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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
30
29.410
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Dieses Kapitel
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04.12.2019 938
 
„Josua! Hör endlich auf zu schmollen und komm nach unten!“
Leo stand unten an der Treppe und hatte die Hände in die Hüften gestemmt.
Die anderen waren aufgebrochen, um in der Stadt plündern zu gehen, sie und Josua waren damit betraut worden, im Haus für Ordnung zu sorgen.
Nur, dass Josua nicht zum Frühstück erschienen war und sich in seinem Zimmer verbarrikadiert hatte.
Er antwortete nicht, also machte sich Leo auf den Weg nach oben. Sie würde nicht die ganze Hausarbeit alleine machen. Josua mochte zwar blind sein, aber das war keine Entschuldigung.
Ohne anzuklopfen ging sie in sein Zimmer und fand ihn auf seinem Bett liegend vor.
„Josua! Beweg endlich deinen Hintern und hilf mir!“
„Bei was kann ich dir schon helfen?“, fragte er und Leo seufzte. Diese Phase also.
„Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du ein nützlicher Teil der Gruppe bist?“, fragte sie. „Und als solcher hast genauso Pflichten wie jeder andere auch.“
„Trotzdem kann ich dir nicht helfen. Ich bin für so eine Welt nicht gemacht.“
Sie war kurz davor, sich die Haare zu raufen. Das konnte doch einfach nicht wahr sein!
„Okay“, sagte sie und atmete tief durch. „Okay. Was kann ich tun, um dich davon zu überzeugen, dass ich deine Hilfe brauche? Verdammt noch mal, ich kann nicht alles alleine machen!“
„Dann hättest du mich damals zurücklassen sollen, Leo. Ich habe dir gesagt, dass ich nicht mit dir mitgehen will, aber du wolltest ja nicht hören. Blind zu sein bedeutet in dieser Welt praktisch dein Todeurteil.“
„Aber du bist nicht tot, sondern Teil einer Gruppe, also hör auf, dich wie ein Arschloch zu benehmen und hilf endlich!“
Leo hatte genug, sie hatten genug Probleme, auch ohne Josua.
„Ein Arschloch?“ Josua setzte sich auf. „Das ist das erste Mal, das mich jemand so nennt.“
„Na, da hast du aber Glück gehabt, denn so, wie ich dich kennengelernt habe, warst du nie etwas anderes!“
Sie drehte sich um und verließ Josuas Zimmer. Machte sie die Hausarbeit eben alleine, Josua würde ohnehin nur im Weg stehen.
Balu und Fabian hatten am Morgen frisches Wasser geholt, sodass sie jetzt wenigstens das Geschirr spülen konnte. Die Kleidung wusch sie lieber separat am Fluss, hier war nirgendwo Platz für ein Waschbrett.
„Gott, ich vermisse meine Spülmaschine“, murmelte sie. „Meine armen Hände ...“
„Komm her, ich mach das“, sagte Josua, der ihr wohl unbemerkt gefolgt war. „Du machst dir noch deine Hände kaputt. Wenn sie wehtun, kannst du nicht kämpfen.“
„Und das interessiert dich, weil?“, fragte Leo und spülte unbeirrt weiter.
„Ich bin kein Arschloch.“
Leo trocknete sich die Hände ab und drehte sich zu Josua um.
„Ach nein?“
„Nein.“
„Und was hat diesen Sinneswandel herbeigeführt?“
Josua seufzte.
„Reicht es nicht, dass ich jetzt hier bin? Musst du auch noch ein tiefschürfendes Gespräch führen wollen? Also. Ich spüle, und wenn noch was dreckig ist, sagst du bescheid. Okay?“
Leo war kurz davor, aus Trotz abzulehnen, aber sie war froh nicht mehr spülen zu müssen, also sagte sie nur: „Okay.“
Sie drückte Josua den Spülschwamm in die Hand und nahm sich das Handtuch.
Schweigend kümmerten sie sich um das Geschirr, bis alles sauber war.
„Danke“, sagte Leo, als sie alles fortgeräumt hatte. „Und? Meinst du immer noch, keine Hilfe zu sein?“
„Ja“, erwiderte Josua. „Aber ich bin auch kein Arschloch.“
Leo seufzte.
„Okay. Tut mir leid. Du bist kein Arschloch. Danke für deine Hilfe.“
Josua nickte.
Und nun?, dachte Leo. Standen sie schweigend in der Küche. Josua machte keine Anstalten, wieder nach oben zu gehen oder sich sonst wie von der Stelle zu bewegen.
Hatte sie noch irgendwas zu tun? Inventur machen? Die Wäsche konnte sie mit Josua nicht waschen, dabei konnte er ihr tatsächlich nicht helfen.
Aber Inventur. Das war eine Möglichkeit.
„Kannst du mir bei der Inventur helfen?“, fragte Leo. „Mir Gesellschaft leisten würde schon reichen.“
Josua seufzte.
„Von mir aus“, sagte er. „Wo fangen wir an?“
„Wie wäre es mit den Büchern?“, fragte sie. Möglicherweise konnte sie ihn damit ködern.
„Meinetwegen.“
Leo ging an Josua vorbei, hinauf in ihre „Bibliothek“, wie sie ihr Bücherzimmer nannten. Sie hatte zwar keine Ahnung, wie Balu, Florian und Lilli es geschafft hatten, diese Unmengen an Büchern in ihr Haus zu schaffen, aber sie war dankbar dafür. Immerhin hatten sie so etwas zu tun.
„Wo sind eigentlich die Kinder?“, fragte Josua, als er sich zu einem Sitzkissen vorgetastet hatte. „Die wären doch bestimmt nützlicher als ich.“
„Nein, wären nicht, sie könnten mir bestimmt nicht so viel über die Bücher hier erzählen. Also, wonach soll ich sie ordnen? Autorname, Titel, Genre, Erscheinungsjahr, Farbe?“
„Titel?“, schlug Josua vor. „Oder nein ... Autorname. Dann findet man die Bücher leichter. Tut mir leid, ich hab nicht nachgedacht.“
„Okay.“
Stumm begann Leo, die Bücher zu sortieren und warf ab und zu einen Titel in den Raum, doch zu keinem ließ Josua mehr als zwei Sätze fallen.
Als sie schließlich fertig war, war der Tag gerade mal halb um und die anderen waren noch nicht vom Plündern zurück.
„Lässt du mich jetzt wieder in mein Zimmer zurück?“, fragte Josua.
„Von mir aus“, erwiderte Leo. „Dann geh halt.“
Sie nahm sich ein Buch und setzte sich in eine Ecke, um zu lesen, während sie darauf wartete, dass Josua ging.
Stattdessen blieb er in der Tür stehen, den Rücken zu ihr gewandt.
„Soll ich dir morgen wieder helfen?“, fragte er.
Überrascht sah Leo von ihrem Buch auf. Wo kam das denn her?
„Wenn du möchtest. Ich würde mich freuen“, sagte sie und lächelte. „Übrigens, Josua ... für mich bist du gar nicht nutzlos. Nur, damit du's weißt. Und wehe, du erwiderst jetzt irgendwas. Nimm es einfach hin.“
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