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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
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29.410
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23.12.2018 1.898
 
Elwen arbeitete natürlich auch an Weihnachten. Einerseits aus Solidarität mit dem Wachpersonal, andererseits deswegen, weil ihre Forschungen sich nicht von selbst erledigten, ihre Mutter lieber in den Süden geflogen war und Elwen somit ohnehin nichts Besseres zu tun hatte. So konnte sie ihre Zeit wenigstens sinnvoll nutzen und sich ein wenig Luft verschaffen. Das war schließlich auch nicht verkehrt.
Natürlich hatte sie überlegt, ob sie die Feiertage nicht gemeinsam mit ihren Schwestern verbringen wollte, doch das wäre irgendwie seltsam gewesen, schließlich kannten sie sich kaum. Da waren ihre Objektbeschreibungen vermutlich die bessere Wahl.
Während sie sich eine Kanne Kaffee kochte, schweiften ihre Gedanken zu John.
Ob er wohl auch arbeitete? Oder hatte er jemanden, mit dem er die Feiertage verbringen konnte?
Elwen gönnte es ihm, aber ein kleiner Teil von ihr wünschte sich, dass dem nicht so war. Vielleicht sollte sie ihm eine Nachricht schreiben und fragen, was er so machte? Andererseits hatten sie sich gerade mal zwei Mal getroffen. Sie kannten sich praktisch überhaupt nicht, da würde es bestimmt sehr komisch wirken, wenn sie ihn nach seinen Weihnachtsplänen fragte.
Genau in diesem Moment vibrierte ihr Handy.
Vermutlich ein Weihnachtsgruß, dachte Elwen. Sie war ja eine der letzten Personen, die noch Karten zum Geburtstag oder zu Weihnachten verschickte.
Doch zu ihrer Überraschung war es eine Nachricht von John, der sie fragte, wie sie denn Weihnachten verbrachte.
„Allein im Museum. Arbeiten“, schrieb sie zurück. „Und du?“
Elwen wartete einige Minuten, doch John antwortete nicht mehr. Seufzend machte sie sich wieder an die Arbeit, unterbrach ihre Recherche nur, um von ihrem Kaffee zu trinken oder sich nachzuschenken. Was hatte sie auch erwartet, dass John sie einlud? So naiv war sie doch sonst nicht.
Einige Zeit später klopfte jemand an ihre Tür.
Elwen vermutete, dass es jemand vom Wachpersonal war, der nachsehen wollte, ob sie noch da war, doch sie wurde überrascht.
„Könntest du bitte die Tür aufmachen? Der Baum ist ein wenig unhandlich!“
Baum? Elwen sprang auf und öffnete die Tür ihres Büros.
Tatsächlich: Da stand ein Baum. Und hinter dem Baum …
„John?“, fragte sie überrascht. „Was machst du denn hier?“
„Mit dir Weihnachten feiern“, antwortete er und beugte sich um den Baum herum, damit er Elwen überhaupt sehen konnte. „Lässt du mich rein? Ich muss auch noch den Baumschmuck holen, das Ding mit Kugeln hier reinzutragen, war mir etwas zu heikel.“
„Baumschmuck?“ Elwen traute ihren Ohren kaum. „Was hast du vor?“
Sie trat zur Seite, um ihn vorbei zu lassen.
Zum Glück war ihr Büro recht groß, auch, wenn sie es nie schaffte, es ordentlich zu halten. Heute hielten sich die losen Papiere und Bücherstapel jedoch in Grenzen.
John wuchtete den Tannenbaum in eine freie Ecke und eilte direkt wieder hinaus, um den noch fehlenden Rest zu holen.
Elwen stand nur wie vom Donner gerührt mitten im Zimmer und war mit der ganzen Situation leicht überfordert.
John ließ sich davon nicht irritieren, als er zurück kam, sondern baute seine Überraschung unbeirrt weiter auf. In kürzester Zeit hatte er den Baum aufgestellt, geschmückt und Elwens Büro dekoriert. Außerdem hatte er Kekse, Lebkuchen, heiße Schokolade, Tee und Christstollen mitgebracht.
Elwen hatte sich langsam wieder gefangen und setzte sich auf ihren Stuhl, um nicht im Weg zu sein.
„So, fertig“, meinte John, als er die Lichterketten einschaltete, die daraufhin Elwens Büro erleuchteten. „Fröhliche Weihnachten, Elwen.“
Er lächelte sie an und sie wusste überhaupt nicht, wie sie reagieren oder was sie sagen sollte. John lachte.
„Bitte entschuldige“, sagte er. „Eigentlich wollte ich dich einladen, aber als du gesagt hast, dass du hier bist, dachte ich, es sei intelligenter, alles hierher zu verlegen. Außerdem konnte ich dich so besser überraschen.“
Er zwinkerte ihr zu.
„Gefällt es dir?“, fragte er, plötzlich ein wenig unsicher, als sie nichts sagte. „Oder habe ich dich zu sehr überrumpelt?“
Elwen schüttelte den Kopf.
„Also, schon“, gab sie zu. „Aber auf die gute Art. Vor allem, weil ich keine Ahnung habe, womit ich so etwas verdient haben könnte. Ich meine, wir sind nur zwei Mal miteinander ausgegangen, von demher …“
Ein Schatten huschte über Johns Gesicht. Nur miteinander ausgegangen? So war das also. Ob er besser wieder gehen sollte? Seine Stimmung hatte gerade einen erheblichen Dämpfer erfahren.
Elwen bemerkte den plötzlichen Umschwung und realisierte, wie sich das Gesagte angehört haben musste.
„So war das nicht gemeint!“, versicherte sie eilig. „Ich wollte nicht sagen, dass es nur Verabredungen waren, sondern, dass es erst zwei Dates waren. Ich kenne niemanden sonst, der so etwas nach zwei Dates auf die Beine gestellt hätte.“
Johns Miene hellte sich wieder auf.
„Dann ist ja gut. Und ich bin der Meinung, dass man das hier durchaus als drittes Date gelten lassen kann, meinst du nicht auch?“
Elwen nickte und lächelte John an.
„Ich mache gerade mal meinen Computer aus und räume die Bücher weg“, meinte sie. Die ganze Zeit über war sie so fasziniert davon gewesen, was John auf die Beine gestellt hatte, dass sie gar nicht mehr an ihren Arbeitsplatz gedacht hatte.
„Ach, John …“, überlegte sie. „Wenn das hier unser drittes Date ist … was hältst du davon, wenn wir bei mir zu Hause ein viertes haben? Bevor meine Mutter verkündet hat, über Weihnachten in die Karibik zu wollen, war der Plan eigentlich, dass ich eine Gans mache, aber das sich jetzt alles geändert hat … jedenfalls, ich wollte fragen, ob du Lust auf ein spätes Gansessen bei mir hast. Oder morgen vorbeikommen magst.“
John grinste.
„Allein dafür hätte sich der Aufwand schon gelohnt“, antwortete er. „Sehr gerne, wobei ich es notgedrungen auf morgen verschieben muss. Denn eigentlich wollte ich dich später noch zu mir entführen und Heiligabend mit Kartoffelsalat und Würstchen ausklingen lassen – alte Familientradition bei uns. Also, das Essen, nicht die Entführung“, fügte er hinzu.
Elwen starrte ihn an.
„Bist du wirklich echt?“, fragte sie. „So jemand wie du darf eigentlich gar nicht existieren, zumindest nicht als Single.“
Verdammt. Elwen biss sich nachträglich auf die Zunge und versuchte, Johns Blick auszuweichen, den sie nicht deuten konnte. Eigentlich hatte sie das gar nicht sagen wollen, nicht in der Situation, in der die beiden sich befanden, aber wie so oft hatte sie schneller geredet als nachgedacht.
John war immerhin Gentleman genug, diese Bemerkung zu übergehen, obwohl er sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte.
„Ich nehme das dann mal als ein Ja, dass ich entführen darf“, sagte er, bevor er eine heiße Schokolade aufsetzte. „Übrigens habe ich den Baum von mir zu Hause mitgebracht, das heißt, wir müssen ihn nachher erst mal wieder abschmücken, in mein Auto verfrachten und ihn dann bei mir wieder aufstellen und noch mal schmücken. Ich hoffe, das macht dir nichts aus?“
Elwen schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht, im Gegenteil! Ich habe bei mir dieses Jahr nicht mal einen Baum, den ich schmücken könnte, da kommt mir das sehr gelegen. Weihnachten ohne einen Baum zu schmücken ist irgendwie kein Weihnachten.“
Sie lächelte John an.
„Vielen, vielen Dank“, sagte sie. „Ich kenne niemanden, der so etwas für mich gemacht hätte.“
„Außer mich“, schmunzelte John. „Gern geschehen, wirklich. Vor allem, wenn du dich so ehrlich freust. Das war mir die Mühe wert.“
Als es draußen dämmerte, schmückten John und Elwen den Baum ab und brachten ihn in Johns Auto.
Elwen verabschiedete sich von den Wachleuten und wünschte ihnen trotz Arbeit frohe Weihnachten. Sie hatte das Gefühl, dass sie ein bisschen erleichtert waren, dass außer ihnen niemand mehr im Museum war. Elwen hegte den leisen Verdacht, dass sie glaubten, sie würde Versuche an Menschen durchführen oder andere, ähnlich grausige, Dinge tun.
Zusammen mit dem Baum und dem ganzen Rest, den John angeschleppt hatte, war es in seinem Auto recht eng, von den dadurch ausgehebelten Sicherheitsbedingungen ganz zu schweigen, doch Elwen war die letzte, die sich wegen so etwas beschwerte. Immerhin würde sie doch noch Weihnachten feiern! Zumindest irgendwie, es würde natürlich nicht das Fest mit ihrer Mutter oder einem Partner ersetzen, aber sie wusste es besser, als sich darüber zu beschweren. John hatte schon so viel für sie getan, da war es nicht fair, wenn sie Ansprüche stellte. Stattdessen wollte sie lieber dankbar sein. Und das war sie ja auch, mehr noch: Sie war glücklich und das Lächeln wollte nicht mehr aus ihrem Gesicht verschwinden.
Allein dafür hat es sich gelohnt, sich die ganze Mühe zu machen, dachte John, als er ihr einen kurzen Blick zuwarf. Für Elwen mochten es erst zwei Dates gewesen sein, aber er hatte sich schon auf der Eröffnungsfeier der neuen Museumsausstellung in sie verliebt. Er hatte sein Glück kaum fassen können, als sie ihm dann als Dank für seine Arbeit noch eine Privatführung angeboten und ihn dann sogar nach einem Date gefragt hatte. Als Polizist hatte er zwar für so etwas weniger Zeit als ihm lieb war, aber er war bei seinen Kollegen beliebt genug, dass er ab und zu auch mal Dienstschichten tauschen konnte. Wie jetzt an Weihnachten zum Beispiel und, wenn heute alles gut ging, auch an Silvester.
„Würdest du mir beim Tragen helfen?“, bat John, als er vor einem Mehrfamilienhaus hielt. „Dann geht es schneller. Ich fürchte, mein Magen möchte nicht mehr lange auf das Abendessen warten.“
Elwen lachte. „Natürlich“, sagte sie. „Solange du den Baum nimmst. Ich arbeite im Museum, ich bin weder stark noch sportlich“, schmunzelte sie. „Dafür sitze ich zu viel an meinem Schreibtisch.“
Die beiden stiegen aus, Elwen nahm sich die Tasche mit dem Baumschmuck und die Kochplatten, außerdem die Getränkedosen, die sicher in einer Baumwolltasche verstaut waren.
Sie folgte John durch das schmale Treppenhaus und fragte sich, wie um alles in der Welt er den Baum hier hochbekommen hatte. Oder eher wieder runter, beim ersten Mal dürfte er noch sicher in einem Netz verpackt gewesen sein.
John reichte Elwen seinen Schlüssel um den Baum herum, damit sie die Tür aufschließen konnte.
„Vorsicht, klemmt ein bisschen“, warnte er vor. „Wenn sie nicht aufgehen will, einfach mal kurz dagegen treten. Aber tu dir bitte nicht weh, ja?“
Elwen schloss die Tür auf und trat wie geheißen dagegen, als sie nicht aufgehen wollte. Schnell trat sie zur Seite, um John und den Baum vorbeizulassen, bevor sie die Tür hinter sich schloss und ihrem Gastgeber ins Wohnzimmer folgte, natürlich nicht, ohne sich neugierig umzusehen.
Die Wohnung sah tatsächlich irgendwie so aus, wie man es von einem Polizisten mit Single-Dasein erwartete, sehr spartanisch und funktional eingerichtet. Das hier war kein Ort, an dem man sich wohlfühlen sollte, sondern nur einer, an dem man schlief oder gelegentlich fernsah, manchmal vielleicht sogar zu Abend aß oder frühstückte.
Für Elwen war es zu unpersönlich, um sich wirklich wohlfühlen zu können.
Als sie das Wohnzimmer betrat, erlebte sie jedoch eine Überraschung: John hatte alles dekoriert, fast schon überladen, aber trotzdem nicht kitschig. Wie ein kleines Weihnachtsparadies.
Fast hätte sie gefragt „Alles für mich?“, aber das war es bestimmt nicht. Selbst nach dem, was John heute alles getan hatte, das wäre selbst für ihn zu viel Aufwand gewesen. Oder?
Ihre Gedanken mussten ihr allerdings ins Gesicht geschrieben stehen, denn John lächelte und sagte: „Gefällt es dir? Es musste ein bisschen schnell gehen, weil mir die Idee erst gestern Abend kam, aber die Geschäfte haben ja glücklicherweise bis 22 Uhr oder länger auf. Ich hatte gehofft, dass du dich darüber freust.“
„Es ist … ich …“ Elwen fiel John einfach um den Hals, bevor sie ihn stürmisch küsste.
Nachdem John seine Überraschung überwunden hatte, erwiderte er den Kuss glücklich und hielt Elwen noch ihm Arm, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten.
„Fröhliche Weihnachten, Elwen“, lächelte er.
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