dass dich das mitnimmt, aber ich kann doch auch nichts dafür. Können wir uns nicht einfach ... einen schönen Abend machen? Im Rahmen der Möglichkeiten, versteht sich.“
„Und wie soll das gehen? Wir haben keinen Baum, kein Essen, keine Geschenke ... und keine Freunde oder Familie bei uns. Wie können wir uns da einen schönen Abend machen?“
„Ich bin hier, oder?“, meinte er und versuchte, nicht verletzt zu klingen. „Bin ich kein Freund?“
„Du weißt, wie das gemeint war“, seufzte Leo.
„Außerdem haben wir Geschenke. Die, die hier deponiert waren.“
„Das ist nicht das gleiche. Und ich mag deine Gesellschaft, Kilian. Aber ... du hast es doch selbst gesagt, wir sind in der letzten Zeit nicht gut miteinander ausgekommen.“
„Und was hindert uns daran, uns jetzt auszusprechen? Ich meine, es ist ja nicht so, als ob wir etwas anderes zu tun hätten, oder?“
„Bin nicht in der Stimmung.“
Kilian seufzte leise und setzte sich dann neben Leo.
„Kannst du mir wenigstens sagen, was ich falsch gemacht habe?“, bat er. „Als wir uns getroffen haben, war doch alles gut ... aber seit ein paar Wochen, seit wir unsere Ruhe haben ... geht alles den Bach runter. Und ich habe das Gefühl, dass es irgendwie mit mir zu tun hat. Mit Balu ist noch alles wie vorher, also ... muss es an mir liegen. Oder?“
„Wir haben doch damals über Extremsituationen gesprochen“, erwiderte sie. „Das ist genau das, was ich meinte. Wenn sich alles normalisiert ...“ Sie zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid.“
„Dann bin ich dir nur zu aufdringlich?“, fragte Kilian.
„Ich bin gerade einfach nur genervt, okay?“
Leo wollte nicht darüber reden. Darüber, dass die ganze Situation an ihren Nerven zerrte, dass sie es hasste, Lilli Sorgen zu bereiten, dass sie es hasste, sich gefühlt die ganze Zeit um alles kümmern zu müssen, was nicht gerade in Balus und Leandas Aufgabenbereich fiel, und dass es sie fertigmachte, in dieser Zeit an ihre Familie denken zu müssen, die mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr lebte. Ganz zu schweigen von ihrem Nachbarn, der ihr letztes Jahr um diese Zeit eine kleine Pflanze geschenkt hatte, die sie bei ihrem Aufbruch hatte zurücklassen müssen.
Kilian ließ sich davon nicht abschrecken, er hatte schließlich nichts mehr zu verlieren. Schlimmer als jetzt konnte es nicht werden.
„Kann ich irgendwas tun, um deine Laune wenigstens etwas zu heben?“, fragte er. „Und sei es nur, da raus zu gehen und mich fressen zu lassen.“
Sie sah ihn böse an.
„Darüber macht man keine Scherze, das weißt du“, sagte sie. „Wir haben beide zu viele Menschen verloren. Glaubst du, deiner Mutter hätte sowas gefallen?“
„Immerhin liegt dir noch ein bisschen an mir“, sagte er, wobei der Kommentar über seine Mutter durchaus gesessen hatte. Er hatte nicht nachgedacht, und die Quittung war nur recht und billig gewesen.
„Natürlich, was dachtest du denn?“, fragte Leo. „Dass du mir egal bist?“
„Sowas in der Richtung, ja“, gab Kilian zu.
Jetzt plagte sie das schlechte Gewissen.
„Tut mir leid“, murmelte sie. „Ich bin nur ... einfach mit der gesamten Situation überfordert.“
Jetzt hatte sie es doch gesagt, aber Kilian erwiderte nichts, sondern stand auf, überprüfte die Fenster und ging dann in den hinteren Teil des Supermarktes.
Leo traute sich nicht, ihn zu fragen, was er denn dort wolle, sondern blieb einfach sitzen und versuchte, herauszufinden, ob die Dinger dort draußen wusste, dass sie hier drin waren, oder nicht.
Als Kilian zurückkam, hatte er einen Stapel Geschenke bei sich, außerdem Kerzen.
„Die sehen das nicht“, sagte er, als er Leos Blick bemerkte. „Hier, die hab ich extra für dich versteckt.“ Er reichte ihr eine Packung Spekulatius. „Du sagtest mal, dass du sie magst, also ... nun, ich dachte, für den Fall, dass die Kinder und mein Bruder alles wegfuttern ...“
„Danke“, sagte sie überrascht. Eigentlich hatte Leo nicht damit gerechnet, dass er diese Bemerkung überhaupt zur Kenntnis genommen hatte.
Kilian lächelte.
„Gerne doch. Nimm es als Teil deines Weihnachtsgeschenkts.“
„Da kommt noch mehr?“
„Natürlich, was dachtest du denn? Vor allem, wenn wir eigentlich die freie Auswahl haben bei dem, was wir verschenken können. Nicht, dass ich mir deswegen weniger Mühe gegeben hätte, aber ... nun, es gibt jetzt mehr Möglichkeiten.“
„Wieso machst du das?“
Leo hatte die Frage gestellt, ohne wirklich darüber nachzudenken. Warum sollte Kilian das schon tun? Er mochte sie, Punkt. Und sie ihn ja eigentlich auch.
„Ich mag dich“, sagte er da auch schon. „Und ich hatte gehofft, dir damit eine kleine Freude machen zu können. Weißt du ...“ Er schaute an die Decke. „Ich mag dir wie ein Bruder Leichtfuß erscheinen, aber ... eigentlich versuche ich nur, mit der Situation klarzukommen, damit du es nicht musst. Ob ich damit jetzt so erfolgreich war, sei mal dahingestellt, aber ... ich habe nur gesehen, wie du dich abkämpfst, kaum noch jemanden an dich heranlässt ... und ich dachte, ich könnte wenigstens etwas Optimismus verbreiten. Dafür sorgen, dass du das nicht tun musst.“
„Das ist lieb von dir.“ Ein schwaches Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Und das, obwohl ich wirklich nicht nett zu dir war ...“
„Dafür sind Freunde doch da, oder?“, fragte Kilian und nahm Leos Hand. „Sag mal ... darf ich mir was von dir wünschen?“
„Darfst du ... ob ich es erfüllen kann, ist eine andere Frage“, erwiderte Leo.
„Rede mit jemandem, wenn du das Gefühl hast, dass es zu viel wird. Am liebsten mit mir, aber ... ich würde mich schon freuen, wenn du nicht alles in dich hineinfrisst. Okay?“
Im sanften Schein der Kerzen sah Leo die aufrichtige Sorge in Kilians Augen.
Sie drückte seine Hand leicht und sagte: „Okay. Ich werde es versuchen.“
Er lächelte.
„Danke. Wirklich. Das bedeutet mir viel.“
Leo nickte nur, bevor sie sich aus einem Impuls heraus zu ihm beugte und ihn auf die Wange küsste.
„Frohe Weihnachten, Kilian.“
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