Wundervolle, Wundervolle Welt

von Mercury
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P18
20.11.2018
30.06.2020
67
501.743
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30.06.2020 9.199
 
Kapitel 66

Sam gähnte ins Halbdunkel des frühen Montagmorgens und streckte sich, versuchte vergebens, das Brummen und Piepen seines Smartphones zu ignorieren. »Mach es aus, oder ich mach es für dich, doch dann geht das Ding kaputt ...«, knurrte eine unleidlich klingende Stimme an seinem Rücken. Sam blinzelte und spürte eine raue Zunge an seinem Nacken entlangfahren. »Oh, du bist wach ...«, murmelte er verschlafen.
Er seufzte, griff nach seinem Smartphone und berührte das Display, um den Wecker zu deaktivieren. »Offensichtlich, Wecker und Katze sind keine gute Kombination zum Weiterschlafen.«
Mit einem Brummen setzte sich Sam, wenn auch widerstrebend, auf und gähnte herzhaft, sah dann zur Seite. »Was machst du ... ach vergiss es.« Er schlug die Decke zurück und bevor er die Frage stellen konnte, wo Lilly steckte, roch er frischen Kaffee und den Duft von frisch gebackenen Brötchen, die Sams Magen knurren ließen. »Hey, wohin gehst du?«, erklang es gequengelt hinter ihm. Offenbar hatte sich Lya etwas anderes erhofft, nachdem sie beide wach waren.
Sam blieb stehen, wandte sich halb um. »Ich muss duschen und offenbar macht irgendwer hier gerade Frühstück und ich habe Hunger.«
Lya blies beleidigt die Wangen auf, riss sich die Decke über den Kopf und warf sich herum. »Idiot!«, erklang es gemurmelt und Sam schlenderte amüsiert durch das Wohnzimmer. Diese Frau ... Er blieb stehen, als ihm die letzte Nacht langsam ins Gedächtnis kam. Moment. Warte. Verdammt. Ich habe ...
Lilly steckte den Kopf aus der Küche und lächelte fröhlich. »Guten Morgen Darling! Frühstück ist gleich fertig!« Sam trat zu ihr und drückte ihr einen Kuss auf und sog ihren Duft ein. Für einen Moment stand er nur so da, bis er Lillys Hand auf seinem Rücken spürte, die ihn liebevoll streichelte. Stumm blickte sie ihn fragend an, doch er lächelte nur. »Wunderbar, ich bin auch gleich fertig«, erwiderte er etwas zögernd. Lilly nickte nur. »Okay.« Sam sprang unter die Dusche, die er tatsächlich – wahrscheinlich dank Lillys Intervention – für sich hatte.

Als er einige Minuten später am Küchentisch platz nahm, warteten bereits frischer Kaffee, Brötchen und andere Dinge auf ihn. Er blickte auf. »Woher kommen die denn? Du warst doch nicht etwa schon draußen?«
Lilly betrachtete sinnierend ihr Brötchen. »Nein Darling, aber May hat mir gezeigt, wie ich sie selber mache.«
Sam biss in seines, kaute prüfend und musste eingestehen, dass Lilly entweder ein Händchen hatte, oder Mayleens Rezept »kopiert« hatte. »Wow, also ...« Er kaute und schluckte. »Das ist aber echt nicht nötig, Kleines. Ich bin jahrelang mit Müsli oder Toastbrot ausgekommen ...« Lilly sah ihn an, schmunzelte und zuckte auf eine amüsierte Art mit den Schultern, bevor sie in ihr Brötchen biss. »Aber jetzt hast du ja mich, Darling.«
Er legte seine Hand auf ihre. »Und dafür bin ich unendlich dankbar ...« Ein Seufzen erklang neben ihm. »Könnt ihr das nicht lassen? Ihr verderbt anderen Leuten mit diesem Gesülze wirklich das Frühstück!« Sam lachte belustigt und blickte zu Lya, die in einem T-Shirt auf ihrem Stuhl lümmelte und missmutig dreinblickte. »Gewöhn dich dran. Erwachsene Menschen haben hin und wieder Gefühle.«
Lilly lachte. »Darling, ich will dir nicht versprechen, aber du bist der einzige Mensch hier.«
Er nickte und hob einen Zeigefinger. »Das stimmt wohl, aber Dämonen haben das auch, schätze ich.« Er sah zu Lya. »Sogar kleine, böse Katzen, wie ich mir habe sagen lassen«, fügte er voller theatralischer Übertreibung hinzu und lauschte dem amüsierten Auflachen Lillys, das diese in ihrem Tee erfolglos zu verstecken versuchte. Lya erhob sich, nachdem sie den Rest ihres Brötchens heruntergeschlungen hatte, und streckte sich. »So, wann gehen wir?«
Sam blinzelte und nippte an seinem Kaffee, sah auf sein eigenes, halbes Brötchen. »Wir?«
»Ich muss auch noch was erledigen, da kann ich dich begleiten«, erwiderte Lya schlicht, ganz so, als wäre es die normalste Sache der Welt. Sam sah sie ein wenig misstrauisch an. »Achja? Ich dachte, du bleibst bei Lilly? Denk dran, die Tür und diverse andere Dinge kommen heute.«
»Sie ist schon groß, außerdem bin ich bis dahin wieder da«, erwiderte Lya lapidar und winkte mit einer Hand ab. Sam musterte sie. »Du hast kein Busgeld, oder?«
Lya hielt inne, ließ etwas die Schultern sinken. »Halt den Mund und komm. Es ist kalt draußen, verdammt!«

Sam verabschiedete sich von Lilly und als er sie küsste, wurde ihm tatsächlich bewusst, wie sehr er die kleine Zwangspause in seinem Job genossen hatte. »Ich ruf dich in der Pause an, ja?«
Lilly nickte und sah ihn lächelnd an. »Alles klar, Darling. Mach dir keine Sorgen, ich kümmer mich hier um alles.« Sie küsste ihn abermals und erntete ein lautes Seufzen von Lya, die ihre Hände in den Taschen ihres Ledermantels gesteckt hatte. »Können wir? Sonst muss Lilly zusätzlich gleich noch das Treppenhaus putzen, weil mir ein wenig flau wird ...«
Sam kniff Lilly spielerisch in den Hintern, was diese mädchenhaft kichern ließ. Er senkte die Stimme: »Vergiss die Siegel nicht, ja Kleines?«, erklärte er laut genug, dass Lya es hören musste, und wandte sich um, nachdem die Dämonin nickte. »Gut, gehen wir, komm.«
Sie schafften es ein Stockwerk tiefer, als sich eine Tür öffnete und Benjamin-Rüdiger heraustrat und seine Tasche schulterte. Ein Blick reichte, um zu sehen, dass seine Mutter offenkundig beschlossen hatte, das Schwierigkeitslevel im Leben des armen Jungen aus Prinzip so hoch, wie möglich zu halten. Die selbstgestrickte Wollmütze, die in den 70ern schon out gewesen war, dazu eine zwei Nummern zu große Jacke, die an diversen, sichtbaren Stellen mehr oder weniger fachgerecht genäht und mit großen Stoffstücken geflickt worden war, komplimentierten sein Outfit. Der Rucksack sah ebenfalls aus, als hätte er mehrere Expeditionen in den tiefsten Dschungel überlebt, was aber wohl eher an den Mitschülern liegen mochte.
»Und halte dich von den bösen Kindern fern, ja!«, erklang Frau Schmidts schrille Stimme aus dem Inneren der Wohnung und Sam seufzte innerlich. Nicht etwa nur, weil jener Satz ihm – zumindest der Thematik nach – leidlich bekannt vorkam, sondern weil er einfach so unglaublich naiv und idiotisch für Außenstehende war. Wahrscheinlich gab es keine Schule, bei der dieser einfache Vorschlag zur Konfliktvermeidung wirklich funktionierte.
»Oh verdammt ...«, murmelte Lya halblaut, denn sie erkannte, dass sie niemals ungesehen an den beiden vorbeikamen. Rüdiger-Benjamin wandte sich um, als er ihre Stimme vernommen hatte. »Oh, Hallo Sam!«, rief er fröhlich und hob eine Hand und winkte ein wenig scheu.
»Das heißt: Guten Morgen Herr Weber!«, korrigierte seine Mutter strikt, wie schrill und streckte den Kopf aus der Tür. Ihr Gesichtsausdruck wurde noch eine Nuance finsterer. »Herr Weber! Gut, dass ich Sie hier treffe! Wir hatten gestern schon wieder einen Stromausfall!«
Sam nickte höflich. »Guten Morgen, Frau Schmidt. Ich weiß, aber der Strom war ja nach kurzer Zeit wieder da, nicht wahr?«
»Stunden hat es gedauert! Stunden!« Was absolut nicht stimmte, aber Sam hütete sich, jetzt eine Diskussion anzufangen. »Ich will Ihnen mal etwas sagen, wenn das noch einmal vorkommt, werde ich ...« Sie unterbrach sich, die Augen weiteten und die Nasenspitze bebte. Sam wandte den Kopf halb zur Seite, bemerkte Lya, die da stand und absolut nicht winterlich gekleidet war.
Mit dem Halsband und dem Ledermantel bot sie außerdem wahrscheinlich das absolute Anathema für Frau Schmidts Weltanschauung. Sam hätte lügen müssen, dass er jenen Realitätscheck nicht ein klein wenig genossen hätte. Doch anstatt zu explodieren, schien Frau Schmidt Lya einfach auszublenden und zu ignorieren.
»Wir müssen langsam, der Bus wartet«, bemerkte Sam nach einem Moment der Stille und der tadelnden Blicke und lächelte höflich. »Gehen wir, ich will nicht an meinem ersten Tag nach dem Home-Office zu spät kommen. Pünktlichkeit ist nämlich eine Tugend, weißt du?«
Lya starrte ihn an, als hätte er etwas sehr Dummes gesagt, nickte dann aber.
Frau Schmidt nickte mit verkniffenem Gesicht stumm, dann marschierte Sam los, den eisigen Blick seiner Nachbarin im Rücken. Er hörte noch, wie Frau Schmidt ihrem Sprössling weitere, mahnende Worte mit auf den Weg gab, doch da waren sie bereits an der Haustür.
Sam öffnete sie und blinzelte, als er die gewaltige Schneemenge sah. Irgendwer hatte zwar einen Weg bis zur Straße freigeräumt, allerdings war abzusehen, dass das nicht lange so bleiben würde. Eigentlich könnte Lilly das mit etwas Feuermagie ... Er vertrieb den Gedanken allerdings sofort wieder, außerdem öffnete sich die Haustür hinter ihnen in diesem Moment. »Und da ist er auch schon«, murmelte Lya trocken und hörbar genervt.
»Hey!«, rief Rüdiger-Benjamin ein wenig heiser, seine Stimme überschlug sich fast und Sam nickte ihm zu und unterdrückte ein Gefühl des Auflachens und des Mitleids. »Hey, na alles in Ordnung?«, fragte er freundlich. Wahrscheinlich hat er gerade nochmal einen Einlauf bekommen und ich fürchte, Lya wird wohl Bestandteil der nächsten Ermahnung von Frau Schmidt. Und Inhalt der nächsten Hausversammlung.
Der junge, etwas dickliche bebrillte Schüler nickte. »Ja, alles in Ordnung.« Sein Blick traf Lya. »Hallo! Schön, dass du ... Sie ... wieder mal da sind.«
Sam sah zu Lya, die den Mund öffnete und dann wieder schloss. »Ja, aber ... nicht lange«, erwiderte sie. »Habe nur nach der Katze geschaut.«
»Ja, die hat eine Ermahnung gebraucht, das kleine, freche Biest«, bestätigte Sam trocken und schlenderte in Richtung Straße.
»Vielleicht wird sie dir heute Nacht nochmal in den Fuß beißen ...«, erwiderte Lya, die Arme hinter dem Kopf verschränkt im Plauderton. »Oder in eine andere, dir sehr liebgewonnene Stelle ...«
»Oh, wenn sie das versucht, bekommt sie definitiv Ärger mit Lilly«, erwiderte Sam überzeugt. »Vielleicht wäre es gut, wenn jemand auf die Katze aufpasst ... du hast nicht zufällig Zeit, Rüdiger?«
Lya warf Sam einen finsteren Blick zu, der dazu geneigt war, Stahl wie Butter zu schmelzen. »Äh, ich weiß nicht, ich meine ...«
»Nun, Lilly wird schon mit ihr fertig.« Rüdiger nickte, wandte sich dann um. »Ich muss los, mein Bus kommt gleich, bis dann!« Er eilte los, zu Sams Erleichterung in die entgegengesetzte Richtung.
Er rannte los und Lya sah ihm nach. »Und ich dachte echt, du bist der größte Idiot im Haus ... offenbar hat sich Lilly doch nicht die Nummer eins geschnappt.«
Sam zuckte mit den Schultern und unterdrückte ein Auflachen. »Er ist ein netter Junge, er hat nur Pech mit seiner Mutter.« Er schielte zu Lya. »Und wenn du nicht netter wirst, wird er auf dich aufpassen, wenn ich arbeiten bin! Und ich kann dir nicht versprechen, dass er dir nicht das Fell rasiert!«
»Jaja ...«, brummte Lya wenig beeindruckt, während sie über den Bürgersteig in Richtung von Sams Bushaltestelle schlenderten. »Wohin willst du noch?«, fragte er und sie schob die Hände in die Taschen, schielte zur Seite. »Ein paar Dinge erledigen. Keine Sorge, ich bin früh genug zurück, um mit Lilly einkaufen zu gehen.«
Sam nickte, griff in eine Tasche und zog seinen Geldbeutel und aus diesem einen Schein. Lya beobachtete ihn wortlos und hob eine Augenbraue, als er ihr den Schein hinhielt. »Was soll ich damit?«
»Du brauchst eine Mütze, sonst frieren dir die Ohren ab.« Sie betrachtete den fünfzig Euro Schein ein wenig missmutig. »Das ist ...«
»Zu wenig? Ich habe keine Ahnung, was eine brauchbare Mütze kostet. Aber wenn du meinst ...«
Sie zupfte den Schein aus seiner Hand. »Zu viel, wollte ich sagen«, erwiderte sie ein wenig irritiert. »Warum tust du das?« Sie blickte ihn lauernd an.
Sam schob seinen Geldbeutel zurück in die Tasche. »Weil ich nicht möchte, dass du dir die kleinen, süßen Plüschöhrchen abfrierst? Ich meine, ich würde sie dir ja auch warmrubbeln, aber ich komme erst heute Abend nach Hause ...«
Sie schnaubte. »Denk an deine Füße ...«
»In diesem Fall ist die Mütze wohl die sicherere Alternative, denkst du nicht?«
Lya brummte, sah sich kurz um, bevor sie näher trat und seinen Arm ergriff. Sam hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. »Du machst es mir manchmal ganz schön schwer, dich nicht zu mögen«, murmelte Lya leise, fast ein wenig säuerlich. Sam blickte aus dem Augenwinkel zur Seite. »Ich gebe mir Mühe, dass man mich wenigstens ein wenig mag.«
»Kannst du damit aufhören?«, fragte sie in einem fast kindlich anmutenden Quengelton. Er lachte und schüttelte den Kopf. »Nein, ich denke nicht und ich möchte was klarstellen.« Er sah sie ernst an. »Ich gebe dir das Geld nicht, weil ich dich kaufen will. Ich respektiere dich und deine Art, zu leben, und versuche gar nicht erst, dich auf so eine dumme Art zu manipulieren. Alles, was ich will, ist, dass wir ... nun ja, Freunde werden.« Und das, nachdem wir miteinander Sex hatten. Meine Güte, ich klinge wie ein völliger Idiot. Er räusperte sich. »Wenn das beinhaltet, dass ich deine Öhrchen warm halte mit einer Mütze, ist das ein kleiner Preis, denkst du nicht auch?«
Als sie nichts sagte, blickte er zur Seite. Sie zuckte mit den Schultern und brummte ein wenig ergeben. »Fütter mich und drück mich hin und wieder gegen die Duschwand, dann könnte das sogar klappen«, murmelte sie mit einem anzüglichen Lächeln. Sam seufzte. »Was das angeht ... ich mach mir etwas Sorgen, weißt du?«
»Ach, völlig unnötig in diesem Fall«, erwiderte Lya, hielt dann aber inne. »Aber falls es dich beruhigt, schauen Lilly und ich uns das noch mal an.«
Er nickte verblüfft. »Das wäre ... hilfreich. Danke.« Die Bushaltestelle kam in Sichtweite.
Lya schüttelte den Kopf. »Ach, bilde dir nichts ein! Ich brauche nur bald neue Unterwäsche und wenn du vorher explodierst, wäre das wohl nicht so praktisch ...«
Sam schmunzelte. »Nun, das stimmt wohl. Aber es verwundert mich doch ...«
»Was? Das ich nicht will, dass du explodierst? Bild dir nichts darauf ein ...«
»Ich meinte, dass du überhaupt Unterwäsche trägst«, erwiderte er mit schiefem Lächeln und zog eine Tageskarte aus dem Fahrkartenautomaten neben der Bushaltestelle. »Hier, bitte.«
Sie nahm die Karte entgegen und ließ sie in eine Tasche gleiten. »Wunderbar, dann muss ich heute keine schlimmen Dinge tun.«
»Völlig ungewohnt für dich, hm?«, fragte Sam und berührte den Knopf am Bus, damit die Tür aufschwang. Lya schnaubte, lächelte aber kurz. »Könnte man fast sagen.«

Sie trennten sich an einer Haltestelle und Sam sah dem Bus nach, schüttelte dann kurz den Kopf und betrat das Foyer von Needfull Innovations. Er trat ein, ließ kurz den Blick schweifen. Der Vorraum war nüchtern, ja geradezu unauffällig, aber offenbar hatte man ein paar Dinge in seiner Abwesenheit verändert. Die Sofas sahen neu aus, einige Pflanzen waren außerdem dazugekommen und Sam hatte die dunkle Ahnung, dass es keine ganz normalen, gewöhnlichen Zierpflanzen waren. Hat Elaine wegen mir angefangen, schon die Umgebung mit diesen magiesaugenden Pflanzen zu bestücken?
Eine junge, durchaus attraktive, dunkelhaarige Frau, Sam schätzte sie auf Mitte zwanzig, saß hinter einem Tresen aus dunklem, schweren Holz, auf dem ein moderner Flachbildschirm stand und nickte ihm freundlich zu. Er war sich fast sicher, dass sie kein gewöhnlicher Mensch war. Das könnte ich eigentlich ganz leicht herausfinden. Bisher hatte er sie noch nie gesehen, was darauf schließen ließ, dass sie neu war.
Doch bevor er sie genauer in Augenschein nehmen, oder ihre wahre Spezies herausfinden konnte, erklang eine dunkle, fröhliche Männerstimme. »Na, schau mal, wer hier wie wir gewöhnlichen Menschen zur Arbeit kommt«, erklang eine Stimme und Sam erkannte Gustav, seinen alten Arbeitskollegen. Sam lächelte und hob grüßend eine Hand. »Hey Gustav, das sind große Worte für jemandem mit eigenem Auto mit funktionierender Heizung!«
Der ältere Mann schmunzelte, bevor er in ein Taschentuch nieste. »Auch wieder wahr. Dachte, du leistest dir jetzt ein Auto? So nach deiner Beförderung?«
Sam schüttelte den Kopf. »Ich warte auf die nächste Beförderung dafür und Gesundheit. Immer noch nicht ganz gesund, oder schon wieder?«
»Ach, mir gehts gut! Und du? Habe verlauten hören, du warst krank?«
Sam runzelte die Stirn. »Man spricht noch über mich?«
Gustav zwinkerte. »Deine Anmerkungen bei den Rückläufern haben gefehlt, das ist uns durchaus aufgefallen. Alles in Ordnung bei dir?«
Sam nickte. »Nur eine ziemlich üble Grippe. Meine Chefin hatte Mitleid, wahrscheinlich wollte sie mich einfach nicht den ganzen Tag Husten, Niesen und Röcheln hören.«
»Also, wenn ihr jemals ein Plätzchen für einen alten Kämpfer frei habt, denk an mich, Sam mein Junge, ja?« Gustav klopfte ihm auf die Schulter, bevor er sich verabschiedete. Sam betrat den Aufzug und fuhr nach oben.
Während er das tat, dachte er über seinen Job nach. Mittlerweile gehörte Sam natürlich zu den Eingeweihten und wusste, dass das Leid von Gustav und den anderen Arbeitern im Erdgeschoss Teil eines elaborierten Plans war, gewisse Mengen an passiver magischer Energie abzuschöpfen. Der Computercode war kaum mehr, als Teile von magischen Wörtern, Zeichen und Runen, die am Ende der Produktion von einem speziellen Drucker auf Pergament gebracht wurden. Je mehr Computercode am Ende bei Sam oder einem der anderen oberen Mitarbeiter landete, umso ausgefeilter wurde die magische Schriftrolle. Das, sowie die magische Energie, die irgendwo irgendwie gesammelt wurde, machten daraus dann das Endprodukt.
Aber all das würden diese Leute nie erfahren. Soweit es sie betraf, waren sie einfach nur IT-Mitarbeiter einer kleinen Firma, die diverse Großaufträge für Firmen auf der halben Welt erledigte und deren Code nach Fehlern durchkämmte oder zusammensetzte.

Sam trat aus dem Aufzug, bemerkte Gunnar, der hinter seinem Tresen saß und in einer Zeitung blätterte. Kurz hob er den Blick, runzelte die Stirn, dann erschien ein Lächeln auf seinem Gesicht, als hätte er sich an ihn soeben erinnert, wer vor ihm stand. »Ah Sam!«, rief der Oger laut, wie fröhlich.
Dieser trat näher und hob grüßend eine Hand. »Hallo Gunnar, allen Gerüchten zum Trotz, ich lebe noch.«
Der Wachmann gab ein gutmütiges Lachen von sich, dass wie eine Schrottpresse im Hochbetrieb klang. »Als ob der Tod hier das Ende vom Beschäftigungsverhältnis wäre«, brummte der Wachmann belustigt, als hätte Sam einen grandiosen Scherz gemacht. Dieser hob eine Augenbraue, versuchte in dem gutmütigen, breiten Gesicht des Mannes zu lesen, ob dieser gerade einen Scherz machte. Wenn, dann war er verdammt gut darin, es zu verbergen. »Nun, da die Firma ja noch steht, werde ich wohl mal an meine Arbeit gehen. Schätze, man hat mir ein paar Dinge aufgehoben, oder?«
Die Augen des Ogers blickten kurz nach links, dann rechts, als würde er sich versichern, dass niemand zuhörte. »Kein guter Tag, um zurückzukommen, fürchte ich ...« Das wiederum klang nicht sehr erfreulich. »Was ist los?«, fragte Sam leise. Der Oger zuckte mit den breiten Schultern. »Schlechte Stimmung, glaube ich«, erwiderte der Wachmann und stieß einen schweren Seufzer aus, dann erhellte sich sein Gesicht. »Aber nun sind Sie ja wieder da, Sam!«
Dieser nickte ein wenig überrascht. »Ja, so ein kleiner Werwolfangriff setzt mich doch nicht wirklich außer Gefecht ...« Gunnar lachte gutmütig und Sam marschierte in Richtung seines Büros. Ich frage mich, was es heute wohl zum Mittag gibt. Kurz ließ er den Blick schweifen, die anderen Türen waren alle geschlossen. Vielleicht sollte ich Mirel mal in der Mittagspause besuchen. Er klopfte und nach einem Moment klang ein gedämpftes herein. Sam öffnete die Tür und fand Elaine hinter ihrem Schreibtisch, wie immer versunken in diverse Bücher, für die Museen und Sammler wahrscheinlich kiloweise Geldscheine geboten hätten.
»Herr Weber, wie wunderbar, dass sie es geschafft haben, sich zu erinnern, dass Sie hier noch arbeiten!«, erklärte sie nüchtern, ohne auch nur den Blick zu heben.
Sam schmunzelte und schlüpfte aus seiner Jacke. »Nun, im Anbetracht der hervorragenden Kantine dachte ich mir, gebe ich der Firma noch eine Chance.« Elaine musterte ihn endlich, hob eine Augenbraue. »Tatsächlich.«
Er trat näher und nickte freundlich. »Natürlich, allerdings haben Sie es tatsächlich geschafft, dass ich meine Kaffeemaschine nicht mehr mag.« Er blickte zu dem Ungetüm, das in einer Ecke stand. »Sie haben mich doch nicht etwa vermisst, oder Elaine?«
Sie blickte ihn über den Rand ihrer Brille an und musterte ihn. »Herr Weber, gibt es einen Grund, wieso sie Arbeitszeit mit Shity-Chat verschwenden?«
Das wiederum war ungewohnt. »Nun, wenn Sie so fragen, fällt mir im Moment keiner ein.« Shity-Chat? Ernsthaft?
Sie nestelte an ihrer Brille. »Ihr Computer wurde im Übrigen aufgerüstet, ich hoffe, Sie haben nichts gegen mehr Arbeitsspeicher und einen neuen Prozessor. Die Wasserkühlung dürfte die Lautstärke auch weiter reduzieren.«
Sam war tatsächlich überrascht. »Ich sehe, Sie haben mich wirklich vermisst, Elaine! Ich danke Ihnen, auch wenn der Computer vorher völlig ausreichend war!« Er wandte sich mit einem breiten Lächeln um. »Achja, Sie wissen noch, wie ich meinen Tee trinke, oder war ich zu lange weg?«
»Diese Frage würdige ich keiner Antwort«, erklärte Elaine nüchtern. »Ich bringe ihn in einer Minute, ich muss hier noch etwas erledigen. Gehen Sie ruhig schon in Ihr Büro.« Sam nickte, blieb dann an der Zwischentür stehen. »Ach verdammt, ich habe was vergessen, ich hole es schnell aus meinem Auto. Dauert nur eine Minute.« Elaine sah ihn an, nickte. »Schön.«
Sam machte auf dem Absatz kehrt, trat durch die Tür in den Flur und ging mit schnellen Schritten auf Gunnar zu. »Wir haben ein Problem«, murmelte er leise und der Oger sah überrascht auf. »Tatsächlich?«
Sam versuchte zu lächeln, doch es gelang ihm nicht. Das eisige Gefühl in seinem Magen drohte, sich durch die Haut zu brennen. »Die Frau da drin, das ist nicht Elaine.«
Der Oger starrte ihn verblüfft an. »Wie kommen Sie darauf?«
»In jeder anderen Firma würde ich nichts darauf geben, aber hier? Vielleicht irre ich mich und wir lachen gleich alle zusammen, aber ...«
Der Oger nickte unvermittelt grimmig, erhob sich und zog eine Mütze aus einem Fach und setzte sie sich auf. Ein Schlagstock folgte, dann trat er hinter seinem Schreibtisch hervor. »Vielleicht ... sollten wir noch Verstärkung rufen. Wer auch immer Elaine überwunden hat ...« Sam wollte gar nicht an diese Implikation denken.
»Keine Sorge, das schaffen wir schon.« Gunnar klopfte Sam auf die Schulter und dieser hatte Mühe, nicht einzuknicken. Der Wachmann marschierte voran, klopfte und nach einem herein betraten er und Sam das Büro.
Der Oger stutzte und als Sam an ihm vorbei trat, ebenso. Vor ihnen standen zwei Elaines. Die eine saß hinter dem Schreibtisch, die andere daneben. Auf den ersten Blick waren sie völlig identisch. »Es gibt Momente, an denen hasse ich es, richtig zu liegen«, erwiderte San trocken. Er blickte zu Gunnar, der abwartend da stand. Er schielte zu Sam. »Sie hatten recht«, brummte er und wog den Schlagstock in einer Hand und ließ ihn nachdenklich in die offene linke Hand klatschen, was schon Drohung genug war. Doch der Eindringling reagierte nicht.
»Nun, das ist ein klassisches Dilemma der modernen Literatur«, erklärte Sam nüchtern und machte zwei Schritte in den Raum. »Wir könnten jetzt einfach Fragen stellen, die die echte Elaine beantworten kann, aber ...«
Sam rieb sich an der Nase. »Haben Sie ein Messer? Ich denke, mit einem kleinen Bluttest können wir das auch herausfinden.«
Die Elaine neben dem Schreibtisch begann zu lachen und hob eine Hand, wandte sich dann ihrem Ebenbild zu. »Das dürfte nicht nötig sein.« Die Elaine hinter dem Tisch begann sich zu verändern und nach einem Moment kam eine zartgebaute, junge Frau zum Vorschein, deren Haut einen sanften, hellen Blauton besaß. Irgendwas an ihr war surreal, aber Sam konnte für einen Moment keinen Finger darauf legen.
»Ich habe dir gesagt, dass er es merkt.« Die Frau hinter dem Schreibtisch seufzte ergeben, blies dann ihre Wangen auf und ließ den Kopf ein wenig hängen, was fast irgendwie unschuldig und mädchenhaft wirkte. »Aber ich habe Sie perfekt imitiert!«
Elaine lächelte ein wenig sinister. »Offenbar nicht. Herr Weber, wären Sie so freundlich, Yuya zu erklären, wie sie es bemerkt haben?« Sie nickte Gunnar zu. »Vielen Dank, Sie können gehen, Gunnar.«
Der Oger nickte fröhlich, tätschelte Sams Schulter. »Tschuldige, Anweisung von oben.« Er lachte etwas verlegen, wandte sich um und schlenderte davon und Sam war tatsächlich fast sicher, ein fröhliches Pfeifen zu hören.
»Also? Wie verdammt!«, rief die junge Frau und Sam trat langsam näher. »Nun, eigentlich sind es nur Kleinigkeiten gewesen ...« Er musterte sie nachdenklich, blickte dann zu Elaine. »Aber dürfte ich erfahren, was dieser ... Test für einen Sinn hatte?«
»Im Grunde nur ein kleiner Spaß, allerdings wollte ich Yuya beweisen, dass Menschen ihre Vorzüge haben und man sie nicht unterschätzen sollte.« Sie blickte zu der Frau. »Ich hoffe, sie hat etwas gelernt und überdenkt ihre Einstellung.«
Yuya nickte ein wenig demütig, dann sah sie Sam an. »Also?«
»Nun ...« Sam räusperte sich ein wenig verlegen. »Sie haben eigentlich drei kleine Fehler gemacht. Zum Ersten ...« Er hob einen Finger, »würde ich Elaine nicht zutrauen, das Wort Shity-Chat zu benutzen.« Diese nickte, ihre Mundwinkel zuckten kurz. »Zum Zweiten die Sache mit dem Computer. Sie kannten viel zu viele Details. Dinge, die Elaine nicht interessieren, wir hatten da eine kleine Sache mit Computern und ihrer Aktualität ...«
»Das ist alles? Mehr nicht?«, unterbrach Yuya ungläubig und Sam konnte sehen, wie es in ihrem Gesicht zuckte und die Augen sich weiteten. »Nun ja, da ist noch die eine Sache ...«
Er schmunzelte. »Der Tee«, erwiderte Elaine nüchtern. »Herr Weber trinkt Kaffee, allerdings hin und wieder auch Tee, aber niemals morgens.«
Sam nickte. »Exakt, aber das bringt mich jetzt zum wirklichen Grund dieser ganzen Sache ...« Er musterte Yuya. »Ich finde das eine faszinierende Fähigkeit, wirklich. Ist das nur eine optische Täuschung, oder ...«
Formwandlerin. Sie ist eine Formwandlerin. »Sie sind eine Formwandlerin, oder?«
»Das ist eine ziemlich ungenaue Beschreibung«, erwiderte sie schlicht. »Warum fragen Sie?«
»Herr Weber ist immer äußerst interessiert, was Dinge angeht, die die kleine, rationale Welt der Menschen übersteigen«, erklärte Elaine mit einem belustigten Tonfall. »Nun, Sie beide können das später klären.«
»Gerne, ich meine ...« Sam räusperte sich. »Was sind Sie? Meine neue Arbeitskollegin? Mein ... Ersatz?« Oh verdammt, das ist doch jetzt nicht so ein Ding, wo ich meinen Nachfolger trainieren soll, bevor ich rausfliege?
Elaine schnaubte belustigt. »Wenn dieses kleine Theaterspiel etwas gezeigt hat, dann, dass Sie so schnell nicht zu ersetzen sind, Herr Weber. Davon abgesehen, wartet wirklich Arbeit auf Sie.«
Sam nickte und hob abwehrend die Hände. »Schon verstanden. Nun, dann, bis später.« Er trat zur Zwischentür. »Das mit meinem Computer, war das eigentlich auch Theater?«
»Nein, ich habe wirklich neue Hardware eingebaut«, erwiderte Yuya fröhlich und erhob sich von ihrem Stuhl und lächelte fröhlich. »Wenn Sie fragen oder Anmerkungen haben, Herr Weber, zögern Sie bitte nicht, mich zu konsultieren. Ich bin zwei Türen weiter.«
Er nickte freundlich und hob grüßend eine Hand, dann schloss sich die Tür.

Der Kaffee kam fünfzehn Minuten später und Elaine musterte ihn einen langen Moment. Sam nippte an der dampfenden Tasse, schloss kurz die Augen. »Wirklich, der ist viel besser als der, den ich zuhause habe.«
Elaines Mundwinkel zupften. »Ein Grund mehr, ins Büro zu kommen, Herr Weber.« Sam setzte die Tasse ab. »Man könnte fast meinen, Sie haben mich vermisst. Dabei haben Sie doch eine Hilfe gehabt ...«
Elaines Gesichtszüge blieben fast normal, doch ihre Augen blickten einen Moment in die Ferne. »Nun, Yuya war eine Hilfe, aber sie arbeitet ... anders, als Sie.« Sam nickte und unterdrückte ein Auflachen. Soweit er das sah, war er der einzige Mensch auf dieser Etage, der ganz normal mit einem Computer arbeitete. »Nun, als Formwandlerin kann ich mir das vorstellen.«
»Keine Formwandlerin, Herr Weber. Das ist etwas völlig anderes«, widersprach Elaine nüchtern. »Davon abgesehen, wie fühlen Sie sich?«
»Nun, viel besser, vielen Dank. Ich habe im Übrigen auch endlich die Gutscheine eingelöst, vielen Dank noch einmal dafür.«
»Tatsächlich? Wenn die Frage gestattet ist, wofür?« Elaine sah ihn über den Rand ihrer Brille an.
»Ein spezielles Buch für Lilly und mich, um ... nun ja, gewisse Dinge besser zu verstehen und zu lernen.« Elaines Mundwinkel zuckten. »Wunderbar, eine Erleichterung.«
Sam lachte leise in seinen Kaffee und nippte an der Tasse. »Allerdings haben Sie offenbar das Foyer ein wenig umdekorieren lassen, oder?«
Elaines Mundwinkel zuckten. »Eine reine Selbstschutzmaßnahme, wer kann schon wissen, was Sie in ihrem kleinen Urlaub so anstellen?« Sie trat näher und ihre Nase zuckte kurz. »Und ich würde sagen, ich hatte völlig recht.«
»Sie können also meine Aura auch lesen, genau wie Lilly, Glückwunsch.« Elaine hob eine Augenbraue. »In der Tat. Ich sehe, Sie sind dabei, zu lernen.«
Sam trank einen Schluck Kaffee, um Zeit für eine Antwort zu gewinnen, und hob den Kopf, um Elaine anzusehen. »Aber da ist noch eine Sache ...« Elaine seufzte. »Vielleicht sollten Sie erst einmal etwas arbeiten, bevor sie Fragen stellen, Herr Weber. So ungern ich es sage, aber es ist dank Ihrer Abwesenheit einiges liegengeblieben.« Sie wandte sich um und schlenderte zur Tür. »Sie wissen, wo Sie mich finden.«
»Das weiß ich und Elaine?« Sie blieb stehen.
»Glauben Sie an Zufälle
Sie wandte den Kopf zur Seite, runzelte die Stirn. »Was meinen Sie?«
»Ich habe in dem Kaufhaus ein zweites Buch erstanden. Es war nicht billig, aber es war immer noch ausgesprochen günstig und hat quasi auf mich ... gewartet, wenn ich es mal so ausdrücke.«
»Betrachten Sie es einfach als glücklichen Zufall, solch ein Werk zu bekommen. Wenn Sie etwas über Gaia wissen möchten, fragen Sie mich. Nach der Arbeit oder in der Mittagspause. Sie kennen die Regeln.«
Sam setzte seine Tasse ab. »Ich habe nie gesagt, welches Buch es ist ...«
Elaine lachte. »Tatsächlich nicht? Ich könnte schwören, dass Sie das haben ... Vielleicht werde ich alt, wer weiß?«
Mit diesen Worten trat sie durch die Tür und schloss diese. Sam starrte ihr nach und schüttelte den Kopf. Er schnaubte mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. »Alt, sagt sie und sieht keinen Tag älter aus als Ende zwanzig oder Anfang dreißig und dabei braucht sie bestimmt mehr als eine Torte, um Platz für die Kerzen auf der Torte zu haben ...«
»Das hab ich gehört!«, erklang es von außen. Sam räusperte sich und wandte sich dem Computer zu und begann zu arbeiten. Sein Verdacht, dass Elaine etwas mit dem zweiten Buch zu tun hatte, hatte sich soeben praktisch bestätigt. Warum tut sie das für mich? Es war eine weitere Frage auf einer langen, langen Liste.

Bis zum Mittagessen fand er zumindest heraus, dass tatsächlich eine ganze Reihe an Arbeit liegengeblieben war und sich der sprichwörtliche Berg durchaus häufte. Wir haben viel zu wenig Personal für den letzten Schritt. Während fast einhundert Mitarbeiter in der unteren Etage tagein tagaus am Computer Code kontrollierten, ausbesserten und zusammensetzten, um diesen nach oben zu schicken, war das Personal darüber geradezu lächerlich gering. Elaine, Mirel, Joseph Steinfurt, ich und jetzt noch Yuya. Fünf Leute?
»Und, was denken Sie?«, fragte eine Stimme hinter ihm. Sam schaffte es, nicht zusammenzuzucken, streckte sich und lauschte dem Arbeiten des Druckers, der soeben mehrere Schriftrollen produzierte. »Nun, sagen wir, ich sollte herausfinden, wie viel Sie für die Überstunden zahlen, die nötig wären, um das hier abzuarbeiten.«
Elaine schnaubte abschätzig. »Nun, das ist eine gute Frage. Allerdings kann ich Sie beruhigen, Herr Weber. So wie es aussieht, haben wir mittelfristig eher ein Problem, was die Basisprodukte angeht.«
»Peitscht Müllerweg nicht mehr genug?«, fragte Sam trocken und runzelte die Stirn. »Er hat doch keinen Tennisarm bekommen, oder?«
Elaine verzog das Gesicht. »Noch eine Stufe darunter, Herr Weber. Das Rohmaterial fehlt und dieses Mal können Sie uns leider nicht mit einem kleinen Trick helfen, das Problem zu lösen.«
Sam sah sie ein wenig verblüfft an. »Tatsächlich? Aber wenn es doch nur Computercode ist, warum stellt die Firma nicht mehr Leute ein?«
Elaine seufzte und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es ist nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen. Wir haben, neben unseren aktuellen Produkten, eine Reihe von Sonderbestellungen hereinbekommen, die wesentlich mehr Sorgfalt und Expertise benötigen. Alleine das zerrt an unseren Ressourcen und verschlingt große Teile der Arbeit, die die Menschen unter uns produzieren.«
»Die normale Reaktion auf so etwas ist Expansion, glaube ich«, erwiderte Sam sinnierend. »Eine normale, menschliche Firma nimmt Kredite auf, expandiert und ...« Er zuckte mit den Schultern. »Das ist hier nicht ganz so einfach, oder?«
»So könnte man es nennen«, erwiderte Elaine achselzuckend. Sam lehnte sich zurück, dachte nach. »Was genau wird am dringendsten benötigt?«
Elaine seufzte. »Tatsächlich ist es ...« Sie runzelte die Stirn. »Lebenskraft, wie Sie es bezeichnen. Wir benötigen jene Kraft, die die Basis für alle Magie darstellt.« Sie betrachtete Sam eingehender. »Dank Ihnen haben wir zwar ein wenig Luft zum Atmen, aber ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Es reicht nicht, bei weitem nicht. Wir werden einige Aufträge verlieren, fürchte ich und das wiederum wird der Chefetage nicht gefallen, aber wir können es nicht ändern.«
»Wirtschaftliche Zyklen sind normal, Elaine. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob es nicht doch eine Möglichkeit gibt, das Problem besser zu lösen.« Er kratzte sich am Kinn. »Ich meine, bei uns in der Menschenwelt haben wir Produktionssteigerungen durch neue Maschinen und Verfahren erreicht. Die Industrialisierung ist so ein Beispiel, oder auch den Computer. Wussten Sie, dass wir damit rechnen, dass in den nächsten Jahren fast die Hälfte der Arbeiter in bestimmten Branchen nicht mehr benötigt werden, die Produktion sich aber dennoch steigert? Ein weiteres Beispiel wären Traktoren. Einer kann die Arbeit von dreißig bis fünfzig Menschen erledigen. Die können dann wiederum andere Tätigkeiten ausführen ...«
Elaine hörte ihm schweigend zu. »Worauf wollen Sie hinaus?«
»Wenn Sie nicht mehr Ressourcen bekommen können, oder mehr Arbeiter einstellen, dann verbessern Sie die Produktionstechniken oder den Abbau der Ressourcen. So wie ich das sehe, arbeiten wir noch mit den fünfzig Leuten auf dem Feld. Kaufen Sie sich zwei Traktoren und schon haben Sie die Arbeitskraft und Ausbeute verdoppelt. Also theoretisch natürlich.«
Einen langen Moment starrte sie ihn an, dann wandte sie sich um. »Eventuell ist da etwas dran, ich danke Ihnen, Herr Weber. Im Übrigen werden Sie in fünfzehn Minuten in Büro 4 erwartet.«
»Äh, werde ich?« Elaine hob nur eine Hand. »Ja, Yuya möchte mit Ihnen sprechen. Sie haben sowieso gleich Pause.«

Sam stand kurze Zeit später vor dem Büro seiner neuen Kollegin und runzelte die Stirn. Wieso will sie mich sehen? Er klopfte und nach einem Moment erklang ein gedämpftes Herein!
Mit einem Klick öffnete sich die Tür und Sam trat ein. Er blinzelte in das Halbdunkel, das von unzähligen Bildschirmen erhellt wurde, die überall verteilt schienen. Heilige Scheiße, dachte er und trat vorsichtig näher, stieß mit einem Fuß gegen ein armdickes Kabelbündel, das über den Boden lief.
»Äh, Hallo?«, rief er und sah sich suchend um. Entweder gab es hier keine Fenster, oder aber, irgendwer hatte sie zugemauert oder völlig blickdicht verschlossen. »Bin sofort für dich da«, brummte eine abwesend klingende Stimme. »Alles klar, ich wollte nicht stören, Elaine hat mir nur gesagt, dass ...«
Etwas schlang sich blitzschnell um seinen Oberkörper und Schultern, dann um Hüfte und Oberschenkel. Bevor Sam auch nur etwas sagen konnte, wurde er von den Füßen gehoben und näher gezogen.
»Verdammt, was soll das!«, rief er nach einem langen Schreckensmoment und versuchte verzweifelt, wie erfolglos, sich von den biegsamen Tentakeln zu befreien. Und dann schwebte er plötzlich etwa zwei Meter über dem Boden und blickte in das von den Bildschirmen beleuchtete Gesicht von Yuya. »Hallöchen!«, rief diese fröhlich und funkelte ihn neugierig an.
»Was bei allen ...« Sam seufzte und bemerkte, dass die Tentakel aus Yuyas Körper wuchsen. »Würdest du mich bitte wieder herunterlassen? Ich bin ungern die Fliege und die Tentakel sind etwas ... gewöhnungsbedürftig.«
»Sind sie?« Eines strich unerwartet sanft über Sams Wange. Es fühlte sich tatsächlich unerwartet warm und weich an. Fast wie komprimierte Flüssigkeit, die sanft prickelte. »Eine Sache noch, ja? Dann lass ich dich herunter«, flötete Yuya und Sam spürte, wie sich eines der Tentakel an seiner Schläfe festsaugte. »Hey, das Gehirn brauche ich noch!«, rief er verzweifelt und in der bitteren Hoffnung, dass dieses Wesen ihn nicht aussaugen würde. »Still! Ich muss mich konzentrieren!« Ein Tentakel stülpte sich über seinen Mund, ließ aber die Nase frei, damit er atmen konnte.
»Was ist ...« Die Frage ging in einen leisen Schrei über und dann sah Sam, wie das Tentakel an seiner Schläfe schwarz wurde und zu Asche zerfiel. Er wurde ein wenig unsanft abgesetzt und vor ihm ballte sich etwas, dass ihn eher an eine unförmige Masse erinnerte, die langsam eine humanoide Gestalt annahm.
»Aua! Das war nicht nett!«, rief eine zitternde Stimme und Sam sah, wie ein Arm, oder war es ein Tentakel, sich langsam regenerierte. Er blinzelte. »Äh, was war das denn jetzt?«
Yuya kauerte in einem Stuhl, der ein wenig an einen Zahnarztstuhl erinnerte, der nach hinten geklappt und dann völlig modifiziert worden war. Diverse Computer standen um diesen herum, die Verkabelung erschien willkürlich und stellte eine ziemliche Stolperfalle dar. Sie blinzelte und schien für einen Moment verwirrt, dann sah sie Sam ein wenig säuerlich an. »Sag mir nicht, du weißt nicht, was das war?«
Er schüttelte den Kopf. »Und äh ... es ist ziemlich dunkel hier ...«
Eine Reihe von Deckenlampen erhellte sich unvermittelt und zeigte Sam, dass der Raum voll war mit Computer und Technologie. »Wow«, bemerkte er und drehte sich einmal um sich selbst. »Und ich dachte, ich bin der Einzige auf diesem Stockwerk, der sich mit Computern halbwegs auskennt ...«
»Oh, du arbeitest ja für Elaine«, erwiderte Yuya glucksend und Sam konnte sehen, wie aus ihrem Armstumpf neue Finger wuchsen. »Bitte nicht mehr verbrennen, ja?« Jetzt klang sie fast ein wenig weinerlich. Sam sah sie sinnierend an. »Wenn du mich nicht mehr tentakelst, können wir darüber reden ...« Und ich habe keine Ahnung, was gerade passiert ist ...
»Abgemacht!«, rief sie fröhlich und erhob sich aus ihrem Stuhl, schüttelte sich kurz wie ein Hund. Sam erkannte diverse Tentakel, die sich langsam aus diversen Anschlüssen in den Computern zurückzogen. »Du kannst mit den Maschinen so kommunizieren?«, fragte er verblüfft. Yuya nickte mit einem breiten Lächeln. »Oh ja! Cool oder?«
»Und ob ... ich habe Elaine vorhin noch erklärt, wie man mit Technologie die Arbeitskraft steigern könnte, aber ...« Sam kratzte sich am Kopf. »Ihr seid mir wohl weit voraus.«
Yuya seufzte. »Schön wär´s. Ich bin aktuell dabei, den Verlust ein wenig aufzufangen, den wir seit dem Wegbrechen einiger Lieferanten aufzuweisen haben, aber das ist nur eine Zwischenlösung. Ich brauche noch Wochen für die Spezialprojekte ...«
Sam nickte, aber er war durchaus beeindruckt. »Du bist also so etwas wie der Geist in der Maschine?«
»Ha! Das gefällt mir!«, rief Yuya und war blitzschnell hinter Sam, schlang ihre Arme von hinten um ihn. »Und wenn wir bei Komplimenten sind, was muss ich tun, um in deinen Kopf schauen zu dürfen?«
»Meine Freundin überzeugen«, erwiderte Sam trocken und versuchte, möglichst unbeteiligt zu wirken. Die seltsamen tentakelartigen Auswüchse von Yuya waren unerwartet warm und kribbelten ein wenig, wenn sie seine nackte Haut berührten. »Du wolltest ... mich noch wegen irgendwas sprechen?«
Yuya ließ von ihm ab und deutete in eine Richtung. »Ah! Ja natürlich. Komm mit nach drüben, da ist es etwas angenehmer, denke ich.«
Sie führte ihn durch eine Zwischentür in einen kleineren Raum, der allerdings etwas normaler wirkte und eher an eine Mischung aus Werkstatt und Wohnzimmer erinnerte. Ein niedriger Tisch und zwei Sitzsäcke schufen beinahe so etwas wie eine normale Atmosphäre. Eine Wand des Raums war allerdings erfüllt mit diversen, großen Pflanzen, die wiederum hinter einer Glaswand lagen. Und tatsächlich gab es hier ein Fenster, welches allerdings durch dünne Gardinen halb verdeckt wurde.
»Setz dich«, bot Yuya an und trat zu einer Reihe von Schränken. Zu seiner nicht geringen Verblüffung erkannte Sam Reihen um Reihen an Snacks aller Art, die in großen Kartons bereitlagen. Schokoriegel, Chips, Gummibärchen, Lakritze, Gebäck und kleine, verpackte Mini-Küchlein. »Möchtest du was essen? Ich habe praktisch ... alles«, fügte sie stolz hinzu.
»Äh ... eigentlich wollte ich bald Mittagessen ...«
»Eben!«, rief Yuya fröhlich und zog mit mehreren Tentakeln diverse Tüten und Schokoriegel zu sich heran. Ein Teil der Tüten hatte eindeutig nichtdeutsche oder englische Beschriftungen, Sam meinte Japanische, Russische und diverse, fremde Sprachen zu erkennen.
»Nimm dir, was du möchtest«, erklärte Yuya, öffnete eine Tüte und begann, mit zwei hauchdünnen Tentakeln Chips herauszuziehen und sich in den Mund zu schieben. Sie kaute, betrachtete Sam dann nachdenklich. »Was ist?«
»Entschuldige, wenn ich dich anstarre, aber ich habe so etwas noch nie gesehen ...« Sie blickte auf die Chipstüte. »Sourcreme? Unter welchem Stein lebst du bitte?«
Sam lachte etwas verlegen. »Ich meinte eigentlich ... dich. Du bist keine Formwandlerin im herkömmlichen Sinne, oder?«
»Nee, bin ich nicht«, erwiderte sie kauend und zupfte ein Schokotörtchen aus einer Verpackung und biss hinein und kaute genussvoll. »Warum?«
»Weil ich es faszinierend finde. Das und ein wenig beängstigend, wenn du mir die Bemerkung gestattest ...«
»Sagte er und pulverisiert meinen Tentakel!«
»Ich weiß nicht mal, wie das passiert ist!«, verteidigte sich Sam. Yuya musterte ihn kauend. »Echt nicht? Das war eine starke, magische Barriere. Sie hat verhindert, dass ich in deinen Kopf sehen kann.«
Lilly. Sie ist dafür verantwortlich, erkannte Sam unmittelbar. »Nun, tatsächlich empfinde ich das auch als recht ... unhöflich. Ich meine ...« Er seufzte, griff zu einer der kleinen Tüten, öffnete sie und griff hinein. »Wir können uns auch einfach unterhalten, denkst du nicht?«
»Ja, das stimmt, aber Menschen lügen«, erwiderte Yuya sinnierend. »Wenn ich hineinschaue, können Sie das nicht.«
»Und da liegt das Problem. Jeder lügt irgendwann und ich glaube, es ist nicht immer zum Schlechteren, denkst du nicht auch?« Er schob sich einen der kleinen, gerösteten Chips in den Mund, kaute vorsichtig. Mh, gar nicht übel.
»Schön, dann stelle ich dir jetzt die große Frage!« Sie wirkte unvermittelt ernst. »Was hältst du von mir? Sei bitte ehrlich!« Sie senkte leicht die Augenlider. »Ich merke es auch so, wenn du lügst!« Das wiederum klang fast etwas lauernd.
Sam schob sich einen weiteren Chip in den Mund, kaute nachdenklich. »Nun, mal sehen. Ich finde deine Fähigkeit faszinierend und ich freue mich, dass es hier noch jemanden gibt, der sich mit Computern auskennt und so wie ich das sehe, tust du das noch sehr viel mehr als ich. Davon abgesehen, hast du eine Vorliebe für Süßes und ich muss kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil ich einen kleinen Kühlschrank im Büro habe.« Er kratzte sich an der Wange, betrachtete die junge Frau nachdenklich. »Davon abgesehen, finde ich die Tentakel einerseits ein wenig gruselig, aber auch interessant, vor allem in der ... Freizeit.«
»Was? Äh ...«, erklang es kleinlaut. Sam sah sie an und bemerkte, dass sich die äußere Form ein wenig in Bewegung gesetzt hatte. »Na hör mal, Tentakel? Eine ganze Unterhaltungsindustrie in Japan lebt davon!«
Es gab ein schmatzendes Geräusch, als Yuya in sich zusammenfiel und zu einer gallertartigen, unförmigen Masse wurde. Sam blinzelte. »Äh ... alles in Ordnung?« Er erhob sich und betrachtete das etwas. Shit, habe ich sie umgebracht? Oder ist das nur ein Schutzreflex?
Nach einem langen Moment der Stille bildete sich erneut eine humanoide Gestalt aus dem Etwas. »Puh, jetzt erschreck mich doch nicht so!«, erwiderte sie ein wenig indigniert und versuchte, die Sache zu überspielen. Sie blickte Sam lauernd an. »Und da will er mich nicht in seinen Kopf schauen lassen! Jetzt weiß ich, wieso!« Sie näherte sich ihm und betrachtete ihn lauernd, aber mit einem Lächeln. »Ein schmutziger, schmutziger Verstand!« Sie grinste breit und legte leicht den Kopf schief. »Ich glaube, ich mag dich!«
»Vielen Dank. Ich hoffe, wir kommen gut miteinander aus!«, erwiderte er ein wenig unsicher. Er sah sie an, doch die Antwort schien sie zufriedenzustellen, zumindest setzte sie sich wieder und aß sie fröhlich weiter. »Und entschuldige, ich wollte dich nicht erschrecken oder in Verlegenheit bringen.«
»Ach, schon gut, ich glaube, das hatte ich verdient«, erwiderte sie ein wenig zu zwanglos und marschierte zurück zu ihrem Sitzsack und ließ sich hineinfallen. »Darf ich dich was fragen?« Als sie nickte, räusperte sich Sam. »Deine Tentakel, ich meine ... du kannst damit die Computer steuern? Also elektrische Signale weiterleiten? Oder wie genau funktioniert das?«
Eine Reihe von Tentakeln erschien. »Es ist ein wenig kompliziert, aber deine Erklärung stimmt im Großen und Ganzen. Ich kann elektrische Felder manipulieren und das schließt, mit etwas Übung, auch Computer mit ein. Mit speziellen Schnittstellen geht es sehr viel einfacher, aber ich schaff es auch so mittlerweile.«
»Faszinierend ...«, brummte Sam ehrlich beeindruckt und ließ den Blick schweifen. »Oh, ich sehe, Elaine hat dich auch mit Blumen ausstatten lassen?«
Yuya nickte. »Du weißt, was es damit auf sich hat?«
Er nickte. »Sie sammeln überschüssige Lebensenergie, im Grunde ... verwandeln sie es in Pulver, nicht wahr?«
Yuya nickte eifrig. »Ein wirklich interessanter biochemischer Prozess! Habe mir sagen lassen ...« Sie kaute, schluckte und wischte sich ein paar Krümel vom Mund, »dass du hier für das Aufblühen in der Firma mitverantwortlich bist. Wie kommt das?«
Sam kratzte sich ein wenig verlegen am Kopf. »Nun ja, meine Freundin ist eine Dämonin und ...« Er räusperte sich und biss in einen Schokokeks. »Kannst du mir dazu ein, zwei Fragen beantworten?«
Sie sah ihn kauend an, nickte. »Ich weiß, dass wir von unten Lebensenergie bekommen, weil Müllerweg die Leute zum Arbeiten ... animiert.« Er verdrehte die Augen. »Sie setzen auch den Code zusammen, den wir hier oben dann zum Endprodukt machen, richtig?«
Ein Nicken. »Richtig«, nuschelte sie. »Und?«
»Uns fehlt die Energie? Oder einfach nur mehr ... Computercode?« Was nichts anderes als magische Runen und Symbole war, die man mit Computercode ersetzt hatte.
»Nun ja, eigentlich beides«, erwiderte Yuya seufzend, schmunzelte dann aber. »Ich fürchte fast, wenn du jetzt hier oben wieder mitarbeitest, werden wir ganz schnell auf dem Trockenen sitzen, was den Code angeht, aber zumindest können wir dann etwas Energie sammeln.«
Sam blickte zu den Pflanzen. »Was mich zu zwei Fragen bringt. Ist das da die beste Option, Energie zu gewinnen?«
»Nun, die beste, die uns aktuell zur Verfügung steht ...«, erwiderte sie und zuckte mit den Schultern und setzte ein betrübtes Gesicht auf. Sam blinzelte. »Also gibt es eine andere Möglichkeit?«
»Natürlich! Es ist wie mit Computern, Sam. Die, die wir haben, sind ganz gut, aber es gibt noch viel, viel Bessere. Allerdings daran zu kommen ...« Sie biss in ein Schokotörtchen und kaute. »Das ist gar nicht einfach. Die Pflanzen, die wir jetzt bekommen haben, war der letzte, größere Schub, soweit ich weiß, und dann fehlt ja noch immer noch der Erzeuger ...«
Sie sah in Richtung Boden, dann zu Sam. »Nicht genug Saft, um es einfach zu sagen.« Er nickte. »Nun, da kann man wohl nichts machen, hm?«
»Nun, im Moment nicht, aber ich bin an etwas dran ...«, erwiderte sie verschwörerisch und tippte aufgeregt mit den Fingerspitzen gegeneinander. »Aber das ist ein Ge-heim-nis!«
Sam sah sie lauernd an, bevor er ergeben nickte. »Schön, verrat es mir, wenn du möchtest.« Er er hob sich. »Ich glaube, meine Mittagspause ist bald rum. Danke für die Snacks.« Yuya nickte und winkte ab. »Kein Problem, immer gerne. Und ...« Sie senkte die Stimme. »Bitte verrat niemandem, dass ich mich verflüssigt habe.« Sie sah ihn fast flehend an. Sam zwinkerte. »Habe nichts davon bemerkt, keine Sorge.«
Er durchquerte den halbdunklen Vorraum, bevor er in den Flur trat und gegen das unvermittelt grelle Deckenlicht anblinzelte. Als er sein Büro betrat, roch er etwas Würziges. Auf seinem Schreibtisch fand er ein Tablett mit einer Suppe, sowie einer Portion Sushi, das so kunstvoll angerichtet war, dass es nicht einfach von einem Take-away stammen konnte. Elaine war allerdings nirgendwo zu finden.
Sam setzte sich und begann, zu essen. Er war gerade mit dem letzten Stück fertig, als sein Smartphone brummte. Er sah auf das Display und erkannte den Namen Lilly.
Er drückte den grünen Hörer. »Hey Kleines«, rief er und wischte sich über den Mund. »Darling! Ich wollte dich nicht stören, du bist wohl beschäftigt ...« Sam hielt inne. Weiß sie es? Verdammt, sie weiß es. Ein Kichern antwortete. »Entschuldige, natürlich bist du das. Ich wollte dir nur mitteilen, dass die Handwerker da waren.«
»Moment, Sie waren da? Sie sind schon wieder weg?«
»Oh, es ging ziemlich schnell, Darling. May und ich müssen nun die anderen Sachen einräumen, aber das bekommen wir hin.«
»Oh, liebe Grüße an meine Lieblingselfe! Wo ist eigentlich die Katze? Ich dachte, die wollte dir helfen?«
»Oh, Lya ist noch was besorgen, aber sie müsste bald wieder da sein.« Sam blinzelte. Hoffentlich gibt sie das Geld für die Mütze nicht für Unsinn aus ... »Schön, ich hoffe, ich kann heute rechtzeitig Feierabend machen. Soll ich irgendwas mitbringen von unterwegs?«
»Nein, wir machen das, Darling«, widersprach Lilly sanft, aber bestimmt. »Ich wünsche dir noch viel Erfolg bei der Arbeit!«
»Danke ... ich euch auch und pass auf, was das Spitzohr anpflanzt!«
»Das hab ich gehört!«, rief eine Stimme aus dem Hintergrund. Lilly lachte. »Mach ich, bis dann, Darling.« Lilly gab einen Schmatzer auf das Telefon und Sam musste schmunzeln. »Bis dann, meine Süße.«

Sam arbeitete nach dem Essen weiter, doch der Gedanke, dass es Möglichkeiten geben musste, die Probleme der Firma, wenn schon nicht zu lösen, zumindest zu verringern, war beständig da. Die Sache mit den Instant-Runen hatte er schließlich auch hinbekommen, auch wenn das nur eines der beiden Probleme löste. Energie benötigte man noch immer.
Irgendwann, Sam hatte gerade das nächste Projekt abgeschlossen, klopfte es und als er »Herein« rief, trat Elaine ein. »Haben Sie einen Moment Zeit, Herr Weber?« Sam drückte einen Knopf und der Drucker begann, zu arbeiten. So, wie Elaine fragte, hatte er ein seltsames Gefühl, doch er nickte höflich. »Sicher, wie kann ich helfen?«
Elaine trat ein und schloss die Tür hinter sich und trat näher. Sie musterte ihn einen Moment. »Wie fühlen Sie sich?«
Sam hob eine Augenbraue. »Ganz gut, danke. Wieso?« Elaine stieß einen leisen Seufzer aus. »Sie spüren es also nicht?« Ein wenig verwirrt blickte er sie an. »Was genau? Entschuldigung, ich fürchte, Sie müssen hier ein wenig deutlicher werden.« Sie schüttelte den Kopf. »Gut, ich stelle die Frage anders. Haben Sie in letzter Zeit Auffälligkeiten? Aggression zum Beispiel? Erinnerungsverluste?«
Sam hielt inne, starrte sie an. »Was? Ich meine, wie ... kommen sie darauf?«
Elaine seufzte. »Nun, da ist ein Tropfen Öl in ihrem Wasser, oder sollte ich sagen, Aura.« Sam blinzelte verwirrt. »Was genau meinen Sie damit?« Er sah an ihr vorbei. »Nun, es gab da ... einen Vorfall, aber ...«
Elaine trat näher und sah ihn an. »Dämonische Energie dieser Art ist ... mächtig und gefährlich, vor allem für Menschen ist es absolut nicht ungefährlich.« Sam blinzelte unsicher. Nach einem Moment stieß er einen Seufzer aus. »Dämonische Energie? Wie meinen Sie das? Von Lilly?«
Elaine schüttelte den Kopf und lächelte flüchtig. »Nein, sie wird nicht so übertragen. Da ist etwas anderes, wesentlich ... gefährlicheres ...«
»Lya«, seufzte er und schloss die Augen, schüttelte den Kopf. »Sie hat mich, als ich fast tot war, irgendwie zurückgeholt. Ich meine ... bevor ich zu einem Werwolf wurde.« Das ist es? »Verwandle ich mich jetzt doch noch?«
Elaine schnaubte. »Ein Werwolf wäre das wesentlich kleinere Übel, Herr Weber.« Sie rieb sich am Kinn. »Sie leben allerdings noch und es ist schon eine Weile her, seit sie in den Genuss dieser Macht gekommen sind. So gesehen, haben sie eine veritable Chance, würde ich behaupten.« Sie trat näher, betrachtete ihn eingehender. »Allerdings stellt uns das vor gewisse Probleme ...« Sie schmunzelte unvermittelt. »Allerdings könnte uns das auch eine Gelegenheit nennen.«
Sam sah sie fragend an. »Wieso gefällt mir nicht, wie Sie das betonen, Elaine?«
Sie lächelte auf eine seltsame Art. »Wir könnten zwei Probleme lösen. Sie können ihren inneren Dämon besänftigen und diese Firma könnte eine kleine, wie haben Sie es genannt, industrielle Revolution auslösen.«
»Ich glaube fast, ich sollte aufhören, so viele Vorschläge zu machen«, brummte Sam ein wenig säuerlich. »Können wir zum Kern kommen? Was muss ich tun, um uns beiden zu helfen?«
Elaine nickte mit einem unerwartet fröhlichen Ausdruck. »Was sagen Sie zu einer kleinen Reise, Herr Weber?« Sie hob eine Hand, bevor er antworten konnte. »Auf Firmenkosten natürlich.« Sam sog scharf Luft ein und verzog das Gesicht. »Erinnern Sie sich, was das letzte Mal passiert ist, als Sie das gesagt haben? Wir sind um ein Haar von einem Verrückten geopfert worden und dann in einem verdammten Arenakampf ermordet worden! Wir haben gerade so überlebt!«
Elaine seufzte schwer, als wäre es eine kleine, nicht erwähnbare Unpässlichkeit gewesen. »Und ich kann nur wieder sagen, dass das nicht meine Schuld war! Menschen sind einfach unberechenbar! Und davon abgesehen, haben Sie das Taldarosh wunderbar überstanden? Sind Sie nicht über sich hinausgewachsen? Sie haben doch sogar einen neuen Freund gefunden, oder?«
»Gerade so und mit mehr Glück, als Verstand oder Können«, erwiderte Sam unleidlich und seufzte. »Was soll es dieses Mal werden?«
»Eine kleine Reise, Sie werden ein paar Pflanzen für uns besorgen und außerdem eine Möglichkeit geboten bekommen, mehr über Ihr Problem zu lernen, bevor es wirklich eines wird.«
Sam dachte einen Moment darüber nach. »Elaine, so vage, wie Sie das gerade formulieren würde ich ein Monatsgehalt darauf verwetten, dass das mehr dahinter steckt. Davon abgesehen, warum ich? Man könnte meinen, für jemanden wie Sie oder irgendwen aus dieser Firma ist das nur ein Spaziergang!«
»Denken Sie, ich könnte hier einfach mal weg? Davon abgesehen, ist unsere Personaldecke dünn und ...« Sie blickte Sam an. »Ich denke, Sie schaffen das, Herr Weber. Davon abgesehen, könnte es Ihnen wirklich helfen, was dieses kleine ... Problem angeht.«
»Erzählen Sie mir mehr«, erwiderte er nach einem Moment. »Ich meine, über mein kleines Problem. Dann sprechen wir über Ihres.«
Elaine sah ihn an, als wäre sie nicht gewöhnt, dass es so rum lief, dann nickte sie mit einem Ausdruck der Belustigung. »Menschliche Körper sind nicht so kompatibel, was dämonische oder schlicht große Mengen an magischen Kräften angeht. Sie leben noch und atmen, was ein sehr gutes Zeichen ist, aber da ist etwas, was nicht da sein sollte, und aktuell haben Sie noch eine gute Chance, damit fertig zu werden. Doch der Überdruck wird zwangsläufig steigen und am Ende ...« Sie klatschte die Hände zusammen. »Wird es sie zerfetzen.«
Sam verzog das Gesicht. »Schätze, wir Menschen sind für Dämonisches nicht geschaffen, hm?« Zu seiner eigenen Überraschung klang er ziemlich ruhig.
»Nun, darüber lässt sich streiten. Mein alter Freund Magnus zum Beispiel ...« Sie lächelte unvermittelt düster. »Er lässt sich auch damit ein, aber Sie nennen es eben Engel und haben dazu eine völlig andere Einstellung.« Sie zuckte mit den Schultern. »Was uns zu diesen Leuten bringt, Sam. Wenn diese Macht in Ihnen stärker wird, werden diese Leute es mitbekommen und dann werden Sie sie sich berufen fühlen, etwas gegen Sie zu unternehmen.«
Er sah sie an. »Ich dachte, ich stehe ... nun ja, unter dem Schutz der Firma? Oder eher, Ihrem Schutz?«
Elaine schnaubte belustigt. »Richtig, so ist es auch. Aber sind wir mal ehrlich, sind Ihnen diese Leute wie vernünftige, logische Personen vorgekommen?« Das wiederum war eine bittere, wie einleuchtende Antwort.
Sam dachte einen Moment über das Dilemma nach. »Kurz gesagt, wenn ich nichts tue, werde ich entweder ... was auch immer mir dann blüht, oder diese Leute rammen mir einen Pflock ins Herz?«
Elaine zuckte mit den Schultern und sah an ihm vorbei. »Ich glaube, sie würden Sie köpfen und verbrennen, keine Ahnung, was die in dieser Epoche bevorzugte Vorgehensweise ist«, erwiderte Elaine nüchterner, als es Sam gefiel. »Aber verstehen Sie mich nicht falsch, Sie können noch Jahre damit leben und ich möchte Ihnen nicht verschweigen, dass es auch Vorteile haben könnte. Zumindest bis ...« Sie schnipste.
»Boom. Wunderbar.« Er seufzte. »Toll. Das klingt ja wie eine echt beschissene Wahl. Entweder ein kurzes Leben am Limit oder ...«
»Nun, wie Sie ja wissen, gibt es nichts ohne Preis auf dieser Welt«, erwiderte Elaine fröhlich. »Was uns zu Option zwei bringt. Sie ist eine veritable Chance, soweit ich das sagen kann, und glauben Sie mir, überhaupt zu wissen, wo diese Insel liegt, ist kein kleines Geheimnis ...«
»Insel? Wohnt da zufällig ein gigantischer Riesenaffe?«
Elaine blinzelte, bevor sie den Kopf schüttelte. »Nicht auf dieser, soweit ich weiß, also keine Sorge.« Sam seufzte schwer. »Schön, also dann ... worum geht es?«
»Nun, es ist eine kleine Insel. Sie liegt sehr abgelegen und es gibt keine Möglichkeit, sie auf konventionelle Art zu erreichen ...«
»Schön, wie komme ... ich ... denn da hin? Und bevor ich es vergesse, ich gehe da definitiv nicht alleine hin!«
Elaine zuckte mit den Schultern. »Schön, nehmen Sie mit, wen Sie möchten«, erwiderte sie nüchtern. »Denken Sie darüber nach, Herr Weber. Ich glaube allerdings, es ist ein ziemlich einmaliges Angebot und Chance, für Sie, dieses Problem zu lösen, bevor es wirklich eines wird.«
Das wirklich Schlimme daran war, dass sie damit höchstwahrscheinlich leider recht hatte.
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