Die Hetzjagd

von Baerin21
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
30.11.2018
05.01.2019
48
181080
10
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Dieses Kapitel
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Halli Hallo liebe Leser,


wie schön, dass ihr euch auf meine Geschichte verirrt habt. Ein paar

Dinge möchte ich allerdings noch loswerden:


Wie manche sicherlich schon wissen, ist diese Fanfiktion eine überarbeitete Version meines Originals. Bei der alten Version habe ich leider den Faden verloren und stellenweise hat mir meine Gestaltung der Charaktere nicht mehr zugesagt, aber nach so langer Arbeit habe ich es nicht übers Herz gebracht, sie komplett zu verwerfen. Daher die Änderungen.


Denjenigen, die meine alte Version verfolgt haben, will ich es so leicht wie möglich machen: Zu Beginn jedes Kapitels werde ich darauf hinweisen, ob Veränderungen vorgenommen wurden und wie entscheidend sie in dem weiteren Verlauf der Geschichte sein werden.

Ich weiß, es ist mistig, aber habt Erbarmen mit mir. Die neue Version ist, meines Erachtens, besser und vor allen Dingen schon fertiggestellt! Ein weiterer Hinweis: Die Geschichte habe ich nach den Harry Potter Filmen geschrieben und nicht nach dem Buch.


Und nun viel Spaß beim Lesen!



Für die, die die alte Version schon gelesen haben: In diesem Kapitel gibt es keine Änderungen.


Magdalena

„Fertig“, ist das erste, das ich nach etwa einer Stunde von mir gebe. Mit einem erleichterten Lächeln blicke ich zu meinem Ausbilder, Mr Ollivander, auf. Als dieser anerkennend nickt, gesellt sich zu der Erleichterung Stolz. Nachdem ich ihm bei der Herstellung eines Zauberstabs etliche Male über die Schulter geguckt hatte, hat er mich heute, nachdem er seinen Laden für Kundschaft geschlossen hat, das allererste Mal selbst an die Werkbank gebeten. Meinen Feierabend verlegte ich bereitwillig nach hinten, denn genau diesen Augenblick hatte ich seit knapp zwei Jahren herbeigesehnt. Zuerst war ich nervös, was nicht auf fehlendem Wissen gründete, sondern darauf, dass mein Ausbilder keinen einzigen Kommentar von sich gab, während er mich genau beobachtete. Weder einen schlechten, noch einen guten. Ich wusste also nicht, ob ich auf dem richtigen Weg war oder der Holzstab aus Eiche bloß ein gewöhnlicher, unelastischer Ast bleiben würde. Doch nun, wo Mr Ollivander in mein Lächeln einstimmt, atme ich auf und lehne mich vollendeter Dinge zurück. Ich hatte etwas geschwitzt, nicht nur, weil mich Mr Ollivanders plötzliche Aufforderung, einen funktionstüchtigen Zauberstab herzustellen, überrumpelt hatte, sondern auch wegen der frühsommerlichen Temperaturen. Mitte Juni ist es und an die 30°C heiß. Auch jetzt, um 20 Uhr, liegt eine drückende Schwüle in der Luft. Hier, in der kleinen, fensterlosen Werkstatt, welche sich in einem Hinterzimmer des Zauberstabladens Ollivanders befindet, kriegt man kaum Luft. Doch diese Unannehmlichkeit registriere ich erst jetzt, wo meine Konzentration nicht ausschließlich auf der Werkbank liegt.

„Eichenholz, hart, zehn Zoll und ein Kern aus Einhornschweifhaar. Was sagen die Bestandteile über die Eigenschaft des Zauberstabs aus, Ms Goldblum?“
Ohne lange überlegen zu müssen, antworte ich: „Da Eichenholz für Schutz und Standhaftigkeit steht und das Haar eines Einhornschweifs für Treue, wird dieser Zauberstab mit aller Macht seinen Besitzer schützen und ihm treu ergeben sein. Wendet man mit ihm allerdings dunkle Zauber an, geht der Kern kaputt.
„Ich sehe, Sie lernen eifrig“, meint er und ich grinse schief: „Haben Sie etwa etwas anderes angenommen, Sir?“
„Natürlich nicht. In der Tat hatte ich bisher keinen Lehrling, der so motiviert bei der Sache war.“
Diese Aussage ist für mich nicht wirklich verwunderlich, wo ich mich seit dem ersten Schuljahr in Hogwarts darauf vorbereitet hatte, einmal eine Zauberstab-Herstellerin zu werden. Die Zusammenfindung zwischen Zauberstab und Besitzer hatte in meinem Fall etwa zwei Stunden beansprucht. Doch das hatte mich keinesfalls gelangweilt oder genervt, ich war schlichtweg fasziniert von dieser Zeremonie. Da ich aus einer Muggelfamilie komme, war ich bis dahin gewöhnt, in einen Laden zu gehen, mir etwas auszusuchen, zu bezahlen und den Laden wieder zu verlassen. Vor acht Jahren, als zukünftige Hogwarts-Schülerin, hatte ich erkannt, dass das in der magischen Welt etwas anders abläuft – zumindest, was den Erwerb eines Zauberstabs betrifft. Mein Zauberstab hat sich mich als Besitzer ausgesucht, nicht umgedreht. Mr Ollivanders Satz, bevor ich mit meinem neun Zoll langen Stab aus Edelkastanienholz und mit einer Kernsubstanz aus Phönixfeder ging, werde ich niemals vergessen:
„Ein Zauberstab mit einer Phönixfeder ist anfangs etwas schwierig. Hin und wieder kann es vorkommen, dass er macht, was er will. Doch wenn du ihn gut pflegst, wirst du bald schon seine Treue haben.“
Wie es sich herausstellte, erwies sich seine Anmerkung als richtig und von da an war mein Berufswunsch, einmal Zauberstab-Herstellerin zu werden.

Mein großes Vorbild war dabei Mr Ollivander, der die Herstellung von Zauberstäben revolutioniert hatte. Vor einigen Jahren war der Erwerb eines Zauberstabs nämlich so, wie ich es mir zu Beginn vorgestellt hatte – man ging mit einer gewünschten Kernsubstanz zu einem Zauberstabmacher und ließ damit seinen Stab herstellen. Erst Mr Ollivander konnte beweisen, dass die wahre Kraft eines Zauberstabs erst entfacht werden kann, wenn er sich seinen Besitzer aussucht und nicht umgekehrt. Zudem vertritt mein Ausbilder die Ansicht, dass nur drei Kernsubstanzen für einen verlässlichen, gut funktionierenden Zauberstab geeignet sind. Phönixfeder, Einhornschweifhaar und Drachenherzfaser. All diese wissenschaftlichen Erkenntnisse machen Mr Ollivander zu einer Koryphäe auf seinem Gebiet. Ich wollte dasselbe können und tun wie er und daher war ich fast geplatzt vor Freude, als ich von ihm den Bescheid bekam, dass ich meine Lehre zur Zauberstab-Herstellerin bei ihm absolvieren darf. Mein Ehrgeiz und Fleiß in der Schule und die daraus resultierenden guten Ergebnisse meiner Abschlussprüfung hatten sich bewährt gemacht.
„Jetzt müssen wir nur noch schauen, ob er auch seinen Zweck erfüllt. Hatten Sie bei der Eichung irgendwelche Schwierigkeiten?“, fragt mein Ausbilder und wieder überkommt mich Nervosität.
„Nein, eigentlich nicht. Aber vielleicht sollte ich den ersten Zauber mit ihm durchführen“, schlage ich vor. Hat sich bei meiner Herstellung doch ein Fehler eingeschlichen, so könnte der Gebrauch des Zauberstabs fatale Folgen haben. Und im Falle dessen wäre es mir deutlich lieber, wenn ich unter meinem Fehler leide und nicht Mr Ollivander.
„Wenn Sie die Sorge haben sollten, dass Ihr erstes Werkstück nicht funktioniert, dann kann ich Sie beruhigen. Ich hätte keinen Ihrer Handgriffe anders gemacht“, sagt er und lächelt zuversichtlich. Wenn auch widerwillig überreiche ich ihm den frisch angefertigten Zauberstab.
„Ich weiß, dass Sie auch die Eichung eines Zauberstabs beherrschen. Aber weil ich Ihr Ausbilder bin, habe ich die Pflicht, eine zweite Eichung durchzuführen“, erklärt er und ich nicke. So wird der Stab ein zweites Mal untersucht und letztendlich ein Testzauber angewandt, den er problemlos ausführt. Ich kann einen triumphalen Laut nicht unterdrücken und strahle übers ganze Gesicht. Auch Mr Ollivander lacht erfreut, verpackt meinen ersten, allein angefertigten Zauberstab in eine Schachtel und überreicht ihn mir mit dem stolzen Lächeln eines zufriedenen Ausbilders.
„Ihr erstes Werkstück – es gehört Ihnen. Es soll Ihnen Glück bringen“, sagt er. Ich muss mich zusammenreißen, um Mr Ollivander nicht vor Begeisterung zu umarmen und bedanke mich überschwänglich.

„Eigentlich beginnt der praktische Teil Ihrer Ausbildung vertragsmäßig erst Anfang August, doch ich habe beschlossen, ihn vorzuziehen. In der Theorie kann ich Ihnen kaum noch etwas beibringen“, meint Mr Ollivander und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Ich musste feststellen, dass Sie in Ihrer Bewerbung bezüglich Ihres ‚großen Interessens‘ nicht übertrieben haben, Ms Goldblum.“
„Sie machen sich ja keine Vorstellungen, wie viele Stunden ich in der Schulbibliothek verbracht habe. Ich habe Mrs Prince fast wahnsinnig gemacht, als ich immer und immer wieder nach Büchern über Zauberstabkunde gefragt habe“, erzähle ich, denke an die genervte Miene der Bibliothekarin von Hogwarts zurück und lache kurz.
„Welches Buch war Ihr Favorit?“, fragt Mr Ollivander und meine Augen funkeln vor Begeisterung, als ich ihm antworte: „Die Magie eines Zauberstabs. Das Kapitel über die Reaktion zweier gegnerischer Zauberstäbe ist klasse. So detailliert habe ich es in keinem anderen Fachbuch gelesen.“
„Da haben Sie recht. Möchten Sie noch einmal mit hochkommen oder ist es Ihnen zu spät?“
Nach kurzem Überlegen antworte ich: „Nein, ich bleibe gerne noch für einen Plausch.“
Heute Morgen kam mir zwar eigentlich der Gedanke, meiner besten Freundin, Debby, einen Besuch abzustatten, doch nun ist es dafür eh zu spät. Außerdem ist morgen auch noch ein Tag.
„Aber zuerst wird der Laden aufgeräumt“, sagt mein Ausbilder und ich brumme.
„Vielleicht gehe ich doch lieber nach Hause.“
„Lehrjahre sind keine Herrenjahre, meine Liebe.“
Nach diesem kurzen, doch zutreffendem Sprichwort verlässt er die stickige, heiße Werkstatt. Ich seufze, hole meinen Zauberstab heraus und beseitige das Chaos. Meinen ersten, selbst gebauten Zauberstab nehme ich noch einmal in die Hand und begutachte ihn mit einem glücklichen Lächeln von allen Seiten. Dann lege ich ihn ordentlich beiseite und betrete den Ladenbereich, welcher von zahlreichen Regalen dominiert ist, die mit Zauberstabschachteln nur so vollgestopft sind. Im Bereich vor der Theke liegen ebenfalls viele dieser Schachteln geöffnet und wahllos herum. Den letzten Kunden mit seinem ersten Zauberstab auszustatten, hatte eine Stunde gedauert und bedurfte einige Probeanläufe mit dutzenden unterschiedlichen Zauberstäben. Diese befinden sich nun zerstreut auf dem Boden.
„Ratzeputz“, murmel ich routiniert und das Chaos beseitigt sich selbstständig. Verpackt in ihren Schachteln fliegen die Zauberstäbe in die Regale zurück. Nach einem letzten prüfenden Blick folge ich Mr Ollivander, der eine knarrende, etwas staubige Treppe im hinteren Bereich des Ladens hochgestapft war.

Im oberen Stock befindet sich seine kleine, etwas unordentliche Wohnung. Sie ist mir mittlerweile vertraut, denn zu unserem Arbeitsverhältnis hat sich schnell ein freundschaftliches Verhältnis hinzugesellt. Es ist keine Seltenheit, dass wir nach dem Arbeitstag noch zusammensitzen und plaudern. Mr Ollivander hat nämlich nicht nur Kenntnisse auf seinem Fachgebiet, sondern auch über viele Ereignisse der magischen Welt. Da ich ihm diesbezüglich deutlich unterlegen bin, nehme ich eher den Part als stille Zuhörerin ein. Erzähle ich einmal, dann von Geschehnissen aus meiner Schulzeit. Langweilen tue ich ihn damit nicht, ganz im Gegenteil. Besonders, wenn ich Streiche schildere, die ich und ein paar Schulfreunde unseren Professoren gespielt hatten, hört er gespannt zu und lacht herzlich. Seit kurzer Zeit ist ein weiteres Gesprächsthema hinzugekommen. Eines, über das wir zu Beginn unserer Freundschaft nicht viel geredet hatten, dessen Häufigkeit sich jedoch im letzten Jahr immer weiter gesteigert hatte. Auch jetzt, wo ich mich nach getaner Arbeit entspannt auf den Küchenstuhl fallen lasse, werde ich jäh aus meiner Zufriedenheit gerissen. Mein Lächeln vergeht mir schlagartig, als ich auf den Tagespropheten blicke, der auf dem eher kleinen, quadratischen Küchentisch aus dunklem Holz liegt.
‚Er ist wieder da – was das Ministerium unternimmt‘, lautet die Überschrift des ersten und größten Artikels. Darunter ein Bild vom Zaubereiministerium. Schon seit einer Woche ist der Tagesprophet mit der jüngsten, grausamen Erkenntnis der magischen Welt vollgeschrieben – Lord Voldemort ist zurückgekehrt. Mit ein paar Todessern ist er vor wenigen Tagen ins Zaubereiministerium eingedrungen, was er dort wollte, ist unbekannt. Sowie auch sein derzeitiger Verbleib, denn bevor ihn die Auroren festnehmen konnten, war er verschwunden. Bloß ein paar seiner Anhänger wurden im Zaubereiministerium verhaftet und nach Askaban geschickt. Bevor ich mich weiter in den Artikel vertiefen kann, wird die Zeitung herumgedreht. Ich blicke zu Mr Ollivander auf, über dessen silberne, große Augen sich ein Schleier aus Besorgnis gelegt hat.
„Vergessen Sie das Thema für heute. Feiern Sie lieber Ihren ersten gelungenen Zauberstab.“
„Es wäre schön, wenn man das Thema so einfach vergessen könnte. Die Zeitungen sind voll damit“, murmel ich und erschaudere innerlich. Meine Miene ist finster und schaut man genauer hin, entdeckt man Angst in ihr. Wenn ich an Voldemort denke, führt mich mein Gedankengang unweigerlich weiter zu meinen Eltern. Jeden Tag hört man von neuen Anschlägen, über dessen Verursacher die Muggel keine Ahnung haben. Nur die magische Welt weiß, dass Voldemorts Anhänger ihr Unwesen treiben und es dabei überwiegend auf die Nichtmagier abgesehen haben. Eine Brücke ist zusammengestürzt, ein Supermarkt wurde gesprengt, ein Hochhaus fiel in sich zusammen. Tote über Tote und in dieser Welt leben meine ahnungslosen, friedliebenden Eltern. Wieder erschaudere ich, diesmal sichtlich.

„Ms Goldblum, ich finde Sie sollten sich mal Urlaub nehmen. Die Saison, in der Zauberstäbe gekauft werden, ist noch nicht angebrochen. Wie wäre es, wenn sie mit ihren Eltern ein paar Wochen nach Deutschland fliegen?“, schlägt Mr Ollivander nach einer kurzen, stillen Pause vor und sieht mich ernst an. Ich weiß, was hinter seinen Worten steckt. Er meint damit, dass ich zusammen mit meinen Eltern die Koffer packen und in mein Heimatland auswandern soll. Indirekt gibt er mir damit einen Einblick, wie ernst er die Bedrohung durch Voldemort nimmt. Würde ihm die ganze Sache nur halb so viele Sorgen bereiten, würde er niemals eine Flucht in Betracht ziehen. Mr Ollivander ist niemand, der bei jeder Gefahr flieht, genauso wenig wie ich. Trotzdem hatte schon zu Beginn der Woche den gleichen Gedanken wie er. Wenn ich meine Eltern und mich schützen will, muss ich mit Ihnen das Land verlassen und das besser früher, als zu spät. Die Attacken auf öffentliche Muggeleinrichtungen sind, gelinde ausgedrückt, bedenklich. Meine Mutter arbeitet als Krankenschwester im St Mary’s Hospital und mein Vater ist Filialleiter einer Bank, demnach stehen sie in der Statistik der gefährdeten Muggel ziemlich weit oben. Bei der Vorstellung, all das, was mein Leben ausmacht, hinter mir lassen zu müssen, packt mich zuerst eine tiefe Trauer. Diese wird jedoch schnell von Wut verdrängt. In erster Linie Wut auf Voldemort. In zweiter Linie Wut auf Cornelius Fudge, denn hätte dieser sich nicht ein Jahr lang strikt gegen Harry Potters Alarmierung, Voldemort ist wieder zurück, gewehrt, so hätte man viel früher nach diesem größenwahnsinnigen, hochgefährlichen Massenmörder gesucht. Vielleicht wäre es dann gar nicht so weit wie jetzt gekommen? Vielleicht war er vor einem Jahr noch so schwach, dass man ihm das Handwerk legen hätte können? Doch Fudge, unser ehemaliger Zaubereiminister, hatte Voldemort mit seiner Ignoranz genug Zeit verschafft, dass er seine alten Freunde wieder um sich scharren konnte. Seine Sorge galt bloß seinem Amt als Zaubereiminister und nicht der Bedrohung der magischen Welt. So sorgte er dafür, dass der Zeuge von Voldemorts Rückkehr und sein treuer Verfechter, Albus Dumbledore, von den Medien zerrissen wurden. Er bezeichnete sie als Lügner, Wichtigtuer und Volksaufwiegler. Stück für Stück entriss er Dumbledore seine Autorität als Schulleiter und strukturierte das Schulsystem von Hogwarts nach seinen Vorstellungen um. Seine ausführende Hand war dabei eine kleine, hässliche Ministeriumshexe, die er zur Großinquisatorin kürte und nach Hogwarts schickte. Von da an wurde eine sinnlose Regel, nach der anderen eingeführt. Von der schwachsinnigsten hatte mir Fred Weasley erzählt, welcher mit seinem Bruder in der Nachbarschaft ein Scherzartikelladen eröffnet hat: Das Schulfach Verteidigung gegen die dunklen Künste solle es nicht mehr geben, zumindest praktisch nicht. Es liege ja keine Gefahr vor, gegen die man sich verteidigen muss. Schließlich gelang es dem Zaubereiminister auch, Dumbledore von seinem Amt als Schulleiter von Hogwarts zu entheben. Was ihm das alles gebracht hatte, durfte der Zaubereiminister feststellen, als Voldemort und seine Anhänger vor einer Woche in seinen heiligen Gemäuern standen. In seinem geliebten Zaubereiministerium. Wegen schierer Dummheit wurde seines Amtes enthoben und Dumbledore durfte endlich wieder nach Hogwarts zurückkehren. Es klingt nach einem Happy End, doch das ist es nicht. Vielleicht für den dunklen Lord, aber für niemanden sonst.

„Ich habe auch schon darüber nachgedacht, ob wir nicht nach Deutschland ziehen sollen“, murmel ich mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern. Eine Weile herrscht Schweigen in der kleinen, nostalgischen Küche, welches schließlich von meinem Ausbilder durchbrochen wird:
„Überlegen Sie es sich. Aber heute Abend werden wir uns erstmal einem Kirschlikör zuwenden.“
Als sei dies ein Stichwort, öffnet sich plötzlich ein Regal und heraus fliegen zwei Likörgläser und eine schmale Flasche mit dunkelroter Flüssigkeit. Meinen verwirrten Blick erwidert Mr Ollivander mit einem vergnügten Lächeln. So oft wir schon zusammengesessen und geredet haben – Alkohol hatten wir dabei noch nie getrunken. Der Gedanke, mit meinem Ausbilder zu trinken, ist komisch, doch als wir miteinander anstoßen, fühlt es sich nicht falsch an.
„Auf Ihren ersten Zauberstab!“
„Cheers!“
Mr Ollivanders gelingt es letztendlich, mich mit seiner guten Laune anzustecken. Wir führen eine lustige und herzliche Unterhaltung, während der ich ihm viel von dem Alltag der Muggel erzähle. Er berichtet mir von seiner Schulzeit, wobei er nicht ganz so viele verwegene Geschichten hat wie ich. Ernste oder gar bittere Themen vermeiden wir heute. Wir lachen viel und der Kirschlikör nimmt Glas für Glas ab. Als die Flasche leer und die Sonne fast untergegangen ist, sage ich grinsend: „Vor der Lehre hätte ich mir nie vorstellen können, mich mit meinem Ausbilder zu besäuseln.“
„Das geht mir ebenso, Ms Goldblum. Aber wer weiß, wie viele Möglichkeiten uns noch dazu bleiben.“
Für einen Augenblick spiegelt sein Gesicht all das wieder, was ich verspüre. Angst, Verzweiflung und Trauer. Noch nie hatte der kluge, erfahrene Mann so etwas wie Hilflosigkeit ausgestrahlt. Doch jetzt ist sie in seinen großen, silbernen Augen klar erkennbar und erschreckt mich innerlich. Auch mein Grinsen legt sich und die ausgelassene Stimmung kühlt sich schlagartig ab. Nach einer kurzen Stille, zwingt sich Mr Ollivander wieder zu einem Lächeln.
„Sicherlich mehr, als wir denken“, sagt er mit neuer Heiterkeit, doch kann seine Wehmut nicht ganz verstecken. Eine tiefsitzende Trauer packt mich und ich wende meinen Blick rasch ab, damit er sie nicht sehen kann. Der Abend soll so schön enden, wie wir ihn verbracht hatten. Und da man gehen soll, wenn es am schönsten ist, verkünde ich:
„Ich sollte langsam nach Hause. Morgen muss ich fit für die Arbeit sein.“
„Und ich sollte mir ein Beispiel an Ihnen nehmen, meine Gute.“
Wir erheben uns zeitgleich von unseren Stühlen und er bringt mich zum Ansatz der Treppe.
„Hier“, sagt er und überreicht mir die Schachtel meines angefertigten Zauberstabs. Ich nehme sie mit einem verlegenen Grinsen entgegen.
„Ups, den hätte ich fast vergessen.“
„Halb so wild. Passen Sie gut auf ihn auf.“
„Werde ich“, versichere ich ihm und stimme in sein Lächeln ein. Einen Moment schauen wir uns noch an und wieder ist dort diese merkwürdige, endgültige Trauer. Wir scheinen sie beide zu empfinden, was in mir eine gewisse Beklemmung auslöst.
„Bis Morgen“, verabschiede ich mich schließlich leise und er erwidert:
„Bis Morgen, Ms Goldblum. Passen Sie auf sich auf.“
Dann verlasse ich den kleinen Laden, laufe die fast dunkle Straße entlang und betrete den Tropfenden Kessel.

„Hallo Magdalena. Hast du heute Überstunden machen müssen? Bist recht spät“, begrüßt mich der Wirt des von dunklem Holz dominierten, schäbig wirkenden Pub, der zu dieser Uhrzeit für gewöhnlich am besten besucht ist.
„Hallo Tom. Ja, heute hat es etwas länger gedauert“, erwidere ohne weitere Erklärungen. Ich bin immer noch traurig und der Wirt scheint es zu bemerken, doch er fragt nicht nach meinem Wohlbefinden. Ob es ihn ganz einfach nicht interessiert oder er keine Zeit für eine Unterhaltung hat, weiß ich nicht. Ich bin lediglich erleichtert, dass man mich in Ruhe lässt. Wie jeden Abend schlüpfe ich hinter die Bar.
„Na dann, schönen Feierabend“, sagt er noch zum Abschied und ich winke ihm kurz, bevor ich durch den schmalen Gang gehe, der zu einem kleinen Hinterzimmer führt, das eigentlich für ungestörte Besprechungen dienlich ist. Mr Ollivander hatte zu Beginn meiner Lehre mit dem Wirt Tom vereinbart, dass ich den einzigen, großen Kamin seines Pubs für den Arbeitsweg benutzen darf. Per Flohnetzwerk ist er bedeutend einfacher und schneller, wenn auch nicht gerade komfortabel und manchmal, wenn man sich während des Flugs stößt, auch schmerzhaft. Ich nehme eine Hand voll Flohpulver, welches in einem Beutel auf dem Kaminsims steht und streue es in den Kamin. Sofort erscheint ein grünes, loderndes Kaminfeuer, in dessen Mitte ich mich stelle.
„2 Eliot Hill, Greenwich“, spreche ich und achte dabei auf eine deutliche Aussprache, um nicht am hintersten Eck der Welt ausgespuckt zu werden. Etwa zwei Minuten später stehe ich in dem Kamin meines Elternhauses. Tante Vicky, welche es sich mit meinen Eltern auf der Wohnzimmercouch bequem gemacht hat, fährt mit einem spitzen, erschrockenen Laut zusammen. Mama und Papa sind das Geräusch bereits gewöhnt und begrüßen mich entspannt.

„Wir dachten schon, du seist verschollen. Warst du noch bei Debby?“, fragt meine Mutter und ich denke kurz an meine beste Freundin, die ihre Wohnung über dem Eeylops Eulenkaufhaus hat, einem Geschäft in der Winkelgasse, das Posteulen aller Art verkauft. Dort ist sie auch als Tierpflegerin angestellt.
„Nein, ich musste heute ein bisschen länger machen.“
Ich bemühe mich, ihrem Blick auszuweichen, denn sie hat ein Gespür dafür, wenn etwas bei mir nicht stimmt. Zusätzlich ist sie wohl die besorgteste, neugierigste Mutter auf diesem Planeten. Naja, nicht ganz so schlimm, aber eben doch manchmal lästig. Und wie immer sind auch heute meine Bemühungen umsonst. Woran sie meine schlechte Stimmung diesmal festmacht, weiß ich nicht.
„Ist was, mein Schatz? Du siehst traurig aus.“
Papa, der fast das komplette Gegenstück zu meiner Mutter ist, antwortet für mich. Natürlich ist ihm mein Wohlergehen nicht egal, doch er lässt mir die Chance, ihn von alleine um ein Gespräch zu bitten.
„Liebling, sie hat doch gerade gesagt, dass sie länger machen musste. Da kommst du auch nicht mit strahlendem Lächeln und Hopserlauf herein geschneit oder?“
Meine Mutter schaut zerknirscht drein. „Ist ja schon gut, ich sag ja schon nichts mehr.“
Trotzdem sieht sie mich mit ihrem Mutterinstinkt-Blick an, welcher vor Fürsorge nur so trieft. Seufzend verkünde ich: „Ich werde gleich ins Bett gehen.“
„Ach, bleib doch noch für fünf Minuten. Wir sind nicht oft alle beisammen“, sagt Tante Vicky und schaut mich mit echtem Bedauern an. Sie ist der Grund, weshalb wir überhaupt vor 10 Jahren nach London gezogen sind. Nachdem ihr Mann eines Tages plötzlich verstarb, wurde die kinderlose Frau so depressiv, dass sie ihre Freunde, ihren Job und ihren Lebensmut verlor. Mama hatte schließlich für uns alle entschieden, dass wir nach Großbritannien ziehen, um ihrer kleinen Schwester zu helfen.
„Ich werde nach London gehen. Entweder mit oder ohne euch. Ich kann meine Schwester nicht vor die Hunde gehen lassen.“
Eine knallharte Ansage, der Papa und ich uns schließlich gefügt hatten. Mittlerweile tippe ich jedoch darauf, dass der Umzug in ihr Heimatland nicht nur von Selbstlosigkeit und Aufopferung herrührte. Natürlich wollte Mama Tante Vicky helfen, doch sie hatte auch großes Heimweh.

Mr Ollivanders Satz hallt mir in den Ohren.
‚Wer weiß, wie viele Möglichkeiten uns noch dazu bleiben?‘
Ich betrachte meine Eltern und meine Tante, sehe in ihre erwartungsvollen Gesichter und setze mich schließlich zu ihnen. Ja, wer weiß, wie oft wir noch so zusammensitzen können? Die Welt ist gefährlich geworden und wer sagt mir, dass meine Mutter nicht morgen von einem Angriff der Todesser getötet wird? Bei der Vorstellung krampft sich mein Magen zusammen und es kostet mich jede Mühe, nicht in Panik zu verfallen.
„Sag mal, kann es sein, dass du nach Alkohol riechst?“, bemerkt Papa plötzlich und ein Grinsen legt sich auf mein Gesicht, als Mama und Vicky ihre Mienen tadelnd verziehen. Die beiden gehören zu den Menschen, die eine sehr konservative und strenge Erziehung genossen haben. Alkohol unter der Woche ist für sie ein tabu. Immerhin muss man doch ordentlich schaffen. Was das betrifft, komme ich doch eher nach meinem Vater, der nicht alles gleich so eng sieht.
„Mr Ollivander hat gesagt, dass wir meinen ersten Zauberstab feiern müssen. Der Kirschlikör war verdammt lecker“, erzähle ich.
„Du hast heute deinen ersten Zauberstab hergestellt? Mein Schatz, ich bin so stolz auf dich!“, ruft Mama sogleich. Mein Alkoholgenuss hat sie prompt vergessen, denn sie weiß, wie sehr ich diesem Ereignis entgegengefiebert habe. Ein stolzes Grinsen legt sich auf meine Lippen und nun gibt mir auch mein Vater einen anerkennenden Klaps auf die Schulter. Keiner von ihnen weiß, wie anspruchsvoll die Herstellung von Zauberstäben ist, doch alle freuen sich sichtlich für mich. Das haben sie schon, als Mr Ollivander mich als Lehrling genommen hat, dabei kannten sie nicht einmal das Berufsbild. Es war schon immer schwierig, ihnen den Alltag der magischen Welt zu erklären. Vor ihnen zaubern darf ich laut dem Internationalem Statut zur Geheimhaltung der Magie nicht, sodass ich ihnen viele Sachen beschreiben muss. Andererseits hat dies den Vorteil, dass sie nichts über die aktuelle Bedrohung, die Rückkehr von Voldemort, wissen. Ich erzähle ihnen auch nichts davon. Meine Eltern denken, dass die Welt der Zauberer und Hexen einer Märchenwelt gleicht. Friede, Freude, Eierkuchen. Keine politischen Probleme, dunkle Magie oder Rassenwahn. Ich lasse sie in ihrem Glauben und das, seit ich nach Hogwarts ging und dort den wahren Alltag der Magier kennen lernte. Meine Mutter hätte mich sofort von der Schule genommen, hätte ich ihr den Begriff Schlammblut erklärt.

Wir unterhalten uns noch ein bisschen und ich bereue nicht, dass ich mir noch eine halbe Stunde Zeit für meine Familie genommen habe. Tante Vicky hat gerade eine gute Phase und die muss man auskosten, denn die Trauer um ihren verstorbenen Mann kann sie jeden Augenblick wieder einholen. Als ich ihnen schließlich eine gute Nacht wünsche, ruft mir mein Papa hinterher:
„Genau, mein Kind. Schlaf deinen Rausch aus.“
Ich äffe ihn nach und grinse, als ich er darüber lacht. Das Letzte, was ich höre, bevor ich meine Zimmertür hinter mir schließe, ist Tante Vickys Brüskierung.
„Also zu meiner Zeit habe ich nicht mit meinem Ausbilder getrunken…“
Ich ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus und lege mich in mein Bett. Die Nacht ist heiß und schwül, sodass ich auf eine Decke verzichte. Müde schließe ich meine Augen, doch schlafen kann ich nicht. Meine Gedanken an den heutigen Abschied von Mr Ollivander hält mich wach. Gerade, als ich weggedämmert bin, weckt mich das Grollen am Himmel. Und wieder verfalle ich ins Grübeln, während Blitze in regelmäßigen Abständen mein Zimmer erhellen und ein starker Regen gegen die Fensterscheibe peitscht.
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