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Adventskalender

GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P12
30.11.2018
24.12.2019
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29.410
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11.12.2018 1.537
 
Seit Brombeere Königin von Wassermann geworden war, hatten sie und John nur noch wenig Zeit miteinander verbracht. Selbst Billy, der eigentlich immer an ihrer Seite war, hatte sie kaum noch gesehen, geschweige denn mit ihr gesprochen.
Der Krieg hatte seine Spuren hinterlassen und Brombeere hatte alle Hände voll zu tun, Wassermann wieder aufzubauen und seinen Bewohnern ihre Heimat zurückzugeben. Und weil sie die Königin war, war sie der Meinung, dass sie es ganz allein schaffen musste, denn schließlich war sie für ihr Volk verantwortlich. Die Vogelmenschen vertrauten ihr und verließen sich auf sie. Brombeere wollte sie auf keinen Fall enttäuschen.
Als sie es endlich einmal schaffte, sich Zeit für sich zu nehmen, war es bereits später Abend und sie unglaublich müde. Die vorige Nacht war kurz gewesen, Brombeere hatte viel gearbeitet und war kaum dazu gekommen, eine Pause zu machen.
Am liebsten hätte sie sich jetzt einfach in ihr Bett gelegt, doch sie hatte John versprochen, dass sie sich treffen würden, sobald sie ein wenig freie Zeit hatte. Und dieses Versprechen wollte sie nicht brechen, vor allem, da sie ihn auch vermisste. Sehr sogar, und vor allem mehr, als sie zugeben wollte.
„Billy? Würdest du nach Zwillinge fliegen und John fragen, ob er Zeit hat, mich zu besuchen?“, fragte sie ihren treuen Gefährten, der nur zwitscherte, sich kurz an ihre Wange flauschte und sich auf den Weg in das angrenzende Luftreich machte.
Brombeere lächelte, bevor sie sich an die Arbeit machte und ihren Empfangsraum herrichtete. Die Vogelmenschen hatten darauf bestanden, dass sie den alten Palast bezog, obwohl Brombeere mehrfach versichert hatte, dass ihr ein einfaches Baumhaus vollkommen ausreichen würde. Aber davon wollte ihr neues Volk nichts hören, weswegen Brombeere jetzt in einem für sie viel zu großen Palast lebte, in dem sie sich mal mehr, mal weniger wohl fühlte.
Vielleicht konnte sie John dazu überreden, über Nacht zu bleiben. Billy war zwar immer an ihrer Seite, aber es war ein Unterschied, ob man eine vergleichsweise kleine Flauschkugel knuddelte oder jemanden als Kopfkissen benutzte, der größer war als man selbst und der einen zur Not auch ins Bett tragen konnte. Und ob man mit jemandem sprach, der mehr als fünf Sätze sagen konnte, ohne erst mal eine Pause zu brauchen.
So sehr sie ihre kleine Knutschkugel auch liebte, für längere Gespräche war Billy einfach nicht geeignet, das Sprechen erschöpfte ihn zu sehr.
Als der Empfangsraum zumindest halbwegs vorzeigbar war, machte Brombeere sich daran, eine gute Gastgeberin zu sein, machte Tee und eine Kleinigkeit zu essen. John sollte sich schließlich wie zu Hause fühlen und er hatte sie in Zwilling genug bekocht. Jetzt konnte sie sich wenigstens revanchieren.
Es dauerte nicht mehr lang, bis sie Billys Zwitschern vor ihrem Palast hörte. Als sich ein zweites Trillern in seines mischte, war ihr klar, dass John seine kleine Milli mitgebracht hatte.
Umso besser, dachte Brombeere. Dann langweilt Billy sich nicht.
Keine Minute später klopfte es an der Tür.
„Komm rein!“, rief sie und flog John im wahrsten Sinne des Wortes in die Arme, sobald er das Zimmer betreten hatte.
„Schön, dass du Zeit hattest und hergekommen bist“, seufzte sie und kuschelte sich an ihn. „Ich habe dich vermisst …“
John lächelte und drückte Brombeere kurz an sich, bevor er sie sacht von sich schob.
„Böse Zungen könnten jetzt behaupten, dass du mich schamlos anlügst, sonst hättest du dich viel früher gemeldet“, zog er sie sanft auf. Ihm wäre es nicht im Traum eingefallen, ihr einen solchen Vorwurf zu machen, er wusste, wie hart sie arbeitete und wie wenig Zeit sie sich für sich selbst nahm. John hatte in Erwägung gezogen, zu ihr nach Wassermann zu ziehen, um in ihrer Nähe sein zu können, doch seine Heimat war Zwilling. Und in die zog es ihn immer wieder zurück. Als Anführer der männlichen Engel hatte er dort auch Verpflichtungen, die er nicht vernachlässigen konnte und er wusste, dass Brombeere es nie von ihm verlangen würde. Umso mehr liebte er diese seltenen Momente, in denen sie einfach nur zusammen sein konnten, ohne an ihre Pflichten zu denken oder daran, dass er nur ein einfacher Soldat, sie aber eine Königin war.
Ein Ausdruck der Verletzung huschte über Brombeeres Gesicht. Sie wusste, dass John es nicht so gemeint hatte, aber die Schuld nagte trotzdem an ihr. Sie wusste, dass John sie ebenso vermisste wie sie ihn und es tat ihr weh, nicht so oft bei ihm sein zu können, wie sie es sich wünschte. Wie er es verdient hatte. Ob er mittlerweile jemand anderen gefunden hatte? Nicht, dass sie jemals wirklich ein Verhältnis miteinander gehabt hätten, aber …
„Entschuldige“, sagte John und zog Brombeere wieder an sich. „Die Bemerkung war unangebracht. Ich freue mich, dass wir beide endlich mal wieder ein paar Stunden zusammen haben. Und ich weiß, dass es nicht deine Absicht war, keine Zeit für mich zu haben. Ich hatte ja selbst keine.“
„Es tut mir trotzdem leid“, murmelte Brombeere. „Ich war immer der Ansicht, dass Freunde immer irgendwie Zeit füreinander finden sollten und selbst, als ich noch Anführerin der Todesschwadron war und von morgens bis abends trainiert habe, haben wir es irgendwie geschafft, uns wenigstens kurz zu sehen.“ Sie seufzte. „Der Glaspalast ist einfach zu weit weg von hier.“
John gab ihr im Stillen Recht, aber sie konnten ohnehin nichts dagegen tun. Pflicht war Pflicht und sie konnten nicht einfach mal so die Regierungssitze verlegen.
Brombeere löste sich aus seiner Umarmung.
„Ich hoffe, du hast Appetit“, sagte sie. „Ich möchte ungerne alleine essen. Es ist auch nicht viel, nur eine Kleinigkeit … aber ich würde mich trotzdem freuen, wenn du mir Gesellschaft leistest.“
„Immer doch“, lächelte John und betrachtete sie. Brombeere war schmal geworden und wirkte erschöpft, obwohl sie ihr Bestes tat, um das zu verbergen. Er wusste, dass sie nicht wollte, dass er sich Sorgen machte, aber er konnte nicht aus seiner Haut. Allerdings würde er sich hüten, es anzusprechen, denn helfen konnte er ihr ohnehin nicht. Und Brombeere war zu stolz, jemanden darum zu bitten.
Sie setzte sich an den kleinen Tisch, der ihr gelegentlich auch als Kopfkissen diente, und bedeutete John, es ihr nachzutun. Brombeere hatte lediglich ein paar Brote gemacht, um den gröbsten Hunger zu stillen und hoffte, dass John ihr das nicht übel nahm. Doch wenn sie die Uhrzeit in Betracht zog, hatte er bestimmt schon längst gegessen.
Eine Zeit lang schwiegen beide, John vorwiegend, damit Brombeere in Ruhe essen konnte, sie, weil sie tatsächlich nicht wusste, worüber sie mit ihm reden sollte. Gleich mit der Tür ins Haus fallen und fragen, ob er die Nacht blieb? Nach den Soldaten fragen? Ihn mit ihren Problemen bombardieren?
Nachdenklich trank sie einen Schluck von ihrem Tee. Königin zu sein machte so vieles komplizierter, Beziehungen, den Alltag … ihr Leben. Sie hätte viel darum gegeben, in ihr Dasein als einfache Soldatin zurückkehren zu können, aber diese Option gab es nicht mehr. Wassermann hatte einen Anführer gebraucht und das Schicksal hatte ihr die Aufgabe zugespielt. Und sie musste sie erfüllen, so gut sie konnte.
„Wie geht es Quitte?“, fragte sie schließlich. „Und Adriel? Macht er dir das Leben immer noch so schwer oder hat es sich ein wenig gebessert?“
„Der Königin geht es gut“, antwortete John. „Und Adriel ist eben Adriel. Obwohl ich es ihm jetzt natürlich ein bisschen heimzahlen kann, wenn ich damit drohe, ihm dich auf den Hals zu hetzen“, schmunzelte er. „Er ist schließlich nicht mehr der einzige, der mit einer Herrscherin befreundet ist.“
„Dann hat mein Status wenigstens ein Gutes“, seufzte Brombeere, bevor sie unwillig aufstand und das Geschirr abräumte. Sie hatte sich geweigert, Bedienstete zu beschäftigen, aber manchmal wünschte sie sich, dass sie es nicht getan hätte. Vor allem an Tagen wie diesen, wenn ihr irgendwie alles zu viel wurde.
John erhob sich ebenfalls und nahm Brombeere das Geschirr aus der Hand.
„Ich mach das schon“, sagte er. „Setz dich lieber hin und ruh dich ein wenig aus. Du siehst aus, als könntest du eine Pause vertragen.“
Für gewöhnlich hätte sie protestiert, doch John hatte Recht.
„Danke“, sagte sie ehrlich und lächelte flüchtig, kurz versucht, ihn auf die Wange zu küssen. Aber sie beherrschte sich. Es wäre unangemessen gewesen. Sie waren nur Freunde und nicht … außerdem war sie die Königin von Wassermann und er ein Soldat aus Zwilling. Selbst, wenn sie wollte, es würde sie beide nur vor Probleme stellen, da war sie sich sicher.
Brombeere setzte sich auf ihr Sofa und lehnte sich zurück. Erst jetzt merkte sie, wie müde sie eigentlich war und wie wenig Kraft sie noch hatte. Wenn sie nicht bald kürzer trat, würde ihr Körper sie dazu zwingen, etwas, das sie unter allen Umständen vermeiden wollte.
Als John wiederkam, war die Königin von Wassermann eher am Schlafen als wach. Er seufzte leise, so hatte er sich den Abend eigentlich nicht vorgestellt, aber er konnte es Brombeere nicht verdenken. Also holte er eine Decke, setzte sich neben den Engel – für ihn war sie das immer noch, obwohl sie eigentlich mehr von den Vogelmenschen hatte -, deckte sie zu und zog sie an sich.
Brombeere protestierte nur schwach und kuschelte sich dann enger an John. Sie war so müde, dass ihr die Standesunterschiede in diesem Moment egal waren.
„Schlaf gut, Brombeere“, flüsterte John und küsste sie sanft auf die Haare. „Ich bleibe hier und passe auf dich auf.“
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