Jung, hübsch, intelligent und in Schwierigkeiten

GeschichteRomanze / P18
Hermine Granger Severus Snape
19.11.2018
14.03.2019
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Hermine erwachte im alten, grauen Zelt in ihrem Stockbett. Verwundert sah sie sich um und konnte ihren Zauberstab nicht finden. Sie war scheinbar allein. „Severus?“, fragte sie, aber blieb stumm. Sie war zu sehr getroffen von seinem plötzlichen Verschwinden, um tatsächlich etwas zu artikulieren. Wollte er nur ein Ziel erreichen? Hatte er Besseres erwartet? Hermine stand auf und lief nach draußen. Es war kalter Winter. Es war der Forest of Dean. „Harry?“, rief sie, einer inneren Eingebung folgend, aber kein Laut verließ ihre Kehle. Was war passiert? Wo war „Snape!“ Sie bekam Angst, weil sie offenbar keine Stimme mehr hatte und begehrte auf gegen die Wand in ihrer Kehle. „Snape!“, schrie sie immer wieder innerlich, bis es endlich zu einem fiebrigen, rauen Laut wurde.

Snape murrte und zog sie an sich heran, wovon sie erwachte. Scheinbar hatten sie sich im Schlaf voneinander getrennt und nun umarmte er sie wieder. „Du redest im Schlaf“, beschwerte er sich müde.
Dunkel kam die Erinnerung wieder in ihr hoch. „Ich habe etwas geträumt...“, murmelte sie.
Er beruhigte sie ein wenig und ihr fiel wieder ein, was sie getan hatten. Es schien weit weg und sie wusste nicht, was sie darüber denken sollte. Naja, sie hatte Spaß gehabt. Und sie war froh, dass er da war.
Nach gar nicht langer Zeit konnte sie noch einmal einschlafen.

Sie frühstückten an dem quadratischen Tisch, den sie nach draußen gezaubert hatten, und hatten einen schönen Blick über den naturbelassenen See. Es war wirklich so ähnlich wie in Cokesworth mit Lily. Auch das Gefühl.

Hermine betrachtete den Meister der Zaubertränke, Verteidigung und geschickten Täuschung, während der Kaffee sie langsam aufweckte. Nun, da ihre schlimmste Leidenschaft noch befriedigt war, sah sie alles ein wenig nüchterner; und mehr Falten, als ein 39-Jähriger haben sollte, in seinem Gesicht.

„Du hast geträumt heute Nacht“, merkte er an, nachdem er seine Kaffeetasse geleert hatte, und damit scheinbar seine Stimmbänder aktiviert hatte.

„Ja. Ich … hab geträumt, dass ich alleine bin.“

Er starrte sie an und sie wurde verlegen.
„Weil ich bekommen habe, was ich wollte“, riet er analytisch und er hatte offenbar leider seinen eigenen Namen verstanden in jener Nacht. Seinen unpersönlichen Nachnamen.

Hermines Augen weiteten sich. „Vielleicht“, erkannte sie, nun da er es angesprochen hatte. Diese Blöße wollte sie sich nicht geben, auch nicht vor sich selbst, sie suchte nach anderen Gründen für den Traum und erzählte kühl, wie Ron damals einfach wütend gegangen war. Und sie nächtelang in dem Stockbett geheult hatte. Das sollte Severus auch ihren Hass auf die alte Zelteinrichtung erklären. Ob ihn das überhaupt interessiert?, fragte sie sich zwar, aber ließ sich nicht beirren.

Er nahm ihre Hand. „Und es kam dir nie in den Sinn, dass du, wenn du wegen ihm heulst, in diesem Moment fast genauso dümmlich bist wie er?“, sagte er gemein und zärtlich zugleich. „Oder dass du so jemanden ohnehin nicht brauchst? Du bist wirklich zu gut für diese Welt.“

Sie wurde ein wenig wütend und fragte energisch: „Sag ehrlich, falls wir uns streiten würden, würdest du dann einfach gehen und mich hier zurücklassen?“

„Nein“, antwortete er schnell und knapp und grübelte, warum sie ihn für so dumm, ehrlos und unzuverlässig hielt. War er nicht wenigstens kalkulierend genug, eine hübsche Sexpartnerin wegen eines Konflikts nicht fort zu ekeln. „Und worin genau siehst du Potential für ein Missverständnis?“, setzte er dann noch hintendran.
Hermine glaubte, eine sexuelle Anspielung wahrgenommen zu haben.

„Weißt du, weil ich mir den Zauber zur Gedächtniswiederherstellung immer noch nicht ganz zutraue“, erklärte sie betont sachlich. „Er ist viel schwieriger als der Obliviate, ich hab nachgelesen. Und so einen Zauber kann man auch schlecht üben.“

„Selbstverständlich übernehme ich den Zauber, wenn du nicht an deinen Eltern üben willst“, sicherte Severus ihr zu, als sei Letzteres tatsächlich eine Option.

Hermine ließ sich nicht weiter ärgern. „Ich bin froh, dass du da bist. Und dass jemand mit Erfahrung das Gedächtnis meiner Eltern wieder repariert.“

Sie braucht mich noch.

„Hm... Ich verstehe nicht, warum du immer noch diese unterschwellige Angst hast, an etwas zu scheitern.“

Er wusste von ihrer größten Angst? Wahrscheinlich seit ihrem ersten Jahr. Ihrem ersten Tag. Er wusste, dass sie mehr als einfach nur fleißig und über alle Maßen interessiert war. Er wusste von ihrer Angst, zu versagen.

„Du bist ein guter Spion“, seufzte sie mit geradem Rücken.

„Und als nächstes. Erzählst du mir sicher von meiner großen Nase.“

Hermine lächelte.

„Wenn du glaubst, ich verschwinde, wenn du nicht alles tust, was ich sage...“ dachte er noch laut nach, über das, was sie zuvor gesagt hatte, „nun, meine Hübsche, das ist gut zu wissen, warum kommst du nicht hierher und -“

„Du bist so gemein!“

Severus lächelte stolz.

Er hat mich hübsch genannt. Er hat letzte Nacht alles gesehen.

„Geh doch“, murmelte Hermine in sich hinein und grinste, sah ihn von unten mit großen Rehaugen an. Scheinbar erfolglos.

Severus wirkte unbeeindruckt und meinte nüchtern: „Ich denke, heute Abend bei deinen Eltern wirst du besser schlafen.“

Tatendrang erblühte in Hermine. „Was? Du meinst -“

„Und dann kannst du mich meiden, solange du willst.“ Es war keine Emotion in seinen Worten, auch kein Humor, aber er sah sie für diesen kurzen Moment nicht an, und das verriet ihr alles.
„Oder womöglich wirst du merken, dass dein eigentliches Problem darin besteht, mich wieder loszuwerden.“ Seinen bedrohlichen Ton anzuschlagen gelang ihm nicht wirklich.

Hermines Gesichtsausdruck war viel zu ergriffen für seine geringe Toleranz. Einerseits wollte er, dass sie ihn verstand. Andererseits versetzte es ihn in Panik und sein Wesen erlaubte es ihm nicht, dies auszudrücken, sodass es ihn beinahe zerfraß.

Severus schwieg und stand auf, zauberte alles mit dem Peitschenhieb einer Zauberstabbewegung ins Zelt zurück. Er wollte nicht darüber sprechen, dass sie alles aufgebaut lassen sollten, für den Fall, dass sie auch am Sonntag noch suchen mussten. Oder ihr sagen, er würde die Abreise im Hintergrund alleine organisieren, würden sie ihre Eltern noch an diesem Tag finden.
Er war dankbar, dass Hermine auch schwieg, die Besen herauskramte und ihn dann - wie sie fand, egoistisch - fragte: „Glaubst du, sie werden wütend auf mich sein, meine Eltern?“

Er überlegte und vermutete dann ruhig: „Das ist wahrscheinlich.“

Jemand anderes hätte gelogen, wusste Hermine. Er sprach die Wahrheit oder was er dafür hielt.

„Du an ihrer Stelle wärst zornig, nicht wahr, Hermine? Und du bist immerhin ihre Tochter. Aber im Endeffekt würden sie es sicher lieber erfahren, als ewig im Dunkeln gelassen zu werden. Ich meine, stell dir vor, wie…“ Er sparte sich das Wort schön, auch weil es zu schwach war. „... Es sein muss, herauszufinden, dass man jemanden wie dich in seinem Leben hat.“

Wieder war Hermine still, und diesmal gefiel es ihm nicht. Sie kotzt wohl innerlich gerade vor Kitsch, dachte er selbstkritisch. Unsicherheit war eines der Dinge, die er am meisten hasste.

Hermine war beeindruckt, wie sehr er sich bemühte, sie hinter seine Mauer blicken zu lassen. Ihr war klar, wie unangenehm ihm das sein musste, wenn er es so gewohnt war, kalt und hart aufzutreten. Sie merkte, dass ihr stummes Staunen schon zu lange dauerte und sagte wieder etwas: „Andere Kinder fahren mit 17 das Auto kaputt oder so etwas. Ich habe ihr Gehirn manipuliert.“

„Du hast sie in ein eigens entwickeltes Zeugenschutzprogramm gesteckt. Ich nehme an, sie werden beeindruckt sein.“

Hermine lachte ein bisschen. Und murmelte etwas undeutlich.

„Hast du noch etwas gesagt?“, hakte Severus beiläufig nach.

„Jah. Danke“, wiederholte sie jetzt. Ihre braunen Augen strahlten ihn an und alles in ihm wehrte sich gegen ihre Dankbarkeit. Ihre Not und ihre Reize hatten ihm doch überhaupt keine Wahl gelassen. Er war kein Wohltäter. Er fühlte sich, als hätte er sie mit dem Stockholmsyndrom infiziert.

Für einen kurzen Moment fragte er sich, was sie davon abhielt, endlich auf den Besen zu steigen. Dann hielt sie sich an ihm fest, streckte sich und küsste ihn.
Er murrte ihren Namen, was auf ihren Lippen vibrierte, und für die Minuten des Kusses kehrte die Leidenschaft von der vergangenen Nacht zurück. Was vorherrschte, waren jedoch viel mehr die fehlende Reue und der Mangel an Wankelmut.
Sie wussten beide, dass ein langer Flug bevorstand und wollten den Samstag nutzen, sonst hätten sie sich sicher noch länger mit dem jeweils anderen beschäftigt.

Aus dem Nichts und mit Ploppgeräuschen tauchten ein Zauberer und eine Hexe im Himmel über Sydney auf.
Auf dem immer noch 500 Kilometer langen Luftweg nach Albury fragte Severus sich, ob Hermine ihm wohl etwas vormachte. Sicher, sie war ein aufrichtiger Mensch, aber hier ging es um ihre Eltern, und wenn sie ihn täuschte, dann hatte er es selbst heraufbeschworen. Er konnte es ihr einfach nicht abkaufen. Es war zu gut, um wahr zu sein. Was nicht hieß, dass es ihm nicht gefiel und dass er es nicht auszukosten wusste. Nur versetzte ihm jede zurückgelegte Meile einen Stich. Er hasste sich selbst für seine lächerlichen Gefühle und gleichzeitig war es berauschend, einmal etwas Gutes zu erleben.

Erst am Nachmittag erreichten sie die Kleinstadt am Murray River. Hermine steuerte den Stadtkern an und, scheinbar überhaupt nicht erschöpft von der Reise, fragte sie sofort einen Muggel nach der Touristinfo. Severus folgte ihren zügigen Schritten und sie beschlossen, Hermine sei diejenige mit den Zahnschmerzen, da sie mehr Mitleid erregen würde als er.
„Geh langsamer. Man merkt, dass du noch nie krank gespielt hast vor einer Prüfung“, bemängelte Snape, noch bevor sie den Vorgarten des hübschen, alten Gebäudes, in welchem die Touristeninfomation untergebracht war, betreten hatten.

„Du vielleicht?“, erwiderte Hermine schnippisch. „Sollten wir mich lieber verhexen?“, schlug sie dann ganz ernsthaft vor. Und sie ärgerte sich: „Ich hätte ein paar Nasch- und Schwänz-Leckereien einpacken sollen.“

„Du sollst dir hin und wieder die Wange halten“, war Severus' Tonfall strikt dagegen, sie vorübergehend krank zu zaubern, „und vor allem. Darfst du nicht so eifrig dreinblicken. Eher … stell dir vor, du bist eine Woche suspendiert und hast auch keinen Zutritt zur Bibliothek. Du bist absolut niedergeschlagen. Oder, versuch grantig, weil dir deine Schmerzen so am Nervenkostüm zerren.“

Hermine lächelte und Severus' Blick ermahnte sie streng. Sie hielt sich die Hand vor den Mund. Hob die Brauen, atmete tief durch, und dann besuchten sie zusammen die Touristinfo.

Auf einmal war Severus' Miene schrecklich besorgt und Hermine musste wegsehen, um nicht wieder zu lachen. Merlin, er war gut in sowas. Ihren Kiefer in ihre Handfläche zu drücken war wahrlich eine gute Idee.
Snape legte den Arm um Hermines Schultern und schob sie zum Tresen, wo er der Angestellten eilig und höflich einen „Guten Tag“ wünschte und dann direkt nach einem Zahnarzt fragte.

„Oh je, natürlich. Da sehen wir doch gleich einmal in die gelben Seiten“, meinte die blonde und gebräunte junge Frau.
Hexe und Zauberer wunderten sich sehr darüber, wie ominöse, „gelbe“ Seiten weiterhelfen sollten, aber sie schwiegen professionell und Hermines Augen erhellten sich, weil sie sich an das Lexikon der Firmen und Ärzte erinnerte, von dem ihre Elten jährlich eine neue Ausgabe erhalten hatten, als die Frau aus der Touristeninfomation dieses Buch vor ihnen ausbreitete.

„Hier sind zwölf Praxen verzeichnet“, sagte die Frau und deutete auf die Einträge.
Hermine stöhnte leise und Severus blickte sie an, um ihr mitzuteilen, dass sie gerade ein wenig zu dick auftrug mit ihrem Gejammer.

„Natürlich haben die meisten bereits geschlossen. Viele Zahnärzte arbeiten gar nicht am Samstag“, teilte man ihnen mit und Hermine presste ihre Kiefer zusammen, während ihre Augen schmaler wurden. „Ich suche Ihnen den Notdienst heraus.“

Die hilfsbereite Dame tippte etwas in ihren Computer ein und schrieb Hermine und Severus dann einen Zettel. Sie faltete auch eine Karte der Stadt auseinander und kreiste den wochenenddienstleistenden Zahnarzt darauf ein.

Hermines Gedanken rasten, während Severus sich, untypischerweise, freundlich weiter mit der Dame unterhielt. Sie wollte ihm scheinbar noch ihre besten Tipps für Unternehmungen und einige Faltblätter dazu geben.

„Kann ich das haben?“, fragte Hermine mitten hinein, und griff besitzergreifend nach den „Gelben Seiten“. Es war das erste Mal nach ihrem gequälten „Hallo“ zu Beginn, dass sie überhaupt etwas sagte.

„Aber natürlich“, meinte die Dame leicht irritiert und zog ein noch eingeschweißtes Branchenbuch hervor, dass sie ihr gab.
Hermine konnte ihre Freude über ihr neues, hilfreiches Nachschlagewerk nur zur Hälfte unterdrücken.

Dann hielt die Frau sich plötzlich die Hände auf den Bauch. Ihr Gesicht verzog sich und überrascht stotternd entschuldigte sie sich, bevor sie auf die Toilette verschwand.

Hermine sah wissend, und anklagend, zu Severus. Dieser wirkte weitere Zauber, welche, die potentielle weitere Besucher der Touristeninfomation für Muggel nicht nachvollziehbar aufhielten.
Ohne dass man sie hätte bitten müssen, eilte Hermine um den Tresen herum und setzte sich an den Computer. Hektisch tippte sie die Namen der zwölf Zahnärzte ein und hoffte, bei irgendeinem würde ein Foto ihrer Eltern erscheinen.
Severus markierte indes sämtliche Praxen im Umfeld auf der mit Werbung übersähten kostenlosen Karte für Touristen.

„Hier gibt es kein Bild“, verkündete Hermine aufgeregt, „aber es ist ein Zahnarztpaar! Und die Praxis existiert erst seit letztem Jahr!“

Severus war die Ruhe in Person, er ging sichtbar auf in Schauspielerei und Spionage. „Und wo ist >>hier<<?“, hakte er etwas genervt klingend nach.

„34, Stafford Road.“

Der Zeigefinger des Zauberers strich über die Straßenlinien und hielt dann an, als er sein Ziel gefunden hatte. „Westlich, ein wenig außerhalb. Das stimmt überein mit unserer Vermutung, es sei Albury oder Melbourne.“

Hermine warf ernüchtert ein: „Sie haben geschlossen.“

Severus hob eine Augenbraue und beschloss kurzerhand: „Lass uns trotzdem hingehen.“

Man hörte die Spülung nebenan und dann das Waschbecken laufen. Hermine kam hinter dem Tresen hervor und stellte sich unschuldig und mit möglichst leidendem Blick wieder neben Severus.
Die Angestellte kam von der Toilette zurück.
„Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Miss?“, erkundigte der Zauberer sich nett. Hermine hielt sich schnell wieder den Mund zu.

Die Dame errötete ein wenig. „Entschuldigen Sie vielmals. Ich habe wohl etwas Schlechtes gegessen“, räusperte sie sich. „Haben Sie noch eine Frage?“

„Ich denke nicht. Vielen Dank für Ihre Hilfe... Miss...“ Severus las ihr Namensschild vor. „...Appleyard.“

Sie reichte ihm die Hand und er schüttelte diese. „Wenn Sie noch irgendetwas wissen möchten, können Sie jederzeit wiederkommen“, verabschiedete sie ihn herzlich. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt, und Ihrer Tochter natürlich gute Besserung.“
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