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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
30
29.410
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21.12.2018 2.420
 
Sehnsuchtsvoll schaute Eosphora auf die Eisfläche. Sie wäre so gerne gelaufen, aber sie wusste, dass es nur alte Wunden aufreißen würde, im wahrsten Sinne des Wortes. Stattdessen stand sie nur an der Bande, trank ihren heißen Brombeerwein und beobachtete das fröhliche Treiben auf der Eisbahn. Sie entdeckte sogar Zacharias, der sich anscheinend eine Pause von seinem Hof gönnte und auf dem Eis gar keine so schlechte Figur machte. Als er Eosphora entdeckte, kam er zu ihr herüber.
„Hallo“, begrüßte er sie und lächelte etwas gezwungen. Sie konnte es ihm nicht verübeln, ihre Begegnungen waren, bis auf eine, bisher eher angespannt verlaufen. Die Tatsache, dass er kontinuierlich eine gewisse Überheblichkeit zur Schau stellte, machte es für Eosphora schwierig, mit ihm auszukommen.
„Hi“, erwiderte sie und wartete ab, ob er sie nur begrüßte oder tatsächlich Interesse an einem Gespräch hatte.
Doch vorerst schnupperte er nur.
„Ist das Brombeerwein?“, fragte er und deutete auf ihre Tasse. „Ich habe ewig gesucht, um Beerenweine zu finden, aber jeder Stand hat nur den normalen Glühwein. Wo hast du den herbekommen?“
Eosphora schob ihm ihre Tasse hin.
„Wenn du möchtest, kannst du den hier haben“, sagte sie. „Ich habe nur zwei Schlucke davon getrunken, die Tasse ist also noch fast voll. Ansonsten … der Stand ist ein wenig versteckt und ziemlich am Ende des Marktes. Ich kann dir den Weg zeigen, wenn du magst. Also, sobald du keine Lust mehr hast, auf dem Eis herumzuschlittern.“
„Das wäre großartig!“, lächelte Zacharias. „Aber sag mal, hast du nicht Lust, mir ein wenig Gesellschaft zu leisten? Ich finde, Eislaufen macht zu zweit einfach mehr Spaß.“
Eosphoras Hände krallten sich förmlich in die Bande.
„Ich glaube, das muss ich ablehnen“, sagte sie. „Ich kann weder auf Rollschuhen noch auf Schlittschuhen zwei Meter geradeaus laufen. Würde ich mich aufs Eis wagen, dürftest du mich ins nächste Krankenhaus bringen, und zwar nach spätestens fünf Minuten. Und darauf habe ich ehrlich gesagt keine Lust.“
Zacharias war sich nicht sicher, ob er ihr wirklich glauben sollte. Den Blick, den sie gehabt hatte, als sie die Leute auf der Eisfläche beobachtete, erinnerte ihn viel zu sehr an sich selbst, wenn er ein Pferd auf einem Turnier sah, dass er notgedrungen hatte verkaufen müssen. Es war die Sehnsucht nach etwas, das man einmal gehabt hatte und das nie wiederkehren würde. Aber er beschloss, sie nicht zu bedrängen. Nicht, wenn die Chance bestand, länger als fünf Minuten freundlich miteinander sprechen zu können.
„Wartest du kurz auf mich?“, bat er. „Ich bin gleich da.“
Eosphora nickte, Zacharias verschwand zwischen den Eisläufern und war zehn Minuten später an ihrer Seite.
„So, da bin ich“, sagte er. „Entschuldige bitte, die Schlange am Rückgabestand war länger als erwartet.“
„Schon gut“, erwiderte Eosphora, froh, endlich von der Eisbahn wegzukommen. Sie nahm ihre Tasse in die Hand und sah Zacharias an. „Also, wollen wir uns dann mal um deinen heißen Brombeerwein kümmern?“, fragte sie.
Zacharias nickte. „Gerne“, sagte er und bot Eosphora testweise seinen Arm an. Sie zögerte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. Er zuckte nur mit den Schultern. Dann eben nicht, es gab Schlimmeres.
Eosphora führte ihn wie versprochen zu dem Stand, der die Beerenweine anbot, gab ihre Tasse zurück und bestellte zwei neue Brombeerweine. Zacharias wartete an einem freien Tisch auf sie.
„Hier, bitte“, sagte sie und schob ihm eine Tasse zu. „Zum Wohl.“ Sie prostete ihm zu.
Zacharias hob die Tasse in ihre Richtung und pustete vorsichtig in die dunkle Flüssigkeit, bevor er genüsslich den Dampf einatmete.
„Danke“, sagte er, als er sich wieder auf seine guten Manieren besann. „Wie viel bekommst du von mir?“
„Passt schon“, erwiderte Eosphora, etwas abwesend. Die Kälte machte den Knochen in ihrem Fuß zu schaffen, sodass sie darauf achten musste, ihn nicht zu sehr zu belasten, wenn möglich, ohne, dass Zacharias etwas merkte.
„Du kannst eislaufen, oder?“, fragte er unvermittelt. Er hatte zu viel mit Lebewesen zu tun, auf die er achten musste, als dass ihm Eosphoras veränderte Haltung entgehen könnte.
Sie war kurz versucht „Das geht dich nichts an“ zu sagen, aber sie beherrschte sich. Er meinte es ja nicht böse, sondern wollte nur ein Gespräch beginnen.
„Ich möchte nicht darüber reden“, erwiderte sie. „Okay?“
Dagegen konnte Zacharias nichts sagen, also nickte er nur, obwohl sich in seinem Kopf einige Fragen bildeten.
Schweigend nippten sie an ihren Tassen und Eosphora begann sich zu fragen, worauf sie sich hierbei eigentlich eingelassen hatte. Sie hatte Zacharias schon abgehakt, als Idioten abgestempelt und sich fest vorgenommen, nie wieder mit ihm zu reden, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ. Und jetzt? Hatte sie all diese Vorsätze mit Füßen getreten, stand mit ihm an einem Glühweinstand und überlegte, wie ein Gespräch zwischen ihnen funktionieren konnte.
„Hast du schon alle Geschenke beisammen?“, fragte Zacharias. „Und Pläne für Weihnachten?“
„Nein und ja“, antwortete Eosphora. „Ein paar fehlen mir noch, weil ich keine Ideen habe. Und meine Weihnachtspläne bestehen darin, alleine in meinem Zimmer zu sitzen, während meine Schwestern ausgeflogen sind, Weihnachtslieder zu singen und mich eventuell zu betrinken. Oder ich gehe zu meinen Pferden, aber das ist auch keine abendfüllende Beschäftigung.“
„Klingt irgendwie deprimierend“, wagte Zacharias zu sagen und Eosphora konnte nicht anders, als ihm zuzustimmen. Aber sie zuckte nur mit den Schultern.
„Was soll's“, sagte sie. „Es ist nicht zu ändern und Weihnachten sind ohnehin Tage wie alle anderen auch. Nur, dass zwei Tage am Stück die Geschäfte geschlossen haben, es kitschige Romanzen und Märchen im Fernsehen gibt und alle so tun, als wären sie glücklich. Dieses Schauspiel muss man sich eigentlich nicht wirklich geben.“
„Du klingst verbittert“, stellte Zacharias fest und stellte seine Tasse ab. „Kann ich … etwas dagegen tun?“
Eosphora ließ die Schultern hängen, sie war müde. Zacharias hatte recht, sie war verbittert, und sie war es leid. Aber das Leben hatte ihr so vieles genommen, was sie geliebt hatte. Alles, was sie wollte, war, sich den Menschen anzuschließen, die sich auf Weihnachten freuten, ihre Familie besuchten und trotz allen Jammerns über Stress eigentlich eine schöne Zeit hatten.
„Entschuldige“, murmelte Zacharias. Das hatte er nicht gewollt, obwohl seine Frage durchaus ernst gemeint gewesen war.
„Schon gut“, sagte sie. „Du kannst ja nichts dafür, wie ich bin. Ich müsste mich einfach nur aufraffen und etwas dagegen tun, glaube ich … die Frage ist nur, wie.“
Eosphora trank ihre Tasse aus und schob sie Zacharias hin. „Wäre lieb, wenn du sie zurückbringst. Das Pfand kannst du behalten. Danke für die Gesellschaft und einen schönen Abend noch.“
Zacharias hatte schon fast damit gerechnet, dass sie gehen würde und hielt ihre Hand fest.
„Warte“, bat er und war selbst überrascht davon, ebenso wie Eosphora. Sollte er noch ein kitschiges „Geh nicht“ hinzufügen? Besser nicht.
„Bleib hier“, sagte er. „Bitte.“ Auch nicht viel besser, aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Zacharias hoffte nur, dass es so lange anhalten würde, bis er die Tassen zurückgebracht hatte und Eosphora diese Zeit nicht nutzte, um doch noch zu verschwinden. Aber als er zurückkam, wartete sie immer noch auf ihn.
Erneut bot er ihr seinen Arm an und zu seiner Überraschung nahm sie ihn dieses Mal, lehnte sich sogar an seine Schulter. Es schien ihr wirklich schlecht zu gehen. Ob er sie nach Hause bringen sollte? Zacharias sah sich um. Gab es hier etwas, womit er sie auf andere Gedanken bringen konnte? Er wusste, dass er sich ihr gegenüber benommen hatte wie ein Kamedar im Gimprausch, Rowena hatte ihm das mehr als klar gemacht. Vielleicht war das jetzt die Möglichkeit, es zumindest ein wenig wieder gutzumachen. Zacharias mochte Eosphora wirklich und seine Trampeligkeit tat ihm leid. Noch mehr, da er jetzt sah, was hinter ihrer Fassade vor sich ging.
Er schlug den Weg zum Riesenrad ein, Eosphora bemerkte das erst, als sie zur Kasse gingen und Zacharias zwei Tickets löste.
„Ich hoffe, du hast keine Höhenangst“, sagte er. „Aber ich dachte, die vielen Lichter und der Ausblick würden dich etwas aufmuntern.“
Eosphora seufzte. „Danke“, sagte sie, als sie zu zweit in eine Gondel stiegen. „Und entschuldige. Ich hätte den zweiten Wein nicht trinken sollen, Alkohol macht mich immer komisch. Ich wollte dich nicht damit belästigen.“
Sie sah aus dem Fenster, als das Riesenrad sich in Bewegung setzte, Zacharias tat es ihr nach. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was er jetzt tun sollte. Egal, wie anstrengend Eosphora vorher gewesen war, sie war ihm lieber gewesen als diese traurige, gebrochen und einsam wirkende Frau, die ihm jetzt gegenüber saß.
Mehrfach machte Eosphora den Mund auf, als ob sie etwas sagen wollte, aber kein Wort verließ ihre Lippen. Zacharias sah sie beide schon die ganze Fahrt über schweigen, als das Riesenrad plötzlich anhielt, mit ihrer Gondel auf dem Zenit. Sollte ihnen beiden wirklich die klischeehafteste aller Situationen widerfahren sein? Die zwei Verliebten, die Probleme hatten, zusammenzufinden, steckten in einem Riesenrad fest, redeten endlich über ihre Probleme und Gefühle und kamen als glückliches Paar wieder unten an?
„Na, großartig“, sagte Eosphora. „Man könnte das Gefühl haben, dass irgendjemand eine Romanze mit uns als Hauptfiguren schreibt, oder?“
Da war sie wieder, die bissige Frau, die er kennengelernt hatte.
„Wäre das so schlimm?“, fragte er und sah ihr in die Augen, was sie vollkommen aus dem Konzept brachte.
Zacharias befürchtete schon, zu viel gesagt zu haben, sodass sie wieder eine Mauer um sich herum aufzog, aber Eosphora verschränkte vorerst nur die Arme vor der Brust.
„Ich weiß es nicht“, sagte sie leise.
Er musste zugeben, dass ihn das überraschte.
„Du weißt es nicht?“, wiederholte er, beugte sich nach vorne und nahm vorsichtig ihre Hände in seine.
Sie wollte schon protestieren, als er ihr so nahe kam, aber er war so vorsichtig, dass es ihr den Wind aus den Segeln nahm. Eosphora hätte ihre Hände jederzeit fortziehen können, wenn sie gewollt hätte.
„Nein“, sagte sie und starrte nur auf ihre Hände. Es war die Wahrheit, sie wusste wirklich nicht, ob sie mit diesem Mann jemals eine Beziehung eingehen konnte, die funktionierte. Und genau das wollte sie, das brauchte sie. So sehr sie One Night Stands auch genoss, sie wünschte sich nichts mehr als eine einfache, monogame Beziehung, in der man sich abends zusammen aufs Sofa kuschelte und morgens zusammen frühstückte. Aber sie hatte das Gefühl, dass dies mit Zacharias nicht möglich sein würde, dass er irgendwann einfach vergessen würde, dass er sie liebte, dass sie überhaupt da war. Und diesen Gedanken ertrug sie nicht.
Er seufzte leise.
„Ich war ein unverschämter Idiot“, sagte er. „Und das tut mir leid. Ich wünschte, ich wäre nicht irgendwo falsch abgebogen und hätte das, was da gerade angefangen hat, nicht vor die Wand gefahren. Ich kann es nicht ändern, mich nur entschuldigen. Und dich bitten, mir eine zweite Chance zu geben. Ich bin mitnichten ein einfacher Mensch, aber ich bin lernfähig. Und nichts liegt mir ferner, als dir wehzutun.“
Bevor Eosphora etwas sagen konnte, setzte das Riesenrad sich wieder in Bewegung. Innerlich verfluchte Zacharias denjenigen, der das Problem so schnell behoben hatte. Gerade jetzt, wo er und Eosphora sich hätten aussprechen können. Wenn sie jetzt nicht die Flucht ergriff, hatte er vielleicht noch eine Chance. Aber so, wie er sein Glück kannte, würde sie sich schon am Ausstieg von ihm verabschieden und er würde sie nie wiedersehen.
Doch Zacharias erlebte eine Überraschung. Eosphora wartete nicht nur auf ihn, sondern nahm sogar seine Hand. Sie lächelte zwar nicht, doch es schien, als würde sie nachdenken. Er hielt es für besser, sie nicht darin zu unterbrechen, sondern folgte ihr einfach, bis sie schließlich vor einem Stand stehen blieb, an dem Lebkuchenherzen verkauft wurden.
Zacharias ahnte Schreckliches, doch statt eines der vorgefertigten Herzen zu kaufen, bestellte sie eines mit persönlicher Verzierung. Wegen des Lärms verstand er kein Wort, aber er hoffte das beste.
Eosphora bezahlte, bekam eine Quittung und die Information, dass sie ihr gewünschtes Produkt in etwa einer Stunde abholen konnte.
„So, und was machen wir jetzt?“, fragte sie Zacharias, sobald sie sich in eine etwas ruhigere Ecke gestellt hatten.
Er wusste nicht genau, was sie meinte. Seinen Monolog im Riesenrad? Weitere Aktivitäten auf dem Weihnachtsmarkt? Irgendwie wünschte er sich, sie würde das, was er gesagt hatte, nicht einfach so ignorieren, sondern zur Sprache bringen, einfach, damit er Klarheit hatte. Diese Schwebe, in der sie ihn gerade hielt, gefiel ihm gar nicht. Vielleicht hatte er es aber auch einfach nicht besser verdient.
„Wir könnten etwas essen“, schlug er vor, obwohl sich sein Magen gerade wie zugeschnürt anfühlte. Himmel, wieso war er denn so nervös? Dafür gab es überhaupt keinen Grund! Wenn sie nicht an ihm interessiert war oder sich die Probleme sparen wollte, die er sicherlich mit sich brachte, dann war das eben so und er konnte es ihr nicht verdenken. Ihm wäre es auch lieber gewesen, sie wären sich nie über den Weg gelaufen. Gut, das vielleicht nicht, aber es hätte ihm mit Sicherheit einige Komplikationen erspart.
„Hast du Hunger?“, fragte er. Es war das erste, was ihm eingefallen war, nachdem er eine gute Minute lang geschschwiegen hatte.
„Bratwurst mit Brötchen? Oder Steak?“, schlug sie vor. „Oder teilen wir uns eine große Portion belgische Pommes frites?“
„Die Pommes frites und wir setzen uns zum Essen an den Fluss?“ Jeder Ort, an dem nicht so viele Menschen waren, war ihm recht. Vielleicht konnten sie dann ihr Gespräch zu Ende bringen, obwohl es ihm irgendwie auch davor graute. Eosphora war zwar immer noch da, aber sie wirkte wieder so abweisend wie am Anfang des Abends. Er wusste nicht, was in ihr vorging. Obwohl es fraglich war, ob er diese Vorgänge mögen würde.
„Klingt gut“, stimmte sie zu und schlug den Weg zu dem Stand mit den Fritten ein. „Welche Soße?“, fragte sie, als sie davor standen.
„Erdnuss?“, antwortete Zacharias ratlos. „Ehrlich gesagt, ich habe mir hier noch nie etwas zu essen geholt. Habe ich viel verpasst?“
„Ein bisschen“, nickte Eosphora und bestellte eine Portion mit Erdnusssoße und Cocktailsoße. Sie nahm die große Tüte entgegen und sah Zacharias an.
„Also, runter an den Fluss. Mach uns mal ein bisschen den Weg frei, ja? Ich möchte nicht wirklich Soße auf meinen Klamotten haben.“
Zacharias bahnte sich einen Weg zum Flussufer, Eosphora folgte ihm. Dort angekommen, setzte er sich ans Wasser und wartete auf seine Begleitung.
Sie ließ sich neben ihm nieder und begann schweigend, sich einen Kartoffelstreifen nach dem anderen aus der Tüte zu fischen.
„Nimm dir, sonst sind sie leer“, warnte sie nach einer Weile und Zacharias folgte der Aufforderung.
„Was hast du eigentlich auf das Lebkuchenherz schreiben lassen?“, fragte er, als die Tüte leer war.
„Weltgrößter Idiot“, antwortete Eosphora und sah ihn an. Dann umspielte ein leises Lächeln ihre Lippen. „Du kriegst deine Chance. Aber vergeude sie nicht.“
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