Mitstreiter

von LostSalia
GeschichteAllgemein / P16
23.11.2018
23.11.2018
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Dichter Nebel kroch über die Hügel; schlängelte sich zwischen den Bäumen hindurch; verschlang die Erde, die Steine und die Wurzeln. Das bloße Auge hätte niemals hindurchblicken können. Selbst die aufgehende Sonne, die sich als lichtgrauer Punkt am Himmel bloß erahnen ließ, drang nicht bis zum Boden durch. Der metallisch-süßliche Geruch von Blut und Verwesung lag in der eiskalten Morgenluft, während eine Frau sich auf ihre Ellenbogen hievte. Der matschige Boden unter ihr gab ein schmatzendes Geräusch von sich, ehe sie in einem Aufstöhnen die Kraft verließ und ihr Gesicht ungebremst in der Erde landete. Ein hasserfülltes Schnauben verließ ihre Lippen; der Geschmack nach Blut ließ ihren Magen verkrampfen.

Dann erschauderte sie. Eine Berührung in ihrem Genick; sanft wie ein Windhauch. Folgte ihrer Wirbelsäule, die abgemagerten Schultern. Unnatürlich.

„Du bist nicht stark genug, Liebes.“

Ein bedauerndes Flüstern; ein bloßer Hauch, der im Nebel vermutlich nicht zu sehen war. Tränen sammelten sich in ihren Augenwinkeln; so vertraut klang die Stimme in ihrem Ohr.
Die Frau ahnte, wer das Schlachtfeld heimsuchte. Man hatte Geschichten erzählt; sie hatten es als Gruselgeschichten abgetan; hatten sich darüber amüsiert wie naiv man doch sein musste, wenn man vor einem Gespenst Angst hatte. Wenn man dieses Hirngespinst wahnsinniger Überlebender glaubte. Ein Geist, der die Leichen wieder auferstehen lässt. Würdige Mitstreiter in seinem kommenden Krieg, den sie doch im Geheimen bereits seit Jahrtausenden bestritten.

Sie atmete schwer ein und aus; rasselnd verließ ihr letzter Atemzug ihre Kehle, blieb vom Rest der Leichen auf dem Schlachtfeld ungehört. Und dann ließ sie einfach los...

Sie hatte nicht bestanden.

An einer anderen Stelle bäumte sich ein Mann gegen den blutgetränkten Schlamm, stemmte den breiten Körper in die Höhe. Ein entzücktes Lachen war zu hören, als er sich letztendlich auf beide Beine kämpfte und sich seiner Lage besah. Wie lange hatte er schon hier gelegen? Sein Hals kratzte vor Trockenheit; selbst die feuchte Luft schien keine Linderung zu bringen. Schmerzen in seinen Ohren und der Brust, als er instinktiv danach griff, um sich seiner Verletzungen zu vergewissern. Ein Kichern neben sich ließ ihn herumfahren. Auch er hatte von dem Geist im Nebel gehört. Diesem Ding, das aus Leichen wieder Menschen machte. Ausgeblutete Hüllen, die anderer Wesen Blut trinken mussten, um selbst zu überleben.
Doch er war noch nicht tot.
Wenn es nach ihm ging, geschah das auch nicht so schnell.
„Du bist stärker.“

Erneut dieses Kichern gleich einem Kind. Wie kam ein Kind hierher? Und weshalb konnte er die eigene Hand vor Augen nicht sehen?
Er wandte sich um, suchte nach dem Ursprung des Lachens, doch fand nichts. Bloß den Nebel, der mit eisig kalten Fingern nach seinem letzten Bisschen Überlebenswillen griff. Ihn lockte, sich doch noch einmal in den Schlamm zu legen. Noch ein bisschen zu schlafen. Nur noch ein bisschen. Dann wäre es besser.

Erneut durchfuhr ihn ein Schmerz in der Brust und seine Hand schnellte an die Stelle, wo sein Herz schlug. Er bemerkte sofort, dass es zu langsam schlug; zu langsam für einen stehenden Mann, der soeben stundenlang gekämpft hatte. Bumm. Bum-Bumm...

„Ich kann dich leben lassen.“ Gehauchte Worte an seinem Ohr, doch als er sich danach umwandte, war da wieder nur der Nebel. „Ein ewiges Leben.“ Noch einmal fuhr er herum, nur um wieder enttäuscht zu werden. Möglicherweise spielte ihm sein dahinscheidender Geist einen Streich. Er war vermutlich bereits zu weit im Jenseits. Es war nur noch eine Frage der Zeit...

Ihm blieb der Atem stehen, als der Nebel direkt vor seinen Augen dichter wurde; fast schon weiß leuchtete eine Art Schatten daraus hervor. Er kniff seine Augen zusammen, versuchte ein Gesicht auszumachen; vielleicht auch ein paar Augen. Annähernd menschlich sah er aus, viel zu groß für ein Kind; zu wuchtig für eine Frau. Die Stimme trog ihn. Das Ding hatte gelacht wie ein Kind, gesprochen wie eine Dirne und sah nun aus wie ein Mann. Er schluckte schwer. „Du könntest ewig so schön und jung bleiben.“

Kalte Finger an seiner Wange; sein Herz setzte einen der ohnehin spärlichen Schläge aus, als ihn eine Wonne aus Wärme durchflutete. Sein Kopf leergefegt von trüben Gedanken und Sorgen um Frau und Kind. „Auf ewig so stark und gesund bleiben.“

Er atmete tief durch. Da war kein Schmerz mehr. Kein trockener Hals. Sein Herz schlug heftig gegen den Brustkorb. Er fühlte sich, als könnte er jetzt in diesem Moment einen Marathon laufen. „Oder aber du stirbst hier, inmitten dieser unbedeutenden Menschen, die sich in einem Anflug von Stolz sinnlos abgeschlachtet haben.“
Damit ließ es ab von seiner Wange und der Schatten verflüchtigte sich wieder; die Schmerzen kamen wieder, sein Herz schlug langsamer, seine Kehle wurde trocken. Er ging auf die Knie. „Du könntest deinem jungen Leben einen Sinn geben; könntest etwas erreichen. Du musst lediglich ja sagen. Ich helfe dir.“

Wieder dieses helle Kichern. Eine Gänsehaut breitete sich über seinen gesamten Körper aus. Warum dachte er nach? Was hatte er in seinem bisherigen Leben schon erreicht? Warum sollte es nun enden? Und warum sollte er weitermachen wollen?

„Was wird es mich kosten?“ Er erkannte seine Stimme nicht mehr. Ein flüsterndes Krächzen; es verwunderte ihn, dass dieses Ding seine Frage offenbar verstanden hatte.
„Eine Nacht voll Schmerz. Wenn du überlebst wirst du frei sein – bis ich dich rufe. Dann wirst du mir beistehen. Du wirst einer meiner Krieger sein, der mich zum Sieg über meine einstigen Gefährten bringen wird.“

Die Stimme wandelte sich erneut. Die Fröhlichkeit eines Kindes war schon lange verschwunden, nun verfiel sie rau und doch sinnlich in eine Art Sing-Sang. Vermutlich hätte ihn das zu Vernunft rufen sollen; doch er war zu schwach, zu empfänglich für diese verführerische Stimme.
Er würde sterben oder auferstehen.
Was hatte er dann also zu verlieren?

„Ja.“

Schneller als er sich wehren konnte – oder auch nur einen Gesichtszug erkennen konnte – prallte der Schatten gegen seinen Körper; rang ihn zu Boden. Dann spürte er das Reißen in seinem Hals. Die trockene Kälte kroch in seine Haut; durch die Venen und Muskeln in sein Herz. Er spürte, wie sein Herz erstarrte; als würden sich Schnüre um es legen, es mit Gewalt stoppen wollen. Und doch atmete er. Unregelmäßig ob dieses ganzen Chaos um ihn und in ihm – aber er atmete; auch wenn sich seine Brust nicht mehr hob dabei.
Er schloss die Augen; wollte sich so unbedingt entspannen. Und dann ließ es ihn auch schon los. Sein Herz stockte – wollte so unbedingt schlagen; doch es schien gefroren. Ihm war auch schrecklich kalt. Innen drin.

„Viel Glück.“ Er hatte nicht bemerkt, dass die Schatten sich wieder erhoben hatte. „Wenn ich dich rufe, kommst du. Egal wann, egal wie.“
Unheilvoll klang die Stimme nun; tief und rau. Bedrohlich.
Er wagte es nicht den Mund zu öffnen. Zu schmerzhaft brannte seine trockene Kehle. Und dann diese Kälte und die krampfenden Muskeln überall am Körper. Arme, Beine, selbst der Bauch. Er unterdrückte ein Stöhnen; biss sich so stark auf die Zunge, dass er damit rechnete, Blut zu schmecken. War das sein Los? War er nun eine blutleere Hülle?
„Du wirst wissen, wann es so weit ist.“
Dann kicherte dieses Ding wieder. Er hielt die Augen geschlossen; presste die Zähne noch stärker zusammen. Warum blutete er nicht?
„Vergiss unsere Abmachung nicht“

~*~


Hallöchen!

Dieser OS ist entstanden, weil sich ein paar Freunde gedacht haben, wir schreiben uns zu Halloween ein paar Oneshots. Das kam dabei raus.
Ich lass das ohne viel Erklärung stehen. Vielleicht gefällt's dir ja trotzdem :)

Liebe Grüße
Salia
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