Wundervolle, Wundervolle Welt

von Mercury
GeschichteFantasy, Übernatürlich / P18
20.11.2018
18.11.2019
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Prolog

In rascher Folge erklang ein geradezu infernalisches Donnern, gefolgt von einer Serie von Blitzen, die durch den nächtlichen Himmel zuckten. Sam sah auf, blinzelte müde und erhaschte einen Blick über die in fast völliger Dunkelheit liegender Stadt, die von zahllosen winzigen Lichtpunkten erleuchtet wurde, die die Straßenlampen und Autos ausstrahlten.
Der Regen wurde unvermittelt stärker, von einem sanften Tröpfeln zu einem schweren Guss, der sich anfühlte, als würde Gott persönlich mit einem Finger von oben auf den Regenschirm drücken.
»Globale Erwärmung am Arsch«, murmelte er und seufzte, drückte die warme Tüte mit frischen Burgern an sich. Er schritt über den fast menschenleeren Bürgersteig auf die kleine Bushaltestelle zu, deren Renovierungsbedürftigkeit mittlerweile den Punkt erreicht hatte, wo der Armschwenk eines großen, schweren Baggers, und ein kompletter Neubau die bessere Alternative gewesen wäre. Ein Blick reichte, um zu erkennen, dass das schmutzige Häuschen nur noch von Graffiti und Müll, der in die Ritzen der Sitzbank gestopft war, zusammengehalten wurde.
Seine Beine schmerzten, genau wie sein Rücken und für einen Moment dachte er ernsthaft darüber nach, sich zu setzen. Sein Blick maß die kaputte Bank, die wirkte, als wären Hunde und andere Tiere über sie hergefallen, und hätten sie als Kauknochen missbraucht und irgendwer versucht hatte, herauszufinden, ob das Material brannte.
Fast hätte er die junge Frau übersehen, die in der linken Ecke der Bank kauerte, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen.
Ihre Jacke wirkte fleckig, wie verschlissen und in ähnlich schlechter Verfassung, wie das Bushäuschen. Als hätte sie Sams mitleidigen Blick bemerkt, hob sie den Kopf und starrte ihn einen langen Augenblick durchdringend an.
Unter Ruß und Schmutz blickten ihn zwei wache Augen für einen Moment an, maßen ihn und schienen ihn zu studieren. Ein kurzes Zucken huschte über das Gesicht der Frau, dann senkte sie den Kopf wieder.
Ein Blick zeigte, dass das Dach längst nachgegeben hatte und der Regen fast ungehindert nach unten durchfloss. Sam biss sich auf die Unterlippe. Wie kann man so leben?, fragte er sich unwillkürlich und spürte im selben Moment Scham wegen jenes Gedanken. Wahrscheinlich hat sie keine andere Option.
Er trat näher und setzte sich neben sie, sodass der Regenschirm sie ebenfalls beschützte. »Verdammtes Scheißwetter, oder?«
Als der Regenguss wie abgeschnitten über ihr versiegte, hob sie den Kopf, sah zur Seite. Ihre Augen wanderten in Richtung Schirm. »Ja. Regen.« Ihre Stimme war leise, die Worte besaßen einen exotischen Akzent, den er spontan an keinem Land festmachen konnte. Osteuropa? Russland? Oder wesentlich weiter weg? Es schien eine seltsame Mischung aus allem zu sein.
»Geht es Ihnen gut?«, fragte er nach einem Moment. Die Frau hob den Blick, schielte zur Seite. Erneut zuckten ihre Mundwinkel, als wolle sie eine höhnische Erwiderung mühsam herunterwürgen. Nein du Idiot, mir geht es nicht gut. Ich bin nass, ich friere und habe Hunger!
Als hätte sich die imaginäre Antwort manifestiert, knurrte ihr Magen. Sie krampfte zusammen, krümmte sich beinahe. Sam lachte leise auf. »Haben Sie einen Blauwal verschluckt?«, fragte er höflich, um der Situation etwas Ernsthaftigkeit zu nehmen.
Sie zog stumm ihre Jacke fester um sich und erhob sich. Sam spürte unvermittelt Scham über seine Bemerkung. »Hey, warten Sie mal!«
Er griff in die Tasche, die er bei sich hatte und zog einen der in Alufolie verpackten Burger hinaus. »Wollen Sie was essen? Ich habe sowieso wieder zu viel gekauft, schätze ich.«
Sie blieb wie angewurzelt stehen, wandte sich in einer seltsam perfekt wirkenden Bewegung um und starrte ihn an. Wie zur Untermalung der Situation donnerte es erneut und ein Blitz erhellte ihre Silhouette. »Essen?«
Er hob den Burger hoch. »Ja, Essen. Wollen Sie einen Burger?«
Sie kam näher und er sah, wie ihre Nase schnüffelte, wie die eines misstrauischen Hundes. Vorsichtig wickelte er den Hamburger aus der Folie und eine kleine Dampfwolke schoss nach oben. »Bitte, der geht auf mich.«
Sie machte einige Schritte und zögerte doch. Sam verstand unvermittelt, dass sie argwöhnisch war. Er blickte auf den Burger, biss dann hinein. »Wirklich gut. Wollen Sie wirklich nichts?«
Erneut hielt er ihn ihr hin. Sie streckte eine Hand aus, nahm ihn vorsichtig, als erwartete sie, dass er ihn zurückzog. Als sie ihn ergriffen hatte, ließ er los und sie zog ihn zu sich, starrte einen Moment auf den gut belegten Hamburger, bevor sie ihn zum Mund führte und hineinbiss.
Kurz kaute sie, legte den Kopf zurück in den Nacken, die Augen geschlossen. Wie lange hast du wohl nichts mehr gegessen?, dachte er und spürte ein seltsam, entferntes Grummeln im eigenen Magen. Es war kaum wahrnehmbar, als würde sich sein Körper für die Gier nach fettigem Fastfood plötzlich schämen.
Er griff in die Tasche und fühlte die Wärme des zweiten Hamburgers. Einen Moment zögerte er, sah zur Seite. Sie hatte den Burger bereits fast völlig verschlungen. Wahrscheinlich muss man schnell sein, wenn man sein Essen auf der Straße für sich will, dachte er und spürte einen Anflug von Traurigkeit.
Er zog den zweiten Hamburger heraus und reichte ihn ihr. »Bitte, ich glaube, du brauchst ihn mehr, als ich.«
Sie starrte ihn an, beäugte die Plastiktüte. »Nein, dein Essen«, erklang es und sie zog die automatisch ausgestreckte Hand zurück, vergrub sie mit der anderen zwischen ihren Oberschenkeln, als wolle sie verhindern, ihn anzunehmen.
Sam schüttelte lächelnd den Kopf. »Schon in Ordnung, ich kann mir auch eine Pizza bestellen, das ist kein Problem.« Er hielt ihn ihr hin, sie starrte darauf und er sah, wie ihre Unterlippe zitterte. »Es ist wirklich Okay«. Er drückte ihr den Burger in die Hand und blinzelte in die Dunkelheit, als er den Bus durch die Regenwand wie ein altertümliches Monster näher kriechen sah.
Sie sah Sam an, als er sich erhob. »Ich muss dann, mein Bus kommt.«
Er sah nach oben. Der Regen hatte nicht nachgelassen. Einem Impuls folgend, drückte er ihr den Schirm in die Hand. »Nehmen Sie den, sonst wird das Essen nass.«
Sie starrte ihn an, blickte zu Sam hoch, der da stand und einen Schritt aus der trügerischen Sicherheit des Regenschirms machte. »Alles Gute«, sagte er und lächelte mit einer seltsamen Zufriedenheit, die er sich selbst nicht erklären konnte.
Er wandte sich um, als sie ihn nur wortlos anstarrte und eilte zum wartenden Bus. »Goodbye!«, erklang es leise hinter ihm, doch dann zischte die Hydraulik der Türen und schnitt Sam von einer Welt ab, in der eine einfache Geste den Unterschied ausmachen konnte.
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