Zurück auf Anfang

von Seaside78
GeschichteRomanze / P16 Slash
20.11.2018
11.12.2018
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Dieses Kapitel
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Für den Moment war Boris nicht in der Lage, sich zu rühren. Tausend Gefühle schienen gleichzeitig auf ihn einzustürmen. Verwundert, weil er mit diesem Kuss nicht gerechnet hatte. Glücklich, weil er sich so gut angefühlt hatte. Traurig, weil er so schnell vorbei war und der nächste jetzt noch so lange auf sich warten lassen würde. Sicher, weil ihm das alles hier so richtig vorkam. Berauscht, weil er jetzt noch mehr davon wollte. Amüsiert, weil Tobias es mal wieder geschafft hatte, ihn zu verwirren. Geliebt, weil so viel Gefühl und Zärtlichkeit in diesem kurzen Moment gelegen hatte. Überwältigt, weil er sich so noch nie gefühlt hatte.

Langsam drehte er sich um, um zu Viktor zurück zu gehen. Da sah er Tobias. Er stand einige Boxen entfernt in der Mitte des Ganges, grinste und hob entschuldigend die Schultern. „Ich habe doch gar keine Ahnung wo hier der Sicherungskasten ist!“ Boris schüttelte den Kopf. Dieser Kerl würde ihn noch wahnsinnig machen - aus vielerlei Gründen. Er ging auf Tobias zu, der keine Anstalten machte auch nur einen Zentimeter auf ihn zuzugehen. „Na, warte!“, murmelte Boris und grinste nun ebenfalls. Er blieb vor Tobias stehen, schaute sich um, nahm Tobias Kopf in seine Hände, gab ihm einen Kuss auf die Stirn und ging dann weiter Richtung Tür. „Ich sage Viktor Bescheid, dass du Hilfe brauchst! Mach‘s gut, bis Montag.“  Es hatte ihn zwar eine Menge Überwindung gekostet sich so stark zurückzuhalten, aber zum einen musste diese kleine Rache sein und zum anderen war er sich nicht sicher, was noch passiert wäre, wenn es zu einem weiteren Kuss gekommen wäre. Er blickte noch einmal zurück und sah einen vollkommen verdatterten Tobias.  

Boris zog den Reißverschluss seiner Reisetasche zu und blickte sich noch einmal im Zimmer um, um sicher zu gehen, nichts vergessen zu haben. Endlich war dieses Wochenende vorbei. Die letzten Tage waren extrem anstrengend gewesen. Dieser Dauergutelaunemodus auf dem er laufen musste um neue Reiseveranstalter als Kunden zu gewinnen und Schönwetter bei den Tourismusverbänden zu machen hatte ihn ermüdet. Außerdem war da die ganze Zeit dieses unbändige Gefühl gewesen, doch viel viel lieber in Bichlheim und damit in der Nähe von Tobias sein zu wollen.
Sie hatten sich viel geschrieben während des Wochenendes und immer wieder hatte er auf sein Handy geschaut, ob er nicht eine neue Nachricht bekommen hatte oder er hatte eine bereits gelesene halt noch einmal und noch einmal gelesen. Damit hatte Tobias ihm zumindest indirekt sehr geholfen, denn das Dauerlächeln war dadurch recht leicht aufrecht zu erhalten gewesen. Boris hatte sich bei Tobias entschuldigt ihn so stehen gelassen zu haben, denn mittlerweile bedauerte er es, die Gunst der Stunde nicht noch einmal genutzt zu haben. Aber andererseits musste er sich auch eingestehen, dass dieser Abschied die Lust auf mehr Tobias und mehr Küsse nur noch größer gemacht hatte und damit die Vorfreude Tobias wiederzusehen ins unermessliche zu steigen schien. Aber leider stellte sich ihr Wiedersehen schwierig dar. Sein Zug heute würde erst sehr spät in München ankommen und da Tobias am nächsten Tag wieder arbeiten musste, war an ein entspanntes Wiedersehen nicht zu denken. Hinzu kam das Problem, dass sie erst einmal einen Ort finden mussten, an dem sie sich ungestört treffen konnten. Denn Boris Zimmer in dieser merkwürdigen Saalfeld WG war nun wirklich kein geeigneter Treffpunkt und Tobias hatte zwar das Zimmer bei Viktor und Paul schon bezogen, aber auch da konnten sie eben jederzeit auf Viktor oder Paul stoßen. Boris seufzte, da blieb ihnen wohl tatsächlich vorerst keine andere Wahl als in München und Umgebung in einer Bar, einem Club oder einem Restaurant die Abende zu verbringen und ja vielleicht auch mal auf Hotelzimmer auszuweichen. Der Gedanke daran stimmte Boris allerdings nicht sehr glücklich, es fühlte sich irgendwie falsch an. Dieses ganze verstecken müssen ihrer Liebe fühlte sich so unfassbar falsch an und Boris wollte das nicht. Vielleicht hatte der Abstand an diesem Wochenende auch ein Gutes, Boris war mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt endlich reinen Tisch machen zu wollen und, wenn Tobias damit einverstanden war, würde er bei Viktor beginnen.

Als der Zug im Münchner Hauptbahnhof einfuhr saß Boris noch dösend auf seinem Platz. Den Kopf an die Scheibe gelehnt schaute er auf den Bahnsteig auf dem um diese späte Uhrzeit nicht mehr viel los war. Der Zug wurde langsamer und Boris stand auf um seine Sachen zusammenzusuchen. Während er nach seiner Jacke griff fiel sein Blick noch einmal auf den immer langsamer vorbeirauschenden Bahnsteig. Boris stutzte und schüttelte den Kopf. Das konnte doch unmöglich Tobias da draußen gewesen sein. Grinsend verdrehte er die Augen, soweit war es also schon mit ihm gekommen. Er zog seine Jacke an, schulterte seine Reisetasche und verließ den Zug. Auf dem Bahnsteig richtete sich sein Blick automatisch in die Richtung in der er kurz zuvor noch geglaubt hatte Tobias gesehen zu haben. „Wäre ja auch zu schön gewesen!“, murmelte er und ließ seinen Blick noch einmal über den Bahnsteig schweifen, dann ließ er seine Tasche sinken. Er war wohl doch noch nicht verrückt geworden, denn das war eindeutig Tobias der da auf ihn zukam. Boris musste schlucken und ein glückliches Lächeln legte sich auf sein Gesicht. „Du bist doch verrückt“, sagte er als Tobias endlich vor ihm stand. „Stimmt“, erwiderte der lächelnd, „nach Dir!“ Boris schloss kurz die Augen, womit hatte er dieses Glück nur verdient? Er schaute sich um und schüttelte den Kopf, für den Moment war ihm alles egal! Er ging den letzten Schritt auf Tobias zu, berührte kurz zärtlich seine Hände, um dann seine Arme um ihn zu schlingen, seinen Kopf in Tobias Halsbeuge zu legen und ihn ganz festzuhalten. Er roch so gut und seine Nähe fühlte sich so richtig an. Boris seufzte und blickte Tobias in die Augen. „Was machst du hier? Es ist doch schon so spät und dann der lange Weg nach München und gleich wieder zurück?!“ „Ich hätte nicht bis morgen warten können und wer weiß, ob wir uns da überhaupt sehen können. Wenn ich den ganzen Tag arbeite und du mit deinem Vater die Ergebnisse der Messe abarbeiten musst!“, erwiderte Tobias und blickte ihn mit diesen strahlenden kleinen Augen an, in die sich Boris sofort verliebt hatte. Boris legte erst eine Hand an Tobias Wange und dann die andere. „Aber nicht wieder auf die Stirn!“, flüsterte Tobias und schloss die Augen. Boris lächelte und zog Tobias Gesicht zu sich heran, verharrte einen Moment still und voller Vorfreude und legte dann seine Lippen auf die dieses ihn absolut verzaubernden und glücklich machenden Mannes. Auch  dieser Kuss blieb scheu und zaghaft. Trotz oder gerade wegen dieser Zurückhaltung, offenbarte er ihnen aber dennoch ganz deutlich was sie füreinander empfanden.
Nach einiger Zeit lösten sie sich wieder voneinander und blieben noch kurz voreinander stehen, schauten sich lächelnd in die Augen und ließen ihre Finger die des anderen finden.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Boris. „Wie wäre es mit nach Hause fahren?“, antwortete Tobias, „Ist ja schon spät!“ Boris seufzte. „Da hast du recht, ist wohl auch das Vernünftigste!“ „Ich glaube, du hast mich da falsch verstanden!“, grinste Tobias und freute sich offensichtlich über Boris verdutztes Gesicht. „Ich meinte, mein neues Zuhause!“ Boris lächelte traurig. „So schön ich die Idee finde und so gern ich dich die ganze Nacht über festhalten möchte, das geht doch nicht, da können wir doch jederzeit Viktor oder Paul über den Weg laufen!“ „Also Viktor ist heute Nachmittag schon mit Sack und Pack zum Westernturnier aufgebrochen und Paul hatte heute einen Triathlon in Düsseldorf, der kommt erst morgen wieder!“, erklärte Tobias. „Also, was sagst du?“, fragt er leise. Die Traurigkeit war aus Boris Lächeln verschwunden, als er Tobias noch einmal für einen kurzen zärtlichen Kuss an sich zog. „Reicht das als Antwort?“
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