Skyrim Adventskalender

von OmaGrusel
KurzgeschichteFantasy / P16
24.11.2018
24.12.2018
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Das erste Türchen

Zweifel


Bofrost öffnete die Tür zur Taverne Vilemyr und trat ein.  
Die Gaststube war geräumig, in der Mitte knisterte eine Feuerstelle, über der zwei schwere Eisentiegel hingen. Sicher kochte darin ein Eintopf, denn ein angenehmer Duft strömte durch den Raum. Bofrost seufzte, er hatte auf einen Braten gehofft, aber er freute sich über alles, was gegen den Hunger half.
Links stand ein Schanktisch hinter dem der glatzköpfige Wirt Krüge polierte. Gegenüber saß eine Frau, die halbherzig auf der Laute klimperte. An einem Tisch in der Nähe des Wirtes hockten drei Männer – Bauern am Stammtisch vermutete Bofrost. Er widerstand dem ursprünglichen Drang, sich in einer der Nischen unter den tiefen Balken  niederzulassen und ging statt dessen zur Theke, zog einen Stuhl herbei und setzte sich. Die Anwesenden schwiegen und starrten ihn an. Bofrost wandte sich an den Mann hinter dem Schanktisch:
„Seid Ihr Vilemyr, der Wirt?“ fragte er. „Der Wirt ja, Vilemyr nein,“ war die Antwort. „Wilhelm ist der Name.“ „Und wer ist Vilemyr?“ wollte Bofrost wissen. „Das ist eine lange Geschichte,“ entgegnete der Wirt. Die drei Männer am Nachbartisch grinsten.
„Gebt mir einen Krug warmen Met und eine Schüssel von dem, was da in Eurem Topf brodelt,“ bat Bofrost. „Ich habe eine lange Reise hinter mir und kann beides gebrauchen. "
Wilhelm winkte der Frau mit der Laute. Sie  legte das Instrument zur Seite, und füllte einen Krug aus einem der Töpfe über dem Feuer und eine Schüssel aus dem anderen. Dann stellte sie beides vor Bofrost auf den Schanktisch und widmete sich wieder der Musik.
Bofrost löffelte den Eintopf. Er enthielt Gemüse, Kartoffel, große Brocken Fleisch und schmeckte vorzüglich.
„Erzählt Ihr mir die Geschichte?“ wandte er sich an den Wirt. „Welche Geschichte?“ erwiderte dieser. „Nun, die Geschichte von Vilemyr.“
Wilhelm grunzte. „Erzähl du, Jofthor,“ wandte er sich an den ältesten der Männer am Nebentisch. Der Grauhaarige setzte sich gerade und fing an zu sprechen:
„Von woher kommt Ihr, Fremder? Die Südstraße entlang, nehme ich an.“ „Natürlich,“ antwortete Bofrost. „Woher sonst. Ivarstatt liegt ja am Ende der Welt. Es geht nur in diese eine Richtung.“
Die Männer am Tisch begehrten auf. „Ihr irrt Euch!“ „Ivarstatt liegt mitten auf einem alten Pilgerweg.“ „Ivarstatt war früher eine wichtige Handelsstadt.“
Jofthor winkte ab. „Lasst mich erzählen.“ Er wandte sich wieder Bofrost zu. „Ihr denkt Ivarstatt liegt direkt an der Felswand des Hochhrothgars? Ihr meint, hier wäre die Welt zu Ende? Ganz und gar nicht. Gleich hinter der Stadt beginnt der 'Weg der Siebentausend Stufen'. Er führt zur Spitze des Berges, zu einem einsamen Kloster in dem weise Mönche hausen. Früher war dies wirklich ein berühmter Pilgerpfad.“
„Der Weg beginnt hinter der Brücke am Ende der Straße?“ vermutete Bofrost. Jofthor war erstaunt. „Ihr kennt die Brücke? Ihr wart dort?“ „Nun ja,“ gestand Bofrost. „Ich wanderte in der Tat zuerst durch die Stadt. Ich kam zu dieser Brücke an der die Siedlung wohl endet. Sagt, dieser Fluss, der Ivarstatt umrundet, ist das ein Nebenfluss des Dunkelwassers?“
Jofthor entgegnete. „Ja, so ist es. Der Dunkelwasserfluss verlässt den Geirsee weiter im Osten. Der zweite Arm entspringt dem See im Westen, gleich  neben Ivarstatt. Er fließt um die Stadt herum, direkt am Fuße des Hochhrothgars und mündet weiter unten im Tal in das andere Dunkelwasser. Der Weg, über die Brücke führt zum Pilgerpfad. Und da wären wir schon bei Eurer Geschichte.
Vilemyr war ein  Mönch vom Hochhrothgar, er war über sieben Fuß groß, am ganzen Körper behaart und wenn er lachte wackelte der ganze Berg. Die Küche im Kloster genügte ihm nicht, so kam er jeden Tag die siebentausend Stufen herunter um in Ivarstatt ein gigantisches Mahl zu sich zu nehmen. Er brachte dieser Taverne viel Gold, und so nannte man sie nach ihrem Gönner das „Gasthaus Vilemyr“. Natürlich ist das viele hundert Jahre her und man kann nicht mehr beweisen, ob diese Geschichte stimmt.“
Bofrost nickte. Viel Gold und einsame Mönche – dies schien nicht ganz zusammen zu passen.
„Eine nette Legende. Damals war Ivarstatt wohl ein wenig belebter als heute, nehme ich an?“
„Nun, ich gebe zu, viele Fremde kommen nicht nach Ivarstatt,“ sagte Wilhelm. „Aber nun, erzählt uns von Euch!“
„Ich bin ein fahrender Händler,“ entgegnete Bofrost. „Und mit was handelt Ihr?“ erkundigte sich einer der Männer, ein junger, gut aussehender Bursche mit langen roten Locken. Bofrost zuckte mit den Schulter. „Mit allem möglichen, meist tiefgefrorener Nahrung. Ich habe alles in Shors Stein verkauft und überlege mir, ob ich mein Geschäft auflösen soll und mich irgendwo niederlasse. Ich wandere durch die Gegend, vielleicht finde ich einen Ort, der mir gefällt.“
Um von weiteren Fragen abzulenken wechselte er das Thema: „Was ist das für ein verfallenes Anwesen, gleich neben der Brücke am anderen Ufer?“  Der Rothaarige ergriff das Wort: „Das war früher ein angesehenes Gehöft....“
„Seit still, Bassianus,“ herrschte Jofthor ihn an. „Du langweilst unseren Gast. Es ist nichts Besonderes,“ er wandte sich an Bofrost. „Nur  ein verfallener Hof.“  
Bofrost sah die Bauern abschätzend an. „Aber ich traf auf einen Mann. Er nannte sich Narfi. Wohnt er dort?“ Jofthor zuckte abwehrend die Schultern. „Das ist nur der Dorftrottel. Er ist wirr im Kopf, und wirr ist auch sein Gefasel. Ihr dürft nichts auf ihn geben.“
Bofrost schob seinen Teller zur Seite. „Habt Ihr ein Quartier für die Nacht?“ fragte er den Wirt. „Drei Septim, die Treppe rauf, die erste Tür,“ war die Antwort.
Bofrost erhob sich und schob seinen Stuhl zur Seite. „Ich mache noch einen Spaziergang,“ äußerte er.
„Tut dies nicht,“ sagte der dritte der Bauern, der bis jetzt geschwiegen hatte. Er war noch jung, hatte aber bereits einen kahlen Kopf und trug einen langen blonden Bart. „Die Nacht ist bereits hereingebrochen und beide Monde sind voll.“ Bofrost hob die Brauen und sah den Bauern fragend an. Jofthor mischte sich ein. „Lasst Euch nicht beeinflussen. Klimmek ist immer ängstlich. Wir wünschen Euch noch einen angenehmen Abend.“

Bofrost stand unter der Brücke und sah auf das verfallenen Anwesen. Er war bereits am Nachmittag dort gewesen. Er hatte den seltsamen Narfi getroffen, einen jungen Mann in zerlumpter Kleidung, aus der lange stark behaarte Arme hingen, ein Mann mit buschigen schwarzen Brauen und einem dichten Backenbart. Anscheinend lebte er in der Ruine. Bofrost  hatte ein Lager gefunden, eine Feuerstelle und Abfälle. Narfi hatte ihm nur zugesehen, als er sich umblickte.
Bofrost hatte dem Trottel ein Almosen gegeben, ein paar Septim. Narfi hatte sich überschwänglich bedankt. „Lebst du hier alleine?“, hatte Bofrost ihn gefragt. Narfi hatte wirres Zeug geantwortet: „Narfi hat sich von Vater und Mutter verabschiedet. Von Reyda konnte er sich nicht verabschieden. Sie ist verschwunden. Sie ist so schnell und schmerzlich verschwunden wie die Monde. Sie kommt wieder. Narfi wartet auf Reyda. Narfi vermisst Reyda.“
Bofrost hatte spontan etwas wie Mitleid für den harmlosen Idioten empfunden.
Bofrost sah in den Nachthimmel. Beide Monde standen an ihrem höchsten Punkt und leuchteten hell. Bofrost glaubte zwischen den verfallenen Mauern von Narfis Gehöft eine schwarze gedrungene Gestalt zu bemerken. Sie bewegte sich unheimlich schnell, war wieder verschwunden, eine Täuschung vielleicht....

„Wer ist Reyda?“ fragte Bofrost den Wirt, der den Schanktisch abwischte. Wilhelm musterte seinen Gast, dessen Frühstück, das aus einem Teller gerührter Eier bestand, die Bardin, die die Stube ausfegte und kratzte sich am Kopf. „Reyda?“ wiederholte er. „Reyda war …. ist Narfis Schwester. Sie ist fort. Sie ging zum Kräutersammeln und kam nicht mehr zurück. Vielleicht ist sie im Hügelgrab verschollen. Oder sie hatte genug von Iverstatt und ist abgehauen.“ Wilhelm widmete sich wieder seiner Arbeit.
Nach dem Frühstück ging Bofrost die Straße nach Süden entlang zur Stadt  hinaus. Es war ein kalter Vormittag an diesem ersten Abendstern. Bofrost sah sich um. Zu seiner Linken im Osten lag der Geirsee. Hier floss der Nebenarm des Dunkelwassers aus dem See, umrundete die Stadt im Westen zu Füßen des Hochhrothgars, dort wo die siebentausend Stufen den Berg hinauf führten, dort wo  Narfis verfallenes Gehöft lag. Die Straße auf der Bofrost stand, führte über eine Brücke nach Süden, von dort war er gestern gekommen.
Bofrost ging am Ufer entlang in Richtung des Sees. Die matte Vormittagssonne schimmerte auf dem Wasser. Seltsam, da trieb einen Eisenpfeil. Bofrost watete in den Fluss. Es war seicht. Die Nässe ging ihm nur bis zu den Knien. Er bückte sich nach dem Pfeil.
Da sah er es. Unter einem Pflanzenteppich, der auf der Oberfläche schwamm, schimmerte etwas Weißes. Bofrost entfernte den Algenbelag. Im seichten Wasser lag im Kiesbett ein menschliches Skelett, kleiner als ein Mann, aber größer als ein Kind. Die Knochen waren von den Schlachterfischen und den Wellen blank geputzt, ein lederner Beutel, wie ihn Kräutersammler benutzten lag etwas abseits im Morast. Um den Hals des Skelettes hing ein einfaches Amulett. Bofrost nahm es an  sich. „Für Reyda,“ war auf der glänzenden Oberfläche eingraviert.

Bofrost öffnete die Tür zur Taverne Vilemyr und betrat die Gaststube. Wilhelm der Wirt stand hinter der Theke und polierte Krüge. Jofthor, Bassianus und Klimmek saßen am Stammtisch. Lynly, die Bardin fegte den Boden. In der Mitte des Raumes knisterte ein Feuer.
„Wie habt ihr sie getötet?“ rief Bofrost in die Stube. „Habt ihr sie im Fluss ertränkt oder mit einem Messer abgestochen? Oder beides?“
Keiner der Männer äußerte ein Wort. Sie sahen Bofrost nur abweisend an. Er seufzte und näherte sich dem Schanktisch. „Ich kann verstehen, dass ihr sie loswerden musstet. Ihr musstet sie alle loswerden. Die Werwölfe waren eine Bedrohung für euch, für euer Leben. Mit Reyda war es einfach, nicht wahr. Eine schwache Frau, ihr habt sie am Tag getötet. Wie viele wart ihr? Sie hatte wohl keine Chance. Und die Eltern, habt ihr die auch umgebracht?“
Jofthor schüttelte den Kopf. „Nein, sie waren alt und starben eines natürlichen Todes,“ bekannte er. „Aber danach wurde es schlimmer. Es war als hätten sie Narfi und Reyda im Zaum gehalten. Nach ihrem Weggang häuften sich die blutigen Gräueltaten. Zuerst waren es nur Schafe, ab und zu eine Kuh, dann ein Alter, ein Kind. Dann griffen sie auch Erwachsene an. Nicht einmal in unseren Häusern waren wir noch sicher. Nach Reydas Tod wurde es besser.“
„Aber es ist immer noch einer übrig. Narfi, ein starker Mann. Den zu töten ist eine ganz andere Sache. Nicht einmal in seiner menschlichen Gestalt traut ihr euch an ihn heran.“
Die Bauern schwiegen.
Bofrost wandte sich verächtlich ab, begab sich  in sein Quartier und packte seine Sachen zusammen. Danach suchte er Narfi auf.

„Sie hat mir ihr Medaillon gegeben. Sie sagte, sie würde zurückkommen. Heute Nacht, du sollst unter der Brücke auf sie warten.“ Bofrost hatte dem Trottel das Schmuckstück gegeben. Narfi hatte sich tausendmal bedankt und Worte des Glückes gestammelt. Dann war Bofrost gegangen.
Nun stand er am Ufer und beobachtete die gegenüberliegende Ruine.
Beide Monde standen am Nachthimmel, nicht mehr ganz so hell wie in der vorigen Nacht. Masser wies bereits einen dunklen Streifen auf der linken Seite auf. Secunda wirkte erheblich blasser als gestern. Heute Nacht würde keine Bestie durch die Straßen von Ivarstatt streifen.  
Bofrost bemerkte eine Gestalt, die sich ungelenk von der Ruine in Richtung Ufer bewegte. Unter der Brücke, dort wie die gefährlichen Strudel waren und die Wassertiefe zunahm, blieb sie stehen. Der helle Stoff der Kleidung leuchtete im Dunkeln. Narfi war gekommen um auf seine Schwester zu warten.
Die vollkommen schwarz gekleidete Gestalt am anderen Ufer bemerkte er nicht.  Er bemerkte auch nicht, dass sie einen Bogen hob und spannte, und er bemerkte nicht den Pfeil, der auf ihn zuflog. Erst als dieser ihn durchbohrte wurde es ihm klar. Aber da war es schon zu spät. Narfi kippte nach vorn und fiel in das Wasser unter der Brücke, dort wo die gefährlichen Strudel waren, dort wo die Wassertiefe zunahm. Die Fluten des Dunkelwasser nahmen den Leichnam mit und trugen ihn schnell weg von der Siedlung Ivarstatt.
Bofrost senkte den Bogen und nahm sein Bündel auf, das er beiseite gelegt hatte.
„Mutter der Nacht, vergib mir,“ flüsterte er. „Vergib mir dass ich an deiner allwissenden Güte gezweifelt habe, denn sinnvoll ist dein Tun.“ Dann verschwand er in der Dunkelheit.
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