Like fire and rain - #Kürbistumor

von HochMoni
GeschichteDrama / P12
30.11.2018
20.02.2019
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POV Manu
Während Palle geredet hatte, hatte ich meinen Kopf immer weiter gesenkt. In seiner Stimme schwang so viel Wut und Enttäuschung mit. Ich hätte ihm nicht in die Augen sehen können und selbst so, fiel es mir schwer mein Gesicht nicht in meinen Händen zu vergraben und loszuheulen. Wäre ich ihm gegenübergestanden, wäre ich wahrscheinlich einfach zusammengebrochen. So, war ich nur immer tiefer in meinen Stuhl gesunken und hatte versucht mich so klein wie möglich zu machen. Als dann die Frauenstimme ertönte, schloss ich die Augen und die angesammelten Tränen rannen ungehindert heraus. Er hatte Stück für Stück die Lücken in meiner Erinnerung aufgefüllt. Es … es war … einfach zu viel…
Ich hatte ihm so viel an den Kopf geworfen, was einfach … falsch war. Meine Erinnerung war falsch! Ich hatte sie so gesehen, wie es für mich einfacher war.
Jetzt saß ich hier an meinem Schreibtisch und hatte es noch vor Mittag geschafft, dass mein bester Freund auf der ganzen Welt unsere Freundschaft beendet hatte!?! Eine kalte, dunkle Wolke aus Einsamkeit breitete sich in mir und um mich herum aus. Ich erstickte darin. Ein lautes Schluchzen verließ meine Kehle.
Wie konnte ich nur glauben, dass er das aus Eigennutz gemacht hatte? Er hat mich gerettet. Und so dankte ich es ihm?! Ich war wohl der schlimmste Mensch auf Erden.
Vorwürfe rasten durch meinen Kopf und mein von Schuld gebeuteltes Herz ließ mich erschaudern.
Langsam rutschte ich auf den Boden und lehnte mich mit dem Rücken gegen meinen Schreibtisch. Ich konnte mich nicht mehr halten. Wollte den Bildschirm nicht ansehen müssen, hinter dem ich sein von Enttäuschung und Schmerz gezeichnetes Gesicht erahnen konnte. Wollte nicht daran denken müssen, was ich angestellt hatte … was ich ihm angetan hatte …
Doch ich konnte es nicht ignorieren … geschweige denn vergessen … also … ließ ich es zu. Ergab mich meinen Gefühlen. Der Schuld. Dem Schmerz … Und der Trauer …
Und erstickte beinahe daran.

Lange saß ich einfach nur da. Überließ mich den Tränen, bis diese versiegten. Mein ganzer Körper zitterte. Meine Augen waren geschwollen vom Weinen und mein Hals durch die Schnappatmung gereizt. Mein ganzer Körper war kraftlos. Unfähig weiter zu trauern und ebenso unfähig sich zu bewegen.
Als mein Schluchzen verebbt war, gab es nur eines, was ich tun konnte … Also bemühte ich mich das Wochenende möglichst ruhig noch einmal Revue passieren zu lassen. Auch wenn der bloße Gedanken daran mein eh schon blutendes Herz erneut mit Messern durchbohrte. Langsam aber sicher, dass es notwendig war, fokussierten sich meine von selbstverschuldeter Traurigkeit benebelten Gedanken und Schritt für Schritt ging ich die Erinnerung an Samstag durch:

„Die Aufnahme mit Palle, das Kaffeetrinken, die Party … viel zu viel Alkohol …“

Als ich an dem Punkt mit den Nachrichten an Palle gekommen war, hielt ich inne. Mittlerweile hatte ich wieder klar im Kopf, dass ich etwas in mein Handy getippt hatte. Nur bedarf es doch noch etwas Hilfe herauszufinden was. Ohne Zögern griff ich mit immer noch bebenden Händen nach dem Smartphone auf dem Tisch und scrollte auf dem Display sofort in dem geöffneten Chat nach oben. Wie es schien, hatte ich ihm einen halben Roman geschrieben.
„Hi, Pidschnitzel“                                             [22:08Uhr]
„Mir is grad echt mega langwielig“                                   [22:10Uhr]
„Willste nich vorbeikommen?“                                        [22:11Uhr]
Irgendwie war es mir peinlich die Nachrichten zu lesen, die mein betrunkenes Ich geschrieben hatte. Allein schon wegen dem andauernden Vertippen!
Die nächste Nachricht war dann auch schon die Adresse.
„Dann könntn wir n bissl Spaß habennn ;P“                              [22:13Uhr]
„Mit dir ist alles soooooo viel schöner!                                   [22:13Uhr]
„Ich wünschde, du wärst hier bei mir. Dann könnt ich dich endlich wirklich sehen und in die Arme nehmen und viellleciht auch mehr XD                                    [22:16Uhr]
„Ich mag dich Palette. Sehr sogar! Aber es wär nett, wenn du mal antwortest“          [22:19Uhr]
„Ich würd dir die nächsten drei Worte lieber persönlcih sagen“                    [22:21Uhr]
„Du bist mein bestester Freund Palette und ich …“                         [22:21Uhr]
„Ich sag dir dat persönlich. Da kommts besser! Warte, ich ruf dich schnell an“          [22:22Uhr]
Es waren zwei Anrufe. Einer um 22:23Uhr und dann gleich um 22:25Uhr hatte Pal- … – ich musste schlucken – „er“ abgenommen.

„Ich … ich hatte ihm fast geschrieben, dass …“, ich atmete schwer aus, hielt dann aber inne, „Er hatte doch vorhin im TS gesagt, dass … dass er etwas gerne erwidern würde … War das damit gemeint? … Konnte das möglich sein? …“, seufzend schüttelte ich den Kopf, „Sicher nicht … Oder?“
Ich dachte den Abend weiter:
„Er hatte mir seine Jacke gegeben. Sie roch nach ihm. Er hat sie mir gegeben, obwohl er selbst nicht wirklich warm angezogen war und er hat mich so fest an sich gedrückt …“

Als meine Rückblende an der Haustür ankam, fiel mir Dani ein. Ich rief sie sofort an und sie nahm auch schnell ab.
„Hallo, Manu, geht`s dir besser?“, erkundigte sie sich freundlich.
„Hi, ja, es geht wieder. Du, ich w-wollte dich fragen, … wegen Samstag …“, stotterte ich herum.
„Du weißt nicht mehr, was passiert ist?“, folgerte sie.
„Mittlerweile schon wieder besser… Nur … das an der Haustür fehlt noch.“
„Da gibt`s eigentlich nicht viel.“
„Bitte, beschreib es so genau wie möglich“, flehte ich sie fast an. Anscheinen etwas zu sehr:
„Manu, was ist los? Du klingst so … unsicher und fast verzweifelt…“
„I-ich … ich will mir nur sicher sein, was war“, versuchte ich abzulenken.
„Okay, lass mich überlegen“, sie wirkte nicht sehr überzeugt, fing aber an zu erzählen. „Palle hat dich zur Tür gebracht. Ihr habt gelacht, als ich sie geöffnet habe. Dann hab ich dich umarmt und dir gesagt, dass du furchtbar aussiehst …“, sie lachte leicht. Ich lauschte nur angestrengt und versuchte mich zu erinnern. „Palle stand da noch kurz vor der Haustür, ich bedankte mich bei ihm und er wollte gerade gehen … du hast ihn nochmal aufgehalten und ihn in die Arme genommen. Er war erst etwas überrascht – etwa genauso wie ich – hat es dann aber sichtlich genossen und … er …“
„Was?“, drängte ich.
„Er wirkte …“
„Und? Weiter“, sagte ich ungeduldig.
„Irgendwas lag in seinem Blick …“, mein Herzschlag verschnellerte sich.
„Ich weiß, warum du wirklich fragst, Manu. Die Antwort lautet nein. Als er sich gelöst hat, hat er sofort auf den Boden geschaut. Ich hab dich nach drinnen geschoben, wo du deine Schuhe ausgezogen hast. Patrick hat bewusst nicht zu dir geschaut und hatte etwa die Gesichtsfarbe einer Tomate. Ich habe mich nochmal bedankt, was er mit einem ‚Kein Ding‘, abgetan hat und dann ist er zu seinem Auto gegangen. Als er eingestiegen war, hat er dir kurz gewunken. Das war das Einzige Mal, dass er dich direkt angesehen hat und er konnte gar nicht mehr erkennen, als deine Silhouette.“
Ich war die ganze Zeit still und lauschte ihr gebannt, während sich meine Erinnerung immer mehr vervollständigte.
„Manu? … Er weiß nicht wie du aussiehst. Und du weißt, dass er es nicht weiß!“
Ich seufzte.
„Und selbst wenn er es wüsste… du würdest ihn trotzdem lieben.“
Mein Blick hob sich fragend: „Woher…?“
Sie lachte ein wenig.
„Das hast du mir am Samstag selbst gesagt, als er weg war“, erklärte sie. Ich schwieg. „Du musst ihm das sagen.“
„Ich glaube nicht, dass er einen Anruf annimmt“, gab ich kleinlaut zurück.
„Ich hab dir seine Jacke nicht umsonst mitgegeben!“
„Du meinst…?“
„Ja, Manu. Denn, wenn es jemand verdient hat, dann doch er. Oder? … Außerdem macht man sowas persönlich.“
Ich atmete gedehnt aus.
Anscheinend spürte sie meine Unsicherheit. „Manu, du schaffst das! Also?“
Tränen drohten wieder mir die Kehle zuzuschnüren. Ich schluchzte: „Und wenn er mich nicht sehen will? Du hast ja keine Ahnung, was ich …“
„Glaubst du das wirklich?“, unterbrach sie mich. „Er ist dein bester Freund. Und du kannst dir nicht vorstellen, wie er gestrahlt hat, als du ihn umarmt hast.“
„Ja, du hast recht“, ich war mir sicher, „Ich … ich muss sofort zu ihm!“
„Stimmt. Übrigens: die nächste Bahn fährt in zwanzig Minuten.“
Ich musste über das ganze Gesicht grinsen.
„Bin ich so durchschaubar?“
„Nicht nur du“, lachte sie.
„Du bist die Beste.“
„Ich weiß“, gab sie selbstüberzeugt zurück. „Viel Glück!“
„Danke“, sagte ich und legte auf.
>Das werde ich brauchen<, fügte ich in Gedanken hinzu.
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