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Die Flucht von der Sehnsucht

von aventiure
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Dr. Lea Peters Dr. Roland Heilmann
25.11.2018
25.11.2018
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Es waren inzwischen Wochen vergangen, als er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Pia war gleich nach dem Hochzeitstag wieder zurück in die Toskana geflogen. Natürlich hatte er, wie er es sich in vielen einsamen Momenten vorgenommen hatte, versucht, sie umzustimmen. Doch sie war noch nicht so weit. Sie brauchte noch immer Zeit für sich. Irgendwo konnte er es auch verstehen, manchmal war ihm auch danach, einfach alles niederzulegen und sich eine Auszeit zu nehmen. Aber dass sie dafür so lange Zeit brauchte, das konnte er nicht nachvollziehen. Es war inzwischen schon fast ein Jahr her, als sie nach Italien aufgebrochen war. Natürlich telefonierten sie täglich, mal länger, mal weniger lang. Bei den Telefonaten versuchte er ihr immer wieder zu erklären, wie sehr er sie vermisste. Dass er einsam war. Dass es ihn traurig macht, abends nach Hause zu kommen. Alleine zu sein. Natürlich waren da die Kinder, die ihm Trost spendeten, aber es war eben nicht Pia. Vor wenigen Wochen hatten sie wieder ein langes Telefonat geführt. Er hatte versucht, sie zu überzeugen, nach Hause zu kommen. Nicht nur für einen Kurzbesuch. Für immer. Doch Pia schien ihn nicht zu verstehen. Er hatte versucht ihr zu erklären, dass er durchaus Verständnis für ihre Entscheidung habe, eine Frau jedoch zu ihrem Mann gehöre. Sie argumentierte damit, dass sie noch mehr telefonieren könnten, er sie monatlich in der Toskana besuchen könne. Doch das war ihm nicht genug. Er fühlte sich missverstanden. Seit diesem Telefonat hörten sie sich zwar öfter, und Pia schickte ihm nun ab und zu Textnachrichten, dass sie ihn vermisse. Doch Roland sah es anders: Wenn sie ihn wirklich vermisste, warum kam sie dann nicht zurück nach Leipzig? Dieser Gedanke beschäftigte ihn so sehr, dass inzwischen sein ganzer Alltag darunter litt.

Verloren in seine eigenen Gedanken stand er in seinem Büro, sah aus dem Fenster hinaus. Der Himmel über den Dächern von Leipzig war voller Wolken. Das spätsommerliche Wetter schlug nun endgültig in Herbst um. Wie das Wetter wohl in er Toskana war? Er spürte wieder das Gefühl, das aus der Magengegend hinauf kletterte. Er konnte es nicht richtig einordnen. Einsamkeit, Traurigkeit, Enttäuschung? Er wusste es nicht. Wahrscheinlich von allem etwas. Die Arbeit in der Klinik lenkte ihn normalerweise von solchen Gedanken ab. Doch seine Gefühle überwiegten in den letzten Tagen. Er sehnte sich danach, seine Frau um sich zu haben. Inzwischen war es schon so weit, dass er andere Paare gar nicht mehr ansehen wollte. Er sehnte sich nach Berührungen, nach Gespräche, nach ihrer Liebe.


„Herr Heilmann?“, hörte er plötzlich die Stimme von Dr. Lea Peters hinter ihm und drehte sich abrupt um. Sie stand bereits direkt vor ihm. Sie musterte ihn: „So in Gedanken?“ Er sah ihr direkt in die Augen. „Tja“, seufzte er, überlegte kurz ob er ihr sagen sollte, warum er so gedankenverloren aus dem Fenster starrte, doch so gut kannte er Frau Peters dann aber auch nicht, dass er nun mit ihr über seine Eheprobleme reden wollte.

„Ihre Frau kommt nicht in absehbarer Zeit zurück?“, fragte Lea nun und sah ihn mitfühlend an. Er war überrascht und gleichzeitig schockiert darüber, dass sie trotz seines Schweigens den Grund für sein Verhalten erahnen konnte. Er versuchte aus ihrem mitfühlenden Blicken zu lesen. Seit er sie von der Messerattacke geschützt hatte, legte sie ihm gegenüber immer öfter die eiskalte Fassade ab, die ihr alle nachsagten. Es gefiel ihm, zu sehen, wie sie sich öffnete. Über die Gründe für diese Blicke war er sich nicht sicher: War es Mitleid und Schuldgefühl? Oder ist es sogar Sympathie, die sich zwischen ihnen beiden entwickelte? Er hatte sich bis jetzt noch nie genug Gedanken darüber gemacht, um diese Fragen zu beantworten.

„Sieht nicht so aus“, murmelte er nun und zuckte mit den Schultern. „Sie sollten sich davon nicht runterziehen lassen“, antwortete sie und schnappte kurz nach Luft, war wohl selbst überrascht von ihren Worten. Roland überging die Aussage, auch wenn er sich sicher war, dass er sie als Aufmunterung auffassen sollte. Doch er war ihr Chef, konnte und wollte darauf nicht reagieren. Er ging direkt auf seinen Schreibtisch zu und setzte sich auf seinen Stuhl. „Vielen Dank für ihren Ratschlag – wie lang sind sie nochmal verheiratet?“ Natürlich war es gut gemeint, doch nach 30 Jahren Ehe brauchte er solche Ratschläge eigentlich nicht. Und schon gar nicht, von einer Single-Frau die in ihrem Leben wohl noch keine einzige langjährige Beziehung hatte. Sie seufzte. „Na, gut. Ich hab’s nur gut gemeint“, murmelte sie und legte ihm die Krankenakte auf den Tisch. „Hier die Akte von Herrn Rauber, nach der Sie mich gefragt hatten.“ Der förmliche Ton war sofort wieder zurück. Roland nahm ihr die Akte ab und nickte mit dankender Geste. Sie lächelte, nickte zurück, und verließ sein Büro. Roland legte die Akte auf den Stapel auf seinem Schreibtisch und holte tief Luft, als es schon wieder an der Tür klopfte, diesmal nicht zu überhören. Ohne, dass Roland irgendetwas sagte, betrat Dr. Martin Stein den Raum. „Na, du? Lust auf ein Feierabendbier?“ Roland sah auf die Uhr, er hatte nicht gedacht, dass es schon nach sieben wäre. Er überlegte kurz, wusste, dass ihn Pia bald anrufen würde. Eigentlich hatte er es in letzter Zeit vorgezogen zu dieser Zeit zu Hause zu sein, um in aller Ruhe mit ihr telefonieren zu können. Martin bemerkte den nachdenkenden Blick seines Freundes. „Komm schon, es tut dir auch mal gut. Wie lange haben wir das schon nicht mehr gemacht?“ Eigentlich hatte Martin Recht, wahrscheinlich tat es ihm auch einmal gut. Außerdem hatte er sowieso keine Lust jetzt zu Hause auf Pias Anruf zu warten, um sich danach einsam in den Schlaf zu wälzen. Nach einem Bierchen würde er wahrscheinlich sogar schneller einschlafen können. „Gehen wir“, sagte Roland und stand auf. „Super“, sagte Martin und klopfte ihm auf die Schulter. Nachdem Roland seinen Arztkittel in seine Jacke eingetauscht hatte brachen die beiden auf in die Innenstadt.
 
 
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