Die Geburt des Widerstandes - Part II

von Lady Q
GeschichteSchmerz/Trost, Sci-Fi / P18 Slash
22.11.2018
06.12.2018
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Chakotay erwachte benommen. Blinzelnd versuchte er seine Umgebung wahrzunehmen, was allerdings durch ein diffuses Licht, das ihm direkt in die Augen schien, erschwert wurde.

Es dauerte Minuten, bis er das silbrige Drahtgeflecht vor ihm als ein Tor wahrnahm. Funken schlugen ihm daraus entgegen, die, wenn sie auf seine Haut trafen, kleine Schmerzimpulse sendeten.

Wie er vor das Tor gekommen war, wusste er nicht mehr. Offenbar war er betäubt worden.

Um ihn herum standen kqohoschianische Soldaten und sahen verächtlich auf ihn herab. Befehle wurden gebrüllt, die er nicht verstand.

Er versuchte sich aufzurappeln und wurde, weil das nicht gelang, schließlich auf die Beine gezogen. Seine Knie wackelten beträchtlich und sackten mehrfach zusammen. Die Soldaten hielten ihn fest, stellten ihn immer wieder auf die Füße, wie eine Marionette. Er konzentrierte sich darauf, aufrecht zu bleiben, bis er von hinten einen Stoß bekam und in Richtung des funkensprühenden Tores stolperte.

Das Tor glitt nun nach innen auf. Dahinter lag ein Weg, etwa fünf Meter breit, aus ausgetretener, festgestampfter Erde. An den Begrenzungszäunen seitlich des Weges wucherte bläuliches Gras. Eine Mischung aus smaragd, petrol und mintgrün. Als hätte jemand einen Blaufilter darüber gelegt.

Am Ende des Weges lag noch ein Tor, es war etwa zweihundert Meter entfernt, und nun begann Chakotay zu ahnen, was Karan gemeint haben könnte, als er sagte, dass er die Strecke schaffen müsse. Er wurde hinter das erste Tor gestoßen, das Tor glitt hinter ihm zu, und nun musste er sehen, dass er zu dem anderen Tor kam. Die Strecke.

Er hatte keine Ahnung, was auf ihn zukam. Ob das hier eine Art Hindernislauf werden würde, ob er unbehelligt loslaufen konnte, was nun passieren würde. Würde er rennen müssen? Das würde er niemals schaffen. Skeptisch betrachtete er die Strecke, drehte sich noch einmal um, zu dem funkensprühenden Tor und den gehässig lachenden Soldaten hinter ihm. Diese deuteten an, dass er loslaufen solle, die ersten legten bereits ihre Waffen auf ihn an.

Er würde nicht herausfinden, was ihn erwartete, wenn er hier noch lange stand und sich die zweihundert Meter blanke Erde ansah. Deshalb lief er los. Langsam, schleppend, stolpernd. Seine zu lange nicht genutzten Muskeln hatten deutlich abgebaut, und die wenigen Wochen mit zielgerichteter Pflege durch Karan hatten nicht gereicht, um diesen Abbau rückgängig zu machen.

Hinter dem zweiten Tor standen eine Menge Wesen. Aliens. Sehr unterschiedliche Aliens. Während er langsam lief, musterte er diese aus gesenkten Augenlidern, versuchte sie nicht anzustarren, weil er noch nicht wusste, was die Folge davon wäre.

Sie standen alle still, sahen ihm zu, wie er lief.

Er erwartete geradezu, in jedem Moment von hinten niedergeschossen zu werden, oder in eine Falle zu tappen, die ein Fortkommen verhinderte. Seine Sinne waren nicht nur geschärft, sie waren überreizt. Er drehte sich fast jede Sekunde um, schwankte, verlor irgendwann die Orientierung, zu welchem Tor er musste, stolperte zurück, bis er mit Mühe wieder die Wand aus Aliens hinter dem zweiten Tor wahrnahm.

Es waren doch nur zweihundert Meter. Das war nichts!

Je weiter er lief, desto besser konnte er die vielen Wesen erkennen, wie sie vor ihm standen und beobachteten. Die ihn nicht aus den Augen ließen, als er mittendrin erschöpft zusammensackte, und kraftlos versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Warum waren sie da? Was war ihre Aufgabe?

Er erinnerte sich daran, dass Karan gesagt hatte, dass er diese Strecke schaffen musste. Warum? Vielleicht sollte er einfach hier liegen bleiben. Vermutlich war meist das Gegenteil von dem, was Karan wollte, gut für ihn.

‚Mach mir keine Schande.‘ Das war ein Befehl gewesen, keine Bitte. Er hatte nicht bis hierher überlebt, um diesen einfachen Befehl nun zu missachten. Er riss sich noch einmal zusammen, rappelte sich auf.

Seit wann befolgte er Karans Befehle? Übelkeit setzte ein, als er darüber nachdachte. Sich die stechende Seite haltend beugte er sich vor, versuchte die Übelkeit weg zu atmen, und nur daran zu denken, dass er diese Strecke schaffen musste. Wofür auch immer.

Er setzte sich wieder in Bewegung. Die letzten vierzig Meter schleppte er sich keuchend zum zweiten Tor und war entsetzt, dass diese kurze Distanz ihn so anstrengte.
Das zweite Tor stand einladend weit für ihn offen und er konnte es unbehelligt passieren. Wieder fragte er sich, was der Sinn dieser Strecke war. Und er fragte sich, wo er war.

Einige Soldaten kamen auf ihn zu. Bevor sie ihn erreicht hatten, hatten die vielen verschiedenen anderen Wesen bereits begonnen, auseinander zu laufen. Sie hatten nur auf ihn gewartet. Was wäre gewesen, wenn er zusammen gebrochen wäre? Wie lange hätten sie dort gestanden?

In dem diffusen Licht sah sein neuer Aufenthaltsort grau aus. Alles war grau, die fahlen Soldaten, die uniforme Kleidung der anderen, der staubig-sandige Boden, auf dem er stand.

Er war in einem Gefängnis. Die Erkenntnis blitzte auf und verging sofort, weil er nicht gleichzeitig in einem Gefängnis sein und das Eigentum eines Kqohoschianers sein konnte.

Oder doch? ‚Ich werde dich regelmäßig aufsuchen‘ bekam neuen Sinn.

Die Soldaten brüllten wieder Befehle, die restlichen Wesen auf dem Hof verliefen sich nun deutlich schneller in alle Richtungen, und er wurde zu einer niedrigen Baracke geschleift. Mehr gezogen, als dass er lief. Er war nicht böse darum, denn seine Beine trugen ihn jetzt nicht mehr.
In einem Raum dieser Baracke wurde er zu Boden geworfen. Ein Soldat sah sich um, zeigte auf eine Pritsche, und trat ihn noch einmal in diese Richtung. Dann wurde er alleine gelassen.

Weitere Wesen kamen herein. Einer warf sich mit misstrauischen Seitenblicken auf die Pritsche neben ihm. Er war Ranianer. Seine violettfarbene Haut schillerte einen Hauch dunkler, als es die von Dorno getan hatte. Vor allem gegen Ende.

Noch ein Ranianer.

Ein Teil der anonymen organischen Wand da draußen war also ein Ranianer gewesen, der die Pritsche neben ihm belegte. Zufall? Oder wieder etwas, was sie sich hatten einfallen lassen?
Er verscheuchte den Gedanken aus seinem Kopf und versuchte Dorno zu vergessen.

Der Raum, in dem er sich befand, war ein Schlafsaal. Dicht an dicht standen hier, er zählte, fünfzehn Pritschen nebeneinander. Das letzte Mal waren es einundzwanzig gewesen. Beide Zahlen waren durch drei teilbar. Beide Male drei Reihen, hier nur fünf Pritschen, damals sieben. Hatte die Zahl drei eine Bedeutung für die Kqohoschianer?

Und hatte es eine Bedeutung, dass er wieder neben einem Ranianer lag?

Ein anderer Soldat kam rein. Nein, kein Soldat. Er war anders gekleidet, und anders bewaffnet. Ein Wachmann? Er rief etwas in Chakotays Richtung und warf graue Kleidung. Er sollte sich umziehen, raus aus dem schicken, silbernen Krankenhausdress, rein in eine lumpige Hose und ein lumpiges Hemd, mehrfach geflickt.
Wer hatte diese Sachen vor ihm getragen?

Er zog sich ohne Widerrede um. Das konnte er inzwischen gut. Einfach gehorchen, nicht nachdenken, keine Fragen stellen. Den Kopf dabei ausschalten.

Der Ranianer wandte sich solange ab. Das war freundlich. Wenn dieser Ranianer genauso war wie Dorno, dann hatte er Anstand. Dorno war auch einfach anständig gewesen. Der Wachmann wandte sich nicht ab, aber zuschauende Wachmänner, Soldaten, Kqohoschianer waren normal.

Wo war der Mensch geblieben, der er mal gewesen war? War er noch ein Mensch?

Er wollte Dorno vergessen. Jetzt. Er würde ab jetzt nicht mehr an ihn denken.

Die lumpige Hose und das lumpige Hemd kratzten auf seiner Haut. Nicht mehr glitschig, glatt, kühlend. Statt dessen eine kratzige zu weite Hose und ein ebenso kratziges zu weites Hemd. Die Hose war ihm außerdem zu lang, er musste sie an den Beinen krempeln.

Der Wärter sammelte die glitschige silberne Krankenhauskleidung ein und ging. Chakotay blieb in diesem Schlafsaal mit fünfzehn harten, matratzenlosen, hölzernen Pritschen, neben dem Ranianer, der sich nun wieder zu ihm umdrehte, ihn ein weiteres Mal musterte, und dann an die Decke starrte. Die weiteren Männer im Raum warfen neugierige Blicke auf ihn, kümmerten sich aber um sich selbst.

Er war angekommen.

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Kathryn wurde mal wieder untersucht. Der untersuchende Arzt war dieses Mal ein anderer. Er betrat ohne Ankündigung ihr Zimmer und befahl sofort: »Aufstehen.«

Sie zuckte zusammen und bemühte sich dann so schnell wie möglich aufzustehen, ohne auf ihren krampfenden Magen zu achten. Schwankend stand sie nun vor dem Kqohoschianer, der irgendwelche Messwerte überprüfte und dann eine Probe an ihrem Hals nahm. Wie immer zwickte diese Probenentnahme. Sie rieb mit der Hand über die Stelle.

Der Arzt warf einen Blick auf die Schüssel und blaffte: »Immer noch?«

Ihre Augen folgten seinen. Dann räusperte sie sich und antwortete leise und mit vorschriftsmäßig niedergeschlagenen Augen: »Ja. Das kann dauern.«
»Wie lange kann das dauern?«
»Das ist unterschiedlich.«
»Wie lange hat es beim ersten Kind gedauert?«

Sie runzelte die Stirn, weil sie nun überlegen musste, was sie antworten sollte. Natürlich hatte sie sich in der Schwangerschaft mit Stella ebenfalls ständig erbrochen, aber vermutlich doch aus anderen Gründen. Ziellos ins Blaue hinein riet sie: »Etwa drei Monate?«

Der Kqohoschianer überprüfte etwas. Er glich Daten ab. Dann stellte er fest: »Drei Monate eurer Zeitrechnung sind bereits vorbei.« Sein Blick hob sich und er grinste sie an. »Das bedeutet, du bist wieder einsatzfähig.«

Ihr wurde zittrig und kalt. Nicht nur, dass tatsächlich bereits drei Monate vergangen waren seit der Entführung, und sie offenbar ihr Zeitgefühl unter der kqohoschianischen Doppelsonne gänzlich verloren hatte.
Nein. Sie hatte auch Angst davor, wieder einsatzfähig zu sein.

Sie durfte nicht widersprechen, aber nun musste sie. »Manchmal dauert es auch länger. Vier, fünf Monate. Manchmal geht das sogar die ganze Schwangerschaft so.«

Sie erntete dafür eine klatschende Ohrfeige. Innerlich war sie getroffen, denn die Demütigung, sich hier immer und immer wieder von Männern schlagen zu lassen, nur weil sie ihr Hirn nutzte, verkraftete sie nicht gut. Äußerlich riss sie sich mit gewaltiger Willensanstrengung zusammen, keine Miene zu verziehen. Die kqohoschianischen Männer schlugen allzu gerne ins Gesicht und Ohrfeigen nach einem Widerspruch oder sogar einer Frage waren Standard.

»Einsatzfähig«, wiederholte er.

Sie biss sich auf die Zunge, um nicht zu fragen, wofür sie einsatzfähig war.

»Ich schreibe es in meinen Bericht. Der Kommandant wird erfreut sein, wenn er wiederkommt«, fuhr er fort.

Kathryn biss sich ein weiteres Mal auf die Zunge, um nicht zu fragen, wann Rohodnosch wiederkommen würde.

Der Arzt rief etwas. Daraufhin wuselten die beiden Frauen ins Zimmer, blieben mit gesenkten Köpfen vor dem Besucher stehen und warteten auf Anweisung.
»Führt sie in ihre Aufgabengebiete ein. Und schert sie. Das kann so nicht bleiben.«

Die beiden Frauen nickten eifrig und synchron, warteten, bis der Arzt seine Messinstrumente und die Probe eingepackt hatte und sich zum Gehen wandte. Sie öffneten ihm die Tür und katzbuckelten um ihn herum, dass es Kathryn beinahe schon anwiderte.

Kaum war der Arzt endgültig draußen, verloren die beiden ihre unterwürfige Art. Sie kamen gemeinsam wieder ins Zimmer, nun mit stolz erhobenen Köpfen und einem hochmütigem Blick. Zumindest die Ältere der beiden.  Wie in so vielen anderen Gesellschaften auch, waren die niedersten sehr froh, wenn es unter ihnen noch jemand gab. Und in diesem Fall stand Kathryn ganz unten in der Tretkette.

Die Schur stand dagegen wohl ganz oben auf der Liste. Schneller als sie begreifen konnte, wurde sie auf die Knie gezwungen und die beiden rissen an ihren Haaren. Nicht, dass das schlimm war, dass die Haare endlich herunter kamen – nach monatelanger Gefangenschaft, in der Haarpflege schlicht nicht vorgesehen war, waren sie ekelhaft verfilzt, fettig und strohig. Die Kopfhaut unter der Matte juckte schon seit Wochen. Eigentlich hatte sie sich sogar gewundert, warum noch niemand auf die Idee gekommen war, ihre Haare abzurasieren. Nun also jetzt.

Dann, nach der Schur, mit einem neuen, sehr leichten Gefühl auf dem Kopf, wurde sie mit aus dem Zimmer gezogen. Das war die erste Gelegenheit, das Haus wirklich zu erkunden, aber die Führung erstreckte sich nur auf die Bereiche, auf die sie in Zukunft aus guten Gründen Zugang hatte. Eine hochmoderne Küche – ihr Herz sank bei dem Anblick – und eine Art Putzkammer. Das war dann auch ihre erste Aufgabe. Putzen. Ganz klassisch, mit Wasser und Sonden, und auf Knien.

Die Frauen beobachteten sie, als wären sie sich nicht sicher, ob Kathryn wusste, wie das mit dem Putzen funktionierte. Nun hatte Putzen in den letzten Jahren natürlich nicht auf ihrer Aufgabenliste gestanden -  aber ganz unfähig war sie auch nicht. Sie ließ sich auf die Knie nieder, fing an, und wurde nach wenigen Minuten alleine gelassen. Was sie sofort nutzte, um sich aufmerksam umzusehen.

Sie hatte in den vergangenen Wochen nachgedacht zu fliehen, als ihr klar geworden war, dass Rohodnosch sie mit Frauen und Kindern alleine gelassen hatte. Mit Frauen und Kindern wurde sie fertig. Insgeheim spekulierte sie darauf, dass die Frauen und Kinder ihr aus Solidarität sogar halfen. Keine Frau konnte dieses Leben, eingesperrt in die Häuser, und allein für Haushalt, Sex und Kinder zuständig, lange aushalten.

Der Fluchtgedanke war direkt erschwert worden, als sie aus dem winzigen, schmalen Fenster gesehen hatte. Draußen standen sehr junge Männer, bewaffnet sowohl mit Schuss- als auch Schlagwaffen, und sorgten dafür, dass Frauen und Kinder blieben, wo sie waren. Offenbar verließ Rohodnoschs Familie dieses Heim nicht, solange er nicht da war.

Bisher hatte es keinen einzigen unbeobachteten Moment gegeben. Keine Möglichkeit, die Umgebung ansatzweise auszukundschaften. Und bisher war ihr auch einfach unendlich übel gewesen. Also war sie fürs Erste geblieben wo sie war. Auf einer Matte, in einem winzigen Zimmer, zusammen mit einer zehnbeinigen, gefräßigen Spinne, bewacht von Frauen, Kindern und jungen Soldaten.

Dass sie nun putzen durfte, war eine willkommene Abwechslung, und eine Möglichkeit, ihre Behausung kennenzulernen, um eine Flucht zu planen.

Sie putzte sich durch den ersten Tag. Der Kittel, den sie anhatte, war bald durchnässt und Wechselkleidung hatte sie nicht, also blieb sie in dem kalten, klammen Kittel und putzte sich durch das Untergeschoss des Hauses. Die dauernde Übelkeit hielt an, und sie nutzte jede Gelegenheit, ebendiese loszuwerden.

Ein Paar große, schwarze Augen, die sie  aus der Zeit in ihrer Kammer schon kannte, beobachtete sie manchmal. Es gab hier Jungen und Mädchen, und das jüngste Kind mit besagten großen, schwarzen Augen unter einer hohen Stirn, war so groß wie ein etwa vierjähriges Menschenkind und ein Mädchen. Es lugte manchmal in ihre Kammer hinein, während die junge Kqohoschianerin das Essen hineinstellte. Nur ein einziges Mal hatte sie das ganze Kind gesehen und da hatte es sich sofort hinter den Beinen seiner Mutter versteckt.

Sie lächelte diese großen dunklen Augen an. ‚Von mir droht dir keine Gefahr‘, versuchte sie mit ihrem Lächeln zu sagen. Sie fühlte den inneren Drang, dieses Mädchen kennenzulernen, es zu beschützen und zu halten. Eine Vertraute zu sein für dieses vielleicht vierjährige Kind.

So verzweifelt war ihre Lage, dass sie sich schon mit kleinen Kindern anfreunden wollte. Stellas Lücke in ihrem Herzen fühlte sich an wie ein alles verschlingendes schwarzes Loch. An Stella zu denken, war allerdings die einzige Möglichkeit, sich von Chakotay abzulenken. Gleichzeitig war es  Garantie für irrationale Hoffnungen auf ein Wiedersehen, die sie abends mit der Spinne erörterte. Und das wiederum jagte ihr Angst ein.

Sie schob es auf die Hormone. Es waren sicher nur die Hormone.

Sie putzte sich auch durch den nächsten Tag. Und den übernächsten. Die kqohoschianische Hausaufteilung war faszinierend und wäre sie nun auf Forschungstour, hätte sie eine Menge zu notieren. Es gab zum Beispiel keinerlei Privatbereiche für sanitäre Anlagen. Dass sie selbst ihre Toilette in ihrer kleinen Zelle hatte, hatte sie auf den Umstand ihrer Gefangenschaft geschoben, aber dass Kqohoschianer offenbar alles in der Öffentlichkeit erledigten und keinerlei Schamgefühl besaßen, fand sie doch ein wenig erschreckend.

Und dass sie sich um solche Dinge Gedanken machen konnte, fand sie wiederum grotesk.

Sie putzte sich auch durch die Toiletten in dem Haus und dann im Anschluss unter der Aufsicht der beiden Frauen durch Rohodnoschs Räume. Diese waren opulent ausgestattet, mit einer Menge Artefakte fremder Kulturen und seltsamen Waffensammlungen. Stumm staubte sie den Sextanten ab, den sie als den ihren erkannte. Er stand in Rohodnoschs Wohnraum auf einem Beistelltisch. Offenbar hatte Rohodnosch nicht nur Tom und B‘Elanna von der Voyager gebeamt, als er die Gelegenheit dazu hatte. Der Sextant versetzte ihr einen kurzen Schock. Der Anblick kam zu überraschend.

Was sie während ihrer Putz-Erkundungstour feststellte, war: Es gab hier kein Schlupfloch. Der einzige Weg hinaus war vorne durch die Tür, die schwer bewacht war. Die Fenster ließen sich nicht öffnen, der Hinterhof war ummauert. Wenn sie also fliehen wollte, musste sie direkt an den Wachen vorbei.

Die beiden Frauen wurden während der folgenden Tage etwas freundlicher, weil sie sich beim Putzen offenbar gut anstellte. Als nächstes wurde sie daher in die Küche gestellt und sollte Essen zubereiten. Kqohoschianisches Essen.

Sie hatte nicht mal Ahnung, wie man gutes menschliches Essen zubereitete. Eine Gemüsesuppe bekam sie ja noch hin, aber zu mehr reichte es nicht. Und die Kqohoschianer mit ihrem Hang zu Fleisch und fleischähnlichen, sich noch bewegenden Dingen, würden sich wohl kaum mit einer Gemüsesuppe zufrieden geben. Hilflos stand sie daher in der Küche und sah suchend zu den beiden Frauen, die nur darauf warteten, dass sie anfing. Zögerlich griff sie nach den tentakelartigen Auswüchsen eines Tiers – war es ein Tier? - und wurde augenblicklich gebissen. Oder auch nicht. Da war kein Mund, der beißen konnte, aber etwas hatte ihre Haut verletzt.

Die beiden Frauen lachten.
Das war das erste Mal, dass sie die beiden Frauen richtig lachen sah.

Kathryn versuchte ein Lächeln. Es war immer gut, wenn man eine Gemeinsamkeit fand, und wenn diese Gemeinsamkeit war, dass sie sich gemeinsam über ihre Unfähigkeit zu kochen amüsierten, dann war das eben so. Gemeinsam lachten sie nun, wenn auch noch vorsichtig, und als sie sich wieder beruhigt hatten, halfen ihr die beiden Frauen.

Sie zeigten ihr, wo man das Tier – es war tatsächlich ein noch lebendes Tier – anfassen musste, um nicht von den plötzlich ausfahrenden Stacheln überrascht zu werden. Und wie man es dann in einen Kochtopf warf. Kathryn wurde ein klein wenig schlecht bei diesem Anblick und sie nahm sich vor, dieses Tier nicht zu essen. Es zappelte in der heißen Brühe noch weiter, nur langsam wurden die Bewegungen weniger und dieser barbarische Tod ließ ihren Appetit nicht gerade wachsen.

Es vergingen mehrere Tage mit Kochunterricht. Mehr als eine Woche, in der sie hinter Schmortöpfen stand und seltsame, backofenähnliche Geräte nutzte, die aber nicht backten, sondern den Inhalt irgendwie mit heißem Fett umnebelten. Das wenige pflanzliche, was es hier gab, war vorzugsweise blau schimmernd. Abends nahm sie Teile der von ihr produzierten Leckerbissen mit in ihr Zimmer. Die Spinne in der Ecke machte es sich tagsüber auf Kathryns Matte gemütlich. Und während Kathryn sich müde neben sie sinken ließ, fraß sie das angebotene Fleisch, und klapperte im Anschluss mit ihren langen Beinen zurück in ihre Ecke.

Am Ende dieser Woche hatte Kathryn mehr gelernt als in all den Jahren, in denen sie erst ihrer Mutter, dann ihren jeweiligen Lebensgefährten und später Chakotay über die Schulter gesehen hatte. Sie wunderte sich nicht darüber – sie lernte am Besten, wenn es eine Notwendigkeit gab und bisher hatte Kochen einfach nicht auf der Liste der notwendigen Fähigkeiten gestanden. Jetzt schon. Kochen und Putzen wurde zu einem Überlebenskonzept.

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Chakotay ließ seine Augen durch seine neue Umgebung wandern. Jetzt also ein Gefängnis. Nach dem Krankenhaus und dem Zentrum, in Wiederholung, und davor Misnas Forschungslabor mit Tosch‘kars Grausamkeiten, war das hier die bereits fünfte neue Umgebung innerhalb weniger Wochen. Menschen waren anpassungsfähig, das hatte selbst Misna bestätigt. Menschen waren leidensfähig, das hatte das Zentrum bestätigt. Menschen waren zäh, das hatte Karan bestätigt.

Was waren Menschen noch? Offenbar käuflich.

Wenn er das richtig verstanden hatte, würde dieses Gefängnis aber seine Endstation sein. Er hatte zumindest die leise Hoffnung darauf. Aus diesem Krankenhaus heraus zu sein, bedeutete auch, aus dem Dunstkreis des letzten Schlafsaals heraus zu sein, und der Gefahr, zurück zu müssen. Ein wenig mehr in Sicherheit. Auch wenn er dafür Karan zur Verfügung stand.

Die Baracke, in der er sich befand, war einfach. Der Boden nur gestampft, seine nackten Füße spürten feinen Staub und kleine Steinchen. Die Wände waren undicht, der Schimmer des Tageslichts drang durch die Ritzen.

In seinem Inneren baute sich wieder das hysterische Lachen auf, das nicht heraus kam. War das absurd! Eine hochtechnologisierte Gesellschaft, die eine Möglichkeit gefunden hatte, das Raum-Zeit-Gefüge nach ihren Wünschen zu krümmen, die sich da oben im All wie Götter aufführten und sich nahmen, was sie wollten, sperrte ihre Gefangenen in Lager erbaut aus krummem Holz und auf bloßer Erde? Diese Spezies hatte ihn viermal dem Tod von der Schippe gezogen, denn von aktivem Springen war keine Rede. Viermal hatte er etwas überlebt, was Menschen nicht überleben sollten. Und jetzt saß er auf einer Holzpritsche. Konnte das sein? Durfte das sein?

Das hysterische Lachen wurde zu hysterisches Entsetzen, als ihn der feine Staub und die Sonne an Trebus erinnerte. Sofort suchte er nach Unterschieden, und fand sie natürlich. Selbst Trebus hatte mehr Komfort geboten als das hier.

In dem Schlafsaal gab es außer den fünfzehn Pritschen noch eine große Kiste in einer Ecke, in der Berge an Decken lagen, wenn er den Stoffhaufen richtig interpretierte. Daneben befand sich ein Durchgang zu einem Nebenraum, in dem er hoffte, die sanitären Anlagen zu finden. Sich vorsichtig von dem harten Holz herauf stemmend und die weiter wackligen Knie ignorierend, erhob er sich und lugte durch den Durchgang.

Und fuhr zurück. Wollte sich die Haare raufen und spürte nur seine kahle Kopfhaut.

Es gab Löcher im Boden, Eimer mit einem Pulver daneben und erträglichen Gestank. Mehr gab es nicht. Er lehnte sich haltsuchend an den Türrahmen und starrte intensiv auf die Löcher und die Eimer. Dann nutzte er die einzige Strategie, die ihm noch geblieben war: den Gedanken ins Bewusstsein lassen, ihn genau ansehen, und dann abhaken. Er konnte hier nicht mehr weg. Er konnte es nicht ändern. Also musste er es akzeptieren. Wie so vieles vorher auch schon.

Ein Mann mit einem sehr, sehr langen Hals, fast wie eine Giraffe, beobachtete, wie er sich sein neues Zuhause eroberte. Beine und Oberkörper des Mannes waren eher kurz und der lange Giraffenhals offenbar äußerst beweglich. Möglicherweise hatte er durch seinen besonderen Körperbau irgendeinen mit Giraffen vergleichbaren evolutionären Vorteil gehabt? Vielleicht ernährte er sich von Blättern.

Der Giraffenmann hatte einen freundlichen Blick. Mit ihm reden wollte Chakotay trotzdem nicht. Er wollte mit niemandem reden. Er konnte mit niemandem reden. Er war auf Hände und Füße angewiesen, um sich verständigen zu können, und dafür fehlte ihm für den Moment schlicht die Kraft. Sich zu überlegen, wie er das, was in ihm schwelte, mit seinen Händen ausdrücken konnte, überforderte ihn.

Leider war Giraffenmann anderer Meinung. Nachdem Chakotay sich wieder vorsichtig auf der ihm zugeteilten Pritsche niedergelassen hatte und mit undurchdringlicher Miene die weiß gekalkte Decke mit den vielen Rissen und bläulichen Spinnweben gemustert hatte – nicht nur Spinnweben, wenn er die Ecken genauer in Augenschein nahm – setzte der sich mit einem respektvollen Abstand neben ihn und sah ihn aus weiter freundlichen Augen an.

Die Gesichtsausdrücke unterschieden sich. Nach Gesichtsausdrücken konnte man nicht gehen, denn ein freundliches Lächeln konnte als Angriff und eine Trauermiene als Liebeswerbung verstanden werden. So viel hatte Chakotay bereits bei der Sternenflotte gelernt, und es im Zentrum konsequent umgesetzt. Gesichtsausdrücke hatte er ignoriert.

Augen aber nicht. Augen las er, ob er wollte oder nicht.

Giraffenmanns Augen waren nicht nur freundlich, sondern auch einladend. Chakotay lief es warm über den Rücken beim Anblick dieser freundlichen Augen. Kurz blitzte vor seinen Augen etwas eisblau auf, was er sich sofort verbot. Eisblaue Augen waren Vergangenheit. Vergangenheit durfte er nicht mehr denken. Was zählte, war das Jetzt, und in diesem saß er auf einer hölzernen Pritsche in einem Gefängnis der Kqohoschianer und fixierte die freundlichen braunen Augen einer Spezies, die mit Giraffen verwandt zu sein schien.

Der Fremde tippte auf sich selbst und sagte: »Hesper.«

Chakotay antwortete nicht. Antworten in welcher Form auch immer würde bedeuten, eine Bekanntschaft zu schließen, und Bekanntschaften bedeuteten Verlust. Also lieber nicht. Sein Innerstes hatte bei jedem einzelnen Verlust aufgeschrien. Er wusste nicht, wie viele er noch ertragen konnte.

Um all die Menschen und Personen, die er verloren hatte, würde er erst trauern können, wenn er sich wieder sicher fühlte. Zu trauern, obwohl er selbst auf dem besten Weg in den Tod war, hatte er als Zeitverschwendung betrachtet. Nein, das stimmte nicht ganz – er hätte die Zeit gerne verschwendet. Wenn nicht das Außen so bestimmend gewesen wäre.

Nun war er nicht tot, und die Verluste saßen tief in seinem Herzen hinter fest verschlossenen Türen und wollten heraus, wollten angesehen werden. Aber nicht jetzt. Nicht heute. Und weitere Wesen ins Herz schließen ging nicht. Alle Türen waren zu.

Giraffenmann beobachtete seinen Gesichtsausdruck, versuchte seine Augen zu sehen, wiederholte die Geste und das Wort: »Hesper.«

Türen zu halten. Unbedingt. Er konnte nicht noch mehr Verluste ertragen. Seine Miene verzog sich bei der Anstrengung, die Verluste nicht zu denken.

Giraffenmanns Blick wurde sehr weich. Er neigte seinen über ihnen schwebenden Kopf verstehend ein wenig zur Seite, nickte und zeigte auf die Ecke. »Hesper.«, sagte er, dann stand er auf und ließ Chakotay in Ruhe.

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Nach diesen Wochen mit den dunklen, schwarzen Augen, den nassen Kitteln und dem Kochunterricht  tauchte Rohodnosch wieder auf. Im Gepäck einige Aliens, die Frauen als Göttinnen verehrten. Und Absichten bezüglich ihrer Person, die sie bisher erfolgreich verdrängt hatte. Der Arzt hatte berichtet, sie sei wieder einsatzfähig und nach wochenlanger Schrubberei und Kocherei hatte sie es auf ihre Arbeitsfähigkeit bezogen.

Aber das hatte der Arzt nicht gemeint. Sie hatte sich nur nützlich machen sollen, während sie auf den Kommandanten wartete.

Die beiden Frauen bereiteten sie vor. Sie verstand während der Vorbereitung, was das Ziel war und konnte es gleichzeitig nicht glauben. Die Panik wuchs nur langsam, während sie noch mit einem Rest Hoffnung versuchte, in Rohodnoschs Frauen Verbündete zu finden, sie zu überzeugen, ihr in letzter Minute noch zu helfen, sie zu verstecken oder zu flüchten. Aber natürlich waren diese viel zu eingeschüchtert von ihrem Mann, als dass sie tatsächlich einschritten. Die Jüngere hatte so etwas wie Mitgefühl in den Augen, das ja. Sie strich bedauernd über die alten, verblassten Narben, aber eskortierte sie dann wie befohlen zu den Räumen des Kommandanten, stieß sie hinein und verschloss die Tür. Nicht wegen der Privatsphäre, denn die brauchte Rohodnosch nicht. Nur, damit Kathryn nicht weglaufen konnte.

Das mit der Drittfrau war nicht nur eine Drohung gewesen.
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