Ungezähmte Magie

GeschichteRomanze, Fantasy / P12 Slash
25.11.2018
17.02.2019
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»Was ist hier geschehen!?« Der Kaiser trat durch die Reihen seiner Leibwächter, es mussten mehrere Dutzende sein, die sich mit Speeren und Rüstungen in der Nacht vor der Höhle aufgestellt und den Eingang umzingelt hatten.
Als Desith und Derrick Hand in Hand heraustraten, stand Mair neben seinem großen, grimmig dreinblickenden Vater, dem er zum Verwechseln ähnlichsah – bis auf die Jahre, die sie trennten, in Form tiefer Furchen, die sich in dem Gesicht des älteren Kriegers abzeichneten und ihn noch härter wirken ließen.
Als der Kaiser Desith und Derrick erblickte, huschte erst Erleichterung und dann Zorn über sein Gesicht. Er beherrschte sich jedoch und setzte eine undurchdringliche Miene auf, nur seine geblähten Nasenflügel zeugten von seinem Zorn.
»Desith!«
Sein Sohn zuckte neben Derrick zusammen, als hätte er ihn geohrfeigt.
Der Kaiser stampfte auf Desith zu. »Was geht nur in dir vor? Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst dich nachts nicht draußen herumtreiben? Was wolltet Ihr hier? Was habt Ihr hier gesucht?« Sein Blick fiel auf Derrick, als wäre er an allem schuld.
Mair rief plötzlich: »Da sind Räuber in der Höhle! Und ein Schatz. Und Dämonen! Der Dämonenjunge hat sich mit ihnen zusammengeschlossen, ich habe gesehen, wie der Dämon ihm ein Schwert gab!«
Desith und Derrick starrten ihn entgeistert an.
»Halt den Mund!« Mairs Vater packte seinen verletzten Sohn grob im Genick, wie einen Straßenköter, dem er gleich einen Arschtritt verpassen wollte. Es schimmerte weder Gnade noch Liebe in seinen Augen, nur Härte. »Niemand hat dich aufgefordert, zu sprechen!«
Der Kaiser fuhr zu Derrick herum und fasste ihn wütend ins Auge. Er griff nach dem Arm seines Sohnes und zog ihn von Derricks Seite mit einem Ruck an sich heran.
»Das ist nicht wahr! Derrick hat uns befreit!«, rief Desith aufgebracht.
»Sei still«, herrschte der Kaiser ihn an.
»Er hat gezaubert!«, klagte Mair Derrick noch weiter an. »Ich habe es gesehen!«
Dieser miese Verräter! Aber Derrick hatte nichts anderes erwartet.
»Still, sagte ich!« Mairs Vater rüttelte heftig seinen Sohn. »Du sprichst erst, wenn Ihre Majestät dich danach fragt!«
Mair war jedoch nur darauf aus, schnell seine Geschichte zu erzählen, damit Derrick wie ein Lügner dastand.
Derrick blieb ruhig, doch innerlich tobte er. Er spürte hinter sich eine Bewegung, genau in dem Moment, als der Kaiser sich ihm wieder zuwandte. Und er wusste, dass er nun endgültig in der Scheiße saß.
Der Wolf zeigte sich, trabte an seine Seite, die Ohren gespitzt und den Schwanz erhoben, bereit zum Angriff.
Die Lippen des Kaisers wurden dünn. »Mein Junge«, er versuchte, sachlich zu bleiben, aber Derrick konnte seine Wut beinahe riechen. Wie scharfe Suppe. »Dir wurde verboten, außerhalb der Akademie zu zaubern...«
»Rick hatte keine Wahl«, rief Desith dazwischen, verstummte aber, weil der Kaiser den Griff um seinen Arm verstärkte, bis Desith schmerzhaft keuchte und sich aus der Umklammerung befreien wollte. Er wandte sich.
»Und dir wurde verboten«, fuhr der Kaiser mit gepresster Stimme fort, »mit Geistfeuer zu experimentieren! Du verstößt wiederholt gegen meine Gesetze und Regeln und bringst überdies auch noch meinen Sohn in Gefahr. Und jetzt löse die Beschwörung auf und erkläre mir, was ihr hier zu suchen habt.«
Derrick wollte den Mund öffnen, um etwas zu sagen, als Mair wieder dazwischenrief: »Es war eine Mutprobe. Derrick wollte beweisen, wie mutig er ist und dass er einen Dämon töten kann! Ich habe gesagt, dass das eine schlechte Idee ist…«
Sein Vater hob die Hand, aber der Kaiser hielt ihn auf: »Lass ihn sprechen.«
Der Krieger nickte ehrerbietig und ließ Mair gewähren.
Dieser fuhr ermutigt fort: »Er hat Desith einen Floh ins Ohr gesetzt und ihn mit einem Abenteuer gelockt. Ich bin nur mitgekommen, um Desith zu beschützen, wie Ihr es verlangt habt, Eure Majestät.«
Desith fiel das Kinn herunter. »Das ist eine dreiste Lüge!« Er fuhr zu seinem Vater herum. »Es war genau anders herum. Rick hat gesagt, dass wir zurückgehen sollten, aber … aber ich …« Er senkte beschämt den Blick, »ich wollte sehen, ob es hier wirklich spukt.«
Der Kaiser sah einen Moment prüfend in Desiths Gesicht, dann betrachtete Mair, ehe er sich wieder Derrick zu wandte.
»Du!« Er ließ Desith los und trat auf Derrick zu, der stolz das Kinn hob. »Ich wusste, dass ich deinesgleichen nicht trauen darf! Lös endlich die Beschwörung auf. Und dann packst du deine Sachen. Ich dulde dich nicht länger in meinem Land.«
»Und was ist mit mir?«, fragte eine scheinbar ruhige Stimme, doch Derrick kannte den lauernden Unterton in ihr, der ihr einen rauen Nachhall bescherte. »Bin ich auch nicht mehr hier geduldet?«
Der Kaiser presste die Lippen zusammen und verdrehte die Augen. »Melecay. Bei allem nötigen Respekt, er ist ein Dämon! Und er ist eine Gefahr, für jeden von uns.«
Der Großkönig trat aus den Schatten und durch die Reihen der Kaisergarde. Eine Schar wilder Barbaren im Schlepptau, die habgierig die Waffen der Gardisten betrachteten und hämisch lächelten.
»Tritt von meinem Sohn zurück«, sagte Melecay bestimmt zu Eagle und legte lässig eine Hand auf den Schwertknauf an seiner Hüfte. »Sofort!«
Alle Anwesenden spürten die Spannungen zwischen den beiden Herrschern. Sie funkelten sich an, und ein Jahrelanger Argwohn schien an die Oberfläche zu kriechen und ausbrechen zu wollen.
Der Kaiser wandte sich Melecay zu, seine Gardisten reihten sich hinter ihm auf.
»Er ist eine Gefahr«, wiederholte der Kaiser grimmig.
Melecay schnaubte über ihn und schüttelte bedauernd den Kopf. »Zieh den Stock aus deinem Arsch, Eagle. Deine Angst macht dich blind vor der Wahrheit. Ich aber kenne meinen Sohn, er würde keinem Scheißhaufen etwas zu Leide tun, kann sich kaum durchringen, sich selbst zu verteidigen.« Er schielte zu Desith und verzog die Lippen wie ein Wolf, der knurrte. »Du hingegen kennst dein eigenes Fleisch und Blut sogar schlechter als deine Bauern. Du siehst nicht das wilde Feuer, das in seinen Augen brennt. Und den Ärger, den er heraufbeschwören wird, wenn du seine Leine noch kürzer nimmst…«
Desith senkte beschämt den Blick. Derrick leckte sich nervös die Lippen, kannte das Temperament seines Vaters…
»Ich lasse mir von einem Wilden nicht sagen, wie ich meinen Sohn erziehe!«, fuhr Eagle plötzlich aus der Haut und baute sich vor Melecay auf, wobei er ihm kaum ins Gesicht sehen konnte, da der Großkönig ihn weit überragte. »Es ist deine Sache, wenn du diesem … diesem Dämon Unterschlupf gewährst, aber ich muss ihn hier nicht länger dulden. Er hat gegen die Regeln seiner Lehrer verstoßen, und damit hat er sein Recht verwirkt, hier zu sein. Er reist morgen mit dir ab.«
Derrick spürte Desiths ungläubigen, panischen Blick auf sich. Doch seine eigene Ernüchterung zwang ihn nieder, und er konnte ihn nicht trösten.
Der Großkönig starrte den wütenden Kaiser einen Moment reglos an. Derrick sah schon vor sich, wie er das Schwert zog und den Kaiser niederstreckte, wie ein Kampf entstand. Doch Melecay überraschte sie alle.
Ohne den Blick von Kaiser Eagle zu nehmen, fragte er an Derrick gewandt:  »Was ist in der Höhle, Junge?«
Derrick blickte ihn scheinbar gefasst an, sein Herz raste jedoch. »Nichts«, log er. »Nur Schatten.«
Dieses Mal war es an Mair, ungläubig drein zu blicken. Ebenso Desith.
Melecay ging mit einem letzten harten Blick an dem Kaiser vorbei zur Höhle. Zu seinen Barbaren sagte er: »Wartet hier.«
Während er in der Höhle war, legte sich erdrückendes Schweigen über die Gruppe. Desith sah nervös zu seinem Vater auf und rieb sich den Arm.
Derrick spürte viele argwöhnische Blicke auf sich, ließ es sich aber nicht anmerken. Er streichelte den Kopf seines Feuerwolfes und erntete einen bösen Blick des Kaisers, da er die Beschwörung nicht auflöste.
Um ehrlich zu sein, hatte Derrick noch gar nicht versucht, ob es möglich war.
Als Melecay kurz darauf wieder herauskam, stellte er sich hinter Derrick und legte ihm die Hände auf die Schultern. Sanft knetete er die angespannten Muskeln.
»Nichts«, verkündete er knochentrocken. »Keine Räuber, kein Schatz und vor allem keine Dämonen. Da drinnen ist nichts, ich habe auch nichts Bedrohliches gespürt. Und ich müsste es wissen, ich kenne Dämonen nur zu gut.«
Der Kaiser wirkte dennoch erbost.
Mairs Vater packte seinen Sohn am Arm und zerrte ihn grob zu sich herum. »Hast du gelogen?« Eine unbeherrschte Wut funkelte in seinen Augen.
Mair kam in Erklärungsnot. Hilfesuchend blickte er sich nach Desith um. »Nein«, beharrte er, »Desith, sag ihnen, dass es so war, sag es ihnen…Sie haben mich geschlagen!«
Doch Desith senkte lediglich die Augen, wobei er jedoch totunglücklich aussah. Er wusste, was dies für Mair bedeutete, jeder auf der Lichtung wusste es.
Derrick schloss die Augen. »Es war meine Idee.« Als er sie wieder öffnete, starrte Desith ihn verwundert an und schüttelte verständnislos den Kopf.
»Es stimmt«, Derrick zuckte mit den Augenbrauen, »Mair sagt die Wahrheit. Ich hatte die Idee mit der Mutprobe. Mair war … ich wollte ihm eine Lektion erteilen und habe ihm in der Höhle einen Streich gespielt. Er sah ein paar Beschwörungen, dann fiel er hin und schlug sich das Gesicht an einem scharfen Felsen auf. Es ist alles meine Schuld.« Er sagte all dies betont kühl und ohne jede Emotion. »In der Höhle ist nichts sonst. Die Spukgeschichten sind alle unwahr. Der einzige Spuk darin war ich selbst.«
Der Kaiser sah ihn schmallippig mit einem Blick an, der ausdrückte: »Ich habe es gewusst.« Mit eben jenem Blick sah er nun auch Melecay an. »Da hast du es!«
»Ich denke, es ist das Beste, wenn wir alle zur Villa zurück gehen«, brachte er bemüht ruhig hervor. »Ich stelle deinen … deinen Sohn unter Arrest. Ich denke, es wird nicht nötig sein, ihn in den Kerker zu sperren. Bis zu eurer Abreise morgen darf er deine Gemächer nicht verlassen. Und diese dämonische Beschwörung wird umgehend aufgelöst! Das ist mein letztes Wort!«
»Aus welchen Gründen?«, fragte der Großkönig erbost. »Vorsicht, Eagle, ich habe keine große Geduld mit Männern, die mir Befehle erteilen wollen.«
Vertraut konterte Eagle: »Du bist hier in meinem Reich. Und hier gelten meine Regeln. Dein Bursche ist verbannt! Er hat hier nichts mehr verloren – oder ihm droht der Tod.«
Desith sah panisch zu seinem Vater auf. »Aber, Vater, Rick hat …«
Das Klatschen war ohrenbetäubend und sorgte für Grabesstille in der Nacht.
Derrick machte einen Schritt nach vorne, sein Wolf ebenso, doch der Großkönig hielt Derrick an den Schultern zurück. »Nicht jetzt, Junge«, flüsterte er. »Nicht der richtige Augenblick.«
Im Mondschein funkelten Tränen in Desiths beschämten Augen. Er hielt sich die Wange, während er geflissentlich den Blicken seines Vaters auswich. Der Kaiser selbst wirkte überrascht über seinen Ausbruch, ebenso wie sein fassungsloser Sohn. Es war der erste Schlag.
»Das war das letzte Mal, dass du dich mir wiedersetzt«, warnte der Kaiser seinen Sohn, »du hältst dich fern von ihm. Und in Zukunft bleibst du im Palast. Jetzt geh, bevor ich mich erneut vergesse!«
Desith fuhr herum und stampfte wütend davon, der Kaiser folgte ihm wie ein Bauer, der ein störrisches Rind in den Stall trieb. Die Garde machte kehrt, Mair und sein Vater folgten ebenso.
Die Barbaren schlenderten vor der Höhle umher, scheinbar ziellos, aber immer in der Nähe des Großkönigs, dem sie einst die Treue geschworen hatten.
Melecay atmete aus und ließ Derricks Schultern los. »Junge.«
Derrick drehte sich zu seinem Ziehvater um und sah ihm direkt in die Augen.
Melecay starrte emotionslos zurück. »Gehen wir«, sagte er nur, ohne Tadel, ohne Groll. Er legte Derrick eine Hand in den Nacken und drückte aufmunternd zu.
Sie gingen durch den Urwald.
»Beeindruckender Wolf.«
»Danke, Vater.«
»Kann er auch auf Kommando töten?«
»Wenn ich es will, kann und wird er jeden zerfleischen«, antwortete Derrick geistesabwesend.
Mit einem Lächeln zog Melecay Derrick an sich, seine Barbaren lachten grimmig.
Derrick fühlte sich schlecht und ernüchtert. Es war kein gutes Gefühl, das Richtige zu tun. Nicht, wenn man dabei etwas verlor.
Verbannung… er war noch zu gelähmt, um die Bedeutung dessen zu begreifen.
Doch er tröstete sich mit dem Gedanken an die Vision, die er in der Höhle gehabt hatte. Sie war das Einzige, das ihn aufrechthielt.
Dennoch, in den Gemächern seines Vaters, die er ohne diesen nicht verlassen durfte, übermannte ihn am Ende doch noch die Erkenntnis, dass er Desith vielleicht für eine lange Zeit nicht wiedersehen würde. Sein Wolf lag mit ihm in dem großen Bett, die Flammen trockneten seine stillen Tränen. Und als sein Vater sich zu ihnen legte, wurde er wieder zum Kind, das sich an den Großkönig kuschelte und dessen Stärke genoss.
»Wird schon, Junge«, versuchte Melecay, ihn zu trösten und strich ihm dabei beruhigend über das Haar. »Wird schon werden.«

*~*~*~*Melecay*~*~*~*

Als der Morgen graute, war der Junge endlich eingeschlafen. Er lag auf der Seite, mit einem Arm seinen Wolf umschlungen, und atmete ganz ruhig und flach, während die letzten Tränen auf seinen hageren Wangen noch immer feucht schimmerten.
Melecay hatte die Nase in Derricks schwarzem Haar vergraben und atmete seit Stunden dessen vertrauten Duft ein. Sein Kopf lag auf seinem eigenen Arm, mit dem anderen Arm hielt er Derrick an sich gepresst und genoss die Wärme, die der Junge abstrahlte.
Obwohl Derrick bereits fünfzehn Winter alt war, war er immer noch Melecays kleiner Junge, wirkte im Gegensatz zu ihm so zierlich und zerbrechlich, so sanft und gutmütig, dass Melecay sich manchmal nicht überwinden konnte, ihn mannsgerecht zu behandeln. Manchmal. So wie in jenen Stunden. Nachts, wenn niemand seine Schwäche mitbekommen konnte. Die Wahrheit war, Melecay hatte es geliebt, wenn Derrick nachts in sein Bett gekrochen kam. Er hatte es vermisst, mit ihm zu kuscheln, wie mit einem übergroßen, warmen, lebendigen Kissen.
Als Derrick noch klein gewesen war, hatte Melecay immer seinen Kopf auf dessen Bauch gelegt und beim Einschlafen seinem ruhigen Herzschlag gelauscht. Er vermisste diese Zeiten.
Derrick war sein einziges Kind. Sein einziger Sohn. Und Melecay konnte sich auch nicht vorstellen, leibliche Nachkommen zu zeugen. Er hatte Derrick, er hatte nie einen anderen Jungen gewollt. In dem Moment, als er ihn damals hätte töten sollen, es aber nicht gekonnt hatte, wusste er, dass es Schicksal war. Sie waren mehr Vater und Sohn als so manch blutsverwandte Söhne und Väter. Melecay konnte sich nicht vorstellen, jemand anderen seinen Sohn zu nennen. Dainty und Derrick waren die beiden wichtigsten Menschen in seinem Leben.
Bei diesem Gedanken schlug er die Augen auf. Er dachte an die Szene letzter Nacht, an Eagle und seine ausgerutschte Hand. Das Unverständnis seines geschlagenen Sohnes. Er konnte nicht benennen weshalb, aber es machte ihn unendlich wütend.
Vielleicht wegen der Schläge, die er selbst als Kind ertragen hatte. Wegen der Scham, die jede noch so leichte Ohrfeige bei einem heranwachsenden Jungen auslösen konnte.
Melecay war weder großherzig noch mitfühlend, geschweige denn folgte er einem strengen Moralkodex, im Gegenteil, er war das absolute Gegenteil davon und hatte jeglicher Moral vor Jahrzehnten abgeschworen. Aber er konnte doch zumindest von sich behaupten, seinen Sohn nie geschlagen zu haben. Nie. Und vor allem niemals vor versammelter Mannschaft. Es wäre einer Kastration gleichgekommen.
Nein, Melecay hatte immer gewollt, dass sein Sohn eigene Wege ging, so wie auch er immer seinen eigenen Weg beschritten hatte. Das einzige, was ihm wichtig war, war Abhärtung. Derrick sollte nie starr vor Angst vor einem Gegner stehen. Oder hilflos sein. Und deshalb vertraute er Derrick. Er kannte seinen Sohn, wusste mit absoluter Sicherheit, dass Derrick niemals etwas Waghalsiges tun würde, Derrick war nicht aufmüpfig, nicht halsbrecherisch. Er war schlicht das Gegenteil von dem, was Melecay selbst war – und seltsamer Weise machte genau das Melecay stolz.
Es erforderte Mut, anders zu sein als sein Vater.
Melecay wusste das besser als jeder andere. Und es erfüllte sein Herz mit warmem Stolz, dass Derrick ihm nicht nacheiferte, sondern immer auf sein eigenes Bauchgefühl hörte, seine eigenen Ideale entwickelte. Melecay würde nicht wollen, dass Derrick alles so machte wie er. Vielleicht hätte er ihn deshalb sogar gehasst, denn so wie er Derricks Verbissenheit kannte, hätte er Melecay in allen Belangen übertroffen.
Kurz um: er liebte Derrick. Und, Herrgott, er konnte ihn nicht leiden sehen. Diese stillen Tränen die ganze Nacht! Er würde es nie offen gestehen, aber es hatte ihn sein stählernes Herz gebrochen.
Niemand verletzte ungestraft seinen Jungen!
Niemand!
Vorsichtig kroch Melecay an jenem Morgen aus dem Bett, um den Jungen nicht zu wecken. Er setzte sich gleich an den Schreibpult am Fenster und verfasste ein offizielles Dokument. Das war ganz und gar nicht seine Art, aber er musste vorsichtig sein. Er brauchte einen Trumpf im Ärmel, sonst würde er mit allen Bündnissen brechen.
Kurz darauf legte er sich seinen Wolfspelz um, obwohl es heiß genug war, um nackt durch die Flure der weißen Villa zu streifen. Doch der Pelz zeichnete ihn als das aus, was er war: einen Barbaren. Und jeder sollte es sehen. Niemand sollte es je vergessen.

*~*~*~*Melecay*~*~*~*

Der Kaiser empfing ihn in seiner Schreibstube. Einem hellen, schmalen Raum mit vollgestopften, deckenhohen Regalen und einem überfüllten Schreibtisch aus massivem Eichenholz.
Eagle war nicht allein. Melecay schnaubte kopfschüttelnd, als die beiden Leibwächter hinter ihm die Tür schlossen und sich davor aufstellten wie zwei arrogante Flamingos. Er fand die beiden Speerträger nicht weniger lächerlich als die rosafarbenen, langbeinigen Vogelviecher.
Typisch für Eagle, dass er sich absicherte. Doch damit zeigte er Melecay auch, dass er ihn fürchtete. Und das war schlussendlich genau das, was Melecay wollte.
Eagle erhob sich aus seinem Stuhl, er sah ebenso müde und angespannt aus wie Melecay sich fühlte. Sie hatten wohl beide kaum geschlafen und beide noch kein Wasser an jenem Morgen gesehen.
»Wein?«, fragte der Kaiser ohne Einleitung.
»Ein Fass«, forderte Melecay.
Eagle ging mit einem aufgesetzten, kühlen Lächeln zu den Weinkelchen und -krügen, und goss Melecay einen großen Schluck seines lieblich weichen Roten in einen Kelch. Als er den Krug abstellte, sagte er mit herabhängenden Schultern: »Ich habe nachgedacht.«
Melecay sah ihn lediglich reglos an, als er sich zu ihm umdrehte.
»Vielleicht war ich gestern etwas … hart.«
Noch immer sagte Melecay nichts. Eagle seufzte, kam zum Tisch zurück, positionierte sich wieder dahinter, als wäre er ein Schutzwall, und stellte den Weinkelch für Melecay auf der Platte ab.
»Um unserer Freundschaft willen: Melecay, du wirst doch einsehen, dass der Streich deines Jungen zu weit ging. Und dass seine Kräfte gefährlich sind.« Eindringlich sah er Melecay in die Augen, seine eigenen waren blutunterlaufen. »Niemand von uns sollte damit herumspielen!«
Melecay musste all seine Willenskraft – sie war sehr gering – aufbringen, um nicht über den Tisch zu hechten und Eagle die Klinge an die Kehle zu setzen. Er blieb reglos, unterdrückte seine aufkommende Wut über Eagles Vermessenheit.
Dieser arrogante Scheißkerl von einem Kaiser! Er hielt sich ja für so viel besser als Melecay…
»Ich verstehe aber auch, dass ich voreilig handelte«, lenkte Eagle ein. Doch die Worte kamen nicht von ihm. Sie kamen gewiss von seiner Kaiserrinn, die ihm wohl ins Gewissen geredet hatte. »Dein Junge wird natürlich nicht vogelfrei erklärt. Vorausgesetzt … na ja, du stimmst mir zu, dass meine Hexenmeister versuchen, seine Magie zu bannen.«
»Zu bannen?« Melecay zog seine Augenbrauen hoch. »Du meinst, magische Kastration.«
Eagle rieb sich seufzend die Stirn, seine Geduld war erschöpft. »Es ist sicherer. Für uns alle. Ebenso für dich und dein Volk. Melecay, wir haben gegen Dämonen …«
»Ich!«, warf Melecay ein. »Ich habe gegen Dämonen gekämpft! Ich war damals in den Mienen. Ich habe mein Leben riskiert. Ich und Dainty waren dort, tief unter der Erde, mitten im Herzen der Bedrohung – während du dich feige versteckt hast!«
Eagle klappte der Kiefer runter. Er schloss ihn schnell wieder, bemüht reglos. »Ich«, betonte er ruhig, »habe auf Befehl meines Vaters …«
»Du hast dich versteckt!«, beharrte Melecay ernst. Seine Wut brodelte gefährlich unter der Oberfläche. »Such die Ausrede nicht bei deinem Vater! Mich hätte niemand aufhalten können, kein Vater, kein Geliebter, kein Bruder! Nicht einmal einer eurer vielen Götter oder mein eigener Gott. Ich bin in die Bedrohung hineingerannt, ich habe viele Brüder verloren, ich war ein Teil von allem. Und du erzählst mir etwas von Bedrohung und Gefahr! Als wüsste ich nichts davon. Ich habe mehr Dinge gesehen als du. Grausame, groteske Dinge. Bin durch Weltenportale gefallen, durch Träume gewandelt, wurde von Ängsten gejagt, von Menschen und Dämonen gleichermaßen gefoltert und ich habe mehrfach meinen eigenen Tod überlebt. Erzähl du mir nichts über Mächte, mit denen wir nicht rumspielen sollten. Und pass gefälligst auf, denn du sprichst hier von meinem Sohn!«
»Er ist ein Dämon!«, rief Eagle aufgebracht. »Er ist nicht dein Sohn! Er ist ein Dämon!«
Mit zwei Schritten war Melecay am Tisch und schlug mit der Faust darauf, dass der Weinkelch umkippte und Wein zu Boden tropfte. Sie kümmerten sich nicht darum.
»Er ist mein Sohn! Er ist aus Fleisch und Blut! Und er ist das sanfteste Wesen seit … seit ich deinem Vater begegnet bin. Dem du im Übrigen gestern große Schande gemacht hast.«
Das hatte gefruchtet. Eagle zuckte zurück, sein Mund stand sprachlos offen und er blinzelte blasswerdend. Als die Sprache auf seinen geohrfeigten Sohn fiel, senkte er beschämt den Blick zu Boden. Nicht einmal zu seinen Fehlern konnte er stehen.
Melecay grinste hinterhältig. »Ich kenne meinen Sohn, Eagle. Ich kenne ihn! Und ich bin fast sicher, dass er jemanden schützt. Jemanden, der rebellisch gegen seinen verstockten Vater aufbegehrt. Weil Derrick nicht will, das andere verletzt werden. So ist mein Derrick. Und du wüsstest das, würdest du endlich den Stock aus deinem Arsch ziehen. Doch deine Angst macht dich blind für die wesentlichen Dinge. Dabei wäre Derrick dir ein ruhiger und besonnener Nachbar, würdest du ihn dir nicht von vorneherein zum Feind machen.«
Eagle sagte nichts dazu, er presste die Lippen aufeinander, bis sie nur noch ein dünner Strich in seinem harten Gesicht waren.
»Und nein«, betonte Melecay, »ich werde nicht zulassen, dass deine Hexenmeister meinen Jungen magisch kastrieren. Aber ich habe auch einen Vorschlag für dich!«
Er warf dem Kaiser von Elkanasai einen mit rotem Wachs versiegelten Brief auf den Tisch.
Eagle betrachtete das Dokument argwöhnisch, rührte es aber nicht an. »Was ist das?«, fragte er tonlos und starrte immer noch darauf, als wüsste er es bereits.
»Eine Kriegserklärung.«
Erschrocken sah Eagle auf, er holte tief Luft. »Das … das kannst du nicht wirklich wollen«, versuchte er, auf Melecay einzureden. »Denk genau darüber nach. Wir haben ein Friedensabkommen, wir …«
»War ich je bekannt dafür, mich an friedliche Abkommen zu halten?«
Eagle schluckte nervös. »Das ist … das ist Wahnsinn. Selbst für dich. Was würde Nohva …«
»Ja, was würden sie wohl sagen?«, unterbrach Melecay ihn lauernd und ging langsam um den Tisch herum. »Was würde dein Vater in Nohva wohl sagen, wüsste er davon, dass du einen unschuldigen Jungen verbannt hast, nur aufgrund deiner eigenen, unbestimmten Furcht davor, dein Söhnchen könnte sich mit ihm anfreunden. Oder … sich gar verlieben.«
Eagle schüttelte grimmig den Kopf. »Es geht immerhin um einen Dämon.«
»Ich glaube, es geht um mehr als das. So ist es doch, oder?« Melecay baute sich vor Eagle auf, der den Rücken krümmte, um ihm auszuweichen. »Derrick ist ein Dämon! Und Derrick ist ein Junge! Und du kannst es nicht ertragen, dass sich dein Sohn zu beidem hingezogen fühlt…«
»Das ist eine Lüge, Desith ist nicht …«
»Nicht wie ich?« Melecay lächelte kalt. »Und wenn? Was, wenn doch? Das hast du doch gesagt, gestern Abend, als wir über die beiden gesprochen hatten. Ich erinnere mich gut daran …«
Eagle legte den Kopf schief. »Ich habe nicht …«
»Du hast betont, dass du Desith nicht mit einem Jungen vermählen wirst.«
»Wenn er das nicht will!«
»Davon war nie die Rede. Und was jetzt? Du hast die beiden gestern gesehen, Hand in Hand. Selbst wenn es nur Freundschaft ist, was sie verbindet, du kannst es nicht ertragen. Noch weniger die Vorstellung, da könnte sich eine Liebe anbahnen …«
»Desith ist nicht wie du!«, zischte Eagle plötzlich und gab Melecay einen kräftigen Stoß, den Melecay jedoch kaum beeindruckte. »Und nein, ich will nicht, dass Desith sich an Derrick … bindet. Sie sind Jungen! Alle beide! Desith ist mein Erstgeborener! Nein, ich lasse das nicht zu!«
Melecay schüttelte bedauernd den Kopf. »Was ist nur aus dir geworden. Sieh an, was dieses Land aus dir gemacht hat. Die Kaiserkrone auf deinem Kopf, und das goldene Zepter Elkanasais steckt dir tiefer im Arsch als deine schleimenden Berater! Was würde der König von Nohva sagen, würde er deine Ansichten hören.«
Eagles Gesicht wurde zunehmend finsterer. »Es ist mir gleich, was du in deinem Bett treibst. Oder meine Freunde in Nohva. Aber für meinen Sohn sehe ich anderes vor! Er wird mein Nachfolger, er wird mein Blut weitergeben, unsere Familie fortführen! Das hier ist nicht Carapuhr oder Nohva, du bist hier in Elkanasai, und hier bandelt der zukünftige Kaiser nicht mit einem Burschen an! Ich habe nichts gegen dich oder deinesgleichen, aber für meinen Sohn sehe ich ein … ein sorgloses Leben ohne Vorurteile vor. Ein normales Leben, mit Frau und Kind, ohne große Schwierigkeiten.«
»Und wenn er das nicht will, lässt du ihn dann auspeitschen?«, höhnte Melecay. »Wirst du diese … unreinen Gedanken aus ihm herausprügeln?«
Eagle schloss gequält die Augen. »Einmal. Ein einziges Mal ist mir die Hand ausgerutscht.«
Melecay schnaubte und schüttelte den Kopf. Er tippte mit dem Finger auf seine Kriegserklärung. »Alles ganz nach Vorschrift. Ich habe dich vorgewarnt. Kein Handel mehr, keine offene Grenze. Das wird mir gefallen, denn ein ganzes Stück hinter der angeblichen Grenze liegt noch ein Teil meines Landes, das mir im letzten Krieg gestohlen wurde. Ich kann es mir nun zurückholen. Auch mit Drachenfeuer, wenn du es so willst.« Er beugte sich zu Eagle und bohrte seine blauen Augen in dessen Augen. »Oder du hebst die Verbannung meines Sohnes auf, erweiterst deinen beschränkten Horizont und denkst darüber nach, wie viele Männer ihre Leben opferten, um für die Freiheit zu kämpfen, die du deinem Sohn heute verwehren willst.«
Eagle sagte nichts, und Melecay wandte sich ab.
Auf dem Weg zu Tür sagte er noch: »Du kannst sie nicht von einander fernhalten, Eagle. Je mehr du es versuchst, je mehr wird dein Sohn dich hassen. Du treibst ihn von dir. Und glaub ja nicht, ich würde ihn ausliefern, sollte er im Krieg zu uns überlaufen. Und so wie er dich gestern angesehen hat, bin ich fast sicher, dass er im Falle eines Konflikts nicht an deiner Seite stehen wird.« Noch einmal drehte er sich um und schloss mit kalter Stimme ab: »Übrigens, die Freundschaft zu deinem Vater ist das Einzige, was mich davon abhält, dich hier und jetzt zu töten. Also sei ganz vorsichtig, Eagle, ich habe schon Männer, die ich Brüder nannte, aus geringeren Gründen getötet. Und dich nenne ich keinen Bruder. Der einzige Grund, weshalb ich dich überhaupt dulde, sind unsere Verbündeten in Nohva…«
Er war schon fast aus der Tür, die die Gardisten mit unbewegter Miene für ihn öffneten, als Eagle plötzlich rief: »Warte!«
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