Adventskalender

GeschichteRomanze, Fantasy / P12
30.11.2018
24.12.2019
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30.11.2018 1.444
 
Alkione hatte sich Hals über Kopf in Galahad verliebt. Und irgendwie hatte sie das Gefühl, dass es ihm ähnlich ging, aber gleichzeitig wehrte er sich dagegen, ihr nahe zu kommen, sie mehr als nur zur Begrüßung und zum Abschied zu küssen. Fand er sie hässlich? Nicht weiblich genug? Hatte er Torschlusspanik oder eine Mutter, die ihm damit in den Ohren lag, dass er sich endlich mal eine Frau anlachen sollte? Oder war er schwul und brauchte sie wegen seiner Familie als Alibi? Mittlerweile erschien ihr alles irgendwie plausibel, aber sie traute sich noch nicht, es anzusprechen, dafür mochte sie seine Gesellschaft zu sehr. Aber wenn es so weiterging, dann blieb ihr nichts anderes übrig. Sie wollte wenigstens den Grund für sein Verhalten wissen, über Konsequenzen konnte sie sich danach Gedanken machen.
Sie seufzte und ging ins Bad, um sich fertig zu machen. Wenn sie schon eine Verabredung hatten und sie gerade mal wieder an ihrer Weiblichkeit zweifelte, wollte sie wenigstens versuchen, hübsch auszusehen. Vielleicht konnte sie sogar ein Kompliment abstauben, obwohl sie fast damit rechnete, dass Galahad ihr Make-up nicht auffallen würde.
Als sie fertig war, hatte sie sogar noch ein bisschen Zeit, die sie dazu nutzte, sich ein wenig um ihre zwei Hunde zu kümmern und nervös zu werden.
Sie und Galahad waren zwar sowas wie zusammen, aber Alkione bekam trotzdem jedes Mal Herzklopfen, wenn sie sich trafen. Allerdings konnte sie nicht sagen, ob es die gute Art von Herzklopfen war oder die, die man hatte, wenn man eine schlimme Vorahnung hatte.
Als sie vor die Tür trat, fuhr Galahad gerade auf den Hof. Alkione wartete, bis er angehalten hatte, bevor sie auf das Auto zuging und einstieg.
„Hey“, sagte sie und lächelte ihn an. „Wie geht’s dir?“
Galahad erwiderte das Lächeln, auch, wenn es etwas gezwungen wirkte. Alkiones Herz zog sich zusammen.
„Gut, und dir?“, fragte er, bevor er sie flüchtig auf die Wange küsste. „Wollen wir zu mir oder hast du bestimmte Wünsche, wo du hin möchtest?“
„Zu dir klingt gut“, antwortete Alkione. Sie sollte nicht enttäuscht sein, immerhin hatte er sie gefragt. Sie hätte ja auch ein Lokal vorschlagen können, wenn sie ein richtiges Date wollte, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass Galahad überhaupt nicht der Typ für so etwas war. Und sie wollte ihnen beiden nicht den Abend vermasseln. Wenn sie zu ihm fuhren, auf dem Sofa saßen und einen Film sahen, war das schließlich auch in Ordnung und der Traumabend vieler anderer Paare. Immerhin sahen sie sich regelmäßig und sie musste ihm deswegen nicht hinterher laufen. Immer das Positive im Kopf behalten, sagte sie sich. Vielleicht hatte er auch einfach nur einen schlechten Tag und wollte sie nicht enttäuschen, indem er ihre Verabredung absagte.
Schweigend sah sie aus dem Fenster, auch Galahad sagte nichts. Das war nicht ungewöhnlich für sie, sobald sie im Auto saßen, hingen beide ihren eigenen Gedanken nach und sprachen nur noch sehr wenig miteinander. Normalerweise genoss Alkione die Stille, aber jetzt wünschte sie sich, Galahad würde mit ihr reden und ihre düsteren Gedanken, ihre Zweifel, vertreiben. Aber er schaute nur weiter auf die Straße, sodass Alkione nur die leise Musik aus dem Radio blieb.
Als sie vor seiner Wohnung ankamen, stieg Alkione aus, ohne Galahad die Möglichkeit zu geben, den Gentleman zu spielen und ihr die Tür zu öffnen. Nicht, dass sie erwartet hätte, dass er es tat, aber es wäre eine nette Überraschung gewesen – von der sie wusste, dass sie sie nie erleben würde, weshalb sie sich nicht damit aufhielt, ihm eine Chance zu geben.
Ob es wirklich eine gute Idee war, den Abend bei ihm zu verbringen? Was, wenn sie Übelkeit oder Kopfschmerzen vortäuschte? Oder übertrieb sie nur, weil ihre Wahrnehmung so sehr von ihren Zweifeln eingefärbt war?
„Alkione? Alles in Ordnung?“, fragte Galahad, der schon an der Haustür war.
„Komme!“, sagte sie und folgte ihm.
Sobald sie in seiner Wohnung waren und sie ihre Schuhe ausgezogen hatte, ging sie geradewegs in sein Wohnzimmer und ließ sich auf das bequeme Sofa fallen.
„Möchtest du etwas zu trinken?“, fragte Galahad, der im Türrahmen stehen geblieben war.
Alkione schüttelte den Kopf und lächelte ihn an. „Am liebsten hätte ich jetzt dich neben mir auf dem Sofa“, antwortete sie. „Du fehlst mir hier.“
Das entlockte Galahad tatsächlich ein kleines Lächeln.
„Ich beeile mich und bin gleich da“, versprach er, ging in die Küche und holte ein Tablett mit Gläsern, Wasser und einer Flasche Wein..
„Falls du später Durst bekommen solltest“, meinte er und schenkte sich Wasser ein. „Den Wein habe ich einfach mal so mitgenommen, falls du Interesse an sowas hast. Ich würde auch mittrinken, alleine trinken ist immer komisch.“
„Also hast du Lust auf Wein, willst es aber nicht zugeben und versuchst deswegen, ihn mir anzudrehen?“, lächelte Alkione. „Später vielleicht. Hast du irgendwas, was du machen möchtest? Oder einen speziellen Film, den du sehen magst?“
„Eigentlich nicht“, antwortete er. „Wobei es schon etwas gibt, was ich gerne tun würde: Hier mit dir sitzen bleiben und … ein wenig kuscheln.“
Er sagte das sehr zögerlich, als würde er sich für diesen Vorschlag schämen, doch Alkione sprach es nicht an, sondern setzte sich nur auf seinen Schoß und lehnte sich an ihn.
Ihr Make-up hatte sie jetzt zwar völlig umsonst aufgelegt, aber wenigstens wirkte Galahad nicht mehr so abweisend wie zu dem Zeitpunkt, als er sie abgeholt hatte. Und sich in seine Arme zu kuscheln war ohnehin ein schönes Gefühl, als ob ihr nichts passieren könnte.
Galahad lächelte, setzte sich ein wenig bequemer hin und schaltete den Fernseher ein. Es war Freitagabend, irgendeine Quizsendung oder ein Comedyprogramm als Nebenbeschallung würde es schon geben.
Alkione machte es sich ebenfalls gemütlich, es störte sie nicht einmal, dass Galahad sie wirklich nur umarmte. Vielleicht war er einfach nicht der Typ für Zuwendungen.
In einer Werbepause stand sie schließlich auf, um sich ein wenig zu strecken, wobei sie mehr oder weniger absichtlich über Galahads Wange strich.
Sofort veränderte sich seine Körperhaltung, sie konnte sehen, wie sich die Muskeln in seinem Oberkörper und seinem Kiefer anspannten.
Hatte sie etwas falsch gemacht? Ihr Blick fiel auf ihre Fingerspitzen, eine komische Substanz befand sich darauf. War das …
Alkione betrachtete Galahads Gesicht. Dort, wo sie ihn gestreift hatte, waren zwei Streifen zu erkennen. Make-up? Aber warum?
„Gal?“, fragte sie leise. „Warum benutzt du Make-up?“
Hätte er sich noch die Wimpern getuscht oder Lidschatten verwendet, wäre diese Frage obsolet gewesen, dann schminkte er sich einfach gerne. Aber nur Grundierung und Puder, das war merkwürdig. Vor allem, da Aknenarben sich nicht so einfach überschminken ließen, die hätte Alkione also längst bemerken müssen.
Er hätte ihr gerne gesagt, dass es sie nichts anging, doch das wäre nicht fair gewesen, also schwieg Galahad nur verbissen.
Alkione fasste sich schließlich ein Herz, wappnete sich für den Protest und wischte mit dem Ärmel ihres Pullovers vorsichtig über seine Wange.
Er machte Anstalten, ihre Hand festzuhalten, aber er ließ sie trotzdem gewähren. Wieso, konnte er später selbst nicht sagen.
Als Alkione ihren Arm fortnahm, waren auf Galahads Gesicht deutliche Spuren von Misshandlung zu sehen, die mit der Zeit vernarbt, aber immer noch deutlich sichtbar waren.
Sie schluckte die Tränen hinunter. War das der Grund, wieso er so vorsichtig und zurückhaltend war? Hatte er Angst, sie könnte deswegen nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen? Dass sie ihn nicht mehr attraktiv fand?
Für einen Moment wollte sie fragen, ob er noch mehr solcher Narben hatte, doch sie entschied, dass es für den Augenblick nicht wichtig war. Stattdessen setzte sie sich wieder auf seinen Schoß und kuschelte sich an ihn, als wäre nichts gewesen. Nur ab und zu küsste sie ihn sanft auf die abgeschminkte Wange und strich über seine Hände, auf denen sie bei genauem Hinsehen ebenfalls feine, weiße Linien erkennen konnte.
„Oh, Galahad“, wisperte sie, doch er hielt sie davon ab, noch mehr zu sagen.
„Ein anderes Mal“, sagte er. „Bitte. Können wir einfach nur einen schönen Abend miteinander verbringen?“
Alkione nickte und versuchte, sich wieder auf das Fernsehprogramm zu konzentrieren. Sie wollte Galahads Wunsch respektieren und keine alten Wunden aufreißen, aber gleichzeitig wollte sie wissen, was ihm geschehen war … nur, um sich wahrscheinlich zu wünschen, es ungeschehen machen zu können.
Jetzt konnte sie ahnen, wieso er so ablehnend war, wenn es zwischen ihnen zu Körperkontakt kam und sie fühlte, wie eine Welle der Zuneigung sie überkam.
Sie blieb einfach in seinen Armen sitzen, ließ ihn spüren, dass sie bei ihm bleiben würde und hoffte, dass er irgendwann genug Vertrauen zu ihr gefasst hatte, um ihr aus seinem Leben zu erzählen. Und bis dahin würde sie sich mit dem zufrieden geben, was er zu geben bereit war, ohne mehr zu erwarten oder zu wollen.
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