Callboy

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
20.11.2018
08.12.2018
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Dieses Kapitel
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Ich hab heute die Zeit im Zug genutzt und ein neues Kapitel geschrieben. Es ist etwas kurz geraten, ich hoffe ihr verzeiht mir. Ich wünsch euch nun viel Spass beim Lesen.
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Klaas konnte sich gar nicht mehr länger mit der neuen Information, dass Joko aus seinem Leben verschwunden war, beschäftigen, denn schon am nächsten Morgen muss er wieder professionell sein und sich vollkommen auf seine neue Arbeitsstelle konzentrieren. Er hatte nicht mehr damit gerechnet jemals wieder einen neuen Job zu finden und diese Chance, die ihm hier gegeben wird, will er um keinen Preis der Welt vermasseln. Zu viel hängt davon ab. Deshalb sitzt er nun hochkonzentriert vor seinem Computer und versucht sich in die aktuelle Geschäftssituation und seinen Aufgabenbereich einzuarbeiten. Sein neuer Chef, ein Herr mittleren Alters, der aber aufgrund frühzeitigem Haarverlust eher wie kurz vor dem Rentenalter aussieht, hat Klaas zwar am ersten Arbeitstag freundlich empfangen, ihm höchstpersönlich die ganze Firma vorgestellt und ihm mehrmals beteuert, dass er hier erstmal ankommen und sich zurecht finden soll, doch Klaas Ansprüche an sich selbst sind zu hoch, um es erstmal gemütlich zu nehmen und sich von den neuen Endrücken berieseln zu lassen. Deshalb hat er sich voller Elan in die Arbeit gestürzt. Sein Arbeitsplatz sieht schon nach wenigen Stunden aus, als würde er hier schon seit Jahren arbeiten. Wirr verteilt liegen Unterlagen, Ordner und Akten auf der übergrossen Arbeitsfläche und jeder andere hätte schon längst den Überblick verloren. Doch so penibel und ordentlich Klaas in seinem Privatleben ist, so chaotisch, ist er bei der Arbeit. Nun gut, ein Chaos ist es nur für die Augen Fremder, für Klaas hat auch in diesem Blätterwirrwarr alles eine Ordnung und ausser ihm muss schlussendlich niemand damit zurechtkommen.

Doch abgesehen von seiner Arbeitsfläche, sieht sein Büro definitiv so aus, als ob hier tatsächlich erst heute jemand eingezogen wäre. Da ist schliesslich nichts Persönliches zu finden. Keine Bilder, keine Dekoartikel, nicht mal eine kleine Topfpflanze. Doch das würde sich auch in der Zukunft nicht ändern. Nach Klaas Ansicht hat am Arbeitsplatz das Privatleben nichts zu suchen. Arbeit und Privatleben gehören strikt getrennt. Dass sein Leben bisher sowieso nur aus Arbeit bestand und es deshalb eigentlich sowieso nichts gross zu trennen gab, steht für Klaas Kopf nicht zur Debatte.

Klaas ist so sehr in die Arbeit vertieft, dass er gar nicht mitbekommt, wie es leise an seiner Tür geklopft hat. Erst als sich neben ihm jemand räuspert, zuckt er kurz erschrocken zusammen bevor er seinen Blick vom Bildschirm abwendet und zu der Geräuschquelle dreht. Dort steht ein noch relativer junger Mann, Klaas schätzt ihn gerade mal auf ungefähr 20, in einem wahnsinnig schlecht sitzenden Anzug, so dass Klaas direkt innerlich aufseufzen muss. Ein guter Eindruck ist nun mal das A und O in dieser Branche. Etwas nervös spielt Besagter mit den Fingern am Saum des Jackets rum und sorgt mit dieser Handlung dafür, dass sich leichte Falten im Stoff bilden. Gerade als Klaas, zugegebenermassen schon etwas genervt, das Wort ergreifen will, um herauszufinden, was dieser Ruhestörer von ihm will, öffnet dieser seinen Mund und leise dringen nun die Worte an Klaas Ohren.

«Wir würden jetzt Mittagessen gehen und ich soll Sie holen kommen.»

Als Klaas Gehirn die Worte erfolgreich verarbeitet hat, dreht er den Kopf wieder in Richtung Bildschirm und antwortet mit einem knappen «Hab keinen Hunger und noch genügend zu arbeiten».

Für kurze Zeit bleibt der junge Mann etwas verwirrt im Türrahmen stehen, bevor er mit einem geflüsterten «Okay», bei dem sich Klaas nicht mal sicher ist, ob er sich das nur eingebildet hat, das Büro wieder verlässt und die Tür hinter sich schliesst. Klaas kann über diesen Jungen, Mann kann er ihn weiss Gott nicht nenne, nur die Augen verdrehen. Wer in dieser Branche schon schweissgebadet ist, nur weil er einen Mitarbeiter zum Mittagessen abholen muss, der wird es in diesem Zirkus keine zwei Tage aushalten, ohne aufgefressen zu werden. Klaas könnte fast schon Mitleid mit ihm haben. Aber eben nur fast. Die Arbeitswelt ist hart und fordernd. Wer damit nicht klar kommt, hat schlechte Karten und sollte sich was anderes suchen.

Kurz knurrt Klaas Magen auf und überführt ihn der glatten Lüge, denn Hunger hat er sehr wohl. Doch die Aussage, dass er genügen zu arbeiten hat, war schliesslich keine Lüge. Zumindest in Klaas Augen. Die Aussage seines Chefs, es langsam anzugehen, hat er schliesslich schon nach wenigen Sekunden wieder vergessen oder besser gesagt verdrängt. Verdrängen wird in Klaas Liste an Fähigkeiten sowieso grossgeschrieben. Keine zwei Sekunden, nachdem er gestern Abend das Handy beiseite gelegt hatte, war Joko aus seinem Kopf verbannt worden. Er hat jeden Gedanken und jede Erinnerung an ihn mit Steinen beschwert und in den tiefen See seines Bewusstseins versenkt. Es ist erschreckend, wie schnell es Klaas Verstand geschafft hat seine Schutzmauern wieder hochzuziehen und sich selbst einzureden, dass es gut ist, so wie es ist. Dass er sich da sowieso nur in was verrannt hatte, Joko sowieso nie was von ihm wollte und er sowieso nicht für ein Familienleben gemacht ist. Um dem Leben und seinem Herzen gar nicht erst die Möglichkeit zu geben, diese Erkenntnis zum Erschüttern zu bringen, stürzt er sich nun regelrecht in die Arbeit. Und deshalb ist da keine Zeit, um mit Arbeitskollegen essen zu gehen. Er ist schliesslich auch nicht hier um Freunden zu finden, sondern schlicht und einfach um einen guten Job zu machen.

Dieses Schauspiel zieht sich schliesslich über die ganze Woche hin. Jeden Tag pünktlich um 13 Uhr taucht der schüchterne Praktikant, der, wie Klaas inzwischen rausgefunden hatte, den Namen Silas trägt, in seinem Büro auf, nur um von ihm eine Abfuhr zu erhalten. Klaas hat das Gefühl, mit jeder Begegnung schrumpft der gut 1.85 m grosse Mann um mindestens 10 cm, wenn er das Büro mit hängenden Schultern wieder verlässt und Klaas hat schon fast Mitleid mit ihm. Nein, er hat Mitleid mit ihm, aber was soll er denn tun? Er wollte nicht mit seinen Arbeitskollegen die Mittagszeit verbringen. Auch wenn er es sich selbst niemals eingestehen würde, so war es nur aus purer Angst. Angst neue Menschen kennen und lieben zu lernen, nur um ein weiteres Mal in seinem Leben verletzt zu werden. Das letzte Mal, als er sich nämlich auch mit dem Herzen auf jemanden eingelassen hatte, verschwand besagter Typ einfach so aus seinem Leben, wie eine Seifenblase, die an einem spitzen Gegenstand geplatzt ist, und nahm das letzte Fünkchen Hoffnung und Seelenfrieden gleich mit. Eine Erfahrung die Klaas schon zu oft erleben musste und bei der er sich geschworen hat, dass er sich so was nie wieder antun wird.

Doch was Klaas auch erfahren musste, ist die Tatsache, dass seine Schutzmauern wohl nicht stark genug sind. Egal wie stabil und sicher sie tagsüber sind, abends, wenn er alleine in seiner neuen Wohnung sitzt, fallen sie in sich zusammen, wie ein Kartenhaus. Und wenn sein Herz dann nackt und verletzlich in seiner Brust schlägt, tauchen auch langsam die Gedanken an Joko wieder aus dem See des Vergessens auf und egal mit wie vielen Steinen Klaas versucht, sie wieder zu versenken, sie schwimmen verdammt nochmal auf der Oberfläche wie ein rotes Gummiboot. Klaas hält sich selbst schon für Schizophren, denn der Klaas bei der Arbeit hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Klaas abends bei sich zu Hause zu tun. Da sind zwei so unterschiedliche Personen wie Tag und Nacht. Während Klaas bei der Arbeit konzentriert, selbstsicher und kaltherzig ist, so ist er zu Hause ein verletzliches Häufchen Elend, dass sich wie ein kleines Kind nach einer Umarmung sehnt. Und er kann es einfach nicht verstehen. Er kann nicht verstehen, wann er zu so einem emotionalen Wrack geworden war. Natürlich ist das gelogen, schliesslich weiss er nur zu gut, wann er sich um 180 Grad gedreht hat. Aber sich einzugestehen, dass er sich verdammt nochmal in einen Callboy verliebt hat und dadurch seine ganze Welt aus den Fugen gerät, dass kann er einfach nicht akzeptieren. Nie und nimmer.

Das nie und nimmer endet aber spätestens einen Tag später, als Klaas am Wochenende alleine zu Hause sitzt und sich ausnahmsweise mal nicht mit Arbeit ablenken kann. Und so sitzt er motivationslos auf seinem Sofa, während es in seinem Kopf die ganze Zeit brüllt, dass er sich in einen Callboy verliebt hat. Diese kleine Stimme ist so penetrant und laut, dass er wie von der Tarantel gestochen vom Sofa aufspringt und laut losbrüllt.

«Ja ich hab mich in Joko verliebt!» schreit er dieser fiesen kleinen Stimme entgegen und spätestens jetzt ist Klaas sich sicher, dass er definitiv einen an der Klatsch hat, wenn er schon Selbstgespräche führt. Doch anstatt, dass diese Stimme nun Ruhe gibt, weil Klaas endlich zu der Erkenntnis gekommen ist, welche schon immer in fetten Buchstaben vor ihm standen, ruft sie nur hämisch weiter.

«Joko wollte nie was von dir. Joko wollte nur dein Geld. Joko ist weg.»

Wie ein Mantra wiederholen sich diese Worte in seinem Kopf, bis er sie schliesslich leise nachmurmelt.

«Joko wollte nie was von mir. Joko wollte nur mein Geld. Joko ist weg.»

Seufzend lässt er sich wieder auf das Sofa fallen.

«Joko ist weg» murmelt er unaufhörlich, während er sein Gesicht in seinen Händen vergräbt und langsam einzelne Tränen über seine Wangen rollen.
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