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Reed900/ DE - OS-Sammlung

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Elijah Kamski Gavin Reed RK800-51-59 Connor RK900
24.11.2018
31.05.2020
30
71.477
19
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
10.12.2018 1.871
 
Henry Ford Hospital, Detroit
April 25th, 2039
5.56 PM

Ich saß auf einer der Bänke, auf denen Angehörige warteten, während ihre Verwandten operiert wurden. Saß aufrecht und starrte auf die gegenüberliegende Wand, ohne etwas zu sehen. Ich wiederholte in Gedanken das Vorgehen und fragte mich, was ich falsch gemacht hatte. Ich hätte ihn retten müssen. Ich hätte ihn beschützen müssen. Wie konnte das passieren? Ich war CyberLifes fortschrittlichster Prototyp. Warum hatte ich das Verhalten des Kriminellen nicht vorhersehen können? Ich hätte damit rechnen müssen. Ich hatte damit gerechnet, aber ich war zu selbstsicher gewesen, um mich noch auf den zweiten Kriminellen zu konzentrieren. Ich hatte die Situation bereits als entschärft betrachtet und nun wurde Gavin operiert.

Gavin zu erschießen, hatte dem Mann nichts genützt. Nach zwei Schritten hatte ihn eine Kugel meiner Pistole in die Stirn getroffen. Er war sofort tot und hatte sein Gehirn auf dem Boden verteilt, nachdem er zusammengeklappt war. Ich war nicht grausam, aber als ich ihn sah, wie er mit leeren Augen an die Decke starrte, durchzuckte mich der Gedanke, dass er nichts Besseres verdient hatte, wenn er auf Gavin schoss. Doch der Gedanke wurde sofort verdrängt, als ich zu Gavin eilte und ihm die Weste vom Körper riss. Die Kugel hatte sie durchschlagen, weil sie aus nächster Nähe abgefeuert worden war. Nachdem ich seine braune Lederjacke beiseite gezogen hatte, erkannte ich, dass Gavin in die rechte Brust getroffen wurde. Während ich ihn weiter betrachtete und untersuchte, rief ich den Notarzt. Nach meiner Schätzung würden sie eine viertel Stunde bis hierher brauchen. Ich konnte bereits erkennen, dass sein Herz verfehlt wurde, als ich seinen Körper scannte. Als ich ihn erreicht hatte, war er bereits bewusstlos. Sein weißes Shirt wurde von einem rasant wachsenden Blutfleck verunstaltet. Gavin würde toben, wenn er erfuhr, dass er seine geliebte Lederjacke vollgeblutet hatte. Ein kleines Lächeln trat bei diesem Gedanken auf meine Lippen. Erneut scannte ich seinen Körper, gründlicher dieses Mal. Sein rechter Lungenflügel wurde getroffen und war in sich zusammengefallen, was seine Atmung unregelmäßig und angestrengt klingen ließ. Blut floss noch immer in Strömen aus der Wunde und erst jetzt berechnete Gavins Überlebenschance. Sie war gering und von so vielen Faktoren abhängig, die ich nicht kontrollieren konnte. Er musste rechtzeitig im Krankenhaus ankommen, der Arzt musste fähig sein, sein Körper musste die Operation verkraften und, und, und. Es bestand eine nicht geringe Möglichkeit, dass Gavin starb. Einen Moment hielt ich in meinem Tun inne und ließ diesen Gedanken auf mich wirken, bevor ich damit fortfuhr, die Wunde zu versorgen.

Ich war kein Abweichler, doch als ich hier auf dieser Bank saß und das Geschehen immer wieder durchdachte, verspürte ich etwas in mir. Ich war … besorgt, wirklich besorgt. Vorher hatte ich lediglich neutrale Zweifel geäußert, doch ich hatte es niemals mit einem Gefühl verbunden.

Stresslevel: 77 %
{Systemkontrolle: Suche nach Beschädigung}
  -> Kein Schaden gefunden
  -> Besorgt
{Systemkontrolle: Selbsttest}
  -> Kein Abweichler

Suche [Besorgt]:
  -> Aufgewühlt, wegen eines aktuellen oder potentiellen Problems, dass du oder eine geliebte Person hast

Es beruhigte mich zu wissen, dass ich laut meines Programms kein Abweichler war, doch ich verstand nicht, warum ich trotzdem etwas spürte. Bei Gavin war es immer etwas Besonderes gewesen, in seiner Gegenwart hatte ich mich bereits vom ersten Tag unserer Bekanntschaft an anders verhalten. Seine ständigen Sticheleien, die Streiche, die er mir spielte. Er brachte mich immer wieder dazu, die Fassung zu verlieren. Gekrönt wurde das von Silvester. Das DPD hatte das neue Jahr gemeinsam eingeläutet und mir war nicht entgangen, dass Gavin eindeutig zu viel getrunken hatte. Als die letzten Sekunden des Jahres 2038 abliefen, versammelten sich alle bei ihrem Partner. Ich trat zu Gavin, der etwas abseits an einem Fenster stand. Den Blick nach draußen gerichtet, in der Hand hielt er eine Flasche Bier. Ich stellte mich neben ihn.
„Frohes neues Jahr, De-“
„Ach, komm her“, unterbrach er mich und zog mich am Kragen meiner Uniform zu sich herunter und drückte seine Lippen auf meine.
Es störte mich nicht, es war sogar angenehm gewesen, von ihm geküsst zu werden. Da ich wusste, dass er betrunken war und es nicht ernst meinte, erwiderte ich den Kuss.
Doch er meinte es ernst. Wir hatten drei Tage Urlaub und mussten nicht ins DPD. Am dritten Tag rief er mich an und fragte, ob er vorbeikommen könnte. Selbstverständlich stimmte ich zu. Er hatte sich mit hochrotem Kopf für den Kuss entschuldigt und versuchte, mir zu erklären, dass er nur betrunken war, doch ich musste nur einmal seine Körperfunktionen überprüfen, um zu merken, dass er log. Sein Herz schlug schnell und Adrenalin pulsierte durch seinen Körper. Also fragte ich, warum er mich anlog und was die wahren Gründe waren. Gavin hatte mich nur mit aufgerissenen Augen angestarrt und geschwiegen. Ich hatte ihm erklärt, dass es mir keineswegs unangenehm gewesen war. Es folgte ein Gespräch darüber, ob wir uns eine gemeinsame Zukunft vorstellen konnten. Ich dachte sehr pragmatisch darüber nach und stimmte zu, doch mir war bewusst, dass Gavin anders darüber dachte, weil er es auf einer emotionaleren Ebene betrachtete, auch wenn er es stets leugnete.

Doch nun dachte zum ersten Mal auch ich emotional. Ich konnte kaum darüber nachdenken, wie mein Leben ohne Gavin verlaufen würde. Er war der zentrale Bestandteil meines Lebens. Neben ihm zählte für mich nur noch meine Arbeit beim DPD und mehr war für mich nicht wichtig. Er beeinflusste mich unbewusst, eröffnete mir neue Sichtweisen, brachte mich dazu, Aussagen und Einstellungen zu hinterfragen. Er reizte mich immer wieder und sorgte damit dafür, dass ich aus mir herauskam, mehr wurde als nur ein Android, der seiner Programmierung folgte. Das wurde mir erst jetzt bewusst. Vielleicht machte er mich nach und nach zu einem Abweichler, doch der Gedanke ängstigte mich nicht. Mein Leben mit Gavin gefiel mir und dieser leise Strom der Gefühle, der in mir zu fließen schien, war nichts Schlimmes und ich mochte ihn. Wenn ich langsam aber sicher zu einem Abweichler wurde, wenn ich mein Leben mit Gavin weiterführte, dann freute ich mich auf die neuen Erfahrungen. Wenn doch nur endlich ein Arzt kommen würde, der mir sagte, dass Gavin wieder gesund werden würde. Ich stützte die Ellenbogen auf die Knie und ließ den Kopf in meine blutverschmierten Hände sinken. Ich wollte wieder sein mürrisches Gesicht sehen, sein Grinsen, wenn er mich wieder zur Weißglut getrieben hatte. Ich wollte seinen Körper wieder spüren, die harten Muskeln, wollte wieder fühlen, wie er mich fühlen ließ. Eine unendliche Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit überkamen mich. Ich hätte mehr tun müssen, hätte ihn beschützen müssen. Es war meine Schuld, dass er jetzt um sein Leben kämpfte. Es war meine Schuld, wenn er sterben würde.

Nach einer weiteren Stunde des Wartens trat ein Arzt zu mir. Endlich bekam ich Gewissheit über Gavins Zustand.

Suche …
  -> Dr John McMillen
  -> Chirurg, spezialisiert auf innere Verletzung
  -> Größe: 185 cm
  -> Gewicht: 100 kg
  -> Keine Verstöße

„Sind Sie der Android, der Detective Gavin Reed hergebracht hat?“, fragte er.
Ich erhob mich und nickte.
„Ich bin Dr. McMillen, Detective Reeds behandelnder Arzt. Da Sie sein Notfallkontakt sind, kann ich Ihnen sagen, dass er auf der Intensivstation liegt. Wir konnten die Lunge retten, aber er ist noch nicht außer Gefahr. Er hat viel Blut verloren und die Lunge war für eine lange Zeit nicht voll funktionsfähig. Um die Sauerstoffzufuhr zu gewährleisten, wird er im Moment noch künstlich beatmet, aber er sollte nach der Narkose schnell wieder aufwachen. Sobald er voll ansprechbar ist, können wir auch das Beatmungsgerät entfernen. Genaueres kann ich dann erst morgen sagen.“
Erneut nickte ich.
„Kann ich zu ihm?“, erkundigte ich mich.
„Selbstverständlich, aber der Detective braucht absolute Ruhe, also seien Sie leise und ziehen Sie sich einen Schutzanzug an. Zimmer …“, er sah auf seinen Plan, „312.“
„Darf ich auch über Nacht bleiben? Ich brauche keinen Schlaf und kann still sitzen ohne einen Laut von mir zu geben.“
„Von mir aus“, stimmte Dr McMillen zu. „Muss noch jemand informiert werden? Hat Detective Reed Familie?“
„Nein.“
Der Arzt verabschiedete sich.

Kaum war Dr McMillen weitergegangen, eilte ich zum angegebenen Zimmer, bevor ich wie angewiesen die Schutzkleidung anlegte und mir die Hände wusch, um endlich das Blut loszuwerden. Lautlos betrat ich das sterile Zimmer und betrachtete Gavin, der in einem großen Bett inmitten von medizinischen Geräten lag. Auch wenn alles auf den Monitoren stand, scannte ich ihn trotzdem und überprüfte seine Körperfunktionen. Er war den Umständen entsprechend in guter Verfassung. Ich bekam einen Anruf von Fowler, der sicher wissen wollte, was passiert war, doch ich ignorierte ihn und verfasste stattdessen eine Nachricht mit allen wichtigen Informationen. Langsam trat ich an Gavins Bett und setzte mich auf einen Stuhl. Er war blass und sein Gesicht war eingefallen. Noch nie hatte ich einen Menschen gesehen, der so erschöpft aussah. Sanft griff ich nach seiner Hand und hielt sie fest. Eine Infusionsnadel steckte in seinem Handrücken.
„Bitte wach schnell wieder auf“, flüsterte ich und küsste seine Finger.

Minuten wurden zu Stunden und noch immer hielt ich Gavins Hand. Er hatte zwischendurch ein paar Mal die Augen geöffnet, doch war sofort wieder eingeschlafen. Nichtdestotrotz erfüllte mich Hoffnung.


Henry Ford Hospital, Detroit
April 26th, 2039
5.30 AM

Ich hatte mir erlaubt, für einige Stunden in den Ruhemodus zu wechseln, als ich mir sicher war, dass Gavin in dieser Zeit nichts zustoßen würde. Natürlich würde ich es trotzdem bemerken, aber dann gingen vielleicht wertvolle Sekunden verloren. Um Punkt halb sechs wachte ich wieder auf und sah zu Gavin hinab. Seine grünen Augen waren geöffnet und blickten mich an. Ich drückte sofort den Knopf, um eine Schwester oder einen Arzt zu rufen.
„Ich … bin froh, dass du wach bist. Ich war … in Sorge um dich.“
Gavin lächelte mich sanft an und sein Blick wurde weich. Wenig später klopfte es an der Tür und der Arzt betrat den Raum. Dr McMillen untersuchte Gavin und stellte einige Fragen, nachdem er vorsichtig die Drainage entfernt hatte. Jetzt bekam mein Partner nur noch eine Atemmaske, statt der künstlichen Beatmung.

Das Krankenhauspersonal verließ das Zimmer und ich setzte mich wieder an Gavins Bett. Sein Gesicht war nicht mehr ganz so blass wie direkt nach der Operation.
„Wie geht es dir?“, fragte ich leise.
„Beschissen“, krächzte er und grinste schwach.
Die Atemmaske vor seinem Gesicht beschlug als er sprach. Ich erwiderte sein Lächeln wehmütig.
„Es tut mir leid, dass ich dich nicht beschützen konnte“, antwortete ich.
Gavin runzelte die Stirn und sah mich prüfend an.
„Wie solltest du mich beschützen? Das konntest du nicht wissen.“
„Selbstverständlich konnte ich das wissen. Ich habe alle möglichen Ausgänge der Situation berechnet, doch ich war zu selbstsicher und war nicht bis zum Schluss aufmerksam. Es ist meine Schuld, dass du um dein Leben kämpfen musstest.“
Schwerfällig zog sich Gavin die Atemmaske vom Gesicht und zog mich am Kragen meiner Uniform zu sich herunter, sodass sich unsere Lippen trafen. Ich spürte seinen zittrigen Atem an meiner synthetischen Haut.
„Ich mache dir keine Vorwürfe“, flüsterte er an meinen Lippen und sah mir tief in die Augen.
„Ich liebe dich.“
Ohne dass ich darüber nachgedacht hatte, kamen diese Worte aus meinem Mund. Gavin starrte mich einen Moment lang sprachlos an, dann lächelte er sanft und der Ausdruck in seinen Augen wurde liebevoll.
„Ich liebe dich auch.“
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