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Die Taube und der Falke

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Erik - das Phantom der Oper OC (Own Character)
22.11.2018
10.02.2020
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22.11.2018 887
 
Irgendwo in Persien

Mein Name ist Violet… Violet Johnson.

Ein englisches Mädchen unter vielen mit einen Namen, den bestimmt viele andere Mädchen auch tragen.

Aber dennoch ist mein Leben nicht mehr so normal wie die anderen englischen Violet Johnsons, die jetzt irgendwo selig in ihren Betten schlummern.

Denn mir ist etwas unerhörtes passiert.

Auf einer Pilgerreise hat man mich entführt und verkauft.

Ich bin nicht mehr Violet. Sie sagen, mein Name ist Ayasha und ich muss gehorchen lernen und jede Menge Zeugs dazu, die niemand von den anderen Violet Johnsons verlangen würde.

Es ist nicht gerecht, die englische Königin hat bestimmt Gesetze, die so etwas verbieten, dass junge Mädchen wie Schlachtgänse ersteigert werden.

Diese Gedanken kreisten seit Stunden durch mein müdes Hirn, während die anderen Mädchen in diesen gottverlassenen Ort um mich träumen, schnarchen, seufzen und weiß der Himmel für Laute von sich geben. „Mein Name ist Violet Johnson…“ flüsterte ich den marmornen Wänden zu, die sich ausschweigen. „Ich bin Violet…“ flüsterte ich den Sternen über mir zu. Die gleichen Sterne schienen auch für England. Dieser Gedanke tröstete mich. Das war ein guter, warmer Gedanke, der mich tröstete.

Ich war ein gutes, braves englisches Mädchen, das von Gott errettet werden würde. Ganz bestimmt. Ich bin Violet….

„Dein Name ist Ayasha.“ Am nächsten Tag war von meinen Mut nicht mehr viel übrig, besonders nicht, als der Eunuch sich  mit seiner seltsam hohen Stimme drohend vor mir aufbaute. Eigentlich wäre seine Stimme ganz lustig gewesen, aber leider war er kurz davor mir die nächste Tracht Prügel zu versetzen. Müde und trotzig starrte ich den pummligen Mann vor mir direkt in die Augen, das allein war schon eine Beleidigung. Ich versuchte meine Stimme Festigkeit zu verleihen „Sie erzählen da großen Blödsinn. Meine Eltern, Gott segne sie beide, haben mich Violet getauft. Und so werde ich auch genannt.“

Bei der Nennung unseres christlichen Gottes bekam unser Bewacher ganz schmale kleine Augen, dann nickte er grimmig „Da haben wir also einen ausgemachten Trotzkopf vor uns. Ich verstehe, die letzten Prügel haben Dich wohl noch nicht überzeugen können. Wir müssen Dich noch sehr gut erziehen, wenn Du mich vor unseren Herrn, der DEIN Herr übrigens auch ist, nicht blamieren wirst.“

Trotzig reckte ich das Kinn vor „Ich habe nur einen Herrn und das ist Jesus Christus.“ Er atmete tief und schwer ein. „Na schön. Du willst es nicht anders. Für Deinen Trotz fünf Hiebe und für Deinen elenden Ungehorsam 5 Schläge mehr. Ich werde dich lehren Deinen wahren Herrn anzuerkennen.“

Betroffen senkten die anderen Mädchen die Augen. Ich wusste, dass sie mich nicht verstanden. Eine kleine Orientalin hatte mich verständnislos gefragt „Warum tust Du das? Warum sagst Du nicht einfach, was Du sagen sollst, es wäre so einfach. Es ist als ob Du unbedingt leiden willst.“ Sie hatte mich kopfschüttelnd umarmt. Eigentlich waren die meisten Mädchen sich untereinander spinnefeind, nun da ich niemanden weder auffallen noch gefallen wollte, sahen sie keine Gefahr in mir. In manchen Augen schimmerte Mitgefühl, in anderen sah ich hämische Freude. Nun, sollten sie ihren Spaß haben.

„Knie Dich hin.“

Ich zuckte zusammen und biss mir auf die Lippen, als der Stock auf meinen verlängerten Rücken zu tanzen begann. „Dein… Name…. Ist Ayasha…. „ keuchte mein Bestrafer. Die Wucht der Schläge nahm ihm die Atem und mich zum aufschreien. Die kleine widerliche Ratte schien immer härter zuzuschlagen. Mühselig erhob ich mich, sitzen würde ich heute garantiert nicht  mehr können. Seine und meine Augen tränten. Er keuchte mächtig, während sich unsere Blicke trafen. „Und selig sind die, die da leiden, denn ihrer ist das Himmelreich.“ fauchte ich.

Ungläubig vor Zorn starrte er mich eine Sekunde fassungslos an, bevor seine Rechte mich zu Boden schlug. „Ich werde Dir diesen Blödsinn schon austreiben, Du blamierst mich nicht.“ kreischte er und rannte fort, während ich schluchzend auf meiner Matratze lag. Eins der vielen namenlosen Mädchen setzte sich neben mich, ihr Gesicht war das pure Mitleid „Ich sag Dir, allein für heute ist Dir das Himmelreich sicher.“ seufzte sie.

Erfolglos versuchte ich zu verdrängen, das ich hier eine unter vielen war. In England hatte ich mein eigenes Zimmer.

„Ayasha…“ sprach das andere namenlose Mädchen neben mir weiter auf mich ein. Ich stützte mich mühsam auf „Mein Name ist Violet.“ Die andere seufzte „ Du bist wirklich komisch, Schwester. Anscheinend bist Du ganz wild aufs leiden, wie eure komischen Märtyrer auch.“

Still und leise mischte sich eine andere Namenlose ein, mit seltsamen Dialekt in der Stimme „Ich habe nachgesehen, also wenn es Dich tröstet, unser Ausbilder weint sich auch gerade die Augen aus den Kopf. Sicher tut es ihm leid.“ Schüchtern strich sie mir über die Schultern um mir für eine Sekunde ins Ohr zu flüstern „Du bist Christin? Ich auch.“

Ihre Stimme war ein Hauch, gerade noch verständlich für mich. In einen Raum voller Frauen, wo jede darum kämpft nur irgendwie bemerkt zu werden, war man gut beraten flüstern zu lernen. Schnell nickte ich ihr zu, stille Komplizenschaft unter Frauen.

Denn eins hatte ich hier gelernt, auch wenn wir neue Namen bekamen, so blieben wir doch Niemande. Bis uns jemand bemerken würde. Was mich betraf ich, wollte ich lieber ein Niemand bleiben, wenn ich schon nicht Violet sein konnte.

Bevor ich zu einer Ayasha wurde, wollte ich lieber Niemand sein. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt. Und Gott sollte andere Pläne mit mir haben.
 
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