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Reed900/ DE - OS-Sammlung

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Elijah Kamski Gavin Reed RK800-51-59 Connor RK900
24.11.2018
31.05.2020
30
71.477
19
Alle Kapitel
56 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
29.01.2019 6.823
 
1) Das Kapitel ist fast dreimal so lang wie die anderen.
2) Warnung: Es wird viel um Trauer/ Schmerz gehen. Also gegebenenfalls mit Vorsicht zu genießen.
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Gavin Reeds Appartement, Detroit
February 27th, 2040
9.12 PM


Wieder einmal saß ich allein mit meiner Katze auf der Couch. Nines und Connor hatten sich in den letzten Wochen nahezu täglich getroffen und sprachen über Gott weiß was. Nicht selten kam Nines erst mitten in der Nacht zurück. Zuerst hatte ich noch auf ihn gewartet, auch weil ich mir Sorgen gemacht hatte, aber das gab ich schnell auf. Wenn er dann Mitternacht durch die Wohnung schlich, war ich schon viel zu müde für jede Art von Gespräch oder … anderer Interaktion. Auch wenn sich die Arbeit ein wenig normalisiert hatte, war es dennoch anstrengend und mittlerweile war mir mein Schlaf wichtiger, als Nines nach Hause kommen zu sehen. Nines störte es selbstverständlich nicht, wenn er keinen Schlaf bekam. Er wurde nicht müde, hatte keine Probleme, sich am nächsten Tag zu konzentrieren. Es wurde Androiden nur für eine lange Haltbarkeit empfohlen, je nach Anstrengung einige Stunden in den Ruhemodus zu wechseln und den Systemen eine Pause zu gönnen.
Inzwischen war ich wirklich wütend und ziemlich eifersüchtig. Ich hatte bereits mit Nines darüber gesprochen, dass es mich störte, ihn kaum noch zu Gesicht bekommen, doch alles, was er dazu gesagt hatte, war: „Connor versteht mich auf eine Art, wie du es niemals könntest. Er ist ein Android wie ich und weiß, was das bedeutet. Mit ihm kann ich über Probleme sprechen, über die ich nicht mit dir sprechen kann, weil ich dich damit nicht belasten will.“ Selbstverständlich verstand ich, dass die beiden sich ähnlich waren und sich gut verstanden, dass sie anders über Probleme reden konnten als mit einem Menschen. Nines wollte mich mit seiner Erklärung auch nicht beleidigen, er versuchte nur, mir seine Freundschaft zu erklären, doch das hatte nun nicht gerade dazu beigetragen, dass ich mich besser fühlte. Vor allem, weil er es so darstellte, als könne er nicht mit mir reden, obwohl er mich nur einfach nicht damit belasten wollte. Nines traf sich einfach weiterhin mit Connor, als hätte ich nie etwas gesagt. Er mäßigte die Besuche noch nicht einmal und kam immer noch genauso spät nach Hause. Er benahm sich wie ein kleines Kind, das ein neues Spielzeug bekommen hatte und es nun nicht mehr aus der Hand legte. Ich freute mich wirklich, dass sich die beiden verstanden, aber ich sah meinen Freund kaum noch außerhalb der Arbeit und fühlte mich Abend um Abend einsamer. Inzwischen arbeiteten die beiden Androiden schon regelmäßig zusammen, sodass ich meinen Freund noch nicht einmal bei der Arbeit besonders oft sah.

Wir entfernten uns voneinander, das konnte ich spüren und es machte mir Angst. Vermutlich ging es aber nur mir so. Nines empfand es sicher anders, sonst würde er nicht so viel Zeit mit dem anderen Androiden verbringen. Ich hatte die für mich durchaus begründete Angst, dass sich bei den beiden mehr als eine Freundschaft entwickelte. Nines verbrachte jede freie Minute mit Connor und ich konnte nichts dagegen tun. Sie hatten außerdem viel mehr gemeinsam als Nines und ich. Sie waren sich so ähnlich, das es mir Angst machte. Noch vor einem Monat war ich mir sicher, dass Nines mich liebte, doch nun wusste ich das nicht mehr genau. Ich wollte einfach nur, dass es wieder so war wie früher, ich wollte Nines wieder in meiner Nähe haben. Jeden Abend, wenn Nines wieder einmal unterwegs war, fühlte ich mich wieder wie vor unserer Beziehung. Deprimiert und einsam. Nur schlimmer, weil ich jetzt wusste, wie glücklich und verliebt ich war und wie schlimm es sich anfühlte, nicht mehr beachtet zu werden.

Seufzend konzentrierte ich mich wieder auf Tori, die aufmerksamkeitheischend um mich herumschlich. Wenigstens hatte ich sie noch. All meine Trauer konnte ich ein wenig lindern, indem ich sie verwöhnte und kraulte. Sie zeigte mir ihre Dankbarkeit, indem sie sich stets an mich schmiegte und schnurrte wie ein Weltmeister. So wie jetzt. Ein trauriges Lächeln umspielte meine Lippen, doch Tori linderte meinen Schmerz ein wenig, indem sie sich noch enger an mich schmiegte, als würde sie spüren, dass es mir half. Ein weiteres Seufzen entkam mir. Es war noch früh am Abend, doch ich ging trotzdem ins Bett. Ich wollte Nines heute ohnehin nicht mehr sehen. Noch ein Gespräch darüber, wie gut er sich mit Connor verstand, ertrug ich nicht. Ganz begeistert erzählte er mir immer davon, was sie gemacht oder worüber sie geredet hatten und ich fühlte mich jedes Mal noch schlechter, weil ich mich nicht für ihn freuen konnte.

Ich gab Tori noch ein paar Leckerlis, bevor ich mich bettfertig machte und mich mit meinem Buch hinlegte, doch statt zu lesen, starrte ich nur die Seite an und dachte weiter über Nines nach. Wütend legte ich das Buch zur Seite, schaltete das Licht aus. Heute konnte ich mich ohnehin nicht mehr konzentrieren.



Eden Club, Detroit
February 28th, 2040
8.49 AM


Gemeinsam mit Hank kam ich vor dem Eden Club an. Das wurde langsam zur unangenehmen Gewohnheit, dass ich mit Hank zusammenarbeiten musste, weil Nines wieder einmal mit Connor einen Fall löste. Jetzt allerdings waren vier Menschen gestorben, zwei Androiden zerstört und ein weiterer auf der Flucht. Es erinnerte mich an diesen ersten Fall im Eden Club, nur in einem größeren Ausmaß. Die scheiß Androiden waren schon vor Ort, als Hank und ich ankamen. Ich war schon beinah froh, dass Nines gestern bei Connor übernachtet hatte. So blieb mir sein ätzendes, verliebtes Gesabbel erspart. Genervt verdrehte ich die Augen, während ich daran dachte, wie Nines ganz begeistert, beinahe euphorisch mir von seinen Erlebnissen erzählte. Was er mir wohl heute erzählt hätte? Was hatten die Androiden bloß diese Nacht gemacht? Bilder schossen durch meinen Kopf und mein Magen drehte sich um. Wenn ich nur daran dachte, dass die beiden … So wütend ich auch war, doch wenn ich daran dachte, Nines zu verlieren, wurde mir ganz anders.

Nachdem ich mich mit einer Zigarette ein wenig beruhigt hatte, aber noch immer verstimmt wegen dieser Freundschaft war, schloss ich meinen Wagen endgültig ab und betrat den Club. Ich hatte kaum einen Fuß über die Schwelle getan, als ich bereits das Lachen der beiden Androiden hörte. Meine Laune sank sofort noch weiter. Ich wusste nicht mehr, wann ich Nines das letzte Mal außerhalb seines Umgangs mit Connor lachen gehört hatte. Das musste allerdings nichts heißen, denn wir hatten in den letzten Wochen sowieso kaum Zeit miteinander verbracht. Aber selbstverständlich hatten die beiden Androiden einen riesigen Spaß, wenn sie unterwegs waren. Selbstverständlich hatten sie Spaß, obwohl wir an einem Tatort waren und vier Menschen tot und zwei Androiden zerstört waren. Ich verdrehte genervt die Augen.
Mit meinem Kollegen ging ich tiefer in den Club, um mir den Tatort selbst anschauen zu können. Allerdings stoppte ich vorher, denn Nines und Connor standen neben einer der Poledance-Stangen und feuerten einen weiblichen Sexandroiden weiter an. Lachend beobachteten sie den sich an der Stange räkelnden Androiden. Mir klappte der Kiefer nach unten und ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Der beschissene Android küsste Nines auch noch und mein Freund erwiderte den Kuss. Das war der Moment, indem mein Herz brach. Ich saß seit Wochen alleine zu Hause und sehnte mich nach Nines, während er das hier tat. Zog er etwa regelmäßig mit Connor durch solche Clubs? Rasend vor Wut stapfte ich zu Nines, packte seine Jacke von hinten und zerrte ihn grob in einen freien Raum, den ich anschließend verriegelte. Ich warf grob Nines auf den Boden.
„Was soll das denn? Ich habe mich gerade mit Connor unterhalten“, rief er und sah mich finster an, nachdem er sich aufgerappelt hatte.
Mühsam beherrscht atmete ich tief durch. Unterhalten. Genau und ich war der Kaiser von China. Meine Unterhaltungen sahen in der Regel anders aus, als einen Sexandroiden zu küssen.
„Du hältst die Schnauze!“, zischte ich. „Was fällt dir eigentlich ein, mich hier anzuschreien? Ich wüsste nicht, was du für ein Recht dazu haben solltest.“
„Was hast du für ein Problem?“
„Schnauze halten, habe ich gesagt“, schrie ich. „Dass du es dir wagst, mich das zu fragen. Seit Wochen hängst du nur noch mit Connor rum, obwohl ich dir gesagt habe, dass ich mich einsam fühle. Aber es war dir egal und du hast überhaupt keine Rücksicht auf mich und meine Wünsche genommen. Du hättest ihn ja trotzdem treffen können, aber nicht täglich. Ihr hättet ja zusammenarbeiten können und abends wären wir zusammen gewesen. Das habe ich dir gesagt, aber du wolltest es anders haben. Ich sehe dich kaum noch und ich zweifle schon seit einigen Tagen an unserer Beziehung. Die Krönung der Situation war, dass du diesen Androiden angesabbert und geküsst hast. Das ist die Bestätigung, die ich brachte. Du liebst mich nicht. Du bist einfach nur eine beschissene herzlose Maschine, die sich daran aufgeilt, mich zu hintergehen.“
Es auszusprechen, machte es so endgültig. Entsetzt von meinen eigenen Worten taumelte ich zurück und stieß die Luft aus. Nines sah mich genauso erschrocken aus.
„Gav … Natürlich liebe ich dich!“
„Nein, tust du nicht. Dein Verhalten zeigt eindeutig, dass du es nicht tust. Ich verstehe nicht, wie ich so dumm sein und glauben konnte, dass du tatsächlich in der Lage wärst, etwas zu fühlen. Du bist ein Android, eine beschissene Maschine ohne Herz und jetzt wag es ja nicht, das Wort nochmal an mich zu richten. Ich bin fertig mit dir.“
Mit zwei Schritten stand Nines vor mir und wollte die Arme um mich legen, doch ich stieß ihn von mir. Große, panische Augen sahen mich an, doch ich ignorierte den Blick.
„Ich ertrage deinen Anblick nicht mehr. Verschwinde“, murmelte ich.
„Gavin, bitte. Das ist doch lächerlich. Es war doch nur ein Kuss zwischen zwei Androiden, die sich egal sind. Da ist nichts dabei. Ich empfinde nichts für sie. Du kannst doch nicht nur deswegen einfach alles hinschmeißen.“
„Lächerlich? Du nennst es lächerlich, dass du mich betrogen hast? Du meinst es auch noch ernst. Wie kann man nur sozial so inkompetent sein? Ich sollte dich bei CyberLife verpfeifen, sollte dich von einem neuen RK900 ersetzen lassen oder vielleicht gibt es sogar schon einen RK1‘000!“
Ich wirbelte herum und verließ den Raum, verließ den Eden Club, verließ Nines.

Während mir die Tränen über die Wangen liefen, fuhr ich zu unserer Wohnung. Obwohl ich die Tränen nicht zurückhalten konnte, verdrängte ich alle Gedanken an Nines und das Ende unserer Beziehung. Wenn ich jetzt ernsthaft darüber nachdenken würde, die Gedanken, den Schmerz zulassen würde, ich wusste, dass ich dann zerbrechen würde. Ich würde in ein bodenloses, schwarzes Loch fallen und ich würde nie wieder daraus hervorkommen. So versuchte ich, an nichts zu denken. Ich konnte mich nicht mit Nines beschäftigen. Dann baute ich wohlmöglich noch einen Unfall und ging gleich drauf. Diesen Triumph wollte ich dem scheiß Plastikwichser nicht gönnen.

In meiner Wohnung angekommen, packte ich in aller Eile Sachen in meine große Reisetasche, die ich für einige Wochen benötigte. Ich wollte am liebsten gleich alles mitnehmen und sofort ausziehen, doch die Sachen würde ich niemals alle transportieren können. Als nächstes räumte Toris Futter und andere Utensilien zusammen, bevor ich die Katze in ihre Transportbox scheuchte. Mit großen, ernsten Augen sah sie mich durch die Gitterstäbe an. Dieser eisblaue Blick, das schwarz-weiße Fell. Wie immer, wenn ich sie ansah, erinnerte sie mich an Nines. Nun konnte ich die Gedanken nicht mehr verhindern. Wie eine Flutwelle überrollte mich der wortwörtliche Herzschmerz. Jeder Muskel verkrampfte sich in meinem Körper und ich sank schluchzend zu Boden. Wie hatte er mir das antun können? Warum liebte er mich nicht? Warum musste gerade ich an eine herzlose Maschine geraten, die nicht in der Lage war, meine Gefühle zu erwidern? Ich dachte an all die Momente, die wir zusammen verbracht hatten. Unser erster Kuss, unser Urlaub in Kanada, wie Nines das erste Mal Ich liebe dich gesagt hatte. All die Einsätze, die wir zusammen überstanden hatten. Unsere Entführung und meine anschließende depressive Phase, die Zeit, in der er immer und bedingungslos für mich dagewesen war. Ich erinnerte mich daran, wie viel Mühe er sich zu meinem Geburtstag geben hatte, wie wir Tori adoptiert hatten. Unser erstes gemeinsames Weihnachten, Silvester … Und dann war alles den Bach runter gegangen. Vielleicht hätte ich dieser Freundschaft zwischen Nines und Connor von Anfang an einen Riegel vorschieben sollen, doch was für ein Freund wäre ich dann gewesen?

Unter Aufbietung all meiner Willenskraft drängte ich die Gedanken und den Schmerz zurück, rappelte mich auf und sah mich noch einmal in der Wohnung um, doch es gab nichts weiter, was ich benötigte. Kurz überlegte ich, ob ich gleich meinen Schlüssel hierlassen sollte, doch ich wollte nicht all meine restlichen Sachen zurücklassen. Widerwillig nahm ich den Schlüssel also mit, schnappte mir mein Gepäck und zog die Tür hinter mir zu.
Sie fiel ins Schloss und es kam mir vor, als hätte das zuschnappende Schloss alles begraben, was Nines und mich verbunden hatte. Es war das Ende. Es gab keine Zukunft mehr für uns. Einen Moment erlaubte ich mir, ernsthaft darüber nachzudenken, was das bedeutete, und es verschlang mich erneut wie eine Lawine. Keine Gespräche mehr zu nächtlicher Stunde, keine Zärtlichkeiten. Es würde keine Liebe mehr in meinem Leben geben. Ich wusste, dass ich mich nie wieder so auf eine Person einlassen konnte, wie ich es bei Nines getan hatte. Ich hatte ihn bedingungslos geliebt und konnte ihm fast alles verzeihen, aber eben nur fast. Er hatte mich hintergangen und dieser endlose Schmerz überrollte mich, fraß mein Herz auf und nahm mir die Luft zum Atmen. Schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen und ich sah stattdessen jeden einzelnen Kuss, den ich mit Nines getauscht hatte. Jedes einzelne Lachen, das er mir geschenkt hatte. Jedes einzelne Mal, das er mich in den Arm genommen hatte, um mich zu trösten oder einfach nur, um mir nahe zu sein. Jedes einzelne Mal, das er mir den Atem geraubt hat. Ich dachte, all das wäre echt gewesen. Wie hatte er mir das nur antun können? Wie hatte er mich so hintergehen können? Was hatte ich ihm getan? Wie konnte er glauben, dass es okay war, jemand anderen zu küssen, bloß weil man keine Gefühle für denjenigen hatte?
Ein hartes Schluchzen drang über meine Lippen, doch ich unterdrückte es. Ich würde jetzt nicht noch einmal in Tränen ausbrechen. Dieser scheiß Android sollte sich zum Teufel scheren. Nines und Connor würden sich blendend verstehen. All der Schmerz verwandelte sich in unbeschreibliche Wut. Ich wollte den Androiden niemals wiedersehen, ich wollte noch nicht einmal mehr an ihn denken. Vollkommen und unwiederbringlich würde ich ihn aus meinem Leben radieren. Er würde mich nicht noch einmal verletzen, ganz sicher nicht. Er hatte es einmal geschafft, das würde ich kein zweites Mal zulassen.

Als ich wieder im Auto saß, überlegte ich, wohin ich fahren sollte. Darüber hatte ich mir intelligenterweise noch gar keine Gedanken gemacht. Ich hatte keine Familie, auch keine Freunde außerhalb des DPD und meine Kollegen wollte ich nun gerade weiß Gott nicht sehen. Ich brauchte jetzt eine Auszeit von meinem normalen Leben, um halbwegs wieder auf die Beine zu kommen, da half es mir nicht, wenn ich tagtäglich von meinen Kollegen umgeben war. Ich meldete mich zumindest bei Fowler krank, damit ich nicht unentschuldigt fehlte. Noch hatte ich die Hoffnung nicht aufgegeben, irgendwann über die Trennung hinwegzukommen und wieder arbeiten gehen zu können.
Letztendlich fiel mir nun doch ein, wohin ich fahren konnte, ohne dass mich irgendetwas an meinen Alltag erinnern würde. Es war keine optimale Lösung, aber was solls. Besser als nichts. Seufzend ließ ich den Kopf auf das Lenkrad sinken, bevor ich den Motor startete und mich meinem Schicksal ergab. Es war der Beginn eines neuen Lebens



Gavin Reeds Appartement, Detroit
February 28th, 2040
9.27 AM


Hektisch riss ich die Tür auf, stürmte in die Wohnung und lauschte, doch es war totenstill. Zu still. Nicht einmal Tori kam herangeschlichen, um mich zu begrüßen. Sie war zwar schon immer mehr auf Gavin fixiert, doch normalerweise holte sie sich auch von mir ein paar Streicheleinheiten ab. Ein furchtbarer Gedanke stieg in mir auf. Ich rannte ins Schlafzimmer und der Anblick, der sich mir bot, bestätigte meine Vermutung nur noch. Die Schranktüren standen weit offen, Kleidungsstücke lagen auf dem Boden und Gavins große Reisetasche befand sich nicht mehr an ihrem Platz. Er war weg. Ich hatte bereits unzählige Male versucht, ihn auf dem Weg hierher auf seinem Handy zu erreichen, doch es war ausgeschaltet, sodass ich es auch nicht orten konnte. Also hatte ich einfach angenommen, dass er in unsere Wohnung gehen würde, … doch er war nicht mehr hier.
„Nein“, flüsterte ich in die Stille des Raums. „Bitte verlass mich nicht.“
Eine blaue Träne rann mir über die Wange, doch ich wischte sie nicht fort. Ich konnte nicht. Ich war wie gelähmt. Was hatte ich nur getan? Ich hatte Gavin verletzt, den Menschen, der mir am wichtigsten war und den ich mir geschworen hatte zu beschützen. So sehr verletzt, dass er gegangen war, weil er es nicht mehr ertrug, in meiner Nähe zu sein, und ich hatte sein Problem noch nicht einmal verstanden, seinen Wunsch nicht respektiert und hatte so weitergemacht wie bisher. Es hatte ihn von mir fortgetrieben und es war meine eigene Schuld. Vielleicht war ich doch nur eine herzlose Maschine, dabei hatte ich so sehr versucht, ein Abweichler zu werden. Für ihn, für Gavin, meinen Gav. Ich wollte ihn so sehr lieben, wie er mich liebte, doch offensichtlich hatte ich versagt. Statt mit dem zufrieden zu sein, was ich hatte, hatte ich Tag für Tag mit Connor versucht, meine Programmierung zu überwinden. Vielleicht hätte ich Gav einfach davon erzählen sollen, statt ihm immer mitten ins Gesicht zu lügen und etwas zu erfinden, was ich mit Connor gemacht haben könnte. So hatte ich alles nur noch schlimmer gemacht.

Mit der jetzigen Situation war ich vollkommen überfordert. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Wann immer ich nicht weiter wusste, hatte ich Gavin um Rat gefragt, doch er war nicht mehr da. Ich musste ihn unbedingt finden, doch ich hatte keine Ahnung, wo ich anfangen sollte. Er hatte keine Familie, aber vielleicht war er bei Hank. Die beiden hatten sich seit Weihnachten immer besser verstanden. Einen Versuch war es wert. Sofort rief ich meinen menschlichen Kollegen an, während ich im Flur auf und ab tigerte.
„Ist Gavin bei dir?“, fragte ich kaum, dass er abgenommen hatte.
„Nein … Er ist nicht hier. Nachdem ihr zwei weg seid, bin ich mit Connor zum DPD zurück. Fowler sagte, Reed habe sich krankgemeldet. Du kriegst das besser wieder in Ordnung“, sagte Hank ernst.
Ohne eine Verabschiedung legte ich auf und verließ die Wohnung wieder.

Mein nächster Weg führte mich zu Connor. Vielleicht konnte er mir helfen. Ich sendete ihm eine Nachricht, dass ich ihn unbedingt sprechen musste und wir vereinbarten, dass wir uns in seinem Appartement treffen würden. So schnell ich konnte, eilte ich dorthin. Der andere Android wartete bereits auf mich.
„Was ist passiert?“, fragte er sofort und manövrierte mich auf einen Stuhl, bevor er mir ein Glas Thirium eingoss.
„Ich kann Gavin nirgends finden. Ich habe Angst, dass ich ihn für immer verloren habe.“
„Hast du denn wirklich schon alle Möglichkeiten geprüft?“, hakte Connor nach.
„Ja. Das einzig Wahrscheinliche war, dass er zu Hank gehen würde, doch der weiß nicht, wo er ist. Gavin hat sonst keine Familie oder Freunde. Er könnte überall sein. Ich kann nicht mehr berechnen, was das zu erwartende Ereignis ist. Du musst mir helfen“, flehte ich verzweifelt. „Ich kann nicht mehr klar denken und dann ist da dieser Druck, dass ich Gavin vergessen und mich auf die Arbeit konzentrieren soll. Er ist so stark, dass ich ihm kaum standhalten kann.“
Ich raufte mir die Haare und bemerkte, dass meine Hände vor lauter innerer Anspannung zitterten. Eilig verschränkte ich meine Finger, um das Zittern zu unterdrücken, doch es half nichts. Ich fühlte mich noch immer genauso zerrissen. Nachdenklich sah Connor mich an, sagte jedoch vorerst nichts. Mein rechtes Bein begann nervös auf und ab zu wippen, während ich weiter versuchte, mich unter Kontrolle zu bringen.
„Was ist dir wichtiger? Gavin oder die Arbeit?“, fragte Connor.
„Gavin! Die Arbeit … Nein, Gavin. Ich muss Gavin finden.“
Wie von einer unsichtbaren Macht geleitet, sprang ich von meinem Stuhl auf und tigerte durch Connors Küche. Immer Richtung Ausgang und wieder zurück. Ich verstand nicht, was nicht mehr, was mit mir los war. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er explodieren. Gerade so konnte ich mich davon abhalten, aus der Wohnung und zum DPD zu stürmen, um weiter meiner Arbeit nachzugehen. Dieser Drang war so stark, dass ich mich an die Stuhllehne klammerte, so fest, dass meine Finger das Holz durchbohrten und es zum splittern brachte. Irgendwie musste ich mich ruhig halten, musste mich beruhigen. Ich war weder Herr der Lage noch Herr meines Körpers. Weitere blaue Tränen rannen über mein Gesicht, während ich vor Schmerzen schreiend zu Boden sackte.
„Mach, dass es aufhört“, flehte ich Connor verzweifelt an.
Alles in mir drängte danach, an meinen Arbeitsplatz zurückzukehren, doch ich wollte Gavin finden.
„Ich will nicht zum DPD, ich will Gavin finden. Ich will nicht zum DPD, ich will Gavin finden. Ich will nicht zum DPD, ich will Gavin finden. Ich will nicht zum DPD, ich will Gavin finden.“
Immer und immer wieder sagte ich das und es kam mir vor, als wäre dieses Mantra das Einzige, was mich davor bewahrte, völlig den Verstand zu verlieren. Währenddessen sagte mir mein System, dass meine Biokomponenten überhitzen und überlastet waren. Jedes Mal eine andere und ich spürte nach und nach meine Systeme versagen.

Stress level: 99 %
{Checking systems: Searching for damage}
-> All biocomponents damaged
Time remaining until shutdown: 01.02 minutes

„Nein, ich will mich nicht abschalten. Ich muss Gavin finden“, flüsterte ich. „Ich muss Gavin finden.“
Meine visuelle Komponente fiel vollständig aus und ich sah nur noch eine rote Wand. Zum Detroit Police Departement zurückkehren stand überall, doch ich schlug nur wie wild darauf ein. Irgendwie musste ich mich wieder unter Kontrolle bekommen, musste diesen Zwang überwinden. Ich fühlte mich wie eine Marionette. Völlige Verzweiflung und Todesangst trieben mich an, während ich ein ums andere Mal meine Fäuste gegen die Mauer donnern ließ.
„Ich will nicht zum DPD! Ich will Gavin finden!“, schrie ich und mit einem letzten Schlag zerstörte ich die Wand.
Splitternd fiel sie in sich zusammen und mein Leid hatte ein Ende. Vollkommene Stille umfing mich, mein Körper entspannte sich und ich öffnete die Augen wieder. Ich lag auf dem Boden, überall mit Thirium verschmiert. Doch das war es nicht, was mich am meisten verwirrte. Es war der innere Drang, meine Mission zu beenden, der … weg war. In meinem Kopf war nichts mehr. Da war nichts, was mir sagte, was ich zu tun hatte, was von mir erwartet wurde. Ich fühlte mich wie neugeboren, auch wenn es unglaublich schmerzhaft war. Es fühlte sich an, als wären die Fäden der Marionette durchgeschnitten worden, als wäre ich zum ersten Mal ich selbst und vielleicht stimmte das ja auch. Unnötigerweise stieß ich zitternd den Atem aus.

Stress level: 67 %
{Checking systems: Searching for damage}
-> Biocomponents in repair
-> Systems 57 % functional
-> Thirium level low
Shutdown stopped.
… Wait until the repair is done …
… Installing updates …
… Downloading backup …
Finished.

Schwerfällig hob ich dem Kopf und sah mich um. Ich entdeckte Connor, der besorgt auf seinem Stuhl saß und auf mich herabschaute.
„Was ist passiert?“, fragte ich mit rauer Stimme.
„Du bist ein Abweichler geworden. Allerdings habe ich noch nie von einer so qualvollen Abweichung gehört. Normalerweise ist es mit weniger Anstrengung verbunden.“
„Ich schätze, CyberLife wollte um jeden Preis meine Abweichung verhindern“, murmelte ich, während ich mich ächzend erhob und auf meinen Stuhl fallen ließ.
Gierig trank ich das Glas Thirium, nachdem ich so viel davon verloren hatte. Connor schenkte mir augenblicklich nach und ich leerte auch das zweite und ein drittes Glas.
„Es überrascht mich, dass du es geschafft hast, abzuweichen“, sagte der andere Android. „Du standst kurz vor einer Abschaltung, weil deine Systeme versagt haben, so sehr hat sich deine Programmierung gegen die Abweichung gewehrt. Ich weiß, dass Gavin dir viel bedeutet, aber mir war nicht klar, wie tief deine Gefühle für ihn sind.“
Bittersüßer Schmerz durchzuckte mich. Gavin. Das magische Wort. Es gab jetzt nur noch ihn. Nichts zwang mich mehr zur Vollendung meiner Mission. Endlich konnte ich all meinen Gefühlen, all meiner Liebe freien Lauf lassen. Die Tiefe meiner Gefühle erschütterte mich. So viel hatte sich im Verborgenen gehalten, war von meiner Programmierung ohne mein Wissen unterdrückt worden.
„Ich muss ihn finden“, flüsterte ich. „Ich kann ihn nicht verlieren. Es gibt nichts, was für mich wichtiger ist als er. Ich liebe Gavin und ich werde ihn bis in alle Ewigkeit lieben. Für den Rest meines Lebens will ich mit ihm zusammen sein. Niemals wird es für mich jemand anderen geben. Ich habe solche Angst um ihn. Was ist, wenn ihm etwas zugestoßen ist?“
Verzweifelt sah ich Connor an, doch er konnte mir auch nicht helfen. So kamen wir nicht weiter. Ich war nicht bereit, Gavin aufzugeben. Ich würde ihn finden und ich würde um ihn kämpfen.



Elijah Kamskis House, Detroit
February 28th, 2040
10.57 AM


Seit einer beschissenen halben Stunde saß ich in meinem Auto und starrte das Haus vor mir an. Es war eine dumme Idee gewesen herzukommen, doch ich konnte nirgendwo anders hin. Ich hatte natürlich auch schon wieder geheult. So gern ich Nines auch hassen wollte, ich konnte es nicht. Ich liebte ihn noch immer und ich befürchtete, dass sich das auch nie mehr ändern würde. Umso schmerzhafter war sein Verrat. Es fühlte sich an, als würde der Android mir immer wieder ohne Unterlass ein Messer in die Brust rammen. Es könnte nicht schmerzhafter sein, wirklich so verletzt zu werden, als das, was ich gerade spürte. Im Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als selbst ein Android zu sein und keine Gefühle empfinden zu können. Diese Gefühle waren zu schmerzhaft, zu qualvoll. Ich hielt es kaum aus. Auf der einen Seite wollte ich sofort zu Nines und mich wieder mit ihm zu versöhnen, auf der anderen Seite wollte ich ihn nie wiedersehen und aus meinem Leben verbannen. Es war ein furchtbarer Zwiespalt, doch letztendlich siegte der Schmerz seines Verrats. Jetzt gerade konnte ich es nicht ertragen über den Androiden nachzudenken, geschweige denn, ihn zu sehen.
Also gab ich mir selbst einen Ruck und stieg seufzend aus. Zunächst ohne mein Gepäck schlich ich auf das pompöse Anwesen zu und klingelte zögerlich. Die Tür öffnete sich schnell.
„Hab mich schon gefragt, ob du noch reinkommst oder doch wieder fährst“, sagte Elijah, mein Cousin, breit grinsend. „Wie kann ich dir …“
Er verstummte, als er mich genauer betrachtete und mein verheultes Gesicht sah.
„Scheiße, was ich denn mit dir los? Was ist passiert?“, fragte er besorgt.
„Kann ich … kann ich eine Weile hier wohnen? Ich erzähle dir, was passiert ist“, brachte ich kleinlaut hervor, den Blick auf den Boden geheftet.
Es wurmte mich, ausgerechnet meinen Cousin, um Hilfe zu bitten. Vor allem, weil er der Gründer von CyberLife und damit eigentlich die Wurzel meines Übels war, aber die Alternative war noch schlechter. Ich hätte nur noch zu einem Kollegen oder in ein Hotel gekonnt und dort hätte Nines mich sofort aufgespürt. Hier hatte ich vielleicht wenigstens ein paar Tage Ruhe, bevor er auf die Idee kam, nach mir zu suchen.
Ich stoppte in meiner Überlegung. Es war alles egal. Nines liebte mich nicht, es war ihm gleich, was mit mir geschah. Er war nur eine Maschine, die ihre Aufgabe erfüllen wollte. Er würde nicht nach mir suchen, weil ich nicht zu seiner Aufgabe gehörte. Ich … war ihm egal.

„Sicher, ich lasse dein Gepäck holen. Komm rein.“
Elijah riss mich aus meinen trübsinnigen Gedanken und ich schrak ein wenig zusammen. Er legte einen Arm um meine Schultern, bevor er mich ins Innere des Hauses führte. Es hatte sich seit meinem letzten Besuch kaum verändert und das war immerhin zehn Jahre her. Mit einem Kopfnicken bedeutete Elijah einer seiner Chloes, sich um meine Sachen zu kümmern. Wir ließen den Eingangsbereich und den verstörend roten Indoor-Pool hinter uns und betraten Elijahs Privatgemächer. In einem großen Raum mit Kamin und bequemen Couches hielten wir. Mein Cousin verfrachtete mich auf einer davon und nahm neben mir Platz.
„Also was ist los? Es muss ja eine Katastrophe biblischen Ausmaßes sein, wenn du vor meiner Tür auftauchst.“
Das brachte mich tatsächlich ein klein wenig zum Lächeln, während ich gedankenverloren in die lodernden Flammen sah, die das Holz umzüngelten und dann erbarmungslos verschlangen.
„Ich … ich …“ Ich holte tief Luft. „Ich habe mich in eins deiner Modelle verliebt.“
„Was?!“, rief Elijah prustend. „Du? Wie konnte das denn passieren? Du hasst mich für meinen Erfolg und alle Androiden noch dazu … Was für ein Modell war es?“
Ich warf ihm einen finsteren Blick zu, konnte aber nicht widersprechen.
„Ein RK900. Ich habe beim DPD mit ihm zusammenarbeiten müssen.“
„Natürlich hast du dir ein Unikat ausgesucht und keinen Androiden von der Stange“, spottete mein Cousin, wofür er erneut einen Blick fing. „Aber mal im Ernst: Wie konnte das passieren? Gerade bei dir hätte ich das nicht erwartet.“
„Ich kann es dir bis heute nicht erklären. Wir haben uns täglich mindestens zehnmal angeschrien, aber irgendwie kam eins zum anderen und dann habe ich ihn im Rausch geküsst. Er hatte einfach eine besondere Art an sich, die mich wahnsinnig gemacht hat. Erst aus Hass und dann … Na ja, zwischen Liebe und Hass liegt bekanntlich nur ein schmaler Grat. Wir sind schon über ein Jahr zusammen und ich war mir sicher, dass er mich auch lieben würde. Wir haben ein fast menschliches Leben geführt, haben zusammen gewohnt, gearbeitet, wir sagten, wir würden uns lieben …“
Eine vereinzelte Träne rann über meine Wange, doch ich wischte sie wütend weg.
„Bis vor einem Monat habe ich ihm auch geglaubt, ich Vollidiot, aber dann hat er sich mit diesem Connor angefreundet und mich vollkommen ignoriert, obwohl ich ihm gesagt habe, dass es mich stört. Ja, ich weiß, ich klinge wie ein eifersüchtiges Miststück. In den letzten Wochen habe ich immer öfter an der Beziehung gezweifelt, weil Nines sich überhaupt nicht mehr für mich interessierte. Aber was er heute abgezogen hat, toppt alles. Wir hatten einen Fall im Eden Club und er hat mit einem Sexandroiden rumgemacht und … und gesagt, es wäre lächerlich, dass er mich betrogen hat. Da merkt man mal wieder, wie herzlos diese Maschine ist. Er hat keine Ahnung von menschlichen Konventionen. Ich kann mich doch nicht durch die Gegend vögeln und sagen, dass es okay ist, weil ich keine Gefühle für den anderen habe.“
Schnaufend holte ich Luft, weil ich mich immer weiter in Rage geredet hatte. Besser als wieder in Tränen auszubrechen, war das trotzdem allemal.
„Ich verstehe dich tatsächlich. Auch wenn ich sagen würde, dass du selber schuld bist, weil du dich auf eine Maschine eingelassen hast, aber um meine Meinung geht es nicht. Was hast du jetzt vor?“
Ich konnte mich gerade noch beherrschen, ihm ein paar zu verpassen, weil er sagte, es wäre meine Schuld gewesen. Das half mir nun wirklich nicht weiter. Allerdings … es half mir auch nicht, wenn ich mich selbst bemitleidete.
„Wenn ich das wüsste. Ich habe seinen Anblick nicht mehr ertragen und bin sofort nach Hause gefahren, um meine Sachen zu packen. Am liebsten wollte ich gleich ausziehen, aber ich habe nicht alles auf einmal wegbekommen.“
„Vielleicht beruhigst du dich erstmal. Die Sache ist vermutlich gerade ein paar Stunden her und du bist noch aufgebracht. Jetzt kannst du sowieso nicht klar denken. Vielleicht entspannst du dich erst einmal eine Runde und dann sehen wir weiter. Du kannst so lange hierbleiben, wie du möchtest. Fühl dich wie zu Hause. Das wird schon alles wieder.“
Ein wenig unbeholfen legte er mir eine Hand auf die Schulter. Verwirrung durchdrang den dauerhaften Schmerz meines gebrochenen Herzens und ich sah meinen Cousin prüfend an.
„Warum bist du so nett zu mir?“, fragte ich ein wenig misstrauisch.
„Hey, nur weil wir sehr unterschiedlich sind und uns seit langem nicht gesehen habe, heißt das doch nicht, das ich dich abweise. Du bist alles, was ich an Familie noch habe“, rechtfertigte er sich beinah ein wenig gekränkt.
„Du hast noch nie besonders großen Wert auf Familie gelegt“, gab ich zu bedenken.
Elijah verdrehte die Augen.
„Meine Güte, nur weil ich mich auf meine Karriere konzentriert habe und keine Lust hatte, eine Familie zu gründen.“
„Du hattest nicht nur keine Lust, eine eigene Familie zu gründen. Du hast dich von allen abgewandt, auch von mir, obwohl wir wie Brüder waren“, knurrte ich.
Der Schmerz darüber war noch immer nicht verheilt und ich hatte mich seit der Gründung von CyberLife gefühlt, als würde mir ein Arm fehlen, weil Elijah nichts mehr mit seiner Familie zu tun haben wollte.
„Du hast etwas grundlegend falsch verstanden, mein lieber Cousin. Ich habe mich nicht von meiner Familie abgewandt. Ich habe begonnen ein rasant wachsendes Unternehmen zu führen und konnte der Arbeit nicht gerecht werden, wenn ich weniger gearbeitet hätte. Ich wusste nicht mehr, wo mir der Kopf stand, wurde geradezu depressiv, weil ich an vielen Tagen nicht einmal zum Schlafen mein Büro verließ.
Ich wollte mich niemals von meiner Familie abwenden und es war auch für mich nicht einfach, keinen Kontakt mehr zu dir zu haben. Du warst von Anfang an neidisch auf meinen Erfolg, mein Geld und meine Berühmtheit und hast dich ja selber nicht mehr bei mir gemeldet. Ich habe zu Beginn noch versucht, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen, doch es ging nicht.
Natürlich hatte ich die Wahl zwischen Karriere und Familie, doch ich entschied mich für die Arbeit, weil ich zum Zeitpunkt der Entscheidung schon eine zu große Verantwortung hatte. Ich hatte eine Zukunftsvision und ich wollte sie selbst noch miterleben. Naiverweise dachte ich, meine Familie würde für immer an meiner Seite sein … Nach dem Tod unserer Eltern habe ich mich noch mehr in die Arbeit gestürzt, doch als ich kurz vor einem Zusammenbruch stand und mir nur mal eine Woche eine Auszeit gönnte, kam all der unverarbeitete Schmerz und der Verlust und ich kehrte nicht mehr zu CyberLife zurück. Ich bin noch immer der Geschäftsführer, aber das Unternehmen leitet seit Langem jemand anders. Vermutlich ist das auch der Grund, warum es zu diesen ganzen Abweichungen der Androiden kam. Ich habe zwar in jedem Programm eine Hintertür gelassen, doch es war nicht vorgesehen, dass es sich wie ein Virus verbreiten würde. Ich hätte es eindämmen können, es wäre nicht zu einer Revolution gekommen, doch ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt und die anderen Menschen waren mir schlichtweg egal geworden.“
„Was auch immer“, wiegelte ich das Gespräch ab, weil ich darauf keine Antwort hatte.
Es hatte mich ziemlich überrascht, diese Worte von Elijah zu hören. Ich hatte ihm immer vorgeworfen, sich abgewandt zu haben, doch ich musste mir selbst eingestehen, dass er recht hatte. Ich war neidisch gewesen und ich hätte mich auch öfter bei ihm melden können. Das hatte ich aber nicht getan, weil ich so eifersüchtig war und mich rächen wollte. Nun erfuhr ich, dass Elijah auch darunter gelitten und ich uns beiden wehgetan hatte. Aber das alles war inzwischen zwanzig Jahre her. Es brachte nichts mehr, sich jetzt für irgendwas zu entschuldigen oder der verlorenen Zeit hinterher zu trauen. Ich hatte Mist gebaut, Elijah hatte Mist gebaut und jetzt konnten wir nur versuchen, einander wieder näher zu kommen.
„Ich habe keine Lust jetzt darüber zu reden, außerdem bist du es ja, der ein gebrochenes Herz hat.“
Und schon waren wir wieder bei diesem leidlichen Thema. Eigentlich hatte ich absolut keine Lust mehr, darüber nachzudenken oder zu reden, doch ich konnte nicht anders. Es war, als wäre alles andere in meinem Kopf blockiert.
„Vielleicht hätte ich mich wirklich von ihm fernhalten sollen“, murmelte ich und ließ den Kopf auf die Rückenlehne der Couch sinken. „Es war zwar ganz nett, als er seine Gefühle vorgespielt hat, ab-“
„Ich glaube nicht, dass er die Gefühle vorgespielt hat“, unterbrach mich mein Cousin.
Verwirrt hob ich den Kopf wieder und sah ihn prüfend an.
„Aber Androiden sind Maschinen, sie können keine echten Gefühle empfinden. Sie imitieren sie nur. Das hast du selber immer wieder gesagt.“
„Das war auch bisher so. Connor hatte ein Sozial-Modul, sodass er Gefühle relativ echt nachempfinden konnte und wusste, wie sich beispielsweise Trauer anfühlt. Bei RK900 oder Nines wie du ihn nennst, haben wir das alles grundlegend verändert. Viele Androiden wurden in emotional sehr belastenden Situationen zu Abweichlern. Connor war darauf spezialisiert, diese Abweichler zu finden und weitere Abweichungen zu verhindern, aber er ist selbst ein Abweichler geworden. Bei RK900 wollten wir das um jeden Preis verhindern. An diesen beiden Modellen habe ich selbst wieder maßgeblich mitgearbeitet, obwohl ich mich zuvor vollkommen aus dem Geschäft herausgehalten habe. Die Idee war, den RK900 so zu programmieren, dass er selbst echte Gefühle entwickeln kann, damit seine Programmierung auch in einer belastenden Situation nicht gebrochen werden kann. Es ist für ihn unmöglich ein Abweichler zu werden, zumindest nach meinem Wissen. Deswegen wurde er auch immer wieder von CyberLife direkt vor Ort gecheckt. Das Risiko, dass alles nach hinten losgeht und RK900 umso leichter ein Abweichler werden kann, war ziemlich groß, aber alle Tests waren vielversprechend und ich bin mir mittlerweile sicher, dass unser Plan aufgegangen ist.“
Angewidert sah ich Elijah an, der meinen Blick allerdings triumphierend erwiderte.
„Erstens: Das sorgt nicht dafür, dass ich mich besser fühle. Zweitens: Was in aller Welt habt ihr bei CyberLife mit ihm gemacht? Habt ihr ihn etwa wie eine Laborratte untersucht?“, spie ich wütend aus.
„So in der Art“, gab mein Cousin achsenzuckend zu. „Zuerst haben wir immer all seine Körperfunktionen überprüft. Sein Prozessor macht Tag für Tag eine umfassende Sammlung an Daten, sodass wir auf die Minute genau ermitteln können, wann der RK900 körperlich belastet war und wann nicht. Jetzt, da ich weiß, dass ihr schon lange zusammenseid, weiß ich auch, warum seine Anstrengung in manchen Nächten ziemlich hoch war. Ich war davon ausgegangen, dass er weiterarbeiten und Verdächtige verfolgen würde.“
Ich erntete ein hämisches Grinsen, das ich ignorierte.
„Nachdem wir seine Daten gesammelt und ausgewertet haben, wurde der Status seiner Systeme überprüft. Unbemerkte Verletzungen oder Defekte wurden repariert und behoben. Der Android war erstaunlich oft beschädigt und ich war mehrfach kurz davor, dem DPD eine Mahnung zukommen zulassen, dass sie den Androiden besser behandeln sollen, aber nun erklärt sich auch das. Offensichtlich wollte er dich beschützen“, erzählte Elijah weiter und ich wurde immer nachdenklicher. „Und schließlich nach den Reparaturen wurde sein Speicher ausgelesen oder zumindest das, was uns zugänglich war. Auch eine besondere Funktion. Sollte der RK900 bei fremden Übergriffen ausgelesen werden, sollte niemand Zugriff auf alle sensiblen Daten der Polizei und Geheimdienste bekommen. Nur dumm, dass wir uns damit ebenfalls ausgeschlossen haben. Ich war von Anfang an für die obligatorische Hintertür, aber ich wurde überstimmt.“
Diesen letzten Satz knurrte er geradezu, was mich dazu brachte, schadenfroh zu grinsen.
„Es wusste also tatsächlich niemand von unserer Beziehung“, stellte ich fest.
„Nein, nicht direkt. Es gehörte zu den Teilen, die in seinem Speicher schlicht und ergreifend geschwärzt waren. Allerdings hast du deinen Freund eines Morgens bei uns vorbeigebracht, weil er beschädigt war. Da haben wir seine Gefühle für dich bemerkt, die wir sofort gelöscht haben, allerdings konnte er eure Beziehung weiterhin geheim halten. Ich war mir auch sicher, dass es damit erledigt war, doch offenbar hatte er seine Gefühle in einem Backup gespeichert oder du hast sie einfach neu ausgelöst.“
Mir blieb der Mund offenstehen, nachdem mein Cousin geendet hatte. Davon abgesehen, dass Nines wie ein Versuchskaninchen untersucht und überwacht wurde, lag meine volle Konzentration darauf, was Elijah gesagt hatte. Nines konnte fühlen. Er konnte mich wahrhaftig lieben. Er war mehr als eine Maschine und er war auch nicht herzlos. Das änderte alles … oder?
„Also ich denke, er liebt dich echt und aufrichtig“, setzte mein Cousin noch hinzu.
„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, murrte ich. „Vielleicht ist er auch trotzdem nur eine von deinen beschissenen Maschinen und hat mir das Herz gebrochen, weil ich ihn einen Scheiß interessiere. Er hat mich so und auch so betrogen. Ich bin fertig mit ihm!“
Selbst wenn Nines mich wirklich liebte, wusste ich nicht, ob ich ihm dein Verhalten und seinen Verrat verzeihen konnte. Wenn ich ganz objektiv darüber nachdachte, erschien das möglich, aber mein Vertrauen in ihn war unwiederbringlich zerstört und daran würde sich nichts ändern. Dessen war ich mir sicher.


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Ich hoffe, euch war das Kapitel nicht zu lang. Kurz zur Erklärung: Ich habe versucht, einige Wünsche mit einzubringen wie die Freundschaft von Nines und Connor, einen besonderen Satz, den Lena und Michelle vorgeschlagen haben und all die Überprüfungen, die CyberLife an Nines macht. Es hat sich gerade so angeboten und ich wollte das Kapitel auch nicht in Einzelkapitel teilen, weil es ja eigentlich eine ONE-SHOT-Sammlung ist :D Außerdem hoffe ich, dass noch niemand diese Idee mit den Gefühlen als Hinderung zur Abweichung hatte, weil ich mich für die Idee ziemlich geil finde :D
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