Im Namen der Tante, der Liebe und des Heiligen Geistes

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Nick Burkhardt
29.11.2018
14.01.2019
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So, da die Geschichte schon lange fertig ist, geht es mit den Kapiteln nun auch recht zügig (ich strebe 2x die Woche an). Vergesst nicht mir einen Stern und oder ein RV dazu lassen. Vielen Dank schon mal dafür.


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Hatte Sean gedacht, dass der letzte Abend schon seltsam war, so sollte er schnell merken, dass es eine Steigerung geben konnte. Schon mit einem mulmigen Gefühl erwachte er und es wurde nicht wirklich besser, als er schließlich das PD betrat. Er war spät dran und musste so an Nick und Hanks Schreibtisch vorbeilaufen, an dem die beiden Detectives schon saßen und arbeiteten.
„Guten Morgen, Captain!“, wurde er freundlich von allen gegrüßt, auch von Hank Griffin. Nur Nick tat so, als würde er sehr intensiv auf seinen Monitor sehen und ihn gar nicht bemerken. Wie albern, dachte Sean, denn im Grund war ja gestern nichts weiter passiert. Und überhaupt, warum dachte er darüber überhaupt nach. Was hätte denn geschehen sollen? Doch es war nicht abzustreiten, zwischen ihm und Nick war eine seltsame Verlegenheit, die vielleicht zum Glück das übliche Misstrauen und die kühle Ablehnung ersetzte aber trotzdem irgendwie ungewohnt war.
Heute Morgen hatte er noch mehrere Telefonate geführt, um herauszufinden, warum seine Tante plötzlich in Portland aufkreuzte, jedoch ohne sinnvolle Ergebnisse. Sie war doch nicht einfach hier, um ihn zu sehen. Die letzten Jahre hat es doch auch niemanden interessiert, wo er war und was er tat, bzw. ob er überhaupt noch am Leben war. Charlys Anwesenheit weckte seinen Argwohn. Gleichzeitig aber musste er sich eingestehen, dass er sich wirklich freute, sie zu sehen. Natürlich würde er mit ihr essen gehen und war eben dabei ein entsprechendes Restaurant herauszusuchen, als es an seiner Tür klopfte.


„Ja?“
„Gibt es Neuigkeiten?“
Nick steckte den Kopf zur Tür rein und Sean sah abgelenkt hoch.
„Captain?“, fragte Nick dann nach, als er nichts sagte, denn er hatte irgendwie den Faden verloren, weil er darüber nachdachte, ob Nick seine Haare anders trug als letzte Nacht. Was für ein absurder Gedanke.
„Ähm, nein. Ich suche gerade ein passendes Restaurant und …“ Gott, was war denn nur los mit ihm? Verwirrt sah er wieder auf seine offene Internetseite mit den Empfehlungen. Nick kam einfach rein und schloss die Tür seines Büros.
„Auch wenn du nicht nachfragst, ich wurde auf dem Heimweg nicht beschattet, soweit ich das sagen kann“, sagte er ein wenig verstimmt.
„Ah ja, gut.“
„Gut?“
Sean sah wieder zerstreut zu Nick.
„Na ja, vielleicht hat dein Stalker aufgegeben?“, versuchte er irgendwas zu sagen. Hoffentlich verstand Nick seine Wortkargheit bald und verließ sein Büro. Allerdings sah ihn der Grimm nun ziemlich komisch an, als verstehe er nicht, warum er so seltsame Worte sagte.
„Bist du in Ordnung?“, fragte er dann auch noch. Sein Ton war nicht besorgt, sondern eher ein wenig gereizt.
„Nein, ich muss gleich mit meiner skurrilen Tante essen gehen und du hast sie kennengelernt. Sie ist in allen Dingen extravagant und liebt es ihre Meinung kundzutun und andere Menschen herumzuscheuchen. Ja, mir ist ein wenig unwohl, denn ich lebe in Portland und kann nicht einfach wegziehen, wenn ich mich wegen ihr überall unbeliebt gemacht habe. Wenn du jetzt bitte gehen würdest, Nick!“
„Wo gehen wir denn essen?“, fragte Nick ziemlich vergnügt und ein breites Lächeln erschien auf seinem Mund, was ihn unglaublich attraktiv machte. Verdutzt blinzelte Sean ihn an und versuchte nachzuvollziehen, über was sie gerade gesprochen hatten.
„Ich … weiß noch nicht. Ich suche noch nach einem Restaurant, in dem ich mich nach dem Besuch mit Charly nicht mehr blicken lassen kann, was aber trotzdem gut genug ist, dass sie nichts zu meckern hat. Außerdem kannst du aufhören dich über mich lustig zu machen, du wirst entgegen deiner Forderung nicht mitkommen! Ich werde herausfinden, warum sie hier ist und werde dich anschließend darüber unterrichten.“, sagte er scharf zu Nick.
„Nimm mich mit. Sie besteht darauf und ist vielleicht ungehalten, wenn ich nicht mitkomme. Vielleicht bekommst du aus ihr gar nichts heraus, wenn du dich nicht ihrem Wunsch beugst. Sie hatte zumindest einen entsprechenden Eindruck auf mich gemacht. Berichtige mich, falls ich völlig falsch liege.“ Verstimmt sah er den Grimm an. Nick hatte recht und das wusste er leider auch.
„Sie wird auch weiterleben, wenn du nicht mitkommst. Ich werde ihr sagen, dass du zu einem Mord musstest, das wird sie schon verstehen. Immerhin bist du Detective und eben nicht mein verdammter Freund!“ Über sich selbst erschrocken hielt Sean inne und wich Nicks Blick aus, indem er wieder konzentriert auf die Internetseite blickte.
„Tut mir leid …“, brummte er dann leiser und sah ihn wieder an. Nick grinste wieder auf diese hintergründige Art, die er gerade nicht deuten konnte. Er verengte die Augen und erwartete eine Erklärung. Warum sah ihn der Grimm so amüsiert an? Er selbst fand an dieser ätzenden Situation im Moment gar nichts lustig.
„Was?“, fauchte er schließlich ungeduldig, als Nick immer noch nichts sagte, sondern nur mit gemütlich vor dem Bauch verschränkten Händen auf dem Stuhl saß und ihn angriente.
„Na ja, ich erfreue mich gerade an der Tatsache wie schnell man den Captain aus dem Konzept bringen kann. Man muss nur eine schrille, ältere Dame vorbeischicken und schon stolpert Sean Renard.“ Total verdutzt starrte er Nick an.
„Dir ist schon klar, dass du mit deinem Vorgesetzten sprichst, Detective Burkhardt, oder?“ Seine Stimme war rau und drohend, als er diesen Satz aussprach, doch Nick ließ sich davon nicht wirklich beeindrucken.
„Ja. Nimm mich einfach mit zu dem Essen, lass uns Tante Charly gemeinsam ein wenig aushorchen und vielleicht finden wir heraus, was hinter allem steckt. Vielleicht kommen wir so einer königlichen Konspiration auf die Spur. Du solltest daran doch Interesse haben. Übrigens kann ich das PIANO empfehlen. Da wechselt man alle sechs Monate aus Prinzip die Bedienung.“
Ja, Nick hatte recht. Sie sollten dringend herausfinden, was Tante Charlys Anwesenheit zu bedeuten hatte und es war auch wahr, dass es einfacher und klüger war, wenn sie sich zusammen mit ihr trafen. Seans Gefühl bei der Sache war aber ziemlich alarmierend, denn er kannte Charly und ihre Vorliebe für die Bevormundung anderer Personen. Erst als Nick wieder lächelte, merkte Sean, dass er ihn die ganze Zeit angestarrt hatte. Ihm war nie aufgefallen wie das Blau seiner Augen leuchtete und wie apart der Kontrast zu den dunklen Wimpern und den dunklen Augenbrauen war.
„Gut. Von mir aus … Ich werde für 1 Uhr einen Tisch besorgen“, sagte er matt und schloss kurz die Augen. Endlich stand Nick auf.
„Keine Angst, ich weiß, wie man mit Besteck essen kann. Ich bin kein wilder Grimm!“ Der Grimm klang eindeutig belustigt und Sean knurrte nur:
„Tür zu!“



Ohne ihn dabei aufzufordern, lief Sean viertel vor eins an Nicks Tisch vorbei. Hank war allein losgezogen und so sah ihn Nick ganz offensiv an, als er an ihm vorbei lief. Dann stand er auf, nahm sich seine Jacke und folgte ihm bis in die Tiefgarage.
„Du lässt mich reden, verstanden?“, sagte Sean, kaum, dass sie im Wagen saßen.
„Geht das ein wenig freundlicher? Wir wollen deiner netten Tante doch eine Freude machen und uns nicht angiften, als würden wir uns nicht ausstehen können, nicht wahr?“ Wieder klang der Grimm auf diese Art spöttisch, die Sean heute besonders schlimm aufbrachte. Mühsam schluckte er eine entsprechende Antwort runter. Erst Minuten später sagte er leise:
„Ich versuche mich bremsen. Wir werden ihr nicht sagen, wer du bist. Vielleicht weiß sie es, vielleicht aber auch nicht. Falls nicht, sollte sie es auf keinen Fall erfahren. Da sie ein Mensch ist, wird sie dich auch nicht erkennen. Provoziere mich einfach nicht, antworte ihr möglichst ohne abzuschweifen auf ihre Fragen und sag nichts über das, was hier passiert.“
„Ja, Boss!“, erwiderte Nick gedämpft, weil er ganz sichtlich ein Grinsen unterdrücken musste.
„Ich sagte, provoziere mich nicht!“, fauchte Sean und sein Zauberbiest woge nach oben. Selbst Nick sah ihn jetzt ein wenig irritiert an.
„Du solltest dich dringend unter Kontrolle bringen, Captain. Was an deiner Tante bringt dich eigentlich so auf? Ich hatte jetzt nicht den Eindruck, dass sie so schrecklich ist.“
Ja, das war der Witz, dachte Sean angesäuert. Nicht allein Tante Charly brachte ihn auf, sondern Nick, den er mitnehmen musste. Er war sich nämlich ziemlich sicher, dass sich Charly in den Kopf gesetzt hatte, dass er und Nick ein Paar waren, obwohl sie es abstritten. Sie könnten aber sagen, was sie wollten, sie wäre weiterhin der Meinung, dass sie sich liebten und deshalb würde sie gleich mit Argusaugen beobachten, wie sich beide verhielten. Sie würde sich auch nicht scheuen ihre Meinung kundzutun. Gestern Abend in seiner Wohnung hatten sie schon eine Kostprobe davon bekommen und es brachte ihn auf. Verständlich, dass es Nick nicht tangierte, denn er konnte ja nach dem Essen sein Leben einfach weiterleben und sich bestenfalls über ihn amüsieren. Aber da er sowieso nicht nur sein normaler Vorgesetzter war, war das auch egal. Sie hatten nicht dieses übliche Arbeitsverhältnis, doch das würde Tante Charly merken und sie würde die falschen Schlussfolgerungen ziehen. Und dann würde sie die beiden drängen zu ihren Gefühlen zu stehen und dann … Verflucht!
„Es ist Rot!“, sagte Nick scharf und Sean brachte den Wagen einen Zentimeter vor der Kreuzung zum Stehen. Erschrocken holte er Luft und rieb sich dann mit Daumen und Zeigefinger seine Nasenwurzel. Verdammt.
„Sie ist nicht schrecklich. Aber sie wird davon ausgehen, egal was wir sagen, dass wir ein Paar sind. Und sie wird uns demütigen und ausfragen und sie wird unsere Gefühle sehen wollten, weil sie glaubt, dass sie ein Anrecht darauf hat.“, sagte Sean endlich leise und fuhr langsam los, als es hinter ihm hupte. Nick machte ein Geräusch, das sich wie ein Lachen anhörte. Vielleicht war der Grimm auch einfach nur schockiert, dachte Sean hoffnungsvoll.
„Aber wir müssen ja nicht mitspielen. Ich meine, sie kann uns ja nicht zwingen, oder?“
„Nein, kann sie nicht. Aber … ich …“
„Du fühlst dich ihr gegenüber emotional verpflichtet?“ Nick klang überrascht und sah ihn an, doch Sean blickte nur stur auf die Straße und gab ein „Hm“ von sich. Es könnte sich nach Zustimmung anhören, musste es aber nicht.

Viel zu schnell erreichten sie das Piano. Die ganze Zeit über, hatte Sean das Gefühl, dass Nick noch irgendwas zur verfahrenen Situation sagen wollte, doch er hatte geschwiegen.
Nur als sie den Wagen verließen und in der warmen Mittagssonne das Restaurant ansteuerten, sah ihn der Grimm zum ersten Mal nicht spöttisch, sondern eher aufmunternd an.
„Du freust dich doch nur, weil ich dir ein Luxusessen spendiere …“, flüsterte Sean ihm zu, als er Nick die Tür aufhielt. Da war es wieder, das hintergründige Grinsen und diesmal war es der andere Mann, der ihm eine Antwort schuldig blieb.


Man teilte ihnen mit, dass die Dame schon da war und sich schon mal gesetzt hatte. So unauffällig es ging, holte Sean tief Luft, fühlte Nicks Gegenwart in seinem Rücken und hoffte, dass sie das Essen überstehen würden, ohne, dass es dramatisch wurde.
„Da seid ihr ja. Wie schön!“ Wieder küsste sie Sean und diesmal entkam auch Nick ihr nicht.
„Setzt euch hier hin!“ Sie zeigte mit ihrem Finger bestimmend auf die beiden Stühle, die ihr gegenüber standen. Sean vermied es zu Nick zu sehen und setzte sich gehorsam.
„Das Restaurant macht einen netten Eindruck, Sean. Ich hoffe nur, dass Essen schmeckt auch entsprechend. Man wird oft enttäuscht, wenn der Schein trügt, nicht wahr?“ Dabei sah sie ganz direkt zu Nick und musterte ihn wieder neugierig. Sean konnte dessen Unwohlsein an seiner Seite nahezu spüren.
„Also, warum bist du wirklich hier, Tante Charly?“, fragte er, gleich nachdem sie die Speisekarten bekommen hatten.
„Ach, immer so direkt, der kleine Sean. Hättest du nicht wenigstens bis nach dem Aperitif warten können?“ merkte sie gutmütig an und Sean zuckte zusammen, weil Nick ihn unter dem Tisch leicht mit dem Fuß anstupste. Ja, vielleicht war Burkhardt sensibler und umgänglicher als er, doch es war eine Frechheit, dass er glaubte, ihn maßregeln zu dürfen. Glücklicherweise kam dann gerade der extragroße Aperitif für Tante Charly. Sie nippte erst damenhaft daran und stürzte das komplette Glas dann auf einen Schluck hinunter. Sie lächelte, doch Sean bemerkte verwundert einen Schleier in ihren Augen.
„Nun, da du es gleich so direkt ansprichst, wie es nun mal deine Art ist, will ich auch nicht lange um den heißen Brei herumreden. Ich werde sterben, irgendwann in den nächsten Monaten, laut meinem Arzt. Doch das sollte kein Grund zur Traurigkeit sein, denn wir alle müssen sterben. Ich hatte ein gutes Leben und es wird nun Zeit für mich. Deshalb bin ich hier. Ich wollte dich noch einmal sehen und mich vergewissern, dass es dir gutgeht. Und ich sehen, dass du gut aussiehst, wie immer. Ich sehe, deinen hübschen Freund und kann spüren, dass er deine Schwächen ausgleicht …“ Sie schenkte Nick ein aufrichtiges Lächeln, während Sean angestrengt versuchen musste seine wirren Gefühle in den Griff zu bekommen. Ihre Ankündigung war nicht allzu überraschend und doch hatte er nicht mit seiner eigenen Betroffenheit gerechnet.
„Aber … ich kann auch wahrnehmen, dass es dir nicht so richtig gut geht, mein Kleiner. Es tut mir leid, dass du in diese schreckliche Familie hineingeboren wurdest und dein Vater und dein Bruder …“
„Nein, bitte, Tante Charly“, bat Sean leise mit belegter Stimme. Das Letzte, was er nun wollte, war vor Nick über seine Familie zu sprechen.
„Du hast recht, genug des Jammerns. Noch geht es mir gut und ich werde meine Abschiedstour fortsetzen, um meine alten Freunde zu besuchen, die überall auf der Welt verstreut sind. Mein nächstes Ziel ist übrigens Indien! Aber ein paar Tage bleibe ich bei dir“, sagte sie gutgelaunt, musterte Sean aber tatsächlich mit scharfem Blick. Ein paar Tage? Sein Leben war eindeutig vorbei, dachte er panisch und bekam für ein paar kritische Momente kaum Luft.
Eine Bedienung kam und nahm ihre Bestellung auf. Das war bei Weitem kein einfacher Akt, denn Tante Charly hatte eine Millionen Extrawünsche. Ein bisschen erheitert musste Sean dabei hören, dass Nick sich auf ein einfaches Gericht beschränkte, was keine Überraschung bieten würde, während seine Tante irgendeine exotische, peruanische Hasenkeule bestellte. Sean schloss sich Nick einfach an.
„Darf ich nach der Diagnose fragen?“ Wieder bekam er von Nick unter dem Tisch einen Tritt und das brachte ihn fast dazu zu wogen. Böse sah er ihn an, doch Nick sah einfach nur unschuldig und ziemlich mitfühlend zu Tante Charly.
„Sicher darfst du. Es ist Leukämie, total unspektakulär. Und jetzt lass uns lieber von dir und Nick sprechen, ja?“ Sean seufzte, denn er hatte gehofft so wenigstens selbst das Thema ihres Gespräches bestimmen zu können.
„Tut mir leid, das zu hören, Tante Charlotte!“, sagte er dann trotzdem leise.
„Schon gut. Jetzt erzähl mir doch, wie habt ihr euch kennengelernt, ja? Seid ihr euch bei einer Weihnachtsfeier im Revier näher gekommen? Ich bin doch so neugierig und will alles wissen. Du wirst doch deiner alten, todkranken Tante alles sagen, ja?“ Argwöhnisch verengte Sean seine Augen, doch Nick sprach schon.
„Wir arbeiten schon eine Weile zusammen beim PPD. Daher kennen wir uns. Ich fand ihn nicht von Anfang an sympathisch …“
„Ja, das kann ich mir denken!“, unterbrach Charly Nick gackernd und bestellte einen weiteren Drink beim vorbeilaufenden Kellner. Sean schnappte unauffällig nach Luft und fragte sich, was das hier werden sollte. Hatte Nick nicht eben noch darauf bestanden Tante Charly kein Paar vorzuspielen?! Und was tat er jetzt? Erzählte er ihr Lügen, weil er Mitleid hatte? Mit einem warnenden Seitenblick versuchte er Nick zum Verstummen zu bekommen, doch der sah ihn nicht mal an. Stattdessen hielt er freundlichen Sichtkontakt mit Charly, hatte einen Hauch Rot auf den Wangen und ein heiteres Lächeln auf den Lippen.
„Aber es stellte sich raus, dass er gar nicht so ein …“ Nick suchte sichtlich schadenfroh nach dem richtigen Wort und Sean war kurz davor sein Zauberbiest hervorkommen zu lassen und ihn anzufauchen, wie er es nur so ausreichend bedrohlich konnte.
„Kotzbrocken?“, half Tante Charly liebenswürdig aus und hing an Nicks Lippen. So wie er auch, dachte Sean irritiert, als er seinem Detective auf den Mund starrte und darauf wartete, welche Ungeheuerlichkeiten da gleich herauskommen würden. Aber Nick überraschte ihn.
„Nein, das hätte ich jetzt nicht gesagt. Ich meinte eher, dass er doch nicht so der Einzelgänger ist, wie alle vermutet hatten. Man muss ihn nur besser kennenlernen, dann offenbart Sean Seiten, die einen ganz schön überraschen könnten.“
„Ah, du meinst sein Wesen, nicht wahr? Hat es dich nicht erschreckt?“, fragte sie interessiert und beugte sich sogar noch ein wenig in Nicks Richtung über den Tisch.
Wieder seufzte Sean demonstrativ und überaus resigniert. Warum kam das verdammte Essen nicht, dachte er nur hilflos.
„Doch, es hat mich anfangs erschreckt und ich muss zugeben, dass ich eine Weile brauchte, um damit klar zu kommen und es zu verstehen. Überhaupt die ganze Sache … dass es Wesen gibt und das alles …“, flüsterte Nick nun Charly über den Tisch hinweg beinah verschwörerisch zu. Die Wangen der Tante leuchteten rot und Sean betrachtete sie wieder misstrauisch. Wirklich sterbenskrank sah sie jetzt nicht aus.
„Es war ein Schock, doch Sean hat es mir geduldig erklärt und na ja, das ist jetzt schon eine ganze Weile her und man gewöhnt sich daran.“ Sie grinste zustimmend und tätschelte dann sogar seine Hand.
„So ist es brav. Und ich habe mir immer solche Sorgen um ihn gemacht.“
„Warum denn das?“, fragte Nick sehr neugierig nach und diesmal war es Sean, der ihn unter dem Tisch am Oberschenkel berührte, um ihm anzudeuten endlich die Klappe zu halten. Doch Nick tat so, als wenn er gar nichts gemerkt hatte. Noch immer lag seine flache Hand auf Nicks Oberschenkel. Er war warm und hart gleichzeitig und fühlte sich gut an. Er zog seine Hand so erschrocken weg, dass sowohl Nick, als auch Tante Charly ihn erstaunt ansahen.
„Nichts. Ich habe nur … drüber nachgedacht, ob ich … später noch einen Pressetermin habe ….“ Sean spürte sein verzweifeltes Erröten, als er alibimäßig sein Handy aus der Tasche nahm und nach einem angeblichen Termin sah, während er mit einem Ohr hören musste, wie Charly zu Nick sagte:
„Na ja, er war so ein ernstes und stilles Kind. Er hat nie gespielt wie andere Kinder. Ich dachte immer, es liegt an seinem Wesen, doch inzwischen weiß ich, dass es eben sein Charakter ist. Er muss immerzu über alles nachdenken. Sean braucht seine Pläne und wehe, er verliert die Kontrolle über eine Situation, dann passiert das, was gerade geschah. Sieh ihn dir an. Er steht völlig neben sich!“
Schockiert sah Sean hoch, denn seine Tante als auch Nick starrten ihn beide an. In Nicks Augen sah er allerdings keinen Hohn und kein Aversion und das beunruhigte ihn ein bisschen.
„Ich stehe nicht neben mir, ich sehe in meinem Kalender nach dem Termin“, erwiderte er hart, doch Tantchen lächelte nur wissend, während Nick nur seine rechte Augenbraue ein Stück hob.
„Ich weiß, was sie meinen, Tante Charly“, sagte Nick dann frech und aus Seans Mund kam ein empörtes:
„Was?“ Nicks Kopf flog wieder zu ihm herum.
„Was?“
„Bevor das Essen kommt, werde ich mal noch eben in die Waschräume gehen. Ich muss meine unzähligen Tabletten schlucken und will euch den Anblick nicht antun!“
Sean hörte genau das Lachen in der Stimme seiner Tante. Er könnte wetten, sie amüsierte sich gerade köstlich. Auf seine Kosten.


Kaum war Tante Charly weg, fauchte er Nick an.
„Bist du noch ganz dicht? Warum spielst du dieses absurde Spiel? Wir wollten ihr nichts vorspielen, erinnerst du dich? Was zu Teufel tust du hier?“ Sean schäumte und sein Wesen brach hervor. Der Grimm sah ihn allerdings so lange streng und wortlos an, bis er sich wieder fing und zurückverwandelte.
„Du hast gehört, was sie gesagt hat? Sie ist krank, sie wird sterben und sie will dich glücklich wissen. Spring über deinen verdammten, riesengroßen Egoschatten und gönne ihr die Freude, Captain!“
„Du hast doch keine Ahnung, was das nach sich zieht!“
„Was soll schon passieren? Wir essen, ich erzähle ihr ein paar nette Dinge über dich, sage ihr wie sehr ich dich liebe und sie ist glücklich. Du bist am besten still, denn du hast dieses überaus unpraktische Talent alle mit deiner direkten und reservierten Art vor den Kopf zu stoßen.“
Mit aufgerissenen Augen sah er Nick an, weil er nicht glauben konnte, was er hier hört.
„Du willst ihr wirklich weiterhin ein Theaterstück vorspielen? Das ist absurd. Sie wird das durchschauen. Sie ist vielleicht alt, aber nicht dumm. Das war sie nie. Sie war sogar immer so schlau sich zurückzuhalten und hinter den Kulissen …“
„Sei einfach ein netter Neffe und spiele mit. Wir machen sie glücklich und du brauchst kein schlechtes Gewissen zu haben. Dann schuldest du mir einen Gefallen, den ich eines Tages einfordern werde. Klingt das für dich nicht akzeptabel?“
„Erpresst du mich gerade, Grimm?“
„Schon möglich. Und weißt du was? Es macht Spaß!“
Unwillkürlich seufzte Sean leidend, denn er begriff, dass er keine Wahl hatte. Nick nutzte diese Chance und er könnte es ihm noch nicht mal verdenken, weil er es ähnlich gemacht hätte. Allerdings kannte Nick seine Tante auch nicht so wie er und er befürchtete, dass es nicht bei diesem Mittagessen bleiben würde. Und vielleicht, dachte Sean selbst ein wenig schadenfroh, hatte es Nick auch nicht besser verdient.
„In Ordnung. Nur eins noch …“ Er sah Nick so lange an, bis der ihn auch ansah und die Augenbrauen fragend hob.
„Sag ihr nicht, dass du mich liebst.“ Dieser Satz kam viel ernster aus seinem Mund, als er es beabsichtigt hatte. Nicks schöne Augen sahen ihn einen Moment verständnislos an, doch das erwartete Nachfragen kam nicht. Offenbar versuchte Nick allein mit seinem intensiven Blick die Antwort aus ihm herauszulesen. Eine Antwort, die er nicht geben würde. Um gar keinen Preis. Ganz durcheinander von seinen eigenen Gefühlen sah Sean zur Seite und war nahezu dankbar, als er den Kellner mit ihrem Essen kommen sah.
Deswegen sah er auch nicht seine Tante kommen, die nämlich plötzlich hinter ihnen stand und sich Seans rechte Hand griff. Er war viel zu schockiert, um sie ihr sofort wieder zu entziehen. Fassungslos sah er, wie sie dann Nicks Hand forderte.
Fast empfand Sean eine ziemlich böse Freude, als er sah, wie blass Nick wurde. Er wollte es ja so. Selbst schuld.
„So …“ Sie legte ihre Hände aufeinander „muss das aussehen, Kinder. Und jetzt hört auf mit dem Theaterspielen. Ich glaube euch euer Bravsein kein bisschen. Ich weiß, dass ihr es mindestens dreimal die Nacht zusammen treibt. Lasst uns essen und dann will ich alles wissen!“, befahl sie gutgelaunt aber trotzdem energisch, wie es nur jemand konnte, der das Herumkommandieren schon mit der Muttermilch aufgesogen hatte.
Nick gab ein ersticktes Geräusch von sich und Sean hätte fast gesagt: „Ich hatte dich gewarnt!“, doch er zog nur seine Unterlippe zwischen die Zähne, bis sie schmerzte. Sonst hätte er gelacht. Sonst hätte er sich in ein Zauberbiest verwandelt. Sonst hätte er sich in diesem Moment auf den Grimm gestürzt, um ihn zu töten. Denn seine Hand brannte als hätte er in Flammen gegriffen.
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