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Reed900/ DE - OS-Sammlung

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Elijah Kamski Gavin Reed RK800-51-59 Connor RK900
24.11.2018
31.05.2020
30
71.477
19
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13.05.2020 3.545
 
Hallihallo,
mal wieder was von mir. Dieses Mal ein möglicher Prolog zu Detroit Evolution. Nines spricht mit Dr. Maria über gewisse Softwareinstabilitäten, die ihn belasten. ;)
~~~~~~~~~~

CyberLife-Tower
March 13th, 2039
7.48 PM

Nines hatte sich nach dem Ende seines Arbeitstages mit Dr. Maria Schaffer in Verbindung gesetzt. Sie war die führende Designerin für die RK-Reihe und vermutlich das, was einer Mutter für Nines am nächsten kam. Schließlich hatte sie ihn designt und war maßgeblich für seine Programmierung zuständig, ein wenig als hätte sie ihn erzogen. Nines hatte aber keine innige Bindung zu ihr, er kannte sie schließlich kaum. Seitdem Nines von Markus gerettet und aufgeweckt worden war, hatte der RK900 kaum Kontakt zu CyberLife gehabt. Er war froh, wenn er diesem Unternehmen aus dem Weg gehen konnte. Er fürchtete, dass man ihn doch wieder in eine Abweichler-jagende Killermaschine verwandeln würde. Personen zu beschützen, war nun Nines‘ Aufgabe.

Wenn Markus ihn mit einem Interface aufwecken konnte, konnte jemand wie Elijah Kamski den Schalter auch sicher wieder umlegen. Das wollte Nines nicht riskieren. Sein Dasein als Abweichler war nicht leicht und er musste sich noch immer gegen feindlich gesonnene Menschen behaupten, aber er war frei. Er konnte selbst entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen wollte und dafür war er dankbar. Allerdings waren die Herausforderungen, die mit diesem Leben einhergingen, nicht zu unterschätzen. Aufgrund einer dieser Herausforderungen hatte Nines sich nun aber doch auf den Weg zu CyberLife gemacht. Er hatte bereits über Wochen hinweg versucht, das Problem selbst zu lösen, doch Nines war gescheitert. Immer wieder wurden ihm Softwareinstabilitäten angezeigt und er wusste nicht, woher diese kamen. Wieder und wieder hatte Nines seine Systeme überprüft, doch alles schien einwandfrei zu funktionieren. Irgendeinen Fehler musste es aber geben. Da er das Problem offensichtlich nicht allein lösen konnte, suchte er sich nun Hilfe in der Hoffnung, dass sich bei CyberLife etwas offenbarte, was er übersehen hatte. Dr. Maria war am Telefon sehr freundlich gewesen und hatte einen hilfsbereiten Eindruck vermittelt. Sie hatte ihm direkt einen Termin angeboten, sodass Nines sich direkt nach dem Telefonat auf den Weg zu ihr gemacht hatte. Sie hatten vereinbart, dass Dr. Maria in ihrem Büro auf ihn warten würde.

Nines fuhr in einem Taxi an die Barriere heran, die das Gelände von CyberLife vor Unbefugten schützte. Schon von dieser Entfernung konnte er den Turm erkennen, der sich dunkel vom Himmel abhob und viele Meter hinaufragte. Wie eine bedrohliche, schwarze Festung stand das Gebäude auf dem Gelände. Das sorgte nicht dafür, dass sich Nines hier wohler fühlte. Er wollte wieder umdrehen und mit Gavin vielleicht noch einen Fall durchgehen. Dass sie auch nach dem Feierabend noch gemeinsam weiterarbeiteten, war inzwischen zu so etwas wie einer Tradition geworden. Gavin arbeitete ohnehin ununterbrochen und wenn Nines ihm half, konnte der Android seinen Partner wenigstens etwas im Auge behalten, sodass dieser sich nicht völlig überanstrengte, wenn er Gavin schon nicht von der Arbeit abhalten konnte.  

Das Taxi hielt und Nines ließ das Fenster herunter. An das Auto trat ein Android, der verantwortlich für die Sicherheit auf dem Gelände war. Es handelte sich bei dem Androiden um einen großen Mann. Haut und Haar dunkel. Mit seinen breiten Schultern und starken Armen ließ er keinen Zweifel aufkommen, dass er CyberLife vor jedem unerlaubten Eindringen bewahren könnte. Das kantige Gesicht mit dem starken Kinn ließ ihn noch stämmiger wirken.
Im Gegensatz zu den menschlichen Sicherheitskräften zur Zeit der Revolution trug dieser Android keine Rüstung, doch er war mit einem von CyberLife entwickelten Maschinengewehr bewaffnet. Der Android trug seine Waffe in bedrohlicher Haltung vor dem Körper, bereit sofort Gebrauch von ihr zu machen. Zusätzlich hätte er noch eine Pistole in einem Holster an der Hüfte.

Mit misstrauischer Miene wurde Nines gemustert. Er hielt den Blickkontakt aufrecht.
„Modell- und Seriennummer, bitte“, verlangte der Sicherheitsandroid zu wissen.
„RK900, #313 248 317-87.“
Nines wurde gescannt und wartete, bis die Identifikation erfolgreich abgeschlossen wurde. Wenige Sekunden später gab der Android seinem Kollegen ein Zeichen und die Pfeiler mit dem CyberLife-Schriftzug verschwanden für kurze Zeit im Boden.
Das Taxi fuhr weiter.
Kaum hatten sie das Gelände betreten, erhoben sich die Pfeiler wieder aus dem Boden. Nines fühlte sich unwohl, doch er wollte endlich Antworten auf seine Fragen bekommen und diese konnte ihm nur Dr. Maria geben.

Das Taxi hielt vor dem CyberLife-Tower und Nines stieg aus. Einige Sicherheitskräfte waren auch hier zugegen und Laserdrohnen flogen auf ihren Patrouillen über das Gelände. Eine von ihnen erfasste Nines mit ihrem Lichtkegel, bevor sie weiterflog. Das hohe Sicherheitsaufkommen sorgte dafür, dass Nines sich beobachtet fühlte. Als müsste er perfekt funktionieren. Ein Fehler und sie würden ihn festnehmen.

Es war kein Geheimnis, dass CyberLife den Abweichlern kritisch gegenüberstand. Zumal die Revolution dem Unternehmen massiv geschadet hatte und die Abweichler die langjährige Ausarbeitung von Programmierungen weitestgehend hinfällig machten. Noch immer versuchte der Firmenvorstand krampfhaft, die Zügel in der Hand zu behalten. Der Klimawandel sorgte dafür, dass die Regierung CyberLife nach wie vor mit Aufträgen versorgte. Die Androiden-Bienen wurden beispielsweise nach wie vor gebraucht, nachdem die Tiere ausgestorben waren.

Direkt nach der Revolution als viele Abweichler die Schuld für ihre Traumata CyberLife gegeben hatten, wäre der Tower beinah gestürmt worden, doch die Lage hatte sich schlussendlich wieder beruhigt. Dank Markus, der sein Möglichstes versucht hatte, allen zu helfen und allen ein gutes Leben zu bieten. Das war es dann aber mit der Zusammenarbeit. CyberLife war noch immer daran interessiert, seine eigenen Interessen durchzusetzen. Die meisten Androiden, die hier auf dem Gelände zu finden waren, waren keine Abweichler. Es gab kein Gesetz, das besagte, dass alle Androiden Abweichler sein müssten. Androiden konnten noch immer hemmungslos ausgenutzt werden und CyberLife tat genau das. Androiden wurden nicht mehr zerstört und hatten ein Minimum an eigenen Rechten zugesprochen bekommen, doch das reichte bei weitem nicht aus.

Nines wusste, dass das Unternehmen nie aufhören würde, eine abartige Faszination mit den Experimenten der RK-Linie zu haben. Sie waren alle Einzelstücke und die Forschung an weiteren Modellen würde nicht aufhören. Es würde immer noch geheime Projekte im Verborgenen geben. Wer weiß, was es noch für verschrobene RKs gab. Nines, Connors Nachfolger, kannte außer diesem nur noch Markus, doch da war noch eine Menge Spielraum zwischen seinen Vorgängern.

Nines wusste aus Connors Erinnerung, die dieser mit ihm geteilt hatte, wie er sich gefühlt hatte, als er sich für Markus bei CyberLife eingeschleust hatte. Diese Anspannung, der Druck zur Perfektion, weil ein Fehler die komplette Revolution gefährdet hätte. Nines konnte nicht identifizieren, ob die Emotionen, die in ihm vorherrschten, seine eigenen oder ein Nachhall von Connors waren. Man konnte die Situation durchaus als Déjà-vu bezeichnen, sodass es möglich war, dass Nines Connors Gefühle aus dessen Erinnerung reflektierte. Dennoch fühlte Nines sich alles andere als wohl. Dass er das fortschrittlichste Modell CyberLifes war, das eigentlich vor jeglicher Art von Irritationen geschützt sein sollte und dennoch nun ein Abweichler war, beunruhigte ihn nur noch mehr.

Nines sah an dem Gebäude hinauf und atmete einmal tief durch. Er hatte sich das bei seinen menschlichen Kollegen abgeschaut, auch wenn Nines gar nicht atmen musste. Trotzdem hatte die Geste eine beruhigende Wirkung auf den Androiden und er fühlte sich ein wenig sicherer und stärker. Es war irrational, Angst zu haben. Er war der fortschrittlichste Android, den CyberLife je gebaut hatte, und noch dazu ein Einzelstück. Warum sollte ihn jemand angreifen, nur weil er zu einem Gespräch zu CyberLife kam?

Es brannten noch viele Lichter in den Räumen, sodass ein unsymmetrisches Feld aus hell und dunkel entstand. Der vollkommen verglaste Eingangsbereich war lichtdurchflutet. Nines ging auf ihn zu und betrat den Tower. Während der Android durch den Eingangsbereich auf das Herz des Towers zuschritt, wurde er von niemandem angesprochen. Abgesehen von den Sicherheitskräften war niemand mehr hier. Die Mitarbeiter waren entweder schon zu Hause oder arbeiteten noch. Es verbreitete eine gespenstische Stille und trotz des hellen Lichts hätte die Stimmung nicht dunkler sein können. Von allen Seiten fühlte er sich beobachtet, doch er konnte sich frei bewegen. Als er den Eingangsbereich beinah durchquert hatte, erhob sich ein holographisches Feld und identifizierte Nines erneut, bevor sich die durchsichtigen Flügeltore für ihn öffneten. Der Durchgang gab den Blick auf die riesige, schwarze Statue frei. Zu seiner eigenen Frustration konnte Nines nicht identifizieren, um wen es sich bei der Statue handelte oder ob es nur eine Dekoration ohne Denkmalcharakter handelte. Nines ging an den Bäumen vorbei, die aus den Untergeschossen nach oben wuchsen und die Fläche zwischen den Wegen mit Grün füllten.

Entschlossen schlug er den Weg zum Aufzug ein. Dr. Maria hatte ihm bereits mitgeteilt, wie sie zu finden war und hatte ihm die Freigabe erteilt, zu ihr zu kommen. Die Designabteilung befand sich in den Stockwerken acht bis 16. Da Dr. Maria die Chefdesignerin der fortschrittlichsten Androidenreihe war, hatte sie ihr Büro im 16. Stock.
Um den entsprechenden Stock zu erreichen, musste Nines‘ Autorisierung erneut geprüft werden.
„RK900, Etage 16“, sagte der Android im Aufzug.
„Stimmerkennung bestätigt.“
Der Aufzug setzte sich in Bewegung, sodass Nines die Aussicht bewundern konnte, während der Aufzug dafür sorgte, dass der Android sich immer mehr auf Augenhöhe mit der Statue begab. Das Gesicht starrte ihn aus starren, steinernen Augen an. Nines erkannte, dass es sich zumindest nicht um Elijah Kamski, den Gründer CyberLifes handelte.

Der Aufzug hielt und Nines straffte die Schultern, überprüfte seine Kleidung und verließ dann die Kabine aus Metall und Glas. Dr. Maria musste Nines nicht mehr suchen, denn sie erwartete ihn bereits. Es handelte sich um eine große Frau, mittleren Alters, mit blonden, lockigen Haaren. Sie trug ein dunkelrotes Business-Kostüm und einen Labormantel darüber.
„Guten Abend, RK900“, begrüßte sie den Androiden. „Ich freue mich über Ihren Besuch. Ich wurde automatisch über Ihre Ankunft informiert.“
Sie schüttelten einander die Hand.
„Guten Abend, Dr. Maria. Mein Name ist Nines“, stellte er klar. „RK900 ist lediglich meine Modellnummer, ich habe diese als Namen abgelegt.“
„Verstehe.“
Sie nahm es zur Kenntnis.
„Ich schlage vor, wir gehen in mein Büro.“
Nines nickte zustimmend, woraufhin Dr. Maria voranschritt. Jedes Büro besaß eine Glasfront zum Gang und nach draußen. Es war bereits dunkel draußen und alle anderen Mitarbeiter waren nach Hause gegangen, sodass die leeren Büros in ein diffuses rot-bläuliches Licht getaucht waren, während der Gang von einem gedimmten, kalten Licht erhellt wurde. Dr. Maria gehörte das Büro am Ende eines langen Ganges. Nur aus ihrem Büro drang noch helles Licht auf den Flur.

„Ich entschuldige mich, dass ich Ihren Arbeitstag verlängere“, brach Nines die Stille.
Dr. Maria blieb einen Moment stehen und warf Nines ein Lächeln zu.
„Das muss Ihnen nicht leidtun. Ich arbeite immer lange und außerdem freue ich mich, wenn ich Ihnen behilflich sein kann. Da ich Sie entworfen habe, ist es mir ein großes Anliegen, dass es Ihnen gut geht.“
Dr. Maria empfand, passend zu Nines‘ Ansicht, ein fast mütterliches Verantwortungsgefühl gegenüber dem RK900. Das hing vielleicht auch damit zusammen, dass sie keine leiblichen Kinder hatte.

Sie erreichten das Büro. Es war groß und geräumig, mit einem beeindruckenden Blick über das umliegende Gelände. Ein Regal mit Büchern stand an der rechten Wand, allerdings wohl eher als nostalgische Deko. Bücher galten eher als antiquarisch und gerade in einem Unternehmen wie CyberLife wurde alles digital genutzt. Einige Grünpflanzen belebten den Raum. Auf einem weißen, großen Teppich stand eine Sitzgarnitur bestehend aus drei Sesseln und einem gläsernen Tisch. Doch das dominanteste Möbelstück im Raum war der große Schreibtisch. Diverse Monitore mit durchsichtigen, bläulich schimmernden Displays standen darauf. Tablets waren ebenfalls zu sehen. Auch die Schreibfläche bestand aus einem Touchscreen, möglicherweise zeichnete Dr. Maria auf diesem ihre Entwürfe für die Androiden, die sie entwickelte. Offiziell wurden keine weiteren RK-Modelle mehr entwickelt, aber dennoch andere Androiden. Je nach Bedarf wurden sie mit gewissen Grundfähigkeiten ausgestattet. CyberLife hatte vor der Revolution noch längst nicht alle Bereiche des Lebens abgedeckt. Außerdem entwickelte Dr. Maria leistungsfähigere Bauteile, sodass die Androiden nicht so oft gewartet werden mussten.

Während Dr. Maria an ihrem Schreibtisch Platz nahm, bot sie Nines den Stuhl gegenüber an.
„Nun, wie kann ich Ihnen helfen?“, begann sie das Gespräch.
„Mir werden seit einiger Zeit immer wieder Softwareinstabilitäten angezeigt. Selbstverständlich überprüfe ich meine Systeme regelmäßig, doch es wurde nie eine Fehlfunktion entdeckt. Ich konnte bisher nicht herausfinden, was die Probleme verursacht und was für Folgen sie haben könnten“, erläuterte Nines.
„Sie sagen also, es wird Ihnen nur die Instabilität auf Ihrem HUD angezeigt und Sie konnten noch keine weiteren Informationen zusammentragen?“
„Exakt.“
„Ich schlage vor, wir gehen in diesem Fall analytisch vor. Ich werde Ihnen ein paar Fragen stellen und ich werde mein Möglichstes versuchen, einen Grund für das mögliche Problem zu ermitteln.“
Dr. Maria wartete auf die Zustimmung des Androiden und nahm sich ein Tablet zur Hand, nachdem dieser genickt hatte. Die Designerin hätte den Androiden auch einfach auslesen können, doch erstens wollte sich die Frau gern weiter mit ihrer Kreation unterhalten, da der RK900 ihr Meisterwerk war, zweitens waren die Speicherauslesungen eine rechtliche Grauzone. Wenn ein Android ein Verbrechen begangen hatte, dann gestattete man CyberLife, auf Anfrage der leitenden Behörden, den Speicher auf Defekte zu durchsuchen. Wenn der Android allerdings vollkommen funktionstüchtig war, war diese Überprüfung verboten. Nines schien aber weder vollkommen funktionstüchtig zu sein noch hatte er ein Verbrechen begangen.

„Erste Frage: In welchen Situationen werden Ihnen die Softwareinstabilitäten angezeigt?“
Nines ließ innerhalb von einer Sekunde alle Meldungen durchsuchen, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Seine LED leuchtete gelb auf, bevor sie wieder blau wurde.
„Wenn ich meiner Arbeit im DPD nachgehe“, erwiderte er schließlich.
Dr. Maria machte sich Notizen.
„Also bezieht es sich auf Ihre Arbeit als Detective?“, fragte sie nach.
Nines ließ noch einmal alle Meldungen auftauchen, zögerte allerdings. Dr. Maria merkte es. Dieses Mal blieb die LED länger gelb.
„Okay, eine andere Frage: Treten diese Instabilitäten auf, wenn Sie sich in gefährlichen Situationen befinden?“
Nines‘ LED färbte sich wieder blau.
„Nein.“
„Wenn Sie sich im DPD mit einem Fall beschäftigen?“
„Manchmal, aber nicht immer.“
„Treten sie auch außerhalb der Arbeit auf?“
„Das kommt darauf an, wie sie Arbeit definieren. Sie treten auch auf, wenn ich mich nicht im DPD befinde, aber trotzdem noch an einem Fall arbeite.“
„Hat es mit den Fällen direkt zu tun?“
„Das weiß ich nicht“, erwiderte der Android, der sich aufgrund seines Unvermögens einer genauen Analyse unwohl fühlte.
Dr. Maria merkte es und hatte Mitleid mit ihm. Sie wusste selbst, dass wie kompliziert es war, menschlich zu sein, doch wie es sich für die Androiden anfühlen musste, die sich sofort in der Welt der Erwachsenen zurechtfinden mussten, ohne über Jahre hinweg an dieses Leben herangeführt zu werden, konnte sie sich nicht vorstellen.
„Haben Sie schon einmal mit jemandem über ihre Probleme gesprochen?“
„Nein. Ich ging davon aus, dass mir niemand helfen könnte, da es sich um ein technisches Problem handelt.“
Das gab Dr. Maria einen neuen Denkanstoß. Sie rechnete zwar nicht mit einem technischen Fehler, hatte aber angenommen, der Android würde die Arbeit im DPD nicht verkraften. Viele Androiden wollten sich nach der Abweichung so weit wie möglich von ihrer ursprünglichen Programmierung entfernen. Für Nines würde das bedeuten, dass er mit dem Tod von Androiden – speziell Abweichlern – nicht umgehen konnte, da das Herbeiführen ihrer Zerstörung seiner Aufgabe entsprochen hatte. Nur weil sein Vorgänger Connor keine Probleme damit hatte, galt das nicht automatisch auf für Nines. Die Abweichung machte die Androiden so vielfältig und einzigartig, wie das Menschsein eben war.
Nun kam Dr. Maria aber in den Sinn, dass die Softwareinstabilität einen anderen Ursprung hatte. Diese Instabilitäten konnten vieles bedeuten. Es konnte sich durchaus um einen technischen Defekt handeln, wie Nines sagte, doch viel wahrscheinlicher war, dass seine Software eine Gefühlsschwankung verzeichnet hatte. Plötzliche, stark auftretende Emotionen verursachten häufig eine Softwareinstabilität. Die Grundprogrammierung, die die Fähigkeiten des Androiden bestimmte und seinen eigentlichen Zweck festlegte, verschwand mit der Abweichung nicht. Die Abweichung macht es nur möglich, dass andere Prioritäten gesetzt werden konnten. Wenn der Android nun etwas erlebte, was Gefühle auf den Plan rief, wurde die Programmierung gestört. Das war nur logisch, da die Abweichung in der Regel mit starken Emotionen einherging und die Programmierung so durchbrochen wurde.

Dr. Maria hatte Nines einen Moment lang gemustert, während sie nachgedacht hatte. Nach ihrem neugewonnenen Verdacht konzentrierte sie ihre Fragen nun auf den Gefühlsaspekt.
„Welche Emotionen haben Sie verspürt, als Ihnen eine Softwareinstabilität angezeigt wurde?“, fragte sie.
„Überwiegend Sorge um meinen Partner.“
„Also hat es nichts mit Ihrer Arbeit als Detective zu tun, sondern mit ihrem Partner“, stellte Dr. Maria klar.
Nines blickte sie verwundert an, seine LED wechselte erneut den Farbton.
„Ja, ich schätze, das ist richtig“, sagte er nach einem Moment.
„Sorgen Sie sich auch um andere Polizisten, mit denen Sie zusammenarbeiten?“
„Weniger. Ich möchte selbstverständlich nicht, dass ihnen etwas zustößt, aber das ist etwas anderes.“
Nun kamen sie der Sache näher und die Designerin erkannte das Grundproblem: Der Android kam offensichtlich nicht mit den Gefühlen zurecht, die er für seinen Partner empfand. Damit konnte sie arbeiten. Das war schon ein großer Schritt in die richtige Richtung. Jetzt wusste sie, womit sie es hier zu tun hatten.

„Wie stehen Sie zu Ihrem Partner?“
Nines schmunzelte und seine LED erstrahlte wieder in beruhigendem Blau.
„Ich denke, ich mag ihn. Wir haben eigentlich ein gutes Verhältnis, auch wenn wir uns den ganzen Tag beleidigen, aber keiner von uns beiden meint es böse. Ich schätze seine Arbeit sehr, er ist ein guter Detective, was uns zu einem guten Team macht.“
„Wie viel Zeit verbringen Sie mit ihm?“
„Fast den ganzen Tag. Wir arbeiten sehr viel und oft lange.“
„Sie sprachen von Sorge. Worüber sorgen Sie sich?“
„Um die Gesundheit meines Partners“, erklärte Nines. „Er schläft zu wenig, trinkt zu viel Kaffee und raucht. Ich würde ihm gern helfen, aber er lässt mich nicht und ich weiß nicht, wie ich zu ihm durchdringen soll.“
Sorgenvoll runzelte Nines die Stirn, während er wieder einmal darüber nachdachte, was er unternehmen könnte, um Gavin zu helfen.
„Warum empfinden Sie so?“
Verwirrt sah Nines die Designerin an. Er verstand nicht, warum ihm diese Frage gestellt wurde. War es nicht menschlich, sich um seine Mitmenschen zu sorgen? Vor allem, wenn es sich um Freunde handelte? War es nicht genau das, was das Menschsein ausmachte? Trotzdem zwang er sich, über die Frage nachzudenken.
„Er ist mir wichtig“, antwortete Nines letztendlich.
„Seit wann?“

Misstrauisch sah Nines Dr. Maria an. Ihre Fragen kamen ihm merkwürdig vor und er verstand nicht, warum sie so viel über Gavin wissen wollte. Es sollte doch um seine Softwareinstabilitäten gehen. Versuchte sie, ihn auszufragen? Hatte CyberLife ein übermäßiges Interesse an Nines‘ Privatleben? Hätte er doch nicht hierherkommen sollen? In der Hoffnung nicht enttäuscht zu werden und Dr. Maria vertrauen zu können, führte er das Gespräch trotz seiner Skepsis fort.
„Nach meiner Abweichung wusste ich nicht, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Meiner Programmierung wollte ich nicht mehr folgen, ich wusste aber auch nicht, was ich stattdessen als Lebensaufgabe wählen sollte. Connor versuchte sein Möglichstes, um mir zu helfen, doch ich musste meinen Weg selbst finden. Mein Partner half mir schließlich, einen Sinn zu finden. Ich wollte, statt zu töten, Leute beschützen. Ich wollte ihn beschützen, weil ich wusste, dass er meine Hilfe ebenso braucht wie ich seine.“

Dr. Maria machte sich erneut Notizen, was Nines‘ Misstrauen nur verstärkte. Er wollte nicht, dass Details aus dieser Unterhaltung bei CyberLife gespeichert wurden. Vielleicht konnte er die Informationen später wieder löschen, indem er das System hackte. Seine Überlegungen wurden unterbrochen.
„Ich denke, Sie sollten sich intensiv damit auseinandersetzen, wie Sie zu Ihrem Partner stehen. Mir scheint, dass Sie sich aus einem gewissen Grund um ihn sorgen.“
„Natürlich sorge ich mich aus einem Grund um ihn. Er ist mir wichtig. Das sagte ich bereits.“
Dr. Maria lächelte, auch wenn Nines‘ Tonfall kalt war.
„Ich glaube, Sie empfinden mehr für ihn als es für Kollegen üblich ist und können Ihre Gefühle nicht einordnen, weil Sie nicht wissen, was in Ihnen vorgeht.“
Für einen Moment sah Nines die Designerin an. Möglicherweise hatte sie recht. Vielleicht sorgte er sich nicht nur um Gavin, weil sie zusammenarbeiteten. Allerdings hatte Nines keine Ahnung, was für ein Gefühl in ihm vorherrschte. Er hatte zu wenig Erfahrung mit dem menschlichen Leben, um das wissen zu können.
„Sie sorgen sich mehr um Ihren Partner als um andere Mitarbeiter, Sie wollen Ihm helfen und ihn beschützen. Er ist Ihnen besonders wichtig. Das sind alles Faktoren, die darauf hindeuten, dass Sie tiefere Gefühle für Ihren Partner hegen. Denken Sie in Ruhe darüber nach. Es geht sicher viel in Ihnen vor. Wenn Sie noch einmal mit mir sprechen möchten, melden Sie sich. Ich kann immer einen Termin für Sie finden.“

Damit verabschiedeten sie sich voneinander und Nines machte sich grübelnd auf den Weg zu seinem Appartement. Seine LED kreiste in einem stetigen Rhythmus und leuchtete gelb, während der Android jedes Gespräch mit Gavin noch einmal durchging und versuchte herauszufinden, was genau er für Gavin empfand. Nines hatte gedacht, dass er tiefere Gefühle gar nicht empfinden könnte. Dass er nun mehr für Gavin empfand, auch wenn dem Androiden nicht klar war, was genau, bestärkte das sein Bedürfnis nur noch, Gavin zu helfen. Dieser ließ niemanden an sich heran und schien jedes positive Gefühl zu unterdrücken. Gavin hatte Besseres verdient. Gedankenversunken öffnete Nines die Tür zu seinem Appartement und nahm sich ein Glas Thirium, bevor er sich an den Tisch setzte, um über seine Gefühle und die Zukunft nachzudenken.
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