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Reed900/ DE - OS-Sammlung

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Elijah Kamski Gavin Reed RK800-51-59 Connor RK900
24.11.2018
31.05.2020
30
71.477
19
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
03.05.2020 3.299
 
Dieses Mal eine Mischung aus eigenen Ideen und tatsächlichen Ideen, es spielt also noch während des Film. Viel Spaß mit dem Fluff :)
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CyberLife-Tower, Detroit
October 12th, 2039
11.59 PM

Ich saß noch immer mit Tina im Wartebereich, während wir darauf hofften, dass Nines wieder aufwachen würde. Diese panische Angst, dass Nines nicht mehr derselbe wäre, wenn er aufwachte, ließ mich nicht mehr los. Was sollte ich dann nur machen? Er hatte mir immer geholfen, war immer für mich da, doch ich hatte mich wie ein Arschloch verhalten. Ich hatte so sehr versucht, ihn auf Abstand zu halten, damit er nicht merkte, was ich für ihn empfand, dass wir uns immer weiter voneinander entfernt hatten. Zumindest hatte ich das gedacht. Stattdessen erkannte ich nun, dass Nines für immer an meiner Seite sein würde. Er würde mich nicht verlassen, wie alle anderen in meinem Leben, die mir etwas bedeutet hatten.

Verzweifelt ließ ich den Kopf in die Hände fallen. Ich spürte Tinas mitfühlenden Blick auf mir, während ich seufzte. Sie strich mir mit der Hand beruhigend über den Rücken.
„Ich bin echt bescheuert, oder?“, fragte ich.
„Nein, bist du nicht. Ich weiß, dass du es im Leben nie leicht hattest. Du hast Angst, wieder enttäuscht zu werden. Dafür musst du dich nicht schämen“, erwiderte sie sanft.
„Aber wir könnten uns all das hier ersparen. Wäre ich nicht so blind gewesen, hätte Nines Ada nie alleine nach Hause gebracht.“
„Mach dir deswegen keine Vorwürfe. Damit hilfst du Nines nicht. Du wirst sehen, es wird alles wieder gut.“
„Aber was ist, wenn ich ihn verliere?“, fragte ich aufgebracht und sah sie an.
Ich konnte nicht verhindern, dass mir die Tränen in die Augen traten.
„Ach Gavin, ihr zwei seid einfach gut füreinander und jeder, der Augen im Kopf hat, erkennt, dass sich nichts zwischen euch stellen kann. Ihr gehört zusammen. Ihr werdet das hinbekommen. Auch wenn er resettet werden muss, ist das nicht das Ende. Sei froh, dass du ihn rechtzeitig gefunden hast. Sonst hätten sie ihn vielleicht gar nicht mehr retten können. So habt ihr immerhin noch eine Chance.“
Ich ließ den Kopf erneut in die Hände fallen und versuchte, mich zu beruhigen.
Ich würde es mir nie verzeihen, wenn Nines in dem Gedanken starb, dass ich ihn nicht brauchen würde. Das genaue Gegenteil war der Fall. Ich hatte noch nie jemanden mehr gebraucht. Allein die Tatsache, dass Nines mich nach meinem Albtraum letzte Nacht beruhigen konnte, zeigt, wie gut er mir tat. Mir wurde bewusst, wie viel in diesen vierundzwanzig Stunden passiert war.
Tief durchatmend setzte ich mich auf, ließ den Kopf an die Wand fallen und sah blicklos geradeaus.
„Ich habe letzte Nacht geschlafen“, murmelte ich.
„Das ist großartig!“, sagte Tina ehrlich glücklich.
„Ich hatte einen Albtraum.“
„Oh nein, danach war die Nacht wohl vorbei.“
„Nines war da. Wir sind zusammen zu mir gefahren und wollten noch weiterarbeiten. Er hat mich gezwungen, ins Bett zu gehen. Als ich den Albtraum hatte, war er immer noch da. Er hat mich geweckt und … wir haben geredet. Er war für mich da. Er … saß neben mir und … wir haben … Händchen gehalten, bevor ich mit dem Kopf auf seiner Schulter wieder eingeschlafen bin.“
Ich riskierte einen vorsichtigen Blick zu Tina und sah sie strahlen.
„Ihr seid so süß zusammen!“, sagte sie mit einem breiten Grinsen.
Ich schnaubte nur verächtlich.
„Das ist noch nie passiert. Noch nicht ein einziges Mal, aber er hat es geschafft, mich zu beruhigen. Dabei hat er noch nicht mal was gemacht. Er war einfach nur da.“
„Genau das macht euch aus. Ihr helft euch gegenseitig.“
„Denkst du, er hat meine Hilfe gebraucht, als er sich so unsicher war, was er wollte?“
„Natürlich! Ist dir nicht aufgefallen, dass er nach eurem Gespräch viel besser mit sich selbst umgehen konnte? Er hat dich genauso gebraucht wie du ihn!“
„Aber er hätte es auch allein geschafft.“
Tina lachte und boxte mich in die Schulter.
„Jetzt sei nicht so bescheiden, das ist nicht deine Art, Gavin. Aber ja, sicher hätte er das auch allein bewältigen können, aber wer weiß, ob er dann der wäre, der er jetzt ist.“
Ich schwieg einen Moment. Hatte ich ihn wirklich so sehr beeinflusst? Ich erinnerte mich noch genau daran, wie verzweifelt er in diesem Moment gewesen war. Er wusste nicht, was er sein wollte und was er sein konnte. Nach diesem Gespräch hatte sich tatsächlich etwas geändert. Wir hatten nie wieder darüber gesprochen. Ich wollte nicht aufdringlich nachfragen und er hat nie wieder um Rat gefragt. Vielleicht hatte ich ihm in dieser Nacht mehr als einen Namen gegeben. Möglicherweise hatte ich tatsächlich einen Einfluss auf ihn gehabt. Ein Lächeln breitete sich auf meinen Lippen aus. Er brauchte mich genauso wie ich ihn.
Mein Blick traf den von Tina und mein Lächeln vertiefte sich.
„Wann wusstest du es eigentlich? Du weißt schon, dass du ihn liebst“, fragte sie.
Ich stieß ein kleines Lachen aus.
„Es gab keinen spezifischen Moment, indem es mir plötzlich klar wurde. Es hat sich schleichend entwickelt. Er war irgendwie immer da, wenn ich ihn brauchte. Auch wenn ich gar nicht wusste, dass ich ihn brauchte. Auch wenn ich mich wie ein mieses Arschloch verhalten habe, war er da. Er hat mir immer geholfen und war für mich da. Er hat alles besser gemacht. Irgendwann wurde mir klar, dass ich ohne ihn einfach nicht mehr leben kann, dass ich für immer in diesem dunklen Loch stecken würde, wenn er nicht bei mir wäre. Er ist wie ein Anker, der mich in der Realität hält, wenn ich drohe, abzurutschen. Es war als wären wir von Anfang an verbunden gewesen, als bräuchten wir keine Worte, um uns zu verstehen.“
Ich hatte ein glückliches Lächeln auf den Lippen. Auch wenn ich nicht wusste, wo diese Erklärung hergekommen war. So persönliche Dinge hatte ich schon lange niemandem mehr anvertraut, abgesehen von Nines letzte Nacht. Tina war zwar meine beste Freundin, doch auch mit ihr redete ich kaum über meine Probleme.
„Du könntest mit ihm reden“, riss Tina mich aus meinen Gedanken.
„Was?“, fragte ich verwirrt.
„Du könntest mit Nines reden. Man redet doch auch mit Menschen im Koma, weil sie es hören könnten. Vielleicht hört Nines dich ja auch. Ich meine, er ist eine Maschine und er hat sich nicht abgeschaltet. Ich bin mir sicher, dass er dich auch hören kann. Er kann sich doch sonst auch immer auf alles konzentrieren und bekommt alles mit. Einen Versuch wäre es wert.“
„Aber was ist, wenn er nicht aufwacht?“, fragte ich und konnte die Angst in meiner Stimme nicht unterdrücken.
„Dann fährst du zum DPD und findest Ada. Chris kann dir helfen. Ich bleibe hier und passe auf Nines auf.“
„Na schön“, lenkte ich ein.

Gemeinsam gingen wir zu Nines’ Zimmer. Für einen Moment stand ich vor der Tür und starrte ihn an.
„Ich finde es so furchtbar ihn so zu sehen“, murmelte Tina. „Für mich war er immer unzerstörbar. Immerhin ist er auch die ultimative Kampfmaschine. Ich dachte, ihm könnte nie etwas passieren.“
„Ich weiß, mir geht es genauso. Er sieht so verletzlich aus“, seufzte ich.
Auch wenn ich den Anblick kaum ertrug, gab ich mir selbst einen Ruck und ging durch die Tür. Es war düster und der Raum wurde nur vom gleichmäßigen Piepen eines Geräts erfüllt. Zögernd schloss ich die Tür und ging lautlos zu Nines‘ Bett. Mit ausgestreckten Armen und Beinen lag er da und sah aus wie eine große Puppe. Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden, während ich mich neben sein Bett auf einen Stuhl setzte. Sein Gesicht war so ruhig und entspannt. In diesem Moment war ich froh, dass Nines seine LED noch behalten hatte. Ich konnte das rote Leuchten erahnen und das war das Einzige, was erkennen ließ, dass er noch nicht tot war. Nachdenklich fragte ich mich, was in Nines vorging. Herrschte in ihm wie bei einem Menschen schwarze Funkstille? War er in seinem Zen Garten aktiv? Hatte er dort Kontrolle über sich selbst?
Mein Blick ging nach draußen zu Tina. Sie stand vor dem Fenster und versuchte, mir Hoffnung zu spenden, indem sie mich anlächelte, aufmunternd nickte und einen Daumen nach oben hielt. Ich stieß die Luft aus. Es fiel mir so schwer, mich zu öffnen. Vorhin war die Situation eine andere. Jetzt kam es vielleicht auf jedes Wort an. Was war, wenn Nines doch nichts für mich empfand und ich dann mit meinem Geständnis alles noch schlimmer machte? Verzweifelte Gedanken fraßen sich durch meinen Kopf und ich brauchte noch einen Moment, bevor ich tatsächlich zu meinem Partner sprechen konnte. Ich hob den Blick und sah in sein Gesicht.
„Hey, Nines“, begann ich zögernd.
Ich senkte den Blick wieder und rieb mir meine schwitzigen Hände an der Hose ab.
„Wir wissen nicht, wo Ada steckt oder was sie als nächstes vorhat … Deswegen brauchen … brauchen wir dich wirklich wieder hier. Klar?“
Ich sah ihn an, doch sein Gesicht war unverändert regungslos.
„Um sie aufzuhalten.“
So unsicher wie in diesem Moment war ich noch nicht und eigentlich wollte ich Nines auch nichts über Ada erzählen. Schließlich hatte sie ihn gerade erst in diesen Zustand versetzt. Das würde bestimmt nicht helfen, ihn wieder aufzuwecken.
Tina klopfte ans Fenster und zog somit meine Aufmerksamkeit auf sie. Verunsichert sah ich sie an. Erneut schenkte sie mir ein Lächeln, wenn auch ein trauriges und nickte mir zu. Für sie war die Situation genauso schwer. Wir waren alle Freunde und wir waren alle in Sorge um Nines. Jetzt lag es an mir, ihn aufzuwecken. Also würde ich mich jetzt zusammenreißen. Ich wusste, dass ich schonungslos ehrlich sein musste, wenn ich etwas bewirken wollte. Alles in mir schrie nach Flucht, einfach zu gehen und das alles zu vergessen und zu verdrängen, doch gleichzeitig wollte und konnte ich Nines nicht verlieren. Noch während ich mich verzweifelt nach Hilfe umsah, wusste ich, was ich zu tun hatte.
„Also gut“, sagte ich, mehr zu mir selbst als zu Nines. „Also gut, Blechbüchse.“
Mein Blick wanderte zu ihm.
„Ich brauche dich“, begann ich eindringlich. „Ich will, dass du zurückkommst, Nines.“
Erneut senkte ich den Blick und griff zögernd nach seiner Hand, legte meine sanft auf seine. Das Atmen fiel mir schwer, weil nur durch diese kleine Berührung eine Flut an Gefühlen durch mich hindurchrauschte. Gefühle, die ich so lange unterdrückt hatte, kamen an die Oberfläche und nun konnte ich sie nicht mehr zurückhalten.
„Ich habe mich … dir gegenüber wie’n verdammter Arsch verhalten, anfangs“, gestand ich, mit einem kleinen Lächeln, während ich ihn ansah. Chris und Tina haben Wetten abgeschlossen, wann wir uns wohl gegenseitig umbringen. Aber … du … du hast durchgehalten. Wir haben und gleich viel Mist an den Kopf geworden. Und irgendwann hab ichs nicht mehr gemacht, um dich zu nerven, sondern habs … ich habs gemacht, weil …wir das einfach so machen. Du bist mein Partner, du bist mein bester Freund. Und du bist diese Kraft in meinem Leben, ohne die ich nicht sein kann. Ich will das nicht wieder. Ich kanns nicht wieder. Ohne dich sein. Was auch passiert ist, du hast mich nie aufgegeben. Komm zurück zu mir, Nines.“
Ich legte all meine Gefühle für ihn, in diesen letzten Satz. Das Gerät, das Nines‘ Funktionen überraschte, piepte schneller und ich sah aufgeregt hinüber, verstand aber überhaupt nichts von dem, was darauf zu sehen war.
„Nines?“
Statt dieses Ding zu beobachten, rückte ich näher zu Nines und sah ihn aufmerksam an. Ich rechnete damit, dass er jeden Moment die Augen öffnen würde, dass ich es geschafft hatte. Alles würde wieder gut werden. Doch das Gerät verlangsamte seinen Rhythmus wieder und alles war wieder wie vorher. Traurig und enttäuscht ließ ich den Kopf hängen. Ich drückte ein letztes Mal Nines‘ Hand, bevor ich aufstand und das Zimmer verließ.
Ich stellte mich zu Tina.
„Melde dich, wenn etwas mit ihm ist“, verlangte ich mit rauer Stimme.
Wir versuchten beide die Tränen zurückzuhalten. Ich drückte deprimiert ihre Schulter und wandte mich zum Gehen.


CyberLife-Tower, Detroit
October 13th, 2039
1.13 AM

Mit einem Ruck setzte ich mich auf und sah mich um, doch es blieb nicht viel Zeit, denn Tina kam sofort an meine Seite gestürzt.
„Nines, oh mein Gott!“, rief sie.
„Tina. Wo ist Gavin?“
Ich hatte seine Stimme gehört und wollte ihn unbedingt sehen. Er hatte mir seine Liebe gestanden und ich wusste genau, wie schwer es für ihn war, über seine Gefühle zu sprechen. Sicher redete er sich irgendwo ein, dass das ein Fehler war und hoffte, dass ich es nicht gehört hatte. Doch endlich hatte ich den Beweis, dass er mich nicht hasste, sondern das Gegenteil der Fall war. Außerdem hatte er mich gerettet, schon wieder, und ich wollte nichts lieber, als ihn in den Arm zu nehmen.
„Gavin ist zum DPD zurückgefahren, um mit Chris nach Ada zu suchen“, erklärte Tina.
„Wir müssen sofort dahin!“, rief ich und wollte aufspringen.
„Vielleicht suchen wir dir vorher noch etwas zum Anziehen“, hielt mich Tina grinsend zurück.
Ich konnte nicht verhindern, dass ich etwas peinlich berührt war und so nickte ich.

Wenig später hatten wir ein paar Sachen gefunden und konnten los. Ich trug Gavins Lederjacke und hatte mich nie in einem Kleidungsstück wohler gefühlt. Sie roch nach Zigaretten und Gavin. Mit einem Lächeln zog ich sie enger um mich.
„Gavin hat dich gefunden und ist mit dir zusammen zum CyberLife-Tower gefahren, nachdem die Polizei da war. Du scheinst sie gerufen zu haben“, brach Tina das Schweigen und ich nickte. „Er hat uns angerufen. Chris ist gleich zum DPD gefahren, um vielleicht aus den Akten einen Hinweis auf Ada zu finden und ich bin zu euch gefahren. Das war auch ganz gut so. Ich glaube, Gavin wäre durchgedreht. Er war völlig fertig.“
Besorgt sah ich Tina an.
„Und in diesem Zustand ist er zum DPD zurückgefahren?“, fragte ich entsetzt und begann bereits damit, die zuletzt gemeldeten Verkehrsunfälle zu überprüfen.
„Nein“, lachte Tina. „Keine Sorge. Er war nicht mehr so aufgewühlt, nur traurig, weil er dachte, er hätte dir nicht helfen können.“
„Ich habe ihn gehört, die ganze Zeit. Ich wünschte, ich hätte eher aufwachen können, aber es brauchte Zeit.“
Ich seufzte leise. Es tat mir leid, dass Gavin so dachte, er würde sich sicher selbst die Schuld geben, zu langsam gewesen zu sein und versagt zu haben.
„Könntest du …“, begann ich zögernd, „vielleicht dafür sorgen, dass Gavin und ich für einen Moment allein sind?“
„Klar“, grinste Tina. „Wieso?“
Ich sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Das weißt du genau.“
„Nein, ich habe absolut keine Ahnung. Ich bin doch nur ein kleiner Officer. Ich kann nicht so gut denken, wie ein Detective. Du wirst es mir schon erklären müssen, Nines“, stellte sie sich weiter dumm.
„Gavin und ich haben etwas zu besprechen“, sagte ich nur.
Tina lachte und zwinkerte mir für einen Moment zu, bevor sie sich wieder auf die Straße konzentrierte.
„Wann wusstest du, dass du ihn liebst?“, fragte sie wenig später.
„Das ist ein wenig kompliziert“, erwiderte ich, da sie sowieso keine Ruhe geben würde. „Ich verstehe Gefühle nicht wirklich-“
„Geht den Menschen wie den Androiden“, warf sie ein.
„Und ich glaube, ich fühle anders als Menschen. Gavin und ich waren von Anfang an sehr emotional. Wir uns immer geärgert haben, sind aneinander geraten. Am Anfang war es wohl wirklich nur gegenseitige Abneigung. Aber nachdem ich ihn das erste Mal zu Hause besucht hatte, hatte sich etwas geändert. Natürlich haben wir uns danach immer noch genervt, aber mit einer anderen Intention. Wir haben kein besonders tiefgründiges Gespräch geführt. Er hat nur gesagt, dass er mal auf der falschen Seite des Gesetzes stand und ich habe erkannt, dass er tief verletzt und einsam war. Als er mir sagte, ich müsse mich entscheiden, was ich wollte, war mir klar, dass ich ihn beschützen wollte. Ich wusste, dass er mich brauchte und auch, dass ich ihm helfen konnte. Er ging durch die Hölle, aber ist trotzdem auf den rechten Weg zurückgekehrt. Ich fand seine Narben bewundernswert und anziehend. Ab diesem Moment war er eine große Faszination für mich. Er hat Unrechtes getan und ist trotzdem ein guter Mensch geworden. Er ist mein Vorbild, weißt du? Ich wurde programmiert, Abweichler zu jagen, aber wenn Gavin eine gute Aufgabe für sein Leben gefunden hat, dann kann ich das auch. Tief im Inneren sind wir gar nicht so verschieden, auch wenn wir oberflächlich betrachtet nicht unterschiedlicher sein könnten. Jedenfalls habe ich mich seit diesem Gespräch auf ihn fixiert und meine Gefühle haben sich immer mehr vertieft.“
„Verstehe. Gavin ist so ein Vollidiot. Ihr hättet schon längst zusammen sein können“, murmelte Tina.
„Ich hätte ja genauso den ersten Schritt machen können, das habe ich aber nicht getan. Es musste sich entwickeln, wer weiß, was passiert wäre, wenn wir es überstürzt hätten“, widersprach ich.

Nach siebenunddreißig Minuten Fahrt kamen wir im DPD an und machten uns auf die Suche nach Gavin. Es war bereits kurz vor zwei Uhr nachts und menschenleer. Auch Gavin und Chris waren nicht zu finden.
„Sie sind bestimmt in einen Konferenzraum gegangen, damit sie Platz haben“, sagte Tina und wir schlugen den richtigen Weg ein.
Bereits vom anderen Ende des Ganges konnte ich Gavin sehen und spürte, wie meine Thiriumpumpe schneller arbeitete und ich aufgeregt wurde. Da stand er, so nah. Wir waren so kurz davor, etwas Wundervolles zu erleben. Unbemerkt gingen Tina und ich zur offenen Tür.
„Okay, das ergibt einen Radius von 10 Meilen. Kannst du einen Urkundenscan machen? Lass uns doch mal sehen, ob ihr eines der Gebäude gehört“, hörte ich bereits Chris‘ Stimme.
„Das habe ich zuallererst versucht. Hat nichts gebracht.“
Gavin. Das war Gavins Stimme und er klang so verzweifelt. Er klang erschöpft, müde und traurig.
„Okay, was willst du dann machen?“, fragte Chris aufgebracht. „Willst du von Tür zu Tür gehen und klopfen?“
Bevor sich die beiden noch stritten, schritt ich ein. Tina und ich waren endlich an der Tür angekommen und betraten den Raum.
„Was das betrifft, könnte ich behilflich sein“, machte ich mich bemerkbar.
Sofort wandten sich die beiden Detectives um und starrten mich an.
„Nines!“, rief Chris überrascht.
Ich bemerkte ihn nur am Rande. Mein Blick hing an Gavin, ich konnte den Blick nicht lösen. Ich konnte so viele Emotionen in seinen Augen erkennen. Die Sorge, den Schmerz, die Erschöpfung, den Unglauben.
„Hey, Chris“, durchbrach Tina die Stille. „Willst du mit mir für Kaffeenachschub sorgen?“
Während Gavin und ich uns noch immer wie erstarrt ansahen, hörte ich wie Chris sagte: „Ja. Unbedingt.“
Dann waren sie verschwunden. Kaum waren wir allein, konnte ich mich aus meiner Starre lösen und trat langsam ein paar Schritte auf Gavin zu.
„Um zwei Uhr morgens lenkst du dich mit Arbeit ab? Jetzt bin ich mir sicher, dass du mich vermisst hast“, sagte ich.
„Du untotes Arschloch!“, stieß Gavin aus, sichtlich überfordert. „Wie bist du wieder aufgewacht?“
„Ich habe dich gehört. Deine Stimme ist zu mir durchgedrungen“, erklärte ich ruhig.
„Verdammte Scheiße. Du meinst, du, du hast alles gehört, was ich gesagt habe?“
Es war beinah amüsant, wie panisch Gavin wurde. Seine Gefühle zu offenbaren, gehörte nicht zu seinen Stärken und nun wurde ihm bewusst, dass ich hinter seine Mauern geblickt hatte und er fühlte sich verletzlich.
„Jedes einzelne Wort“, bestätigte ich mit einem Lächeln. „Die Kraft, ohne die du nicht sein kannst?“
Gavin senkte den Blick und versuchte, seine Emotionen vor mir zu verbergen. Wir standen mittlerweile nah beieinander.
„Ich … hasse dich.“
Ich kam ihm noch näher, neigte meinen Kopf ein wenig.
„Du liebst mich“, flüsterte ich.
Gavin hob den Kopf, ließ mich all seine Gefühle sehen. Ich erkannte die Tränen auf seinen Wangen. Er ließ mich hinter seine Mauern treten. Dieser Moment, indem er sich mir vollkommen öffnete und offenbarte, bedeutete mir unglaublich viel. Er musste nichts sagen, ich wusste genau, was er fühlte. Ich verstand ihn und als sich unsere Lippen einige Sekunden später trafen, wurde ich zum glücklichsten Androiden auf diesem Planeten.
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