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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
30
29.410
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Dieses Kapitel
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13.12.2018 1.043
 
Ihr Date hatte sie versetzt. Natürlich, wie hätte es auch anders sein sollen? Es war ja nicht das erste Mal, dass ihr das passierte. Nur das Wieso, das konnte sie sich nicht erklären. Es war ja nicht so, dass sie ein Geheimnis um ihren Job machte, und hässlich war sie auch nicht. Aber trotzdem bekamen die Kerle reihenweise kalte Füße, sobald sie sie auch nur von weitem erblickten. Rowena war es langsam leid, aber irgendwie war die Hoffnung doch jedes Mal wieder da, wenn sie jemand nach einer Verabredung fragte. Und jedes Mal wurde sie aufs Neue enttäuscht.
Frustriert bestellte sie sich einen Glühwein und beschloss, nach Möglichkeit das beste aus diesem misslungenen Abend herauszuholen. Immerhin war sie auf dem Weihnachtsmarkt, es gab bestimmt Möglichkeiten, sich allein zu amüsieren.
Rowena hatte gerade ihre Tasse abgestellt, als ihr jemand von hinten ein Lebkuchenherz um den Hals hängte und sie damit beinahe zu Tode erschreckte.
„Entschuldige“, hörte sie eine bekannte Stimme sagen. „Ich wollte dich nicht erschrecken, sondern eigentlich nur überraschen.“
Sie drehte sich um und sah Lucius vor sich stehen, der sich gerade ebenfalls ein Lebkuchenherz um den Hals hängte. „2. Wahl“ stand darauf. Rowena schaute auf ihr eigenes, auf dem nur ganz kitschig „Traumfrau“ stand.
„Deins hat irgendwie mehr Stil“, sagte sie trocken und Lucius grinste.
„Ich weiß“, sagte er, wurde jedoch gleich wieder ernst. „Es tut mir leid, dass dein Date dich versetzt hat. Aber wenn du möchtest“, er deutete auf sein Lebkuchenherz, „spiele ich gerne den Ersatzmann. Entweder hast du dann einen schönen Abend oder wenigstens eine Strohpuppe, an der du den Frust über deine Versetzung auslassen kannst. Klingt das nach einem annehmbaren Vorschlag?“
Rowena war verblüfft. Bisher hatte sie Lucius eher als arroganten Schnösel eingeschätzt, diese Seite war komplett neu für sie.
Sie nickte. „Danke“, sagte sie und lächelte ihn aufrichtig an. „Und ist es wirklich so offensichtlich, dass ich versetzt wurde?“, erkundigte sie sich. „Ich dachte bisher eigentlich immer, dass ich recht diskret bin … aber wenn dem nicht so ist, sollte ich dringend an meiner Ausstrahlung arbeiten.“
Lucius lachte leise. „Dann solltest du als erstes damit aufhören, ständig auf die Uhr zu schauen“, lächelte er. „Das ist das größte Indiz dafür, dass du auf jemanden wartest. Und dass du dich dauernd umschaust.“
Rowena seufzte. „Noch etwas, auf das ich achten sollte?“, fragte sie und trank ihren Glühwein aus. „Und danke, dass du dich meiner erbarmst, sei es auf die eine oder andere Weise. Du hast was gut bei mir.“
Lucius winkte ab. „Unsinn“, sagte er. „Wir machen uns einfach einen schönen Abend und tun das, was man bei einem Date auf einem Weihnachtsmarkt eben so tut: Wir essen zu viel, teilen uns Langos und gebrannte Mandeln, vielleicht auch belgische Pommes frites, fahren zusammen Karussell und Riesenrad und amüsieren uns. Oh, und kaufen vielleicht noch das ein oder andere Weihnachtsgeschenk. Wie klingt das?“, fragte er und lächelte Rowena an.
„Großartig!“, strahlte sie. „Wo wollen wir zuerst hin? Oder warst du schon auf dem ganzen Markt?“
„War ich“, lächelte Lucius. „Aber das heißt auch, dass ich dir die schönsten Ecken und besten Stände zeigen kann. Wollen wir uns einen Punsch holen?“, fragte er. „Den besten gibt es nämlich gleich am ersten Stand, und dann können wir schauen, wo es uns noch so hintreibt.“
Rowena nickte, hakte sich bei Lucius unter und hatte wesentlich bessere Laune als noch vor zehn Minuten. Zugegeben, eigentlich hatte sie beschlossen, den Kerl nicht leiden zu können, aber Meinungen konnten sich manchmal doch ändern. Und so übel schien er ja wirklich nicht zu sein. Zumindest rettete er ihr den Abend, und das, ohne auch nur den Hauch einer Gegenleistung zu erwarten, wie es schien.
Lucius war im ersten Moment etwas überrascht, als er Rowena plötzlich so nah an seiner Seite hatte, aber wer war er, sich darüber zu beschweren? Als er sie am Glühweinstand gesehen hatte, hatte er eigentlich weitergehen wollen, immerhin war sie die letzten Male nicht an seiner Gesellschaft interessiert gewesen, doch etwas hatte ihn davon abgehalten und er hatte beschlossen, ihr eine Freude zu machen. Vielleicht hatten sie beide auch nur einen sehr holprigen Start gehabt.
„Möchtest du einen Kinderpunsch oder einen Glühwein?“, fragte er, als sie an dem Stand ankamen. „Oder soll ich beides holen und du nimmst dir einfach das, was du lieber magst?“
„Das klingt gut“, lächelte Rowena. „Vielen Dank. Soll ich uns einen Tisch sichern?“, bot sie an und Lucius nickte.
Rowena hatte Glück, denn der Stand hatte eine angrenzende kleine Hütte, in der gerade ein Tisch frei geworden war.
Kurz darauf kam Lucius mit zwei Tassen zu ihr.
„Such dir eine aus“, sagte er. „In einer ist Glühwein, in der anderen Kinderpunsch. Du kannst von beiden probieren und das nehmen, was dir besser schmeckt. Aber Vorsicht, beides sehr heiß.“
„Danke“, lächelte Rowena und schnupperte zuerst an beiden Getränken, bevor sie sich für den Kinderpunsch entschied. Sie hatte schon einen Glühwein gehabt und sie wollte nicht zu viel Alkohol trinken. Außerdem roch der Punsch besser.
Sobald ihre Tassen leer waren, schlenderten sie weiter zwischen den Buden hindurch und plauderten miteinander.
Rowena wurde immer gesprächiger und auch Lucius entspannte sich mehr. Er hätte es nie zugegeben, aber er hatte eigentlich mit einer Abfuhr gerechnet. Dass sich der Abend so entwickelte, freute ihn dafür umso mehr.
„Wollen wir in die Kirche gehen?“, fragte er, als sie gerade davor standen. „Sie soll wahnsinnig schön illuminiert sein.“
Rowena nickte. „Warum nicht? Man kann es sich ja mal ansehen.“
Noch glaubte sie nicht daran, dass es ihr wirklich gefallen würde, aber Lucius hatte an diesem Abend so viel für sie getan, dass sie ihm nun auch eine Freude machen wollte.
Zu ihrer Überraschung war es in der Kirche wirklich schön – und vor allem leise. Außer ihnen waren nicht viele Menschen dort, aber das war genau das, was sie gerade brauchte.
Sie setzten sich auf eine Bank, genossen die Stille und die Gegenwart des anderen, bis Rowena sich irgendwann an ihn lehnte und die Augen schloss.
Lucius dachte schon, sie sei eingeschlafen, aber dann hörte er sie leise sagen: „Damit das klar ist, du bist nicht die 2. Wahl. Du bekommst von mir ein neues Lebkuchenherz. Und nächstes Jahr hätte ich gerne wieder eins, auf dem „Traumfrau“ steht, verstanden?“
Lucius lächelte. „Aye, Ma'am.“
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