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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
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29.410
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14.12.2018 1.420
 
Wie so oft wanderte Vogelbeere allein über die weiten, grünen Ebenen von Stier. Seitdem Gialad ihr die Blumen geschenkt hatte, hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Sie konnte nicht sagen, dass sie ihn vermisste, doch seine Abwesenheit bereitete ihr Sorgen. War ihm womöglich etwas zugestoßen? Oder verteidigte er bereits ihre Grenzen, ohne sie darüber informiert zu haben? Oder war Steinbock angegriffen worden und die Schwarzelben brauchten ihre Hilfe?
Die Nymphe beschloss, selbst zur Grenze zu gehen und nachzusehen. Wenn wirklich etwas passiert war, dann musste sie es wissen, um notwendige Maßnahmen in die Wege leiten zu können.
Doch als Vogelbeere an der Grenze ankam, war alles ruhig. Auch die wachhabenden Schwarzelben sahen nicht einmal angespannt aus. Als sie die Nymphe erkannten, verneigten sie sich. Immerhin wussten sie, wer sie war, obwohl ihr diese Demutsgesten nichts bedeuteten.
„Wisst ihr, wo sich Gialad aufhält?“, fragte sie. „Ich muss mit ihm sprechen.“
Wenn sie schon mal hier war, konnte sie das tatsächlich tun.
Doch die Schwarzelben schüttelten nur die Köpfe. Hatte Gialad Steinbock verlassen, ohne jemanden darüber in Kenntnis zu setzen?
„Danke“, sagte sie trotzdem und verabschiedete sich. Sollte sie weiter nach ihm suchen oder es lieber aufgeben?
Es war alles ruhig, also ging es Vogelbeere eigentlich nichts mehr an, was Gialad tat. Dennoch … vielleicht war es nur Neugier, vielleicht auch Sorge, sie wollte jetzt wissen, was ihn umtrieb.
Die Nymphe betrachtete ihre Hand. Blutsbande, hatte er gesagt. War es möglich, dass er sie spüren konnte, wenn sie nach ihm rief?
Vogelbeere suchte sich einen ruhigen Ort unter einem großen, alten Baum, setzte sich und versuchte, mit ihrem Herzen nach Gialad zu rufen.
Es dauerte nicht lange, bis ein Schatten auf sie viel und Gialad vor ihr auf der Wiese landete.
„Was kann ich für dich tun?“, fragte er.
Vogelbeere konnte nicht anders, sie lächelte ihn an. „Schön, dass es dir gut geht“, sagte sie. „Ich habe mir Sorgen gemacht, als du so lange fort warst. Deine Wachen an der Grenze konnten mir auch nicht sagen, wo du bist. Ich dachte, dir sei etwas passiert.“
Gialad konnte sein Erstaunen nur schlecht verbergen. Vogelbeere hatte sich Sorgen gemacht?
„Nun, wie du siehst, ich bin noch wohlauf“, erwiderte er. „Ich wusste nicht, dass ich mich jeden Tag bei dir melden muss, um dir mein Befinden kundzutun.“
Diese Bemerkung wischte das Lächeln aus dem Gesicht der Nymphe.
„Danke, dass du die Mühen auf dich genommen hast, mich nur deswegen aufzusuchen“, sagte sie. „Ich werde dich nicht mehr mit meiner Sorge behelligen. Tu, was du für richtig hältst und wonach dir der Sinn steht, mir wird es in Zukunft gleichgültig sein, wenn es dich glücklich macht. Hab noch einen schönen Tag.“
Vogelbeere stand auf und ging an Gialad vorbei, der ihr nur schweigend hinterhersah.
Was hatte sie eigentlich erwartet? Dass er sich ihr gegenüber anders verhalten würde? Dass ihre Sorge etwas in ihm berührte?
Der Nymphe stiegen schon wieder Tränen in die Augen, die sie zornig fortwischte. Sie wollte nicht wegen dieses Drachenelben weinen, diese Macht wollte sie ihm nicht einräumen.
Als erneut ein Schatten auf sie fiel, schenkte sie ihm keine Beachtung, sondern blieb erst stehen, als sich zwei Arme und zwei Flügel um ihren Körper schlossen und sie am Gehen hinderten.
Vogelbeere wehrte sich nicht, sie tat einfach gar nichts. Bis sie die Engel über sich hörte. Die Todesschwadron. Brombeere. Als ihr bewusst wurde, was Gialad tat, versuchte sie, sich aus seiner Umarmung zu befreien, doch vergeblich. Der Drachenelb war viel stärker als sie und hatte es sich in den Kopf gesetzt, sie von den Engeln abzuschirmen.
„Gialad!“, rief sie und schlug gegen seine Brust. „Was tust du?“
Als ihr Mann endlich von ihr abließ, waren die Engel verschwunden. Auf den ersten Blick schien Gialad unverletzt, doch einen Moment später brach er zusammen, unzählige Pfeile steckten in seinen Flügeln und seinem Rücken.
Vogelbeere war im ersten Moment wie erstarrt, doch dann besann sie sich wieder auf ihre Kräfte und brachte Gialad zu ihrem Haus.
„Nur Taten zählen“, hörte sie ihn flüstern. „Keine Worte.“
Mit einem Mal hatte diese Floskel eine ganz andere Bedeutung. Hatte sie sie die ganze Zeit falsch verstanden? Hatte er versucht, ihr Zuneigung zu zeigen? Hatte sie zu viel auf seine harschen Worte gegeben, die nach seiner Aussage keine Bedeutung hatten, ebenso wie ihre freundlichen? Mussten sie einfach nur voneinander lernen?
Vogelbeere küsste Gialad auf die Stirn. „Du wirst wieder gesund“, wisperte sie. „Versprochen.“
Dann kümmerte sie sich darum, die Pfeile aus seinem Körper zu entfernen.
Erleichtert stellte sie fest, dass Gialads Zusammenbruch eher daran gelegen hatte, dass er seine Magie eingesetzt hatte, um sich und sie zu beschützen. Die Wunden waren nicht unbedingt harmlos, aber auch nicht zwingend lebensbedrohlich. Wenn sie sich um ihn kümmerte, würde er bald wieder gesund sein.
„Du kannst mir doch nicht einfach so einen Schrecken einjagen“, flüsterte sie und strich Gialad über die Stirn, bevor sie sich daran machte, seine Pfeilwunden zu behandeln.
Die anderen Nymphen spürten, dass ihre Königin in Ruhe gelassen werden wollte und hielten Abstand zu ihrem Haus, stellten nur Essen und Wasser davor. Viele von ihnen waren zwar neugierig, was Vogelbeeres Zeit so in Anspruch nahm, doch sie respektierten ihren Rückzug widerspruchslos.
Gialad erwachte erst nach einigen Tagen aus seinem Heilschlaf, gerade, als Vogelbeere sich selbst ein wenig ausruhte und neben seinem Bett döste.
Für einen Moment fragte der Drachenelb sich, was geschehen war, doch als die Erinnerung zurückkehrte, versuchte er, aufzustehen und das Haus unbemerkt zu verlassen.
„Wo willst du hin?“, fragte die Nymphe verschlafen und stand mühsam auf. Sie hatte die letzten Tage viel zu wenig geschlafen, aus Angst, dass es Gialad plötzlich schlechter gehen könnte. „Du solltest noch liegen bleiben und dich schonen.“
„Es geht mir wieder gut“, erwiderte er. „Ich muss zurück nach Steinbock, meine Leute brauchen mich, vor allem, nachdem sie hinterrücks angegriffen wurden.“
Vogelbeere schüttelte den Kopf. „Es ist vorbei“, sagte sie. „Der Krieg ist so schnell vorübergezogen, wie er gekommen ist. Viele Nymphen haben Steinbock verteidigt und die Engel in die Flucht geschlagen. Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass mein Volk so gut kämpfen kann.“
In ihrer Stimme schwang unverhohlener Stolz mit.
„Trotzdem“, erwiderte Gialad und biss die Zähne zusammen. Seine Verletzungen waren zwar halbwegs verheilt, schmerzten aber immer noch, wenn er nicht aufpasste.
„Nichts trotzdem!“ Vogelbeere stellte sich ihm in den Weg. „Du wirst hier bleiben, bis du wieder vollständig gesund bist! Das bin ich dir schuldig und das bist du deinem Volk schuldig! Ihnen ist nicht geholfen, wenn du dich aus lauter Stolz übernimmst und an den Folgen der Überanstrengung stirbst!“
Sie funkelte ihn an. Gialad, der diesen Ausbruch nicht erwartet hatte, war tatsächlich einen Schritt zurückgewichen.
Ein Zittern fuhr durch Vogelbeeres Körper.
„Bitte“, sagte sie und hatte mit einem Mal Mühe, die Tränen zurückzuhalten. „Ich möchte nicht noch einmal eine solche Angst um dich haben. Wir sind eine Bindung eingegangen, wie du so eindrucksvoll unter Beweis gestellt hast, als du dein Leben für mich aufs Spiel gesetzt hast. Ich möchte nicht noch mal fürchten müssen, dich zu verlieren.“
Gialad hatte keine Ahnung, was er tun sollte. Er hatte nicht geplant, dass aus dieser rein zweckmäßigen Ehe auch nur ansatzweise Gefühle entstehen könnten. Die Blumen waren ein Versuch gewesen, die Nymphe nach der misslungenen Zeremonie wenigstens wieder gleichgültig zu stimmen, aber mehr nicht. Was ihn dazu gebracht hatte, sie zu beschützen, als die Engel angriffen, wusste er selbst nicht. Und jetzt … jetzt berührte ihn ihr Anblick, ebenso wie ihre Worte, die ihm sonst so wenig bedeuteten.
Hatte sie ihm einen Liebestrank eingeflößt, während er geschlafen hatte? Anders konnte er sich die Veränderung in seinem Herzen nicht erklären. Aber er spürte auch, dass Vogelbeere selbst sich gegen ihre Gefühle wehrte und sie nicht zulassen wollte.
„Komm her“, sagte er leise, ging stattdessen einen Schritt auf sie zu und schloss die Nymphe in seine Arme, wo sie bitterlich zu weinen begann.
Erst jetzt merkte sie, wie sehr sie wirklich gefürchtet hatte, dass er sterben könnte, ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte.
„Ist schon gut“, flüsterte er. „Ich bin noch hier. Und ich gehe auch nicht weg, keine Angst. Es ist alles gut.“
Niemand hatte sich bis heute je Sorgen um ihn gemacht oder Angst um ihn gehabt. Bis auf diese Nymphe, die wegen eines politischen Vorteils eine Ehe mit ihm eingegangen war, von der sie nichts zu erwarten hatte außer der Erfüllung ihrer Abmachung.
Taten zählten mehr als Worte, nach diesem Grundsatz hatte er bisher gelebt. Aber erst durch Vogelbeere wurde ihm klar, dass Taten manchmal nur durch Worte angestoßen werden konnten.
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