Feuer und Klauen und Blut

von Thainwyn
KurzgeschichteDrama, Horror / P12
24.11.2018
24.11.2018
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A/N: Dies hier ist ein Beitrag zur Challenge 1 Beginn, 1 Ende, 1 Wort von Liz Tonks.
Meine Nummer war die Nummer 142, freuen. Dies hier ist zudem eine Art Fortsetzung zu dem OS Weiß und Gold und Grau.
Womöglich Triggerwarnung, weil… Blut, Gewalt.
Ort und Zeit: Wie letztes Mal – klassisch viktorianisches London/Siebenbürgen.





Feuer und Klauen und Blut





Das Biest scheint sich zu freuen, während es seine scharfen, schwarzen Klauen tiefer in mich gräbt. Ich ringe nach Luft, spüre, wie die Krallen an meinen Rippen entlangstreichen, sich weiter durch Leder, Stoff, Haut, Fleisch schneidend. Durch Muskeln und Sehnen und die viel zu dünne Fettschicht dazwischen. Das warme Blut quillt aus mir hervor, fließt auf das grobe Kopfsteinpflaster.
Die Luft ist kalt und klamm, nicht ungewöhnlich für November. Und eigentlich bin ich auf dem Heimweg gewesen, Mael zur Abwechslung mal allein mit dem Papierkram am Schreibtisch zurücklassend. Noch immer müssen die Ausmaße des Wasserschadens katalogisiert werden, und uns ist diese Aufgabe zugefallen, die uns meist bis in die späten Abendstunden hinein beschäftigt.
Beziehungsweise ist es tatsächlich mein Kollege gewesen, der mich davon überzeugt hat, ein wenig früher nach Hause zu gehen.
„Du siehst aufgewühlt aus, und deine Konzentration ist im Moment nicht die Beste“, hat er gesagt. „Du solltest nach Hause gehen.“
„Und Euch mit all dem hier allein zurücklassend?“ Ich habe gelacht, weil ich weiß, dass er solche Arbeit eigentlich lieber tut, als in den Straßen unterwegs zu sein – oder tatsächlich gegen übernatürliche Wesen vorgehen zu müssen. Kämpfen ist nicht seine Stärke, aber für die Polizei sind seine diplomatischen Fähigkeiten umso wertvoller.
Ich habe keinen Vampir umbringen müssen“, hat er trocken bemerkt. „Noch werde ich von ebenjenem verfolgt.“
„Lügner.“
Er hat geschnaubt und kurz eines seiner bitteren Lächeln gezeigt, den Kopf geschüttelt.
„Gut, vergiss den letzten Satz“, hat er gesagt. „Ich habe sie nicht umgebracht, und allein das ist ein ziemlich großer Unterschied. Also: Gehe nach Hause, du bist hier alles Andere als hilfreich.“
Ich habe schließlich nachgegeben und habe mich auf den Heimweg gemacht, insgeheim dankbar dafür, nicht mehr die bedrückende Umgebung des Reviers spüren zu müssen. Weiß und Gold und Grau wird von den roten Flammen verzehrt.

Und dann ist es gekommen, wie es immer kommt – aus den Schatten heraus hat mich ein Biest angesprungen, mich gegen die Wand geworfen und sich auf mich gesetzt.
Ich spüre seinen heißen Atem auf meinem Gesicht, als es mich anknurrt und menschliche Worte formt, die eigentlich unmöglich zu artikulieren sein sollten mit der langen Schnauze und dem Maul voller scharfer Zähne: „Du bist wertlos.
Sein dichtes Fell ist grauschwarz, und die grünen Augen mit den geschlitzten Pupillen brennen beinahe in der Dunkelheit. Es riecht entfernt nach Hund, mehr jedoch nach Moder und nach Grab.
Die Krallen an den Pfoten, die so sehr an menschliche Hände erinnern, schließen sich fester um meine Rippen, schneiden tiefer. Es sollte nicht möglich sein, dass ein noch heftigerer Schmerz durch meinen Körper fährt, doch ich würge auf.
Das Tier ist schwer; das Atmen bereitet mir Schwierigkeiten. Ich kann nicht genug Luft holen, um zu schreien oder um Hilfe zu rufen.
Ich muss mich selbst wehren.
Ich habe meinen Hut verloren, und Strähnen haben sich aus der Hochsteckfrisur gelöst, als ich gegen die Wand geprallt bin, aber mein geweihtes Messer ist noch an seinem Platz an meiner Hüfte.
Du bist nichts“, knurrt das Tier und vergräbt seine Hand tiefer.
Sehr weit komme ich jedoch nicht; kaum habe ich es geschafft, die Klinge zu ziehen, trifft mich etwas mit voller Wucht hart am Handgelenk. Das Messer gleitet klirrend zu Boden, schlittert noch ein Stück weiter weg, als habe es jemand getreten.
„Sieh an, sieh an, wen die Schuld erwischt hat!“
Ein Schauder überläuft mich, als ich die tiefe Stimme höre. Das erklärt natürlich, weshalb das Biest sprechen kann, obwohl es eigentlich nicht dafür geschaffen zu sein scheint.
Verdammter Zauberer.
Aus den Augenwinkeln sehe ich Stiefel und den Saum einer langen, weißen Robe.
Das Biest hört auf den Namen Schuld?“ fragt meine innere Stimme etwas ungläubig, während ich vor Schmerz aufstöhne. „Da war jemand aber besonders einfallsreich.
Als wenn es meine Gedanken gehört hat, hebt Schuld die andere Hand, legt sie beinahe sanft an mein Gesicht und bohrt dann seine Krallen in die weiche Haut. Ich will schreien, als es die Klauen nach unten zieht und es sich so anfühlt, als wenn mein Fleisch dabei in Streifen heruntergerissen wird, doch ich habe nicht genug Luft. Auf einmal sehe ich auf dem einen Auge nur noch rot, blinzele heftig gegen das scharfe Brennen an, bis mir klar wird, dass dies Blut ist.
Mein Auge!
Und dann versuche ich nur noch, die Hände zu heben, um es anzufassen; mein Kopf ist leer abgesehen von dem verzehrenden Schmerz und dem Gedanken an mein Auge.
Mein Auge! Oh Gott, ich bin blind, ich bin blind, ich bin blind!
Ich weiß nicht, ob ich weine oder lache oder schreie; ich spüre in diesem Moment nur mein eigenes, heißes Blut an meinem Gesicht hinunterlaufen. Der Geschmack nach Kupfer breitet sich auf meiner Zunge aus.
Du hast versagt.
Am Rande höre ich noch Schulds Stimme, und für einen Moment flackern vor meinem inneren Auge wieder Feuer auf. Gold und Weiß und Grau wird von den roten Flammen verzehrt.
Feuer.

Langsam schiebe ich meine Hand in meine Manteltasche, zucke währenddessen vor Schmerz zusammen, keuche auf. Schuld hechelt mir weiterhin ihren stinkenden Atem ins Gesicht, senkt ihr Maul auf meine Schulter hinab. Wahrscheinlich, um hinein zu beißen.
Mein Auge brennt, auch mein halbes Gesicht brennt wie Feuer, von daher wimmere ich nur auf, als das Biest mir tatsächlich in die Schulter beißt. Sehr vorhersehbar.
Mit bebender Hand ziehe ich die Streichholzschachtel aus meiner Manteltasche, bete darum, dass der Zauberer diese nicht sieht. Für einen Moment vergesse ich sie auch, als Schuld den Druck verstärkt und ich aufheule, als mein Knochen unter dem Gebiss bricht; sicherlich ist er gebrochen, woher sonst sollte dieser Schmerz kommen?
Schuld drückt ihre Nase gegen meinen Hals; mein eigenes Blut tropft warm auf meine Haut.
Du bist schwach.
Ich habe die Streichholzschachtel verloren; panisch taste ich danach, bekomme sie zu fassen, ehe sie mir wieder entgleitet. Ich wimmere auf, als Schuld ihren Griff wieder festigt und ich förmlich spüre, wie ihre Krallen gegen meine Rippen kratzen.
Wie von selbst schieben meine zitternden Finger die Schachtel auf, greifen hinein und lassen die Hölzer über die Wand neben mir fahren.
Ein leises Zischen sagt mir, dass mein Versuch von Erfolg gekrönt war, und auch Schuld schnuppert und dreht den Kopf.
Ich werfe die Hölzer auf ihr Fell, und auf einmal wird es heiß vor meinem Gesicht, und Schuld heult auf. Mit einem Satz ist sie von mir weggesprungen, jault und windet sich auf dem Boden, um die Flammen zu ersticken, die sie schon eingehüllt haben. Die Luft ist erfüllt von dem Gestank von verbranntem Haar, und ich kann nicht anders, als ein wenig zu lachen. Mühsam kämpfe ich mich auf die Beine.
Im nächsten Moment liege ich schon wieder auf dem Boden und frage mich zwischen all dem Schmerz dumpf, wie ich dorthin gekommen bin. Zumindest sind die Steine kühl. Meine Ohren klingeln von Schulds infernalischem Geheul, etwas trifft mich am Kopf. Etwas Silbernes blitzt in meinem Blickfeld auf, etwas Weißes rauscht vorüber, etwas Gold.


Es fühlt sich an wie ein Augenblick, doch als ich blinzele, ist es merkwürdig still. Schulds Geheul ist verstummt.
Sowohl das Biest als auch der Zauberer sind verschwunden, bemerke ich, als ich mich langsam aufsetze und die Umgebung betrachte. Alles tut mir weh, und auf allen Vieren kriechend beginne ich, mich dorthin zu bewegen, wo meine Dinge verstreut sind: Mein geweihtes Messer, die Streichholzschachtel und die Hölzer, mein Hut.
Kurz berühre ich mein linkes Auge, wische mit zittriger Hand das Blut aus ihm. Blinzele vorsichtig, wimmere leise auf, als selbst die Tränen auf meinen Wunden brennen. Ich glaube, dass ich durch einem roten Schleier hindurch sehen kann; sicher bin ich mir nicht. Vielleicht habe ich Glück gehabt und es doch nicht verloren.
Etwas unsicher auf den Beinen erhebe ich mich, zucke zusammen, als ich mir den Hut wieder aufsetze. Ich kann nur ein paar Schritte taumeln, ehe ich mich wieder an der Hauswand abstützen muss. Das Atmen ist von Schmerzen begleitet, und als ich meine Seite hinunterschaue, sehe ich dort das zerfetzte Leder meines Mantels, dunkel von meinem eigenen Blut.
Ich muss zurück zum Revier; ihnen sagen, dass der verdammte Zauberer wieder da ist. Kurz stelle ich mir vor, wie ich wohl mit meiner Aufmachung für sie alle dort aussehen mag, und grinse bitter unter Schmerzen.
Mael wird sich so freuen, mich zu sehen.


ENDE


A/N: Ein kurzes Outtake ist auf meinem Blog zu finden.
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