Mein großes Geheimnis.

KurzgeschichteDrama, Romanze / P16 Slash
25.11.2018
16.12.2018
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Author's Note
Dezenter Gebrauch von Suchtmitteln.

Kapitel 3:
Abkapselung ist leichter als Konfrontation.

Seit Tagen verstecke ich mich in meinem Zimmer. Ich ignoriere alle Anrufe und Nachrichten von meinen Freunden, verlasse nur nachts mein Zimmer, um auch meiner Familie aus dem Weg zu gehen. Alles, was ich will, ist mich hier in meinem Zimmer zu verstecken. Hier bin ich sicher, geborgen und kann alles und jedem aus dem Weg gehen. Es ist bereits nach neun Uhr morgens, meine Augen fallen immer wieder zu, ich beschließe, dass es ein perfekter Zeitpunkt ist, um ins Bett zu gehen. Müde speichere ich die Fortschritte meiner Arbeit, fahre meinen Computer hinunter.

Als es an meiner Tür klopft, schießt das Adrenalin wieder ein. Ich öffne vorsichtig, erschrecke, als ich nicht nur Max, sondern auch Sam und Abby vor der Tür sehe. Panisch knalle ich die Tür zu.
„Gebt mir ein paar Minuten!“, rufe ich hektisch.

Okay, okay. Anziehen, ich muss etwas anziehen.

Ich schlüpfe aus meinem Shirt, ziehe schnell einen Binder und einen Hoodie über. Mein Herz rast und meine Atmung ist bereits von den wenigen Bewegungen unregelmäßig. Ich bin gestresst und müde und… Hoffentlich hat Max nicht auf meinen Brustkorb gesehen. Ach, verdammt… Er hat ganz bestimmt meine Brüste gesehen, ich bin geliefert…

Fuck. Fuck. Fuck.

Nach einigen tiefen Atemzügen bin ich bereit, wieder zu öffnen.
„Hi…“, begrüße ich meine Freunde unsicher, ich lasse sie gleich darauf zaghaft herein.
Sam setzt sich sofort auf mein Bett, Abby schmeißt sich in meinen Ledersessel, rollt damit mitten in den Raum. Ich setze mich neben Sam, Max hingegen bleibt einige Schritte von uns entfernt stehen.
„Sebastian, ich mache mir Sorgen um dich“, beginnt Max das Gespräch. „Dass du mir nach dem Vorfall nicht antwortest ist okay, aber dass du Sam und Abby ignorierst ist nicht in Ordnung.“
„Ja, ja, ich weiß, es tut mir leid, aber ich habe viel zu tun. Ich hab einen neuen Klienten und ich muss viel arbeiten, um die Webseite zu erstellen und…“
„Hab ich doch gesagt: Er arbeitet“, meint Abby.
„Ja, aber er braucht doch trotzdem soziale Kontakte. Wenn er nur im Dunkeln sitzt, wird seine Depression nur noch schlimmer“, entgegnet Max besorgt. Sam nimmt meine Hand, er streichelt meinen Handrücken mit seinem Daumen.
„Max, chill mal. Du siehst doch, dass es ihm gut geht, er hat manchmal solche Episoden, ganz besonders, wenn sich die Temperatur an die 40 Grad annähert. Ihm ist es draußen einfach zu heiß und schwimmen kann er ja auch nicht“, nimmt nun auch Sam mich in Schutz.
Max lässt einen tiefen Seufzer los. „Okay, Sebastian, du hast gewonnen. Ich lasse dich von jetzt an in Ruhe. Du hättest einfach sagen können, dass du nichts mit mir zu tun haben willst… Du musst mir kein Theater vorspielen, ich bin erwachsen, ich kann mit Ablehnung umgehen… Ich fass es nicht… Wie kann ich mich nur so verarschen lassen?“
„Max, er verarscht dich doch nicht“, meint Abby streng.
„Ihr habt mir gesagt, dass er weder geschlagen, noch sexuell missbraucht wird… Er sagt mir, dass er mich gern hat, aber sobald ich ihm ein bisschen näher komme, dreht er vollkommen durch und läuft weg. Ich verstehe es einfach nicht und ich will es auch nicht mehr verstehen…“ Max zuckt mit den Schultern. „Sebastian, ich hau jetzt ab. Von meiner Seite aus war es wirklich schön, Zeit mit mir zu verbringen, aber wenn du dich nur durch die Zeit gequält hast, weil du dich nicht traust, mir zu sagen, dass du kein Interesse an mir hast, dann lasse ich es ab jetzt einfach. Du kannst heute Abend auch ruhig in den Saloon gehen, ich werde nicht da sein und dir nicht noch ein Wochenende vermiesen. Macht einfach alle, was ihr wollt, das wird mir alles zu blöd.“
Ich beginne zu schluchzen, Sam nimmt mich sofort in den Arm. Gekränkt schlinge ich meine Arme um meinen besten Freund. Ich hab meine letzte Chance verspielt, Max näher zu kommen. Er will wirklich nichts mehr mit mir zu tun haben, nur weil ich zu feige bin, mich zu outen und ihm die Wahrheit zu sagen.
„Wir sehen uns vielleicht irgendwann später, Leute…“, verabschiedet Max sich, wobei ich nicht sicher bin, ob er nicht auch noch die Schnauze von meinen Freunden voll hat.

Max verlässt mein Zimmer, ich klammere mich immer noch schluchzend an Sam. Abby setzt sich zu uns, sie nimmt mich von hinten in den Arm.

„Wieso sagst du Idiot ihm nicht einfach, dass du Transgender bist?“, fragt Sam fürsorglich.
„Weil… er… mich sonst… hasst…“, schluchze ich.
„Wenn du mich fragst, denkt er eher, dass du ihn hasst. Du musst es ihm sagen. Selbst wenn er dich jetzt nicht anziehend findet, wird das doch nach den Operationen besser“, spricht auch Abby mir gut zu.
„Aber er wird doch niemals so lange warten“, schluchze ich deprimiert.
„Max steht total auf dich, er hat gestern den ganzen Tag rumgenervt, weil du dich nicht bei ihm gemeldet hast. Er macht sich total viele Sorgen, er hat uns verdammt viele Dinge über dich gefragt und versucht uns auszuquetschen, weil er dich einfach nicht versteht, aber es unbedingt möchte. Er macht sich Vorwürfe, dass er etwas falsch gemacht hat.“ Ich löse mich ein wenig von meinen Freunden. Sam streicht mir die Haare aus dem Gesicht. „Seb, komm schon… Sag ihm, was los ist. Du hast ihn gern und er hat dich gern. Steh dir nicht selbst im Weg. Ich gebe sonst immer dumme Ratschläge, aber der ist dieses Mal wirklich gut.“
„Ja, nutz diese Chance, du hast doch nichts zu verlieren. Sag ihm, wer du bist, sag ihm, was mit dir los ist“, stimmt Abby ihm zu. „Wie gesagt, spätestens nach deinen Operationen wird er vollkommen auf dich abfahren… Er wird die Finger gar nicht mehr von dir lassen können…“
„Nein, wird er nicht…“, schluchze ich.
„Wieso denkst du, dass er dich nicht mehr mag, wenn er die Wahrheit erfährt?“, hakt meine Freundin weiter nach.
„Weil er schwul ist, Abby. Verstehst du das nicht? Er wird sich vor mir ekeln, weil ich immer noch diesen beschissenen Frauenkörper habe… Er wird sich genauso vor mir ekeln, wie ich mich vor mir selbst ekle…“
Sam seufzt, streichelt durch meine Haare. „Abby und ich könnten uns mit Max unterhalten und uns ganz vorsichtig an das Thema herantasten und so herausfinden, was er darüber denkt.“
„Ja klar, und du denkst, dass er so dumm ist und es nicht schafft, Eins und Eins zusammen zu zählen…“, gebe ich genervt von mir. „Haut einfach ab, ich brauch ein bisschen Zeit für mich, außerdem hab ich noch nicht einmal geschlafen… Ich will einfach nur noch ins Bett…“
„Okay“, seufzt Abby, wobei sie aufsteht. Sam drückt mir einen Kuss auf die Stirn, streicht noch einmal über meinen Rücken.
„Wir sind für dich da, wenn du was brauchst, okay?“, bietet er liebevoll an. „Bitte schreib uns, wenn irgendwas los ist.“

Ich nicke, meine Freunde verabschieden sich von mir, verlassen dann mein Zimmer. Ich wünschte, es wäre so einfach, wie die beiden es sich vorstellen.



Als ich am späten Nachmittag wieder aufwache, höre ich bereits den Regen an meinen kleinen Kellerfenstern. Das prasselnde Geräusch entspannt mich, ich habe das Bedürfnis, nach draußen zu gehen. Ich habe das Bedürfnis, etwas zu spüren, ich will den Regen in meinem Gesicht fühlen.

Ich ziehe mich schnell an, schnappe meinen Regenschirm und verlasse das Haus. Bevor ich meinen Regenschirm aufspanne, schließe ich die Augen und richte mein Gesicht in den Himmel. Tropfen für Tropfen füllt sich mein Körper wieder mit Leben, mit Energie, mit ein klein wenig Lebenswillen. Meine Mundwinkel ziehen sich ein kaum spürbar nach oben, ich bin bereit für einen Spaziergang. Der sanfte, kühle Wind streicht durch meine Haare, ich liebe dieses Gefühl. Es fühlt sich an, als würde mir die Welt ein kleines bisschen Freiheit wiedergeben.

Ich spanne den Schirm auf, gehe langsam den Waldweg entlang, vorbei an einigen vereinzelten Bäumchen, einen Schleichweg den Fluss entlang. Bis jetzt ist mir keiner entgegen gekommen, auch in der Stadt befindet sich kein einziger Mensch an der frischen Luft. Ich liebe es, dass der Regen alle Menschen vertreibt, so bin ich ganz alleine und kann mich auf mich selbst konzentrieren, ohne mir über die anderen Dorfbewohner Gedanken zu machen. Mein weiterer Weg führt mich durch die Stadt, am Friedhof vorbei, bis hin zum Strand.

Ich genieße die salzige Luft am Meer. Als ich den Steg betrete, sehe ich, dass jemand am Ende des Steges sitzt. Die Person trägt eine Kapuze, als ein kleiner Windstoß auf mich zukommt, nehme ich den vertrauten Geruch von Marihuana wahr. Je näher ich komme, desto klarer wird mir, dass Max vor mir sitzt.

„Max?“, frage ich überrascht, er dreht sich zu mir um.
„Oh, hey Sebastian…“
„Darf ich mich zu dir setzen?“
„Was machst du überhaupt hier? Ich dachte, du hast Angst vor dem Meer…“
„Ich ähm…“
„Schon gut, du musst nichts sagen, es war klar, dass es nur eine Ausrede ist… Kein Mensch auf der Welt ist mit so vielen Phobien gestraft…“, gibt er resignierend von sich. „Ich bin wirklich ein Idiot…“
Ich setze mich zu ihm, halte den Schirm so, dass auch er ein wenig vom Regen geschützt ist. Max zündet seinen Joint wieder an, nimmt einen Zug. „Willst du?“
Ich greife danach, nehme einen kurzen Zug, bevor ich ihm den Joint zurückgebe. „Ich wusste gar nicht, dass du kiffst.“
„Naja, manchmal hilft es, ein bisschen runter zu kommen. Aktuell sind meine Gedanken ziemlich überwältigend, mein Kopf braucht eine Pause. Ich mach‘s nicht regelmäßig, nur eben an Tagen wie diesem… Was ist mit dir? Du scheinst ja haufenweise Geheimnisse zu haben…“
„Kann man so sagen…“, antworte ich, während er einen weiteren Zug nimmt und mir den Joint ein weiteres Mal reicht. Auch ich nehme einen weiteren Zug, inhaliere den lieblichen Rauch. „Tut mir leid, dass ich nicht mit dir gesprochen habe.“
„Willst du mir jetzt erzählen, wieso du mir so gemischte Signale sendest? Du faszinierst mich genau so sehr, wie du mich verwirrst… Ich meine, hast du mich jetzt gern oder nicht? Es wäre okay, wenn du nicht auf mich stehst. Ich bin erwachsen und wenn wir ‚nur‘ Freunde sind ist das für mich in Ordnung. Du musst dir um meine Gefühle keine Sorgen machen. Ich kann mit einem ‚Nein‘ umgehen. Vorausgesetzt… naja… du sagst einfach ‚Nein‘ und lässt mich nicht wieder verwirrt stehen.“
„Ich…“, beginne ich, reiche ihm dann seinen Joint. Er nimmt den letzten Zug, dämpft ihn dann neben sich aus. „Ich hab dich gern Max, sehr gern sogar. Der Kuss war wirklich schön, aber als du mich angefasst hast, hab ich einfach Panik bekommen, dass du mehr von mir willst… und ich kann das aktuell einfach noch nicht… …es würde nicht funktionieren. …noch nicht.“
„Verstehe. Ich will, dass du weißt, dass ich nie etwas tun würde, was du nicht willst. Ganz im Gegenteil, ich merke, dass irgendwas mit dir nicht stimmt, du fühlst dich so oft unwohl, vor allem, wenn du unter Menschen bist. Ich hab gehofft, dass ich dir irgendwie eine Stütze sein könnte und dir in unangenehmen Situationen helfen könnte… Du bist so klein, so zart, so niedlich, du weckst einfach meinen Beschützerinstinkt.“
Ich lächle ein wenig, rutsche ein bisschen an ihn heran. „Das ist wirklich süß von dir, Max.“
„Also, willst du mir sagen, was mit dir wirklich los ist? Ich wünsche mir einfach nur noch, dass du ehrlich zu mir bist, egal wie sich unsere zwischenmenschliche Beziehung entwickelt.“
„Wärst du sehr sauer, wenn ich noch etwas Zeit brauche?“
„Nein, ganz und gar nicht. Ich hoffe einfach nur, dass du mir irgendwann so vertraust, dass du mir erzählst, was in deinem hübschen Köpfchen vor sich geht“, meint Max liebevoll. „Ich würde dir gerne helfen…“
„Danke.“
Max sieht zu mir, er lächelt ein wenig. „Hey, mir wird schon ziemlich kalt, ich werde langsam nach Hause gehen. Ich würde dich ja einladen, mit mir zu kommen, aber ich könnte wahrscheinlich schwer die Finger von dir lassen.“ Kaum als er ausgesprochen hat, zwinkert er mir auch schon frech zu.
„Ich kann dich zumindest nach Hause begleiten“, biete ich an, Max wirkt zufrieden.

Er hilft mir auf und wir spazieren Hand in Hand durch den Regen.
„Sag mal, hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du die niedlichsten Hände aller Zeiten hast? So zierlich und süß…“
„Das kommt dir nur so vor, weil du so riesige Hände hast“, winke ich ab.
„Nimm mein Kompliment an oder es gibt Ärger“, lacht er.
„Okay, okay, ich hab die niedlichsten Hände aller Zeiten“, wiederhole ich Max‘ Kompliment. „Danke für deine lieben Worte, Max.“

Meine Hände… Eigentlich mag ich sie nicht, weil sie mir so weiblich vorkommen, aber wenn Max sie gern hat, dann müssen sie männlich genug sein…

Vollkommen durchnässt sucht Max auf der Veranda seines Hauses nach seinem Schlüssel. „Willst du noch kurz mit rein kommen?“
„Nein… ich sollte nach Hause gehen, ich hab auch noch ein bisschen zu tun. Essen sollte ich auch noch…“
„Okay, dann vielleicht nächstes Mal? Also… falls es ein nächstes Mal gibt, bei dir weiß man ja nie so genau.“
„Es gibt ein nächstes Mal“, muntere ich ihn auf, ernte dafür ein bezauberndes Lächeln.
„Und wie sieht es mit einem kleinen Kuss aus?“ Er beißt sich ein wenig auf die Unterlippe. „Ich verspreche auch, meine Hände bei mir zu lassen.“ Max nimmt beide Hände hinter den Rücken, grinst mich an, beugt sich dabei ein wenig nach vorne. „Ich wäre bereit, wenn du es bist.“
Ich atme tief durch, stelle mich auf die Zehenspitzen, um ihm einen sanften, beinahe kontaktlosen Kuss zu geben. Als ich mich von ihm löse, drehe ich mich gleich um, um zu gehen. Ich steige in eine Pfütze, die sich auf der zweiten Stufe gebildet hat.
„Komm gut nach Hause, Sebastian.“
„Du auch und verlauf dich nicht“, scherze ich. Kaum habe ich ein paar Schritte gemacht, höre ich Max jammern.
„Sebastian, ich hab mich verlaufen…“
Ich drehe mich wieder zu ihm, lache ein wenig. „Wie kann das sein? Du bist zwei Schritte von deinem Haus entfernt.“
„Ja, aber ich finde mein Bett nicht.“
„Netter Versuch, Max.“
Er zuckt mit den Schultern. „Naja, hätte sein können, dass es funktioniert.“
„Vielleicht bei einem Vollidioten, ich bin dafür zu schlau“, grinse ich, auch er grinst.
„Ich wünsche dir einen schönen Abend.“
„Ich dir auch“, verabschiede ich mich, bevor ich mich nun endgültig nach Hause begebe.

Vielleicht gibt es doch noch eine Chance, dass Max und ich irgendwie ein Paar werden. Ich habe zwar immer noch das Gefühl, dass es einfach nicht richtig ist, ihn anzulügen, anderseits will ich ihn wirklich nicht verlieren. Vor allem nicht jetzt, wo wir uns wirklich ein wenig näher gekommen sind. Aber wenn er es dann durch Zufall erfährt oder mich so berührt, dass es ihm klar wird, bin ich verloren. Ich muss es ihm sagen, bevor es ein Anderer tut. Mir bleibt einfach nichts Anderes übrig, ich muss es ihm so schnell wie möglich erzählen, ich brauche nur den perfekten Moment…

Ich spaziere durch die aufgeweichte Erde, meine Converse werden immer schwerer, als sich der Matsch an meiner Schuhsohle festsetzt.

Ich brauche den perfekten Moment…
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