Weeping Pianist

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P16
Eliot Nightray Leo Baskerville
29.11.2018
29.11.2018
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„Dein Chain muss mit uns kommen.“

Es war nur ein Satz; ein Befehl. Die Gruppe vor ihm – eingehüllt in blutroten Umhängen – hatten nach seinem Lebensgefährten verlangt; dem Pianisten in seinem Schatten. Elliot konnte sich kaum daran erinnern, wie er auf den Pausenhof gelangt war. Ein lautes Surren hatte sich in seinem Kopf breit gemacht. Ihre Worte drangen kaum zu ihm durch. Er sei gefährlich, sagten sie - eine Bedrohung für alle. Benommen von der ganzen Situation schüttelte er nur den Kopf. Er wollte etwas sagen, wollte sich wehren – für einen Moment hatte er mit dem Gedanken gespielt wegzurennen, doch sein Körper wollte nicht gehorchen.

Waren diese Gestalten vor ihm der Grund für jede Träne, die es all die Jahre vergossen hatte?

Elliot wurde heiß und kalt. Eine Wut entflammte in seinem Herzen und er wollte schreien; sie zur Rede stellen. Er hatte so viele Fragen, die sich in seinem Hals zu einem Kloß anstauten. Die Worte schnürten ihm die Luft ab. Er erstickte – und doch blieb er bei Sinnen. Ein immenses Gewicht lastete auf seinen Schultern. Es dauerte eine Weile, bis er realisierte, dass es nicht nur sein eigener Verstand war, der ihn gefangen hielt.

„Es tut mir leid“, sagte die Frau vor ihm. Elena, so war ihr Name. Elliot konnte sich grob an ihre Vorstellung erinnern. Gefolgt von ihren Worten, ertönte das nur allzu bekannte Wimmern. Etwas zerrte den Pianisten aus seinem Schatten und Elliots Herz begann zu rasen. Mit all seiner Kraft wehrte er sich gegen die hauchdünnen Fäden, die ihn in seiner Position gefangen hielten – erfolglos.

Ein Teil der Gruppe löste sich vom Rest. Sie rannten um Elliot herum - ihr Ziel fest vor Augen. Ein weiteres Mal versuchte er Worte herauszubringen. Seine Lippen öffneten sich kaum merklich und suchten nach dem richtigen Ansatz. Seine Lungen verweigerten die Zusammenarbeit; jedes Wort verschwamm vor seinen Augen. Mit den Tränen kämpfend, zerrte er seinen Kopf aus den Fäden. Er fühlte, dass es nutzlos war; spürte, dass er nicht über die Kräfte verfügte, um diese Leute von ihrem Vorhaben abzubringen. Langsam drehte er seinen Kopf zur Seite und blickte über die Schulter. „Es tut mir leid“, krächzte er leise, bevor die Tränen nur so aus ihm herausbrachen.

Und im nächsten Moment, wurde alles schwarz.

oOo

Elliot wusste nicht mehr, wie alt er war, als es zum ersten Mal vor ihm gestanden hatte. Ein Schluchzen hatte damals die Stille in seinem Kinderzimmer gebrochen und ihn aus seinem Schlaf gezogen. Eine Weile war er liegen geblieben, seine Augen zugekniffen und darauf bedacht möglichst flach zu Atmen. Seine rechte Hand, welche er nach und nach unter sein Kissen geschoben hatte, griff zittrig nach seinem Holzschwert. Das Herz hatte schwer in seiner Brust gepocht und er brauchte all seine Kraft, nicht nach seiner großen Schwester zu rufen.

Die Stunden waren in dieser Nacht quälend langsam verstrichen, doch das Schluchzen wich nie von seiner Seite, daran erinnerte er sich noch genau. Von der konstanten Angst komplett erschöpft, hatte sich Elliot nach einiger Zeit gezwungen, seine Augen zu öffnen. Davor hatte er lange mit sich selbst gekämpft und überlegt, was Edwin in seiner Position tun würde. Ermutigt von der Erkenntnis, dass ein wahrer Ritter seine Augen vor einer potenziellen Gefahr nicht verschließen würde, hatten sich seine Augenlider langsam gehoben. Es dauerte jedoch ein paar Sekunden, bis er etwas erkennen konnte.

Er hatte nicht lange nach dem Ursprung des Geräusches suchen müssen – eine schwarze Gestalt stand direkt vor seinem Bett. Dessen Umrisse rissen ein scharfes schwarzes Loch in die restliche Dunkelheit seines Zimmers. Ein Schatten, dunkler als die Nacht selbst, stand neben seinem Nachttisch und blickte direkt auf ihn hinab. Tränen flossen unentwegt über dessen Wangen und tropften von seinem Kinn auf den Teppichboden seines Zimmers.

Ab dieser Nacht wich der Schatten nie mehr von seiner Seite. Bei Tageslicht erkannte man in ihm den Umriss eines jungen Mannes. Er hatte kein Gesicht, keine Details, keine richtige Tiefe. Es wirkte wie ein schwarzes Loch, das sich vor Elliot aufgemacht hatte. Das Einzige, was ihm verriet, dass es überhaupt ein Gesicht hatte, waren dessen Tränen – welche nie versiegten. Es schluchzte und weinte; ließ keinen Platz für Ruhe in Elliots Leben. Zu Beginn hatte ihn diese Situation überfordert. Er konnte nicht mehr genau sagen, wie oft er seinen dunklen Lebensgefährten angeschrien hatte - allerlei Spielzeuge waren bereits in dessen Richtung geflogen; täglich schluckte das unendliche Nichts seine Beschimpfungen. Es gab Momente, in denen Elliot sein Holzschwert fest umgriffen hatte, bereit zu versuchen, all dem ein Ende zu setzen - doch zugeschlagen hatte er nie.

Mit den Jahren der geteilten Gesellschaft lernte Elliot mit seiner Existenz umzugehen. Er fand heraus, dass das Halten seiner Hände einen ähnlich beruhigenden Effekt auf ihn hatte, wie das Vorlesen aus Büchern. Noch stärker reagierte er jedoch auf die Momente, in denen Elliot für ihn auf seinem Klavier spielte. Das Schluchzen wurde leiser, während er sich neben ihn auf den Hocker setzte. Wenn Elliot Statice spielte, gab es sogar Momente, in denen seine Wangen trockneten. Seufzend hatte er sein Schicksal schlussendlich akzeptiert und ihm einen Namen gegeben – Weeping Pianist.

Unter der Anwesenheit anderer Personen versteckte sich der Pianist stets in Elliots Schatten. Ohne jegliche Anstrengung versank er im Umriss des Größeren. Sein Schluchzen verblieb, doch nur Elliot selbst konnte es vernehmen. Vor allem in der Schule nagte das konstante Geräusch an seiner Aufmerksamkeit und die Erklärungen seiner Lehrer drangen nur wie eine zähe Masse langsam zu ihm hindurch. Natürlich hatte dies auch einen entsprechenden Einfluss auf seinen Notenspiegel, weswegen ein Arzt ihm, auf Anweisung seiner Eltern, kurzerhand Medikamente für ADHS verschrieb.

Elliot schluckte die Tabletten nur ungern. Oft wog er die Pillen in seiner Hand ab und starrte sie an, in der Hoffnung, dass sie sich von selbst auflösen würden. Die Liste an Nebenwirkungen war lang – lang genug, um seine Stirn in Falten zu setzen, wenn er den Beipackzettel seines Medikaments ein weiteres Mal durchlas. Es wäre gelogen, würde man behaupten, Elliot hätte in seinen ersten schlaflosen Nächten nicht mit dem Gedanken gespielt, anderen von dem Pianisten an seiner Seite zu erzählen. Wenn sein Blick jedoch in dessen Richtung schwank und den Schatten, wie jeden Abend, dabei erwischte, wie es versuchte, die Wörter innerhalb eines der Bücher zu entziffern, die sich um ihn herum gestapelt hatten, war sein Kopf wie leer gefegt.

Ein gewisses Gefühl keimte in seinem Herzen mit jedem Mal, in dem er den Pianisten betrachtete. Zu Beginn hatte Elliot vermutet, dass es sich hierbei nur um Mitleid handelte. Mit den Jahren jedoch, wurde ihm schmerzlich bewusst, dass ihm diese Entität wichtig geworden war. Dabei wusste er nicht einmal, ob es ein Zuhause hatte, was es von ihm wollte oder wieso es weinte. Ein gewaltiges Bedürfnis ihn zu beschützen, hatte sich über die Jahre unbemerkt in jedem Winkel seines Körpers breit gemacht. Sein stetiges Weinen stach in Elliots Herz und verfolgte ihn in seine Alpträume. Er wollte, dass sein Leiden ein Ende hatte; wollte den Grund seiner tiefen Trauer finden und mit seinen eigenen Händen vernichten. Doch er wusste nicht, wo er anfangen sollte zu suchen.

Dementsprechend machtlos also, schluckte er seine Medikamente weiter schweigend, spielte weiterhin täglich Klavier, las ihm ein Buch nach dem anderen vor und nahm seine Hand, wenn der tiefe Schmerz seinen Freund ein weiteres Mal bis ins Mark erschütterte.

Schweigend setzte sich Elliot weiterhin jede Nacht auf und betrachtete den schluchzenden Schatten in der Ecke seines Zimmers. Die Uhr würde, wie jedes Mal, unnachgiebig ticken und ihn an seinen verlorenen Schlaf erinnern. Die Müdigkeit aus seinen Augen reibend, würde er einmal wieder aus seinem Bett schlüpfen und sich vor den Schatten hocken. Die Hand auf dessen Wange gelegt, würde er es in seine Arme ziehen, dessen Zittern mit ihm teilen und dem unverständlichen Wimmern der Entität bis spät in die Nacht lauschen.

„Nichts wird uns trennen“, würde Elliot ihm einmal mehr fest entschlossen versprechen und dabei zusehen, wie die Tränen versiegten.

oOo

Eine bekannte Melodie drang an Elliots Ohr und zog ihn langsam aus seiner Ohnmacht. Erschöpft blinzelte er ein paar Mal, bevor er sich vorsichtig aufrichtete. Ihr Schulhof war in Dunkelheit getaucht; weiße Lichter schwirrten als einzige Lichtquellen in der Luft. Statice spielte leise im Hintergrund und kämpfte mit der endlosen Stille, die normalerweise Hand in Hand mit der Einsamkeit gehen würde. Auf dem Boden verteilt lagen zahlreiche Schüler, die mit schweren Verletzungen zu kämpfen hatten.

Nach und nach gruben sich die Erinnerungen in seinem Kopf frei und die Panik kroch zurück in jedes seiner Gliedmaßen. Der Pianist, sein Schatten, stand vor ihm. Die Entität zitterte und weinte; dessen Stimme klang verzerrt und brach immer wieder, während dessen Blick fest auf Elena saß. Elliot musste nicht lange überlegen; er wusste, dass dieses Chaos seine Machenschaft war.

Elena starrte die Entität an. Ihre Hände zitterten ein wenig, während sie über ihre nächsten Schritte nachdachte. Elliot wollte ihr helfen, wollte dazwischen gehen und all dem ein Ende setzen, doch als er nach der Hand des Pianisten griff, beförderte ihn eine gewaltige Kraft nach hinten. Seine Arme rissen sich an dem groben Asphalt auf. Überrascht vom plötzlichen Schmerz, entkam ihm ein leises Zischen. Seine Haut stand mit einem Mal unter Flammen und er brauchte einen Moment, um sich zu sammeln. Die Tränen aus seinen Augen blinzelnd, sah er nach seinem Schatten.

Elenas Blick hatte sich verhärtet. Das Zittern hatte ein Ende gefunden und eine eisige Kälte umgab ihre Augen. Langsam zog sie ein langes, schwarzes Schwert aus dessen Scheide, welches zuvor unter ihrem Umhang versteckt gewesen war, und hielt es warnend in Richtung der Entität, die ihn sein Leben lang begleitet hatte.

Er verstand nicht, was vor sich ging; was dieses Wesen überhaupt war. Er fragte sich, wer diese Personen waren, wieso sie es auf seinen Schatten abgesehen hatten und warum sie es nicht einfach in Frieden ließen. Der Anblick des Schwertes jedoch, brach eine Welle an Emotionen in Elliots Herzen frei und je länger er es betrachtete, desto mehr hatte er das Gefühl, all die Gesichter um ihn herum zu kennen. Etwas in seinem Kopf schreite, dass dieses Schwert einmal seines gewesen war; dass all diese Menschen ihn persönlich kannten und eine schmerzhafte Erinnerung mit ihm teilten, die er bereits lange vergessen hatte.

Sein Magen drehte sich und ein starker, stechender Schmerz machte sich mit einem Mal in seinem Kopf breit. Er versuchte klare Gedanken zu fassen, doch alle Versuche liefen ins Leere. Wirre Erinnerungen aus seiner Kindheit schossen von einem Ende seines Verstandes zum anderen. Willkürliche Sätze, die er irgendwann einmal an Familienmitglieder gerichtet hatte, hallten in seinen Ohren.

„Ich hasse Humpty Dumpty, Vanessa! Der ist total blöd!“

Dieses bescheuerte Ei, dachte Elliot. Er hatte es immer gehasst in diesem Kinderbuch und genau dieser Hass gegenüber dieses Charakters aus Alice im Wunderland fraß sich mit einem Mal quer durch sein Herz. Frustration machte sich in ihm breit. Er wollte verstehen; wollte eingreifen - doch stattdessen quälten ihn nur diese kindischen Erinnerungen und Emotionen. Verzweifelt suchte er nach Antworten in den Augen Elenas. Seit diese Entschlossenheit in ihr eingekehrt war, hatte er das Gefühl, dass er sie kannte und für einen kurzen Moment fragte er sich, wo ihre Brille war.

Es dauerte einen Moment, bevor Elliot die ohrenbetäubenden Strömungen in seinem Verstand wieder zur Seite schieben konnte. In dem Moment, indem seine Aufmerksamkeit zu ihm zurückkehrte, wurde ihm bewusst, dass sie seinen Schatten nicht mehr nur mitnehmen wollten. Elena hatte das Schwert fest mit ihrer Hand umfasst, mit der Entscheidung, die Entität – den „Chain“ – vor ihren Augen zu töten.

Wut überkam ihn ein weiteres Mal; löschte all seine Gedanken und Verwirrungen aus einem Kopf. Mit einem Mal stand er auf. Er wusste, dass er es nicht mehr rechtzeitig zwischen sie schaffen würde und doch rannte er los. Einen tiefen Atemzug nehmend befahl er schreiend: „Lasst die Finger von ihm!“

Elena blickte auf und betrachtete Elliot auf seine Aussage hin. „Charlotte“, sagte sie ruhig und platzierte ihre Augen wieder auf den Chain vor ihr. Das Mädchen neben ihr, immernoch ein wenig angeschlagen von dem ersten Angriff des Pianisten, nickte und hob ihre Hand. Es dauerte nicht lange, bis Elliot sich wieder in denselben Fäden eingesponnen fand, wie er es zuvor bereits einmal war. Ein frustrierter Schrei entkam ihm, als er machtlos gegen die Drähte ankämpfte.

„Tut ihm nicht weh!“, befahl oder flehte er – er wusste nicht mehr, wie seine eigene Stimme klang; zu laut war die Panik, die ihn in seinem eigenen Kopf ertränkte. Tränen rannten über seine Wangen, während er Elena wutentbrannt betrachtete und verzweifelt rief: „LEO!“

Elena zuckte bei seinem Schrei. Ihm keines Blickes würdigend, fesselte sie ihren Blick weiterhin an den Chain vor ihr. „Es tut mir leid, Elliot“, murmelte sie und setzte einen Schritt vorwärts.

„Ich lasse dich nicht ein weiteres Mal durch meine Hand sterben.“
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