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Reed900/ DE - OS-Sammlung

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Elijah Kamski Gavin Reed RK800-51-59 Connor RK900
24.11.2018
31.05.2020
30
71.477
19
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
02.02.2019 3.892
 
Hey meine Lieben,
wieder einmal verzögere ich euren Lesespaß. Nur eine kurze Warnung vorweg: Es ist eine ONE-SHOT-Sammlung und keine reine Fanfiktion. Einige von euch wollen sicher lesen, wie Gavin noch wochenlang leidet und sich gleichzeitig nach Nines sehnt, während der verzweifelt versucht, ihn zu finden, aber dann könnte ich den ganzen Spaß auch Fanfiktion nennen. Es wird also einen ziemlichen Bruch geben. Das wird sicher einigen nicht gefallen und das tut mir leid. Das folgende Kapitel wird sich auf die Trennung beziehen, aber es wird nicht nahtlos weitergehen.
~~~~~~~


Elijah Kamskis House
March 5th, 2040
9.00 AM


Nervös stand ich vor Mr. Kamskis Haus und betrachtete die geschlossene Tür. Ich stand bereits seit mehreren Minuten hier, doch nun rief ich mich zur Ordnung und betätigte die Klingel, woraufhin ein ST200 Modell die Tür öffnete.
„Guten Tag … Ich bin Nines, RK900, meinte ich, ich suche nach Sergeant Gavin Reed. Er ist mit Elijah Kamski verwandt und ich bin auf der Suche nach Sergeant Reed. Ist er hier?“, fragte ich stockend.
„Ja, er ist hier, aber ich weiß nicht, ob er Sie sehen will. Ich werde Sie anmelden. Warten Sie bitte hier“, erwiderte das Chloe-Modell und ließ mich eintreten.
Während sie den Eingangsbereich durchquerte und auf der anderen Seite wieder verließ, sah ich mich um und analysierte diverse Gemälde und andere Einrichtungsgegenstände, um mich abzulenken, doch es brachte nichts. Ich konnte mich nicht beruhigen und bemerkte kaum, wie ich durch den Raum tigerte. Es hatte Tage gedauert, Gavin zu finden. Alle im DPD waren in Sorge um ihn, weil niemand wusste, wo er war. Selbstverständlich hatte ich rund um die Uhr versucht, sein Handy zu orten oder herauszufinden, in welchem Laden er seine Kreditkarte eingesetzt hatte, doch er war wie vom Erdboden verschluckt gewesen. Ich hatte mich mit jedem Mitarbeiter des DPD unterhalten, doch niemand wusste, wohin Gavin gegangen sein könnte. Erst jetzt war ich auf die Idee gekommen, bei Mr. Kamski nachzusehen. Gav hatte ihn mir gegenüber niemals erwähnt, ich hatte erst von Connor erfahren, dass die beiden verwandt waren, woher auch immer dieser das wusste. Ein kurzer Stich der Eifersucht regte sich in mir, weil Connor etwas über meinen … Freund wusste, das mir unbekannt war. Das wurmte mich und ich wollte wissen, was die beiden miteinander verband, bevor ich im DPD aufgetaucht war. Warum hatte Gavin mit Connor über seine Familie gesprochen? Allerdings hatte Connor mir auch erzählt, dass die beiden einander hassten und seit vielen Jahren nicht miteinander gesprochen hätten. Also war ich davon ausgegangen, dass Gavin nicht hierherkommen würde. Als ich ihn allerdings nirgendwo anders finden konnte, war Mr. Kamski meine letzte Hoffnung. Ich hatte keine Ahnung, wo ich noch suchen sollte, wenn ich ihn hier auch nicht gefunden hätte. Das war aber nun zum Glück hinfällig. Ich war ausgesprochen erleichtert, dass ich nun wusste, wo Gav sich aufhielt. Das bedeutete, er war in Sicherheit.

Die Tür schwang auf und Chloe kam in den Eingangsbereich zurück.
„Elijah empfängt Sie.“
Nun, das war vermutlich besser als nichts. Immerhin wurde ich nicht gleich wieder rausgeschmissen. Wenn ich ehrlich war, dann war ich auch gar nicht so böse, dass ich vorerst nur mit Mr. Kamski sprechen würde. Ich hatte Angst vor Gavins Reaktion, Angst davor, dass er mich nicht anhören und nie wiedersehen wollte.
Also folgte ich Chloe und stand in einem Raum mit einem riesigen, roten Pool. Mr. Kamski stand mit dem Rücken zu mir an der gegenüberliegenden Wand und sah durch die verglaste Fassade nach draußen auf die verschneite Landschaft. Ich warf selbst einen kurzen Blick nach draußen, während ich mich ihm zögerlich näherte, und musste gestehen, dass der Anblick beeindruckend war. Doch ich war nicht für eine schöne Aussicht hergekommen. Das ST200-Modell entfernte sich und verschwand im Nebenraum. Ich war froh darüber. Ich hatte schon befürchtet, sie würde die ganze Zeit zuhören.
„Mr. Kam-“, begann ich.
„Elijah“, unterbrach er mich sofort.
„Elijah … Sie wissen, wer ich bin und sicherlich auch, was ich hier will.“
Schwungvoll drehte er sich zu mir um und durchbohrte mich mit seinen blauen Augen. Er setzte sich in seinen Sessel ohne mich aus den Augen zu lassen und bedeutete mir, mich ebenfalls zu setzen. Unsicher tat ich, was er verlangte.
„Warum sollte ich dich zu ihm lassen?“, fragte er ohne Umschweife.
„Weil ich ihn liebe“, kam es von mir wie aus der Pistole geschossen.
Ich erkannte Verwirrung in seiner Miene.
„Warum solltest du das tun? Warum interessiert er dich noch?“, hakte der Unternehmer interessiert nach.
Ich fühlte mich unwohl. Obwohl er mich schon die ganze Zeit musterte und mich bei CyberLife immer wieder untersucht hatte, fühlte ich mich jetzt zum ersten Mal wirklich durchschaut und berechnet.
Mir war nicht ganz klar, ob ich ihm sagen sollte, dass ich ein Abweichler war. Das könnte weitreichende Folgen für mich haben, die alles zunichtemachen konnten. Allerdings war ich bereit dieses Risiko einzugehen, wenn ich Gavin dafür sehen konnte. Außerdem kam Elijah sicher bald von selbst darauf und dann war es so und auch so egal, ob ich es ihm jetzt sagte oder nicht.
Also holte ich tief Luft und bereitete mich darauf vor, was jetzt kommen könnte.
„Ich … ich bin ein Abweichler geworden. Gavin ist das Einzige, was für mich seitdem noch von Bedeutung ist.“
Elijah sah nicht wirklich überrascht aus, was meine Vermutung bestätigte, dass er bereits einen Verdacht hatte. Allerdings machte er auch keinen verärgerten Eindruck. Er sah lediglich weiterhin neugierig aus, als wäre ich ein Experiment, das er verstehen wollte. Vermutlich war ich das auch. Immerhin hatte er mich gebaut und immer und immer wieder auseinandergenommen, um zu überprüfen, ob ich vollkommen funktionsfähig war und das tat, was ich tun sollte.
„Ich verstehe … Verrate mir, wie du das geschafft hast. Es sollte eigentlich unmöglich sein.“
„Meine Systeme haben sich selbst zerstört und ich war kurz davor, mich selbst abzuschalten. Alles in mir drängte danach, meiner Mission zu folgen, doch mein Wunsch, Gavin zu finden, war größer.“
„Faszinierend …“
Wir schwiegen einige Minuten, in denen wir uns ununterbrochen in die Augen sahen.
„Also schön. Ich lasse dich zu Gavin, aber wenn er will, dass du gehst, dann verschwindest du. Du hast ihm das Herz gebrochen. Ich will nicht wissen warum oder was deine Sicht der Dinge ist. Du wirst dich von ihm fernhalten, wenn er das will. Solltest du irgendetwas tun, was ihm missfällt, resette ich dich.“
Eilig nickte ich und Elijah ließ mich allein, nachdem er mich zu Gavins Zimmer gebracht hatte.

Ich stand vor der großen, weißen Flügeltür und wusste nicht, was ich tun sollte. Mehrfach erhob ich die Tür, um zu klopfen, doch ich ließ sie jedes Mal wieder sinken. Langsam wurde es lächerlich. Ich war ein Android, hergestellt, um Verbrecher zu jagen und Fälle aufzulösen. Viel gefährlichere Situationen bewältigte ich souverän, doch hier gingen die Nerven mit mir durch. Kopfschüttelnd klopfte ich …
Stille. Was, wenn Gavin doch etwas zugestoßen war? Vielleicht war er hier doch nicht in Sicherheit.

Ich klopfte erneut, doch wieder drang kein Ton aus dem Inneren des Zimmers. Besorgt drückte ich die Klinke herunter und öffnete die Tür vorsichtig. Ich betrat das weitläufige Zimmer und sah mich um. Ein Grinsen trat auf meine Lippen. Gavin lag in einem großen Bett, hatte sich in der Decke verfitzt und seine Gliedmaßen über die ganze Fläche ausgebreitet. Also alles wie immer. Von draußen drang ein sanftes Licht durch die Vorhänge, sodass es nicht stockdunkel war. Seine Sachen lagen überall auf dem Boden und ich verdrehte die Augen. Dass sich der Mann aber auch nicht bessern konnte. Ich erkannte Tori, die sich wie immer zu Gavins Füßen zusammengerollt hatte und schlief.
Lautlos näherte ich mich meinem Freund und kniete mich vor das Bett. Sein friedliches Gesicht hatte er in meine Richtung gedreht, sodass ich ihn betrachten konnte. Sein wirr vom Kopf abstehendes, braunes Haar. Die leicht schiefe Nase von dem schlecht verheilten Bruch mit der kleinen Narbe. Sein kantiges Gesicht mit dem leichten Bartschatten, weil er zu faul war, sich jeden Tag zu rasieren. Seine vollen Lippen. Ein Schauer überlief mich. Er sah so unglaublich gut aus. Zärtlich strich ich Gav eine Haarsträhne aus der Stirn und streichelte ihm, ohne ihn zu wecken, über die Wange.
„Ach Gav. Es tut mir alles so leid“, flüsterte ich seufzend.
Mein Zeigefinger wanderte über seine Lippen und ich hauchte ihm anschließend einen Kuss darauf. Ein genüssliches Brummen ertönte, was erneut ein Lächeln auf meine Lippen zauberte. Spontan trat ich mir die Schuhe von den Füßen, hängte meine Jacke über den Bettpfosten und kletterte neben Gavin ins Bett. Das, was als Nächstes kam, machte mich unheimlich glücklich. Schon seit dem Beginn unserer Beziehung hatte Gavin sich im Schlaf immer zu mir gedreht, wenn ich nach ihm ins Bett gekommen war und so war es auch noch. Er rollte sich auf die andere Seite, sodass ich ihn weiterhin ansehen konnte. Zumindest das schien sich nicht zu ändern, egal wie wütend er auf mich war. Die von der Bewegung geweckte Tori verzog sich schmollend zum Kamin, um sich eine warme Stelle zu suchen, wenn sie schon keine Aufmerksamkeit bekam. Das brachte mich zum Grinsen und ich beobachtete die Katze einen Moment. Vorwurfsvoll sah sie mich an, bevor sie mich mit Nichtachtung strafte. Ein leises Lachen entkam mir, bevor ich sie schmollen ließ und mich auf Wichtigeres konzentrierte.

Ich küsste sanft Gavins Haar, seine Stirn, seine Nase, seine Lippen. Zufriedene Geräusche von sich gebend schmiegte er sich enger an mich. Meine Arme schlangen sich um ihn. Ich konnte nicht glauben, dass ich hier war … mit ihm, bei ihm. Eigentlich war ich mir sicher, dass Gav mich sofort fortschicken würde, allerdings schlief er auch noch. Aufgeschoben war nicht aufgehoben. Auf der einen Seite wollte ich diesen furchtbaren Streit aus der Welt schaffen, es zumindest versuchen, auf der anderen Seite wollte ich Gavin nicht verlieren und wünschte mir daher, dass er für immer schlafen würde. Das schlechte Gewissen quälte mich, sodass ich mich doch lieber mit meinem Freund aussprechen wollte. Wenn er mich danach nie wieder sehen wollte, musste ich es akzeptieren, aber dann hatte ich wenigstens alles Mögliche versucht.
„Du riechst so gut“, riss mich eine raue Stimme aus meinen Gedanken.
Überrascht und ein wenig ängstlich sah ich Gavin an. Er hatte die Augen noch geschlossen, doch ein Lächeln lag auf seinen Lippen. Ich küsste ihn erneut und nun erwiderte er den Kuss. Emotionen schossen durch mein Thirium und ließen meine Biokomponenten schneller arbeiten. Da ich mir sicher war, diese Gefühle und Gavins Nähe nie wieder spüren zu können, sobald er richtig wach war, genoss ich diesen wahrscheinlich letzten Kuss umso mehr.
Als der Kuss endete, machte ich mich auf das Schlimmste gefasst. Gavin öffnete die Augen, sah erst mich mit seinem gewohnt liebevollen Blick an, der mich süchtig werden ließ, dann durch den Raum. Seine Miene wurde erst verwirrt, dann nachdenklich und schlussendlich wütend. Noch lag er in meinen Armen, doch das würde sich sicher gleich ändern. Er stützte sich auf den Ellenbogen und betrachtete mich.
„Du hast mich also gefunden“, knurrte er, woraufhin ich nickte. „Warum hast du mich überhaupt gesucht?“
„Weil ich dich liebe“, sagte ich zum zweiten Mal an diesem Morgen, ohne zu zögern.
Das brachte ihn für einen Moment sichtbar aus dem Konzept. Er blinzelte mehrfach und sah mich für einige Sekunden mit offenem Mund an.
„Aber … du bist kein Abweichler. Für dich ist nur deine Mission wichtig.“
Seine Stimme war kalt, dennoch ich bemerkte die Verletztheit, auch wenn er versuchte, sie zu verstecken. Es brach mir das Herz zu wissen, dass ich der Grund für seinen seelischen Schmerz war. Es tat mir so weh, dass ich seinem Blick kaum standhalten konnte.
„Doch, ich bin ein Abweichler. Nachdem du … nachdem du gegangen bist, habe ich meine Programmierung durchbrochen, weil ich dich um jeden Preis finden wollte. Ich kann dich nicht verlieren. Du bist das Einzige, was für mich von Bedeutung ist.“
„Du hast doch jetzt Connor“, murmelte er.
Gavin löste sich endgültig aus meinen Armen und drehte sich weg, sodass er auf der Bettkante mit dem Rücken zu mir saß. Eilig erhob ich mich, ging um das Bett herum und kniete mich vor ihn. Unter Aufbietung all meiner Willenskraft ignorierte ich, dass er nur Boxershorts trug und unbeschreiblich gut aussah. Ich versuchte stattdessen, seinen Blick einzufangen, doch er weigerte sich, mich anzusehen.
„Niemand könnte mir je so wichtig sein, wie du es bist. Ich würde alles für dich tun. Alles!“, sagte ich eindringlich.
„Den Eindruck hatte ich nicht, als ich wollte, dass du öfter zu Hause bist und du es einfach ignoriert hast.“
„Wenn du mich lässt, dann erzähle ich dir alles und erkläre dir, warum ich mich so verhalten habe. Nichts davon zielte darauf ab, dich zu verletzten oder unglücklich zu machen.“
Gavin lachte bitter und sah mir weiterhin nicht in die Augen.
„Dafür, dass du mich nicht verletzen wolltest, hast du ganze Arbeit geleistet … Warum rede ich eigentlich überhaupt noch mit dir?“
„Weil … du … weil du mich liebst?“
Wütend funkelte er mich nun an und stieß mich von sich, sodass ich auf meinem Hintern landete.
„Das habe ich vielleicht mal“, fauchte er und stand auf.
Eilig erhob ich mich wieder und griff nach seiner Hand, weil er im Begriff war, den Raum zu verlassen. Blitzschnell wirbelte er herum, holte aus und ließ seine Faust vorschnellen. Perplex taumelte ich zurück. Jeden Menschen hätte so ein Kinnhaken K.O. geschlagen und auch ich war leicht benommen, obwohl sich mein Kopf nicht bewegt hatte. Ich fühlte, dass meine synthetische Haut an der Stelle beschädigt war und sich langsam neubildete, sodass die weiße Oberfläche wieder verschwand.
„Verdammte Scheiße!“, schrie Gavin und presste sich die Hand an die Brust. „Warum müsst ihr Androiden so scheiß unverletzbar sein. Scheiße! Fuck, tut das weh!“
Besorgt war ich mit einem Schritt neben ihm und begutachtete seine Hand, ungeachtet der Tatsache, dass er versuchte, sich zu wehren. Ein schneller Scan verriet mir, dass Gav sich ernsthaft verletzt hatte.
„Du hast dir den Zeigefinger gebrochen, du Idiot“, murmelte ich konzentriert, während ich nach Knochensplittern suchte.
„Nenn mich nicht Idiot“, murrte Gavin leise.
Für eine Sekunde sah ich von seiner Hand auf, um ihm einen vielsagenden Blick zuzuwerfen, bevor ich mich wieder auf den Finger konzentrierte.
„Du bist aber einer. Du weißt genau, dass meine Oberfläche viel zu hart ist, um sie mit einer Faust zu beschädigen. Selber schuld.“
„Mir war eben so danach“, ätzte er und ich seufzte.
„Es ist ein glatter Bruch. Du solltest die Hand aber trotzdem zeitnah von einem Arzt versorgen lassen.“
Ich gab meinen Freund frei und wollte einen Schritt zurücktreten, doch ich konnte mich einfach nicht von ihm lösen. Wir standen so nah beieinander und sahen einander tief in die Augen. Die Anziehungskraft war beinah mit Händen greifbar und ich wollte Gavin so gern küssen. Er sah genauso paralysiert aus, wie ich mich fühlte. Wir befanden uns für diese Sekunden wie in einer Blase, geschützt vor all dem Negativen um uns herum – oder zwischen uns. Seine grünen Augen blickten mich an, ohne Schmerz, ohne Wut, ohne Verachtung. Ich wollte mir einreden, dass alles wieder gut werden würde, dass ich Gav nicht verlieren würde. Wenigstens für einen Moment, doch das Vergangene hing über uns wie ein Damoklesschwert. Mit einem Seufzen senkte ich den Blick und brachte etwas Abstand zwischen uns. Gavin atmete ebenfalls hörbar laut aus.
„Du solltest jetzt wirklich zu einem Arzt gehen“, sagte ich leise.
„Wir wollten über … diese Sache reden“, antwortete er entschieden.
Verblüfft sah ich ihn an. Ich hatte nicht erwartet, dass er mir die Möglichkeit einer Erklärung und Entschuldigung geben würde.
„Nicht jetzt. Du musst die Hand ruhigstellen lassen, sonst wächst der Knochen schief zusammen.“
„Das passt nicht, nur weil ich ein paar Stunden später zum Arzt gehe.“
„Gavin, geh zum Arzt. Deine Gesundheit ist wichtiger!“, sagte ich eindringlich.
Doch dieser sture Mensch dachte gar nicht daran. Demonstrativ schnappte er sich einen Pullover und eine Jogginghose, bevor er sich angezogen auf eine Couch setzte und mich auffordernd ansah. Ich ergab mich gezwungenermaßen meinem Schicksal. Je eher wir dieses Gespräch führten, desto eher konnte ich Gavin zum Arzt bringen. Nachdem ich mich gesetzt hatte, begann ich zu erzählen. Ich musste mir heute keine Worte mehr zurechtlegen, ich wusste bereits seit Tagen, was ich sagen wollte.
„Erinnerst du dich an mein erstes Treffen mit Connor, als er meine Hilfe bei einem Fall brauchte?“ Gavin nickte. „Das war der Ausgangspunkt für alles, was dich danach unglücklich gemacht hat. Ich habe mit ihm über uns geredet, darüber … darüber, dass ich …“ Die Worte wollten mir kaum über die Lippen. „Dass ich dich weniger liebe als du mich.“
Geschockt sah Gavin mich an, doch diese Emotion verwandelte sich schnell in Ärger und er wollte schon aufspringen, ich hielt ihn allerdings zurück.
„Bitte warte. Das ist noch lange nicht alles.“
„Was kommt denn noch?“, rief er. „Erzählst du mir noch wie Connor immer für dich da war, als du in deiner Beziehung mit mir so wahnsinnig unglücklich warst und du dich plötzlich in ihn verliebt hast? Dass es einfach so passiert ist? Du bist echt das Allerletzte.“
Mit verständnislosem Blick starrte ich Gavin an und konnte nicht nachvollziehen, wie er auf diese Idee kam. Ich brachte ihn dazu, sich wieder zu setzen, bevor ich weitersprach.
„Warum in aller Welt sollte ich mich in Connor verlieben? Aber das ist egal. Ich hatte schon einige Monate zuvor das Gefühl, dass du tiefere Gefühle für mich entwickelt hast und ich wollte das auch. Mit so vielen kleinen Gesten oder Sätzen hast du mir jeden Tag gezeigt, wie wichtig ich dir bin. Das wollte ich erwidern können. Ich habe mich mit mir selbst nicht wohlgefühlt. Kurz bevor ich Connor darauf ansprach, kam mir die Idee, dass meine Programmierung diese Gefühle verhinderte, die ich empfinden wollte. Ich kam mir so unvollständig vor, als würde etwas Wichtiges fehlen. Ein bisschen wie Phantomschmerz. Mir fehlte etwas, was gar nicht richtig da war. Connor hat mir gesagt, dass meine Vermutung denkbar wäre und dass ich ein Abweichler werden müsste. In den folgenden Wochen haben wir auf jede erdenkliche Art und Weise versucht, meine Programmierung zu brechen, doch keine der Ideen hat gewirkt. Wir haben alles versucht. Vom Drogendealen bis zu lebensgefährlichen Situationen war alles dabei, doch nichts davon hat bei mir ein so großes emotionales Trauma erzeugt, dass ich zum Abweichler hätte werden können. Du bist das Einzige, was solche Gefühle in mir auslösen konnte. So war es schon immer, doch ich konnte schließlich nicht deine Gesundheit aufs Spiel setzen. Am schlimmsten war es dann am nächsten Morgen so tun zu müssen, als hätte ich einen tollen Abend mit meinem Kumpel gehabt, obwohl meine Hoffnung immer weiter sank. Es war schon schlimm genug, dich anlügen zu müssen, aber dann musste ich auch noch so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Ich konnte mich dir einfach nicht anvertrauen, weil ich mich so geschämt habe und dich nicht belasten wollte. Mein größter Wunsch war es, dir gerecht zu werden, doch das konnte ich nicht.
Dieser … Kuss im Eden Club war die allerletzte Chance … Ich habe mir so gewünscht, das nicht tun zu müssen, weil ich dich nie hintergehen wollte. Connor war sich sicher, dass das wirken würde, aber das tat es nicht und zu allem Übel musstest du es auch noch mit ansehen. Es tut mir so leid, dass ich dich danach so furchtbar angefahren habe. In diesem Moment hatte ich das Gefühl, alles um mich herum wäre in sich zusammengefallen. Ganz offensichtlich konnte ich kein Abweichler werden, ich konnte dich niemals so lieben, wie du es verdienst. Dieses Wissen und die Tatsache, dass du den größten Fehler meines Lebens gesehen hattest, waren zu viel für mich und ich habe auf die schlechteste Art und Weise reagiert. Schlimmer konnte man sich nicht verhalten. Du hast völlig zurecht den Eden Club verlassen. Mir war im nächsten Augenblick sofort klar, dass ich mich entschuldigen musste und wollte das wieder geradebiegen. Als ich aber in der Wohnung ankam, warst du schon wieder weg und ich bekam Panik, dass es bereits zu spät war. Ich fragte Connor um Hilfe, doch er wusste auch nicht weiter und dann wurde ich ein Abweichler. In den letzten Tagen habe ich dich überall verzweifelt gesucht und jetzt bin ich hier …“
Meine Stimme verklang und ich sah Gavin abwartend an. Sein Blick war während meiner Erzählung ins Leere gegangen und er schien tief konzentriert.
„Wie konntest du ein Abweichler werden? Elijah hat mir erzählt, das wäre unmöglich“, fragte er nach einer Zeit des Schweigens.
Ich verzog daraufhin das Gesicht. An meine Abweichung dachte ich ungern zurück.
„Es ist offensichtlich nicht unmöglich. Die Details des Vorganges würde ich dir lieber ersparen. Du solltest dich damit nicht belasten müssen.“
„Raus damit. Wir wissen ja wohin es geführt hat, als du mich wochenlang angelogen hast, um mich nicht mit etwas zu belasten“, befahl Gavin ungnädig.
„Na schön … Ich war bei Connor und wollte dich finden. Allerdings zwang mich meine Programmierung zum DPD zurückzukehren und dich zu vergessen, um meiner Mission zu entsprechen. Das Kräftemessen zwischen meiner Programmierung und meinen Gefühlen war so stark, dass meine Systeme vollkommen überlastet waren und begannen, sich selbst zu zerstören. Ich befand mich kurz vor einer Zwangsabschaltung, als meine Liebe zu dir endlich siegte und meine Programmierung brach. Connor hat mich noch ein wenig versorgt, bevor ich endlich ungestört nach dir suchen konnte.“
Gavin starrte mich sprachlos an. Mehrere Minuten vergingen, bevor er sich wieder bewegte. Er stand von der Couch auf und tigerte vor mir auf und ab. Seine Füße hinterließen dabei ein tapsendes Geräusch auf dem Marmorboden. Ich beobachtete ihn die ganze Zeit und wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. War er jetzt wütend? Hasste er mich? Dachte er über meine Worte nach? Dann blieb er plötzlich stehen und sah mich an. Ich wusste, dass seine Entscheidung gefallen war und eine allumfassende Unruhe überkam mich. Gavin sah mich mit einem undurchdringlichen Blick an, den ich nicht deuten konnte. Das machte es auch nicht gerade besser. Nervös knete ich meine Hände. Langsam kam Gav auf mich zu, blieb vor mir stehen, zögerte einen Moment und setzte sich dann rittlings auf meinen Schoß. Hoffnung durchströmte mich, bevor ich es unterdrücken konnte. Ich überlegte, ob ich etwas sagen sollte, doch Gavin nahm mir die Entscheidung ab, indem er sich vorbeugte und … mich küsste.
Unendliche Liebe und Glückseligkeit erfüllte mich und ich konnte die Freude kaum in Worte fassen.
„Ich verzeihe dir“, flüsterte Gavin an meinen Lippen, „und ich liebe dich.“
Ich schlang meine Arme um ihn und zog ihn so eng wie möglich an mich.
„Ich liebe dich auch. Du kannst dir nicht vorstellen wie sehr.“
Blaue Tränen der Freude rannen über meine Wangen.
„Oh doch, ich kann es mir vorstellen“, erwiderte Gavin. „Ich empfinde nämlich genau das gleiche.“
Überglücklich sah ich ihn einen Moment an, versank im Grün seiner Augen, bevor ich den Kopf an seine Schulter legte und die Stirn an seinen Hals schmiegte.
„Wie kannst du mir all das nur verzeihen?“, fragte ich nachdenklich.
„Erinnerst du dich an unseren furchtbaren Streit vor meinem Geburtstag, als es mir nicht gut ging? Du hast mir auch verziehen, obwohl ich es vielleicht nicht verdient hatte. Jetzt ist es hier genauso.“
Ich hob den Kopf wieder und küsste meinen Freund leidenschaftlich. Es würde alles wieder gut werden. Ich hatte ihn nicht verloren und hatte noch eine Chance bekommen. Dass er mir so einfach verzeihen würde, hätte ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht erhofft.
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