Adventskalender

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
30.11.2018
24.12.2019
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02.12.2019 1.599
 
Teil 1/2


„Es ist wirklich ungewohnt, an Heiligabend keine Geschenke zu öffnen“, sagte Noa und streckte sich auf ihrem Sofa aus. Der Baum, den sie sich geholt hatte, funkelte in seiner Ecke und im Kamin knackte das Holz. Draußen lag sogar Schnee.
„Es ist doch nur eine Nacht mehr“, erwiderte Alister, der gerade mit zwei Tassen Tee aus der Küche kam. „Kannst du es wirklich kaum erwarten?“
Noa seufzte und machte ihm Platz.
„Doch, natürlich. Aber komisch ist es trotzdem. Es ist der 24. Dezember und einfach nur ein ganz normaler Tag ... na ja. Bestimmt gewöhne ich mich irgendwann daran. Danke für den Tee.“
„Was hast du gegen ganz normale Tage?“, fragte Alister und setzte sich. „Wobei ich gestehen muss ... für mich war der ganze Dezember überhaupt nicht normal. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal Weihnachten gefeiert habe ... wirklich gefeiert, meine ich. Und was die ganze Sache am besondersten macht: Du bist da. Und ich glaube nicht, dass ich das jemals als normal ansehen werde.“
Normalerweise hätte Noa gelacht und Alister einen Schleimer genannt, aber er sagte das so ernst, dass sie rot wurde.
„Danke“, murmelte sie. „Und wirklich gefeiert wurde Weihnachten bei uns auch nicht ... aber sobald ich ausgezogen war ... nun. Weihnachten und Halloween, meine Lieblingszeiten. Ich hoffe, ich habe dich mit der ganzen Dekoration nicht erschlagen?“
Noa brauchte dringend etwas zu tun, die Situation machte sie gerade unglaublich verlegen, deswegen griff sie nach ihrer Teetasse und verbrannte sich fast die Finger.
„Im Gegenteil“, erwiderte Alister und lächelte sie an. „Ich finde es ziemlich schön.“ Er nahm seine Tasse an sich. „Was meinst du? Wir trinken den Tee und gehen dann ins Bett? Damit du morgen ganz früh wach bist, um deine Geschenke aufzumachen?“
Noa lachte.
„Klingt nach einem guten Plan“, nickte sie. „Ich sollte nur nicht vergessen, das Feuer zu löschen, sonst geht der Weihnachtsmann noch in Flammen auf. Das wollen wir ja nicht. Es bleibt dabei, dass du dich um das Weihnachtsessen kümmerst? Ich habe noch nie Truthahn gemacht ... oder sonst etwas in der Richtung.“
„Ich auch nicht“, meinte Alister. „Aber ja, es bleibt dabei. Es wird schon irgendwie klappen.“
Noa setzte sich so hin, dass sie sich bequem an Alister lehnen und er einen Arm um sie legen konnte. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten hatten sie doch zusammengefunden und lebten nun schon drei Monate zusammen in Noas Haus. Alisters Haus nutzten sie als Werkstatt, Atelier und Bibliothek, manchmal schrieb Noa auch dort. Aber zum Wohnen war das Haus am Meer einfach schöner, vor allem für Beren und Luthien, die sich nur zu gern als Hundeschnitzel verkleideten.
Im Moment lagen die beiden allerdings friedlich dösend vor dem Feuer und träumten vermutlich von ihrem eigenen Weihnachtsessen.
Als Noa und Alister ihren Tee getrunken hatten, war das Feuer heruntergebrannt. Aus Gewohnheit zündete Noa die Laterne in ihrem Fenster an.
Obwohl Alister und sie nun ein Haus teilten, hielt sie immer noch daran fest.
Es war war für Alister das Zeichen gewesen, dass Noa an seinem Leben teilhaben wollte und da war, wenn er sie brauchte.
Sobald sie im Bett lagen, legte Noa ihre Arme um Alister.
„Gute Nacht“, sagte sie und kuschelte sich an ihn. „Schlaf gut.“
„Du auch“, erwiderte er leise und küsste sie sanft auf die Haare. „Ich liebe dich.“
Er würde einige Probleme haben, sich unbemerkt aus dem Bett zu schleichen, um die Geschenke unter den Baum zu legen, aber er würde es schon irgendwie schaffen. Normalerweise ließ Noa ihn irgendwann im Laufe der Nacht los und drehte sich auf die andere Seite.
Er musste es nur schaffen, solange wachzubleiben.
Natürlich wusste Noa, dass er ihre Geschenke unter den Baum legen würde, aber er wusste, dass sie nicht damit rechnete, dass er mitten in der Nacht aufstehen würde, um sie damit zu überraschen.
Wenigstens fühlte er sich durch den Tee nicht müde und es dauerte auch nicht so lange, bis Noa sich von ihm wegdrehte.
Leise schlich er nach unten und drapierte alles unter dem Baum. Hoffentlich freute Noa sich, er hatte sich zwar Mühe gegeben, aber unsicher war er dennoch. Ob er ihren Geschmack getroffen hatte, ob sie etwas ähnliches nicht vielleicht schon besaß, ob sie damit überhaupt etwas anfangen konnte. Er hoffte einfach auf das Beste.
Als am nächsten Morgen der Wecker klingelte und Noa aufstand, um das Frühstück zu machen, wartete er gespannt im Bett, ob er etwas von ihrer Reaktion mitbekommen würde. Wäre er ihr gefolgt, wäre das viel zu auffällig gewesen.
Lange musste er sich nicht gedulden, sie flog förmlich die Treppe hinauf und ihm in die Arme.
„Du bist unmöglich!“, sagte sie und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke!“
„Was meinst du?“, fragte er, konnte ein Lächeln aber nicht unterdrücken.
„Dass du mitten in der Nacht aufgestanden bist, um die Geschenke unter den Baum zu legen! Und jetzt steh auf, damit ich sie auspacken kann!“
„Willst du nicht erst frühstücken?“, zog er sie sanft auf und Noa machte einen Schmollmund.
„Nein. Ich möchte meine Geschenke auspacken.“
„Dann will ich dich mal nicht länger aufhalten. Darf ich mich noch anziehen oder dauert dir das auch zu lange?“
Noa seufzte.
„Schon gut ... anziehen, Zähne putzen ... wir sind gesittete Menschen. Aber beeilen kannst du dich trotzdem!“
Sie sprang aus dem Bett, lief ins Bad, wusch sich und zog sich an, bevor sie wieder nach unten stürmte. Alister folgte ihr etwas langsamer und ließ die Hunde nach draußen, damit sie sich erleichtern konnten.
Noa hatte inzwischen auch Alisters Geschenke unter den Baum gelegt und sah ihn erwartungvoll an.
„Mach schon auf!“, sagte sie.
„Ich dachte, du wolltest unbedingt deine Geschenke aufmachen?“, erwiderte er amüsiert. „Von meinen war keine Rede.“
„Alister! Sei nicht so fies!“, beschwerte sich Noa. „Mach schon auf!“
Er wollte Noa nicht länger ärgern, außerdem war er ja selbst gespannt, was sie ihm geschenkt hatte. Erwartet hatte er nichts, obwohl er insgeheim natürlich auf etwas gehofft hatte.
Auch Noa konnte es kaum erwarten, bis er das kleine Päckchen endlich geöffnet hatte.
Sie hatte eine kleine Ewigkeit gebraucht, bis sie endlich etwas gefunden hatte, was für Alister geeignet zu sein schien und war nun umso aufgeregter, ob es ihm wirklich gefiel.
Alister hatte das Geschenk vorsichtig geöffnet und hielt nun eine Kette in der Hand, die eine Weltkarte als Anhänger hatte.
Sie war schön, ohne Zweifel, aber wie kam Noa auf so etwas? Er hatte nie Schmuck getragen.
„Danke“, sagte er und versuchte, sich seine Verwunderung nicht anmerken zu lassen.
Noa hingegen entging sie nicht.
„Schau mal genauer hin“, sagte sie und zwinkerte ihm zu. „Umdrehen könnte auch nicht schaden.“
Neugierig folgte er der Anweisung und sah, dass auf der Rückseite Koordinaten eingraviert waren. Allerdings verstand er immer noch nicht, was das alles sollte.
„Vielleicht hilft dir das.“
Noa reichte ihm ein weiteres Päckchen, ebenso klein wie das erste.
„Ich hätte sagen sollen, dass Rätsel mir nicht liegen“, meinte er und öffnete das zweite Päckchen. Es enthielt einen Autoschlüssel.
„Auch auf die Gefahr hin, dass du mich für dumm hältst, aber ... ich verstehe es nicht.“
Nos seufzte. Und da schwamm sie fort, ihre Überraschung.
„Wir machen eine Reise. Du, ich, die Hunde. Unser neues Auto steht bei Sean vor dem Pub. Die Koordinaten auf der Rückseite der Kette sind unser erstes Ziel.“
„Eine Reise?“, wiederholte Alister.
„Ja. Ich dachte, es würde nicht schaden, wenn wir mal ein bisschen von der Welt sehen“, schmunzelte Noa. „Überschwänglich freuen kannst du dich später. In drei Tagen geht es los.“
Alister wusste, dass er Noa enttäuscht hatte, indem er gerade nichts mit dem Geschenk anzufangen wusste, doch irgendwie erschloss sich ihm der Sinn dahinter nicht ganz. Verreisen. Er hatte zu diesem Wort einfach keinen Bezug. Aber vielleicht sollte er sich einfach darauf einlassen, überrascht werden konnte man immer. Und so, wie er Noa kannte, würde sie ihn definitiv überraschen.
„Danke, Noa“, sagte er und lächelte. „Möchtest du deine Geschenke nicht aufmachen?“
„Du willst doch nur davon ablenken, dass du dich nicht freust“, seufzte sie. „Nächstes Jahr frage ich dich einfach, was du dir wünschst. Aber um die Reise kommst du nicht herum. Umtausch ist ausgeschlossen.“
Noa nahm eines der Päckchen an sich, die Alister ihr unter den Baum gelegt hatte.
Es war sehr klein und sehr leicht. Hatte er letzten Endes eine ähnliche Idee gehabt wie sie?
„Soll ich raten oder soll ich es einfach aufmachen?“, fragte sie.
„Es ist dein Geschenk“, erwiderte Alister. „Aber ich würde dir raten, es aufzumachen.“
Vorsichtig löste Noa das Papier und wickelte eine kleine Box aus. Kurz kam ihr der Gedanke, dass es ein Ring sein könnte, aber den verwarf sie wieder. Sie war sich ziemlich sicher, dass Alister ihr auf anderem Weg einen Antrag machen würde.
Als sie es öffnete, kam ein Paar Ohrringe zum Vorschein.
„Alister, was ... die sehen unfassbar teuer aus!“
Er lächelte nur.
„Mach die anderen auf.“
Nach und nach kamen eine Kette, Schuhe, ein Kleid und ein Diadem zum Vorschein.
„Was ... kannst du mir das erklären?“, fragte Noa überfordert.
„Ich fürchte fast, dass du die Reise verschieben musst ... wir haben an Silvester eine Verabredung“, sagte er.
„Was für eine Art von Verabredung?“, fragte Noa. „Gehen wir zum Wiener Opernball? Du weißt doch, dass ich nicht tanze, Alister!“
„Nun ... mit mir schon, oder nicht? Und nein, es ist nicht der Wiener Opernball, keine Angst.“
„Sondern?“
Alister strich Noa eine Haarsträhne hinters Ohr.
„Wie wäre es, wenn du dich überraschen lässt, hm?“
„Und wo findet dieser Ball statt?“
Alister lächelte.
„Lass dich überraschen. Und ich schaue mir die Reiseroute an, vielleicht können wir ja beides miteinander verbinden.“
„Na gut. Ich lasse mich überraschen. Und jetzt lass uns frühstücken, ich habe Hunger.“
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