Im Namen der Tante, der Liebe und des Heiligen Geistes

GeschichteAllgemein / P18 Slash
Cpt. Sean Renard Det. Nick Burkhardt
29.11.2018
14.01.2019
12
39.713
21
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29.11.2018 3.357
 
So meine lieben und treuen Grimm-Leser. Hiermit startet die vorletzte Grimm-Geschichte, die ich noch in meinem Ordner vorrätig habe. Sie ist eine der ersten Fics, die ich verfasst habe, als ich noch ganz am Anfang der Serie war. Wundert euch also nicht, wenn ich ein paar Sachen, die später sicher relevant werden, nicht aufgegriffen habe. Viel Spaß und lasst mir ein Sternchen und oder ein RV, einen Kommentar oder ein Feedback da.


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Es war ein gewöhnlicher Mittwochabend. Wie üblich hatte Sean Überstunden gemacht und jetzt war es schon fast 22 Uhr als er endlich zu Hause war. Immerhin hatte er schon geduscht. Nur in einem alten, weißen T-Shirt und seinen hellblauen Boxershorts stand er jetzt in seiner Küche und machte sich sein Abendbrot, was daraus bestand, dass er Cornflakes in eine Schüssel füllte und Milch bis zum Rand nachgoss. Er war gerade dabei die übervolle Schüssel vorsichtig zu einem Tisch zu tragen, als es ziemlich nachdrücklich an seiner Wohnungstür klopft. Er erschrak, nur ein klein wenig, doch genug, um die Kontrolle über seine Motorik für eine Sekunde zu verlieren.
Verdammt! Die Schüssel schwappte über und er stellte sie unachtsam ab und griff nach seiner Dienstwaffe, die immer griffbereit lag. Zu oft hatte er hier schon auf ungebeten Gäste treffen müssen. Besucher um diese Zeit waren niemals ein gutes Zeichen. Er entsicherte seine Waffe und ging zur Tür. Dabei war er sich sehr wohl dem Umstand seiner Lächerlichkeit bewusste. Er sah aus, als wollte er gerade ins Bett gehen und wenn er ehrlich war, würde er das auch gleich tun. Na ja, zumindest hatte er es vorgehabt. Vorsichtig öffnete er seine Tür und verengte verblüfft die Augen.
Nick Burkhardt stand im Flur und sah … nun, er würde sagen abgehetzt aus. Sein Gesicht hatte ein wenig Farbe, die verschwitzten Haare klebten ihm an der Stirn und seine Augen blitzten ihn wild und ziemlich aggressiv an. Sean runzelte fragend die Stirn. Nebenher sicherte er seine Waffe und trat einen Schritt zur Seite, um den Detective einzulassen.
„Gibt es ein Problem, Nick?“
Nick holte ein paarmal tief Luft und lief ein paar Schritte weiter in seine Wohnung. Dann drehte er sich forsch um und sagte:
„Ja, könnte man so sagen. Jemand stalkt mich und ich frage mich ernsthaft, ob du etwas damit zu tun hast?“
„Warum sollte ich etwas damit zu tun haben? Ich dachte, wir wären uns einig. Du hast den Schlüssel zurück und wir versuchen irgendwie zusammenzuarbeiten, weil wir dieselben Feinde haben. War es nicht so?“ Sean lief an ihm vorbei und begann seine verschüttete Milch aufzuwischen. Nicks Aggressivität machte ihn ganz kribblig und wieder wacher, stellte er verwundert fest.
„Seit ich heute das PD verlassen habe, hat mich jemand verfolgt. Dieser Jemand hat vor Monroes Haus herumgelungert und als ich nach draußen kam, um mich endlich mal vorzustellen, sah ich diese Gestalt fliehen.“
„Und was habe ich damit zu tun?“ Sean wurde sich seines unpassenden Aufzuges immer mehr bewusst. Er kroch in seinen Schlafshorts und einem uralten Shirt vor einem seiner Detectives herum und wischte den Boden auf. Als er fertig war und aufstand, sah er Nick nicht mal an, denn er befürchtete, dass Burkhardt die Verlegenheit in seinem Gesicht entdecken könnte.
„Na, vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich meinen Stalker gerade bis zu deinem Haus verfolgt habe?“
Nicks Stimme war ein gefährliches Zischen und seine Augenbrauen waren drohend zusammengezogen, als er ihn ansah. Bereit zum Sprung, dachte Sean träge und zuckte nur die Schultern. Er wollte eigentlich nur etwas essen und schlafen und nun hatte er einen wilden Grimm am Hals.
„Sieh dich in meiner Wohnung um, wenn du willst …“, bot er mit einer gleichmütigen Handbewegung an und setzte sich dann an seinen Tisch, um endlich die Cornflakes zu essen, bevor sie ganz pampig waren. Nick stieß empört die Luft aus und wollte gerade etwas sagen, als ihm Sean dazwischen fuhr:
„Ich weiß nicht, was du willst. Du bist ein Grimm und stehst auf der Abschussliste einiger Personen. Nicht alle Wesen haben panische Angst vor dir, Nick. Von Menschen spreche ich dabei noch nicht mal.“
„Das weiß ich! Trotzdem ist es doch merkwürdig, dass ich meinen Verfolger genau vor deinem Haus verloren haben.“
Sean kaute langsam und wartete ein paar Momente ab, ob Nick ihn noch mehr verdächtigen wollte. Als nichts kam, sagte er:
„Ich war es nicht. Aber ich werde mich darum kümmern. Eine Querstraße weiter gibt es eine Straßenüberwachungskamera und wenn du von Süden gekommen bist, wie du sagtest, könnte es sein, dass wir Aufnahmen bekommen können. Ist es das, was du willst?“
Der Grimm sah ihn eigenartig an. Sein Gesicht war immer noch angespannt und gereizt, wies jedoch nun auch eine dezente Beschämung auf, die Sean nun amüsierte.
„Ich werde mir die Aufnahmen morgen ansehen und wenn ich nur einen Hinweis darauf finde, dass du damit etwas zu tun hast, dann …“
„Dann was …? Willst du dann kündigen? Oder willst du mich töten. Keine Sorge, Nick. Diesen Kampf werden wir noch kämpfen. Sag mir nur, warum ich dich beobachten sollte, bzw. dich beobachten lassen sollte? Ich sehe dich jeden Tag, ich weiß, wann du das Büro verlässt und wohin dich dein Weg führt. Warum also sollte ich dich observieren lassen?“
Nicks Gesichtszüge erschlafften ein wenig, während er ihn stumm anfunkelte und schließlich setzte er sich sichtlich erschöpft auf den anderen Stuhl, ohne, dass Sean ihm einen Platz angeboten hatte. Er hob irritiert die Brauen, sagte aber nichts, sondern aß die wabbeligen Reste seines Abendbrotes.

„Kann ich ein Glas Wasser haben?“, fragte Nick dann eine ganze Spur gefasster.
„Bitte, bediene dich!“, erwiderte er kühl und sah Nick nach, wie er aufstand. Seine Jeans war am linken Oberschenkel zerrissen und darunter sah man eine blutige Abschürfung. Offensichtlich war er bei der Verfolgungsjagd gestürzt oder irgendwo hängen geblieben. Gerade, als ihn Sean darauf hinweisen wollte, klopft es erneut an seiner Tür.
Sofort sah Nick ihn vielsagend an und Sean deutete mit den Augen auf seine Waffe, die auf der Arbeitsplatte lag. Nick nahm sie, entsicherte sie und ging mit ihm zur Tür. Allerdings blieb der Detective im Türrahmen der Schlafzimmertür stehen und hielt die Waffe schussbereit in den Händen.

Wieder sah Sean an sich herunter und musste sich eingestehen, dass er schon längst seine Würde verloren hatte. Schwungvoll öffnete er die Tür, darauf gefasst sofort nach vorn zu schnellen und den etwaigen Angreifer in seine Wohnung zu zerren, damit sie ihn überwältigen konnten.
Doch er erstarrte mehr oder weniger mitten in seiner Angriffsbewegung.


„Tante … Charlotte?“, kam es rau und fassungslos aus seinem Mund. Er hörte, wie Nick die Waffe sicherte und hoffentlich wegsteckte. Im Moment war es für Sean schwer überhaupt Luft zu holen und zu allem Überfluss war er auch noch so durcheinander, dass sein Wesen nach oben wogte.
„Oh schön, das Zauberbiest begrüßt mich auch. Lässt du mich rein, Kleiner?“ Hinter sich hörte Sean ein Geräusch, welches nur ein hämisches Kichern des Detectives sein konnte.
„Aber natürlich, Charlotte.“
„Charly, erinnerst du dich nicht mehr? Ja, es ist wirklich schon sehr lange her, dass wir uns getroffen haben, doch nun bin ich hier und … oh, wer ist denn das?“
Tante Charlotte hatte in etwa die Hälfte von Seans Größe. Sie war irgendwo in den 70ern aber geschminkt wie eine Zwanzigjährige. Ihr Kleidungsstil war nur als extravagant zu bezeichnen. Um den Hals trug sie eine Art cremeweiße Fellboa, in den weißen, kurzen Haaren hatte sie bunte Strähnen, die in alle Richtungen abstanden und auf ihren rundlichen Wangen war eine pinke Schicht Rouge, das zum Lippenstift passte. Alles in allem sah sie skurril und unwirklich aus.
Tante Charlotte hatte Nick entdeckte und ging neugierig und völlig unbefangen auf ihn zu. Sie hielt ihm ihre rundliche Hand hin.
„Ich bin Seans Tante, väterlicherseits und du bist?“
„Einer meiner Detectives!“, sagte Sean schnell und klang aufgebrachter, als es die Situation gerechtfertigte.
„Hat er auch einen Namen?“
„Nick. Mein Name ist Nick Burkhardt“, entgegnete Nick höflich und drückte ihre Hand. Das stellte Tante Charly zufrieden und sie lief neugierig weiter in die Wohnung hinein.
„Ich gehe jetzt besser“, sagte Nick ziemlich leise zu Sean, doch auch Tante Charly hörte ihn.
„Oh nein! Du wirst doch jetzt nicht gehen, Detective Nick … komm, stell dich mal ins Licht. Ich will dich noch mal ansehen.“ Zögernd kam Nick wieder näher und ließ sich von Tante Charly begutachten wie eine Kuh auf dem Viehmarkt. Er sah dabei ziemlich verständnislos zu Sean, doch der konnte seinen Blick nicht erwidert. Innerlich stöhnte er entsetzt und versuchte zumindest schon mal gedanklich die Situation in den Griff zu bekommen. Er mochte Tante Charly, denn im Gegensatz zu seinem Vater, hatte sie sich immer um ihn gekümmert. Sie hatte ihm schon oft geholfen und war da, wenn er mal nicht wusste, wohin mit sich. Allerdings hatten sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Eigentlich seitdem Sean beschlossen hatte gegen die Königsfamilien zu arbeiten. Immerhin war Tante Charly die Schwester seines Vaters und er konnte ihre Loyalität durchaus verstehen und akzeptieren. Dass sie hier ganz überraschend in Portland auftauchte, alarmierte ihn sehr. Aber seine Gedanken waren derart durcheinander, dass er wohl oder übel beschließen musste, das Grübeln auf später zu verschieben.
„Nick ist ein hübscher Kerl. Gute Wahl, Sean.“ Nicks Mund stand fassungslos offen und er sah vorwurfsvoll mit großen Augen zum Captain.
„Ähm, ich … es ist nicht …“, begann Sean und musste leider feststellen, dass ihm nicht nur seine Eloquenz entglitt, sondern auch seine Fassung. Er errötete und sein Wesen wollte sich zeigen. In diesem Moment brauchte er alles an Selbstbeherrschung, um den Schein zu wahren.
„Es ist nicht, wie sie denken.“, sagte Nick dann endlich. Ein ziemlich empörter Unterton war in seiner Stimme, der Sean seltsamerweise enttäuschte. Tante Charlotte grinste allerdings nur und setzte sich dann mit königlich-eleganten Bewegungen auf einen Sessel.
„Hast du einen starken Drink für mich, Kleiner?“
Sean hatte und verbrachte ziemlich viel Zeit damit in seiner Hausbar herumzusuchen, um sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Schon seit er denken konnte, hatte Tante Charly versucht ihn zu verkuppeln, weil sie der Meinung war, dass das Alleinsein nicht gut für ihn war. Sie hatte ihn alle möglichen Prinzessinnen, adlige Schnösel und sogar Wesen angeschleppt und war am Ende reichlich enttäuscht, dass er an nichts davon Interesse hatte.
„Was ist nur los mit dir, Sean …?“, hörte er sie in Gedanken immer noch „entweder bist du viel zu wählerisch oder du willst dich absichtlich selbst zerstören. Ist es da? Dein Leben sollte nicht nur aus Grübelei bestehen, kleiner Prinz. Alleinsein ist keine Option für einen beeindruckenden Mann wie dich!“
Ohne wirklich darüber nachzudenken, reicht er dann auch Nick ein Glas mit Scotch und der sah ihn verdutzt an.
„Hach, darauf habe ich gewartet. Auf dich, kleiner Prinz!“, sagte Tante Charly gutgelaunt, hob das Glas und trank auf ex, während Sean sich mühsam beherrschte, um nicht die Augen zu verdrehen. Endlich hatte er sich soweit im Griff, dass er sprechen konnte, ohne seine bodenlose Fassungslosigkeit zu verraten.
„Detective Burkhardt hat recht. Es ist nicht, wie es für dich aussieht. Er war nur gerade hier, um mir einen … seltsamen Vorfall zu melden.“ Sean sah nicht zu Nick, sondern trank hoffentlich lässig sein eigenes Glas, was doppelt so voll war, wie die anderen beiden.
„Ach ja. Und deshalb stehst du in Unterwäsche hier? Und deshalb sieht dein Freund so … verschwitzt aus und deshalb kannst du ihn nicht anschauen?“, giggelte Tante Charly vergnügt und sah völlig schamlos von Nick zu Sean und wieder zurück. Sean blieb nur ein fassungsloses Blinzeln. Worte fand er gerade keine.
„Wie auch immer. Eigentlich bin ich nur kurz hier, um dir zu sagen, dass ich in der Stadt bin. Ich habe mich im Four Seasons eingemietet und würde mich sehr freuen, wenn wir morgen zusammen zu Mittagessen würden. Du, ich und dein Freund Nick. Würdest du mir die Freude machen, Sean?“ Ein seltsames Geräusch kam aus seinem Mund, was man nur seinem puren Entsetzen zuschreiben konnte.
„Du wirst doch dein Lieblingstantchen nicht enttäuschen wollen, oder?“ Sie hievte sich aus dem Sessel hoch und kam zu Sean. Sie stand dicht vor ihm und legte ihm seine runden Hände links und rechts an die Wange. Es sah so lustig aus, dass Nick eine Art unterdrücktes Schnauben von sich gab.
„Ich komme gern mit“, sagte der Grimm dann freundlich „aber ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass ich nicht Seans Freund bin.“
Sean? Blinzelte Sean verstört und auch Tantchen kicherte.
„Aha. Und hier in Portland spricht man seine Vorgesetzten mit dem Vornamen an? Interessant. Ich freue mich auf euch. Am besten schickst du mir eine Adresse von einem netten Restaurant. Ich kenne mich hier ja nicht aus. Meine Zimmernummer ist die 128. Und jetzt wünsche ich euch eine … aufregende Nacht. Mein Taxi wartet unten noch.“ Gehorsam beugte sich Sean mit heißem Gesicht zu ihr runter und küsste beide Wangen.


Als er die Tür hinter Tante Charlotte geschlossen hatte, stöhnte er erschüttert auf und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. Dass Nick hinter ihm stand und ihn ansah, hatte er für einen Moment vergessen.
„Ich habe ein besonderes Verhältnis zu Tanten, musst du wissen …“, sagte Nick plötzlich. Er klang keineswegs freundlich, eher nachtragend und drohend. Sean versuchte ihn zu ignorieren und wollte an ihm vorbei gehen, um sich gleich noch ein großes Glas Scotch einzuschenken. Doch Nick schubste ihn jäh und ziemlich heftig, sodass er gegen die Wand prallte. Sofort brach sein Zauberbiest hervor und er fauchte den Grimm warnend an. Der ließ sich nicht beeindrucken, sondern starrte ihn nur an. So lange, bis er sich wieder zurückverwandelte.
„Verschwinde!“, knurrte er nur noch, doch Nick machte keine Anstalten. Er folgte ihm sogar in die Küche und füllte sich ein weiteres Glas mit Wasser. Er trank es gierig und packte indes die Waffe wieder auf die Anrichte.
„Du wirst selbstverständlich nicht mit uns essen, egal wie süße Tante Charlotte auch flöten mag.“
„Oh, warum nicht? Ich mag sie. Aber weißt du was ich spannender finde, Captain? Ich lerne endlich mal jemanden aus deiner Familie kennen. Deine Tante. Wenn das mal kein witziger Zufall ist.“ Nick lächelte noch nicht mal, sondern bohrte seine Augen in seinen Blick.
„Wenn du sie töten willst, nur zu. Ich mache mir nichts aus ihr.“
„Doch, das tust du. Sie war vermutlich gut zu dir und egal, was du versuchst mir zu verkaufen, du magst sie und es würde dir wehtun, wenn ich ihr etwas antue. Aber sie ist ein Mensch und steht nun mal nicht auf meiner Liste, es sei denn, sie versucht mich zu töten. Interessanter finde ich dagegen, was sie hier will. Ein Mitglied der Königsfamilie ist niemals zufällig an dem Ort, an dem du, der Schlüssel oder ich bin. Ich will wissen, was da läuft, ehe du mich wieder ausspielen und manipulieren kannst. Das kannst du doch sicher verstehen, oder?“
Sean sah ihn schweigend an. Nick war klug und auch skrupellos genug, um ihn unter Druck zu setzen. Er musste zugeben, dass er dasselbe tun würde, wenn er der Grimm wäre.
„Denkst du etwa wirklich, sie hat etwas mit deinem Stalker zu tun?“, brachte er endlich die ganze Sache auf dem Punkt.
„Na ja, es wäre schon ein verdammt großer Zufall, dass ich genau an dem Tag observiert werde, an dem deine königliche Tante hier auftaucht, oder?“
„Sie hat nichts zu sagen. Mein Vater würde ihr niemals Aufgaben übertragen, Nick.“
„Das mag sein. Doch hast du sie auch schon länger nicht getroffen und du weißt nicht, welches Spiel da läuft.“
„So ist sie nicht. Sie ist ein guter Mensch!“
Inzwischen klang er regelrecht trotzig und rief sich selbst zur Ordnung. Immerhin war die Aggressivität ein wenig aus Nicks Zügen verschwunden und das entspannte die Situation ein wenig.
„Dann lass es uns herausfinden. Wir wollten zusammenarbeiten, erinnerst du dich, Captain?“
„Das tue ich. Und dazu gehört, dass wir uns vertrauen. Ist das der Grund, warum du hier bist? Um mich zu beschuldigen?“ Nicks Gesicht leerte sich und zum ersten Mal wich er seinem Blick aus.
„Oh, warte mal … du hast gedacht … dass ich in Gefahr bin?“, fragte Sean nach und konnte selbst nicht glauben, was er da schlussfolgerte.
„Vergiss es!“, sagte Nick barsch und stöhnte plötzlich auf, weil er auf dem Weg zur Tür mit seiner verletzten Stelle gegen einen Stuhl gestoßen war.


„Warte!“ Sean packte den strauchelnden Grimm gerade noch rechtzeitig am Arm und zwang ihn sich auf den Stuhl zu setzen.
„Lass mich das kurz behandeln, ehe du dir eine Infektion einfängst. Ein toter Grimm ist entgegen aller Annahmen kein guter Grimm, Nick.“
Nick gab ein zischendes Geräusch von sich und schüttelte den Kopf.
Sean stand vor ihm und hinderte ihn so am Aufstehen.
„Ich reinige nur deine Wunde. Und jetzt Hose runter, oder ich helfe nach!“ Seine Stimme war nachdrücklich aber leise. Nicks blaue Augen weiteten sich ein wenig und dann zog er tatsächlich zögerlich seinen Gürtel auf. Umständlich und unter schmerzerfülltem Stöhnen schob er sich seine Hose nach unten.
„Dir ist schon klar, dass du nur in Unterhose vor mir stehst, Captain?“, sagte Nick dann ein wenig atemlos. Er presste die Worte auch eher zwischen den Zähnen hervor.
„Lenk nicht von dir ab und jetzt dreh dich ein wenig, damit ich sehen kann, wie schlimm es ist!“, befahl Sean ausdruckslos und sah nur auf seinen kräftigen Oberschenkel. Ein etwa fünf Zentimeter langer Riss zog sich an Nicks Außenseite entlang. Er war nicht sehr tief und blutete auch nicht mehr.
„Bleib so sitzen, ich hole etwas zum Behandeln!“
Überraschenderweise blieb der Grimm gehorsam mit heruntergelassener Hose sitzen. Ein Grimm ohne Hose in seiner Küche … fast hätte Sean gelacht.
„Wir müssen deiner Tante jetzt aber kein Paar vorspielen, oder?“, fragte Nick verzerrt, als Sean seine Wunde mit einer Desinfektionslösung behutsam abtupfte.
„Nein“, sagte er einsilbig.
„Denkt sie, du bist …“
„Nein“, unterbrach er ihn schroff.
„Doch, das denkt sie.“
„Sie denkt, ich sollte nicht immerzu allein sein. Das ist alles, was sie denkt. Ob dabei ein Mann, eine Frau, ein Wesen oder ein Tier an meiner Seite ist, spielt keine Rolle. Hauptsache …“ Er brach erschrocken ab, als er merkte, welche intimen Gedanken er gerade mit Detective Burkhardt teilte. Und das nur, weil beide in peinlicher Montur beschämende Dinge taten.
„Lass es kurz eintrocknen, dann werde ich etwas drüber machen.“
„Hauptsache was …?“, fragte Nick nach einer Weile tatsächlich nach. Sein Interesse fühlte sich unerwartet gut an, musste sich Sean eingestehen. Er könnte Nick jetzt anlügen, oder ihm unmissverständlich klar machen, dass er keineswegs geneigt war seine Gedanken und Gefühle mit ihm zu teilen, doch er war selbst erstaunt, dass er es tun wollte.
„Hauptsache, es lenkt mich davon ab ununterbrochen zu grübeln. Zumindest sagte sie das früher immer, wenn sie mir einen weiteren Kandidaten vorstellte.“ Der Grimm antwortete ihm nicht, sah ihn aber ausgesprochen aufmerksam an.
„Sie sorgt sich nur …“, sagte er dann leise, als er eine sterile Mullkompresse auflegte und vorsichtig festklebte.
„Das muss sie nicht. Ich bin schon ein großer Junge.“
„Wenn man jemanden mag, dann sorgt man sich eben“, erwiderte Nick leicht gereizt. Sean sah ihn perplex blinzelnd an und setzte diese These bis zum Beweis fort. So, wie er sich eben um Nick gesorgt und gekümmert hat? Erschrocken wich er zwei Schritte zurück und stieß gegen den Tisch. Die Schüssel mit der restlichen Milch rutschte an die Kante und fiel auf den Boden. Natürlich ging sie kaputt und verspritzte die restliche Milchpampe auf dem gesamten Boden.
Nick hatte immerhin seine neu gewonnene Freiheit genutzt und war aufgestanden. Er sah zwar erschrocken zur runtergefallenen Schüssel, zog sich seine Hose aber trotzdem umständlich hoch.
„Informiere mich, wo wir morgen mit Tante Charly essen werden, falls wir uns im PD nicht treffen“, sagte der Grimm noch gleichmütig, vermied es aber auffällig ihm in die Augen zu sehen. Sean glaubte Röte auf seinen Wangen gesehen zu haben. Doch vielleicht war es nur seine eigene Beschämung, die sein Gesicht glühen ließ.
„Danke fürs Verarzten und gute Nacht!“, rief Nick dann schon an der Tür. Er gab ihm keine Antwort, weil er scheinbar nicht nur seine verdammte Würde, sondern auch seine Sprache verloren hatte.
Gedankenverloren räumte er die kaputte Schüssel weg und ehe er sich versah, war er dabei die gesamte Küche zu putzen, um dabei seinen wirren Gedanken folgen zu können.
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